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Warum sollte man ein Buch in die Hand nehmen, das im Titel "COVID" führt? Das Buch von Heipe Weiss handelt nur insofern von COVID, als ein vermeintlich Todgeweihter zwischen Frühjahr 2020 und Herbst 2021 73 Texte an seine Freundinnen und Freunde geschickt hat. Er lässt uns teilhaben an seiner Pariser Zeit 1970/71, schildert seine Tage an der Blutwäsche-Maschine, nimmt uns mit bei seinen Reflexionen zu Theweleit, Camus und anderen Philosophen und betrachtet die bundesdeutsche Gegenwartspolitik. Der Stil von Heipe Weiß ist distanziert und locker, als habe er mit allem nichts zu tun. Jedoch seziert er radikal, ironisch, antiautoritär und anarchistisch unser Alltagsleben. Gleichzeitig spielt er angstfrei mit Argumenten und Realitäten.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Heipe Weiss
Ave Covid
morituri te salutant
Herausgeber und © FraDo:Reinhold Daichendt, Alfred Diener, Ulrich Erhardt, Wolfgang Girchott, Michael Köhler, Dieter Müller, Bruno Piberhofer, Majid Semnar, Ernst Szebedits, Gert Vetter, Heipe Weiss, Dieter Wesp, Franz Zlunka
Frankfurt am Main 2022
Layout, Satz und Umschlaggestaltung: Dieter WespUmschlagfoto: Gert VetterPortrait Heipe Weiss: Ernst SzebeditsVorwort und Biografie: Gert Vetter, Bruno PiberhoferLektorat: Michael Köhler
Gedruckt ist dieses Buch erhältlich unter
ISBN: 978-3-754950-56-2
Verlag: Neopubli GmbHWebsite: epubli.de
Heipe Weiss
Ave Covid
morituri te salutant
Vorwort
Heipe Weiss fing im Frühling 2020 an, uns seine Ave Covid, morituri te salutant-Geschichten zuzusenden.
Uns, das ist eine Gruppe ehemaliger Sponti-Fußballer, die sich nach Ende ihrer Fußballerkarriere weiterhin donnerstags treffen, und zwar in einem Restaurant im Frankfurter Westend mit Namen Herr Franz. Daher unsere Bezeichnung FraDo (Franz am Donnerstag).1
Fast jede Woche schickte Heipe uns und weiteren Freundinnen und Freunden eine Folge der Ave Covid-Texte. Wir dachten zunächst nicht im Traum daran, diese Blattsammlung zu veröffentlichen. Anfangs lasen wir, zum Teil mit Freude, zum Teil mit Erstaunen und zum Teil mit Erschrecken, wie Heipe mit der für ihn sehr hohen Gefahr einer COVID-19-Infektion umging. Die assoziationsreiche, oft zwischen den Themen und Zeiten mehrmals hin und her wechselnde Betrachtung des deutschen Gesundheitswesens mit seinen Fallstricken und die Beschreibung des Alltags mit Rückblenden auf Ereignisse aus seinem Leben eröffneten uns eine einzigartige Sicht auf die bundesrepublikanische Wirklichkeit in der Zeit zwischen dem Frühling 2020 und dem Herbst 2021. In seinen Rückblenden lässt Heipe uns teilhaben an seinen und unseren anarchistischen und spontaneistischen Alltagsgeschichten. Er beschreibt gesellschaftliche und politische Situationen und Geschehnisse ohne Verbitterung, aber mit Humor und beißender Ironie.
So fiel es uns schon im Sommer 2021 nicht schwer, Heipe vorzuschlagen, seine Ave Covid, morituri te salutant-Sammlung, die in der Zwischenzeit auf 73 Texte angewachsen war, in Buchform zu veröffentlichen.
Ave Covid, morituri te salutant (1)
Was wir zurzeit erleben, erinnert überraschend an Das Jahr null eins, L’an zéro un, die Comicserie von Gébé bei Charlie Hebdo in den siebziger Jahren, und ihre spätere Verfilmung mit Coluche, Depardieu und anderen.
Der Unterschied zwischen der heutigen Realität und der damaligen (früh)ökologischen Utopie ist allerdings eklatant. Startete die Utopie vom Jahr 01, also dem ersten Jahr des kommenden Jahrtausends, beim Zeichner Gébé (Georges Blondeaux) als eine Initiative von unten – die Leute sagten: „On en a ras-le-bol“, wir haben die Schnauze voll, von „métro, boulot, dodo“ (U-Bahn, Maloche, müde ins Bett), der tagtäglichen, sinnlosen Hetze und Schufterei; „hören wir einfach auf und machen gar nichts mehr“, „On arrête tout“, „und schauen mal, was dann passiert“, „Et voyons voir, qu’est-ce que se passe“–, sieht es jetzt mit der sogenannten Corona-Krise doch eher so aus, als beginne das Ganze von ganz oben, sozusagen ex machina, verordnet per Ordre de mufti, quasi vom Staat persönlich, in Gestalt von Kanzlerin, Gesundheits-, Finanz- und Wirtschaftsminister, beraten vom obersten Virologen des Robert-Koch-Instituts, im Auftrag der allerhöchsten Instanz, mit einem ebenso unerbittlichen wie unheimlichen Diktator, einem mal eben so aus China sich herbeigeschlichen habenden viralen Krankheitserreger namens COVID-19, einem Winzling, ja Winzding von Virus, das ab jetzt die Krone auf hat und sich deshalb stolz und majestätisch Corona nennt.
Gemeinsam ist beiden, der ökolibertären Idee vom Jahr null eins und dem staatlich verordneten totalen „Shutdown“ unserer Tage, die offene Frage: Was passiert dann? Tscha, schaun mer mal.
Dann sehn wir schon? Ob das gut geht? Da darf der gewöhnliche Zeitgenosse getrost skeptisch bleiben.
Wird uns Die Maske des roten Todes (Edgar Allan Poe) verschonen? Und was kommt dann? Goldene Zeiten? Oder die vier apokalyptischen Reiter? Um konstruktive Vorschläge wird gebeten!
(24. März 2020)
Ave Covid, morituri te salutant (2)
Wir zurzeit situationsgedrungen in halbwegs freiwilliger Quarantäne zu Hause Bleibenden gleichen zwar insofern den Protagonisten der ökolibertären Siebziger-Jahre-Utopie vom L’an zéro un, dem Jahr null eins, dass auch wir so gut wie jede Arbeit im wirtschaftlichen Raum eingestellt haben. Aber bislang zeigt sich kaum jemand geneigt, sich erfreut über das vorläufige Ende des Arbeitslebens im Sessel zurückzulehnen oder, wie die Nulleinser-Arbeitsverweigerer der Utopie, nun in den damals seltsam modischen blauen Latzhosen auf grünen Wiesen herumzustreunen mit einer Margerite zwischen den Zähnen, und fröhlich vor sich hin zu grinsen. Vor allem, wenn ihm jemand begegnet, der anscheinend noch nicht gemerkt hat, was die Stunde geschlagen hat, und offensichtlich noch in irgendwelche Vor-Corona-Arbeits-, Konsum- und sonstige Stresszusammenhänge verwickelt ist.
Dennoch verhilft uns die öffentlich verordnete komplette gesellschaftliche Arbeitspause zu (wer weiß) genügend Zeit, darüber nachzudenken, was denn überhaupt unbedingt produziert und gearbeitet werden muss, wie das die Nulleinser nach dem Totalstopp der Arbeitstretmühle in der Utopie als Hauptbetätigung neben dem Latzhosentragen und Mit-Blumen-im-Mund-in-freier-Natur-Umherschlendern sich angelegen sein lassen.
Sehr weit sind wir in unserer öffentlichen Diskussion über solche Fragen bislang noch nicht vorgedrungen. Immerhin ist fast allen deutlich geworden, dass in Zukunft unsere wirtschaftlichen Prioritäten etwas anders gesetzt werden müssen. Das betrifft vor allem die Beschäftigten im Gesundheitswesen und in der Pflege. Jetzt, da der Mangel in diesen und anderen Bereichen überdeutlich geworden ist. Besser bezahlt werden sollen, heißt es allenthalben, in Zukunft all die, auf deren Leistungen wir, wie wir jetzt erfahren, dringend angewiesen sind. All die bislang mies bis bescheiden Verdienenden in den Pflegeberufen, die Kassierer und Kassiererinnen in den Supermärkten, die Saisonarbeiter in der Landwirtschaft, die Lagerhilfsarbeiter und die Lkw-Fahrer, die Briefträger und Auslieferungsfahrer und was derlei wenig geachtete und sonst auch kaum beachtete Berufsgruppen mehr sind, deren Arbeitsleistung aber nun in der Corona-Krise sich für uns alle unübersehbar als überlebensnotwendig für die Gesellschaft als Ganzes herausstellt.
Was wir sonst noch in Zukunft an unverzichtbaren gesellschaftlichen Dienstleistungen und an dringend fürs Überleben benötigten Produkten brauchen werden, wird sich erst in einiger Zeit genauer herauskristallisieren. Auch die Frage, was wir überhaupt nicht brauchen, jedenfalls nicht mehr unbedingt brauchen, worauf wir in Zukunft getrost verzichten können, wird sich erst nach und nach beantworten lassen. Aber einiges lässt sich bereits vorab vermuten, wir sollten schon mal anfangen, Listen aufzustellen. Was kann weg, was brauchen wir auf keinen Fall, und was wäre denn im Prinzip wünschenswert, und was nicht? Wie ja auch die Debatte langsam anfangen könnte, wie die Lohn- und Entgeltepalette entsprechend den gesellschaftlichen Prioritäten verändert werden sollte – muss ja nicht gleich so sein, dass unsere wackeren Müllmänner genauso viel verdienen wie die Fußballstars oder dass die Einkommen von Altenpflegern mit den Einkommen und Tantiemen von Topmanagern, Börsenspekulanten, Hedgefonds-Algorithmikern, Wohnungsmaklern, Promianwälten, Spindoktoren und Konzerneigentümern gleichziehen. Aber passieren muss da schon was.
Aber all das sind Dinge, über die in den nächsten Wochen nachzudenken uns unerwarteterweise etwas Zeit geschenkt worden ist. Nur genau jetzt denken wir erst einmal über anderes nach. Über etwas, das erheblich bedrohlicher ist. Wo uns, wie das alte Sprichwort sagt, das Hemd näher ist als der Rock. Und die große Angst, die uns alle streift, ist die Befürchtung, dieses Hemd könnte sich als unser Totenhemd herausstellen. Doch stellt sich neben diesem uralten Memento mori immer auch die Weisheit des „Carpe diem“ als unabweisbar heraus.
Allerdings: Auch dem stoischsten Vertreter der sarkastischen Fraktion, der seit Langem nach der Devise lebt „Vergnüge dich heute so, als sei es dein letzter Tag, denn wie Epikur sagt, der Tod geht uns nichts an, wenn der kommt, leben wir ja nicht mehr“ – diesem überzeugt pessimistischen Optimisten geht, wer hätte es gedacht, trotz der unabweisbar tröstlichen Gewissheit der Steiß gewaltig auf Grundeis, wenn es sich plötzlich herausstellt, dass genau heute das tatsächlich der letzte Tag ist. Und urplötzlich beginnen wir zu verstehen, wie es den Gladiatoren im alten Rom zumute gewesen ist, wenn sie in die Arena einmarschiert sind und dem Caesar das Ave der Morituri zuriefen.
Wer so wie meine Mitpatientinnen und -patienten und Leidensgenossinnen und -genossen seit Jahr und Tag dreimal die Woche frühmorgens im Foyer des Dialysezentrums darauf wartet, in die Hallen eingelassen zu werden, um dort an die Überlebensmaschinen der Blutwäschedialysatoren für Niereninsuffiziente angeschlossen zu werden, kann nach einiger Zeit ein Liedchen davon singen, wie man mit so einem Lebensgefühl auf Dauer umzugehen lernt.
(31. März 2020)
Ave Covid, moribundi te salutant (3)
Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord.
In den Kesseln, da faulte das Wasser, und täglich ging einer über Bord.
Die gegenwärtige Situation allgemeiner Lähmung angesichts der Bedrohung durch die Corona-Pandemie ist nicht so einzigartig, wie sie uns Zeitgenossen zunächst erscheinen mag. Die Denkpause, die uns der weitgehende Shutdown fast aller wirtschaftlichen Aktivität und das Stillhalten in der staatlich verordneten häuslichen Quarantäne gnädigerweise vergönnt, legt nahe, über vergleichbare historische Ereignisse nachzudenken. Der französische Präsident Macron, der wegen seiner Kriegsrhetorik –„Nous sommes en guerre“ – vielfach der Übertreibung bezichtigt wird, hat in gewisser Hinsicht gar nicht so unrecht.
Die allgemeine Mobilmachung zu Beginn großer Kriege hat zumindest in wirtschaftlicher Hinsicht mit der gegenwärtigen Lage einiges gemeinsam – auch wenn es eher nach einer Demobilisierung aussieht, bedeutet die massenhafte häusliche Quarantäne doch, dass ein Großteil der in der Wirtschaft Beschäftigten ausfällt; Produktion, Handel und Dienstleitungen kommen in weiten Bereichen zum Stillstand. So wie die Autoindustrie, die zurzeit kaum Fahrzeuge verkaufen kann, ihre Produktion auf die Herstellung von Atemgeräten und Gesichtsmasken umzustellen beginnt, wird generell in Kriegszeiten auf die Produktion von Granaten und Kanonen umgerüstet, und ähnlich wie jetzt die zuvor unter Arbeitsverbot gestellten Asylbewerber und noch nicht anerkannten Kriegsflüchtlinge bei den unter Hilfsarbeitermangel leidenden Bauern als Helfer in der Spargelernte einspringen müssen, sind im Ersten und Zweiten Weltkrieg plötzlich die Frauen gefragt gewesen, die in den Waffenfabriken an die Fließbänder mussten.
Klar, bei der Corona-Pandemie wird es nicht darauf ankommen, dass sich die zur Armee einberufenen Männer mit der Waffe in der Hand um das Massakrieren anderer Soldaten „verdient“ machen sollen, um anschließend als „Helden der Nation“ gefeiert zu werden. Heldenhaft, da sind sich alle einig, ist zurzeit der Einsatz des Medizinpersonals, und zwar bei der Rettung von Menschenleben, was einen Unterschied ums Ganze macht. Ähnlich wie im Kriegsfall ist allerdings die allgemeine Furcht, und zwar so gut wie aller, um ihr eigenes Leben, oder wenigstens um das ihrer Angehörigen.
Wenn wir also nach ähnlichen gesellschaftlichen Befindlichkeiten in der Vergangenheit suchen, müssen wir nicht bloß an Seuchenjahre wie die Zeiten der Spanischen Grippe um 1919 oder die Kinderlähmungsepidemie in den fünfziger Jahren denken. Auf der Suche nach Beschreibungen dieser Befindlichkeiten angesichts einer allgemeinen tödlichen Bedrohung müssen wir nicht auf Camus’ Pest, das Dekameron, die Maske des roten Todes von Edgar Allan Poe, Thomas Manns Zauberberg oder ähnliche Literatur zurückgreifen, wir werden auch in der reichlichen Literatur fündig, die in den zwanziger und den fünfziger Jahren versuchte, die „Kriegserfahrungen“, wie man das beschönigend nannte, halbwegs literarisch zu verarbeiten.
Albert Camus’ Roman Die Pest von 1946/47 kann man als realistischen Report lesen über die Quarantäne einer ganzen Stadt, des algerischen Oran, über eine anscheinend endlos dauernde, wahllos und zahllos die Menschen dieser Stadt hinraffende Seuche. Zwischen den Zeilen dieses Romans jedoch drängt sich dem Leser unwillkürlich eine Ahnung davon auf, dass es dem Autor dabei mehr um die Verarbeitung der gerade erst überstandenen Phase der Besetzung Frankreichs durch mordwütige deutsche Truppen geht und das Lebensgefühl, das die Lage der französischen Intellektuellen in dieser Zeit bestimmt, die in der Résistance engagiert sind und praktisch Tag für Tag um ihr Leben fürchten müssen, weil sie damit rechnen, dass es morgens um fünf bei ihnen klingelt und es nicht der Milchmann ist.
Die Philosophie dieser Zeit ist denn auch nicht unerwartet der Existentialismus, der im Hauptwerk seines Erfinders, Martin Heidegger, mit dem leicht größenwahnsinnig anmutenden Titel Sein und Zeit mit der Behauptung beginnt, die Hauptfrage, vor der sich alle drückten, sei die nach dem bevorstehenden Tod. Eine Sicht der Welt, die allerdings verständlich ist, wenn man bedenkt, dass die Generation der zwanziger Jahre ihre Jugend in den Schützengräben vor Verdun verbracht hat. Täglich den eigenen Tod vor Augen.
„Nous sommes en guerre“, sagt der französische Präsident. Und beschreibt damit recht präzise die Angststarre, die unsere Gesellschaft zurzeit angesichts der Corona-Pandemie erfasst hat. Und vergisst dabei, dass die tatsächlich akut vom Sterben infolge der Seuche bedrohten Bevölkerungsgruppen, also die über Achtzigjährigen und die an mehrfachen Vorerkrankungen Leidenden, sich auch ohne die derzeitige Bedrohung durch Corona schon lange in diesem Zustand befinden, gewissermaßen „Tote auf Abruf“ zu sein.
Das, so dekretiert es der Existentialismus, sei generell die „Condition humaine“. Eine Auffassung vom Leben, die sich als posttraumatische Wahnidee, nach den Schrecken und Grausamkeiten des Massensterbens und -tötens, als bleibende Verrücktheit der Überlebenden der Kriegsschlächtereien durchaus verstehen lässt. Aber übernehmen müssen wir diese pessimistische Sicht auf die Welt und unser Leben wahrlich nicht, und das macht auch den Unterschied aus zwischen verstehen und Verständnis zeigen.
Wie gehen wir mit der sogenannten Corona-Krise um? Was kommt danach? Wir werden über den Tod der an der Corona-Seuche sterbenden Morituri trauern müssen, auch wenn wir wissen, dass sie ohnehin, auch ohne Seuche, in den nächsten drei Jahrzehnten gestorben wären. Und wir sie in diesen zehn, zwanzig, dreißig Jahren nicht mehr werden verlieren können, da sie ja dann längst tot sind. Aber über die sinkenden Sterberaten der nächsten Jahrzehnte, darüber redet verständlicherweise in der gegenwärtigen Situation niemand – wozu auch?
(2. April 2020)
Ave Covid, morituri te salutant (4)
Grundgesetz – auf Grund gesetzt?
Wie viele Grundrechte dank Corona kurz- oder mittelfristig mal eben so außer Kraft gesetzt werden, ist schon beeindruckend. Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit, Gewerbefreiheit, Freiheit der Berufsausübung, all diese Dinge, die wir gewöhnlich für selbstverständlich halten, sind – vorübergehend? – eingeschränkt. Wenn nicht gar völlig eliminiert. Angeblich zugunsten des Rechts auf Leben. Das, so heißt es, werde wohl ein jeder einsehen. Common Sense, oder – wie die irreführende deutsche Version lautet – der gesunde Menschenverstand. Als ob es einen ungesunden Menschenverstand gäbe. Den sollten wir dann lieber – ehrlicherweise – Schwarmdummheit nennen.
Irgendwer hat in den letzten Wochen erklärt, wir würden uns noch wundern, welche Kompetenzen den Regierenden für den Fall eines Ausnahmezustands vom Gesetz her eingeräumt würden – da seien die alten Notstandsgesetze, gegen die es 1968 reichlich Opposition gegeben habe, ein Kinkerlitzchen gewesen. Zu verdanken hätten wir diese extrem weit gehenden Möglichkeiten zur Einschränkung des Grundgesetzes ausgerechnet unserm ach so korrekten, linken Ex-„RAF-Anwalt“ Otto Schily, der als sozialdemokratischer Innenminister in der rot-grünen Regierungszeit gezeigt habe, wozu ein echter Preuße in der Lage ist. Er habe still und heimlich in rasantem Tempo, ohne dass die Öffentlichkeit größer davon Notiz genommen hätte, im Schnellverfahren die entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen zur Quasiabschaffung des Grundgesetzes in Notstandszeiten via Parlament und Bundesrat durchgeboxt. Und was das alles beinhalte, das könnten wir jetzt angesichts des Corona-Ausnahmezustands gleichsam hautnah erleben.
Nehmen wir zum Beispiel die Versammlungsfreiheit. Wenn bei dem jetzigen wunderschön sonnigen Frühjahrswetter in der Osterzeit mehr als zwei Personen zusammen an der frischen Luft im Park wandeln oder sonst wo in der „Öffentlichkeit“ (falls man davon überhaupt noch sprechen kann, wo doch kaum noch etwas offen ist – da kann Hölderlin noch so freundlich mahnen „Komm! ins Offene“), dann ist das bereits ein Fall für die Polizei. Und ein Strafgeld ist fällig.
In meiner Erinnerung habe ich so etwas nur einmal erlebt, im Sommer 1968 in Paris, im Quartier Latin. Unten am Ende des Boul’Mich, des Boulevard Saint-Michel, am Rand der Seine, wo an der Kaimauer sonst die Bouquinisten auf die Touristen oder diverse Liebhaber antiquarischer Bücher und Zeitschriften warten, standen die vielen jungen sonntäglichen Flaneure auffälligerweise immer nur zu zweit auf dem Platz vor dem Brunnen des heiligen Michael herum. Einem Brunnen, in dem laut einer Mutmaßung der Satirezeitschrift, die damals noch (L’Hebdo) Hara-Kiri hieß (bis sie wegen der Schlagzeile „Bal tragique à Colombey – 1 mort“ zu de Gaulles Tod verboten wurde und prompt eine Woche später als Charlie Hebdo wieder erschien), wohl der Goldschatz der französischen Republik versteckt sein müsse. Denn er war derart militärisch gesichert, dass tatsächlich mehrere hochbewaffnete Hundertschaften der Bürgerkriegstruppe CRS (Compagnies Républicains de Sécurité) aufmarschiert waren.
Ähnlich bewacht werden muss offensichtlich dieser Tage der Osterspaziergang – vom Eise befreit und schon von Corona bedroht. Allerdings betrifft es diesmal kein abgegrenztes Terrain, wie 1968 das Quartier Latin in Paris, sondern das ganze Land. Beziehungsweise den ganzen Kontinent und mehr. Auslöser ist überdies heutzutage keineswegs ein Aufstand der Bevölkerung oder ein von den Werktätigen organisierter Generalstreik, der das gesamte Land so gut wie komplett lahmlegt, sondern schlicht Angst. Die kein guter Ratgeber sein soll. „Ick bin de arme Kunrad“, hieß es in den Zeiten, die zum Bauernkrieg des 16. Jahrhunderts führen sollten, „un wiss mir kun Rat.“ Angst, Furcht, Ratlosigkeit. Furchtbare Zeiten.
(5. April 2020)
Ave Covid, morituri te salutant (5)
Take it diseasy
(but take it!)
Was wir für neue Vokabeln lernen. Nosokomial zum Beispiel. Eine Nosokomie ist laut dem Pschyrembel eine im Krankenhaus erworbene Infektion. Experten (wunderliche Wesen, äh, Weise) weisen darauf hin, dass diese Nosokomie – ähnlich wie die fatalen multiresistenten Krankenhauskeime, an denen jährlich Tausende von Krankenhauspatienten sterben – während der Corona-Pandemie zunehmend an Bedeutung gewinnen wird, eine Bildung von „Clustern“ wie auch in Altenheimen bewirken könnte. Cluster, noch so ein neues Modewort, das bislang überwiegend positiv konnotiert benutzt wurde – eine erfreulich enge Zusammenarbeit im wissenschaftlichen oder industriellen Bereich meinend. Nun also Cluster auch im Zusammenhang mit Seuchenherden.
Unsere Dialysezentren sind um die Vorsorge vor ansteckenden Keimen und anderen Krankheitserregern ebenso besorgte wie erfahrene Einrichtungen. Hat man es hier doch täglich mit Patienten zu tun, denen mit Nadeln in den Arm gepikt wird, um kontinuierlich einen halben Liter Blut zwecks Reinigung aus ihrem Körper heraus in die Dialysemaschine zu pumpen und anschließend wieder zurück. Dass deshalb hier besonders auf Hygiene geachtet werden muss, ist überlebensnotwendig für die Patienten. Aber auch die Pfleger und Ärzte müssen darauf achten, sich nicht anzustecken, denn eine Weiteransteckung ihrer Patienten könnte sich für diese letal auswirken – letal, oder Letalität, eine freundliche medizinische Bezeichnung für einen höchst tödlichen Ausgang.
Insofern bilden die Dialysezentren ähnlich wie Intensivstationen in den Krankenhäusern ein anschauliches Beispiel dafür, was der angesichts der COVID-19-Bedrohung besonders gefährdete Teil der Bevölkerung zu erwarten hat: Dann, wenn die angekündigte „Lockerung“ oder gar „Befreiung“ der Restbevölkerung von der allgemeinen Quarantäneanordnung endlich stattfindet, der „Lockdown“ – der die Wirtschaft insgesamt lähmende und die meisten Klein- und Mittelbetriebe wie die kulturellen Einzelkämpfer (Scheinselbstständigen) der Insolvenz entgegentreibende Stillstand – wie dringlich erwartet endlich ein Ende findet. (Ende ungut, alles ungut.)
Die Pflegerinnen und Pfleger, Ärztinnen und Ärzte unseres Dialysezentrums tragen schon seit zwei Wochen Schutzmasken, unseren Taxifahrern wurde verordnet, immer nur noch einen Patienten pro Fahrt zu transportieren und diesen lonely Fahrgast hinten sitzen zu lassen. Vermutlich, um einer der Nosokomie ähnlichen Transporto- alias Taxikomie vorzubeugen. Bei uns Patienten haben diese Maßnahmen dazu beigetragen, unsere krankheitsbedingt ohnehin ausgeprägte Nosophobie (krankhafte Angst, krank zu werden) in ungeahnte Höhen zu katapultieren. Bevor diese explosionsartige Erhöhung des Panikniveaus zu einer ausweglosen Selbstisolation führen kann (wie beim Altersmilliardär Howard Hughes, der sich in einem allen Fremden unzugänglichen Stockwerk eines seiner Hotelhochhäuser in Las Vegas einsam die Fingernägel auswachsen ließ wie ein chinesischer Mandarin und im eigenen Heimkino permanent die von ihm produzierten Spielfilme anschaute, dank Demenz immer wieder völlig neue, spannende Reißer, meist mit John Wayne oder ähnlichen Hollywood-Heroen, meist auch mit Happy End), hat die Dialysezentrumsbetreiberzentrale gestern nun an uns Patienten jeweils eine hochwertige, waschbare Mund- und Nasenschutzmaske verteilen lassen. Mit der Maßgabe, ab jetzt gelte für die Dialysezeit wie für den Hin- und Rücktransport Maskenpflicht. Überdies seien die Masken zweimal wöchentlich bei 60 Grad zu waschen; wie man das mit nur einer Maske bewerkstelligen soll, blieb unerwähnt.
Immerhin Gratismasken. Schutzmasken waren in den letzten Wochen echte Mangelware, ähnlich wie Desinfektionsspray oder wie, völlig überraschend, auch Klopapier. Welche Kollateralschäden die Corona-Krise noch alles im Gepäck hat, werden die nächsten Wochen zeigen. Unerwartete Details werden fehlen, vielleicht wird es Engpässe bei so was wie den kleinen Schläuchen für den Sauerstoffzufluss der Intensivpatienten geben, oder bei den Druckerpatronen für das Homeoffice, oder man glaubt es kaum, ausgerechnet bei den Staubsaugerbeuteln.
Aber die armen, am Ende oder genauer gesagt am Anfang der Billigkonfektionslieferkette sitzenden, dank Auftragsstaus der Modehäuser von der plötzlichen Arbeitslosigkeit bedrohten Näherinnen in Indien, Bangladesch und anderswo werden aufatmen. Wenn endlich die Bestellungen aus den reichen westlichen Nationen kommen, massenhaft solche Gesichtsmasken herzustellen, die in den letzten Wochen in unseren Breiten zu milden Gaben geworden sind, von mitmenschlich denkenden Nachbarn, Freunden oder Verwandten in Fünferpacks in unsere Briefkästen geworfen, in Sorge wegen der besonderen Gefährdung der Risikogruppen: der mit Vorerkrankungen Behafteten oder derer, die die Altersgrenze überschritten haben, der Siebzigjährigen und älter, allesamt potenzielle Patienten mit „letalem“ Ausgang bei einer drohenden Ansteckung.
Dankbar noch über diese milden Gaben nachsinnend – „coming all the way from China“ –, plagt uns andererseits zunehmend der Gedanke, dass es doch angesichts der angekündigten allgemeinen Gesichtsmaskenpflicht zu erheblichen Widersprüchen kommen könnte: wenn man bedenkt, dass das altbekannte generelle Vermummungsverbot in scharfem Gegensatz steht zu Programmen der Gesichtserkennung und dem (die Ausbreitungswege der epidemischen Ansteckung erhellenden) Trackingprogramm, das wir uns möglichst alle total freiwillig auf unsere ambulanten Abhörvorrichtungen – äh, Mobilfunkgeräte – laden sollen. Aber all das sind (für maoistisch geschulte Vollmarxisten) vermutlich nur Widersprüche im Volk, keinesfalls Antagonismen (im Klassenkampf). Und das könnte überraschend wichtig werden. Jetzt, angesichts der kommenden Ostermärsche. Aber andererseits: Wozu haben wir denn eigentlich die Polizei?
(9. April 2020)
Ave Covid, morituri te salutant (6)
Trotz genereller Ausgangsperre haben wir das Osterwochenende in unserer Datscha im Saarland verbracht, in dem kleinen Reihenhaus mit großem, dahinterliegendem Garten, dem zweistöckigen Acht-Zimmer-Häuschen, das als überkommenes Erbe vom einst beachtlich großen Bauernhof des Großvaters übrig geblieben ist. Trotz der angekündigten Polizeikontrollen zur Verhinderung von Wochenendurlauben haben wir die Reise aus der Metropole Frankfurt am Main ins heimelige Nordsaarland gewagt, ausgerüstet für die Rückkehr mit Passierscheinen des Arbeitgebers einerseits und des Dialysezentrums andererseits, darauf vertrauend, zur (wöchentlich) geplanten Heimreise vom Arbeits- respektive Pflegeort im Rhein-Main-Gebiet zu unserem ersten Wohnsitz im Vorland des Hunsrücks berechtigt zu sein.
Dort bei Kaiserwetter im sonnendurchfluteten Garten hinterm Haus auf der Hollywood-Schaukel zu sitzen und Löcher in die Luft zu starren lässt einen in Gedanken zu Tolstois Krieg und Frieden schweifen, in dem die Familien – ähnlich wie wir aus der coronabedrohten Großstadt – mit Kutschen, Kind und Kegel aus dem brennenden Moskau fliehen und auf die Landgüter ihrer Verwandten in den Weiten des ländlichen Russland ausweichen, um dort das friedliche Leben zu genießen und beschauliche Tage zu verbringen, weit ab von der Weltgeschichte und den mit ihr verbundenen schrecklichen Geschehnissen. Zwar fällt für uns die Möglichkeit, in den angrenzenden Wäldern mit Halali hallo auf die Jagd zu gehen, verständlicherweise flach, doch genießen wir die ungewöhnliche Ruhe und den Frieden hier auf dem Land. Selbst vor dem Haus auf der Durchgangsstraße fehlt der sonst übliche Wochenendausflugsverkehrslärm, nicht einmal das von Frühlings- und Sommersonnenwochenenden gewohnte Röhren der Pulks schwerer mehrzylindrischer Motorräder ist zu hören, die gleichsam als „knatterndes Dutzend“ viertelstündlich von Ausflugsziel zu Kurvenstrecke und weiter zum nächsten Ausflugsziel rasen.
Die zahlreichen Polizeikontrollen waren vor allem rund um die wenigen Naherholungsgebiete im Saarland angekündigt, das sich im Rundfunk selbst emphatisch als „das schönste Bundesland der Welt“ tituliert, wie an den beiden Badeseen im Vorderhunsrück, dem Stausee der Bos im Bostal und der durch den Dammbau für die Umgehungsstraße aufgestauten, unter Wasser gesetzten Wiese im Nachbarort, der sich seitdem stolz Losheim am See nennt. Die Parkplätze dort sind sicherheitshalber gesperrt, das Brauhausrestaurant am Ufer der etwas größeren, hüfthohen Regenpfütze, die See genannt wird, ist ohnehin geschlossen. Wir selbst haben weder bei der Hin- noch bei der Rückfahrt irgendwelche Verkehrskontrollen passiert, und am oklahomablauen Frühlingshimmel sind keine Hubschrauber (wie dem Hörensagen nach in Heidelberg, du feine, oder Frankfurt am Main auf der Jagd nach Versammlungsverbotsmissachtern, ja, Kontaktsucher-Tätern) zu sehen, geschweige denn zu hören. Nur die vielen Singvögel zwitschern lauter und vielstimmiger als sonst. Wenn man darauf verzichtet, den Fernseher einzuschalten, und auch den Blick auf die „News“-Spalten des Smartphones verschmäht, verschwinden Hysterie und Aufgeregtheit der Epidemien- und Ausgangssperrenwelt weit, weit, weit hinterm Horizont.
Nur die am Gartenrand zum Nachbargespräch sich einfindenden Familienmitglieder aus den beiden angrenzenden Häusern des Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Drei-Bauernhof-Ensembles wissen zu berichten, erst gestern habe man im Ort eine Gruppe von acht oder neun unverbesserlichen Zusammenstehenden „ufflöse“ müssen. Aber sonst hielten sich alle im Dorf an die Versammlungsverbote. Selbst im Supermarkt in der Nachbargemeinde sei gut einkaufen, jedenfalls an Werktagen, die Woche über, gähnende Leere in den sonst überfüllten Verkaufsräumen, nur die Kleider- und Sonstiges-Regalreihen seien mit Absperrbändern als unzugänglich gekennzeichnet. Lebensmittel hingegen gebe es in Hülle und Fülle, auch Klopapier oder Küchenrollen – kein Problem, alles da.
Dass man sich vorsehen müsse – wir halten fast fünf Meter Abstand, vom Gartenweg über die Beete hinweg zur Nachbargartengrenze –, sei schon wichtig. Alle drei Häuser haben Fälle von Hochgefährdeten im Haus, wegen Multimorbidität; wegen Dialysepflicht hier, generell jedoch wegen der über Siebzigjährigen in allen drei Häusern. Der unmittelbare Nachbar, der kurz nach seinem ersten Schlaganfall das Glück hatte, seine Krankenpflegerin heiraten zu dürfen, ist laut ihrer Aussage froh, wieder zurück zu sein aus der Reha, wohin er nach seinem fünften Schlaganfall musste. Denn in den Pflege- und Altersheimen im Saarland tobt die Corona-Seuche, Hotspots, wie man auf Neu-Corona-Deutsch sagt. Hier zu Hause hat er nur die üblichen Kopfschmerzen, und auf die Straße traut er sich eh nicht. Im übernächsten Haus leidet die Oma unter den Folgen der Chemotherapie, der sie sich wegen Krebs unterziehen musste. Und das, nachdem sie sich nun seit ein paar Jahren abgequält hat mit der äußerst schwierigen und psychisch belastenden Pflege der dementen, im hohen Alter zur kratzbürstigen, schlecht gelaunten Furie gewandelten Uroma, sie, die ihr Lebtag lang vorher ein Engel und ein Ausbund an Geduld und Sanftmut war. Drei Häuser nebeneinander, drei, vier oder fünf Morituri auf engem, nachbarschaftlichem Grund. Anlass genug, mit Außenstehenden möglichst keinen Kontakt aufzunehmen. Währenddessen muss der aufgeweckte fünfjährige Urenkel von der Familie zurückgerufen werden, weil er sich neugierig dem Dialysepflichtigen nähert, um zu fragen, was der denn da mache mit dem kleinen Holzfeuer, das die Glut für den „Schwenker“, wie man im Saarland den Grill nennt, hergeben soll.
Von diesem Nachbarschafts-Shorttalk (Schwätzchen, „majen“ auf Moselfränkisch) abgesehen vergeht das Wochenende mit Gartenarbeit in der Sonne, Freude über die erstmals seit drei Jahren wunderhübsch aufblühende Kamelienpflanze, Genugtuung darüber, dass im kleinen Teich nach Spülung mit frischem Wasser die Algentrübung schwindet und sich herausstellt, dass in diesem Winter alle elf roten, gelben, weiß-roten und blaugrünen Zierfische das tagelange Zufrieren der Teichoberfläche problemlos überlebt haben. Überleben, da machen sie uns Corona-Bedrohten etwas vor.
Gut, dieses Jahr müssen wir nicht nach Yutz bei Thionville (ehemals zu Kaisers Zeiten noch Diedenhofen) in den bricolage (Baumarkt) fahren, um die drei oder vier Winteropfer an Teichgold- durch winzige Jungfische zu ersetzen, die man dort erstehen und in mit Wasser gefüllten, durchsichtigen Plastiktütchen zurück ins Saarland verbringen kann. Das ginge auch gar nicht, da wegen Corona die Grenzen am Dreiländereck dicht sind, ausgerechnet bei Schengen, dem Ort, der nach dem gleichnamigen Abkommen benannt ist, bloß weil es dort auf einer kleinen betonierten, schiffförmigen Insel mitten im Moselstrom beschlossen, verkündet und besiegelt worden ist, vor Jahr und Tag.
Was die EU wert ist, erweist sich jetzt angesichts der Krise. Es ist schlimmer als früher, als hier noch risikoreich zwischen Luxemburg, dem Saarland und Frankreich hin und her geschmuggelt werden musste und sich an den Grenzschranken Wochenende für Wochenende lange Schlangen bildeten. Heute läuft gar nichts mehr. Kein kleiner Grenzverkehr. La France Nord-est, wie der Zusammenschluss von Elsass, Lothringen und Champagne neuerdings heißt, ist Corona-Hochrisikogebiet mit strenger Ausgangssperre. (Wie es den französischen Cousinen und ihren ebenso betagten Gatten wohl geht? Letztes Jahresende hat man sich noch Grußkarten zukommen lassen.) Und auch Luxemburg hat die Grenzen dichtgemacht. Also kein Ausflug nach Schengen, um dort billig zu tanken, italienischen Espresso zum halben Preis im Vergleich zu Deutschland zu erstehen oder billige Zigaretten gleich stangenweise zum Herüberschmuggeln ins Saarland. Aber wer raucht auch jetzt noch, wo das Rauchen als eine Ursache für COPD (chronisch obstruktive Lungenkrankheit) gilt und damit auch für einen schlimmen (möglicherweise letalen – tödlichen) Verlauf der COVID-19-Lungenentzündung verantwortlich gemacht wird?
Auch der Ausflug nach dem auf der anderen Moselseite liegenden kleinen Ort Sierck-les-Bains mit der wunderschönen mittelalterlichen Burganlage hoch überm Fluss und dem französischen Mousquetaires-Supermarkt entfällt, wo man sich sonst immer die neueste Ausgabe von Charlie Hebdo besorgen oder neben verschiedenen Käsesorten von Chèvre bis Camembert vor allem die kleinen Apéro-Käsewürfelchen von La vache qui rit kaufen kann. Die dienen dann als Nachschub für die kleine Freude am frühen Morgen dreimal die Woche vor der Dialysesitzung, beim kurzen Treffen der ersten Patienten in der Vorhalle vor dem Eingang des Dialysezen-trums, wo man vor dem Öffnen der Tür noch ein kleines Schwätzchen hält und sich gegenseitig erfreut mit an sich verbotenen Kleinigkeiten, die man sonst als Dialysepatient nicht essen darf, zum Beispiel Bananen, Süßigkeiten oder eben Schmelzkäse. Jetzt, kurz vor der Dialyse, kann man sich diesen kleinen Genuss gegenseitig gönnen und sich ebenso gegenseitig ein wenig sein jeweiliges Leid klagen.
Als Morituri unter sich, versteht sich.
(14. April 2020)
Ave Covid, morituri te salutant (7)
Was einem so alles durch den Kopf geht, wenn man sich wie in einem Belagerungszustand fühlt. Nicht nur vor langer Zeit einmal übersetzte Bücher fallen einem ein, wie Victor Serges Eroberte Stadt, ein Roman, in dem er die Situation von Sankt Petersburg schildert, nach dem „Sieg“ der Bolschewiki in der Oktoberrevolution. Wobei man, anders als es der Titel des Buches besagt, vielmehr von einer belagerten Stadt sprechen müsste, da unweit im Norden britische Truppen sich auf einen Angriff vorbereiten und überall im Land die diversen politischen Gruppen miteinander im Bürgerkrieg sind.
Auch wenn dieses Bild vom Belagerungszustand im „Krieg“ gegen das Corona-Virus hinten und vorne nicht stimmt, taucht plötzlich unverhofft aus dem Unbewussten eine Erinnerung auf, wie ich als Zwei- oder Dreijähriger erstmals im Leben eine ähnliche Situation erlebt habe, eine tatsächlich totale Ausgangssperre. Meine ältere Schwester war noch dabei, es muss also vor der Kinderlähmungsepidemie gewesen sein, denn da war ich vier und sie acht Jahre alt. Wir standen, Eltern, Opa, die ein paar Jahre ältere Schwester und ich, im ersten Stock am mit einem Tuch verhängten Fenster und linsten auf die Straße. Damit das von draußen nicht bemerkt wurde, musste vorher im Zimmer das Licht gelöscht werden, denn es war völlige Verdunkelung angeordnet. Draußen auf der Straße staute sich ein kilometerlanger Konvoi, von Militärfahrzeugen, Truppentransporter-Lkw, Kettenfahrzeugen, kleinen Panzern, Jeeps: französische Truppen bei einer Übung, ein Großmanöver im besetzten Saarland, der richtige Krieg war erst etwa fünf Jahre vorbei.
Meine Eltern waren nervös, das spürte ich, auch wenn ich noch nicht wusste, was echte Angst bedeutet. In meiner Fantasie sehe ich sie zittern, obwohl … als Bilder hab ich nur die Militärfahrzeuge im Kopf, die deshalb so lange auf der Durchgangsstraße vor dem Haus anhalten mussten, weil sie einen Panzer mit hohem Turm dabei hatten, der unter der Stromleitung, die über die Straße gespannt war, nicht so einfach hindurchpasste.
Ein paar Jahre lang lag neben der Straße und neben dem Bahngleis zwischen Völklingen und Saarbrücken in der dort vielleicht hüfthohen Saar ein Panzer auf der Seite, der bei diesem oder einem anderen Manöver vom glatten Kopfsteinpflaster abgerutscht und in den Fluss gestürzt war. Dieser havarierte Besatzerpanzer im Wasser rang den im Zug vorbeifahrenden Saarländern noch nach Monaten, solang er da lag, ein hämisches Lächeln ab – die Franzosen waren zu jener Zeit im Saarland keineswegs beliebt.
Aber wir sind heute in keiner Bürgerkriegssituation, und auch in keinem echten Belagerungszustand. Wir haben es lediglich mit einer Epidemie zu tun, und nur die unentwegt in allen Medien, ob Fernsehen, Radio, Zeitungen oder Internet, heruntergebeteten Ansteckungszahlen und Todesstatistiken und Vorsichtsmaßregeln und Selbstisolierungsempfehlungen und Maskenpflichten und Testreihen und was derlei durch den Äther schwebende Informationsfluten mehr sind, sie alle machen uns zunehmend Angst und verwirren sich in ihrer Vielfalt zu einem undurchschaubaren Zahlen- und Datengespinst, das alles Erdenkliche dazu beiträgt, uns infolge seiner Undurchschaubarkeit noch weiter in Panik zu versetzen.
Durchschaubarkeit wäre eine Möglichkeit, die tatsächlichen Probleme und Gefahren realistisch einzuschätzen, sich ein nüchternes Bild von der aktuellen Situation zu machen. Nüchtern, also eher unsentimental, lassen sich gesellschaftliche und historische Gegebenheiten unter rein statistischem Blickwinkel betrachten; Zahlen, die nur dann zu einem zynischen Ergebnis führen, wenn man sie als quasi natürlich, gewissermaßen gottgegeben, als unvermeidlich und unserem rationalen Eingreifen deshalb grundsätzlich entzogen ansieht. Wir sollten deswegen auf keinen Fall aus den Augen verlieren, dass sich mit solchen Milchmädchenrechnungen keine gesicherten Zukunftsvoraussagen treffen lassen, wie sie Bevölkerungsstatistiken zumindest dann nahelegen, wenn sie sich mit Hochrechnungen dynamischer Entwicklungen befassen und sich nicht, wie es ihnen ansteht, auf die Interpretation vergangener und insofern gesicherter Daten beschränken.
Die Milchmädchenrechnung, die sich bevölkerungsstatistisch aus einer Interpretation der uns in den letzten Wochen zugänglich gemachten Infektions- und Sterbedaten infolge der Corona-Epidemie für die nahe Zukunft ergibt, ist insofern ausgesprochen skeptisch zu bewerten. Es muss nicht so oder ganz anders kommen, es kommt vor allem darauf an, welche Rahmenbedingungen wir annehmen beziehungsweise, wie wir diese in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten potenziell verändern.
Die erste Annahme in allen gegenwärtigen Prognosen über den Verlauf der Epidemie heißt, dass zurzeit, und in nächster Zeit auch nicht, wirksame Medikamente zur Behandlung von Patienten, die an der durch COVID-19 verursachten Lungenentzündung leiden, zur Verfügung stehen (werden). Auch der die Seuche endgültig zum Stillstand bringende Impfstoff wird noch mindestens anderthalb Jahre auf sich warten lassen, vielleicht sogar noch länger.
Wenn wir davon ausgehen, dass die durch die Corona-Seuche verursachte Ansteckungswelle weitergehen wird, bis 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung die Ansteckung hinter sich und infolge dessen eine relative Immunität gegen die Krankheit erworben haben, können wir aufgrund der Bevölkerungszahl von etwa 80 oder 81 Millionen in unserem Land und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von ungefähr 8o bis 83 Jahren im Durchschnitt folgende Milchmädchenrechnung aufstellen.
Pi mal Daumen stirbt jedes Jahr 1 Prozent der Bevölkerung an den diversesten Krankheiten, oder an Altersschwäche. Bei einer Gesamtbevölkerung von 100 Millionen und einer Lebenserwartung von circa 82 Jahren wäre das pro Jahr 1 Million, bei 80 Millionen nur 800.000, aber mit 10 lässt es sich besser rechnen, Fehlerquote plus minus 10 bis 15 Prozent, das lässt sich verkraften, ist ja eh bloß ein Milchmädchen, das da rechnet, wie gesagt.
Die hauptsächlich von einem schweren bis tödlichen Verlauf der Corona-Vireninfektion Betroffenen sind summa summarum all diejenigen, die in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren in diese jährliche Sterberate eingehen werden. Da wir ja mit 10 rechnen wollen, können wir die kommenden Todeszahlen der Epidemie bei nicht verbesserten Heilungschancen und noch nicht erreichter Höchstgrenze von 60 bis 70 Prozent in den nächsten beiden Jahren mit etwa 10 Millionen Toten hochrechnen.
Alle Überlegungen zu den gegenwärtig empfohlenen sozialen Distanzeinlegungsstrategien zielen genau genommen auf eine Verlangsamung des Prozesses dieser Sterbeerwartungen.
Wenn wir von den vermuteten Ansteckungsraten ausgehen, die, wie wir jüngst erst gelernt haben, alleweil zehn Tage hinterherhinken, waren vor zwei Wochen etwa 800.000 Menschen in unserem Lande infiziert. Bei einer Verdoppelungsrate je 1 Woche und einer Aufrundung auf 1 Million haben wir in Woche zwei 2 Millionen, in Woche drei 4 Millionen, in Woche vier 8 Millionen, fünf 16, sechs 32, sieben 64 und … stopp! Da haben wir bereits die 60 bis 70 Prozent.
Mit anderen Worten: Bei ungebremster Ansteckungsrate ist der Spuck [sic] in zwei Monaten vorbei, die Leute, die sonst in den nächsten zehn Jahren sterben werden, sind alle miteinander tot, und das war’s dann, alles kann weitergehen. Zwei Monate Pause, das ist wie verlängerte Ferien, das kann der gewöhnliche Kapitalismus locker verkraften, und alles geht seinen gewohnten Gang, die Tränen der Trauer werden weggewischt, die Ärmel werden hochgekrempelt, und auf geht’s! Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt …
Das Hauptproblem, auch das wird uns laufend unverhohlen gesagt, ist, dass unser „Gesund“heitssystem auf derartige Sterbezahlen in so kurzer Zeit nicht vorbereitet ist.
Statt 1 Million Todkranker im Jahr kommt da das Zehnfache auf die Krankenhäuser zu. So viel fassen die Intensivstationen nicht, jedenfalls nicht auf einmal, und auch wenn wir die palliativ zu Betreuenden – bei einer durchschnittlichen Sterbe- oder Aufenthaltsdauer auf den Intensivstationen von zehn Tagen – auf 12 Monate oder 50 Wochen verteilen, wird es in den dafür vorgesehenen Einrichtungen eng. Auch eng wird’s, wie wir auf Bildern aus New York oder Oberitalien gesehen haben, in den Beerdigungsinstituten, den Leichenhallen und auf den Friedhöfen.
Von den für ein möglichst schmerzfreies und menschenwürdiges Ende unabdingbar notwendigen Atemgeräten, Sauerstoffschläuchen und Morphingaben erst gar nicht zu reden. Der Sterbeprozess muss verlangsamt werden, so weit verlangsamt, dass unser darauf ausgerichtetes „Gesund“heitssystem auch einigermaßen nachkommt.
So, oder vor allem so, ist unser aller Interesse an einer Verdoppelungsrate von 1 Komma 0 zu verstehen: dass jeder Infizierte seinerseits nur jeweils einen weiteren Mitmenschen mit dem Virus ansteckt. Eine Rate, deren Einhaltung durch „social distancing“ uns unsere mit dem Doktortitel in Physik perfekt vorgebildete Bundeskanzlerin dringend nahegelegt hat. Schon bei 1 Komma 1 bleibt uns nur noch ein Monat, bei 1 Komma 2 gerade noch 2 Wochen – und gar bei 1,3 steht sie uns morgen oder übermorgen bevor, die Katastrophe.
Ganz so wie bei dem Beispiel mit dem Gartenteich und den Seerosen. Angenommen, die Seerosenzahl verdoppelt sich jeden Tag, erst eine, dann zwei, dann vier Seerosen … und nun ist eine Weile vergangen, jetzt ist doch tatsächlich der halbe Teich voller Seerosen …Wie lange wird es dauern, bis der ganze Teich voller Seerosen ist? Tscha, wenn wir bloß damals in der Schule besser aufgepasst hätten, als die Sache mit dem Dreisatz durchgenommen wurde.
Zurzeit, so hat uns die Regierung in einer Pressekonferenz mitgeteilt, haben wir eine Verdoppelung etwa alle 30 Tage. Wenn wir demnach bei unserer Home-Quarantäne bleiben, gehorsam wie bisher, könnten wir unsere Sterberate von geschätzten zehn Millionen in sieben Wochen auf sieben bis zehn Monate strecken. Bis der Teich voll ist. Das würde bedeuten, dass unsere Intensiv- und Sterbestationen für den Rest des Jahres und ein paar Monate im nächsten Jahr nur etwa doppelt bis dreifach so viele Todkranke mit Morphin und Sauerstoff und Pipapo auf die letzte Reise begleiten müssen wie sowieso all die Jahre. Das wird, wie gesagt, eng, aber es müsste zu schaffen sein … Wie sagte sie: „Wir schaffen das.“ Wenn … ja, wenn … uns der schwarze Schwan der Börsianer, dieses unberechenbare, launische Untier, nicht doch noch völlig unerwartet einen dicken schwarzen Strich durch die Milchmädchenrechnung macht.
(16. April 2020)
Ave Covid, morituri te salutant (8)
Kaum macht man eine einfache, hoch spekulative Milchmädchenrechnung auf, kommt auch schon heftiger Widerspruch. Da ist nicht nur das Argument, es solle doch korrekter und genderentsprechend Milchmännchenrechnung heißen. Dies unter anderem auch deshalb, weil die Milchmänner im Verdacht Panik verursachender paranoider Tendenzen stünden, da sie schizoiderweise oft, wenn es morgens um fünf bei ihnen klingelt, nicht wüssten, ob sie nicht doch selbst es waren, die den Klingelknopf betätigt haben.
