Beam me up Shakti - Martine Burgy - E-Book

Beam me up Shakti E-Book

Martine Burgy

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Beschreibung

Dieser Erfahrungsbericht spiegelt einen Kundalini-Prozess, der "klassisch" einfach verlaufen ist. Mit Witz und Intelligenz erzählt Martine Burgy von ihren Erfahrungen und Reflektionen, die sie während vier "Retreats" von jeweils 6 bis 8 Wochen bei Swami Chandrasekharand Saraswati (Swamiji) in Indien verbrachte. Dank der Begleitung durch Swamiji über einen Zeitraum von rund 5 Jahren verlief ihr Kundalini-Prozess harmonisch und führte schliesslich zum höchsten Punkt - Parabindu. Viele Reflektionen begleiten diesen Weg, die so alltäglich sind, dass sich fast jede Person irgendwo in irgendeiner Form wiederfinden mag. Gleichzeitig gibt dieser Bericht einen kleinen Einblick in den Alltag eines "Retreats" sowie in das Wirken eines wahren Kundalini-Meisters. Swamiji ist im Frühjahr 2016 in das Eine ohne ein Zweites (Mahasamadhi) eingegangen.

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Seitenzahl: 431

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Beam me up Shakti Eine Reise ins Selbst

ImpressumBeam me up Shakti - Eine Reise ins SelbstProlog und DanksagungErstes Retreat - Herbst 2010 (8 Wochen)Die Monate zwischen dem 1. und 2. Retreat – Dezember 2010 bis Juli 2011Zweites Retreat - Sommer 2011 (6 Wochen)Die Monate zwischen dem 2. und 3. Retreat – September 2011 bis November 2012Drittes Retreat – Winter 2012/2013 (8 Wochen)Die Monate zwischen dem 3. und 4. Retreat – Februar 2013 bis September 2014Viertes Retreat – Herbst 2014 (6 Wochen)EpilogGlossar

Impressum

Deutsche Originalausgabe – 1. Auflage 2017 

Texte/Autorin:      © Copyright by Martine Burgy

Cover:                   © Copyright by Martine Burgy Korrektorat:          Ursa Krattiger und Dorothea Acchille

Verlag:                  Martine Burgy, Ringwaldstrasse 12a ;

                              CH – 4410    Liestal,  [email protected]

Beam me up Shakti

Eine Reise ins Selbst  

Martine Burgy

Im Gedenken an

Granny, die mir das Vertrauen gab, alles sein zu können, was ich mir vornahm und an

Swamiji, der es möglich machte.

„Das ist ein sehr eindrücklicher Text und spricht in mir selber vieles an .... wie Du zurecht sagst, wohl in jeder und in jedem etwas anderes, je eigenes - das muss so sein! Toll Dein Konzept, der strikte Aufbau - und die Verbindung Deiner Intellektualität und Gescheitheit mit Witz, Humor und Selbstironie und dem tiefen Sehnen nach "there must be more to life", offensichtlich schon seit Kind an - das ist schon sehr sehr faszinierend und auch überzeugend. Habe viel gelernt dabei und verstanden.“ 

Ursa Krattiger, Autorin von „Die perlmutterne Mönchin. Reise in eine weibliche Spiritualität.“

Prolog und Danksagung

Es ist, als sei es gestern gewesen, als endlich der Abholschein der Post mit der langersehnten Antwort von Swamiji im Briefkasten lag. Ich kann mich gut erinnern, wie aufgeregt ich innerlich war; vergleichbar etwa mit dem Abholen von Prüfungsresultaten.

Gleichzeitig suchte ich in Gedanken nach Alternativen, falls er mich nicht nach Indien einladen würde zu einem Retreat. Ich hatte Swamiji ein paar Monate zuvor meine Biographie geschickt, die er verlangte, wenn man zu ihm wollte, und habe ihn um ein Retreat gebeten. Er lud nur wenige Leute auf einmal zu sich ein und nur, wenn er sicher war, dass er helfen konnte.

Ich ging also auf die Post, holte den Brief ab, der tatsächlich den langen Weg von Indien in die Schweiz gefunden hatte. Obwohl wir längst im E-Mail-Zeitalter angekommen waren, barg dieser von Hand geschriebene Brief seinen eigenen Hauch von bevorstehendem Abenteuer. Ein Abenteuer allerdings mit einer unklaren Zielvorstellung vom innersten Selbst und einem noch unklareren Ausgang. Nichtsdestotrotz ein Abenteuer, das mich aus noch unerklärlichen Gründen zu Swamiji zog.

Rund zwei Jahre zuvor kam ich zum Yoga wie die berühmte Jungfrau zum Kind. Das Einzige, was ich über Yoga „wusste“ war, das es gut für den Rücken sein soll. Eines Tages traf ich bei einem beruflichen Netzwerkanlass eine Yoga-Lehrerin, die mich ermunterte, doch einmal Yoga zu schnuppern. Da sie auf mich einen sehr pragmatischen Eindruck machte, bin ich zwei Wochen später in meine erste Yoga-Stunde gegangen. Obwohl ich bis zu dem Zeitpunkt viele Interessen hatte, die ich mit Begeisterung pflegte, löste Yoga bei mir von Anfang an ein Gefühl von Altbekanntem aus. Ich hatte ein unglaubliches Gefühl von „zuhause“ zu sein und „mein Ding“ gefunden zu haben. Entsprechend erstaunt und glücklich spazierte ich nach der Stunde raus. Zunächst ging ich das Ganze sehr vorsichtig an und ging einmal wöchentlich in die Stunde. Nach zwei bis drei Monaten ging ich zweimal wöchentlich und schliesslich fing ich an, sorgfältig ein paar Minuten täglich zuhause zu üben. Doch fast noch wichtiger: ich fing an zu lesen. Die Allgemeinliteratur über Yoga scheint vor allem die physischen Übungen zu behandeln. Doch gab es in dieser Literatur den einen oder anderen Hinweis zu den Quellentexten. Das führte mich sehr schnell zu den Yoga-Sutras, die Baghavad Gita und die Upanischaden – um nur einige Texte zu erwähnen. Zum ersten Mal fühlte ich mich richtig verstanden, weil diese Texte das zum Ausdruck brachten, was ich selber schon angedacht, aber nie wirklich irgendwo sonst angetroffen hatte. So bin ich römisch-katholisch mit all-sonntäglichen Kirchgängen aufgewachsen. Obwohl ich nicht mit einer Riesenbegeisterung in die Kirche ging, versuchte ich immerhin, während dieser Stunde nichts Böses zu denken. Was der Pfarrer vorne schwatzte, ging jedoch an mir vorbei. Einzelne Aussagen oder Aspekte, die ich von Anfang an nicht verstand oder akzeptierte, ignorierte ich einfach oder dachte ganz privat meinen eigenen Teil dazu.

Was das Spirituelle betraf, so habe ich keinen in der Kirche getroffen, dem ich soweit vertraut hätte, dass ich entsprechende Fragen hätte stellen können oder wollen. Also blieb ich still und kontemplierte über die Jahre immer wieder über den einen oder anderen Satz, der jede Woche zitiert wurde - Sätze, die wir schon fast gedankenlos nachplapperten. Kurzum: was die Spiritualität oder andere Religionen betraf, war ich sehr neutral eingestellt. Zumindest war ich diesbezüglich nicht festgefahren und im Gegenteil empfänglich für andere spirituelle Beschreibungen. Als ich die Upanischaden zum ersten Mal las, hätte ich vor Freude weinen können. Endlich wurden viele Fragen, die ich seit Jahren in mir trug, beantwortet. Und zwar in einer Art und Weise, die meinen Verstand und mein Herz zufrieden stellten.

So war es mir intuitiv von Anfang an klar, dass wahres Yoga nichts Zertifiziertes sein konnte und dass es sehr wichtig war, diesbezüglich gut begleitet zu sein. Die erste Yoga-Lehrerin war auf der physischen Ebene eine sehr gute Lehrerin. Doch war es die zweite Yoga-Lehrerin, zu der ich bewusst interimsmässig ging, die mich schliesslich auf das Buch von Kiu Eckstein1 aufmerksam machte und meinte, dass ich es lesen sollte. Sie habe es nicht fertig gelesen, da es sie nicht so ansprach, doch denke sie, dass es mich interessieren könnte. Tatsächlich hatte ich besagtes Buch schon im Buchladen gesehen, doch nie in die Hände genommen. Erst als sie es mir gab und ich das Bild von Swamiji sah, wusste ich: zu ihm musste ich hin! Das war so klar wie das Amen in der Kirche. Es kam vom innersten Kern, wie ein innerer Befehl. Mit wem sollte ich da debattieren? - So verschwendete ich keine weitere Zeit und setzte mich sofort hin, ihn anzuschreiben. Die Antwort nun, die kam per eingeschriebenen Brief, den ich eben auf der Post abgeholt hatte.

Der Versuchung widerstehend, den Brief sogleich zu öffnen, ging ich zuerst nach Hause, setzte mich hin und atmete einmal tief durch. Dann erst öffnete ich ihn und nahm eine einzige, handgeschriebene Seite heraus. Es ist unmöglich, zu beschreiben, was beim Lesen dieser Zeilen in mir vorging. Was ich im Nachhinein vielleicht sagen kann: die unglaubliche Energie von Swamiji kam gleich mit. Der Inhalt und eine immense Dankbarkeit taten ihr Übriges.

Der vollständige Name von Swamiji ist Swami Chandrasekharanand Saraswati, was sich übersetzen lässt mit „Die Glückseligkeit von höheren himmlischen Sphären“. Wir nannten ihn alle kurz und bündig Swamiji. Swamiji, ein Mönch aus dem Saraswati Orden, war 2008 – als er mir schrieb – 78 Jahre alt und ein Meister in seinem Fach. Er wurde direkt von Kundalini Shakti initiiert, unterwiesen und begleitet. Dies ermöglichte es ihm, bei anderen Menschen zu erkennen, ob und wo Kundalini Shakti aktiv war. Sodann erkannte er, was hilfreich war, um Kundalini Shakti in der betreffenden Person zu unterstützen, so dass sie ihren Weg möglichst zu Ende zu führen vermochte bis und mit Omega (Para Bindu) – der Vereinigung von Mikrokosmos und Makrokosmos.

In der Literatur geistern viele Mythen, Erklärungen und Beschreibungen herum, was Kundalini Shakti sei oder ist. So gibt es verschiedene Namen und Begriffe für Kundalini Shakti, je nach Kultur oder Religion. Allein in Indien werden verschiedene Begriffe für dasselbe verwendet, je nachdem, welche Philosophie oder Religion oder Gottes-Anschauung man wählt. So ist z.B. Prakriti (den Yoga-Leuten ist dieser Begriff sicherlich geläufig) oder Maya (die Vedanta-Leute kennen eher diesen Begriff) ein weiterer Ausdruck für Kundalini Shakti. Im Christlichen wäre das nächstliegende Korrespondierende der Heilige Geist. Doch all diese Begrifflichkeiten erklären noch nicht, was Kundalini Shakti ist.

Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass dieses Buch nicht zum Ziel hat, Kundalini Shakti zu erklären. Diesbezüglich verweise ich LeserInnen auf eigene Recherchen in der weltweit zugänglichen Literatur. Ich kann bestenfalls eine sehr knappe Anspielung machen, was sie für mich ist.

Sehr vereinfacht ausgedrückt ist Kundalini Shakti ein Quäntchen Macht – in Gott und aus Gott kommend. Jede Manifestation, ja das gesamte Universum, geht direkt aus ihr hervor. So existiert jedes einzelne Wesen einzig und allein wegen ihr und durch sie.

Mit anderen Worten: Sie ist die höchste Macht, und nichts und niemand steht über ihr. Sie ist die wahre Königin, Mutter Gottes, das Göttliche in uns. Sie existiert, um uns den Weg zurück zu zeigen zu unserem ureigenen Selbst, unserem Atman oder zum innersten Punkt der Seele – wie es zum Beispiel Sri Sri Patañjali in seinem berühmten Werk der Yoga Sutras erklärt (siehe z.B. Y.S. II §21ff).

Wenn man sich nun durch die vielen Schichten der eigenen Vergänglichkeit durcharbeitet, stösst man irgendwann unweigerlich ins Ewige vor. Auf diesem Weg hilft einem Kundalini Shakti, die ultimative und absolute Wahrheit zu erkennen, das Ewige, Unendliche, Unsterbliche, das allem innewohnt und dem alles unterliegt. Im Prinzip kann man sagen, dass sie der Guru in uns drin ist. Sie ist ganz klar mehr als „nur“ irgendeine Energie, mit der sie einige Autoren in der Literatur zuweilen beschreiben.

Um hier gleich noch eine Begrifflichkeit einzuführen: sie ist mehr als Prana, das übersetzt werden kann mit einer Macht, die in konstanter Bewegung ist. Prana wird oft kurz als Lebensenergie betitelt, welche alles durchdringt und belebt. Prana ist unglaublich wichtig für uns. Ohne Prana gibt es kein Leben, wie wir es verstehen. Kundalini Shakti ist die Königin, die Prana anweist. Sehr vereinfacht ausgedrückt: Prana „tut“, was Shakti „sagt“.

Das nächste wichtige Element in der Geschichte ist das Folgende: Während Kundalini Shakti nur ein Ziel vor Augen hat, ist sie in vielen Menschen noch inaktiv und liegt „eingerollt“ im Wurzelchakra, auf eine Opportunität wartend, dass sie „hoch“ steigen kann zu Bindu und ultimativ zu Para Bindu, Omega oder zur absoluten Realität – der Vereinigung von Mikrokosmos und Makrokosmos und ihrem Endziel.

In einigen Menschen jedoch ist sie aktiv und hat unterschiedliche Ebenen erreicht, die stabil oder instabil sein können. Unabhängig davon, ob die schon erreichte Ebene von Kundalini Shakti stabil oder instabil ist: solange sie ihr Ziel noch nicht erreicht hat, ist es sehr hilfreich, gute Begleitung zu bekommen.

Swamiji nun ist einer der sehr seltenen Menschen gewesen, die jemanden in einem aktiven Kundalini-Prozess begleiten konnten. Er ist im Frühjahr 2016 in Mahasamadhi eingegangen – in das Eine ohne ein Zweites. Als schon zu Lebzeiten Verwirklichter hat er während Jahren vielen Menschen auf der Welt geholfen, ihren eigenen Kundalini-Prozess nicht nur zu korrigieren und zu verbessern, sondern auch zu verstehen und Eigenverantwortung für den eigenen Prozess, das eigene Verhalten und die inhärenten Denkmuster zu übernehmen.

Ich bin eine dieser vielen Menschen, die von Swamiji begleitet wurden. Shakti hat in ihm auf eine Weise gewirkt, die fürwahr selten ist. Obwohl Shakti in mir ebenfalls aktiv ist und durch die gezielten Übungen, die er mir gab, sowie die vielen Reflektionen ihr ultimatives Ziel erreicht hat, ist es nicht mein Ziel, über das Wissen, das über Kundalini existiert, zu schreiben. Ebenfalls kann ich keine Anleitungen für andere Personen geben, die in einem Kundalini-Prozess sind. Ich betone dies, weil es vermutlich nur wenige Menschen gibt, die von Kundalini Shakti selbst initiiert und ermächtigt sind, diese Arbeit zu tun.

Ziel dieses Buches ist somit weniger, auf den fast schon technischen Kundalini-Prozess einzugehen, als vielmehr auf die mindestens ebenso notwendigen Reflektionen, die mich Schicht um Schicht immer tiefer blicken liessen, bis der innere Reinigungsprozess zum grossen Teil durch war und Shakti eingehen konnte in das Eine. Gewisse Einsichten sind hingegen eher rückblickend als zu dem Zeitpunkt schon erfasst. Wo möglich, versuche ich dies anzugeben. Zudem zeigen gerade die rückblickenden Einsichten, wie stark Kundalini Shakti wirkt und leitet. Es wäre schlicht unmöglich, die vielen Begegnungen, Gegebenheiten oder Erfahrungen im Moment, da sie geschehen, sogleich mit all ihren Implikationen einordnen zu können. Das lässt sich erst in der Rückschau einigermassen erkennen.

Die einschlägigen Sanskrit-Begriffe, die mehr als einmal vorkommen, werden im Glossar am Ende des Textes für einfacheres Referenzieren zusätzlich aufgeführt. Begrifflichkeiten, wie: „Shakti, Kundalini, Kundalini Shakti“ werden zudem in diesem Text synonym verwendet.

Mein Dank für diese Reise gilt in erster Linie Kundalini Shakti, ohne die nichts möglich ist. Ich verneige mich vor Swamiji, der – obwohl oder vielleicht gerade weil er diese seltene Gabe von Kundalini Shakti erhielt – einer der bescheidensten Menschen war, die ich je erleben durfte und den ich trotz seines fortgeschrittenen Alters nur am Arbeiten und Unterstützen sah.

Bevor ich in die eigentliche Geschichte eintauche, möchte ich es an dieser Stelle nicht unterlassen, meine Granny zu erwähnen, die mir das Vertrauen gab, alles erreichen zu können, was ich mir vornahm. Auch wenn sie mich – als stolze Grossmutter - vielleicht eher in der Rolle einer Premierministerin von Grossbritannien sehen wollte, so war meine Wahl schliesslich, mein ureigenes Selbst erfahren zu wollen und abzuklären, ob das, was mir von Kindheit an schon vom Dorf-Pfarrer gesagt wurde, wahr ist: dass nämlich das Königreich Gottes in uns ist. In dieser Hinsicht fühlte ich mich tatsächlich mehr als Forscher, der die vielen Behauptungen von unzähligen Mystikern, sowie die Kern-Aussagen in den diversen Schriften der Weltreligionen zu validieren suchte.

Die Evidenz, dass es das Eine gibt, wird durch die Empirie der unzähligen Zeugnisse von Menschen aus allen Jahrhunderten und Kulturen belegt. Der einzige Unterschied zur weltlich orientierten Wissenschaft liegt meines Erachtens darin, dass die Erfahrung und Evidenz nur persönlich und direkt überprüft werden kann, um die Behauptung vom Einen ohne ein Zweites zu verifizieren. Ein Glaube ist gut und recht, doch direkte, persönliche Erfahrung (respektive Nicht-Erfahrung) ist das, was den Beweis für einen selbst liefert. Alles andere ist Theorie, Spekulation und nicht zuletzt Theologie.

Was ich unter anderem an Swamiji so liebte, war seine vollkommen undogmatische Herangehensweise. Das Einzige, was wichtig war, war Kundalini Shakti und was eine Person gerade benötigte, damit der Prozess sich möglichst harmonisch weiter entwickeln konnte. Trotz Swamijis offensichtlicher Autorität nahm ich mir dennoch vor, kritisch zu sein. Doch war das letzten Endes wohl eher semantisch, da die Übungen und die daraus resultierenden persönlichen Erfahrungen – das weitere Hochsteigen von Kundalini Shakti – der direkte Beweis waren für seine Kompetenz.

Die Liste von weiteren Personen, denen Dank und Zuneigung gebührt, liesse sich noch Seiten über Seiten füllen. Ein paar wenige möchte ich hier dennoch erwähnen. An oberster Stelle stehen selbstverständlich meine Eltern, die mit unendlich viel Liebe und Zuneigung immer wieder demonstriert haben, was wichtig ist im Leben. Ferner möchte ich es nicht unterlassen, meine Geschwister zu erwähnen, die mich mit viel geschwisterlicher Liebe akzeptieren, wie ich bin. Ein paar langjährige Freunde und Freundinnen, die bis in die Schul- und Universitätszeit zurückgehen möchte ich ebenfalls speziell erwähnen. Über die Jahre haben sie die verschiedenen Entwicklungsstadien meines Prozesses mit einer Selbstverständlichkeit und Geduld zur Kenntnis genommen, die ihresgleichen sucht.

Grosser Dank gebührt den kritischen und aufmerksamen Lesern und Freunden des vorangegangenen Manuskriptes mit ihren vielen hilfreichen Verbesserungsvorschlägen, die ich in der Folge versucht habe umzusetzen. Diesbezüglich möchte ich vor allem Ursa Krattiger meinen Dank aussprechen, die als ehemalige Medienfrau ein speziell geübtes Auge auf das Manuskript geworfen hat sowie Doro Acchille und Daniel Bader, die mich ebenfalls mit ihren sehr hilfreichen Kommentaren unterstützt haben. Ebenfalls an dieser Stelle möchte ich Martina Suter erwähnen, die mit ihrem speziellen Flair und Können das Cover graphisch gestaltete. Des Weiteren geht mein Dank an Gudrun Anders, die mir als ehemalige Verlegerin und Marketingfrau wertvolle Unterstützung leistete.

Und schliesslich möchte ich Petra speziell erwähnen, die so wichtig ist für meine spirituelle Entwicklung, wie Swamiji es war. Sie war im letzten Retreat dabei, als Kundalini Shakti ihr Ziel erreichte und begleitet(e) mich als (spirituelle) Freundin durch den darauffolgenden Stabilitäts- und Integrationsprozess.

Das vorliegende Buch ist im Wesentlichen ein Beschrieb der vier Retreats, die ich bei Swamiji verbrachte, sowie der kurz zusammengefassten Intervalle dazwischen. Ich entschuldige mich im Voraus für allfällige Fehler oder Fehlinterpretationen, die ich zu Äusserungen von Swamiji oder Petra eventuell gemacht habe. Ich hoffe, es sind nicht zu viele. Ich habe mich bemüht, nur das wiederzugeben, was ich durch persönliche Erkenntnis oder Erfahrung direkt verstanden habe.

Möge dies den einen oder anderen als Inspiration dienen und möge jeder seinen eigenen, individuellen Weg in das Eine ohne ein Zweites gehen.

OM Tat Sat

Kiu Eckstein: Kundalini Erfahrungen – Eine Meister-Schüler-Begegnung, Aquamarin Verlag, 2008

Erstes Retreat - Herbst 2010 (8 Wochen)

Ankunft: Erste Tage – 3. - 10. Oktober:

Das übliche Kribbeln in der Magengegend begleitete mich, wie immer, wenn ich zum ersten Mal in ein für mich neues Land reiste. Dieses Mal war es Delhi, Indien. Meist verstärkte sich die Nervosität noch, wenn ich mitten in der Nacht ankam, was doch ab und zu vorgekommen war.

Delhi Flughafen überraschte mich mit seiner Ruhe und freundlichen Weitläufigkeit. Es war das pure Gegenteil von dem, wovor mich Bekannte in der Schweiz gewarnt hatten und ich gleichzeitig zu ignorieren suchte. Die dicken Teppiche schluckten jeglichen Lärm, was das Ganze sehr angenehm machte, und man hatte den Eindruck als seien kaum Menschen zugegen. Alles klappte wie am Schnürchen, und die Sorge, ob er da sein würde, war natürlich völlig unbegründet.

Da stand er und wartete in der Menge an vorderster Front, klar erkennbar in seiner orangen Robe - und viel kleiner als ich mir vorgestellt hatte - mit einem Foto von mir in der Hand. Das fand ich schon mal sehr witzig. Dass er ein Foto von mir in der Hand hatte und nicht, was ich in anderen Ländern oft beobachtet hatte, den Namen von sich selbst, indizierte sogleich, dass er anders tickte. Schon musste ich ein erstes Lachen unterdrücken, weil es mir so absurd vorkam, ein Bild von mir zu sehen.

Es waren diese kleinen Dinge, die viele Hinweise lieferten über seine Verhaltens- und Denkmechanismen. Dabei ging es nicht um besser oder schlechter, richtig oder falsch – na ja, manchmal vielleicht schon -, sondern einfach nur darum, dass man immer wieder mit anderen Sichtweisen konfrontiert wurde, die genauso möglich und legitim waren.

Ich war natürlich sehr erleichtert, dass er und sein Fahrer da waren. Es fing tatsächlich schon lustig an, als wir eine Weile brauchten, um den richtigen Zugang zum Parkhaus zu finden. Wenn ich ehrlich bin, hatte dies nicht gerade mein Vertrauen gestärkt. Es hat, im Gegenteil, sogleich ein Fragezeichen in mir produziert, das ich jedoch einfach mal stehen liess. Mit anderen Worten, ich versuchte, einfach nur zu beobachten, ohne gross Gedanken darüber zu verlieren. Andernfalls hätte ich gleich wieder umkehren können.

Nach einigem Herumzirkeln auf dem Flughafengelände fanden sie schliesslich das Auto. Das fing schon sehr eigenartig an und definitiv anders, als was ich auf meinen vielen Reisen in der Welt sonst erlebt hatte. Aber das Wichtigste war: Swamiji war da!

Das konnte ich von anderen Erlebnissen in anderen Ländern nicht eben behaupten. In diesem Fall durfte ich einfach schon vom ersten Augenblick an lernen, dass die Dinge mit ihm anders funktionierten und mein Denksystem sogleich in ein anderes System eingeführt wurde. Es war sehr sanft und doch klar. Ohne, dass es mir in jenem Moment bewusst war, machte mein Denksystem Bekanntschaft mit der Schulung von Viveka (Unterscheidungsfähigkeit).

An sich wollten wir mit dem Auto durch die Nacht nach Rishikesh weiterfahren. Doch Swamiji meinte, wir würden die Nacht im Hotel verbringen und früh morgens losfahren. So fuhren wir schweigend durch die Nacht zum Hotel, wo ich mich zwei bis drei kurze Stunden hinlegen konnte. Um vier Uhr in der Früh klopfte er allerdings viel zu früh an die Tür und erklärte, dass wir nun zunächst nach Dehra Dun fliegen und dort dann von einem anderen Fahrer abgeholt würden, um nach Rishikesh zu fahren. Dies sei sicherer. In Delhi stand an jenem Tag ein Gerichtsentscheid über einen umstrittenen Tempel an. Konkret erhoben sowohl Hindu wie Muslime Anspruch auf diesen Tempel. So oder so war die Gefahr von möglichen Ausschreitungen und Strassensperren gegeben, sodass er mit mir nach Dehra Dun fliegen würde. Der Fahrer würde dann einen Tag später fahren, wenn sich alles beruhigt hatte.

Swamiji zeigte gleich zu Beginn seine liebenswürdigste und fürsorgliche Seite, was mich doch leicht erstaunte. Am Flughafen kümmerte er sich als Erstes um mein leibliches Wohl und fragte mich, ob ich Kaffee und was zu Essen möchte. Dabei zeigte er auf die Vielfalt an westlich orientierten Fast Food Theken. Ich war sehr überrascht, da er so gar nicht das typische Bild eines Mönchs vermittelte. - Kaffee? – Fast Food? - Huh? Bei den Yoga-Leuten z.B. in Sivananda Aschrams ist dies ein absolutes No-Go. Zumindest vordergründig. Inoffiziell geniessen dort die Swamis zuweilen ebenfalls einen Kaffee.

An Swamiji gefiel mir vom ersten Augenblick an, dass er total unprätentiös war. Es war offensichtlich, dass er selbst keinen Kaffee trank, aber er bot ihn mir an. Da war nichts Heuchlerisches, nichts Beurteilendes oder Verurteilendes. Weil ich mich schon im Vorfeld auf Tee eingestellt hatte und es mir dennoch etwas eigenartig vorkam, in Indien als erstes Kaffee zu konsumieren, nahm ich schliesslich dankend einen Tee an und was zum Essen dazu.

Was sich an diesem Detail zeigte, war gleich die Art und Weise, wie er arbeitete. Er machte Vorschläge und liess mir die Möglichkeit, auszuwählen und zu entscheiden. Das war selbstverständlich nicht nur bei den kleinen Dingen so, sondern vor allem bei den wichtigeren Gegebenheiten. Er machte es sehr geschickt, in dem er mich selber auf die für mich gute Wahl kommen liess. Es war tatsächlich von Beginn an ein Schulen der Unterscheidungsfähigkeit. Das für mich Unglaubliche war, dass dies ohne jegliche Erklärung passierte. Ja, es war gar so, dass mir diese Dinge erst beim Reflektieren Jahre später so richtig bewusst wurden. Und doch hatte es seine Wirkung gleich von Beginn an entfaltet.

Beim Teetrinken hatten wir gleich unser erstes Gespräch. Er erklärte mir, dass neben mir noch zwei Frauen da seien und dass zwei Personen schwierige Prozesse hätten. Ich schaute ihn etwas fragend an und meinte scheu, ob ich denn eine dieser zwei Personen sei mit einem schwierigen Prozess. Ich hatte wirklich keine Ahnung! Da gab er mir eines seiner unvergesslichen und seltenen Lächeln und versicherte mir gleichzeitig: Nein, Nein, ich sei kein schwieriger Fall. Ganz ehrlich: mir fiel ein Stein vom Herzen.

Ich meine, ich fühlte mich ja gut, hatte mich im Grunde mein ganzes Leben sehr gut gefühlt – sowohl körperlich wie geistig. Zudem hatte er mir im Brief geschrieben, wo Kundalini Shakti sich befand (es war stabil) und dass es möglich sei, dass dies mein letztes Leben im Zyklus von Leben und Geburt sei. Alles in allem ein sehr positiver Befund. Doch da mein Geist nach der ersten Gewissheit einsetzte, kamen sogleich leise Zweifel über diesen Befund. Hauptsächlich, weil ich nicht wusste, ob er allen sowas schrieb, um sie bei Laune zu halten. Mit anderen Worten, der Geist nahm sich vor, alles sehr genau zu hinterfragen.

Für mich war es schwierig, den spirituellen Prozess bei mir richtig einzuschätzen. Denn: wenn ich diverse Erfahrungsberichte von Leuten gelesen hatte, die durch einen Kundalini-Prozess gingen, so wurden oft sehr schwierige Phasen beschrieben – körperlich wie psychisch – und begleitet von intensiven Erfahrungen, Visionen, Licht, etc.. Das war bei mir alles so gut wie gar nicht der Fall gewesen. Das heisst, ich hatte wohl sehr schöne Momente gehabt, die vielleicht nicht als Alltag anzusehen sind. Zudem hatte ich - wie alle Menschen - selbstverständlich Frustrationen und schwierige Momente erlebt. Aber nichts, was mich beunruhigt hätte. Ich wusste schon, dass ich viele Dinge anders sah als das Umfeld. Es kam zudem oft vor, dass ich mich auf einem vollkommen „anderen Planeten“ wähnte. Dennoch: ich konnte recht gut damit umgehen und versuchte, dem nicht zu viel Beachtung zu schenken. Zudem hatte ich einige sehr gute Freunde und Freundinnen, mit denen ich gute philosophische Gespräche führen konnte. Ich reiste ziemlich viel in der Welt herum, hatte eine ausgezeichnete Ausbildung und verdiente gut. Irgendwann reichte das jedoch einfach nicht mehr, da das Drängen in mir zu stark wurde. Ich hatte deswegen tatsächlich regelmässig ein schlechtes Gewissen, da ich ja wirklich „alles“ hatte. Doch wusste ich intuitiv, dass da einfach noch etwas war und ich jemanden brauchte, der mir half, klar zu sehen. Dieser Jemand war Swamiji.

Ich dachte in meiner Naivität zudem, dass die Leute alle aus demselben Grund zu ihm gingen – nämlich, um zurückkehren zu können ins Eine, oder welche Vorstellung immer man hat von der Erleuchtung oder der Verwirklichung. Wie falsch diese Annahme sein sollte, zeigte sich während den folgenden Wochen. Auch danach konnte ich meinen Prozess immer noch nicht wirklich einschätzen in Relation zu den anderen. Das war etwas, das sich regelmässig als ziemlich schwierig erwies. Nicht, dass ich auf das Vergleichen aus war. Ich konnte – glaube ich – einfach keinen Unterschied wahrnehmen, was das innere Gemüt anging. Ausgerechnet.

Ebenso wenn es darum ging, irgendetwas zu verstehen: Ich dachte immer, dass die anderen es gleichermassen erkennen würden, wenn ich etwas erkannte oder verstand. Rational verstand ich schon, dass es Unterschiede gab, aber auf einer anderen oder tieferen Ebene eben nicht wirklich. Heute ist mir klar, dass wir wirklich Eins sind und gleichzeitig sehr vielfältig. Damals hatte ich diesbezüglich noch viel mehr Unschärfe in mir drin.

Ich war jedenfalls erleichtert, als er mir erläuterte, dass ich ein unkomplizierter Fall war und erhielt damit gleich eine erste Standortbestimmung.

Als wir uns schliesslich beim Gate hinsetzten – bis wir das richtige Gate gefunden hatten, dauerte eine Weile -, setzte er zum ersten seriösen Gespräch an. Dazu kann ich allerdings nicht viel wiedergeben, da ich völlig übermüdet und unvorbereitet dafür war. Dennoch nahm ich gleich die Gelegenheit wahr, ihn zu fragen, wie er, respektive Kundalini Shakti in ihm arbeitete. Er erklärte es mir ohne den geringsten Anflug von anhaftendem Stolz oder Ego. Er wand sich nicht um eine Antwort herum, um eine Bescheidenheit vorzutäuschen, sondern erklärte einfach sehr pragmatisch, wie sich der Sachverhalt präsentierte. Gleichzeitig – und dies ist vielleicht schwer zu erfassen – schwang damit eine unglaubliche Autorität, Authentizität und Kompetenz mit. Es war keine Frage – er wusste haargenau, wovon er sprach.

Dass ich nichts vom Inhalt - was meine Person betraf – wiedergeben kann, war in diesem Fall vollkommen sekundär. Die wichtige Nachricht kam für mich indirekt: ich war bei der richtigen Person! Ein leiser Zweifel und Skepsis waren damit fürs Erste weggeputzt.

Den ersten Tag in Rishikesh erhielt ich etwas Ruhe verschrieben. Dies hinderte mich jedoch nicht, am späteren Nachmittag einen ersten Spaziergang ins naheliegende Städtchen zu machen.

Am nächsten Tag gab es dann gleich die erste Massage, wobei er die Massage-Frau anwies und ihr ein von ihm ausgewähltes Öl gab. Eigentlich waren es zwei Öle – eines für den Körper und eines speziell für den Kopf. Hier zeigte sich gleich zu Beginn, dass sich Swamiji gleichermassen um diese – man möchte im ersten Moment meinen eher sekundären – Belange sehr bewusst kümmerte. Später am Morgen erklärte er mir den ersten Teil der Übungen. Er vergeudete wirklich keine Zeit. Dann ein oder zwei Tage später den zweiten Teil, der die Atem- und mentalen Übungen betraf.

Ich fing an, mich in den Tagesrhythmus einzuleben. Das hiess: Essenszeiten waren um 9.00 Uhr, 13.30 Uhr und 19 Uhr. Diese dauerten manchmal länger, wenn wir noch sitzen blieben und er das Eine oder Andere erklärte oder ganz einfach eine Anekdote erzählte. Die Übungen machte man alleine und in der Regel viermal täglich. Wann man diese in die Tages-Struktur einflechten wollte, war einem selbst überlassen. Swamiji hat nie kontrolliert, ob und wann wir die Übungen machten. Doch selbstverständlich war es in unserem eigenen Interesse, sie auszuführen und ich nahm mir vor, möglichst diszipliniert zu sein – komme, was da wolle. Sodann gab es im Allgemeinen jeden zweiten Tag eine Massage und zwischendurch ein persönliches Gespräch mit ihm. Überdies konnte man ihn jederzeit ansprechen und Fragen stellen, wobei ich davon vor allem in diesem ersten Retreat während der Essenszeit rege Gebrauch machte.

Es lag in der Natur der Sache, dass es einen Moment dauerte, bis sich der Körper und der Geist an die Übungen und den Tagesrhythmus gewöhnt hatten. Die Übungen waren zwar körperlich relativ einfach, aber dennoch zum Teil herausfordernd und anstrengend. Jede Übung war genau abgestimmt auf das Prana System – das heisst das energetische System - und eine Serie dauerte in meinem Fall ca. 1¼ Stunden, ohne Japa-Meditation (konzentriertes Wiederholen eines heiligen Namens, eines Gebetes oder einer heiligen Formel) und später noch zusätzliche mentale Übungen für zwischendurch. Darauf komme ich noch zu sprechen.

1. Gespräch mit Swamiji – 11. Oktober:

Nach rund einer Woche gab es dann ein erstes Gespräch über den Prozess. – Puh. Er erklärte eingehend, was Sache war und fügte dann allerdings erfreulicherweise hinzu, dass wir das Problem lösen würden. Nun, das Positive zuerst. Der „Mind“ (Geist) und das Herz seien gut. Zudem meinte er, dass ich gut Sorge zu meinem Körper getragen hatte, was dazu führte, dass die Pranavitalität gesamthaft gut war. Aber: Mein Gehirn war traumatisiert und arbeitete nur links. Ich wusste sogleich, dass er Recht hatte. Sodann erklärte er mir, dass ich deshalb schnell müde würde bei der Arbeit. Das hiess: linke und rechte Hälfte harmonierten nicht. Er würde mir ayurvedische Kräuter und zusätzliche Übungen geben, um dieses Ungleichgewicht zu beheben.

Dann kam die Aufforderung, dass ich gut achtgeben solle, wie ich mein Gehirn nutzte. Das hiess wiederum, dass ich mich nicht verpflichtet fühlen sollte, andern zu helfen, die nicht verstanden und selbst ihre Arbeit nicht tun wollten, um zu verstehen. Wenn jemand seinen Teil nicht beitragen wollte, so sollte ich mich von ihr/ihm abwenden. Er meinte, es wäre nicht mein Problem und nicht meine Verantwortung. Damit hatte er sogleich einen Nerv getroffen. Er spielte hierbei unter anderem auf das Verhalten von einer der Frauen ab und meine Reaktion darauf, worauf ich ebenfalls zurückkommen werde.

Des Weiteren erklärte er mir noch ein paar weitere grundlegende Probleme, die mit diversen Chakren in Verbindung standen. Er erklärte, welche Chakren verletzt waren und welche Themen daran hingen.

Schon bei diesem ersten, bewusst wahrgenommenen Gespräch hatte ich den Eindruck, dass er in mir las wie in einem offenen Buch. Das war selbstverständlich etwas, das nicht nur Freude bereitete; doch lag nichts Verurteilendes drin. Er sagte einfach, was die Themen waren und - ganz wichtig - wie wir sie lösen würden. Da man im Allgemeinen sehr wohl um seine Themen weiss, auch wenn man sie manchmal zu ignorieren sucht, so stärkte die klare Durchsage von Swamiji selbstredend mein Vertrauen in ihn und seine Kompetenz.

Des Weiteren war wohl klar, dass Arbeit angesagt war – was ich im Vorfeld schon ahnte – doch ebenso, dass diese Arbeit fruchtbar und lohnend sein würde. Was will man mehr!

„We will fix it“

Für mich war von Anfang an klar, dass die Arbeit eine ganzheitliche Form annehmen würde. Wenn mir dies - ohne weiter darüber nachzudenken - selbstverständlich schien, so hatte ich damals dennoch nicht wirklich begriffen, was es bedeutete. Das hiess unter anderem: wenn ein Chakra verletzt war, so würde es nicht alleine durch ein bisschen umherschieben von Energien korrigiert oder geheilt werden können. Schon gar nicht, wenn ganze Themenbereiche daran hingen. Da braucht es normalerweise umfassendere Arbeit und viel Geduld.

Ich war dankbar, dass ich die Auffassung nie wirklich verfolgt oder ernst genommen hatte, wenn andere damit warben, Chakren mit diversen energetischen Methoden zu öffnen oder zu heilen. Diesen zum Teil fantastischen Behauptungen war ich intuitiv immer mit Skepsis begegnet. Das soll nicht heissen, dass man mit solchen Methoden nicht etwas spüren mag oder kurzfristige Linderung möglich sei. Doch ob die damit verbundenen Themen damit gelöst würden, sei dahin gestellt.

So wusste ich von Anfang an, dass ein Retreat bei ihm mit viel Eigenverantwortung und eigene Arbeit verbunden sein würde. Das hiess – nebst den physischen Übungen, Atem- und mentalen Übungen – vor allem viel Reflektionsarbeit. Immer wieder war dieses Viveka gefordert. Als er mir im ersten Gespräch sogleich das eine oder andere Thema durchgab, wusste ich natürlich, was die Marschrichtung sein musste. Und ich wusste ohne jeden Zweifel, dass ich – und nur ich allein – diese Arbeit zu tun hatte. So wusste ich damals schon, dass er mir mit den richtigen Übungen, ayurvedischen Mitteln und seinen unvergesslichen „Teachings“ den Weg ebnen würde. Den Weg gehen würde ich allerdings selber müssen.

Ich kann wirklich sagen, dass mir sein Ansatz vollkommen entsprochen hatte – wenngleich ich es nicht immer witzig fand und wusste, dass es herausfordernd werden könnte. Ich hatte im Übrigen keine Vorstellung gehabt, wie lange es dauern würde. Swamiji machte nie irgendwelche zeitlichen Andeutungen. Gleichzeitig hatte ich grosses Vertrauen, dass es machbar und vor allem gut sein würde. Ich kann es nicht schlau erklären. Doch seine Sicherheit, die er mit jedem Satz ausstrahlte, gab mir viel Vertrauen. Zudem schwang in diesen Gesprächen bei ihm nicht das geringste Ego mit. Er war stets sehr „matter of fact“, mit dem hoffnungsvollen Zusatz von „we will fix it“.

Die Krux der Thematik: „Preya“ oder „Shreya“

Wenn jemand in ein paar wenigen Sätzen die Hauptthemen einer Person ohne zu zögern oder eines Hauches von Be- oder Verurteilung auf den Punkt bringen konnte, so war dies schon sehr Vertrauen erweckend. Alles andere hätte ich – glaube ich – nicht ernst nehmen können.

Wie gesagt: es hiess nicht, dass es witzig, lustig oder ein reiner „feel-good“-trip werden würde. Das ist seriöse Arbeit selten. Arbeit ist meist das, was sie ist – Pflicht. Konnte Pflicht Freude bereiten? – Ja, unbedingt. Zumindest empfand ich dies so. Allerdings meistens erst nach einer gewissen Überwindung. Und das war zugleich die Krux. Wenn man wählen konnte zwischen sofortigem Vergnügen (Preya) und sofortiger Anstrengung (Shreya), so war man gleich arg in Versuchung gebracht. Wer kannte dieses Dilemma nicht? Doch auch hier: Viveka, Viveka, Viveka.

Swamiji hatte mir – unausgesprochen - viel Arbeit in Aussicht gestellt und zwischendurch ein bisschen „Entertainment“. Haha. Ich nahm mir vor, das Verhältnis zwischen „Arbeit und Vergnügen“ möglichst zu beachten.

Was das Vergnügen anging, war ich froh um die anderen Teilnehmer in der Gruppe. Mit der einen oder anderen Person verstand ich mich sehr gut und wir genossen es zuweilen sehr, uns über unsere eigenen Themen und Prozesse lustig zu machen, sowie den einen oder anderen gemeinsamen Ausflug am Nachmittag zwischen den Übungen in das nahe gelegene „Madras Café“ zu machen.

Nach einem Nachtessen war ich mit einer der Teilnehmerinnen auf einem Spaziergang an der Ganges1, was uns beiden gut getan und unser beidseitiges Wohlbefinden gestärkt hatte. Das, nachdem wir offenbar beide einen etwas irritierten Nachmittag verbracht hatten und alte Themen hoch gekommen waren. Dabei bin ich in der Dunkelheit aus Versehen auf einen Frosch getrampelt. Als der arme Frosch leicht angeschlagen davon hüpfte, witzelte die Andere - auf Swamiji verweisend-, dass ich mir „keinen Kopp“ machen soll deswegen. Swamiji hatte ab und zu Insekten getötet mit dem Argument, das Insekt sei am falschen Ort zur falschen Zeit gewesen. – Ich hatte dennoch ein schlechtes Gewissen.

An den Rhythmus gewöhnen – 12./13. Oktober:

Am nächsten Morgen spürte ich meinen Kopf, der sich etwas „schusslig“ anfühlte. Ein Nachmittag im Städtchen, mit Tee und Internet und meinem Kopf ging es zwar nicht besser, meinem Geist hingegen schon.

Die letzte Übungsserie am Abend fiel mir zwar schwer, tat aber im Endeffekt gut. So waren die Kopfschmerzen für kurze Zeit weg. Es hielt jedoch nicht lange an und ich hatte eine Nacht mit Kopf- und Verspannungsschmerzen vor mir.

Ich träumte vom Dalai Lama/Buddhismus, was ich nur erwähne, weil es etwas half, den Schmerz zu lindern. Ich versuchte, grossartig darauf zu fokussieren, dass ich weder der Körper noch diese Schmerzen war. Na ja. Es half etwas, war jedoch noch nicht wirklich überzeugend.

Die erste Übungsserie am nächsten Morgen machte ich in einem etwas vernebelten Zustand. Die Verspannungsschmerzen lösten sich zwar allmählich durch die Übungen, doch fühlte ich mich bei den Meditationsübungen völlig groggy - als ob ich gerade eine starke Tablette geschluckt hätte. Immerhin ging es mir etwas besser als vor der Übung.

Ich hoffte, dass Swamiji mir heute die Gehirnübungen zeigte, damit ich endlich ohne Verzerrung meditieren konnte. Es zog beim Meditieren ständig nach links, so dass das Gefühl einer Schieflage vorherrschte.

Zusätzliche Übungen und Swamijis: Methode der Unterweisung – 14. Oktober:

Swamiji kam zur Morgenübung, sass am Boden und meditierte. Das war eine seiner Methoden, um herauszufinden, was mit uns los war. Währenddessen machten wir einfach schweigend weiter mit unseren Übungen. Bei der Meditation hatte ich dann das Empfinden, dass es mich nach innen zog. Es hielt nicht lange an, aber es war ein Anfang. Es war ein ziemlich merkwürdiges Erlebnis, dieses Gefühl nach innen zu sich selbst gezogen zu werden.

Nach den Übungen gab er mir schliesslich die angekündigten zusätzlichen Übungen zur Harmonisierung der beiden Gehirnhälften. Die Methode, die er wählte, um sie mir zu zeigen, war allerdings ziemlich speziell und gab mir einen zusätzlichen Hinweis für seine Authentizität und Kompetenz.

Wir sassen beide auf dem Boden, wobei er etwa zwei Meter entfernt von mir sass. Zuerst zeigte er mir eine graphische Darstellung der mentalen Übung, die ich zwischendurch tun sollte, so oft ich Lust und Zeit hatte. Und dann meinte er plötzlich, er würde es mir zeigen. Er sass immer noch auf dem Boden und schloss kurz die Augen. Ich schloss sie – glaube ich - ebenfalls und versuchte, mich auf die Übung zu fokussieren. Gleichzeitig spürte ich, wie Prana wie einen Laserstrahl genau die Bahn zog, die er mir auf dem Papier zuvor gezeigt hatte.

Dasselbe machte er mit der zweiten Übung. Das war es dann. Er hatte mir die Übung tatsächlich von innen her gezeigt. Ich führte diese Übungen dann noch während Monaten immer wieder aus und habe es nie in der gleichen Präzision hingekriegt, wie bei diesem ersten Mal, als er sie mir „zeigte“.

Selbstredend hatte ich so etwas zuvor noch nie erlebt. Und so war es zu dem damaligen Zeitpunkt doch ziemlich spektakulär für mich. Er sprach mit keinem Wort über das Vorgefallene oder machte irgendeine Show daraus. Im Gegenteil. Es war soviel Bescheidenheit in seiner Kompetenz drin, dass es mir gleichzeitig Vertrauen gab, dass er sie nicht missbrauchen würde. Denn es war offensichtlich, dass er Fähigkeiten hatte, die – sagen wir mal – nicht alltäglich waren. Ich hatte zudem den Eindruck, dass diese kleine Demonstration für ihn nichts war.

Nachdem er mir die Übung gezeigt hatte, meinte er, das Gute an Kundalini Shakti sei, dass sie einem hilft, ein Problem zu lösen, wenn man ernsthaft übt und sich ihr hingibt. Er sagte es mit einem für ihn sehr typischen, wenngleich eher seltenen, sanften Lächeln. - Ich war sehr zuversichtlich, dass die beiden Hälften des Gehirns in Bälde wieder harmonieren würden.

Rückblickend war es in dem Moment wohl Kundalini Shakti, die mir diese doch sehr spezielle Art des Unterrichtens demonstriert hatte. Ich hatte ihn dazu nie weiter befragt. Irgendwie kamen mir diese Fragen einfach nie in dem Moment, wo ich sie hätte stellen können. Zudem schien mir seine Antwort betreffend Kundalini Shakti sehr einsichtig zu sein, hatte ich doch soeben eine sehr spezielle Erfahrung gemacht. Was will man da dann noch weiter Worte darüber verlieren?

Des Weiteren stellte ich später fest, dass er mir nie eine Frage beantwortete, die aus dem Ego herauskam. Hingegen beantwortete er mir immer alle Fragen, die aus dem Bewusstsein und ohne Ego gestellt wurden. Sobald er merkte, dass es nur undienliche Neugierde war, lachte er im besten Fall, ignorierte die Frage oder machte eine abweisende Geste.

Swamijis zuweilen doch sehr subtile Art zu Unterrichten brachte mir über die Jahre unglaublich viel zusätzliches Unterscheidungsvermögen und ich lernte, nach und nach auf mein Wissen in mir selbst mehr und mehr zu vertrauen.

Verantwortung da lassen, wo sie hingehört

Die Abgrenzungsübung, damit mein Gehirn besser geschützt werden würde, war ebenfalls ein interessantes „Experiment“. Auch hier zeigte sich seine Art zu unterrichten oder vielleicht richtiger „nicht zu unterrichten“ auf markante Art und Weise.

Er zeigte mir, wo ein Problem lag und wie es zu lösen war. Das „wie“ spezifizierte er jedoch selten. Es war eher eine Unterweisung, was die Konsequenzen wären, wenn ich es nicht anging. In diesem Fall war das Thema, dass ich viel zu freigebig mit meinem Wissen umging und mir – das heisst vor allem dem Gehirn - damit zum Teil Schaden zufügte.

Die Erklärung dafür war, sehr vereinfacht ausgedrückt, folgende: Wenn man zu freigebig ist und gleichzeitig in irgendeiner Form irgendeine Erwartungshaltung daran hängt – vollkommen irrelevant wie klein diese scheint – und diese Erwartungshaltung dann nicht erfüllt wird, so produziert dies „Stress“ für Geist und Gehirn und damit Schaden. Das war das Eine. Man erwies jedoch obendrein der anderen Person keinen Gefallen, wenn sie nichts beitragen musste.

Nachdem Swamiji mir den Zusammenhang erklärt hatte, verstand und sah ich meinen Fehler, den ich in meinem Leben öfters gemacht hatte und der sich hier prompt wiederholte. Obwohl ich es nicht musste, übersetzte ich zu Beginn für eine Teilnehmerin, deren Englisch nicht so gut war. Ich hatte mir nichts dabei gedacht; es fiel mir ja leicht und produzierte keinen erkennbaren Stress – so dachte ich zumindest. Aber: Jedesmal, wenn ich dies tat, fokussierte mein Geist auf das Aussen und nicht auf das Innen. Mit anderen Worten: ich liess mich ablenken und verlor dabei Energie. Und das war klar nicht der Sinn des Retreats.

Ich testete also sogleich diese Abgrenzungsübung und liess die Teilnehmerin jetzt einfach ohne Antwort. Da wurde mir bewusst, wie sie mich ständig nach Übersetzungen fragte und mein Wissen anzapfen wollte. So versuchte ich von nun an, vorsichtiger zu sein, wem und wie ich mein Wissen zur Verfügung stellte. Wenn – wie in diesem Fall – die Person einfach zu träge war, und sich nicht bemühen mochte, so erhielt sie von mir nun keine Unterstützung mehr. Die Sache war die – wenn die andere Person nicht bereit war, sich zu bemühen, wieso sollte ich es dann an ihrer Statt tun - noch dazu ohne irgendeine Gegenleistung?

Der geschützte Rahmen eines Retreats

Wenn man sich bewusst auf ein solches Retreat einlassen konnte und sich ein Thema präsentierte – wie hier das der Eigenverantwortung – so stellte ich beim Üben fest, dass es überall auftauchte. Überdies erkannte ich, wie oft ich Unterscheidungsfähigkeit im Leben hatte missen lassen, warum und welche Konsequenzen daraus resultierten. Es ging selbstverständlich nicht darum, nun niemandem mehr zu helfen oder niemanden zu unterstützen. Doch sollte man sich selbst dabei nie Schaden zufügen oder zufügen lassen und den Sachverhalt genau anschauen. Dazu waren Auszeiten natürlich ideal, weil man quasi im „geschützten“ Rahmen experimentieren konnte.

Das hatte ich hier dann getan. Und ich stellte innert Kürze fest, wie Recht er doch hatte. Als ich umstellte und aufhörte, zu übersetzen, kam es beim Essen schliesslich zu einer kleinen Herausforderung für mich, als die Teilnehmerin mich wieder mal anschaute und meinte, ich solle doch übersetzen. Es kam weder ein „Bitte“ noch sonst ein Zeichen der Höflichkeit. Da hatte ich ihr dann sagen müssen, dass ich nicht ihre Übersetzerin sei und sie im Wörterbuch nachschauen könne. Dies verstand sie nicht wirklich und meinte, es sei doch einfach für mich. – Ja, das stimmte wohl.

Nebst dem, dass dies jedoch nicht wirklich das Argument sein konnte und wir nicht zu ihren Diensten standen, war Swamijis Englisch für mich ebenfalls - vor allem zu Beginn - eine kleine Herausforderung und ich musste desgleichen mehrmals nachfragen, wenn ich ein Wort von der Aussprache her nicht verstand.

Es war ja nicht so, dass mir ein Zacken aus der Krone gefallen wäre, ihr zu helfen. Doch das war genau das Thema gewesen. Sie benutzte mich und andere, um ihr zu dienen. Es war nichts Bösartiges dabei oder ihr wirklich bewusst. Es war einfach nicht angebracht.

Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass ich einerseits nicht ihre Krücke war, und wir alle andererseits lernen sollten, ohne Krücke zu gehen und Verantwortung für uns selbst zu übernehmen, so gut es eben ging. In diesem Fall war ich klar nicht verantwortlich dafür, wieviel sie verstand oder nicht verstand. Das war, wenn schon, Swamijis Verantwortung, der sie ja zu sich eingeladen hatte.

Nun. Es ging kurz hin und her, während Swamiji nur still neben mir sass und die Szene beobachtete – wie die anderen am Tisch ebenfalls. Obwohl ich mein Argument äusserlich ruhig vortrug, merkte ich dennoch, dass ich innerlich aufgewühlt war.

Es hat mich doch sehr erstaunt, dass so eine Kleinigkeit Stress produzierte. Ja, da war sogleich der Beweis dafür, was passieren konnte, wenn man sich unbedacht auf etwas einliess. Man risikiert, hochgradig manipuliert zu werden. Das dann zu korrigieren, kostet kostbare Energie. Ich begann gut zu verstehen, was er meinte, wenn er sagte, ich würde mein Gehirn schädigen mit diesem „Helfer-Syndrom“-Verhalten.

Ein Lehrer ist keine Krücke

Es wurde mir so richtig bewusst, was es hiess, dass ein echter Lehrer keine Krücke war für seine Schüler. Das war eine der ganz wichtigen Lektionen, die Swamiji immer wieder auf verschiedene Arten lehrte. Er war Lehrer und Freund, aber weder diente er als Krücke noch kreierte er Abhängigkeiten.

Er hatte Recht: wenn jemand nicht verstehen wollte oder konnte, sollte man keine weitere Zeit verschwenden. Das konnte gerade zu Beginn auf ziemliches Unverständnis stossen und brutal anmuten. Doch wenn man den tieferen Sinn dieses Themas verstand, so lernte man, dass in der Methode des „Nicht-Unterstützens“ zuweilen die grösstmögliche Hilfe steckte.

Seither war ich deutlich vorsichtiger geworden, wem ich wie half. Man konnte nicht verhindern, dass man zwischendurch wieder alte Fehler beging. Doch wurde dieser Fehler immer weniger, wurde immer schneller erkannt und konnte so immer schneller korrigiert werden. Ich machte natürlich noch genügend andere, um mich beschäftigt zu halten. Doch diesen beging ich nur noch selten.

Zahnarztbesuch – 15./16. Oktober:

Am Nachmittag ging ich zur Abwechslung mal mit einer der Teilnehmerinnen ins „Madras Café“, wo wir genüsslich einen Chai zusammen tranken. Das heisst: ich zwei und sie noch zusätzlich einen Krug Kaffee. Vier Tassen später und sie in einem „high“ kamen wir gerade rechtzeitig zum Abendbrot.

Im Café war mir, sehr zur Erheiterung von einigen Teilnehmern, eine Zahnfüllung heraus gefallen. Ich hätte meiner Intuition wohl folgen müssen und die Zahnkontrolle doch vor der Reise nach Indien machen sollen. Stattdessen hatte ich nun einen Zahnarzttermin in Indien. Nun ja, würde schon gut gehen und gemäss Swamiji eine Angelegenheit von fünfzehn Minuten.

Mal sehen, was mein Zahnarzt zu Hause dazu meinte, wenn ich ihn bei der Rückkehr sehen würde. Die anderen am Tisch fanden es höchst amüsant und waren schon sehr neugierig auf meine Erfahrung diesbezüglich. Muss ganz ehrlich gestehen, dass ich weniger neugierig war, da Zahnarztbesuche bei mir noch selten für Erheiterung gesorgt hatten. Ein Zahnarzt gab mir mal einen Vodka/Cranberry-Juice und wollte mich mit einem seiner vielen Patienten verkuppeln. - Das war erheiternd. Das war es dann schon, was erheiternde Zahnarztbesuche betraf.

Am nächsten Tag gingen wir schliesslich zum Zahnarzt. Nur. Der war zu wegen Ramas Fest. Montag wieder. Einerseits war ich erleichtert. Andererseits wäre es mir jedoch schon recht gewesen, zumindest eine provisorische Füllung zu bekommen. So hätte ich den Besuch dann schon hinter und nicht nochmals vor mir gehabt.

Nun, ich machte mir keine Sorgen mehr, da ich diesbezüglich Swamiji vertraute. Und er machte sich offenbar keine Gedanken. Also wieso sollte ich es tun?!

Dafür haben wir beide einen kleinen Ausflug gemacht in den Aschram von Dayananda. Es lag gleich „ums Eck“ von uns an der Ganges und strahlte sehr viel Ruhe und Frieden aus. Zudem war es sehr schön, Swamiji alleine „für mich“ zu haben.

Wie wir auf die andere Seite der Ganges rüber schauten, erzählte er mir die Geschichte von Maharishi (nicht zu verwechseln mit Ramana Maharishi!), der zu Berühmtheit kam durch die Beziehung zu den Beatles und in berühmte Fallen tappte, vor denen in den Schriften immer wieder gewarnt wurde. Der ehemalige Aschram lag mittlerweile in Ruinen und wurde fast gänzlich vom Dschungel zurück erobert.

Nach diesem kleinen Exkurs spazierten wir zum Aschram-Buchladen und vermutlich war es da, wo wir beide unser gemeinsames Interesse für Bücher entdeckten. Ich sollte die folgenden Jahre noch ab und zu mit ihm etwas Zeit in einem Buchladen verbringen.

Die Bücherwahl war eine der wenigen Bereiche, wo Swamiji klar indizierte, was er vom Buch hielt. Wenn es ein völlig nutzloses Buch war, so sagte er es ziemlich deutlich. Es ging hierbei weniger um Zensur, als darum, einerseits Unterscheidungsfähigkeit zu schärfen und andererseits das Geld nicht für Nutzloses auszugeben.

Einmal zeigte ich ihm ein Buch über Yoga, von dem ich genau wusste, dass er es sicher nicht empfehlen würde. Entsprechend war denn seine Reaktion. Allerdings nicht mit Humor, sondern mit einer unwirschen Antwort. Oops. - Es gab klar Bereiche, wo er keinen Humor duldete. Und dieser war einer davon.

Erste Effekte

Meditationsmässig tat sich scheinbar nicht viel. Die Mentalübungen für den Kopf schienen allerdings zu wirken. Es war schon eigenartig, wenn man im Gehirn die Strömung spürte – nur durch gedankliche Konzentration. Endlich nahm das Ungleichgewicht langsam ab. Mir kam es vor, wie eine Waage, die sich leicht von links nach rechts und wieder zurück nach links einpendelte. Gut spürbar waren die Nadis im Kopf (dem Scheitel entlang) und die Energie um den Kopf herum. Ein Nadi ist eine Art Energiebahn im subtilen Körper.

Ansonsten merkte ich noch nicht wahnsinnig viel. Es war sehr subtil, was ablief. Beim Hineinspüren merkte ich zudem, wie es überall vibrierte. Zum Teil hatte ich den Eindruck, dass sich alle Chakren im Uhrzeigersinn drehten. Aber eigentlich wusste ich gar nicht wirklich, was zu erwarten war. Am besten wohl gar nichts und einfach weiter üben.

Ausflugstag: Das Ende von Ramana – 17. Oktober:

Es war schon wieder Sonntag. Das hiess gleichzeitig Ausflugstag. Am Morgen waren wir zur Meditation im Sivananda Ashram. Es war eine lange Meditationssitzung, mit einem Swami, der „Hari Rama“ gesungen hatte und jeder von uns eine Banane hinlegte. Süss. Gesamthaft stellte ich fest, dass ich immer weniger dachte während den Meditationen und immer mehr Ruhe einkehrte.

Scheinbar war mein Körper in einem guten Zustand, was wohl half, einen hoffentlich sanften Kundalini-Prozess zu durchlaufen. Andere, wenn nicht die meisten hier, hatten schwierige Prozesse. Dafür schienen sie Visionen von Meistern zu bekommen, während bei mir diesbezüglich „nicht viel los“ war. Nun, ich fühlte mich wohl – sowohl körperlich, wie psychisch.

Am Abend ging es an die Ganges, um das Ende von Ramana zu feiern. Lord Rama hatte diesen Dämon Ramana am neunten Tag der Schlacht vernichtet. Das wurde durch das Verbrennen der Statuen von Ramana, seinem Bruder und seinem Sohn gefeiert. Es waren drei grosse Statuen, zirka drei Meter hoch, schön verziert und mit Knallkörpern bestückt, und alle wurden eine nach der andern unter sehr lautem Getöse verbrannt. Die erste Statue fing zunächst nur leicht Feuer, von unten nach oben, bis sie einen Riesenfeuerstrahl aus dem Mund spie und danach regelrecht in meterhohen Flammen aufging. Die zweite Statue hatte ihre innere Lebenskraft beim Herz, symbolisch mit dem Sonnenrad dargestellt und Ramana schliesslich im unteren Bereich. Ramana hatte zehn Masken, die sinnbildlich waren für seine Wiedergutmachung. Jedesmal, wenn er bereute, wurde ihm der Kopf abgeschlagen, der jedoch wieder nachwuchs – zehn Mal. Am Ende erreichte er Moksha, das heisst Befreiung. Ebenso sein Bruder und Sohn.

Obwohl der Platz an der Ganges natürlich voll war mit Menschen, die lärmten und tröteten, hat es mich nie irritiert. Ich blieb die ganze Zeit – eigentlich seit ich hier war – in einem sehr ruhigen Zustand. So meinte ich zumindest. Es war wirklich schön zu beobachten, wie das eigene Gehirn keine hohen Wellen warf.

Am Ende gingen wir zur Ganges, wo die verbrannten Statuen in Asche lagen. Es schien, als ob wir eben einen Kriegsschauplatz nach der Schlacht betreten hatten und überall Leichen herum lagen. Die Sinnlosigkeit des Krieges – wusste nicht, weshalb mir das so eindringlich einfuhr.

Nun. Am nächsten Tag war erstmal Zahnarzt angesagt – zweiter Versuch.

Zahnarztbesuch: 2. Versuch – 18. Oktober: