Barfuß durch die Hölle - Nikolaus Fischer - E-Book

Barfuß durch die Hölle E-Book

Nikolaus Fischer

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Beschreibung

Als Nikolaus Fischer, der langjährige Manager und Partner des Schlagerstars Jürgen Marcus - Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben - die tödliche Diagnose COPD zufällig in einer Akte findet, bricht eine Welt für ihn zusammen. Schonungslos und offen wie nie schildert er, wie sein Leben sich von - einer Sekunde auf die andere - aus der Welt des schillernden Showgeschäft verabschiedet und in die eines Pflegers verwandelt wird. Er nimmt den Leser emotional und ehrlich mit hinter die abgeschiedenen Wände der Münchner Wohnung. Dort gewährt er zudem intensive Einblicke direkt durch das Schlüsselloch und schildert facettenreich den Alltag mit dieser brutalen Krankheit, welche einzig allein durch Zigarettenkonsum ausgelöst wurde und tödlich endet. Der tägliche Kampf wird zum Spagat zwischen Drama und Zuversicht. Wie sein eigenes Leben dabei fast zerbrach und er trotzdem die Kraft fand, bis zum letzten Atemzug des Interpreten durchzuhalten, erzählt Nikolaus Fischer erstmals detailliert - pur und filterlos - ohne auch das Licht im Dunklen zu vergessen. Ein Buch, welches für alle Fans von Jürgen Marcus Einblicke und Geheimnisse bis dato in ungeklärte Fragen gewährt und Menschen, die in ähnlichen Situationen mit pflegenden Angehören Trost aber auch Halt finden werden...

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Seitenzahl: 192

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Aufgeben war nie eine Option …

Dieses Buch in jenen gewidmet, die von dieser Krankheit betroffen sind, für diejenigen, die einen geliebten Angehörigen pflegen …

Vielleicht werden Sie dieses Buch lesen … Vielleicht werden Sie ein wenig mit mir weinen oder lachen …

Tatsachenbericht

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Der Tag, an dem der Tod an unsre Tür klopfte

Die Diagnose

Hatte ich die ersten Warnzeichen übersehen?

Auf Kriegspfad

Der Tag, an dem ich die Reißleine zog

Das Rad des Schicksal begann sich zu drehen

Wie viele Stufen gibt es bei COPD?

Doch was ist das Wichtigste bei dieser Therapie?

Vom Manager zum Pfleger

Der letzte Abend

Am Ende bleibt die Erinnerung

VORWORT

Die Worte sind damals wie heute überall zu hören, im Radio, bei Shows, bei Festen und in Diskotheken: „Alles ist so wunderbar, dass man es kaum verstehen kann“ singt Schlagerlegende Jürgen Marcus mit seiner warmen, weichen und doch so kräftigen Stimme. Aber diese Zeile aus „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ ist nur der eine Teil der Wahrheit.

Die letzten Jahre des Lebens von Jürgen Marcus waren voller Leid und Krankheit, bevor er an der Lungenkrankheit COPD starb. Das tröstliche: Jürgen Marcus starb nicht einsam. An seiner Seite bis zum Schluss war sein Manager und Lebensgefährte Nikolaus Fischer.

Er erzählt in diesem Buch eindrucksvoll die Geschichte, wie er aus dem lebensfrohen erfolgreichen Macher zum Krankenpfleger der Schlagerlegende geworden ist. Nikolaus Fischer war dabei, als aus dem fröhlich Zigarette rauchenden Sonnyboy ein schwerkranker Mann wurde.

Für Nikolaus Fischer war das nicht nur eine berufliche Katastrophe, weil er hilflos zusehen musste, wie seinem Star die Kräfte versagten. Er sah auch die Liebe seines Lebens sterben, war dabei bis zur letzten Sekunde.

Fast wäre er daran zerbrochen, wie er in diesem Buch eindrucksvoll schildert. Nikolaus Fischer nimmt den Leser mit in die schillernde Schlagerwelt, die plötzlich zur Hölle wird. Ein intensiver Blick hinter die Kulissen des Schlagergeschäfts, aber dieses Buch ist mehr: Die Geschichte einer Liebe, die anders als im Schlager kein Happy End hat.

„Barfuß durch die Hölle“ ist nicht nur ein Buch für die vielen, vielen Fans von Jürgen Marcus. In diesem Buch finden auch die vielen Menschen Trost, die Angehörige pflegen. Dieses Buch macht Mut!

Michael Thürnau

NDR Moderator und Schlagerexperte

PROLOG

Mir ist es sehr schwer gefallen diese Zeilen niederzuschreiben. Es gelang mir erst, nachdem ich mich über längere Zeit einer Psychotherapie unterzog. Ich wollte herausfinden, warum mir der Tod eines nahestehenden Menschen nicht zu überwinden gelang.

Dafür musste ich bis in meine Teenagerzeit zurückgehen. Denn bis zu meinem zehnten Lebensjahr wuchs ich bei meiner Oma auf, die ich über alles liebte und von der ich viel lernte. Damals dachte ich, uns würde niemand auf der Welt trennen. Dann, an einem trüben Novembertag erlitt sie einen Schlaganfall und verstarb noch in derselben Nacht. Dieser Schicksalsschlag traf mich bis ins Mark, denn ich fühlte mich alleingelassen.

Die Jahre vergingen und die Erinnerungen zu diesem schrecklichen Ereignis verblassten mit der Zeit.

Bis zu jenem Tag, an dem Jürgen an COPD erkrankte und die Tragödie unaufhaltsam ihren Lauf nahm. Von da an holte mich das Schicksal wieder ein und ich fing auf einmal von meiner Oma zu träumen an, was mich sehr belastete. Schlagartig war das Thema Abschied wieder präsent und eine seltsame Unruhe stieg in mir auf. Zunehmend wurde ich nervöser und zitterte innerlich vor dem gefürchteten Tag, an dem Jürgen mich verließ.

Obwohl ich wusste, dass Angst ein schlechter Ratgeber war, ließ ich mich davon beherrschen.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass es vielen so wie mir ergeht. Vor allem jenen, die zuhause einen geliebten Angehörigen pflegen.

Auf der einen Seite, weiß man, dass es für einen todkranken Menschen die Erlösung ist, wenn er stirbt, auf der anderen Seite will man ihn nicht einfach so gehen lassen. Dieser Egoismus quälte mich und ich stellte mir die Frage, woran es lag.

Mir ist bewusst, dass es für Menschen in einer pflegenden Situation viele Beratungsstellen gibt, aber die Realität sieht anders aus und vieles ist in der Praxis nicht umzusetzen. Man fragt sich ständig, ob man alles richtig macht und später wird man von einem inneren Vorwurf gequält, ob man alles richtig erledigt hat. Es kommen automatisch Schuldgefühle auf von denen man tagtäglich gequält wird.

Obwohl alles bis zur Selbstaufgabe grenzt, ist man immer im Zweifel.

Zum Glück habe ich es irgendwann erkannt und dagegen etwas unternommen, um die schwarze Wolke über mir zu bekämpfen. Lieber spät als nie – so meine Devise. Ich kann es jeden nur empfehlen. Der erste Schritt ist immer der Schwerste, aber wenn man diesen zu gehen wagt, wird es mit der Zeit leichter. Man ist stolz, nach dieser schweren Phase endlich etwas für sich getan zu haben. Ich wollte das Kind in mir wiederfinden, alles so annehmen, wie es ist und von Neuem beginnen.

So kam es, dass ich anfing mich mit dieser schrecklichen Zeit äußerst gründlich auseinanderzusetzen. Zuerst wollte ich mir alles nur von der Seele schreiben, musste jedoch nach wenigen Seiten abbrechen, da das Thema für mich zu emotional wurde. Ich suchte eine Psychotherapeutin auf und an ihrer Seite gelang es mir diese schwere Phase in meinem Leben Punkt für Punkt zu verarbeiten. Ich bin sehr froh, dass ich diesen Schritt gewagt habe und so entstand beiläufig dieses Buch. Es soll Betroffenen helfen - ob als Patient oder pflegende Kraft – auch schwierige Situationen mit Bravour zu meistern. Mir ist es wichtig, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein sind. Es soll ihnen Mut machen.

Eines Tages, ich weiß nicht mehr wann, tippte ich die vier erlösenden Buchstaben in den Laptop.

ENDE

Ohne die geschriebenen Zeilen durchzulesen, speicherte ich die Datei auf einen USB-Stick, zog ihn aus der Eingangsbuchse, drehte ihn zwischen den Fingern meiner rechten Hand und betrachtete ihn einige Augenblicke.

Wohin damit?

Den Datenträger irgendwo herumliegenlassen wollte ich nicht und nach einigen Überlegungen fand ich den passenden Ort. Ich stand vom Stuhl auf und schlenderte ins Schlafzimmer. Hinter einer der Schranktüren fand ich, was ich suchte.

Behutsam nahm ich die hölzerne Schatulle mit den kostbaren Intarsien, die zwischen antiquarischen Büchern lag, heraus. Ein Erbstück von meiner Oma, die es wiederum von ihrer Großmutter vererbt bekam.

Vorsichtig öffnete ich den Deckel, und hob das oberste Einlegefach heraus. Darunter befand sich ein weiteres. Nun kamen die vier kleinen Schubfächer zum Vorschein, in denen ich meine Kostbarkeiten aufbewahrte. Ein goldener Ring mit einem grünen Glasstein. Eine silberne Brosche sowie eine Krawattennadel. Alles Gegenstände, die vermutlich seit Generationen in dieser geheimnisvollen Schatulle schlummerten. Vorsichtig zog ich eines der kleinen Fächer auf, legte den USB-Stick hinein und schloss den Deckel.

Das Ganze kam mir wie eine Zeitkapsel vor. Irgendwann geht die Schatulle zum nächsten Besitzer über. Vielleicht – wenn es bis dahin noch Computer gibt, mit denen man Sticks auslesen konnte – würde die dramatische Situation gelüftet werden, die sich damals bei mir abspielte. Schweren Herzens stellte ich das Schmuckkästchen in den Schrank zurück und stieß einen tiefen Seufzer aus.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden, aber es wird ein wenig leichter.

Kapitel beginnen und Kapitel enden, um wieder von Neuem zu beginnen. Doch oft kommt es im Leben anders als geplant.

So ist der ewige Lauf des Lebens. So war es schon immer und so wird es auch immer sein …

Der Tag, an dem der Tod an unsere Tür klopfte

„Sie müssen sich heute von Ihrem Partner verabschieden, denn er wird diese Nacht nicht überleben …“

Nie werde ich den Tag, diesen Moment vergessen, als mir der Arzt jene Worte, die mich wie ein Donnerschlag trafen, ins Gesicht schleuderte. So, als wäre von dem Augenblick an kein einziger Tag vergangen.

Es war Donnerstag, der 11. Januar 2018. Ein sonniger Tag. Mein Blick wanderte zum Fenster. Vorbei an dem älteren Mann, der das Krankenzimmer mit Jürgen teilte und dieses Gespräch bedrückt mit anhörte. Die Fenster waren gekippt. Der Wind umspielte sanft die Gardinen und die Sonne malte goldene Kringel auf den hellgrauen Linoleumboden. Ein Ahornblatt tanzte zum letzten Mal in der Wintersonne, ehe es wie ein zerbrochener Drachen zu Boden segelte.

Die Stimme des Arztes - ein beruhigender Bariton - klang nun flach und monoton. Jede Silbe ein schmerzender Hammerschlag gegen mein Herz. Ich spürte einen quälenden Druck in der Brust, lies mir aber nichts anmerken. Noch heute erinnere ich mich an den grauen Schimmer der buttermilchweißen Farbe an den Wänden des Krankenzimmers. Die Neonröhren hinter den Betten flackerten unruhig zum Rhythmus meines Herzschlags und ließen die Chromteile der Geräte aufblitzen. Der Stuhl unter mir wirkte unerbittlich hart und die Sprossen der Lehne bohrten sich in mein Rückgrat.

„Ich werde Sie jetzt allein lassen, damit Sie sich noch aussprechen können“, hörte ich den Arzt mitfühlend sagen. Seine Stimme drang wie aus einer anderen Dimension an mein Ohr.

Die Luft fühlte sich dickflüssig an. Sie schwebte wie eine schwere, dicke Wolke über mir, die mich zu ersticken versuchte. Verstärkt nahm ich Desinfektionsmittel wahr. Ein Geruch, den ich mit Kontrolluntersuchungen und anderweitigen Klinikaufenthalten in Verbindung brachte und an dem ich mich im Laufe der letzten sechs Jahre gezwungenermaßen gewöhnte. Doch in dem Moment nahm ich den Duft anders wahr. Beißend - und ich kann es nicht besser zum Ausdruck bringen - es war der Geruch des Todes. Ich spürte deutlich seine Anwesenheit und er sollte mir von nun an nicht mehr von der Seite weichen. Seine Präsenz gehörte nun zum Alltag.

Schwer atmete ich ein. Mein Blick wanderte zum Doktor hinüber. Sein Gesicht zeigte keine Reaktion. Vielmehr wartete er auf meine Antwort. Das Weiß seines Kittels verstärkte die Kargheit des Raumes und die drückende Leere in mir.

Er räusperte sich. Mein Urteilsvermögen versuchte die niederschmetternden Worte, die ich zuvor hörte, erneut zu begreifen. Ich spürte die Überlastung, die in meinem Gehirn vorging. Der Verstand weigerte sich aktiv, das Todesurteil zu verarbeiten. Die Welt um mich herum schien zu schrumpfen, sich zu verengen, bis nur noch die kahlen Wände des sterilen Zimmers und das besorgte Gesicht des Arztes übrigblieben.

Nachdem Jürgen und ich nicht darauf antworteten, trat er an mich heran und legte seine linke Hand auf meine Schulter. Ich spürte den Druck seiner Finger, die sich wie ein Schraubstock in mein Fleisch bohrten. „Geht es Ihnen gut?“ Sein Blick musterte mein besorgtes Gesicht.

Geht es Ihnen gut … Eine typische Standardfrage! Ärzte sind schmerzfrei – das müssen sie auch bei den vielen niederschlagenden Diagnosen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden. Mit dieser Erfahrung kam ich bereits 2012 in Berührung, als mein Vater an Leukämie erkrankte und daran starb.

Heute weiß ich, mit der Geste meinte es der Arzt nur gut mit mir, aber in dieser Situation wirkte sie völlig unpassend. Er fragte mich tatsächlich, ob es mir gutgeht, während in dem Augenblick mein Leben den Bach hinunterplätscherte.

Die Frage kam vielleicht nur deshalb über seine Lippen, weil ich seit Tagen schon so fürchterlich aussah. Das war nicht zu übersehen oder schönzureden. Man brauchte mich nicht daran zu erinnern, ich wusste es ja und erschrak vor mir selbst, als ich mich tags zuvor im Spiegel betrachtete. Durch den Stress und die Sorgen platzte mir eine Ader und der ganze linke Augapfel lief blutrot an. Mein erster Gedanke, der mir damals durch den Kopf schoss: Ich kenne dich nicht, aber ich wasche dich trotzdem.

Leise trat der Arzt zur Tür und drehte sich noch einmal zu uns um. Höflich forderte er Jürgens Zimmergenossen auf, ihn zu begleiten. Leise fiel die Tür ins Schloss.

Wir waren allein. Jürgen sah mir gefasst ins Gesicht. Die Worte trafen mich mehr als ihn selbst.

In dem Moment wirkte er wie ein kleiner Schuljunge – irgendwie hilflos und in sich zusammengesunken. So, als stünde er vor dem Heiligen Nikolaus, der aus dem großen Goldenen Buch seine Streiche vorlas. Welch Ironie dieser Name in dem Augenblick ausstrahlte. Ich spürte, wie mir Tränen die Wangen herunterkullerten. Mein linkes Auge brannte, als streute mir jemand Salz hinein. In der Jackentasche klingelte das Handy.

Ich ignorierte den Anruf. In dem Moment interessierte mich nichts mehr auf dieser Welt.

Still weinte ich in mich hinein. Mit übermenschlichen Kräften versuchte ich vor Jürgen die Fassung zu bewahren. Doch zum ersten Mal in meinem Leben scheiterte ich daran.

Mir kam es vor, als schwebte ich in einer Glaskugel. Draußen stand der unbekannte Feind mit einem Dolch, der mich hämisch angrinste und dabei war meine bislang heile Welt zu zerstören.

Niedergeschlagen hob ich die Reisetasche vom Boden auf, stellte sie auf den Tisch und packte Jürgens Wäsche aus, so konnte ich mich für einen Moment von ihm abwenden. Er sollte meine Traurigkeit nicht sehen. Ich musste ihn irgendwie aufheitern und nicht noch mehr herunterziehen.

Vielleicht gelang es mir auch diesmal. Aber wie kann man jemanden aufmuntern, der soeben sein Todesurteil erhalten hatte? Sollte ich sagen: „Kopf hoch, es wird schon wieder.“ Oder: „Sei froh, dass du aufstehen kannst, Millionen Menschen konnten es heute nicht.“ Einer der dümmsten Sprüche, die ich in der Vergangenheit so oft hören musste. Oder etwa: „Mach dir keinen Kopf, das bekommen wir schon hin.“ Bis jetzt gelang es mir auch immer, doch diesmal musste ich machtlos zusehen, wie mir alles durch die Finger rann. Ich, auf den Jürgen sich immer verließ, der die Probleme zu lösen vermochte, stand plötzlich hilflos vor ihm. In der Sekunde spürte ich, wie sich mein Leben zu verändern begann, und zwar für immer.

„An was denkst du?“ Jürgens Stimme durchbrach die Stille. Sie klang gebrochen. Es hörte sich mehr wie ein heiseres Flüstern an.

An was soll ich in dem Moment schon denken? Zum Glück sind die Gedanken frei. Ich räusperte mich. „Hoffentlich habe ich alles eingepackt, was du brauchst.“

Jürgen streckte zitternd seinen Arm nach mir aus. „Komm, setz dich ans Bett und schau mich an.“ Er klopfte mit seiner rechten Hand auf die Bettdecke.

Ich gehorchte, wagte ihn aber nicht anzusehen.

„Ich kann in deinem Gesicht wie in einem Buch lesen. Du musst mir nichts vormachen. Wir haben uns doch immer alles gesagt.“ Ich hörte Angst heraus.

Ein Sonnenstrahl erwärmte mein Gesicht. Mir wäre es lieber gewesen, dunkle Schneewolken schoben sich vor die Sonne, damit er meine Tränen nicht sah.

Ich zuckte mit den Schultern und hielt den Blick gesenkt. Nervös spielte ich mit meinen Fingern, die ich ineinander verknotete.

Jürgen legte seine Hand unter mein Kinn, hob es hoch und drehte mein Gesicht zu sich. Mit einem Taschentuch wischte er mir die Tränen von den Wangen. Ich roch sein Parfum und mein Herz wurde noch schwerer.

Er merkte, wie es mich schüttelte. „Du musst dich vor mir nicht verstellen“, versuchte er mir Trost zu spenden.

Ich antwortete nicht darauf und erneut breitete sich eine unerträgliche Stille im Zimmer aus, die Jürgens Stimme abermals durchbrach. „Wir hätten doch früher etwas unternehmen sollen“, murmelte er ganz leise. Ich warf ihm aus dem Augenwinkel einen flüchtigen Blick zu. Er faltete seine Hände und starrte sie gedankenverloren an.

Ja, das hätten wir. Wie oft bat ich ihn darum.

Sein eigener Vorwurf klang für mich wie das Rasseln von schweren Ketten. Ich hörte diesen Satz nur ein einziges Mal von ihm.

Betroffen drehte ich mich zu ihm um und griff nach seinen eiskalten, knochigen Händen. Er löste seine langen Finger voneinander und drückte sanft meine Hand. „Wir haben doch ein schönes Leben miteinander gehabt, oder?“ Ein leichtes Schmunzeln umspielte seine Lippen, die zitterten.

„Ja, das hatten wir“, antwortete ich lächelnd, während ich schniefte.

Ich spürte, wie seine Finger die meinen fester umklammerten, so, als wollte er sie nie wieder loslassen. Sanft erwiderte ich seine Geste. War es heute das letzte Mal, dass ich den Druck seiner Hände spürte?

„Ich möchte so nicht weiterleben. Ich kann nicht mehr.“

„Für mich musst du nicht kämpfen und leiden.“ Von dem Moment an wusste ich, er wollte in Frieden gehen und ich sollte ihn dabei unterstützen. Es entstand eine kleine Pause, ehe ich weitersprach. „Was gibt das Leben noch einen Sinn für mich, wenn du nicht mehr bei mir bist“, kam es mir unkontrolliert über die Lippen.

„Du bist noch jung und kontaktfreudig. Geh auf Reisen. Flieg nach Teneriffa, da wolltest du doch so gerne wieder hin.“

„Ohne dich?“

„Ich schicke dir jemanden.“

Wie ein Sturzbach flossen mir unkontrolliert Tränen über die Wangen. „Pass bitte von dort oben auf mich auf“, schluchzte ich.

Er lächelte. „Sei gewiss, das mache ich. Du musst mich nur telepathisch anrufen und ich eile dir zu Hilfe.“

„Ich melde mich, wenn es so weit ist.“

Jürgen tätschelte meine Hand. „Abgemacht.“

Ich weiß nicht warum. Aber ich sagte: „Bestell allen, die du dann wiedersiehst, Grüße. Drücke Papa und meine Oma so fest, dass es ihnen wehtut.“

Jürgen lächelte. „Das mache ich.“

Ich weinte weiter vor mich hin.

„Sei nicht traurig. Glaube mir, wir sehen uns schneller, als du denkst.“

In dem Augenblick war es mir noch schwerer ums Herz. Mir wurde übel, wollte mir aber nichts anmerken lassen. Was gäbe ich jetzt dafür, wenn ich die Zeit anhalten könnte. Doch ich wusste, dass die Zeit kein Mitleid kannte und erbarmungslos weiterzog.

Ich schloss die Augen. Wie konnte so etwas nur passieren? Mit einem schweren Seufzer wanderten meine Gedanken in die Vergangenheit zurück. Zu jenem Tag, als ich die Schockdiagnose las …

DIE DIAGNOSE

Zum ersten Mal kam ich mit der Diagnose im März 2003 in Berührung. Ich saß in meinem stilvoll eingerichteten Büro. Das milchige Licht der Straßenlaternen spiegelte sich im Fensterglas. Neben der Tastatur des Computers dampfte eine heiße Tasse „Schiedwetter-Tee“. Genervt kämpfte ich mich durch die lose Zettelwirtschaft der Buchhaltung, die ausgebreitet vor mir lag. Das kleine Zimmer wurde von Jürgen vor einigen Jahren liebevoll eingerichtet, damit ich mich bei der monotonen Büroarbeit wenigstens ein bisschen wohlfühlte. So war er eben. Eine kleine Stereoanlage durfte nicht fehlen und in einem offenen Schrank standen Aktenordner aus erdfarbenen Leder. Neben dem Telefon lagen Füllfederhalter und Kugelschreiber von Montblanc. Abseits davon lächelte mir eine Statue von „Dick und Doof“ zu. Ein Geschenk von Jürgen. Bei dem Komikerpaar sollte ich immer an die hohle Welt der Unterhaltungsbranche denken oder wenn mich jemand am Telefon absichtlich nervte.

Alles in einem ein gemütlicher Raum, in dem Jürgen allerdings nie hereinschaute. Denn Büroarbeit bezeichnete er als unkreativ. Na ja, irgendwie lag er damit auch richtig, dachte ich doch genauso. Er sprach grundsätzlich ungern über Arbeit. Schon gar nicht in seinen vier Wänden, frei nach dem Spruch: „My Home is my Castle.“ Hier genoss er seine Freizeit fern der Öffentlichkeit. Dabei galt die Wohnung nicht als Favorit, sondern diente lediglich als Übergang, bis er etwas Passenderes fand. Allerdings lag sie günstig. Nach mehreren Umzügen wohnte er zuletzt in der Hohenzollernstraße in Schwabing. Eine Altbauwohnung ohne Lift, wo es ihn nicht lange hielt. Treppensteigen nervte ihn ungemein. Durch ein Freundespaar, die in der Pestalozzistraße lebten, zog es ihn ins Glockenbachviertel, wo Prominente wie Barbara Valentin und Rosel Zech zu seinen Nachbarn zählten. Wie schon zuvor erwähnt, sollte diese Wohnung sein letztes Quartier sein und diente als Rückzugsort. In diesen Räumen wurden nie Kollegen eingeladen. Allerdings schrieb die Couch, die schon in seiner Villa im Harlaching stand, Geschichte. Dort sind u.a. der ein oder andere Brandfleck von Hildegard Knef und Harald Juhnke oder ein Weinfleck von Peter Alexander verewigt. Es gab keinen der großen Stars, die nicht darauf gesessen oder nach einer langen Nacht geschlafen hatten. Jeder von ihnen brachte Geschenke mit oder vergaß irgendetwas bei seinen Besuchen, die man als Souvenirs in Ehren hielt. So lauschte ich den unzähligen Episoden, die Jürgen mir darüber erzählte. Besonders, nachdem er erkrankte und in Erinnerungen schwelgte.

Da Jürgen, wie erwähnt, nie im Büro vorbeischaute, kümmerte er sich vor meiner Zeit auch nie um seine Finanzen, was - wie ich gleich zu Anfang herausfand - mitunter als ein niederschmetterndes Verhängnis zeigte.

Im Grunde waren wir uns in vielen Dingen sehr ähnlich, doch an diesem Punkt trennten sich unsere Wege erbarmungslos und eine unvermeidlich hitzige Diskussion entstand. Hatte ich doch eine hervorragende Lehrmeisterin in Sachen Finanzen.

Damals zählte ich 23 Lenze und arbeitete in einem Feinkostladen, nahe meinem Geburtsort am Starnberger See, wo ich auch Schauspieler wie Heidi Brühl und Jürgen Prochnow kennenlernen durfte. Heidi wollte mich damals mit zum Fernsehen nehmen. Aber wie so oft im Leben, kam es anders und so wurde nichts daraus. Vorerst zumindest.

Meine damalige Chefin gab mir folgenden Rat mit auf den Lebensweg: Ich weiß, dass du einmal in der Öffentlichkeit stehen wirst, und daher denke immer an meine Worte. Egal wie viel Geld du verdienen wirst oder wie erfolgreich du sein magst. Kümmere dich stets selbst um deine Finanzen.

Dieser Satz brannte sich für immer in mein Gedächtnis ein und die Lektion sollte an Jürgens Seite zum ersten Mal ihren Einsatz finden.

Denn Jürgen, wie so manch anderer Künstler auch, ging mit seinem Schotter viel zu freigiebig und vertrauensselig um. Mit Geldangelegenheiten wollte er nichts zu tun haben. Schließlich sei man Musiker und kümmere sich nur um seine Bühnenarbeit. Wofür erhielten Angestellte fürstliche Honorare? Dies nutzte so mancher bedauerlicherweise schamlos aus, denn er ahnte nicht im Entferntesten, wie eifrig und gerne man sich seiner Finanzen annahm. Allerdings, wie bereits vermutet, nicht zu seinen Gunsten …

Ich ordnete den Schreibtisch, damit es wenigstens ein bisschen aufgeräumt aussah. Aus der Musikanlage klang Rivers of Babylon von Boney M. Noch eine halbe Stunde, dann wollte ich ins Wohnzimmer zum gemütlichen Teil übergehen und den Abend ausklingen lassen. Alles schien perfekt zu sein und Zufriedenheit strömte durch meinen Körper. Das Glück stand bereits viele Jahre auf meiner Seite und schien mir unentwegt zuzulächeln.

Doch wie sagte Hildegard Knef, mit der ich im Briefkontakt stand so schön: Den wenigen lächelt das Glück zu, denn die meisten lacht es aus.

Zwei Minuten später sollte auch ich damit meine Erfahrung machen.

Ich sah auf die Uhr. Eine Stunde nach Mitternacht. Als Nachteule liebe ich es noch heute, in diesen nächtlichen Stunden zu arbeiten. Zur nachtschlafender Zeit stört oder nervt keiner und ich bin dadurch sehr produktiv. Wenn andere schlafen, entstehen auch meine Geschichten.

Mein flüchtiger Blick wanderte über den Blätterstapel, der vor mir lag und blieb auf einer Arztrechnung heften. Es war rein zufällig, dass ich drauf sah, denn es gab keinen ersichtlichen Grund dafür.

In der Diagnosen-Zeile prangten in fetter Schrift die Buchstaben COPD.

Übelkeit stieg in mir auf. Abwechselnd lief es mir heiß und kalt den Rücken runter.

Da stimmte etwas nicht. Sicherlich unterlag ich einer Täuschung. Ich wischte mir über die Augenlider, blinzelte ein paar Mal und warf nochmal einen Blick darauf. Die Schriftzeichen tanzten vor meinen Augen, doch leider veränderte sich das Wort mit den vier Buchstaben nicht im Geringsten. Da mochte ich noch so oft hinsehen.

Aufgeregt tippte ich auf der Tastatur des Computers herum, rief eine Suchmaschine auf und fing an nachzuforschen.

Was das Internet ausspuckte, gefiel mir überhaupt nicht. In meinem Mund spürte ich Trockenheit. Gierig nippte ich am dampfenden Tee und verbrannte mir die Lippen. Wütend stellte ich die Tasse auf dem Schreibtisch. Wie eine Tsunamiwelle schwappte die Teemischung über den Tassenrand und eine dunkelgrüne Pfütze landete auf den ausgebreiteten Dokumentensalat. Aber das interessierte mich in dem Moment überhaupt nicht.

Fieberhaft fing ich zu überlegen an und ein Gedanke jagte den anderen. Wie gelang es mir, Jürgen auf meine kuriose Entdeckung anzusprechen?