Beatkeller und Pastaschuta - Jürgen Hammann - E-Book

Beatkeller und Pastaschuta E-Book

Jürgen Hammann

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Beschreibung

Ein Jugendwohnheim zu Anfang der siebziger Jahre. Heiße Beatmusik und viele coole Jungs, die während ihrer Ausbildung alle zusammen leben. Klar, dass Streiche da an der Tagesordnung sind, aber auch Geschichten von Solidarität, heftigem Aufbegehren und zarten Frühlingsgefühlen in einer wilden und verheißungsvollen Ära. Die Hippiezeit in der Provinz, die der Autor als Jugendlicher selbst durchlebt und mit einem wohligen Blick zurück jetzt aufgeschrieben hat. Unbedingt lesenswert für alle die in ihren alten Erinnerungen schwelgen oder eine Zeit, in der fast alles möglich schien, hautnah miterleben wollen

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Seitenzahl: 326

Veröffentlichungsjahr: 2022

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EIN VORWORT

Hier geht es um das Leben in einem Jugendwohnheim Anfang der siebziger Jahre. Die Stories in diesem Buch beruhen auf wahren Geschichten, die ich aufgeschrieben habe, bald nachdem ich das Heim verlassen hatte. Ich habe die Sprache von damals möglichst beibehalten, bis auf einige redaktionelle Änderungen und Anpassungen an den Erzählfluss. Nicht alles habe ich selbst erlebt, aber bei vielem war ich Zeuge, einiges wurde mir aber auch zugetragen. Darum habe ich die Figur des jungen Oskar in den Mittelpunkt gestellt, in welcher alle Ereignisse zusammengeführt werden und die sich so als roter Faden durch die Erzählung zieht.

Das Jugendwohnheim war ein Haus, in dem ungefähr fünfundsiebzig Jungen wohnten, Halbstarke, wie man damals sagte. Die Ereignisse, die ich hier konzentriert hintereinander erzähle, geschahen ziemlich weit verstreut über einen meistens normalem Alltag, den ich nur am Rande erwähne. Um die Dimension zu verdeutlichen: diese Ereignisse spielten sich während dreier Jahre ab. Einmal im Jahr gingen 25 Jugendliche aus dem Haus und ebenso viele Neue zogen ein, so dass in diesen drei Jahren insgesamt 150 verschiedene Menschen das Haus bewohnten, unter denen sich alles abspielte, was ich hier schildere.

Neustadt, im August 2021 Jürgen Hammann

Inhaltsverzeichnis

EIN VORWORT

EINFÜHRUNG

WIE ES BEGANN

WAS MIT DEM DEPUTY WAR

MÜCKE GREIFT DURCH

DER ESSENSSTREIK

ALLTAG IM HEIM

WIE DIE JUGENDLICHEN MIT NEPP BEKANNTSCHAFT MACHTEN

WIE EIN KNABE ZUM MANNE WURDE

TROST IN DER GEMEINSCHAFT

FAKTOR LUST UND INNERER KAMPF

ZWISCHENPRÜFUNG ... UND DIE DRÄNGENDEN PROBLEME DES LEBENS

ENDLICH: DIE ERSTE LIEBE

MAN SOLL DIE FESTE FEIERN ...

EGONS GESCHICHTE

UND NOCH EINMAL: DAS EWIGE THEMA

EINE GEBURTSTAGSFEIER

ETWAS VOM POLITISCHEN REIFEN

MISSBRAUCHTE TRIEBE

ETWAS OKKULTES

DAS FEST DER LIEBE UND DES FRIEDENS

DIE VERSÖHNUNG

AUF DEM PANORAMAWEG

DIE REISE NACH PARIS

DIE FRANZÖSISCHE KRANKHEIT

EIN WIRBELWIND STÜRMT DURCH DAS HAUS

JE OLLER, JE DOLLER ODER ALTER SCHÜTZT VOR TORHEIT NICHT!

ABSCHIED

AUSKLANG

EINFÜHRUNG

"Den Mörder zieht es an den Ort seines Verbrechens zurück, den älteren Menschen hingegen zu den Stätten seiner Jugend. Dort will er sich an den Erinnerungen erfreuen, aber auch trauern". Dieser pathetischen Spruch ging Oskar durch den Kopf, als er, im Alter von fast 60 Jahren, an einem grauen Herbsttag durch die Straßen der kleinen Stadt streifte, die er so lange Zeit schon nicht mehr gesehen hatte.

Nachdem er mit dem Zug eingetroffen war und durch die Innenstadt lief, erschrak er, so sehr hatte sich das Stadtbild in den letzten Jahrzehnten verändert. Viele der malerischen, alten Häuschen waren abgerissen und durch neue, meist unschöne Parodien ersetzt worden.

Diese kleine Stadt: insgesamt war sie immer noch schön, trotz der Veränderungen und architektonischen Freveltaten. An so manchen Ecken hatte die Innenstadt ihre anheimelnde Athmosphäre einigermaßen bewahren können. Im historischen Stadtkern fanden sich immer noch eine Vielzahl schmucker Fachwerkhäuser, die sich eng aneinander schmiegten, die meisten von ihnen waren fachgerecht restauriert. Der Mittelpunkt der Altstadt war der historische Marktplatz, der neben schönen Fachwerkhäusern umrahmt war von der gotischen Kirche und dem klassizistischen Rathaus.

Oskar spazierte nun zielstrebig aus dem historischen Stadtkern hinaus, in Richtung Westen. Er hatte genau sein Ziel vor Augen, und je mehr er sich diesem näherte, umso mehr fühlte er sich zurückversetzt in die Vergangenheit. Er schritt über die einst vielbegangenen Wege zum Hauptschauplatz seiner jungen Jahre, dem Jugend-wohnheim. Seine Gedanken wanderten dabei mehr und mehr zurück in die damalige Zeit, riefen Bilder wieder wach, die schon lange Jahre verschüttet gewesen waren. Es waren Erinnerungen, die sich von denen normal lebender Jugendlicher der damaligen Zeit durchaus unterschieden. Denn diese Jugend musste in einer unüblichen Umgebung gemeistert werden, in einer willkürlich zusammengewürfelten Gemeinschaft. Ihr Leben im Heim wurde bestimmt durch feste Regeln des Zusammenlebens, die notwendig waren, um damit das ständig drohende Chaos zu vermeiden.

Als Oskar endlich vor dem Jugendwohnheim stand, war er tatsächlich stark aufgewühlt. Aus seiner Erinnerung brach eine geballte Ladung von Geschichten und Ereignissen hervor, die er hinter diesen Mauern erlebt oder auch nur mitbekommen hatte. In seinen Erinnerungsblitzen tauchten die Gesichter aus seiner Vergangenheit auf, die ihre Rolle in seinem damaligen Leben gespielt hatten. Er sah sie vor seinem geistigen Auge lebendig werden:

Zuerst das Gesicht des Heimleiters. An das Gesicht von Mücke erinnerte sich Oskar zuallererst. Er hatte ein makabres, strenges Gesicht, und Oskar erinnerte sich noch genau, wie es ihn zurückschrecken ließ, als er es das erste Mal sah. Denoch gab es wenig preis von dem, was sich hinter ihm abspielte. Es schaute ihn nur neugierig an. Neben dem Gesicht des Heimleiters tauchte das seiner Gattin Ursula auf, noch viel neugieriger blickend. Sie trug eine etwas altmütterlich hoch-gesteckte Frisur, und in der Mitte ihres Gesichtes steckte eine Nase mit großen Nasenlöchern. Die Nüstern wurden immer sehr beweglich, wenn Frau Mücke aufgeregt war.

Das dritte Gesicht war das der 85-jährigen Mutter des Heimleiters. Es war zerfurcht vom Alter und einem arbeitsreichen Leben. Auch ihre Haare, schlohweiß, waren hochgesteckt wie bei ihrer Schwiegertochter. Sie hatte die Altersaufgabe, der gute Geist der Heimküche zu sein. Mit ihren knorrigen Händen rührte sie in großen Töpfen das Essen für "ihre Buben". Die Buben mussten sie mit "Oma" ansprechen.

Andere, junge Gesichter stiegen wieder und wieder aus Oskars Erinnerung auf und verblassten wieder: Waldi, der eigentlich Waldemar hieß, Thomas, Klaus, Egon, Ritchie und Werner – es waren so viele Namen, und so viele Geschichten, die zu diesen Namen gehörten. Viele verschiedene Persönlichkeiten mit einem Wirrwar von Charakteren und Eigenarten. Unter ihnen waren Menschen mit liebenswerten Vorzügen, aber auch von beschämender Schlechtigkeit. Fünfundsiebzig Jungs waren es, zwischen fünfzehn und neunzehn – das Gedächtnis von Oskar schaffte es nicht, sie alle wieder hervorzukramen. Was werden sie heute wohl tun, fragte sich Oskar. Wie viele von ihnen sind in den Jahren seither gestorben? Wie viele von ihnen sind glücklich geworden in ihrem Leben? Unglücklich? Verheiratet? Geschieden? Erfolgreich? Gescheitert?

Oskar hätte gerne alle mal wiedergetroffen, oder wenigsten einige von ihnen, die ihm damals näher gestanden hatten als die anderen. Um sich zu sehen, zum Reden, zum Austauschen von Erinnerungen einfach. Aber auch, boshafterweise, um zu erschrecken über die Veränderungen durch das Älterwerden, um vielleicht still zu triumphieren, weil man sich selbst besser gehalten hatte.

Oskar ging um das Haus herum. Auch dieses Haus hatte sich verändert mit den Jahren. Der unbestechliche Zahn der Zeit hatte auch an seiner Substanz genagt. Es sah unbewohnt aus. Oskar spürte etwas Trauer deswegen. Das Leben schien aus den Mauern gewichen zu sein. Er hörte keine Musik und er vernahm kein Lachen irgendwelcher Bewohner.

Der Garten des Heimes sah verwildert aus. Damals, ja damals war die Gartengestaltung ein lebendiges und ein ständiges Thema gewesen. Der Garten spiegelte das junge Leben wieder, das im Hause tobte, und das nach draußen getragen wurde mit Musik und Lachen, bunt und laut - und nicht selten zum Ärger der Nachbarschaft.

Der Stein war groß und fühlte sich kalt an. Oskar setzte sich obendrauf. Es spürte, wie die Kälte schnell durch den Stoff seiner Hose kroch. Er schauderte und stellte den Mantelkragen hoch. Auf seinem Rücken spürte er Gänsehaut. Er blies seinen Atem in die klammen Hände, und starrte auf das welke, nasse Laub zu seinen Füßen. Seine Gedanken traten eine Reise an. Zurück in eine Zeit, die ihn für sein Leben prägte ...

WIE ES BEGANN

An einem heißen Sonntag im August stand der 16-jährige Oskar zum ersten Mal vor der Eingangstüre des Jugendwohnheimes. Zögerlich drückte er auf den Klingelknopf.

In der brütenden Hitze dieses Sommertages hatte er den weiten Weg vom Bahnhof bis hierher als eine Tortur empfunden. Sein Hemd völlig durchgeschwitzt. So stand er vor der Haustüre, sein einziges Gepäck ein brauner, alter Koffer, den er von seinem Großvater bekommen hatte, gerade groß genug für die wichtigsten Sachen der ersten Tage. In der Hitze war der Koffer trotzdem nicht gerade leicht zu tragen gewesen.

Oskar hatte eigentlich per Anhalter zum Jugendwohnheim fahren wollen, das immerhin drei Kilometer vom Bahnhof entfernt gelegen war. Doch niemand hatte angehalten. Er überlegte ernsthaft, ob dies vielleicht an seiner Aufmachung gelegen haben konnte. Seine Erscheinung wirkte schon etwas exotisch und passte bestimmt nicht so recht in das Bild dieser kleinen Provinzstadt.

Oskar hatte zwar geklingelt, aber niemand öffnete. Er klingelte noch drei Mal, aber die Tür blieb verschlossen. Er zuckte mit seiner Schulter, stellte den Koffer ab und betrachtete das Haus. Das Wohnheim machte nicht den Eindruck besonders gut in Schuss gehalten zu werden. Der Anstrich war verschmutzt und hätte eine Erneuerung gut gebrauchen können. Das Haus lag – ganz passend – in einem ungepflegten, verwilderten Garten. Seitlich vom Eingang stand eine Trauerweide, die ein klein wenig Romantik ausstrahlte.

Die Laune von Oskar sank auf denTiefpunkt. Er fühlte sich einfach nicht gut, wenn er überlegte, was ihn hier erwarten könnte. Er wusste, dass er der fünfundsiebzigste Bewohner hier sein würde und er würde der "Fremde" sein, "der Neue"! Genau davor hatte er Angst: Sie würden ihn dies spüren lassen, bestimmt würden sie das. Bei jeder Gelegeheit würden sie ihm das unter die Nase reiben, bis sie ihn genau in der Defensivposition hatten, die sie für ihn vorsahen. Bei diesen Gedanken bekam er Lampenfieber wie ein Schauspieler vor seinem ersten Bühnenauftritt. Nein, überhaupt nichts zog ihn in dieses Haus. Nichts! Alles in ihm drängte ihn zur Flucht, alles trieb ihn von hier weg. Selbst diese Nacht im Freien verbringen zu müssen erschien ihm verlockender als die ersten Gehversuchen unter den gnadenlosen Blicken der Alteingesessenen. Ein Jesuszitat kam Oskar in den Sinn: "Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen!"

'Warum, verdammt noch mal, macht mir denn hier niemand auf?' dachte er, und fühlte sich hier vor der Haustüre so langsam etwas belämmert. Er kaute an seinen Fingernägeln, völlig ratlos, was er nun tun sollte, und schwitzte wie ein Schwein. Seinen braunen Koffer hatte er inzwischen wieder aufgenommen und hielt ihn krampfhaft fest, als erwartete er, dass jemand kam und ihn ihm aus der Hand riss.

Der Koffer war zwar alt, wirkte aber dennoch sehr elegant. Ein krasser Gegesatz zu der hippimäßigen Aufmachung von Oskar, die eindeutig zeigte, von welcher Gesinnung er war: Flower Power forever! Er wusste genau, wie sie aussahen, all diese Hippi-Idole, die er von Fotos kannte, welche in San Francisco, dem Mekka der Bewegung, geschossen wurden. In dieses Städtchen aber passte diese Bewegung ebensowenig wie ein Hammerhai in ein Wohnzimmeraquarium. So sah Oskar aus: er trug verwaschene Jeans, die sich von den Knien an abwärts immer mehr verbreiterten. Solche Hosen hatten möglichst alt auszusehen, sollten sie "es bringen". An der unteren Seite der Hosen hatte er den Stoff mit den Schuhen bewusst zertreten, damit sie dort ausfransten und dann richtig "vergammelt" aussahen. Das Hemd schillerte in allen Farben des Regenbogens. Es bestand aus einem schimmernden Satin und war großflächig mit blumigen Ornamenten bedruckt. Oben hatte es einen starren Stehkragen, was dem Kleidungsstück einen indischen Toach verlieh. Über dem Hemd, um die Taille, wand sich ein glänzender, breiter Ledergürtel, der nur ein Accessoire war, aber keine praktische Funktion hatte. Dazu trug Oskar sein Haar glatt und lang. Es war akkurat durch einen Mittelscheitel geteilt, was seinem Gesicht einen geradezu jesusartigen Ausdruck verliehen hätte, gäbe es nicht noch dieses knallrote Stirnband, das nicht sein Haar bändigen sollte, sondern ebenfalls nur als auffälliges Accessoire diente.

Lange Haare waren damals überaus beliebt bei den jungen Leuten. Auf Verständnis dafür konnten sie allerdings bei den Erwachsenen nicht rechnen. Das gipfelte nicht selten darin, dass sie von Erwachsenen auf der Straße lautstark als Gammler bezeichnet wurden, als Schmarotzer, die, gäbe es noch das Reich, gnadenlos umerzogen worden wären.

Aber es gab auch Erwachsene, die sich wenigstens die Mühe gaben, die jugendliche Haartracht zu akzeptieren. So sagte Oskar Großmutter Lina immer: "Hauptsach', sie sind gepflegt!" Aber ihrem Gesicht sah man trotzdem immer deutlich an, dass sie eine lange Haartracht bei Männern eigentlich grundsätzlich für ein Indiz für Ungepflegtheit hielt.

Oskar trug seine langen Haare mit großem Stolz! Es freute ihn diebisch, wenn er durch seine Aufmachung bei den älteren Leuten auf der Straße ein Kopfschütteln hervorrief. Er fand mit der Zeit zu seinem Vergnügen heraus, dass seine langen Haare stets eine tolle Provokation gegen die Erwachsenen waren. Genau das wollte er erreichen. So fühlte sich Oskar ausgezeichnet: modern, jung, provokant und mit dem verspielten Nimbus der "love generation."

Dass Oskar nur wenig Wäsche in seinen Koffer gepackt hatte, war nicht ohne Grund: es konnte ja durchaus sein, so stellte er sich vor, dass er schon in einigen, wenigen Tagen wieder von hier weg wollte, falls ihm das Heimleben partout nicht zusagte. Er hielt eine schnelle Abreise für sehr wahrscheinlich. Also warum sich dann mit unnötigen Ballast beschweren? Gegebenenfalls würde ihm seine Familie die anderen Sachen in einigen Tagen nachbringen. So hatte man es vereinbart, und Oskars Eltern spielten mit, weil sie überzeugt waren, dieser Fall würde nicht eintreten.

Oskar bedauerte nur, dass er sein supermodernes Tonbandgerät nicht dabei hatte. Das hätte bestimmt einen starken Eindruck gemacht, so etwas konnten sich gewiss nur die wenigsten leisten. Zudem, liebte erseine Musik. Er schwärmte mit fast romantischer Zuneigung für Hendrix und Collins und Janis, diese wahnsinnige Röhre. Besonders die Songs der Protestsänger hatte es ihm angetan. Sie waren so stimmungsvoll, so woodstockmäßig aufwühlend. Diese Songs projezierten mit ihren Texten genau das Lebensgefühl der Jugend, das auch sein Lebensgefühl war. Oskar wollte seine Jugendjahre ganz bewusst erleben, jung sein wollte er, und zeitgemäß. Er wollte offenen Auges von allem wegsehen, was mit Alter und Krankheit zu tun hatte, die die Todesnähe und die Endlichkeit des Leben so über-deutlich werden ließen. Bewusst gegen alles auflehnen wollte er sich, gegen alles, was ihm spießig erschien, gestrig, modrig und geregelt wie eine Spalierobst-Plantage. Unter diese Kategorien fiel für ihn fast alles: Mutters Braten am Sonntag mit der dicken, braunen Tunke und den Spiral-Nudeln, damit man die Soße gut aufnehmen konnte. Der nahezu unvermeidliche Kirchgang am Sonntagmorgen, wo man gerne mal länger im Bett liegen bleiben würde, statt sich die ewig gleichen Litaneien anhören zu müssen, immer und immer wieder. Während der gesamten Kindheit waren diese sonntäglichen Kirchgänge heilige Pflicht gewesen. Und verdammt, es fielen für ihn unter die Spießerkategorien auch all jene sinnlosen gesellschaftlichen Regeln, bei denen die Alten nicht merkten wie spießig und gestrig sie eigentlich waren, obwohl sich die Zeiten so stark verändert hatten. Für Oskar schien sich jeder Erwachsene dazu berufen zu fühlen, ihm diese Gesellschaftsregeln als die einzig richtigen und möglichen zu unterbreiten, um ihn damit zu einem faden Spalierobst-Leben zu zwingen, damit er ganz genau so wurde, wie sie es erwarteten. Oskar fand diesen Zwang äußerst ungerecht. Nicht hasste er so sehr wie Ungerechtigeit! Nichts!

Endlich wurde ihm die Haustüre geöffnet. Sie war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen, diese Warterei! Aber als die Türe zurückschwang, bot sich dem verdutzten Oskar ein überaus erfreulicher Anblick. In der Tür stand ein junges Mädchen. Sie hatte ein etwas zu breites, aber offenes und hübsches Gesicht. Das Gesicht passte verblüffend harmonisch zu ihrer etwas üppigen Figur. Ihr langes Haar glänzte gesund in einem rötlichen Ton und war mit einem schwarzen Samtband zu einem Pferdeschwanz gebunden, etwas spießig, wie er fand. Oskar wurde durch diese Frisur etwas an die sechziger Jahre erinnert, wo sie eine beliebte Teenagermode gewesen war. Doch dieses Mädchen, das hier vor Oskar stand, wirkte auch mit ihrem ältlichen Pferdeschwanz durchaus aktuell.

Sie schaute Oskar mit einem freundlichen Lächeln entwaffnend an. Er spürte mit einem Mal so ein Gefühl der Leichtigkeit in seiner Brust und empfand dieses Gefühl als sehr angenehm. Das Haus wirkte plötzlich in keiner Weise mehr abweisend und unfreundlich. Im Gegenteil: die kleinen Fenster sahen gemütlich aus und der Garten, der plötzlich doch ein ganz angenehmes Flair ausstrahlte, würde an lauen Sommerabenden zum erholsamen Müßiggang einladen. Dass es hier wider Erwarten Mädchen gab, machte den Gedanken hier zu wohnen schon verlockend. Selbst die düstere Trauerweide wirkte nun licht wie der helle Tag. 'Vielleicht', so dachte Oskar hoffnungsvoll, 'vielleicht kann dieser Tag heute zum Beginn der besten Zeit meines Lebens werden'. Welch ein Stimmungswandel, der Oskar da durcheinander wirbelte!

Laut sagte er: "Ich soll mich melden, weil ich ab heute hier wohnen muss – oder besser gesagt, dass ich ab heute in diesem hübschen Haus wohnen darf."

"Aha, dann bist du also der Neue. Mein Vater hatte dich schon angekündigt", flötete das Mädchen mit hoher Stimme, die nun eher wieder ernüchternd auf Oskar wirkte. "Ich bin die Regina, aber alle hier nennen mich Rea, nur mein Vater nicht. Er ist halt ein Erwachsener und mag das nicht! - Und wie nennst du dich?"

"Oskar ", sagte Oskar. "Und einen Spitznamen habe ich nicht. Wüsstest du einen für mich?"

Regina fand mit einem Mal, dass dieser Neue sich etwas zu forsch benahm. Deshalb beschloss sie, das Gespräch nur noch auf das Notwendige zu beschränken und durch einen kühlen Ton diese Forschheit zu dämpfen. 'Dass diese Jungens aber auch immer gleich meinen mit mir balzen zu müssen', dachte sie. Diesen Ausdruck hatte sie einmal von ihrem Vater aufgeschnappt. "Ich bin die Tochter des Heimleiters hier, er konnte gerade nicht selbst an die Tür kommen, weil er mit etwas Anderem beschäftigt ist! Mein Vater ist erst seit einigen Monaten der Chef hier, und er hat gleich Ordnung in dieses Chaos bringen müssen. Er ist Sozialpädagoge! Und falls es dich interessiert: ich bin das einzige Mädchen hier! Außer meiner Mutter, die schon älter ist, und meiner Großmutter, die schon sehr alt ist ... Na. ja, es sind halt beide keine Mädchen mehr, also bin ich das einzige ... Mein Vater sagt immer, ich wäre tabu für die Jungs hier im Heim. Du wirst verstehen, dass dies eine unbedingte Notwendigkeit ist und auch für dich gilt. Nur damit du gleich Bescheid weißt!"

Oskar schluckte überrascht und dachte bei sich, was für eine eingebildete, verzogene Ziege dieses Jungweib doch sei und dass sie ihm mal im Mondschein begegnen könne. Er würde nicht mit ihr anbändeln, und wenn sie die letzte Busenträgerin der Welt wäre. Plötzlich wirkte das Haus wieder weniger freundlich und Oskar fand die Aussicht auf das Heimleben wieder unattraktiv. Die kalte Dusche von Rea hatte gesessen.

Er ging auf ihren Ton ein: "Habe ich eben irgend etwas gesagt, was mich in einen Kreis von Verdächtigen gebracht hat?"

"Direkt gesagt hast du zwar nichts, aber bestimmt gedacht, so wie du mich angestarrt hast. Alle hier denken immer nur so etwas. Mein Vati sagt, das liegt an ihren derzeitigen Reifegrad oder so ähnlich. Ich weiß es nicht mehr so genau ... Pubertät oder so ... äh ... ich bringe dich jetzt zu ihm".

Als Oskar hinter Regina her tapste, war er längst wieder auf dem kalten und harten Boden der Tatsachen gelandet. Innerlich kochte er vor Wut. 'Sie ist also tabu', dachte er. 'sie ist so tabu wie alles, was die Erwachsenen einfach so festlegen! Sie ist so verdammt tabu, wie Kiffen und Saufen! Was soll ich schon mit dieser verzogenen Prinzessin?' Edle Pflanzen sind immer schwer zu pflegen, dieser Spruch seiner Oma Lydia kam ihm noch in den Sinn.

Währendessen führte ihn die "Prinzessin" durch einen Flur, vorbei am Schwarzen Brett, an dem der Speiseplan für die gerade beginnende Woche hing. Daneben noch Nachrichten für die Heimbewohner, etwa: "Maier, bitte bei der Heimleitung vorsprechen!" - "Steiner, Riedel, Funk, Gerspach: bitte Post abholen!" - "Nichtheimfahrer des kommenden Wochenendes wie immer bis spätestens Mittwoch im Heimleiterbüro anmelden!" - "Am Donnerstag 19 Uhr Filmvorführung im Speisesaal! Titel: Die Brücke" - "Am Dienstag 18:30 Uhr Bettwäsche-Wechsel im Wäscheraum". Oskar wunderte sich, wie viel er lesen konnte, obwohl er so flink daran vorbei lief.

Das Büro des Heimleiters befand sich im Erdgeschoss, nicht weit weg vom Schwarzen Brett, und links davon die Heimleiterwohnung. Das Büro bestand aus zwei kleinen Räumen und war eher schäbig möbiliert. Im vorderen Zimmer stand ein wuchtiger Schreibtisch, der – altersdunkel und voller mannigfacher Gebrauchsspuren – den Raum dominierte. Zu diesem Schreibtisch gehörte ein einfacher Schreibtischstuhl und zwei Sessel, mutmaßlich noch aus den fünfziger Jahren, die vor dem Schreibtisch, also mit dem Rücken zur Tür standen. Auf dem Schreibtisch stand ein betagtes Telefon, und er wurde beherrscht von einem geradezu kreativen Durcheinander, das so arg war, dass man sich nur wunderte, wie man darauf seine Arbeit verrichten konnte. An einer Seitenwand, beugte sich ein Aktenschrank mit Rolltür unter der Last der Akten und Jahre.

An den Wänden hingen ein paar Bilder, Bleistiftskitzen zumeist. Einzig hinter dem Schreibtisch auf der rechten Seite hing ein größeres Gemälde in Öl. Es zeigte das Portrait

eines betagten Mannes. Seiner Kleidung nach schien dieses Bild in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg enstanden zu sein. Er trug einen grauen Gehrock und der Stehkragen seines Hemdes wurde durch eine große, schwarze Schleife geziert. Der imponierende Schnauzbart im Gesicht, dessen beiden Enden spitz und wohlausgewogen nach oben zeigten, wiesen den Mann deutlich als Untertanen des letzten Kaisers aus.

Hinter dem Schreibtisch saß auf dem alten Bürostuhl ein Mann in gekrümmter, ungesunder Haltung und machte sich eifrig irgendwelche Notitzen. Oskar schätzte ihn so um die dreißig Jahre. Dieser Mann hatte auffallend schlechte Zähne, wie Oskar etwas angewidert feststellte, als dieser sie ihm bei dem Versuch zu lächeln regelrecht entgegenbleckte. Dann legte er seinen Kugelschreiber zur Seite und sagte mit rauher Stimme: "Ich bin der Hilfssheriff. So nennen sie mich hier alle. Den Chef findest du draußen auf der Terrasse seiner Wohnung". Der Mann deutete in das zweite Büro. "Da hindurch musst du gehen, dann kommst du zur Terrasse ... Du bist der Oskar, wie ich mir denken kann. Ich hoffe, dass wir uns gut vertragen werden. Aber jetzt laufe zum Chef, der möchte dich auch sehen und er wartet schon!"

Oskar ging durch das zweite Büro und dann sah er schon einen Mann, der auf der Terrasse an irgend etwas arbeitete und gar nicht wie ein Heimleiter aussah in seinem blauen Arbeitsoverall. Er war gerade sehr intensiv damit beschäftigt einen ockerfarbenen Tonklumpen zu bearbeiten. Es schien so, als wolle er an dieser Tonmasse irgendeinen Zorn abreagieren: mit voller Kraft patschte er mehrere Male den Ton auf eine Arbeitsplatte. Dannach boxte er mit geballter Faust auf das Material ein wie ein enthemmter Schläger, der im Blutrausch auf einen schon besiegten Gegner eindrosch.

Der Mann würdigte er Oskar mit keinem einzigen Blick. Er redete nur immerzu und schnaufte dabei sehr stark: "... das, junger Mann pfhhh ... ist die effektivste Methode, die Luft ... pfhhh ... aus der Tonmasse auszutreiben ... pfhhh ... Würde nicht die ganze Luft herausgearbeitet ... pfhhh ... würde anschließend beim Brennen ... pfhhh ... das Werk zerspringen und die ganze Mühe wäre dann ... pfhhh ... umsonst gewesen. Man muss ... pfhhh ... sehr, sehr sorgfältig sein ... absolut sorgfältig bei ... pfhhh ... der Bearbeitung des ... pfhhh ... Tonmaterials. Das bringt schon den halben Erfolg des ... pfhhh ... Töpfers! Alles andere ist dann keine besonders große Sache ... pfhhh ... mehr, ... da braucht es nur noch den Kuss der ... pfhhh ... Muse, ... falls sie einem überhaupt küssen möchte ... puh, und geht ... pfhhh ...wirklich an die Substanz".

Als ob der Heimleiter dies noch einmal deutlich unterstreichen wollte, schlug er, quasi als finales Knock Out, wie ein Berserker auf denTon ein. " Das verlangt den ganzen Mann", referierte er währendessen wieder, " außer ... pfhhh ... man kauft sich ... pfhhh ... den Ton schon fertig präpariert ... pfhhh ... ist aber was für Faule!" Dann nahm er sich einen schmutzigen Lappen und wischte sich damit den Schweiß von der Stirne.

Oskar konnte mit dem Ausdruck "wenn einen die Muse küsst" überhaupt nichts anfangen. Seiner Meinung nach handelte es sich nur um eine spleenige Redensart, wie gemacht für spleenige Möchtegern-Künstler. Der Heimleiter schien ihm überhaupt ein reichlich sonderbarer Mensch zu sein. Bestimmt ein verkanntes Genie! 'Vielleicht ist er auch ein introvertierter Mensch', dachte Oskar. Er hatte das Wort introvertiert erst kürzlich gehört, und das Wort gefiel ihm. Es klang so nach Bildung. Dann überlegte Oskar noch, wie sich solch ein introvertierter Mensch auf die Heimgesellschaft auswirken könnte.

Oskar betrachtete den Heimleiter und ließ dessen Erscheinung weiterhin auf sich wirken. Seine Gestalt und die Art, wie er sprach, erweckte keine spontane Sympathie. Ganz im Gegenteil, die Gefühle von Oskar waren ungut. Der Kopf des "Herrschers" wirkte bedrohlich. Er trohnte auf einem mageren Körper, verbunden durch einen etwas zu langen, faltigen Hals. Die Nase war nicht auffällig, doch die Lippen waren sehr dünn. Während er den Tonklumpen misshandelte, da waren seine Lippen nur noch ein schmaler, fast gerader Doppelstrich.

Der Heimleiterkopf war ein ovales, mageres Gebilde. Dieses Gebilde wurde gekrönt von eine Glatze, die schweißig glänzte, wie poliert. Nur ein schmaler Haarkranz umrahmte dieses Haupt. Die Gesichtshaut des Alten war gezeichnet vom “Zahn der Zeit” (einer der Lieblingsausdrücke von Oskar), vom Leben deutlich markiert. Die Augen strahlten nicht. Sie waren von einem wässrigen Blau und die Bindehaut schien entzündet.

Obwohl der Heimleiter gerade den Anschein erweckt hatte seine Arbeit beenden zu wollen, griff er nochmal zu der Tonmasse: "So, und den da noch ... und den da auch noch ... pfffh!" Es lag etwas Triumph in seiner Stimme. Dann schlug er mit seiner flachen Hand auf den Klumpen, als wollte er anfangen ihn zu einem Pizzateig zu plätten.

Unterdessen stand Oskar allein mit seinen Gedanken auf der Terrasse herum. Er wagte kaum sich zu bewegen. "Jetzt ist er aber endgültig bereit, um ihm Form zu geben", sagte der Heimleiter. Dann nahm er den Lappen, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, tauchte ihn in einen Eimer mit Wasser und bedeckte den Ton damit. "Um ihn nicht austrocknen ... pfffh ... zu lassen", erklärte der Heimleiter.

Nun erst wandte er sich Oskar zu, um ihn ausgiebig zu mustern. Er tat das etwas befremdlich, hatte die Augen zusammengekniffen und sein Blick wanderte an Oskar entlang, von oben nach unten und wieder nach oben. Oskar fühlte sich sehr unbehaglich dabei. Jedenfalls musste der Heimleiter irgendwann zu einem abschließenden Urteil gekommen sein, denn er nickte zufrieden mit dem Kopf. "Ja, ja, das könnte durchaus möglich sein", sagte er, "äh ... du könntest mir einen großen Gefallen tun, mein Junge. Du könntest mir hier Modell stehen, wenn du möchtest!"

Von diesem Ansinnen war Oskar dermaßen überrascht und verwirrt, dass er nichts darauf erwidern konnte. "Wie du siehst", redete der Heimleiter weiter, "arbeite ich mit Ton. Das Töpfern ist eine ungemein kreative Sache, es ist mein Steckenpferd – nein, das ist zu schwach ausgedrückt ... es ... ähm ... ist geradezu eine Leidenschaft von mir! Eine Leidenschaft, die auch Leiden schafft, ha, ha, ha! Ich verbringe damit fast jede Minute meiner freien Zeit. Nicht ganz erfolglos, wie ich bemerken möchte", fügte er stolz hinzu. "Was das Modellstehen betrifft, also da schwebt mir Folgendes vor: ich möchte einen Diskuswerfer modellieren, eine klassische, griechische Figur schwebt mir da vorm geistigen Auge herum. Sie soll nicht ganz in Originalgröße sein, aber ansonsten ziemlich naturgetreu. Schlank soll der Werfer sein und drahtig. So wie die alten Olympioniken. Ein Adonis soll er sein! Du hast doch bestimmt schon einmal Bilder von solchen Skulpturen gesehen? So etwas will ich machen. Dazu brauche brauche ich ein kräftiges , aber trotzdem schlankes Modell als Vorlage, einen Burschen wie dich! Willst du mir diesen Gefallen tun? ... Ähem, ja ... mein Mitarbeiter wird dir jetzt erst einmal dein Zimmer zeigen. Dort kannst du dir eine Badehose anziehen – du hast doch eine mit? – und dann schnell wieder zu mir kommen, damit ich schon mal eine Skitze machen kann. Genau! Ich denke, dass ich erst einmal eine Skizze machen muss."

Oskar wusste einfach nicht, was er auf dieses Ansinnen erwidern sollte. Deswegen sagte er nur ausweichend: "Entschuldigen Sie bitte, aber mir wäre es ziemlich unangenehm, mich vor ihnen nur in einer Badehose hinzustellen. Ich kenne Sie ja noch nicht einmal!.Vielleicht ein anderes Mal?"

"Herr Kiesler, zeigen Sie diesem Angsthasen sein Zimmer!" zischte der Heimleiter pikiert. "Die 76? – Äh ... ich heiße übrigen Mücke, Walther Mücke!"

Während Oskar auf dem Weg in sein künftiges Zimmer war, stellte er sich fassungslos die Frage, in welches Gomorrha er hier hineingeraden war. Er dachte nicht im Traume daran, sich von diesem "alten Knacker" als aufgeilendes Aktmodell missbrauchen zu lassen. Oskar war davon überzeugt, dass das wirre Ansinnen des Heimleiters nur einen sexuellen Hintergrund haben konnte. Nix mit Kunst! Aber warum gerade er? Wo doch noch so viele andere in diesem Hause lebten? Es musste doch mit dem Teufel zugehen, wenn unter allen diesen Jungs nicht welche dabei wären, die athletischer gebaut waren als er. Allein der Gedanke, sich gleich am ersten Tag, nachdem man sich erst einige Minuten kannte, vor diesem seltsamen Mann in Positur zu stellen ... Also nee ... da konnte sich Oskar was Schöneres vorstellen.

Mit Kiesler war Oskar nun unterwegs in die zweite Etage. Kiesler lief leicht nach vorne gebeugt, als trüge er eine schwere Last auf seinem Rücken herum. Deswegen wirkte der Mann auch älter als er wahrscheinlich war. Er zwinkerte auf dem Weg Oskar mehrere Male geheimnisvoll zu. Oskar spürte, dass ihm dieser Mann etwas sagen wollte. Es musste etwas sehr wichtiges oder geheimnisvolles sein, den Gesten nach. Als es dann schließlich aus Kiesler herausplatzte, hätte Oskar fast losgeprustet, so komisch war das: "Ich kann mit den Zähnen knirschen ... hör mal zu ... so was hast du bestimmt dein Lebtag noch nicht gehört!" Dann knirschte er. Es klang so fürchterlich, dass man unwillkürlich damit rechnete, Kieslers Zähne würden jeden Augenblick ausbrechen und er würde sie auf den Flur speien. Das Geräusch trieb Oskar eine Gänsehaut auf den Rücken.

Mit einer großartigen Geste öffnete Kiesler die Tür des Zimmers Nummer 76. Er machte die Zimmertür so weit auf, wie es ging, und trat dann wie ein Hotelpage zur Seite, um ihn eintreten zu lassen. Ihr neues Domizil, der Herr!. Das Haus wünscht ihnen einen angenehmen Aufenthalt und zahlreiche glückliche Stunden in dieser ... besonderen Schule des Lebens. Und wenn du ein Problem hast, bin ich immer für dich zu sprechen. Du weißt ja: alle Sorgen relativieren sich, sobald man sie mit jemandem teilt!"

Oskar fand das, was Kiesler sagte, und die Gesten, mit dem er es unterstrich, lächerlich. Es war doch offensichtlich, dass sich dieser Mann noch nicht einmal selbst helfen konnte. Deshalb nickte er nur unverbindlich, Kiesler war’s zufrieden und schlurfte davon.

Als Oskar endlich alleine war, blickte er sich im kleinen Zweibettzimmer um. 'Hier also', dachte er, 'soll ich die nächsten zwei Jahre meines Lebens verbringen'. "Hier muss ich nun zum Manne reifen", äffte er laut die Worte seines Vaters nach. Ein Bett war offensichtlich belegt. Das untere. Zumindest war es bezogen. Sein Bewohner war wohl noch nicht da, vielleicht noch nicht von seiner Wochenendheimfahrt zurückgekehrt. Die Wände des Zimmers waren geradezu tapeziert mit Farbpostern von bekannten Rockgruppen: the Purples, Creedence Clearwater Revival, und – eine kleine, angenehme Überraschung für Oskar – mit dem lebensgroßen Konterfei von Melanie, der britischen Protestsängerin. Oskar hoffte inständig, dass dieses Poster nicht nur zufällig an der Wand hing, und für seinen zukünftigen Mitbewohner auch eine Bedeutung hatte. Er selbst war ein glühender Verehrer dieser Sängerin und ihren Songs: "Peace welcome in my life … ".

Zwischen Etagenbett und Zimmertür standen zwei Holzspinde, die so lädiert waren als würden sie jede Sekunde in sich zusammenbrechen. Die Spinde waren außen mit Decefix beklebt, ein schwacher Versuch ihren schlechten Zustand zu vertuschen. Vor dem schmalen Fenster stand ein Tisch, dem die Zeit auch schon ihren Tribut abverlangt hatte. Die Tischplatte war zerkratzt und abgewetzt. Generationen von Heimbewohnern hatten ihre Spuren darauf hinterlassen. "Walter 1966", war zum Beispiel in die Platte geritzt. Oder "Wen Gott liebt, den holt er aus der Welt, Markus 1963." Dann: "ICH WILL HIER RAUS!!!" Der Aufschrei eines Verzweifelten. Die Tischplatte war eine beredte Informationstafel über frühere Bewohner dieses Zimmers. Doch die Tischplatte zeigte auch Gebrauchsspuren von anderem Treiben, Flaschenränder und Brandspuren, oder von Zigarettenglut zum Beispiel. Am Tisch standen zwei Stühle, die alles andere als vertrauenswürdig erschienen. Sie waren mir weißer Ölfarbe angestrichen und passten optisch zu überhaupt nichts. Oberhalb des Tisches hing ein einfaches, kleines, improvisiertes Regal. Nur notdürftig befestigt hing es schief an der Wand. Zwei Bücher über Automobile lagen darauf. Nee, das war nicht sonderlich einladend in diesem Zimmerchen. Es erinnerte mehr an eine Klosterzelle – wenn man übersah, dass es hier zwar kein Kreuz aber ein Poster mit einer barbusigen Frau gab

Oskar verstaute geschwind seine wenigen Klamotten im freien Spind. Er entschloss sich, nicht weiter in diesem Zimmer zu bleiben, sondern das Haus zu erkunden: Auf jeder der drei langen Etagen gab es außer den Zimmern noch einen Sanitärraum mit Toiletten, Waschbecken vor einem großen Spiegel und einer Dusche. Im Speisesaal, vor dessen gesamter Länge sich draußen ein Balkon entlang zog, standen außer den Tischen, Stühlen und einer kleine Anrichte noch ein Fernsehgerät und einige pflegeleichte Topfpflanzen. Die Wände wurden geziert durch einige gerahmte Bilder mit Nachdrucken nicht besonders bekannter Künstler. Oskar fand zwar, dass die Bilder besser in den Speisesaal eines Altersheimes gepasst hätten und nicht in ein Heim, wo Jugendliche beherbergt wurden. Aber wahrscheinlich hatte sich darüber bisher noch niemand Gedanken gemacht.

Alles in dem Speisesaal war spartanisch, doch durchaus zweckmäßig, mit dem Charme der Fünfziger. Oskar seufzte, denn er fürchtete, dass die Verpflegung, die hier gereicht wurde, nicht gerade Begeisterungsstürme auslösen konnte. Mal sehen.

Er brach seine Expedition durch das Haus ab und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Zimmer. Er war etwas enttäuscht von dem, was er gesehen hatte. Alles überaltert, verbraucht und sehr schlicht. Er fragte sich, wieso sich in so einem Hause voller Jugendlicher keine Kreativität entwickelte, um ihren Lebensraum etwas angenehmer und zeitgemäßer zu gestalten. Es müsste doch mit gemeinsamer Energie und Kraft möglich sein, auch mit knappen Geldmittel etwas Besseres auf die Beine zu stellen. Wie konnten sich die Bewohner hier nur mit allem abfinden? Von innen her drangen Stimmen an Oskars Ohr. Er war gespannt, wann sein Zimmergenosse hier eintreffen würde. So langsam wurde er nervös. Wie würde der andere sein? Es gab so etwas wie Antipathie auf dem ersten Blick, genau davor hatte er Angst.

Als Oskar den Schlüssel in das Schloss steckte, um das Zimmer aufzuschließen, hörte er von drinnen Musik, und war das nicht die Stimme von Melanie? Oh Himmel, der andere war schon da! Zuerst wollte er forsch eintreten, dann aber hielt er inne: sollte er anklopfen? Es schien ihm plötzlich durchaus geboten, denn schließlich war ER ja der Neue. Es konnte ja sein, dass sein Zimmergenosse sich in seiner Privatsphäre gestört fühlte, wenn er jetzt einfach so eintreten würde.

Oskar hatte wirkliche Angst vor dieser ersten Begegnung. Es tauchten schlagartig Fragen in ihm auf: sie waren sich völlig fremd – würden sie sich leiden können? Würde schon der erste Blick alles entscheiden? Und dann? Wäre der andere nicht viel lieber alleine geblieben? Wie würde er sein? Wie würde er aussehen? War er eingebildet? Unsauber vielleicht? Oskar schüttelte heftig den Kopf, um das Fra-genkarussell in seinem Kopf zum Anhalten zu zwingen. Dann atmete er tief durch: nicht zu viele Gedanken machen! Es würde sich bald alles geben, und außerdem hatte niemand in diesem Hause Anspruch darauf ein Zimmer für sich alleine zu haben. Wenn man bedachte, dass es auch Vierbett-Zimmer gab, da hatte man es doch in einem Zweibett-Zimmer recht gut getroffen und war fast schon so etwas wie privilegiert!

Derartig sich beruhigend, drückte Oskar beherzt die Klinke herunter und betrat das Zimmer ohne anzuklopfen! Ein dünner Junge schaute aus dem Fenster in den Garten und tippte mit einem Fuß den Takt des Melanie-Songs mit.

"Guten Abend", sagte Oskar so laut, dass man ihn trotz der Musik hören konnte. "Ich bin der neue Mitbewohner. Ich hoffe, wir kommen gut miteinander aus!" Schon während er diese Höflichkeiten von sich gab, kam er sich steif und blöde vor und bereute seine ersten Sätze. Der andere musste ihn für einen Spießer halten.

Der aber drehte sich langsam zu Oskar hin. "Anzuklopfen hat etwas mit guter Erziehung zu tun", sagte er. "aber wir waren hier ja alle einmal neu. Mein Name ist Thomas. Und du bist der Oskar, ich hab das schon gehört, letzte Woche von Kiesler, dieser alten Ratschtrine. Ich hoffe doch, du schnarchst nicht?"

"Jedenfalls habe ich mich noch nie schnarchen gehört", antwortete Oskar spitz und hatte das Gefühl, dass dieser Spruch platt und abgedroschen war. Dann bekam er auch schon Zorn auf diesen Thomas. Der meinte wohl Wunder wer er war. Oskar hätte ihm am liebsten in den Hintern getreten. Und – nicht zu fassen – nun drehte der sich einfach um, steckte sich eine Zigarette ins Gesicht und lehnte sich wieder aus dem Fenster, als wäre Oskar nicht mehr da und nur ein flüchtiger Windhauch gewesen.

'Der lässt mich einfach abblitzen, nur weil er die älteren Rechte in diesem Zimmer hat', dachte Oskar und wusste nicht mehr, was er diesem arroganten Kerl noch sagen sollte. Er setzte sich auf einen Stuhl und wartete ab, was nun weiter geschehen würde. Auf einmal stieß sich Thomas heftig vom Fensterbrett ab, und begann seine frische Wäsche im Spind zu verstauen. Oskar beobachtete ihn verstohlen und versuchte herauszubekommen, was für einen Menschen er vor sich hatte, soweit schiere Äußerlichkeiten überhaupt darüber Auskunft geben konnten.

Thomas war etwa der gleiche Jahrgang wie er selbst, höchstens ein Jahr älter. Sein ovales, um nicht zu sagen langes Gesicht war von schwarzen Locken eingerahmt und hatte trotz seiner Magerkeit eine gesunde Farbe. Sein Mitbewohner war überhaupt hoch aufgeschossen und sehr dünn. Den stärksten Eindruck aber machten auf Oskar die schwarz geränderten Fingernägel von Thomas. Wie gebannt starrte er darauf. Er fand das schmutzig und abstoßend. Wenigstens einmal in der Woche nahm doch wohl jeder normale Mensch ein Bad. Samstags abends! War dies in der Familie von diesem Thomas nicht üblich? Wie konnte man da am späten Sonntag Nachmittag schon wieder so schmutzig sein? Irgendwann merkte Thomas, dass er von Oskar beobachtet wurde, besonders seine Hände.

Er hielt sie sich vor die Augen und drehte sie hin und her, um zu sehen, was es dort so Besonderes zu entdecken gab. Als er schließlich begriff, dass es um das Schwarze unter seinen Fingernägel ging, ballte er mit beiden Händen eine Faust, um die Nägel zu verbergen. Es war ihm peinlich, er versuchte sich zu rechtfertigen:

"Na ja, das ist halt so! Ich bin Lehrling in einer Autowerkstatt. Im ersten Lehrjahr bin ich. Und als Pimpf muss ich die ganze Drecksarbeit dort machen, die die Gesellen nicht tun wollen. Ich bekomme sie einfach nicht mehr ganz weg, meine Trauerränder!"

"Deine Fingernägel gehen mich ja nichts an. Deine Sache! Du brauchst dich deswegen nicht zu entschuldigen!"

"Wenn es dir egal ist, dann starr halt nicht so drauf!"

"Da hast du allerdings Recht", entgegnete Oskar und entschloß sich, ab jetzt die Klappe zu halten. Aber er dachte mit sehr zwiespältigen Gefühlen an die