Barfuß ist das Leben schöner - Elice Falk - E-Book

Barfuß ist das Leben schöner E-Book

Elice Falk

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Beschreibung

Dass nicht jedes "Es war einmal ..." mit "Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende." enden muss, beschreibt Elice Falk in ihrem neuesten Roman "Barfuß ist das Leben schöner". Das biografische Werk schildert die Geschichte einer Frau, deren vermeintliches Märchen in einem schmerzhaften Albtraum endet. Denn nach neunzehn Ehejahren und drei gemeinsamen Kindern zieht Elices einstiger Prinz als erzürnter Ritter in die Schlacht gegen sie: ein bitterlicher Rosenkrieg entsteht, der alle Beteiligten schwer verwundet zurücklässt. "Barfuß ist das Leben schöner" erzählt von einer Liebe und ihrem Untergang; aber auch von der Chance, endlich zu sich selbst zu finden. Denn erst, wenn man erkennt, dass das Leben kein Märchen ist, findet man zum wahrhaftigen Glück.

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Seitenzahl: 301

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

„Jede Frau ist eine Prinzessin!“

Der Neuanfang …

Wäre Aschenputtel so etwas mit ihrem Prinzen auch passiert?

Es war einmal …

Hinfallen – aufstehen – Krone richten – weitergehen!

„Jede Frau ist eine Prinzessin!“

Diesen bekannten Satz eines uns (fast) allen bekannten Modezaren hat sicherlich jede Frau schon einmal gehört. Aber stimmt das auch? Möchte überhaupt jede Frau eine Prinzessin sein? Gibt es eine Frau auf der Welt, die nicht auf den Prinzen mit weißem Pferd wartet? Ja, ich glaube, die gibt es, aber ich zähle definitiv nicht dazu, so viel steht fest.

Ich habe auf den Prinzen gewartet. Schon als kleines Mädchen träumte ich von einem gut aussehenden, jungen, sportlichen, mir jeden Wunsch von den Augen ablesenden Mann, der dazu auch noch auf einem weißen Pferd dahergaloppiert und mich rettet … wovor auch immer, ganz egal, Hauptsache retten.

Und der Prinz kam, zumindest dachte ich das damals. Allerdings nicht hocherhobenen Hauptes auf einem Pferderücken sitzend, sondern mit einer alten Kreidler Florett, an der ständig der Bowdenzug riss. „Träume sind Schäume“, heißt es im Volksmund, und ich kann dem nicht widersprechen. Vielleicht kommt daher meine Vorliebe für den Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“, welchen ich mir jährlich immer wieder um die Weihnachtszeit anschaue. Das Schöne daran ist, dass der Film täglich auf verschiedenen Sendern läuft und ich jedes Mal aufs Neue davon begeistert bin, ihn mir dann auch mehrmals anschaue und insgeheim immer noch den Wunsch verspüre, die schöne Prinzessin zu sein, welcher der Schuh passt (das könnte sogar hinhauen, weil ich selbst auch eine Puppenschuhgröße von gerade mal 36 habe).

Schuhe! Womit wir beim Thema wären … Welche Frau kennt das nicht?

Streit zu Hause mit dem Partner

Streit mit den Kindern

Streit mit der Schwiegermutter

Da hilft nur noch eins: shoppen gehen.

Allein oder mit der besten Freundin – das ist in diesem Fall völlig egal, denn der Frustkauf geht so oder so in die Hose. Wenn es keine Klamotten geworden sind, die eh einen Tag später wieder umgetauscht werden müssen, weil Frau in ihrer Frustration ein Kleid in Größe 36 gekauft hat, obwohl sie genau weiß, dass Größe 40 seit langer Zeit ihre zweitbeste Freundin ist, dann sind es zu guter Letzt doch Schuhe geworden! So schlendert Frau durch die Abteilungen und landet am Ende, wie von Zauberhand geführt, in der Schuhabteilung.

Und da steht er … der schönste Schuh der Welt. Den muss Frau einfach anprobieren. Eine unverbindliche Frage an die Verkäuferin, ob es den noch in der passenden Größe gibt, ist ja wohl erlaubt. Und siehe da, die Größe ist noch vorhanden. (Was für ein Glück – oder Unglück – je nachdem, aus welchem Blickwinkel das betrachtet wird.) Hm, na ja … einmal kurz anprobieren kostet ja noch nichts – und schon sitzt er am Fuß. Der Schuh sitzt perfekt. Er veredelt das Bein einer Frau, welches sie in langen Jeanshosen versteckt, damit ja niemand merkt, dass vor lauter Wassereinlagerungen kein Knöchel mehr zu sehen ist. Der Knöchel, oder anders ausgedrückt „Wöchel“ – ehemals ein Knöchel, der eine scheinbar dauerhafte Verbindung mit der Wade eingegangen ist – lässt sich allenfalls nur noch erahnen, weil er anatomisch gesehen dort nun mal seinen Platz hat. Die wohlklingenden Worte der Verkäuferin, dass der Schuh einzigartig an uns aussieht, trüben zudem unsere Sinne und verleiten uns dazu, diesen ach so wundervoll, gut sitzenden, farblich zur Kleidung abgestimmten, ein kleines Vermögen kostenden Schuh zu kaufen. Ob Aschenbrödel auch so schöne Schuhe hat? Die Frage verschieben wir auf später.

Und damit nimmt das Unheil seinen Lauf!

Um den Schuh sicher nach Hause zu transportieren, kommt er in einen, wie ich immer finde, viel zu großen Schuhkarton. Eben weil es der weltbeste Schuh ist, wie uns die Verkäuferin ja auch mit Nachdruck versichert hat. Jetzt noch eine große Plastiktüte, blickdicht bitte, und schon wird der kleine Anflug eines schlechten Gewissens erfolgreich ignoriert.

Die Verkäuferin ist überaus freundlich, freut sich auf unseren nächsten Besuch und hält sogar noch die Tür auf. Schon beim Verlassen des Geschäfts ist er wieder da, der kleine Teufel in Form eines schlechten Gewissens. Doch auch diesmal hat er keine Chance.

Zu Hause angekommen, wird erst einmal ein gutes Versteck für den weltbesten Schuh gesucht. Mit der Frage „Wie erkläre ich es meinem Mann/Partner?“ beschäftigt sich Frau erst einmal noch nicht. Die Euphorie hat noch die Oberhand. Doch wohin jetzt mit dem Karton? Unters Bett? NEIN, zu eng, der große Karton passt nicht drunter. In den Kleiderschrank? NEIN, da fällt er sofort auf. In den Keller? NEIN, der beste Schuh der Welt hat einen besseren Ort verdient. Raus aus dem Karton und unter die anderen Schuhe gemischt? NEIN, da bekommt er vielleicht Kratzer, noch ehe er überhaupt getragen wurde. Du meine Güte, noch nicht einmal eine halbe Stunde im Haus und schon macht der Schuh Ärger. So hat sich Frau das nicht vorgestellt …

Selbst ein, na ja, sagen wir mal „fast normaler Schuhkauf“ löst Stress aus. Im ersten Moment macht er die Frau glücklich (an dieser Stelle möchte ich noch einmal deutlich machen, dass es sicherlich auch Männer gibt, die Frust-Schuhkauf kennen, also bitte nicht böse sein, wenn ich die Männer jetzt nicht so ausdrücklich erwähne). Kaum ist Frau aus dem ersten Glückstaumel erwacht, macht der WELTBESTE SCHUH schon Ärger, dabei hat Frau ihn noch nicht einmal getragen. Sie ist immer noch in der „So-’n-Mist-wo-verstecke-ich-ihn-denn jetzt-mal-Phase“. Nun stellt sich doch die Frage: Warum ist das mit dem schlechten Gewissen so?

(Ich behaupte, dass die Mehrheit der Frauen dieser Welt, seit Entstehung der Evolution, ausschließlich für das Wohl der Familie gesorgt hat. Die Frauen haben dabei den Blick auf ihre eigenen Bedürfnisse verloren bzw. es wurde ihnen nicht erlaubt, den Blick auf sich selbst zu richten. Welches kleine Mädchen wurde oder wird in dem Glauben erzogen, dass es richtig ist, gut für sich selbst zu sorgen? Ist es nicht vielmehr so, dass den eigenen Müttern, Großmüttern, Urgroßmüttern das Recht auf Selbstbestimmung abgesprochen wurde? Lassen wir jetzt mal die kulturellen und religiösen Hintergründe außer Acht. Heutzutage hat sich zwar vieles geändert, dennoch ist ein auf sich selbst gerichteter Blick bei vielen Frauen der Nährboden für ein schlechtes Gewissen.

In so manchen meiner Gespräche mit der älteren Generation, ob Mann oder Frau, wurde eines sehr deutlich: Die Frauen sind den Männern vielleicht körperlich unterlegen, dennoch ist die Frau das eigentlich stärkere Geschlecht. Denken Sie nur mal an die Trümmerfrauen nach dem Krieg 1945/46. Sie befreiten deutsche und österreichische Städte von den Trümmern zerbombter Gebäude und schufen somit eine Grundvoraussetzung für den Fortbestand der Innenstädte. Nebenher waren sie für ihre oftmals vaterlosen Kinder verantwortlich und zogen diese auf. Eine außerordentlich starke Leistung, wie ich finde.)

Ich selbst habe kein schlechtes Gewissen mehr, wenn ich mir neue Schuhe kaufe. Hatte ich früher aber, ich kenne dieses Gefühl. Ich habe auch erst lernen müssen, auf meine eigenen Bedürfnisse zu achten. Es war ein langer, mitunter schmerzhafter und steiniger Weg, aber es hat sich gelohnt, ihn zu gehen.

Der Neuanfang …

Mein eigenes Leben geriet zu einem Zeitpunkt aus den Fugen, als ich dachte, dass nichts und niemand daran rütteln könne. Mein Leben schien perfekt, nach außen hin! Mann (er war der Prinz), Kinder, Hunde, Haus, Urlaube. Doch in mir brodelte es schon sehr lange. Auch ich war auf der Suche nach Wertschätzung, Aufmerksamkeit, Achtung und Liebe. Es ist nicht so, dass ich das alles nicht hatte, doch hatten mein Mann und ich unterschiedliche Auffassungen und seine Werte entsprachen irgendwann nicht mehr den meinigen.

Das Bild vom Prinzen bekam Risse. Immer häufiger gab es Streit. Immer heftiger wurden die Machtkämpfe innerhalb der Partnerschaft, die so viel Kraft erforderten, dass ich es irgendwann einfach nicht mehr aushielt und die Situation verließ … in eine völlig unsichere Zukunft. Doch all das war besser als der goldene Käfig, in dem ich saß. Ich ließ mein altes Leben hinter mir und begann ein neues. Ich gab all meine Sicherheit, finanziell wie auch materiell, auf, um mich ins Ungewisse zu begeben. Ich verließ meinen Mann. Die Entscheidung, mich zu trennen, kam nicht von jetzt auf gleich. Ich brauchte Jahre dafür, um den Mut aufzubringen, diesen Schritt zu wagen.

(Ich selbst wurde von meinen Eltern sehr behütet und liebevoll aufgezogen. In unserer Familie wurde nicht vor uns Kindern gestritten. Für mich war die Welt in Ordnung, so wie es mir vorgelebt wurde. Gab es irgendwelche Schwierigkeiten, egal in welcher Form, wurde das von mir ferngehalten. Ich brauchte mich nie selbst zu behaupten, wenn es schwierig wurde. Das regelten meine Eltern oder meine Brüder für mich. Dementsprechend habe ich das niemals gelernt. Wurde es dennoch mal schwierig, sagte meine Mutter immer zu mir: „Kind, was sollen denn die Leute denken? Du hältst das aus!“ Ein Glaubenssatz, der mich in meiner Kindheit geprägt hat und mit dem ich mich viele Jahre im Erwachsenenalter herumplagen musste, da ich es noch nicht besser wusste.)

Nun aber wartete auf mich ein neues, unbekanntes Abenteuer.

Leidtragende dieser Wandlung waren, leider Gottes, die Kinder. Als ich mich trennte und aus dem gemeinsamen Haus auszog, nahm ich zunächst alle drei mit. Für meinen ältesten Sohn und meine jüngste Tochter stellte sich gar nicht die Frage, bei ihrem Vater zu bleiben. Für meine mittlere Tochter Luisa schon, denn sie wollte in Ralping wohnen bleiben und nicht in die Stadt ziehen. Luisa kam nicht gut mit der Trennung zurecht und das Verhältnis zwischen ihr und mir wurde immer angespannter. Infolgedessen ging sie nach kurzer Zeit zu ihrem Vater Jan zurück. Eine Entscheidung, die Folgen hatte.

Was auf die Trennung folgte, war ein Rosenkrieg der ganz besonderen Art. Zwei Jahre unerbittlicher Streit, ausgefochten ohne viel Worte, nur mit Taten – Kommunikation zwischen meinem Noch-Ehemann und mir war nicht möglich. Das machte das Ganze nicht wirklich einfacher. Im Gegenteil, es verkomplizierte alles.

Das Märchen war vorbei. Aus dem Schloss wurde schlussendlich ein Gefängnis, aus dem ich ausbrach. Der Prinz wurde zum Ritter und zog in die Schlacht gegen mich. Aus der liebreizenden Prinzessin wurde eine zänkische Frau, die sich zur Wehr setzte. Sieger gab es nicht. Außer vielleicht die Anwälte, die allzeit bereit waren, jeglichen Streit zwischen den Parteien zu schüren, mit der Aussicht auf viel Geld, versteht sich.

Das alles kostete mich enorme Kraft. Depressive Verstimmungen und körperliche Beschwerden wurden ständige Begleiter durch meinen Tag. Zweifel und Selbstvorwürfe suchten immer wieder meine Gedanken heim. Ich konnte kaum eine Nacht mehr durchschlafen, hatte Albträume, Zukunftsängste. Es gab Tage, an denen war es so schlimm, dass ich dachte, ich stürze mich aus dem Fenster (ich wohnte im 2. Stockwerk). Meine Freundin sagte dann immer: „Das bringt nichts, ist nicht hoch genug. Das tut nur weh, also lass es bleiben.“ Hätte ich sie nicht an meiner Seite gehabt, ich glaube, ich hätte es doch mal probiert.

Ich hatte eine Phase in meinem Leben erreicht, mit der ich völlig überfordert war. Niemals zuvor war ich an einem Punkt angekommen, an dem ich weder ein noch aus wusste. Ich hatte kein Ziel mehr vor Augen, plötzlich musste ich mich mit allen möglichen Behörden bezüglich des Umzuges in einen anderen Landkreis herumschlagen, wurde mit Dingen konfrontiert, die mir bis dato fremd gewesen waren, auch mit dem Jugendamt, da nichts geregelt war, was Luisa anging. Sollte das der Preis für meinen Weggang gewesen sein? Wollte ich diesen Preis zahlen, oder war er viel zu hoch? Hatte ich mich überschätzt? Konnte ich es wirklich mit den Kindern allein schaffen? Sollte ich reumütig zurückkehren in mein altes Leben?

NEIN!!!!! Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte nie mehr von meinem Partner abhängig sein, der mich weder respektierte noch achtete oder wertschätzte, so, wie ich war.

Also begann ich nachzudenken, was denn nun mein Ziel war. Was wollte ich mit meinem jetzigen Leben anfangen? Wo lag meine Stärke? Was konnte ich gut, was gar nicht? Worauf hatte ich Lust? Es war die Suche nach einem neuen Lebenssinn. Als Jugendliche wollte ich immer Hebamme oder Chirurgin werden. Ich hatte von jeher Interesse an der Medizin. Leider war es mir nicht vergönnt, einen solchen Beruf auszuüben.

(Meine Eltern hielten das damals für nicht sinnvoll, da schon mein Bruder diese Laufbahn einschlug. Meine Mutter glaubte außerdem, dass ich solch einer schweren körperlichen Arbeit, wie Patienten aus den Betten zu helfen, nicht gewachsen sei. Da ich schon mit 15 Jahren die Schule beendet hatte (ich wurde einen Monat nach meinem sechsten Geburtstag eingeschult), hätte ich sowieso noch zwei Jahre überbrücken müssen, bevor ich die Ausbildung zur Hebamme antreten durfte. Also entschied sie, dass ich Friseurin werden sollte. Ja richtig, meine Mutter hatte entschieden. Ich wurde nicht gefragt. Meine Eltern regelten ja von jeher immer alles für mich, und da ich es nicht kannte, mich erfolgreich zu wehren, war es, trotz meines Einspruchs, gemachte Sache. Ich bekam einen Ausbildungsplatz in Moldenau als Friseurin. Ich habe es gehasst, ich wollte keine Haare schneiden. Ich wollte mich nicht mit Dauerwellen und Haarefärben auseinandersetzen. Frisuren waren mir völlig gleichgültig. Diskussionen zu Hause wurden mit dem Argument entkräftet, dass meine Mutter auch immer Friseurin werden wollte, aber nicht durfte. Damals, in Zeiten des Krieges, hatte sie einfach nicht die Möglichkeit dazu gehabt. Und da nun schon mein Bruder die Richtung Medizin einschlug, hatte ich die „Chance“, Friseurin zu werden. Das nämlich wäre der zweite Berufswunsch meiner Mutter gewesen, doch auch das durfte sie nicht werden. Sie wurde Buchhalterin. Also hatte nun ich die Möglichkeit, ihren Traum zu verwirklichen, und da ich es nie gelernt hatte, NEIN zu sagen, wurde ich Friseurin. Anfangs wehrte ich mich mit Händen und Füßen, eckte bei der Ausbilderin, den Kollegen und allen Lehrern an und verweigerte nicht selten die gestellten Aufgaben. Irgendwann wurde jedoch ersichtlich, dass ich großes Talent zum Schneiden und Stylen hatte. Ich gab meinen Widerstand auf und ergab mich in mein Schicksal. Ich absolvierte eine dreijährige Ausbildung und beendete sie mit einem sehr guten Abschluss. Obwohl ich in meinem Beruf sehr gut war, hatte ich trotzdem nie wirklich Lust dazu. Es erfüllte mich einfach nicht. Ich wollte nach wie vor mit Menschen arbeiten, denen ich sinnvoll helfen konnte.)

Es war mühselig, über all das nachzudenken. Konnte ich es wagen, in meinem Alter noch mal eine Ausbildung als Hebamme zu absolvieren? Oder gar Chirurgin zu werden? Jetzt noch? Wann wäre ich dann mit allem fertig? Würde die Welt da draußen ausgerechnet auf mich, bis dahin alte Frau, warten? Das waren die Gedanken, die mich täglich beschäftigten. Alternativ entschied ich mich für eine Ausbildung zur Heilpraktikerin.

Ich hatte das Gefühl, dass ich es trotz meiner Kinder, der Scheidung, dem Sorgerechtsstreit um meine Tochter und allem Ballast, der mich belastete, schaffen würde. Der Wille jedenfalls war da. Nach mehr als einem halben Jahr brach ich die Ausbildung dann ab. Der Rosenkrieg zwischen meinem Mann und mir und das zusätzliche Gezerre um unsere Tochter (mittlerweile gab es einen Jungendhelfer, dessen Aufgabe es war, zwischen Jan und Luisa in Ralping und mir, Lucas und Anna in Moldenau zu vermitteln) kostete mich zu viel Kraft. Ich konnte mich nicht auf beides konzentrieren. Ich brach die Ausbildung erst einmal ab, mit dem Hintergedanken, sie zu beenden, sobald ich meine privaten Dinge geregelt hatte. Ich wollte mich jetzt voll und ganz auf meine Kinder konzentrieren, für sie da sein, auch für meine Tochter, mit welcher ich nun schon seit Monaten keinen Kontakt mehr hatte. Das allerdings zog sich wie ein Gummiband und ich verlor die Heilpraktiker-Ausbildung aus den Augen. Zufrieden war ich mit der Situation allerdings nicht. Ein neuer Plan musste her. Nächtelanges Grübeln, taglanges Brainstorming, Ideenfindung immer und überall, Internetrecherche, Gespräche mit Freunden und vieles mehr brachten mich schlussendlich doch noch auf den Weg zu meinem neuen Ziel. Ich entschloss mich zu einer Personalcoach-Ausbildung. Mein Interesse an der Arbeit mit Menschen war nach wie vor vorhanden, ich hatte genug Empathie für dieses Berufsfeld und Freude an etwas Neuem sowieso. Also absolvierte ich eine Ausbildung zum zertifizierten Personalcoach/psychologischen Berater.

Die Ausbildung zum Coach erforderte natürlich wieder viel Kraft. War es doch eine absolute Selbstreflexion. Ich wurde mit mir selbst und meiner Kindheit konfrontiert. Mit Dingen, die ich ganz tief in mir vergraben hatte. Dinge, an die sich mein Bewusstsein nicht mehr erinnern konnte. Durch die Arbeit mit meinen Kommilitonen (wir übten sehr viel miteinander) kamen Dinge aus meinem Unterbewusstsein ans Licht, die mich oftmals schier verzweifeln ließen.

Es gab Tage, da wollte ich alles hinschmeißen, wollte mich nicht mit diesen Themen auseinandersetzen. Zu schmerzlich war die Selbsterkenntnis, dass nicht die anderen an meinem Schicksal schuld waren, sondern dass es vielmehr mit mir selbst zu tun hatte. Nach einem ganz besonders anstrengenden Seminarwochenende lag ich erschöpft in der Wanne und fing an zu weinen. Ich konnte nicht wieder aufhören. Meine Gedanken schlugen Purzelbäume, die Erkenntnis, dass ich meine Tochter, die beim Vater lebte, mental loslassen musste, wenn ich mit der Situation Frieden schließen wollte, brachte mich fast um den Verstand. Welche Mutter oder welcher Vater möchte in einer solch prekären Situation schon loslassen? Man fühlt sich schuldig, glaubt, das eigene Kind im Stich zu lassen. Dass es der richtige Weg ist, um am Ende doch ein Happy End zu erleben, erscheint einem nicht sinnvoll.

Ich weinte stundenlang. Die Tränen nahmen kein Ende, fast so, als wäre ein Staudamm geöffnet worden. Ich weinte aus Verzweiflung darüber, zu glauben, mein Kind verloren zu haben. Ich weinte, weil ich keine Hoffnung hatte, Luisa jemals wieder in meine Arme schließen zu können. Ich weinte, weil ich mir selbst so sehr leidtat und weil ich mich als Opfer sah. Irgendwann schaffte ich es, mich aus der Badewanne ins Bett zu schleppen, um vor lauter Erschöpfung einzuschlafen. Am nächsten Tag erzählte ich von meinem abendlichen Erlebnis innerhalb der Peergroup und fühlte mich irgendwie erleichtert. Der Druck, der mir monatelang die Luft zum Atmen genommen hatte, war raus.

In den darauffolgenden Wochen und Monaten klärte ich viele Konflikte mit mir selbst und mit den vermeintlich bösen anderen. Aber ein Konflikt blieb. Nämlich der mit meinem Mann. Mittlerweile Exmann, wir waren zwischenzeitlich geschieden worden. Ich war noch immer voller Groll und Wut und konnte nicht verstehen, wie es so weit hatte kommen können, im Zuge meiner Trennung finanziell von meinem Exmann derart betrogen worden zu sein, dass ich den Glauben an alles Gute im Menschen verloren hatte. Wir waren 25 Jahre ein Paar gewesen, 19 Jahre verheiratet, und trotzdem hatte mich mein Exmann, mit einem Vertrag, den er und seine Anwältin (zum damaligen Zeitpunkt auch meine Anwältin) ausgeklügelt hatten, über den Tisch gezogen. Ich war so naiv zu glauben, dass die Verbundenheit, die wir einmal miteinander gehabt hatten, und noch dazu drei gemeinsame Kinder, Fairness und Ehrlichkeit beinhalteten. Leider wurde ich eines Besseren belehrt.

Nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass mir so etwas jemals passiert. So etwas gab es doch nur im Fernsehen. Und das Allerschlimmste an der Geschichte war, dass ich gutgläubig den Vertrag unterschrieben hatte. Mich traf also eine Mitschuld an meinem Schicksal. Leider wurde ich zu jenem Zeitpunkt von einem absolut inkompetenten Anwalt vertreten, was ich aber viel zu spät bemerkte. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, gegen diesen besagten Vertrag Einspruch einzulegen. Jedoch hatte er die Fristen überschritten, womit der Einspruch nicht mehr möglich war. So zumindest stellte er es dar. Was für ein Pech! Im Krieg zählt ja bekanntlich keine Freundschaft und Verwandtschaft. Ich musste schmerzlich erfahren, dass dieses Klischee der Wirklichkeit entspricht.

Die Zeit verging und noch immer haderte ich mit dem Schicksal Luisa betreffend. Mein Dozent sagte eines Tages einen Satz zu mir, dessen Bedeutung ich erst viele Monate später Glauben schenken konnte: „Solange du deinem Exmann nicht verzeihst, keinen Frieden mit ihm schließt, nicht dankbar auf eure gemeinsame Zeit zurückblicken kannst und dir all das Geld in dem Unterhaltsstreit nicht egal ist, solange wirst du keine Ruhe finden.“ Ich war völlig entsetzt über seine Worte, fühlte ich mich doch von meinem Exmann betrogen und belogen. Wie konnte mein Dozent mir so etwas sagen, mir förmlich in den Rücken fallen?! So jedenfalls fühlte es sich für mich an. Bis zu diesem Zeitpunkt glaubte ich noch immer, ich hätte keine Rachegedanken und würde mich nur der Gerechtigkeit wegen mit Jan streiten, doch so war es anscheinend nicht. Ich fühlte mich wie ein angeschossenes Reh, im Recht, für meine Gerechtigkeit zu kämpfen. Aber stimmte das wirklich? Natürlich wollte ich zu meinem Recht kommen – wer will das nicht? –, doch merkte ich nicht, wie sehr mir dieses Thema zusetzte. Ich mochte schon nicht mehr an den Briefkasten gehen, aus Angst, dass wieder irgendein Brief von der Anwältin darin lag, auf den ich hätte antworten müssen. Dann kam der Tag, an dem ich all das nicht mehr wollte.

Ich nahm telefonisch Kontakt zu meinem Exmann auf und bat um ein Gespräch. Wider Erwarten war er dazu bereit. Wir trafen uns an einem neutralen Ort und klärten viele Dinge. Natürlich ging es nicht ohne Pfeilspitzen, die von uns verschossen wurden. Das gehörte wohl dazu, zu tief waren die Verletzungen auf beiden Seiten. Dank meiner Ausbildung und den mittlerweile zwei Jahren Abstand war ich in der Lage, dieses gut auszuhalten. Wir schlossen mündliche Absprachen, und selbst wenn mein Exmann sich nicht auf all das Gesagte eingelassen hätte, sein Wort von Neuem gebrochen hätte, wäre ich zu diesem Zeitpunkt bereit gewesen, für mich allein einen Schlussstrich zu ziehen. Ich war endlich so weit. Ich konnte auf unsere gemeinsame Zeit von 25 Jahren ohne Groll zurückschauen und sogar auf eine ganz bestimmte Art und Weise dankbar sein für alles, denn wenn ich all das in meinem Leben nicht erlebt hätte, wäre ich heute nicht dort angekommen, wo ich jetzt stand, und hätte keine drei wundervollen Kinder auf die Welt gebracht. Das alles gehörte zu meiner Geschichte dazu und ich konnte ohne Reue sagen: „DANKE!“

Wäre Aschenputtel so etwas mit ihrem Prinzen auch passiert?

Jeder Mensch interpretiert ein Ereignis oder eine Situation auf seine ganz eigene Weise, nimmt sie völlig anders wahr als ein anderer. Für jeden Einzelnen ist seine Sicht der Dinge Realität. Wahrnehmungen lassen sich nicht miteinander vergleichen. Schon deshalb nicht, weil jede Interaktion zwischen Menschen gefühlsbehaftet ist. Jede Medaille einer Geschichte hat zwei Seiten, so zumindest heißt es umgangssprachlich. Ich allerdings schließe mich der Behauptung an, dass jede Sache drei Seiten hat. Eine aus Sicht der ersten Person, eine aus Sicht der zweiten Person und die Wahrnehmung all dessen, was tatsächlich passiert ist.

Die folgenden Zeilen sind meine Wahrnehmung, also so, wie ich es erlebt habe. Freunde von mir sind allerdings der Meinung, dass ich in vielen Dingen untertrieben habe und immer noch dazu neige, das Geschehene zu verharmlosen. Aber lesen Sie selbst, tauchen Sie ein in meine Welt und machen Sie sich ein eigenes Bild. Zum Schutz der Privatsphäre wurden alle Namen wie auch Ortsnamen von mir verändert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, die nicht in meine Geschichte gehören, wären zufällig und sind nicht beabsichtigt. Wie viele andere Märchen beginnt auch das folgende mit:

Es war einmal …

… eine wunderschöne Prinzessin … und so weiter und so fort – alles Quatsch! In Wirklichkeit war ich 15 Jahre alt, als ich meinen jetzigen Exmann kennenlernte. Alles Reden meiner Eltern, ich solle mich noch nicht binden, ich sei noch zu jung, half nichts. Ich war schließlich verliebt und kein Teenager der Welt lässt sich in diesem Stadium der Pubertät gerne etwas sagen. So auch ich nicht. Ich lernte Jan in einer Dorfdisco kennen. Damals war es ein Highlight, samstagabends tanzen zu gehen. Es war das erste Mal überhaupt, dass ich ohne meine zwei älteren Brüder, die sonst auf mich aufpassten, ausgehen durfte. Ich traf mich mit meiner Freundin Manuela und mein Vater brachte uns mit dem Auto in das besagte Dorf. Ich war schrecklich aufgeregt. Ich machte eine Abholzeit mit meinem Dad aus, doch diese gefiel mir ganz und gar nicht, ich fand es viel zu früh und kämpfte um jede Minute, die ich mehr rausschlagen konnte. Ich fing an zu schnurren wie ein Kätzchen und schmierte ihm Honig um den Bart, dieser Trick funktionierte immer, so auch dieses Mal. Zufrieden mit dem Ergebnis, genau anderthalb Stunden länger bleiben zu dürfen, stiegen wir aus dem Auto und machten uns auf den Weg. Wir staunten nicht schlecht, als wir die Kneipe betraten, denn es war rappelvoll. Meine Güte, wo kommen nur alle diese Leute her?, dachte ich im Stillen und sah Manuela, wie sie sich einen Weg durch die Menschenmenge Richtung Fensterfront bahnte. Es standen mehrere Tische aufgereiht an der Fensterseite, die als Sitzgelegenheiten dienten, auf denen bereits mehrere junge Männer und Frauen saßen. Wir setzten uns dazu und erzählten uns was, als mich jemand von hinten anstupste. Ich drehte mich um und sah direkt in die blauen Augen eines gut aussehenden Jungen (mein Prinz!).

Wow … was für Augen! Ich war hin und weg von ihm und er wohl auch von mir, denn so langsam kamen wir ins Gespräch. Er hieß Jan Rainau, kam aus dem Nachbarort und war zusammen mit seinem Freund Tupper (Spitzname) unterwegs. Ich merkte gar nicht, wie die Zeit verging, und an Tanzen war sowieso nicht mehr zu denken. Manuela zog es auf die Tanzfläche, von ihr war nicht mehr viel zu sehen. Zu später Stunde trieb es mich auf die Toilette, ich hüpfte vom Tisch und ging Richtung Ausgang. Ich schaute mich noch einmal um und sah Jans erschrockenen Blick, der sich gleich ertappt fühlte, wegschaute und sich eine Zigarette drehte. Ich konnte diesen Gesichtsausdruck nicht richtig deuten und schenkte dem auch keine Beachtung mehr (Wochen später erzählte mir Jan, dass er sich damals aufgrund meiner Größe so erschrak, denn er hatte nicht damit gerechnet, dass ich so klein war).

Der Abend verging wie im Flug und als wir uns verabschiedeten, tauschten wir noch eiligst unsere Telefonnummern aus. Ach ja, und sein Feuerzeug hatte ich ihm auch entwendet. Es war durchsichtig mit kleinen blauen Herzen. Ich sagte ihm, wenn er es wiederhaben wolle, müsste er es sich bei mir zu Hause persönlich abholen. Wir lachten herzlich und ich ging nach draußen. Vor lauter rosa Wolken hatte ich vergessen, Manuela zu holen, rannte noch mal hinein, fand sie auch recht schnell und zog sie mit mir. Mein Vater wartete bereits im Auto auf uns – natürlich war er früher als verabredet dort gewesen. Es hätte mich auch gewundert, wenn es nicht so gewesen wäre. Ich schwebte auf Wolke 7, war ich doch gerade dabei, mich in einen ganz süßen Jungen zu verlieben!

Am nächsten Tag wartete ich wie auf heißen Kohlen darauf, dass das Telefon klingelte, in der Hoffnung, Jan würde mich anrufen. Aber nix, gar nix klingelte. Ich konnte den ganzen Tag lang nicht still sitzen, machte mir immerzu Gedanken, wie schön es wäre, wenn er jetzt anrufen würde, doch es kam kein Anruf. Am Nachmittag hielt ich es einfach nicht mehr aus und wählte seine Nummer. Ich war so aufgeregt, dass ich dachte, mein Herz würde jeden Augenblick zerspringen. Als dann sein Vater am Apparat war, bekam ich fast keinen Ton heraus. Ich stellte mich vor und fragte, ob ich Jan sprechen dürfte, und es dauerte nicht lange, da hatte ich ihn am Telefon. Ich glaube, er war in dem Moment ziemlich überrascht, dass ich ihn anrief, denn seine Begeisterung hielt sich in Grenzen, ganz im Gegenteil zu meiner. Nach einem, vor Verlegenheit, ziemlich stockenden Gespräch war ich dann sehr enttäuscht. Ein wenig mehr hatte ich mir dann doch von unserem Telefonat erhofft. Wir verabschiedeten uns, ohne ein weiteres Treffen zu vereinbaren, und ich legte enttäuscht auf. Wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen, ging ich in mein Zimmer und schwor mir, nie wieder zuerst einen Jungen anzurufen. Nach ungefähr einer halben Stunde klingelte unser Telefon und mein Vater rief mich. Ich ging nichts ahnend ran und war sehr überrascht, dass es Jan war. Er entschuldigte sich für sein vorheriges Verhalten und erklärte mir, dass er, als ich anrief, gerade zusammen mit seiner Schwester einen Film geschaut und gar nicht mit meinem Anruf gerechnet hatte, dennoch hätte er sich sehr darüber gefreut. Wir plauderten mindestens eine Stunde lang und verabredeten uns für das darauffolgende Wochenende bei ihm in Büttchenstein. Wie ich allerdings dorthin kommen sollte, war mir schleierhaft. Doch das war erst einmal zweitrangig, es würde sich schon eine Fahrgelegenheit ergeben.

Ich hielt es vor lauter Aufregung die Woche über kaum aus, so sehr fieberte ich dem Wochenende entgegen. Meinen Eltern blieb meine gute Laune natürlich nicht verborgen, doch sie äußerten sich nicht, sie schauten mich nur immer auffordernd an, meine gute Laune zu erklären, doch ich hielt meinen Mund, grinste vor mich hin und ging meiner Wege.

Am darauffolgenden Samstag brachte mich mein Bruder Sven nach Büttchenstein. Er fuhr zu dem Zeitpunkt einen alten Fiat Spider Cabriolet. Natürlich fuhren wir auf meinen Wunsch hin offen, denn ich wollte richtig cool wirken. Ich war so nervös und versuchte die ganze Zeit, meine Haare im Fahrtwind zu kämmen, was natürlich ein auswegloses Unterfangen war. Sven amüsierte sich die ganze Zeit über mich, ich aber schaute ständig in den Spiegel, um sicherzugehen, dass ich gut aussah.

Am Treffpunkt angekommen, wartete Jan bereits auf mich, und wir begrüßten uns sehr herzlich. Nachdem ich meinen Bruder vorgestellt hatte, fuhr dieser zurück nach Hause. Er wollte mich drei Stunden später wieder abholen. Jan war genauso aufgeregt wie ich. Wir verstanden uns aber auf Anhieb und gingen zu ihm nach Hause. Bei ihm angekommen, stellte er mir seine Familie vor, die komplett versammelt in der Küche am Kaffeetisch saß. Sein ältester Bruder Ulrich (der nicht mehr zu Hause wohnte) und dessen schwangere Frau Angelika waren auch anwesend. Ich lernte alle kennen und hatte ein komisches Gefühl im Bauch; weshalb, konnte ich mir damals auch nicht so recht erklären – heute weiß ich es. Am besten von allen gefiel mir seine Oma Käthe. Sie war schon sehr alt, aber richtig nett und herzlich. Wir verstanden uns auf Anhieb und das gab mir ein gutes Gefühl. Auch dieser Nachmittag verging wie im Fluge, und als ich abends wieder zu Hause war, wusste ich, dass ich bis über beide Ohren verliebt war. Hätte ich doch bloß auf meine Mutter gehört und die Finger von ihm gelassen! Aber das tat ich nicht und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

Aus Jan und mir wurde ein Paar, ganz zum Leidwesen meiner Eltern. Doch alles Drohen, Schimpfen und konsequente Verbote halfen nicht, diese Liebe zu unterbinden. Ganz im Gegenteil! Wir sahen uns mehrmals in der Woche. Jan kam immer mit seinem Mofa und fast regelmäßig riss der Bowdenzug ab, sodass er immer erst an dem blöden Teil herumbasteln musste, wenn er bei mir war. Ich versorgte ihn dabei heimlich mit Leberwurstbroten, so, dass meine Eltern nichts mitbekamen. Wochen später gestand er mir dann, dass er gar keine Leberwurst mochte. Ich war völlig geschockt darüber und hatte ein unglaublich schlechtes Gewissen, weil er seit Wochen Brote aß, die ihm gar nicht schmeckten. Von da an gab es Käsebrote.

(Meine Oma Herta, die auch bei uns zu Hause wohnte, mochte Jan zwar, dennoch war ihr unsere Verbindung ein Dorn im Auge. Immer wieder ließ sie in Gesprächen mit ihm Spitzfindigkeiten fallen, doch Jan überhörte diese geflissentlich. Im Gegenteil, er machte sich einen Spaß daraus. Eines Abends im Winter, kurz bevor Jan nach Hause wollte, pinkelte er ihr ein Herz unter ihr Schlafzimmerfenster in den Schnee. Ich erfuhr erst davon, als meine Oma am nächsten Morgen wütend nach mir rief, damit ich mir die „Sauerei“ anschauen konnte. Ich selbst konnte mir das Lachen kaum verkneifen, sie aber fühlte sich beleidigt. Ja, so war meine Oma.)

Ich war zu dem Zeitpunkt gerade mit der Schule fertig und fing eine Lehre als Friseurin an. Jan hingegen flog von selbiger, er war stinkfaul und hatte keine Lust auf Schule. Meine Mutter nahm ihn irgendwann ins Gebet und machte ihm klar, wie wichtig ein Schulabschluss sei, in der Hoffnung, dass er sich irgendwann darum bemühen würde, diesen nachzuholen (so kam es dann auch noch). Seinen Eltern hingegen schien das alles nicht wichtig zu sein, sie kümmerten sich nicht wirklich um ihn, geschweige denn darum, dass er zur Schule ging. Jan fing eine Lehre als Tischler an, die er jedoch schnell wieder abbrach. Kurze Zeit später wollte er Tierpfleger werden, aber auch dieses Ziel verlor er schnell aus den Augen. Zu guter Letzt machte er eine Ausbildung als Elektriker.

Jan und ich arbeiteten viel und fühlten uns alsbald ziemlich ausgelaugt. Wir brauchten Erholung und unser allererster gemeinsamer Urlaub führte uns nach Schweden. Mit Zelt, versteht sich. Wir waren schließlich nicht die Kinder reicher Eltern und konnten uns noch kein Ferienhaus leisten, doch das war uns egal. Wir freuten uns auf die gemeinsame Zeit, hatten wir doch uns und unsere Liebe. Was brauchten wir mehr? Schon allein die Fahrt war ein Abenteuer für sich! Nachdem das Auto gepackt und der Reiseproviant vorbereitet war, fuhren wir guter Dinge los. Es regnete in Strömen, aber auch das machte uns nichts aus.

Staufrei und nach vielen Pausen kamen wir nach 14-stündiger Fahrt endlich am Ziel an. „Boah, bin ich kaputt, ich bin völlig erledigt!“, sagte Jan, er war die lange Strecke allein gefahren. Sein Leitspruch bei der Vorstellung, die Frau würde hinter dem Steuer sitzen, während der Mann demütig neben ihr sitzen musste, war: „Frau am Steuer – Auto teuer“. Schon damals hatte er etwas Chauvinistisches an sich, nur habe ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht merken wollen. Nachdem das Zelt aufgebaut und alle Sachen an Ort und Stelle verstaut waren, holte ich den Kocher heraus und machte uns eine Gulaschsuppe warm. Neben uns zeltete eine Familie mit zwei Kindern. Diese waren dermaßen laut, dass ich mir wünschte, ich hätte Ohrstöpsel mitgenommen. Als wir so auf unseren Stühlen saßen und unsere Suppe aßen, drehten die Kinder von nebenan plötzlich voll auf. Außer Rand und Band, durch nichts mehr zu stoppen. Wir schauten uns das Schauspiel mit einem milden Lächeln an und harrten der Dinge, die da noch so kommen sollten. „Du Jan, schau mal, irgendwie führen sich die Kinder merkwürdig auf“, sagte ich zu meinem Freund, und auch ihm war nicht entgangen, dass das Ganze merkwürdig aussah. Plötzlich hatte ich eine Eingebung: „Du, die spielen, als wären sie besoffen“, meinte ich lachend und das Ganze sah so verdammt echt aus, dass wir nicht umhinkamen, das Schauspiel weiter zu beobachten. Die Eltern der Kinder schien das Verhalten ihrer Sprösslinge nicht weiter zu interessieren, sie nahmen keinerlei Notiz von ihnen. Später am Abend wussten wir auch warum. Es war schon fast dunkel und so langsam wurden wir müde, als die Eltern der Kinder genauso aufdrehten wie selbige am Mittag. Als wären sie Abziehbilder ihrer Kinder. Sie grölten und lachten und hampelten dort herum, dass es einem die Sprache verschlug. Die zwei waren betrunken! Die Kinder kannten dieses Verhalten wohl schon und hatten ihre Eltern am Mittag nur imitiert. Jan und ich schauten einander an und uns war beiden stillschweigend klar, dass uns so etwas niemals passieren sollte, würden wir irgendwann einmal Kinder haben. Zu später Stunde ereilte uns eine bleierne Müdigkeit und wir legten uns schlafen.