Aussteigen, einsteigen, los! - Diana Johannsen - E-Book

Aussteigen, einsteigen, los! E-Book

Diana Johannsen

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Beschreibung

Freiheit und Selbstbestimmung statt Hamsterrad und Alltagsstress: Die wahre Geschichte einer Familie, die aussteigt, um sich auf die Reise durchs Leben zu machen. Im Frühling 2016 wagen Diana und Percy Johannsen mit ihren drei Kindern, wovon viele Menschen träumen: Sie lassen Alltagstrott und Hamsterrad hinter sich und entscheiden sich für ein alternatives Leben in absoluter Freiheit. Und so geben sie alles auf: ihr Haus am See, ihr florierendes Yogastudio. Sie verabschieden sich von Freunden, Familie und Bekannten, kündigen ihren festen Wohnsitz und ziehen los. Ein alter, ausgebauter Mercedes-Bus ist ihr neues Zuhause. Als moderne Aussteiger reisen sie quer durch Europa, ihre Kinder lernen ohne Zwang und Notendruck. Für ihren Mut, ihren eigenen Weg zu gehen, werden sie belächelt, kritisiert und für verrückt erklärt. Als ihr elfjähriger Sohn schwer erkrankt, wird ihr Lebenskonzept auf eine harte Probe gestellt. Doch Familie Johannsen beschließt, nicht aufzugeben und ihrem Ideal von Freiheit und Selbstbestimmung treu zu bleiben…

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EPUB
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Seitenzahl: 249

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Diana Johannsen / Percy Johannsen

mit Shirley Michaela Seul

Aussteigen, einsteigen, los!

Eine Familie tauscht Hamsterrad gegen große Freiheit

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Familie Johannsen lebt, was andere nur träumen. Ihr Zuhause: ein ausgebauter Mercedes-Bus. Die Schule ihrer Kinder: das echte Leben. Ihr Ziel: gar keins. Sie sind auf der Reise. Die fünfköpfige Familie entscheidet sich bewusst gegen den Leistungs- und Erfolgsdruck unserer Zeit und tauscht Haus, Arbeit und Sicherheit gegen Freiheit, Abenteuer und Selbstbestimmung. Zu fünft unterwegs im Auto suchen sie nach dem, was im Alltag normalerweise untergeht: echte Gemeinsamkeit, Naturverbundenheit, Zeit, den Moment zu erleben. Die faszinierende Geschichte einer besonderen Familie und ihrer Reise in ein bewusstes, authentisches Leben.

Inhaltsübersicht

Erste Etappe

Das unbekannte Ausland

My home is my bus

Das Glück im Faltbackofen

Das volle Programm

Komfort kündigen

Nie mehr Schule

Hausaufgaben

Zweite Etappe

Die Choreografie des Reisens

Geparkte Pfannkuchen

Sprung ins kalte Wasser

Der Schlaftisch

Alltag auf Rädern

Wann sind wir da?

Der Schuhschwund

Sehnsuchtsorte

Am Eiffelturm

Die dicke Düne

Löcher in der Zeit

Die Versicherung

Flicflac mit Folgen

Die Versuchung

Lieber spät als nie!

Kleine Glücks

Mobile Küche

Mobile Pilger

Das erste Tief

Dritte Etappe

Abrahams Wurstkessel

Piraten

Schule auf Rädern

Inselparadies

Suppenzeit

Nikolaus auf Ibiza

Besuch in der alten Heimat

Familiengeschichten

Alleinerziehend

Back on the road

Vierte Etappe

In der Sackgasse

Paradiese

Tamera

Fata Morgana

Anmelden

Schnee is schee

Auto immun

Die Hiobsbotschaft

Verschnaufpause

Folge dem weißen Hirsch

Man spricht Deutsch

Endstation Ibiza?

Fünfte Etappe

Die Schaukel

Abschied vom Schwarz-Weiß-Denken

Der Segen

Blaulicht!

Ois is Yoga

Das Festival

Zwischen Pech und Karma

Zurück in die Gegenwart

Sechste Etappe

Paradies Portugal

Bildteil

Dank

Wofür unser Herz schlägt

Be the Change

Bücher, die wir euch ans Herz legen möchten

Apps, die wir euch ans Herz legen möchten

Und wenn ihr etwas auf dem Herzen habt

Erste Etappe

Abschied vom Alltag

Das unbekannte Ausland

Wir parkten vor dem Rathaus in Andechs am Ammersee. »Ich mach das jetzt einfach«, sagte ich zu Diana.

»Einfach«, wiederholte sie.

»Genau«, bekräftigte ich. Alle hatten gesagt, dass es nicht klappen würde. Aber das hatten wir schon so oft in unserem Leben gehört. Und dann hatte es doch geklappt, wenn auch meistens anders, als wir uns etwas vorgestellt hatten. Das macht das Leben doch erst spannend, oder?

»Also, ich geh jetzt rein«, sagte ich noch einmal.

Diana lachte. In diesem Moment war ich unfassbar glücklich. Wir waren dabei, alles aufzugeben. Und meine Frau lachte. Sie glaubte den Schwarzsehern nicht, die uns prophezeit hatten, dass man sich nicht einfach so abmelden könne. Wer sich wo abmeldet, muss sich woanders anmelden. Das wollten wir aber nicht. Wir wollten das Abenteuer Freiheit wagen. Einfach los ins Blaue, ins Grüne, ans Meer. Keine Wurzeln, sondern Flügel, wenn auch Kotflügel. Seit einem halben Jahr arbeiteten wir an unserem Abschied aus der Wohnhaft. Selbst die Hausratversicherung war gekündigt.

Ich stieg aus.

»Papa, krieg ich ein Eis?« Unser Nesthäkchen, die vierjährige Lilly, winkte aus dem Fensterspalt des Busses.

»Wenn es klappt«, sagte ich.

»Was denn?«

»Wenn ich uns abmelden kann.«

»Du musst einfach sagen, dass ich ein Eis will.«

»Dann klappt es bestimmt«, schmunzelte Diana.

»Ich auch!«, rief Simon. »Zur Sicherheit.« Er war sieben und überließ seiner kleinen Schwester ungern das letzte Wort.

Schließlich mischte sich Lukas, unser Neunjähriger, ein und teilte mit: »Ich nehm das Eis auf jeden Fall.«

Ich überquerte die Straße, blieb auf der anderen Seite stehen, sah Diana und die Kinder in unserem »Fluchtfahrzeug«. In diesem Moment kam ich mir fast wie ein Bankräuber vor. Hatte ich nicht ein bisschen was Ungesetzliches im Sinn? Aber wir wollten niemandem etwas wegnehmen, wir wollten nur geben: den Kindern und uns selbst die Freiheit.

 

Auf der Gemeinde war wenig Betrieb an diesem Vormittag.

»Was kann ich für Sie tun?«, fragte eine freundlich dreinblickende Mittfünfzigerin.

»Ich würde mich gern abmelden. Und meine Kinder und meine Frau auch.« Ich legte unsere Dokumente auf den Tresen.

Sie öffnete das entsprechende Formular an ihrem Computer, tippte, dann fragte sie: »Und jetzt die neue Adresse, bitte. Wohin ziehen Sie?«

»Das wissen wir noch nicht.«

»Ach, ist Ihr Haus noch nicht fertig? Das hören wir häufig. Es ist aber auch ein Trauerspiel mit den Handwerkern heutzutage. Gibt ja fast keine mehr, und alle Kinder sollen studieren.«

»Nein, wir haben kein neues Haus. Wir wollen uns einfach nur abmelden.«

»Abmelden«, wiederholte sie und fügte »final« hinzu, was mir ein klein wenig unpassend erschien, aber irgendwie war es auch richtig; ich wollte uns gern aus den Registern verschwinden lassen.

»Hm«, machte sie, nachdem sie eine Weile herumgeklickt hatte. »Wissen Sie, das ist im System nicht vorgesehen.«

»Das habe ich vermutet«, sagte ich.

Mein Leben war genau genommen noch nie in einem System vorgesehen. Ich kam als schwarzer Junge in Deutschland zur Welt, verbrachte meine ersten Monate im Waisenhaus und wurde dann von einer liebevollen Familie mit einem nordisch klingenden Nachnamen adoptiert. Genauso systeminkompatibel war es weitergegangen. Schon oft hatte eine Sachbearbeiterin nach einem Kästchen für mich gesucht und keines gefunden. Manchmal war es dann sehr kompliziert geworden.

»Hier hab ich was«, strahlte die Frau plötzlich. »Wie wäre es mit unbekanntes Ausland?«

»Unbekanntes Ausland? Das klingt gut! Das nehme ich! Bitte fünf Mal mit Sahne. Darf ich Sie auf ein Eis einladen?«

»Das wäre Bestechung«, schmunzelte sie, klickte hier und klickte da, und dann waren die Johannsens abgemeldet.

 

Die ausgedruckten Bestätigungen in der Hand schwenkend, rannte ich über die Straße. Diana sah auf den ersten Blick, dass es geklappt hatte. Wir kannten uns seit über zehn Jahren und hatten viel miteinander erlebt, Schönes und Schlimmes, an dem andere Beziehungen manchmal zerbrechen. So wie den Tod unserer geliebten Tochter Zara.

»Und, wie war’s?«, fragte Diana.

»Wie ich gesagt habe: einfach. Wir hätten uns nicht so viele Gedanken machen müssen. Sogar eine neue Adresse haben wir.«

»Eine Adresse?«, wiederholte Diana mit einem Fragezeichen im Gesicht.

Ich stieg ins Auto. »Wir wohnen jetzt im unbekannten Ausland.«

»Papa, wo ist das?«, fragte Lukas.

»Das weiß ich noch nicht«, sagte ich.

»Aber woher wissen wir dann, dass wir da sind?«

»Das spüren wir.«

»Und dann wohnen wir da?«

»Vielleicht. Vielleicht ist das unbekannte Ausland wie ein Regenbogen, dem wir folgen.«

»Mit einem fliegenden Teppich?«, hoffte Lilly.

»Mit einem Quad!«, rief Lukas.

»Mit einem Raumschiff«, ergänzte sein Bruder.

»Also, mir reicht unser toller neuer Bus«, sagte ich, und alle drei stimmten sofort zu.

Diana und ich wechselten einen Blick. Wie so oft in den letzten Wochen versicherten wir uns, dass wir das Richtige wagten. Auch wenn wir ständig hörten, dass das Wahnsinn war. Das ist verantwortungslos! Das werden euch eure Kinder nie verzeihen! Wartet mal ab, bis sie größer sind! Ihr seid komplett verrückt. Seht ihr denn nicht, wie schön ihr es hier habt? So was gibt man doch nicht auf!

Als würde uns der Abschied von der Sicherheit leichtfallen! Nein, es war nicht einfach, und unsere Herzen bluteten auch und zitterten manchmal ganz schön. Aber alle fünf hatten Ja zu diesem Abenteuer gesagt, wenngleich sich die Kinder nicht allzu viel darunter vorstellen konnten. Sie mussten sich von lieb gewonnenen Orten, Menschen und Gewohnheiten verabschieden. Kein Fußballverein mehr und kein Tanzen, keine Seen vor der Haustür, Minigolf, schnell mal quer über die Wiese zu den Spielkameraden.

Ja, vermutlich waren wir wahnsinnig, unser gemütliches Haus zu räumen. Wie lange hatten wir es gesucht, wie glücklich waren wir gewesen, mittendrin im fetten Oberbayern und gesegnet obendrein am Heiligen Berg in Andechs, dreißig Autominuten nach München. Stadt und Land, alles beieinander, und fünf Seen vor der Haustür: Starnberger See, Ammersee, Wörthsee, Pilsensee, Weßlinger See – bei Föhn gesäumt von den Alpen, zum Greifen nah. Wohnen, wo andere Urlaub machen. Der riesige Garten, die netten Nachbarn. Wir hatten die Zäune abgebaut und teilten uns mit drei Familien einen tollen Spielplatz für die Kinder …

Gestern hatten wir die Schlüssel abgegeben. Wir waren schon öfter umgezogen, mussten uns mit der wachsenden Familie ja auch immer wieder vergrößern. Aber dieser Schlüssel kam uns nicht nur wie einer zu einer Wohnung vor. Er war wie ein Schlüssel zu einem Lebensabschnitt, den wir nun unwiderruflich verlassen würden. Diana und ich würden viele lieb gewonnene Gewohnheiten aufgeben und vor allem die Menschen, die für uns ein Stück Heimat geworden waren. In einem Wort: Sicherheit, psychisch und physisch.

»Es ist der völlig falsche Zeitpunkt«, hörten wir oft. Oder war es genau der richtige? Nach harten Jahren des Aufbaus hatte sich unser Yogastudio Namasté in Herrsching etabliert. Dessen Schlüssel hatten wir bereits abgegeben. Diana hatte zudem Schüsseln abgegeben, indem sie den Kunden ihres Catering Service Karma Cooking schonend beigebracht hatte, dass der Ofen nun bald aus wäre. Wochenlang hatten wir Aktenordner durchforstet, um uns aus bürokratischen Fängen zu befreien. Wir hatten Versicherungen, Mitgliedschaften, Abonnements gekündigt – was manchmal sehr schwierig war. Wir waren überrascht, wie viele Krakenarme uns umfingen; mit den Jahren waren sie meterlang gewachsen. Zu Beginn hatten wir geglaubt, wir bräuchten vielleicht einen Monat. Letztlich dauerte es mehrere Monate. Und immer wieder führten wir die gleichen Gespräche. Nicht wenige unserer Kunden waren schlichtweg sauer, weil sie lieb gewonnene Gewohnheiten verloren. Aber wir machten auch Platz – zum Beispiel an der Montessorischule. Wie hatten wir uns gefreut, als Lukas aufgenommen wurde, das war wie ein Sechser im Lotto, und auch für seinen Bruder hätten wir dieses Glück gehabt. Wir hatten den Tippschein zurückgegeben: Simon würde in wenigen Wochen kein Schulkind sein, sondern ins unbekannte Ausland reisen. Auch Lilly würde ihren geliebten Kindergarten gegen diesen Ort im Regenbogenland eintauschen.

 

Also, wenn es euch hier schlecht gehen würde, wenn ihr arbeitslos wärt oder eure Kinder Asthma hätten und salzige Seeluft zum freien Atmen bräuchten, wenn so was wäre … ja, dann könnten wir das verstehen. Nein, es ging uns nicht schlecht. Wir hatten alles. Wir machten das Gleiche wie alle anderen und kamen uns dabei super individuell vor. Genau das war das Problem. Denn um unseren hohen Lebensstandard zu halten, arbeiteten wir rund um die Uhr und hatten zu wenig Zeit. Kinder durch die Gegend kutschieren, zum Sport und Musikunterricht und zu ihren Freunden; Urlaub, wenn alle Urlaub machen, weil Ferien sind. Montessorischule und Yoga, vegan, kein Schneckenkorn im Salatbeet, ökologische Putzmittel, Feuertonne im Garten. Alles perfekt, tippi-toppi, wunderbar. Aber ganz ehrlich: In gewisser Weise funktionierten wir im vorgegebenen Takt. Wie hörte sich unser eigener Rhythmus an? Das wollten wir gern wieder hören.

 

Und davon wollen wir Ihnen in diesem Buch erzählen. Gleichzeitig möchten wir Sie einladen, öfter mal die Perspektive zu wechseln. Wenn Sie bis zu dieser Stelle gelesen haben, reisen Sie vielleicht mit. Das hoffen wir, denn sonst hätten Sie das Buch weggelegt, und wir wären einfach nur verrückte Spinner in Ihren Augen.

 

Wir haben es uns nicht leicht gemacht. Wir haben wochen- und monatelang diskutiert und nachgedacht, Pläne geschmiedet, verworfen … und kamen immer zum selben Schluss: Es wäre Wahnsinn zu bleiben …

… weil wir so viel wie möglich von unseren Kindern mitbekommen wollen.

… weil wir in Einklang mit der Natur leben wollen.

… weil wir unseren Kindern alternative Lebensformen zeigen möchten.

… weil wir frei von Angst leben wollen.

… weil wir unseren Kindern ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen wollen.

… weil wir nachhaltig leben wollen.

… weil wir gesund sein möchten.

… weil wir in Frieden leben wollen.

… weil wir in Liebe leben möchten.

… weil wir keine Zäune und Grenzen wollen.

… weil wir mit anderen Menschen wirklich in Kontakt sein möchten.

… weil wir nach unseren Werten leben wollen.

… weil wir viel Zeit mit unseren Liebsten verbringen möchten.

… weil wir unser Leben bewusst gestalten wollen und nicht als Konsumenten.

 

Was brauchen wir wirklich?

 

… Als Erstes ein Auto!

My home is my bus

Ja, ja, von wegen Umweltschutz, und dann gleich ein Auto und noch dazu einen Diesel. Ganz schön doppelbödig. Den Einwand haben wir oft gehört. Deshalb möchte ich das auch gar nicht rechtfertigen und erklären, dass wir jetzt zu sechst nur noch dieses eine Auto anstatt früher zwei benutzten. Dass wir dafür kein Haus mehr beheizten und sich unser ökologischer Fußabdruck um mindestens eine Schuhgröße verkleinerte. Viel spannender finde ich die Frage, warum wir so oft mit solchen – in unseren Augen – Kleinigkeiten konfrontiert werden. Leute, die weit weniger umweltfreundlich leben, werfen uns gern vor, wir seien nicht konsequent. Ja, das stimmt. Wir könnten noch viel mehr tun. Zu Fuß gehen zum Beispiel. Aber wir sind auf einem guten Weg, auf dem wir uns nicht vergleichen oder messen wollen. Wir möchten einfach erzählen, wie es uns ergangen ist, als wir loszogen ins unbekannte Ausland. Damit wagten wir ja etwas, aber statt dass wir auf Neugier gestoßen wären – wir könnten im besten Sinne Pioniere sein, die etwas ausprobieren, aus dem andere sich später die Rosinen picken –, flogen uns die Ja, abers um die Ohren. Wollen wir einen Deal machen, liebe Leserin, lieber Leser? Lesen Sie »einfach« weiter und schreiben Sie uns am Ende des Buches Ihre Bedenken. Es könnte nämlich sein, dass sich manche davon unterwegs in Luft auflösen, wenn wir uns besser kennengelernt haben. Einmal abgesehen von der Notwendigkeit, dass wir alle den Energiegurt enger schnallen sollen, geht es auch darum, einen Traum zu leben.

 

Einige Wochen bevor wir uns auf der Gemeinde abmeldeten, hatten wir im Internet unser Traumauto gefunden. Sicher gibt es Wohnmobile mit Dusche und Toilette – Villen auf Rädern. Nur leider fahren sie nicht mit Ökostrom. Wobei ein Elektroauto letztlich auch keine Alternative ist, denkt man an die Umweltbelastung durch die Batterien. Der Mercedes Benz Vario 615 war im besten Alter und doch noch grün hinter den Spiegeln. 7 Meter lang, 3,10 Meter hoch, 4 Tonnen schwer. Für 20000 Euro konnte man ihn in Berlin abholen.

»Kinder, wir machen einen Ausflug«, kündigte ich an.

 

Es war Liebe auf den ersten Blick. Aber auf den zweiten war er ein bisschen eng für zwei Erwachsene, drei Kinder und unseren Hund. Dschinn kann sich zwar prima einrollen, aber ein Schoßhund ist er nicht. Es gab einen klitzekleinen Hängeschrank, einen klitzekleinen Küchenschrank, eine klitzekleine Verstaubank, auf der mit viel Glück drei Kinderpopos Platz finden würden. Die Küche protzte mit einem Zwei-Flammen-Herd und einem Spülbecken. Das Schlafzimmer bestand aus zwei Stockbetten, wovon eins eher eine Höhle war, in die man hineinkrabbeln musste. »Ich, ich, ich!«, erscholl es aus allen Kinderkehlen. Hinten befand sich etwas Stauraum für Werkzeug. Stauraum für mich entdeckte ich auf dem Dach. Wir hatten einen Balkon, besser gesagt, eine Dachterrasse!

Oben auf dem Bus würden wir wunderbar zu fünft sitzen können.

Bei der Probefahrt stellten wir fest, dass dieses Gefährt eher ein Lkw war. Wir würden nie mehr gedankenlos in einen Tunnel fahren … und das war später auch gut so. Denn wäre nicht einer von uns manchmal ausgestiegen, dann wären wir stecken geblieben.

 

Nein, wir sind nicht ohne Emissionen ins unbekannte Ausland gereist. Ja, wir haben Sprit verbraucht. Ja, wir haben geatmet. Viel geatmet. Mussten oft tief durchatmen. Und es hat auch wehgetan, Freunde zu verlieren, die uns heftig attackierten. Dabei verlangten wir von keinem, es uns gleichzutun. Unsere Familien waren traurig über den Abschied, vor allem natürlich wegen der Kinder. Vielleicht haben manche auch deshalb so ablehnend reagiert, weil wir den Finger in eine Wunde gelegt haben, die auch bei ihnen blutete. Die Frage: Ist mein Leben im Großen und Ganzen so, wie ich es mir vorstelle, lebe ich selbstbestimmt?

Ja, wenn das jeder fragen würde!

Wunderbar! Das ist unsere Vision: Jeder Mensch steht verantwortungsvoll und ohne anderen zu schaden für das Gelingen seines Lebens ein.

 

»Viel Platz ist da nicht«, stellte Diana beim Besichtigungstermin unseres neuen Daheims auf Rädern fest.

»Aber die Dachterrasse«, sagte ich. »Und vor allem hat der Bus die gesetzlich vorgeschriebenen sechs Sitzplätze. Wenn Marie mit uns fährt, brauchen wir die.« In den Schulferien wollte meine Tochter im Teenageralter mit uns reisen.

»Das Innere muss man komplett umbauen«, sagte Diana. »Das wird eine Riesenbaustelle.«

»Vielleicht sollten wir erst mal losfahren und herausfinden, was genau wir brauchen.«

»Einen Schrank auf alle Fälle.«

»Ein Fenster ist wichtiger.«

»Papa, kann man ein Fenster ins Dach machen, damit wir den Himmel beim Schlafen sehen?«, fragte Lilly.

»Du bist ja doof. Beim Schlafen schläfst du doch!«, rief Simon.

»Das weiß ich schon. Aber wenn ich die Augen mal aufmache, kann ich die Sterne sehen, stimmt’s, Papa? Gibt es im unbekannten Ausland Sterne?«

»Mehr, als du zählen kannst.«

»Und dann sind wir autoautark, Papa«, fügte Lukas ein Wort hinzu, das er neulich gehört hatte.

»Wir sind auf dem Weg dahin«, sagte ich.

»Und wann fahren wir los?«, wollte Lilly wissen.

»Wenn wir alles eingepackt haben.«

An dieser Stelle übernahm meine Frau Diana die Regie.

Das Glück im Faltbackofen

Jedes Kind hatte ein Zimmer, und jedes Kind hatte eigenes Spielzeug. Nicht so viel wie manche Nachbarskinder, doch mehr als genug. Jedes Kind durfte eine Kiste mit Spielsachen mitnehmen. Lukas fand das ungerecht, er war schließlich größer als Simon und Lilly. Wir waren später sehr beeindruckt, wie die Kinder ihre Siebensachen verwalteten. Denn natürlich sammelten sie auf unseren Reisen neue Gegenstände. Steine, Vogelfedern, Muscheln, Andenken … und dann waren die Kisten voll, und sie mussten etwas hergeben. Lange wurde überlegt, was und wem sie etwas schenken könnten oder ob sie es an irgendeinen Platz legen würden, damit jemand anders es finden und sich freuen könnte. Wie leicht sie sich damit taten, etwas zurückzulassen in dem Vertrauen, dass immer wieder etwas Neues nachkommen würde!

 

Auch Percy und ich hatten eine Kiste, beziehungsweise, wir hatten einen Schrank zusammen. Als Percys Klamotten darin verstaut waren, platzte er bereits aus allen Nähten. Zwei Taschen wollte er auch noch mitnehmen. Und die Gitarre.

Mein Mann ist nie um Argumente verlegen. »Ich brauche verschiedene Yogaklamotten. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass wir immer eine Waschmaschine greifbar haben. Und was ist, wenn ich dann unterrichte?«

»Schon mal was von Handwäsche gehört?«, fragte ich.

Keine Waschmaschine, keine Spülmaschine, kein Hochleistungsmixer. Nein, den konnte ich nicht zurücklassen, das brachte ich nicht übers Herz. Ich packte ihn in die Küchenkiste, auch wenn er 2000 Watt benötigt, die wir mit unserem Solarstrom im Auto nicht liefern konnten. In unserem Haus war meine Küche mein Reich gewesen. Ich bin mit Leib und Seele Köchin – und vor allem mit dem Herzen; seit Jahren nur noch vegan. Gesunde und »gute« Ernährung ist mir sehr wichtig. Ich bringe keinen Bissen runter, der aus Tierleid besteht, eine von vielen Gemeinsamkeiten mit Percy. Den Kindern schmeckt das vegane Essen, wenn sie jedoch bei Freunden sind und Lust auf etwas anderes haben, reden wir ihnen das nicht aus, und wir gehen auch mal in eine Pizzeria. Bei vier Kindern kann ich nur so gesund kochen, dass sie es auch mögen. Sonst essen sie woanders oder kaufen sich Süßigkeiten. Ich verzichte also nicht auf Zucker, der als Pflanze wächst, oder andere natürliche Süßungsmittel. Agavensirup oder Kokosblütenzucker wird ja auch nicht gemolken oder aus einem Tier geschabt.

Köchin also. Ich überlegte tagelang, welche Küchengeräte ich unterwegs unbedingt brauchte. Lediglich zwei Kochplatten standen mir im Auto zur Verfügung und – das war wirklich hart für mich – kein Backofen. Ich liebe es, zu backen! Schließlich lernte ich den Faltbackofen kennen. Er sieht aus wie ein Werksfehler mit seinen Löchern und Rissen, doch er funktioniert, und man schmeckt den Kuchen und Aufläufen nicht an, dass sie mobil gebacken wurden. Wo immer ich später einer Steckdose habhaft wurde, schloss ich meinen Mixer an und bereitete Smoothies oder Milchshakes zu.

 

Family Smoothie

 

2 Handvoll junger Spinat

1 cm frischer Ingwer, geschält

1 Orange, geschält

1 Scheibe Zitrone mit Schale (ungespritzt)

1 Apfel

3 Bananen, geschält

½ Avocado

ca. 1,3 l Wasser

 

Alle Zutaten waschen und mit dem Wasser in den Hochleistungsmixer geben. So lange auf höchster Stufe mixen, bis ein cremiger – für unseren Simon stückchenfreier – Smoothie entsteht. Eventuell kurz im Kühlschrank aufbewahren, vor dem Servieren noch mal mit einer Gabel umrühren.

 

 

Family Milkshake

 

3 Bananen, geschält

ca. 150 g TK-Beeren

3 Datteln ohne Stein

1 l Pflanzenmilch

 

Alle Zutaten im Hochleistungsmixer mischen und auf höchster Stufe zu einem cremigen Milchshake vermischen. Durch die Tiefkühlbeeren entsteht eine etwas festere Konsistenz.

Wenn die Bananen schon sehr reif sind, kann man auf die Datteln verzichten.

Das Leben ohne unbegrenzten Zugang zu Strom ist gewöhnungsbedürftig. Habe ich früher jemals nach Steckdosen gesucht? Nie! Heute schaue ich als Erstes danach. Das unbekannte Ausland hat mir unsere Abhängigkeit von Elektrizität sehr bewusst gemacht. Viele Jahre habe ich keinen Gedanken daran verschwendet. Strom war einfach immer da, wie Wasser und eine Kloschüssel.

Das volle Programm

Percy und ich wünschten uns seit Langem mehr Familienzeit. Es gab Tage, an denen wir uns nur zwischen Tür und Angel sahen, um die Kinder zu übergeben. Aber wir hatten keine Zeit, darüber nachzudenken. Wir wollten am Wachsen und Gedeihen unserer Kinder intensiv teilhaben, so viele Stunden wie möglich mit ihnen verbringen, mit Spielen, Quatschen, Blödsinnmachen. Ausflüge, gemeinsam lernen, die Natur erkunden. Der Alltag ließ uns wenig Raum dafür. Es war bei uns wie bei allen anderen: Morgens wurden die Kinder verräumt – Kindergarten und Schule –, nachmittags hatten sie Termine – Sport, Musik, Freunde; Mama chauffiert. Das Abendessen nahmen wir oft ohne Percy ein, da er unterrichtete – um diese Uhrzeit vor allem berufstätige Mamas und Papas, die ihre Kinder ihrem Partner zwischen Tür und Angel übergeben hatten, um noch ein kleines Stück vom Tag, diesen einen Termin der Woche, für sich zu genießen – »meine« Yogastunde. Erst wenn die Kinder schliefen, konnte ich mich jenen Arbeiten widmen, die viel Konzentration benötigen – Planungen für meine Firma Karma Cooking oder die Festivals, die wir organisieren, Steuer. Kurz: Alles völlig normal. Da braucht man sich doch nicht aufzuregen. Das ist eben so. Und jetzt weiter im Programm.

 

Wer schreibt dieses Programm eigentlich?

Und was passiert, wenn wir unser eigenes erfinden?

Gibt es eine Möglichkeit, das, was wir wirklich brauchen, zu bekommen, ohne uns abermals in angebliche Umstände und Notwendigkeiten zu verwickeln?

Wir brauchen Wasser, Essen, Wärme. Strom bitte auch. Ist das ein Grundrecht?

Lebten wir nicht in gewisser Weise in einem goldenen Käfig? Und war es nicht total verboten, so was zu denken, weil es uns doch so wahnsinnig gut ging?

Komfort kündigen

Immer öfter ertappte ich mich dabei, darüber nachzudenken, wie die Kinder in meiner Umgebung lebten. Wir wohnten sozusagen im Speckgürtel Münchens; viele Familien in Eigenheimen, vor denen zwei, drei Autos standen, häufig ein SUV. In den Gärten, auch in unserem, standen Trampolins, es gab im Viertel Zierkugeln, Gartenmöbel aus Tropenhölzern, Außenküchen, bombastische Grillstationen. Geld zu haben gehörte zum guten Ton in dieser Gegend. Die hervorragend ausgebildeten Frauen hatten in der Regel ihren Beruf aufgegeben oder übten ihn reduziert aus. Ihre Vormittagsfreizeit, wenn die Kinder betreut wurden, nutzten sie unter anderem für Yoga, das kam unserem Studio zugute. Ich unterrichtete Schwangerenyoga.

Wir hatten unser Haus »nur« gemietet, und auch sonst fielen wir ein bisschen aus dem Rahmen, aber solange es keine Probleme mit den Nachbarn gab, hatten sich alle lieb, weil das irgendwie jetzt modern ist. Das Haus hatte sechs Zimmer – ideal, weil Percys Tochter Marie oft bei uns war. Wir brauchten den Platz. Und zwei Autos, natürlich. Und die Handys, Computer, Klamotten, Bücher, CDs, das Küchen- und Yogazeug, alles, was man scheinbar unbedingt braucht. Im Vergleich zu den meisten unserer Nachbarn hatten wir wenig. Zum Beispiel keinen Fernseher, keine Fußballtrikots vom FC Bayern. Darunter litten die Kinder manchmal. Aber 140 Euro für ein Kunststoffoberteil? Bloß weil da ein Name und eine Zahl draufstehen? Wir hätten es uns leisten können, aber ich brachte es nicht übers Herz, es fühlte sich falsch an. Überhaupt, dass es in unserer reichen Gegend unglaublich wichtig war, welche Labels die Kinder trugen. Ein Fahrrad war nichts wert, wenn es von der falschen Marke stammte, nichts war was wert, no name war gleichbedeutend mit schlecht, blöd, Außenseiter. Wer will das seinen Kindern antun? Also muss man immer mehr arbeiten, damit man den Kindern kaufen kann, was sie brauchen, um integriert zu sein. Man selbst sieht seine Kinder selten oder ist ständig so abgehetzt, dass man sie eigentlich nur noch vor die Glotze setzen möchte, man hat auch ein schlechtes Gewissen, aber immerhin tragen sie die Labels, auf die es ankommt. Ich begann immer mehr zu hinterfragen. In vielen Gesprächen mit anderen Müttern merkte ich, dass wir alle die gleichen Nöte hatten, doch ich bezweifelte so manches Mal, ob wir unsere Kinder überhaupt noch hörten in dieser Raserei. Gab es eine Alternative, anstatt ihre immer neuen Bedürfnisse zu stillen … und wer weckte die überhaupt? Wo begann dieser Teufelskreis?

Als wir später unterwegs waren, hat mich dieser Automatismus sehr fasziniert. Wir waren zwei, drei Wochen an einem Strand, an dem es nichts zu kaufen gab, oder irgendwo in der Pampa, die Kinder spielten mit Steinen und Sand, wir sammelten Muscheln oder sangen, wir rechneten Fahrstrecken aus und schnibbelten gemeinsam Gemüse. Kein Kind kam auf die Idee, etwas kaufen zu wollen. Doch kaum befanden wir uns in einem Supermarkt, kaum sahen sie Dinge, wollten sie die unbedingt haben. Die Welt würde untergehen, wenn sie das nicht bekamen. Nie mehr würden sie glücklich sein.

»Mama, alle haben das! Nur ich nicht!«

So beginnt das Spiel, das alle Eltern kennen, das einen spätestens dann einknicken lässt, wenn sich das Kind schreiend vor der Supermarktkasse wälzt und alle einen böse anschauen. Ich würde das meistens aushalten, aber schön ist es natürlich nicht. Das neue Ding ist für kurze Zeit interessant, und dann wird es vergessen, wie es auch bei uns Großen ist. Gewiss vereinfache ich – doch das machen wir ja immer, wenn wir Argumente sammeln für eine Veränderung.

 

Einmal hörte ich im Radio das Porträt eines Fußballtrainers. Mehrfach wurde hervorgehoben, dass er auf dem Gipfel seiner Karriere, als er mit seiner Mannschaft alles gewonnen hatte, zurücktrat. Percy und ich hatten irgendwie auch alles gewonnen. Viele unserer Träume hatten sich erfüllt. Doch erfüllte Träume laufen Gefahr zu erstarren. An diesem Punkt waren wir. Wir traten als Fußballtrainer zurück, nicht weil wir mussten, sondern weil wir etwas verändern wollten, bewusst und freiwillig. Und zwar nicht erst, wenn die Kinder größer wären, wie wir es manchmal sagten: Wenn sie mal aus dem Haus sind.

Ich bin als junge Frau sehr viel gereist. Wie oft habe ich es als Mutter bedauert, nur noch in den Ferien unterwegs sein zu können. Aber so war das eben. Jetzt lass uns erst mal die Kinder groß kriegen, und dann sehen wir, was wir als Paar noch unternehmen. Warum so lange warten? Wir waren schon unterwegs, da las ich meiner Tochter einmal eine beeindruckende Fabel aus einem Kinderbuch vor. Der kluge Fischer stammt aus der Feder des Nobelpreisträgers Heinrich Böll, und der Illustrator Émile Bravo hat sie in Szene gesetzt: In einem kleinen Hafen macht ein Fischer morgens seine Siesta. Ein Tourist weckt ihn durch das Klicken seines Fotoapparats und fragt, warum er nicht aufs Meer fahre. Der Fischer antwortet, er sei schon draußen gewesen. Warum er nicht noch einmal hinausfahre, fragt der Tourist. Mit der größeren Ausbeute könne er Schiffe und eine Fischfabrik kaufen. Am Ende wäre er so reich, dass er nicht mehr arbeiten bräuchte und morgens in der Sonne sitzen könnte. Darauf erwidert der Fischer: »Aber das mache ich doch gerade, nur das Klicken des Fotoapparats hat mich gestört.« Und so, wie ich diese wunderschöne Fabel für unseren Aufbruch in einem Kinderbuch fand, kam auch der erste Impuls zu dieser großen Veränderung von einem unserer Kinder. Denn unser Sohn Lukas wollte eines Tages nicht mehr in die Schule gehen.

Nie mehr Schule

Eigentlich begann alles schon 2015. Ein Jahr bevor wir unsere Zelte am Ammersee abbrachen, wollte Lukas nicht mehr zur Schule gehen. Im ersten Schuljahr hatte es ihm noch gut gefallen, vor allem auch weil er sich im Kindergarten gelangweilt und als Schulkind einen deutlichen Vorsprung vor seinen Geschwistern hatte. Er war der Große. Das wurde ihm zudem von allen ständig vor Augen gehalten. Irgendwann war mir das mal aufgefallen, und ich hatte aufgehört, einen solchen Hype darum zu machen. Mein Sohn kam in die Schule – schön, aber musste man das so dermaßen aufbauschen? Überall wurde ihm gesagt: Jetzt bist du dann schon richtig groß. Ui, du kommst in die Schule.

Was für ein Tamtam – aber natürlich hatte er nichts dagegen. Es gab ja Geschenke von den Omas und Opas und Freunden, als hätte er Geburtstag. Und in was für eine tolle Schule er da kam, wie gesagt, in die Sechser-im-Lotto-Schule. Drei Jahre vor unserem Aufbruch hatte ich einen Vortrag zum Thema Ernährung für die Kinder an der Montessorischule gehalten. Es war ein herrlicher Sommernachmittag, ich stand in der Aula, da ertönte ein Gong. Plötzlich wurden Türen aufgerissen, und von draußen strömten große und kleine Kinder herein, rannten mich fast über den Haufen.

»Wieso hast du es so eilig?«, fragte ich einen Zehnjährigen, der sich noch schnell das letzte Stück seines Brotes in den Mund schob.

»Der Unterricht geht weiter.«

»Am Nachmittag?«

»Da ist es am tollsten!« Und weg war er.

Völlig perplex blieb ich allein in der Aula zurück. So ging Schule also auch! Zu meiner Zeit sah Schule total anders aus. Lukas würde ein rundum glückliches Schulkind werden … hatten wir geglaubt.