Ausgrenzungen - Saskia Sassen - E-Book

Ausgrenzungen E-Book

Saskia Sassen

0,0
14,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Eine klare und harte Kritik der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts Zunehmende Ungleichheit, krasse Einkommensunterschiede, Flüchtlinge, Zerstörung von Land, Wasserknappheit: Die aktuellen Verwerfungen in der globalisierten Welt können nicht mehr mit den üblichen Begriffen von Armut und Ungerechtigkeit verstanden werden. In ihrem neuen Buch schlägt die renommierte Soziologin Saskia Sassen vor, dass man sie viel besser als Ausgrenzungen verstehen muss: aus dem Berufsleben, dem Wohnort, aus der Biosphäre. Erst dieser gemeinsame Gesichtspunkt macht eine luzide politische Analyse möglich, welche die grundlegende Logik und den Zusammenhang dieser scheinbar getrennten Effekte sichtbar macht.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2015

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Saskia Sassen

Ausgrenzungen

Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft

 

Aus dem Amerikanischen von Sebastian Vogel

 

Über dieses Buch

 

 

Zunehmende Ungleichheit, krasse Einkommensunterschiede, Flüchtlinge, Zerstörung von Land, Wasserknappheit: Die aktuellen Verwerfungen in der globalisierten Welt können nicht mehr mit den üblichen Begriffen von Armut und Ungerechtigkeit verstanden werden. In ihrem neuen Buch schlägt die renommierte Soziologin Saskia Sassen vor, dass man sie viel besser als Ausgrenzungen verstehen muss: aus dem Berufsleben, dem Wohnort, aus der Biosphäre. Erst dieser gemeinsame Gesichtspunkt macht eine luzide politische Analyse möglich, welche die grundlegende Logik und den Zusammenhang dieser scheinbar getrennten Effekte sichtbar macht. Eine klare, höchstrelevante und harte Kritik der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Saskia Sassen, geb. 1949, ist Professorin für Soziologie an der Columbia University. Ihre Bücher sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Für ihr Werk hat sie zahlreiche Preise erhalten, u.a. 2013 den Prinz-von-Asturien-Preis für Sozialwissenschaften. Sie ist Mitglied im Club of Rome und wurde von dem politischen Magazin »Foreign Policy« in die Top-100-Liste Globaler Denker aufgenommen.

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Erschienen bei S. FISCHER

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Expulsions. Brutality and Complexity in the Global Economy« bei The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge, Mass., London 2014.

© 2014 by the President and Fellows of Harvard College

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015

 

Covergestaltung: Andreas Heilmann und Gundula Hißmann, Hamburg

Coverabbildung: Christopher Pollitz / Agentur Focus

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-403466-9

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

 

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

Dieses E-Book enthält möglicherweise Abbildungen. Der Verlag kann die korrekte Darstellung auf den unterschiedlichen E-Book-Readern nicht gewährleisten.

 

Wir empfehlen Ihnen, bei Bedarf das Format Ihres E-Book-Readers von Hoch- auf Querformat zu ändern. So werden insbesondere Abbildungen im Querformat optimal dargestellt.

Anleitungen finden sich i.d.R. auf den Hilfeseiten der Anbieter.

Inhalt

Einleitung Brutales Aussortieren

Kapitel 1 Schrumpfende Wirtschaft, wachsende Ausgrenzung

Nicht nachhaltige Widersprüche? Von der Integration zur Ausgrenzung

Einkommensungleichheiten in der Welt

Einkommensungleichheit in den Vereinigten Staaten

Extreme Verhältnisse in reichen Ländern

Widrige Bedingungen für wirtschaftlichen Wohlstand

Beschäftigung

Auswanderung

Zwangsversteigerung

Armut

Die Vertriebenen der Welt

Wie es zur massenhaften Vertreibung kommt

Wer trägt die Last der Vertreibung?

Eine neue Begrifflichkeit für die wichtigsten Triebkräfte der Vertreibung

Inhaftierung als Ausgrenzung

US-Strafvollzug im globalen Kontext

Private Gefängnisse

Zusammenfassung: räuberische Formationen

Kapitel 2 Der neue globale Markt für Land

Schulden als Mittel der Disziplinierung: Wie man den Boden für Landerwerb bereitet

Landerwerb im Ausland: Wer, wo und was?

Der praktische Ablauf umfangreichen Landerwerbs

Sechs Zielgebiete für den Landerwerb

Ein Beispiel: Palmölproduktion vor Ort

Zusammenfassung

Kapitel 3 Die Finanzwirtschaft und ihre Fähigkeiten

Wenn lokales Wohnen zum globalen Finanzierungsinstrument wird

Das globale Verbreitungspotential

Der andere globale Wohnungsmarkt: Superprime für Superreiche

Die Finanzwirtschaft: unfähig, die eigene Macht zu beherrschen?

Ein neues Verständnis für Wachstum und Wohlstand

Kapitel 4 Totes Land, totes Wasser

Land

Industriemüll und seine vielfältigen Auswirkungen

Norilsk, Russland

Zortman-Landusky, Vereinigte Staaten

Times Beach, Missouri

Sumgait, Aserbaidschan

Bleivergiftung

Haina, Dominikanische Republik

La Oroya, Peru

Verunreinigung mit Chrom

Ranipet, Indien

Bergbau/Abbau von Bodenschätzen

Fracking

Mountaintop Removal Mining

Die Macht zum Vergiften von Land, Wasser und Luft

Atomstörfälle, tödliche Gase

Die Ozeane

Der Griff nach dem Wasser

Die umstrittene weltweite Tätigkeit von Nestlé

Andere Firmen und Fälle

Giftentsorgung in öffentlichen Wasserwegen

Globales Scale-up

Zum Schluss: Jenseits nationaler Unterschiede — ein globaler Zustand

Zusammenfassung An den Rändern des Systems

Danksagungen

Bibliographie

Register

EinleitungBrutales Aussortieren

In unserer globalen Volkswirtschaft stehen wir vor einem beträchtlichen Problem: Ein neues Prinzip der Ausgrenzung entwickelt sich. In den letzten beiden Jahrzehnten haben wir miterlebt, wie eine stark wachsende Zahl von Menschen, Unternehmen und Orten aus dem inneren Kern der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung unserer Zeit ausgegrenzt wurde. Möglich gemacht wurde dieser Trend zu einer radikalen Ausgrenzung in manchen Fällen durch Grundsatzentscheidungen, in anderen aber auch durch einige unserer am höchsten entwickelten wirtschaftlichen und technischen Errungenschaften. Der Begriff der Ausgrenzung geht über den vertrauteren Gedanken hinaus, wonach sich die krankhaften Formen des modernen Kapitalismus unter dem Gesichtspunkt einer wachsenden Ungleichheit beschreiben lassen. Außerdem rückt er eine wichtige Tatsache ins Blickfeld: Formen von Wissen und Intelligenz, die wir respektieren und bewundern, sind häufig der Ausgangspunkt für lange Ketten von Transaktionen, an deren Ende die einfache Ausgrenzung steht.

Ich konzentriere mich im vorliegenden Buch auf komplexe Formen der Ausgrenzung, denn sie können Einblicke in wichtige dynamische Entwicklungen unserer Zeit liefern. Außerdem wähle ich extreme Fälle, weil sie am krassesten deutlich machen, was ansonsten häufig verwirrend vage bleibt. Ein solches komplexes Extrembeispiel ist in den Industrieländern allgemein bekannt: die Ausgrenzung von Billigarbeitskräften und Arbeitslosen aus den staatlichen Sozial- und Gesundheitssystemen wie auch aus der unternehmensbasierten Versicherungs- und Arbeitslosenunterstützung. Über die Verhandlungen und die Verabschiedung neuer Gesetze hinaus, die zur Umsetzung dieser Ausgrenzung notwendig sind, ist eine Tatsache unübersehbar: Die Kluft zwischen denen, die Zugang zu solchen Leistungen haben, und jenen, denen sie verwehrt bleiben, hat sich vertieft und dürfte unter den derzeitigen Umständen wohl nicht zu beseitigen sein. Ein anderes Beispiel ist der Aufschwung hochentwickelter Bergbauverfahren, insbesondere des Frackings, die eine natürliche Umwelt in totes Land und totes Wasser verwandeln können, womit Elemente des Lebens als solche aus der Biosphäre ausgegrenzt werden. Insgesamt könnte die Ausgrenzung in den vielfältigen Formen, die ich in diesem Buch untersuche, unsere Welt in Zukunft stärker prägen als das schnelle Wirtschaftswachstum in Indien, China und einigen anderen Ländern. Eine solche Ausgrenzung – und das ist ein Kernstück meiner Argumentation – kann durchaus neben dem Wirtschaftswachstum existieren, wie es mit den üblichen Maßstäben gemessen wird.

Die Ausgrenzung findet statt. Das Spektrum der dazu verwendeten Instrumente reicht von grundlegenden politischen Maßnahmen bis hin zu komplexen Institutionen, Systemen und Verfahren, die spezialisierte Kenntnisse und verwickelte Organisationsformen voraussetzen. Ein Beispiel ist die steil ansteigende Komplexität der Finanzinstrumente, ein Produkt hochintelligenter, kreativer Köpfe und hochentwickelter Mathematik. Als man sie aber anwandte, um eine bestimmte Form von Subprime-Hypotheken zu entwickeln, führte diese Komplexität wenige Jahre später dazu, dass Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten, in Ungarn, Lettland und weiteren Staaten aus ihrem Zuhause vertrieben wurden. Ein anderes Beispiel ist die Komplexität der juristischen und bilanztechnischen Aspekte von Verträgen, die es einem souveränen Staat ermöglichen, in einem fremden, souveränen Nationalstaat große Landstriche zu erwerben und so gewissermaßen sein Staatsgebiet zu vergrößern, um dort beispielsweise Lebensmittel für seine Mittelschicht anzubauen – selbst wenn das bedeutet, dass die lokalen Dörfer und die bäuerliche Wirtschaft von diesen Flächen verschwinden. Wieder ein anderes ist die brillante Technik, mit der wir alles, was wir uns wünschen, gefahrlos aus den Tiefen unseres Planeten gewinnen können, wobei wir aber ganz nebenher seine Oberfläche verunstalten. Unsere hochentwickelten Volkswirtschaften haben eine Welt geschaffen, in der Komplexität nur allzu oft ganz elementare Brutalität gebiert.

Zur Ausgrenzung führen sehr unterschiedliche Wege. Dazu gehört die Sparpolitik, die zum Schrumpfen der griechischen und der spanischen Wirtschaft beigetragen hat, eine Umweltpolitik, die giftige Emissionen der gewaltigen Bergbautätigkeit im russischen Norilsk oder im US-Bundesstaat Montana übersieht, und so weiter; die Reihe der Fälle ist endlos. Von den Einzelheiten wird in diesem Buch die Rede sein. Wenn unsere Besorgnis sich beispielsweise nicht auf zwischenstaatliche Politik, sondern auf die Umweltzerstörung richtet, spielt die Tatsache, dass die beiden genannten Bergbaugebiete stark zur Verschmutzung beitragen, eine größere Rolle als die, dass sich das eine in Russland und das andere in den Vereinigten Staaten befindet.

Die vielfältigen Prozesse und Verhältnisse, die ich hier unter dem Begriff der Ausgrenzung zusammenfasse, haben einen gemeinsamen Aspekt: Sie sind akut. Die erbärmlich Armen auf der ganzen Welt sind zwar der extremste Fall, ich behandle aber auch ganz unterschiedliche Vorgänge wie die Verarmung der Mittelschicht in reichen Ländern, die Vertreibung von Millionen Kleinbauern in armen Ländern, in denen ausländische Investoren und Regierungen seit 2006 rund 220 Millionen Hektar erworben haben, und die zerstörerische Bergbaupraxis in so unterschiedlichen Ländern wie den Vereinigten Staaten und Russland. Dann gibt es die unzähligen Vertriebenen, die in offiziellen und inoffiziellen Flüchtlingslagern verwahrt werden, die Minderheiten, die in den Gefängnissen der reichen Länder verwahrt werden, und die körperlich gesunden, arbeitslosen Männer und Frauen, die in Ghettos und Slums verwahrt werden. Manche dieser Formen der Ausgrenzung werden schon seit langer Zeit praktiziert, allerdings nicht im heutigen Ausmaß. Manche sind auch neu; dies gilt für die neun Millionen Haushalte in den Vereinigten Staaten, deren Häuser und Wohnungen während einer kurzen, brutalen Immobilienkrise, die gerade einmal ein Jahrzehnt dauerte, der Zwangsvollstreckung unterworfen wurden. Kurz gesagt sind Art, Inhalt und Ort der Ausgrenzungsvorgänge quer durch die gesellschaftlichen Schichten und physischen Bedingungen, aber auch quer durch die Welt sehr unterschiedlich.

Die Globalisierung des Kapitals und das steile Wachstum der technischen Fähigkeiten haben zu wichtigen Größeneffekten geführt. Gab es in den 1980er Jahren vielleicht noch kleinere Vertreibungs- und Verlustprozesse wie die Deindustrialisierung im Westen und in einigen afrikanischen Staaten, so nahmen sie in den 1990er Jahren verheerende Ausmaße an – man denke an Detroit oder Somalia. Wer solche Veränderungen der Größenordnung nur für ein Mehr der bisherigen Ungleichheit, Armut und technischen Fähigkeiten hält, übersieht den größeren Trend. Ganz ähnlich verhält es sich mit der Umwelt. Wir nutzen die Biosphäre schon seit Jahrtausenden und richten dabei örtlich begrenzte Schäden an, aber erst in den letzten 30 Jahren ist der Schaden zu einem weltweiten Prozess herangewachsen, der jetzt auf uns zurückfällt und dabei häufig Orte wie den arktischen Permafrostboden trifft, die mit der ursprünglichen Zerstörung nichts zu tun haben. Das Gleiche gilt, jeweils mit eigenen Besonderheiten, für andere Bereiche.

Die vielfältigen Ausgrenzungsprozesse, von denen in diesem Buch die Rede sein wird, summieren sich zu einer brutalen Form des Aussortierens. In der Regel schreiben wir, dass die komplexen Organisationsfähigkeiten unserer modernen Welt eine Gesellschaft hervorbringen, die zu immer mehr Komplexität in der Lage ist, und dies halten wir für eine positive Entwicklung. Oft gilt das aber nur teilweise oder nur in einem kurzen Zeitrahmen. Erweitert man das Spektrum der Situationen und den zeitlichen Rahmen, so wird sichtbar, dass scharfe Grenzen alles, was dahinter liegt, verdunkeln. Damit erhebt sich eine Frage: Entwickeln sich große Teile der heutigen Gesellschaft in Richtung eines Zustandes von brutaler Einfachheit, vor dem der große Historiker Jacob Burckhardt schon im 19. Jahrhundert warnte? Nach allem, was ich beobachtet habe, führt Komplexität nicht zwangsläufig zu Brutalität, aber sie kann dorthin führen, und heute geschieht es häufig so. Oft führt sie sogar zu einer einfachen Brutalität und nicht zu jener gewaltigen Brutalität, die wie das Ausmaß unserer heutigen Umweltzerstörung zu einem – wenn auch negativen, so doch gleichwertigen – Gegengewicht zu dieser Komplexität werden könnte.

Wie bringt Komplexität Brutalität hervor? Wie ich genauer darlegen werde, liegt die Antwort zum Teil in der Logik, nach der heute einige wichtige Systeme zur Vergabe von Anweisungen in so unterschiedlichen Bereichen wie dem globalen Umweltschutz und dem Finanzwesen organisiert sind. Ich möchte meine Argumentation ganz kurz an zwei Fällen verdeutlichen, die ich in diesem Buch noch ausführlicher entwickeln werde. Die wichtigste politische »Neuerung« in zwischenstaatlichen Umweltschutzabkommen ist der Handel mit Kohlenstoff; in der Praxis und brutal ausgedrückt heißt das: Die Staaten werden um das Recht kämpfen, die Umwelt so stark wie möglich zu verschmutzen, um dann einen größeren Anteil an Emissionsrechten kaufen oder verkaufen zu können. Im Finanzwesen hat sich die Logik der Organisation zu einem erbarmungslosen Druck entwickelt, riesige Profite zu erzielen und Instrumente zu entwickeln, mit denen man das Spektrum der Vermögenswerte, die sich in Finanzprodukte verpacken lassen, immer stärker erweitert. Dies führte zu der Bereitschaft, selbst den Lebensunterhalt derer zu Finanzprodukten zu machen, die alles verlieren werden, wenn das Instrument versagt. Genau das geschah mit den Subprime-Hypotheken, die seit 2001 in den Vereinigten Staaten vergeben wurden. Dabei wird vielleicht bis heute nicht verstanden, dass dieses Finanzprojekt darauf abzielte, Profite für die Hochfinanz zu erwirtschaften. Es sollte nicht etwa Menschen mit bescheidenem Einkommen helfen, ein Haus zu kaufen, und war damit das genaue Gegenteil der staatlichen Projekte, die Jahrzehnte zuvor in Gang gesetzt wurden, wie die GI Bill oder die Darlehen der Federal Housing Administration. Die Entwicklung dieser älteren Systeme und Neuerungen führte nicht zwangsläufig und von ihrem Wesen her zu brutaleren Möglichkeiten. Wenn sie aber innerhalb einer bestimmten Logik der Organisation tätig werden, haben sie diesen Effekt. Dass die Finanzindustrie Kapital schafft, ist nicht zwangsläufig ein zerstörerischer Vorgang, aber es ist eine Art von Kapital, die auf den Prüfstand gestellt werden muss: Kann es materielle Form annehmen, beispielsweise in Form einer Verkehrsinfrastruktur, einer Brücke, einer Wasseraufbereitungsanlage, einer Fabrik?

An dieser Stelle stehen wir vor einem gesellschaftlichen Dilemma. Die genannten Maßnahmen sollten dazu dienen, den gesellschaftlichen Bereich weiterzuentwickeln und das Wohlergehen einer Gesellschaft zu erweitern und zu stärken; dazu gehört auch, dass man im Einklang mit der Biosphäre arbeitet. Stattdessen aber dienten sie nur allzu oft dazu, das gesellschaftliche Gefüge durch extreme Ungleichheit zu zerreißen, das Leben, das die liberale Demokratie der Mittelschicht versprochen hatte, zu zerstören, die Verletzlichen und Armen von Land, Arbeitsplätzen und ihrem Zuhause zu vertreiben und Teile der Biosphäre aus ihrem Lebensraum herauszureißen.

Eine Frage, die sich durch dieses ganze Buch zieht, lautet: Handelt es sich bei dem Spektrum der Fälle, die ich hier erörtere, wobei ich die übliche Einteilung in Stadt und Land, globaler Norden und globaler Süden, Ost und West und so weiter außer Acht lasse, um die oberflächliche Ausdrucksform oder die örtlich begrenzte Gestalt einer tieferen Dynamik des Systems, die vieles von dem, was uns heute zusammenhanglos erscheint, verbindet? Diese Dynamik des Systems könnte auf einer »unterirdischen« Ebene wirken und dann mehr Verbindungen herstellen, als wir glauben, wenn wir die Welt in vertraute, verschiedene Kategorien einteilen – kapitalistische Wirtschaft, kommunistisches China, mittleres und südliches Afrika, Umwelt, Finanzwirtschaft und so weiter. Mit solchen Etiketten geben wir Umständen, die ihre Ursache möglicherweise in tiefer liegenden, wenig vertrauten Trends haben, eine vertraute Form und Bedeutung. Dieser Gedanke ist in jedem Kapitel des vorliegenden Buches eine wichtige Motivation.

Die Formulierung »unterirdische Trends« benutze ich als Kurzform für Trends, die, genau genommen, begrifflich unterirdisch sind. Wenn wir in unseren vertrauten geopolitischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bahnen denken, sind sie schwer zu erkennen. Am deutlichsten sichtbar werden sie vielleicht im Bereich der Umwelt. Dass wir die Biosphäre nutzen und zerstören, wissen wir, aber unsere »Umweltpolitik« steht in keinem Zusammenhang mit einem genauen Wissen über den tatsächlichen Zustand der Biosphäre und spiegelt ihn auch nicht wider. Entsprechend ist der Kohlenstoffhandel als Weg zum Schutz der Umwelt nur aus zwischenstaatlicher Sicht sinnvoll, aber aus der Sicht unseres Planeten, auf dem die örtlich begrenzte Zerstörung immer größer wird und uns schließlich alle trifft, hat er kaum einen Sinn. Eine neue Dynamik kann durchaus durch die vertraute, bedrückende Realität – Armut, Ungleichheit, Wirtschaft, Politik – gefiltert werden und nimmt dann vertraute Formen an, obwohl sie in Wirklichkeit eine Beschleunigung oder Zerstörung kennzeichnet, durch die sie einen neuen Sinn annimmt.

Der Begriff der unterirdischen Trends ist ein Mittel, um vertraute Kategorien, in denen wir unsere Kenntnisse über Wirtschaft, Gesellschaft und unsere Wechselbeziehung zur Biosphäre organisieren, in Frage zu stellen. Er hilft uns einzuschätzen, ob die Probleme unserer Zeit Extremformen alter Schwierigkeiten sind oder ob es sich um die Ausdrucksform neuer, beunruhigender Themen handelt. Ich untersuche, ob die schiere Vielgestaltigkeit der Ausgrenzung eine größere unterirdische Dynamik verschleiert, die vielleicht auf einer grundlegenden Ebene hinter der vordergründigen Vielfalt steht. Die Tatsache, dass dieser eine Aspekt – die Möglichkeit der Ausgrenzung – hinter so vielen vertrauten Phänomenen steht, war für mich der Anlass, an solche unterirdischen Trends zu denken. Die Spezialisierung von Forschung, Wissen und Interpretation, die jeweils eigene Vorgehensweisen und Methoden zum Schutz von Grenzen und Bedeutungen haben, ist nicht immer hilfreich, wenn man unterirdische Trends aufspüren will, die unsere vertrauten Abgrenzungen niederreißen. Aber die Spezialisierung verschafft uns detaillierte Kenntnisse über Einzelheiten und führt uns zurück zu grundlegenden Aspekten, die man miteinander vergleichen kann.

Statt Tatsachen mit Bedeutung zu füllen, indem ich sie durch theoretische Überlegungen überhöhe, werde ich das Umgekehrte tun: Ich möchte sie durch den Versuch, sie zu ent-theoretisieren, in ihre Grundbestandteile zerlegen. Mit einer solchen Ent-Theoretisierung kann ich dann Ungleichheit, Finanzwesen, Bergbau, Landnahme und vieles andere noch einmal betrachten und dabei erkennen, was wir mit einer abstrakteren Kategorieneinteilung übersehen würden; Beispiele sind die radikalere Tatsache der Ausgrenzung anstelle von mehr Ungleichheit, Finanzspekulation, Fortschritte im Bergbau und so weiter. Kurz gesagt verfolge ich mit dem Buch das Ziel, nahe am Boden zu bleiben und neue Entdeckungen zu machen, indem ich das erdrückende Gewicht der vertrauten Kategorien, mit denen wir die derzeitigen Trends interpretieren, außen vor lasse.

In ihrer am stärksten zugespitzten Form besagt meine Hypothese: Hinter den landestypischen Einzelheiten der verschiedenen globalen Krisen liegen emergente Trends des Systems, die durch sehr wenige grundlegende dynamische Prozesse geprägt werden. Aus diesem Grund müssen empirische Forschung und begriffliche Einordnung Hand in Hand gehen. Empirisch sieht ein Phänomen vielleicht »chinesisch«, »italienisch« oder »australisch« aus, aber selbst wenn solche Etiketten bestimmte Aspekte wiedergeben, helfen sie uns nicht, die DNA unserer Epoche zu finden. China mag noch viele Eigenschaften einer kommunistischen Gesellschaft besitzen, aber die wachsende Ungleichheit und die in jüngster Zeit zu beobachtende Verarmung der bescheidenen Mittelschicht haben ihre Wurzeln möglicherweise in tiefer liegenden Trends, die auch beispielsweise in den Vereinigten Staaten wirksam sind. Trotz ihrer fortdauernden Unterschiede sind beide Länder möglicherweise der Nährboden für eine wichtige zeitgenössische Logik, die als Organisationsprinzip hinter der Wirtschaft und insbesondere hinter dem von Spekulation getriebenen Finanzwesen mit seiner Gier nach übermäßigen Profiten steht. Diese Parallelen und ihre Folgen für Menschen, Orte und Wirtschaftsordnungen könnten sich, wenn wir unsere Zeit verstehen wollen, als wichtiger erweisen als die Unterschiede zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Auf einer tieferen Ebene sind solche »Parallelen« vielleicht sogar nur die ortsspezifischen Ausprägungsformen von Trends, die tiefer liegen als Spekulation und übermäßige Profite, bisher aber nicht erkennbar sind, weil sie nicht nachgewiesen, benannt oder in Begriffe gefasst wurden. Indem ich die Ausdrucksform globaler Trends in einzelnen Ländern in den Mittelpunkt stelle, setze ich mich in Widerspruch zu dem weitaus stärker verbreiteten Trend, sich auf Deregulierung nationaler Grenzen zu konzentrieren und die Grenze als den Ort des derzeitigen Wandels zu betrachten.

Das Problem, wie ich es sehe, ist eine Frage der Interpretation. Wenn wir uns mit dem Spektrum der heutigen Veränderungen auseinandersetzen – mit wachsender Ungleichheit, wachsender Armut, wachsenden Staatsschulden –, sind die gängigen Hilfsmittel zu ihrer Interpretation veraltet. Deshalb verfallen wir in die üblichen Erklärungsmuster: Regierungen handeln haushaltspolitisch nicht verantwortungsvoll, Haushalte machen mehr Schulden, als sie verkraften können, Kapitalhilfen bleiben wirkungslos, weil die Regulierung zu stark ist, und so weiter. Ich leugne nicht, dass solche Erklärungen einen gewissen Nutzen haben, aber mehr interessiert mich die Frage, ob auch andere dynamische Prozesse am Werk sind, Prozesse, die solche vertrauten, tief verwurzelten begrifflich/historischen Grenzen niederreißen.

Das breite Spektrum von Tatsachen und Fällen, die ich in diesem Buch zur Sprache bringe, deutet auf die Grenzen unserer derzeitigen Kategorieneinteilung hin. Trotz aller Unterschiede, ob im Kommunismus oder in liberalen Demokratien in Afrika oder Nordamerika, bestimmen ganz bestimmte Verfahrensweisen darüber, wie wir Bergbau und Produktion betreiben, Menschen ausnutzen und im übertragenen Sinne mit Mord davonkommen. Die politisch-ökonomischen Ordnungen, in denen solche Vorgehensweisen praktiziert werden, durchtränken sie mit ganz bestimmten Bedeutungen; für mich stellt sich unter anderem die Frage, ob diese Bedeutungen mehr verbergen, als sie offenbaren. Die in diesem Buch dargestellten Fälle sind für mich Tatsachen vor Ort, greifbare Beispiele, die dazu beitragen können, unterirdische begriffliche Trends aufzuspüren, die unsere geopolitischen Unterteilungen überwinden. Ist der heutige starke Anstieg der Zahl vertriebener Menschen im mittleren und südlichen Afrika systembedingt mit dem starken Anstieg der Zahl der Langzeitarbeitslosen und inhaftierten Wiederholungstäter in den Vereinigten Staaten zu vergleichen? Ähnelt die verarmte Mittelschicht in Griechenland systembedingt der verarmten Mittelschicht in Ägypten, obwohl in diesen beiden Ländern ganz unterschiedliche politische und wirtschaftliche Ordnungen herrschen? Ähnelt der große Bergbaukomplex im russischen Norilsk, der schon seit langem eine Ursache der akuten Vergiftung der gesamten Region ist, systembedingt den Zortman-Landusky-Minenbetrieben in Montana mit ihren langjährigen Vergiftungseffekten? Solche Tatsachen vor Ort tragen dazu bei, alte, übergeordnete begriffliche Strukturen wie die Unterscheidung von Kapitalismus und Kommunismus zu überwinden.

Der epochale Wandel, für den ich mich hier interessiere, hat seine Wurzeln in einer vielgestaltigen, oft sehr alten Geschichte und Abstammungslinie. Mein Ausgangspunkt liegt jedoch in den 1980er Jahren, die im Süden wie im Norden und in kapitalistischen wie in kommunistischen Wirtschaftsordnungen gleichermaßen eine entscheidende Phase waren. Um diese Periode einzugrenzen, mache ich in den riesigen, reichhaltigen historischen Entwicklungen, die in den 1980er Jahren begannen, vor allem auf zwei tiefgreifende Verschiebungen aufmerksam. Beide ereigneten sich auf der ganzen Welt, entwickelten sich aber regional jeweils mit sehr spezifischen Eigenheiten; wegen dieses Merkmals sind beide ein nützlicher Hintergrund für die Forschungsergebnisse, die ich in diesem Buch vorstelle.

Die erste ist eine materielle Entwicklung: Immer größere Regionen der Welt wurden zu extremen Schauplätzen wichtiger wirtschaftlicher Abläufe. Am einen Ende des Spektrums steht dabei die globale Verlagerung von Produktion, Dienstleistungen, Verwaltungstätigkeit, der Gewinnung menschlicher Organe und des wachsenden Anbaus von Industrienutzpflanzen in Niedriglohngebieten mit geringer Reglementierung. Am anderen liegt die aktive Entwicklung der Weltstädte zu strategischen Räumen für hochentwickelte wirtschaftliche Funktionen; dazu gehören der Neubau von Städten aus dem Nichts und die häufig brutale Sanierung alter Städte. Das Netzwerk der Weltstädte dient als neues geographisches System des Zentralismus, das die alten Abgrenzungen zwischen Nord und Süd sowie zwischen Ost und West beseitigt; das Gleiche gilt für das Netzwerk der Regionen, in die ausgelagert wird.

Die zweite Entwicklung ist der Aufstieg des Finanzwesens im Netzwerk der Weltstädte. Finanzwirtschaft als solche ist nichts Neues – sie gehört schon seit Jahrtausenden zu unserer Geschichte. Neu und für unsere heutige Zeit charakteristisch ist jedoch die Fähigkeit der Finanzwirtschaft, ungeheuer komplexe Instrumente zu entwickeln und mit ihrer Hilfe das breiteste Spektrum von Objekten und Prozessen aller Zeiten abzusichern; darüber hinaus schafft die stetige Weiterentwicklung der elektronischen Netzwerke und Hilfsmittel scheinbar unbegrenzte Multiplikatoreffekte. Dieser Aufstieg des Finanzwesens hat für die Wirtschaft als Ganzes weitreichende Folgen. Während es im traditionellen Bankwesen darum geht, Geld zu verkaufen, das die Bank besitzt, wird im Finanzsektor etwas verkauft, was man nicht besitzt. Zu diesem Zweck muss die Finanzwirtschaft in nichtfinanzielle Sektoren eindringen – das heißt sie zur Besicherung verwenden – und sich so das Mahlgut für ihre Mühlen sichern. Kein Instrument ist zu diesem Zweck so gut geeignet wie das Derivat. Sehr deutlich wird dieser Aspekt der Finanzwirtschaft an folgenden Tatsachen: Im Jahr 2005, noch einige Zeit bevor die Krise sich zusammenbraute, lag der fiktive Wert ausstehender Derivate bei 630 Billiarden Dollar, dem Vierzehnfachen des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP). Die Diskrepanz zwischen dem Wert von BIP und Finanzprodukten ist in der abendländischen Geschichte nicht ganz ohne Beispiel, aber so extrem war sie noch nie. Außerdem kennzeichnet sie eine wichtige Abkehr von der keynesianischen Periode, in der Wirtschaftswachstum nicht dadurch vorangetrieben wurde, dass man alles in Finanzprodukte umwandelte, sondern durch die gewaltige Ausweitung der materiellen Wirtschaft mit Massenproduktion und dem massenhaften Bau von Infrastruktur und Wohnvierteln.

Das Verhältnis von fortgeschrittenem zu traditionellem Kapitalismus in unserer gegenwärtigen Zeit können wir damit beschreiben, dass es durch Ausbeutung und Zerstörung gekennzeichnet ist; damit ist es der Beziehung zwischen dem traditionellen Kapitalismus und den präkapitalistischen Wirtschaftsordnungen nicht unähnlich. Im Extremfall kann das bedeuten, dass eine wachsende Zahl von Menschen, die als Arbeitskräfte und Verbraucher keinen Wert mehr haben, verelendet und ausgegrenzt wird. Heute kann es aber auch bedeuten, dass wirtschaftliche Akteure, die früher für die Entwicklung des Kapitalismus von entscheidender Bedeutung waren, wie Kleinbürger und das traditionelle Bürgertum der einzelnen Staaten, für das System insgesamt ebenfalls wertlos werden. Solche Trends sind weder Anomalien noch die Folgen einer Krise, sondern Teil der derzeitigen systembedingten Vertiefung der kapitalistischen Beziehungen. Das Gleiche gilt, wie ich noch darlegen werde, auch für den schrumpfenden wirtschaftlichen – im Gegensatz zum finanziellen – Spielraum in Griechenland, Spanien, den Vereinigten Staaten und vielen anderen Industrieländern.

In einer ganzen Reihe von Wirtschaftsbereichen spielen Menschen als Konsumenten und Arbeitskräfte für den Profit eine immer geringere Rolle. Aus der Sicht des heutigen Kapitalismus sind beispielsweise die Bodenschätze in großen Teilen Afrikas, Lateinamerikas und Zentralasiens wichtiger als die Bewohner der betreffenden Regionen in ihrer Funktion als Arbeitskräfte oder Verbraucher. Daran kann man ablesen, dass unsere Epoche sich von früheren Formen des Kapitalismus unterscheidet, die auf der Grundlage einer immer schnelleren Ausweitung einer wohlhabenden Arbeiter- und Mittelklasse gediehen. In dieser früheren Phase war die Maximierung des privaten Konsums ein entscheidender dynamischer Faktor, was auch heute noch in den sogenannten Schwellenländern der Erde gilt. Insgesamt aber ist sie nicht mehr die strategische, systembedingte Triebkraft, die sie über weite Teile des 20. Jahrhunderts war.

Wie geht es weiter? In der Geschichte haben sich die Unterdrückten häufig gegen ihre Herrscher aufgelehnt. Heute jedoch wurden die Unterdrückten zum größten Teil vertrieben und überleben in großer Entfernung von ihren Unterdrückern. Außerdem handelt es sich bei dem »Unterdrücker« zunehmend um ein komplexes System, in dem Personen, Netzwerke und Maschinen zusammenwirken, ohne dass es ein erkennbares Zentrum gibt. Und doch fließt an manchen Stellen alles zusammen: Dort wird die Macht konkret, man kann sich mit ihr auseinandersetzen, und die Unterdrückten werden zu einem Teil der gesellschaftlichen Infrastruktur, die der Macht dient. Solche Orte sind die Weltstädte.

Ich untersuche in diesem Buch eine widersprüchliche Dynamik. In Teilen wurde sein Inhalt bereits in der allgemeinen Literatur über zeitgenössische Entwicklungen beschrieben, aber er wurde noch nie als übergeordnete Dynamik dargestellt, die uns in eine neue Phase einer bestimmten Form des globalen Kapitalismus führt. Ich möchte einen theoretischen Beitrag leisten, der mit grundlegenden Fakten beginnt, sich von der Zwischenstufe der vertrauten Institutionen befreit und uns in den Bereich jenseits der traditionellen geopolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterscheidungen vordringen lässt.

Kapitel 1Schrumpfende Wirtschaft, wachsende Ausgrenzung

In diesem Kapitel möchte ich meinen Kerngedanken ein wenig genauer erläutern: Wir sind seit den 1980er Jahren in eine neue Phase des Kapitalismus eingetreten, in der die Mechanismen der ursprünglichen Akkumulation neu erfunden wurden. Die heutige Form der ursprünglichen Akkumulation wird durch komplexe Vorgehensweisen und viele spezialisierte Neuerungen umgesetzt; das Spektrum reicht dabei von der Logistik des Outsourcing bis zu den Algorithmen der Finanzindustrie. Nach 30 Jahren mit solchen Entwicklungen haben wir es in großen Teilen der Welt mit einer schrumpfenden Wirtschaft zu tun, aber auch mit der eskalierenden Zerstörung der Biosphäre auf der gesamten Erde und der Wiederkehr extremer Formen von Armut und Brutalität, von denen wir geglaubt hatten, sie seien beseitigt oder im Verschwinden begriffen.

Die wirtschaftliche Entwicklung, wie sie gewöhnlich genannt wird, war lange davon abhängig, dass Waren in einem Teil der Welt erzeugt und in einen anderen transportiert wurden. In den letzten Jahrzehnten hat sich diese Geographie der Produktion – nicht zuletzt durch komplizierte neue technische Verfahren – stark erweitert, und heute ist sie durch ein immer krasseres Ungleichgewicht in ihrem Verhältnis zu den natürlichen Ressourcen und ihrer Nutzung gekennzeichnet. Die vielen Innovationen, die unsere Fähigkeit zur Rohstoffgewinnung stärken, bedrohen heute Kernbestandteile der Biosphäre und hinterlassen weite Gebiete mit toten Landstrichen und Gewässern.

Manches davon ist historisch uralt. Wirtschaftswachstum war nie gutartig. Dennoch ist mit der Eskalation der letzten drei Jahrzehnte ein neues Zeitalter angebrochen: Heute ist eine wachsende Zahl von Menschen und Orten auf der ganzen Welt gefährdet. Solches Wachstum findet in charakteristischer Form und mit charakteristischen Inhalten auch heute noch statt: einerseits in den vielgestaltig entwickelten Ländern, die wir als globalen Norden bezeichnen, andererseits aber auch in den weniger oder anders entwickelten Ländern des globalen Südens. Räuberische Eliten wurden beispielsweise lange Zeit mit armen, rohstoffreichen Ländern in Verbindung gebracht, nicht aber mit den Industrieländern. Heute dagegen können wir zunehmend beobachten, wie eine solche Abschöpfung an der Spitze auch in Letzteren stattfindet, in der Regel allerdings in einer Form mit weitaus mehr Zwischenstufen.

Meine These lautet: Wir beobachten weniger die Entstehung räuberischer Eliten als vielmehr die räuberischer »Formationen«; damit meine ich eine Mischung aus Eliten und systembedingten Fähigkeiten, die eine akute Konzentration vorantreiben, wobei das Finanzwesen die entscheidenden Voraussetzungen schafft.[1] Konzentration an der Spitze ist nichts Neues. Sorgen macht mir aber, dass sie heute in immer mehr Bereichen in einem beträchtlichen Teil der Welt extreme Formen annimmt. Die Möglichkeit, dass sich extreme Konzentration entwickelt, sehe ich unter anderem in folgenden Bereichen – um nur einige zu nennen: Der Reichtum des obersten einen Prozents der Weltbevölkerung hat in den letzten 20 Jahren um 60 Prozent zugenommen; an der Spitze dieses einen Prozents »haben die 100 reichsten Milliardäre ihr Vermögen 2012 um 240 Milliarden Dollar vermehrt – genug, um die Armut auf der Welt viermal zu beseitigen«.[2] Die Bankguthaben wuchsen von 2002 – ein gutes Stück vor der eigentlichen Krise – bis 2012, als die Erholung des Finanzwesens begonnen hatte, um 160 Prozent von 40 Billionen auf 105 Billionen Dollar, das ist mehr als das Eineinhalbfache des globalen BIP.[3] Im Jahr 2010, noch während der Krise, stiegen die Gewinne der 5,8 Millionen Unternehmen in den Vereinigten Staaten gegenüber 2009 um 53 Prozent, aber trotz solcher explodierender Profite gingen die Unternehmenssteuereinnahmen um 1,9 Milliarden Dollar oder 2,6 Prozent zurück.

Allein hätten reiche Einzelpersonen und Weltkonzerne eine solche extreme Konzentration des weltweiten Vermögens nicht bewerkstelligen können. Sie brauchen dazu gewissermaßen eine systemimmanente Hilfe: komplexe Wechselbeziehungen zwischen den genannten Akteuren und Systemen, die neu ausgerichtet wurden und nun die extreme Konzentration möglich machen. Bei solchen systembedingten Möglichkeiten handelt es sich um eine vielgestaltige Mischung aus Neuerungen von Technik, Märkten und Finanzwesen sowie staatlichen Rahmenbedingungen. Sie sind ein partiell globaler Zustand, der seine Wirkung aber häufig über die besonderen Gegebenheiten der einzelnen Länder mit ihrer politischen Ökonomie, ihren Gesetzen und ihren Regierungen entfaltet.[4] Dazu gehört auch eine ungeheure Kapazität für Vermittlungsvorgänge, die als eine Art Nebel wirken und unseren Blick auf die Vorgänge verschleiern – aber anders als vor hundert Jahren finden wir heute in diesem Dunst keine zigarrerauchenden Mogule mehr. Bei den Strukturen, durch die es zur Konzentration kommt, handelt es sich heute nicht mehr um die Lehensgüter weniger Raubtierkapitalisten, sondern um komplizierte Kombinationen zahlreicher Elemente.

Nach meiner Überzeugung ist ein System, das Konzentration in diesem Umfang möglich macht, etwas Eigenes. Es ist beispielsweise etwas anderes als ein System, das die Entstehung und Ausweitung einer wohlhabenden Arbeiterklasse und Mittelschicht ermöglicht, wie es über weite Teile des 20. Jahrhunderts im globalen Norden, in großen Teilen Lateinamerikas und mehreren afrikanischen Ländern – insbesondere Somalia – geschah. Dieses frühere System war alles andere als vollkommen: Es gab Ungleichheit, Konzentration von Reichtum, Armut, Rassismus und anderes. Aber dieses System hatte das Potential, einen wachsenden mittleren Sektor der Gesellschaft hervorzubringen, der mehrere Generationen lang immer größer wurde, wobei es den Kindern meist besser ging als ihren Eltern. Außerdem hing die Verteilung, die es bewirkte, nicht einfach von den beteiligten Personen ab. Hinzukommen mussten bestimmte systembedingte Möglichkeiten. In den 1980er Jahren hatten sich diese früheren Fähigkeiten abgeschwächt, und man konnte die Entstehung neuer Potentiale beobachten, die nicht mehr für die Entwicklung einer breiten gesellschaftlichen Mitte sorgten, sondern eine verstärkte Konzentration an der Spitze vorantrieben. So ist beispielsweise die Tatsache, dass die obersten zehn Prozent der Einkommensskala in den Vereinigten Staaten in den zehn Jahren seit 2000 in den Genuss von 90 Prozent der Einkommenssteigerungen gekommen sind, kein Zeichen für individuelle Fähigkeiten; sie wurde vielmehr nur durch die komplizierte Mischung möglich, die ich als räuberische Formation bezeichne.

Im ersten Abschnitt dieses Kapitels lege ich dar, wie es auf unterschiedlichen Wegen zu Wirtschaftswachstum kommen kann und wie sich daraus unterschiedliche Verteilungseffekte ergeben. Nach meinen Beobachtungen gibt es in unserer modernen Welt eine Flut von ursprünglichen Formen der Akkumulation, wie man sie in der Regel mit Wirtschaftsordnungen der Vergangenheit in Verbindung bringt. Sie haben heute nicht mehr die Form der eingezäunten Wiese eines Bauern, auf der man Wolle produzierende Schafe halten kann, wie es im England der industriellen Revolution geschah, als die Nachfrage der Textilfabriken befriedigt werden musste. Heute bedarf es ungeheuer komplexer technischer und juristischer Voraussetzungen, damit letztlich sehr elementare Gewinnungsvorgänge ablaufen können. Dazu gehören – um nur einige Beispiele zu nennen – die Einzäunung der Ressourcen eines Landes und der Steuern seiner Bürger durch Finanzkonzerne, die Umwidmung immer größerer Landstriche zu Orten für die Rohstoffgewinnung und die Neuausrichtung der staatlichen Etats in liberalen Demokratien weg von sozialen Notwendigkeiten und den Bedürfnissen der Arbeitskräfte. Auf diese Themen werde ich im dritten Abschnitt zurückkommen.

Im zweiten Abschnitt betrachte ich durch diese kritische Brille die globale Ungleichheit. Wenn sie weiter wächst, kann man sie irgendwann zutreffender als eine Form der Ausgrenzung bezeichnen. Für diejenigen, die sich in der Gesellschaft ganz unten oder in der armen Mitte befinden, bedeutet das Ausgrenzung aus einem Lebensraum; für die an der Spitze bedeutet es offenbar, dass sie sich durch Rückzug, extreme Konzentration des in einer Gesellschaft verfügbaren Reichtums und die fehlende Neigung, diesen Reichtum neu zu verteilen, aus der Verantwortung einer Mitgliedschaft in dieser Gesellschaft verabschieden. Der dritte Abschnitt baut auf der Betrachtung extremer Ausprägungsformen der Ungleichheit auf und konzentriert sich auf vertraute Situationen, die uns plötzlich nicht mehr vertraut sind, wenn wir sie ins Extrem treiben – die andere Seite der Kurve. Um deutlich zu machen, wie die heutige beschleunigte Kapazität des Systems das Vertraute zu etwas Extremem machen kann, konzentriere ich mich auf die Industrieländer. Insbesondere Griechenland und Spanien sind in eine Phase der aktiven wirtschaftlichen Schrumpfung eingetreten und mittlerweile an einem Punkt angelangt, den wir in den Industrieländern noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätten.

Diese drei ersten Abschnitte des Kapitels sollen deutlich machen, wie schnell sich ein Zustand, der mehr oder weniger als normal empfunden wird, ins Gegenteil verkehren kann. In den letzten beiden Abschnitten konzentriere ich mich dann auf akute Formen der Ausgrenzung, die sich wahrscheinlich in bestimmten Regionen der Welt immer weiter ausbreiten werden. Die eine ist das Wachstum der vertriebenen Bevölkerungsgruppen, das sich in den letzten 20 Jahren vor allem im globalen Süden abgespielt hat, die andere die rapide Zunahme der Häftlingszahlen in immer mehr Ländern des globalen Nordens. Diese und viele andere alte, sich aber stetig wandelnde Umstände deuten darauf hin, dass an vielen Stellen ein Systemwandel stattfindet. Im globalen Süden stellen sowohl die vielfältigen Ursachen der Vertreibung als auch die Zukunftsaussichten der Vertriebenen die offizielle UN-Klassifikation für vertriebene Personen in Frage, denn die meisten dieser Menschen werden nie nach Hause zurückkehren – ihre Heimat ist jetzt Kriegsgebiet, Plantage, Bergbaugrube oder totes Land. Eine entsprechende Verschiebung beobachtet man auch im globalen Norden: Hier wird die Inhaftierung, die ursprünglich auf ein (begangenes oder auch nicht begangenes) Verbrechen folgte, zunehmend zur Verwahrung von Menschen, mit der sich obendrein zunehmend eine Gewinnabsicht verbindet – wobei die Vereinigten Staaten einsamer Vorreiter sind.

Nicht nachhaltige Widersprüche? Von der Integration zur Ausgrenzung

Wie Wirtschaftswachstum stattfindet, spielt eine wichtige Rolle. Die gleiche Wachstumsrate kann ganz unterschiedliche wirtschaftliche Bedingungen widerspiegeln; das Spektrum reicht von geringer Ungleichheit und einer gedeihenden Mittelschicht bis hin zu extremer Ungleichheit, bei der sich nahezu das gesamte Wachstum auf eine schmale obere Ebene konzentriert. Solche Unterschiede gibt es sowohl von Land zu Land als auch innerhalb der einzelnen Länder. Das BIP von Deutschland und Angola wuchs im Jahr 2000 gleich stark, aber die wirtschaftlichen Bedingungen und die Verteilungseffekte waren in den beiden Ländern ganz unterschiedlich. Auch wenn Deutschland das Niveau mittlerweile zurückfährt, steckt das Land nach wie vor einen großen Teil seiner staatlichen Mittel in die landesweite Infrastruktur, und der Staat bietet seinen Menschen ein breites Spektrum verschiedener Dienstleistungen von der Gesundheitsversorgung bis zu Bahnen und Bussen. Die Regierung Angolas tut nichts davon: Sie hat sich entschieden, nur eine kleine Elite zu unterstützen, der es vor allem um die Befriedigung ihrer eigenen Wünsche geht; dazu gehören Luxus-Neubaugebiete in der Hauptstadt Luanda, die mittlerweile als teuerste Stadt der Welt gilt. Ähnliche Unterschiede erkennt man auch innerhalb eines einzigen Landes zu verschiedenen Zeiten, so beispielsweise in den Vereinigten Staaten während der letzten 50 Jahre. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war das Wachstum breit gestreut und brachte eine starke Mittelschicht hervor; in dem Jahrzehnt seit 2000 begann dann die Verarmung der Mittelschicht, und 80 Prozent der Einkommensverbesserungen kamen dem einen Prozent der Spitzenverdiener zugute.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die abendländische Marktwirtschaft mehrere Hauptbestandteile: großes Anlagekapital, eine standardisierte Produktion sowie der Wohnungsbau in Städten, Vorstädten und neu geschaffenen Ortschaften. Die gleichen Gesetzmäßigkeiten zeigten sich in verschiedenen Ländern in Nord- und Südamerika, Europa, Afrika und Asien; am auffälligsten in Japan und den sogenannten Tigerstaaten in Asien. Diese Formen des Wirtschaftswachstums trugen entscheidend zu einer gewaltigen Ausweitung der Mittelschicht bei. Sie beseitigten weder Ungleichheit noch Diskriminierung oder Rassismus, aber da das von ihnen geschaffene Wirtschaftssystem sich auf Massenproduktion und Massenkonsum konzentrierte, wobei es zumindest in manchen Bereichen starke Gewerkschaften und eine vielgestaltige staatliche Unterstützung gab, verringerten sie die systembedingte Neigung zu extremer Ungleichheit. Ein weiteres Abschreckungsmittel gegen die Ungleichheit waren die kulturellen Normen, die solche Prozesse begleiteten und dabei insbesondere die Strukturen des Alltagslebens prägten. So trug beispielsweise die Kultur der großen urbanen Mittelschicht, die sich in den Vereinigten Staaten und in Japan zeigte, zum massenhaften Konsum und damit zu einer Standardisierung der Produktion bei, und das wiederum erleichterte die gewerkschaftliche Organisation in Herstellung und Vertrieb.[1]

Für diese Verbindung verschiedener Trends spielte insbesondere die Produktion in Verbindung mit der staatlichen Politik eine wichtige Rolle. Die Massenproduktion war über weite Teile des 20. Jahrhunderts der führende Sektor der Marktwirtschaft, und damit schuf sie die wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Ausweitung der Mittelschicht; dies hatte drei Gründe: Erstens erleichterte sie die Organisation der Arbeitskräfte mit der Bildung von Gewerkschaften als bekanntester Form; zweitens gründete sie zu einem beträchtlichen Teil auf dem privaten Konsum, und deshalb spielte das Lohnniveau eine Rolle, weil es in Volkswirtschaften, die größtenteils relativ abgeschlossen waren, eine wirksame Nachfrage schuf; und drittens wurden die relativ hohen Löhne und die Sozialleistungen, die für die führenden Sektoren der produzierenden Wirtschaft typisch waren, zum Vorbild für größere ökonomische Sektoren, selbst wenn diese nicht gewerkschaftlich organisiert waren und nicht der Produktion dienten. Die gleiche Wirkung hatte die Produktion auch in nichtwestlichen, industriell geprägten Wirtschaftsordnungen, insbesondere in Taiwan und Südkorea sowie auf ihre eigene Weise auch in Teilen der Sowjetunion. In China trug sie seit den 1990er Jahren ebenfalls beträchtlich zum Wachstum der Mittelschicht bei, dabei spielte sie aber keine so folgenschwere Rolle wie im Westen während des 20. Jahrhunderts.

In den 1990er Jahren wurden diese historischen und geographischen Gegebenheiten teilweise zerstört. Das Ende des Kalten Krieges läutete in der Wirtschaft eine der brutalsten Phasen der Neuzeit ein. Sie führte zu einer radikalen Neuordnung des Kapitalismus. Dies hatte zur Folge, dass sich weltweit neuer Nährboden für neue oder stark ausgeweitete Formen der Gewinnerzielung eröffnete, und das auch in unwahrscheinlichen Bereichen wie den Subprime-Hypotheken auf bescheidene Behausungen oder durch unwahrscheinliche Instrumente wie die Kreditausfall-Swaps, die zu einem Schlüsselbestandteil des Schattenbankensystems wurden. In meinen Augen war das schnelle Wachstum der Produktion in China ein Teil dieser neuen Phase des globalen Kapitalismus, die in den 1980er Jahren begann;[2] damit lässt sich auch erklären, warum das Wachstum in China nicht zu einer gewaltigen Ausweitung einer wohlhabenden Arbeiter- und Mittelschicht führte. Der gleiche Unterschied kennzeichnet auch das Produktionswachstum in anderen Ländern, die zu Teilen der Outsourcing-Landkarte des Westens wurden.

Durch diese neue Ordnung ziehen sich zwei logische Gedankengänge. Der eine ist systembedingt und wird in der Wirtschafts- und (De-)Regulierungspolitik der meisten Staaten festgeschrieben; am wichtigsten sind dabei die Privatisierung und die Aufhebung von Importzöllen. In kapitalistischen Wirtschaftsordnungen erkennen wir dies an der Erschütterung und Entgrenzung der vorhandenen steuerlichen und geldpolitischen Abmachungen, die allerdings in den einzelnen Ländern von unterschiedlicher Heftigkeit sind.

Das zweite Prinzip ist die Verwandlung der Wachstumsgebiete der Welt in Extremzonen für diese neuen oder stark erweiterten Formen der Gewinnerzielung. Am bekanntesten sind die Weltstädte und die Regionen für ausgelagerte Arbeit. Beide sind dichte lokale Umfelder, und doch bieten beide die vielfältigen Voraussetzungen, die globale Unternehmen brauchen; sie erfüllen diese Aufgabe aber jeweils in sehr unterschiedlichen Stadien der globalen Wirtschaftsprozesse, beispielsweise wenn Computer in der Hochfinanz zum Einsatz kommen oder wenn Bauteile für diese Computer hergestellt werden. Andere lokale Umfelder der heutigen globalen Wirtschaft sind Plantagen und Orte der Rohstoffgewinnung, die beide vorwiegend für den Export produzieren. Die Weltstadt ist ein Raum zur Produktion einiger der am höchsten entwickelten Vorgaben, die globale Unternehmen brauchen. Im Gegensatz dazu geht es beim Outsourcing um Orte für die Routineproduktion von Bauteilen, Massen-Callcenter, standardisierte Verwaltungsabläufe und andere umfangreiche, standardisierte Tätigkeiten. Die Räume beider Typen gehören zu den wichtigsten strategischen Faktoren im Aufbau der heutigen Weltwirtschaft, zu denen dann noch dazwischenstehende Sektoren wie das Verkehrswesen hinzukommen. In ihnen konzentrieren sich die vielgestaltigen Arbeitsmärkte, bestimmte Formen der Infrastruktur und ein bauliches Umfeld, alles Dinge, die für die globale Wirtschaft unentbehrlich sind. Außerdem sind sie die Orte, an denen die vielen Deregulierungen und Vertragsgarantien, die von Regierungen auf der ganzen Welt und wichtigen internationalen Körperschaften entwickelt und umgesetzt wurden, erkennbar werden und die davon profitieren – und zwar in beiden Fällen durch Arbeiten, die vorwiegend von den Steuerzahlern in großen Teilen der Welt finanziert wurden.

Ungleichheit bei den Gewinnmöglichkeiten in verschiedenen Sektoren der Wirtschaft und in den Verdienstmöglichkeiten verschiedener Arbeitskräfte ist schon seit langem ein Merkmal einer hochentwickelten Marktwirtschaft. Aber die Größenordnungen, die man heute in vielen Teilen der industrialisierten Welt beobachtet, unterscheiden die derzeitigen Entwicklungen deutlich von jenen der Nachkriegsjahrzehnte. Einer der extremsten Fälle sind vermutlich die Vereinigten Staaten, und deshalb machen sie das Prinzip auf brutale Weise deutlich. Die Abbildungen 1.1 und 1.2 zeigen den außerordentlich starken Anstieg der Unternehmensgewinne und -vermögen im Laufe der letzten zehn Jahre, und das in einem Land, das schon seit langer Zeit außergewöhnlich hohe Unternehmensgewinne kennt.

Abb. 1.1

Unternehmensgewinne nach Abzug der Steuern in den Vereinigten Staaten von den 1940er bis zu den 2010er Jahren (in Milliarden Dollar)Datenquelle: Federal Reserve Bank of St. Louis 2013a; nicht inflationsbereinigt

Abb. 1.2

Unternehmensvermögen in den Vereinigten Staaten von den 1950er bis zu den 2010er Jahren (in Milliarden Dollar)Datenquelle: Federal Reserve Bank of St. Louis 2013b; nicht inflationsbereinigt

Die zehn Jahre seit 2000 machen auch deutlich, dass dieser erbarmungslose Anstieg der Unternehmensgewinne mit einem sinkenden Anteil der Unternehmenssteuern an den Staatseinnahmen verbunden war. Die Krise am Ende des Jahrzehnts brachte einen steilen, aber nur vorübergehenden Absturz der Unternehmensgewinne mit sich, die aber insgesamt weiterwuchsen. Das Ausmaß der Ungleichheit sowie die Systeme, in die diese Ungleichheit eingebettet ist und durch die solche Ergebnisse erzielt werden, haben in den unterschiedlichsten Märkten vom Investmentsektor bis zu Wohnungsbau und Arbeit zu massiven Verzerrungen geführt. Wie David Cay Johnston beispielsweise auf Grundlage von Daten der US-Steuerbehörde über die Steuererklärungen von Unternehmen feststellte, zahlten die 2772 Unternehmen, denen in den Vereinigten Staaten 81 Prozent aller Geschäftsvermögen gehören – wobei diese Vermögen bei durchschnittlich 23 Milliarden Dollar je Firma liegen –, im Jahr 2010 durchschnittlich Steuern in Höhe von 16,7 Prozent ihrer Gewinne (ein Rückgang von 21,1 Prozent im Jahr 2009), und das, obwohl die Gewinne insgesamt um 45,2 Prozent stiegen, was ein neuer Rekordwert war.[3] Da die Gewinne dreimal schneller stiegen als die Steuern, ging der effektive Steuersatz zurück.[4] Die Auswirkungen kann man an der Zusammensetzung der Steuereinnahmen beobachten: Der Anteil der personenbezogenen Steuern nimmt zu, der Anteil der Unternehmenssteuern sinkt. Der Anteil der personenbezogenen Steuern wird den Schätzungen zufolge vom Haushaltsjahr 2010 bis 2018 von 41,5 Prozent der Einnahmen auf 49,8 Prozent steigen. Die Unternehmenssteuern dagegen werden – heutige Steuersätze vorausgesetzt – voraussichtlich während des gesamten Zeitraumes nur um 2,4 Prozentpunkte wachsen: von 8,9 Prozent der Einnahmen 2010 auf 11,3 Prozent im Jahr 2018.[5]

Die Regierungen begaben sich in dem gleichen Zeitraum auf einen Weg der zunehmenden Verschuldung. Heute können die meisten Industriestaaten nicht mehr die großen Infrastrukturprojekte in Angriff nehmen, die in den Jahrzehnten nach dem Krieg üblich waren. Auf Grundlage von Daten des Internationalen Währungsfonds (IWF) stellte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ein verbreitetes Wachstum der Staatsverschuldung als Anteil des BIP fest. Tabelle 1.1 zeigt die Zahlen für mehrere Staaten, die meisten davon Industrieländer. Der Trend gilt gleichermaßen für ganz unterschiedliche Regierungsformen: In Deutschland stieg die Verschuldung des Bundes von 13 Prozent des BIP 1980 auf 44 Prozent im Jahr 2010; die Schulden der US-Regierung wuchsen zwischen 1980 und 2010 von 25,7 Prozent auf 61 Prozent des BIP; und in China stieg der Anteil von einem Prozent des BIP 1984 auf 33,5 Prozent 2010.

Tab. 1.1

Staatsverschuldung (Zentralregierung) in % des BIP in elf Staaten von 1980 bis 2010Datenquelle: OECD 2014

Der Anstieg der Staatsdefizite hat seine Ursache zum Teil auch in der zunehmenden Steuerflucht, die teilweise durch die Entwicklung komplexer Bilanzierungsmethoden, Finanzinstrumente und juristischer Regelungen erleichtert wurde. In einem Forschungsprojekt des Tax Justice Project aus dem Jahr 2012 schätzte der Rechnungsprüfer Richard Murphy das Volumen der weltweiten Steuerflucht für 2010 auf 3 Billionen Dollar, was fünf Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung und 18 Prozent der weltweiten Steuereinnahmen im gleichen Jahr entspricht.[6] In die Studie wurden 145 Länder mit einem Bruttoinlandsprodukt von 61,7 Billionen Dollar einbezogen, das sind 98,2 Prozent der globalen Gesamtleistung. Die Schätzung der Steuerflucht stützt sich auf eine Gegenüberstellung von Daten der Weltbank über die geschätzte Größe der Schattenwirtschaft und einer Analyse der Heritage Foundation, die sich mit der durchschnittlichen Steuerlast je Staat beschäftigte.[7]Abbildung 1.3 zeigt Schätzungen für die Steuerflucht in mehreren Industriestaaten, darunter solche, die allgemein in dem Ruf stehen, eine gutfunktionierende Regierung und Verwaltung zu haben, wie Deutschland, Frankreich und Großbritannien. Das Spektrum reicht von 8,6 Prozent des BIP in den Vereinigten Staaten bis zu 43,8 Prozent in Russland. Ein wichtiger Grund für die Steuerflucht sind nach Murphys Feststellungen einerseits unzureichende Regeln für Bilanzierung und Offenlegung und andererseits unzureichende Finanzmittel für die Durchsetzung der Steuergesetze. Das Volumen der Steuervermeidung ist in den Vereinigten Staaten in absoluten Zahlen am größten, was sicher teilweise auf den Umfang ihrer Volkswirtschaft zurückzuführen ist. Murphy schätzt den Umfang der Steuerflucht in den Vereinigten Staaten auf 337,3 Milliarden Dollar, was 10,7 Prozent des weltweiten Volumens entspricht; diese Zahl unterscheidet sich nicht allzu stark von den offiziellen Schätzungen der US-Finanzverwaltung. Die Kriterien, die in dem Bericht angewandt wurden, erfassen nicht die »legale« Steuervermeidung, die in den letzten zehn Jahren bekanntermaßen stark angestiegen ist, was sich unter anderem auf extrem kreative Bilanzierungsmethoden zurückführen lässt, darunter auch private vertragliche Absprachen, mit denen man staatliche Vorschriften sozusagen gesetzeskonform umgehen kann.[8]

Abb. 1.3

Staaten mit den höchsten absoluten Beträgen an hinterzogenen Steuern 2011Datenquelle: Johnston 2011

Die Verlierer dabei sind vielfach die große Mehrzahl der Bürger und ihre Regierungen. Die Staaten werden ärmer; das ist zum Teil auf die Steuerflucht zurückzuführen, zum Teil aber auch darauf, dass immer mehr Bürger verarmen und deshalb schlechter in der Lage sind, ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzukommen. Ein weitgefasster Maßstab, der soziale Bedingungen und ökologische Kosten einbezieht, ist der Genuine Progress Indicator (»Indikator echten Fortschritts«) oder GPI; er bewertet den Aufwand anhand von 26 Variablen und bezieht auf diese Weise beispielsweise Kosten durch Umweltverschmutzung, Verbrechen und Ungleichheit ein, aber auch nützliche Tätigkeiten, bei denen kein Geld den Besitzer wechselt, wie Hausarbeit und ehrenamtliche Tätigkeiten. Eine internationale Arbeitsgruppe unter Leitung von Ida Kubiszewski von der Australian National University sammelte Schätzungen für den GPI in 17 Staaten, die zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung und des globalen BIP repräsentieren; auf diese Weise lieferte sie einen Überblick darüber, wie sich der GPI im Laufe der letzten 50 Jahre verändert hat. Wie sich herausstellte, erreichte der Pro-Kopf-GPI 1978 seinen höchsten Wert; seither geht er langsam, aber stetig zurück.[9] Das Pro-Kopf-BIP dagegen ist seit 1978 stetig gestiegen. Nach Ansicht der Forschungsgruppe deutet dies darauf hin, dass negative gesellschaftliche und ökologische Faktoren schneller gewachsen sind als der finanzielle Wohlstand, der sich, wie wir aus anderen in diesem Kapitel erläuterten Daten wissen, zunehmend ganz oben konzentriert.

Auf der Grundlage von Daten des IWF