Belgariad - Die Königin - David Eddings - E-Book
Beschreibung

»David Eddings' Romane sind der perfekte Einstieg in die Fantasy.« Christopher Paolini

Garions Schicksal nähert sich dem Höhepunkt. Er und seine Gefährten konnten das Auge Aldurs zurückerobern. Nun reisen sie nach Riva, der Insel der Stürme. Dort wird Garion das letzte Geheimnis seiner Herkunft offenbart werden, sobald sich das Auge wieder an dem ihm bestimmten Platz befindet. Und er muss sich entscheiden, auf welche Weise er sein Schicksal erfüllen will. Bald wird er dem finsteren Gott Torak gebenübertreten müssen, und niemand weiß, wie dieses Duell enden wird. Doch Garion hat noch ein anderes Problem: die zukünftige Königin von Riva!



Dieser Roman ist bereits unter dem Titel Turm der Hexerei im Knaur-Verlag und unter dem Titel Turm der Hexer im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen. Er wurde komplett überarbeitet.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:613


Buch

Garions Schicksal nähert sich dem Höhepunkt. Er und seine Gefährten konnten das Auge Aldurs zurückerobern. Nun reisen sie nach Riva, der Insel der Stürme. Dort wird Garion das letzte Geheimnis seiner Herkunft offenbart werden, sobald sich das Auge wieder an dem ihm bestimmten Platz befindet. Und er muss sich entscheiden, auf welche Weise er sein Schicksal erfüllen will. Bald wird er dem finsteren Gott Torak gegenübertreten müssen, und niemand weiß, wie dieses Duell enden wird. Doch Garion hat noch ein anderes Problem: die zukünftige Königin von Riva!

Autor

David Eddings wurde 1931 in Spokane im US-Bundesstaat Washington geboren. Während seines Dienstes für die US-Streitkräfte erwarb er einen Bachelor of Arts und einige Jahre darauf einen Master of Arts an der University of Washington. Bevor er 1982 seinen ersten großen Roman, Belgariad – Die Gefährten, veröffentlichte, arbeitete er für den Flugzeughersteller Boeing. Im Jahr 2009 starb er in Caron City, Nevada.

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DAVID EDDINGS

DIE KÖNIGIN

ROMAN

DEUTSCH VON IRMHILD HÜBNER

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Die Originalausgabe erschien 1984, unter dem Titel »Castle of Wizardy (Book 4 of The Belgariad)« bei DelRey, New York.Dieser Roman ist bereits unter dem Titel Turm der Hexerei im Knaur-Verlag und unter dem Titel Turm der Hexer im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen. Er wurde komplett überarbeitet.Copyright der Originalausgabe © 1984 by David Eddings

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2019 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Waltraud Horbas

Umschlaggestaltung und -illustration: Melanie Korte, Inkcraft

Karten: © Andreas Hancock

HK · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25396-7V002www.blanvalet.de

Für Bibbidie und für Chopper Jack, für Jimmy und Eddie – enge und besondere Freunde, die mich von Anfang an unterstützt haben

PROLOG

Von Riva Eisenfaust, der Wächter über das Auge Aldurs wurde, und von dem Bösen, das aus Nyissa kam

– nach dem Buch von Alorn und späteren Berichten

Und es kam eine Zeit, da Cherek und seine drei Söhne mit Belgarath dem Zauberer nach Mallorea gingen. Mit vereinten Kräften versuchten sie, das Auge Aldurs zurückzugewinnen, das der entstellte Gott Torak gestohlen hatte. Und als sie im Eisernen Turm Toraks an den Ort kamen, an dem das Auge verborgen lag, wagte nur Riva Eisenfaust, der jüngste der Söhne, den großen Edelstein zu ergreifen und fortzutragen. Denn nur Rivas Seele war frei von allem Bösen.

Und als sie wieder in den Westen kamen, überantwortete Belgarath Riva und seinen Nachkommen die ewige Wacht über das Auge und sprach: »Solange das Auge bei dir und deinem Hause bleibt, wird der Westen sicher sein.«

Dann nahm Riva das Auge und segelte mit seinen Leuten zur Insel der Stürme. An einer Stelle, an der Schiffe landen konnten, ließ Riva eine Zitadelle bauen und darum herum eine ummauerte Stadt, die die Menschen Riva nannten. Es war eine Festungsstadt, erbaut für den Krieg.

Innerhalb der Zitadelle wurde eine große Halle errichtet, in der ein Thron aus schwarzem Stein vor der Wand stand. Und die Menschen nannten diesen Thronsaal die Halle des Rivanischen Königs.

Dann kam ein tiefer Schlaf über Riva, und Belar, der Bärengott der Alorner, erschien ihm im Traum und sprach: »Höre, Hüter des Auges. Ich werde zwei Sterne vom Himmel fallen lassen. Und du sollst diese beiden Sterne nehmen und sie in ein Feuer geben und sie schmieden. Aus dem einen sollst du eine Klinge schmieden, aus dem anderen aber ein Heft, und zusammen werden sie ein Schwert sein, welches das Auge meines Bruders Aldur bewacht.«

Als Riva erwachte, sah er zwei Sterne fallen, und er suchte und fand sie in den Bergen. Und er tat mit ihnen, wie Belar ihm geheißen hatte. Als er jedoch fertig war, ließen sich Heft und Klinge nicht verbinden. Da rief Riva: »Seht, ich habe es verdorben, das Schwert will nicht eins werden.«

Ein Fuchs, der ihn aus der Nähe beobachtete, sprach zu Riva: »Die Arbeit ist nicht verdorben, Riva. Nimm das Heft und setze das Auge als Schwertknauf darauf.« Und Riva tat, wie der Fuchs gesagt hatte, und das Auge wurde eins mit dem Heft. Aber noch immer waren Klinge und Heft nicht verbunden. »Nimm die Klinge in die linke und das Heft in die rechte Hand, dann verbinde sie.«

»Sie werden sich nicht verbinden. Es ist unmöglich«, sagte Riva.

»Du bist wahrlich weise«, erwiderte der Fuchs, »dass du weißt, was unmöglich ist, ehe du es versucht hast.«

Darauf war Riva beschämt. Er legte Klinge und Heft aneinander, und die Klinge fuhr in das Heft, wie ein Stock in Wasser gleitet. Das Schwert war für alle Zeiten zusammengefügt.

Der Fuchs lachte und sprach: »Nimm das Schwert und zerschmettere den Felsen vor dir.«

Riva fürchtete, der Hieb könnte die Klinge zerstören, doch es verhielt sich umgekehrt: Sie zerschmetterte den Stein. Der Fels brach in zwei Teile, und Wasser sprudelte hervor und wurde zu einem Fluss, der hinunter zur Stadt strömte. Und weit im Osten in der Finsternis von Mallorea schrak Torak von seinem Lager hoch, und Kälte durchströmte sein Herz.

Wieder lachte der Fuchs. Im Davonlaufen blieb er noch einmal stehen, um zurückzuschauen. Riva sah, dass es kein Fuchs mehr war, sondern die silbergraue Wolfsgestalt Belgaraths.

Riva ließ das Schwert an der schwarzen Felswand anbringen, vor der sein Thron stand. Die Klinge zeigte nach unten, so dass das Auge auf dem Knauf an höchster Stelle war. Und das Schwert heftete sich selbst an den Fels. Niemand außer Riva konnte es abnehmen.

Als die Jahre vergingen, sahen die Menschen das Auge mit einem kalten Feuer brennen, wenn Riva auf dem Thron saß; und wenn er das Schwert von der Wand nahm und es hochhielt, wurde es zu einer großen blauen Feuerzunge.

Im zeitigen Frühjahr des Jahres, nachdem das Schwert geschmiedet worden war, kam ein kleines Boot über die dunklen Wasser des Meers der Stürme. Es glitt ohne Segel und Ruder dahin. Allein in diesem Boot saß die schönste Jungfrau der Welt. Ihr Name war Beldaran, geliebte Tochter Belgaraths, und sie war gekommen, um Rivas Gemahlin zu werden. Und Rivas Herz schmolz vor Liebe zu ihr, wie es von Anbeginn der Zeit bestimmt war.

In dem Jahr, das auf die Hochzeit von Riva und Beldaran folgte, wurde ihnen an Erastide ein Sohn geboren. Und in der rechten Hand trug dieser Sohn Rivas das Zeichen des Auges. Sogleich trug Riva sein Kind in die Halle des Rivanischen Königs und legte die winzige Hand auf das Auge. Das Auge erkannte das Kind und erglühte vor Liebe zu ihm. Seit jener Zeit trug jeder Nachkomme Rivas das Zeichen des Auges, damit es ihn erkennen konnte und ihn nicht zerstörte, wenn er es berührte; denn nur ein direkter Nachfahre Rivas konnte das Auge ungefährdet berühren. Mit jeder Berührung durch eine kindliche Hand wurde das Band zwischen Rivas Haus und dem Auge stärker. Und mit jeder Berührung wuchs die Leuchtkraft des Auges.

Also verhielt es sich in der Stadt Riva tausend Jahre lang. Manchmal segelten Fremde über das Meer der Stürme und wollten Handel treiben, doch Chereks Schiffe, dazu bestimmt, die Insel der Stürme zu beschützen, fielen über die Fremden her und vernichteten sie. Aber nach einiger Zeit kamen die alornischen Könige zusammen und entschieden nach gemeinsamer Beratung, dass diese Fremden keine Diener Toraks wären, sondern dem Gott Nedra huldigten. Sie kamen überein, die Schiffe ungehindert über das Meer der Stürme segeln zu lassen. »Denn«, sprach der König von Riva zu den anderen Königen, »vielleicht kommt die Zeit, da die Söhne Nedras sich uns im Kampf gegen die Angarakaner von Torak Einauge anschließen. Deshalb wollen wir Nedra nicht erzürnen, indem wir die Schiffe seiner Kinder versenken.« Der Herrscher von Riva sprach weise, und die alornischen Könige stimmten ihm zu, denn sie wussten, dass die Welt sich veränderte.

Dann wurden Verträge mit den Söhnen Nedras unterschrieben, die eine kindliche Freude daran hatten, Pergamente zu unterzeichnen. Aber als sie in den Hafen von Riva segelten, beladen mit buntem Flitterkram, den sie für wertvoll erachteten, lachte der Rivanische König über ihre Torheit und schloss die Tore der Stadt vor ihnen.

Die Söhne Nedras drängten ihren König, den sie Kaiser nannten, er solle die Stadttore gewaltsam öffnen, damit sie ihre Waren in den Straßen feilbieten konnten. Der Kaiser schickte seine Armee zu der Insel. Diesen Fremden aus dem Reich, das sie Tolnedra nannten, freie Fahrt auf dem Meer zu gewähren war eine Sache, sie aber eine Armee vor den Toren Rivas landen zu lassen, eine ganz andere. Der Rivanische König befahl, dass der Strand vor der Stadt gesäubert und der Hafen von allen tolnedranischen Schiffen befreit würde. Und so geschah es.

Groß war der Zorn des Kaisers von Tolnedra. Er sammelte seine Armeen, um das Meer der Stürme zu überqueren und Krieg zu führen. Daraufhin berieten die friedliebenden Alorner, wie sie diesem unbesonnenen Kaiser Einhalt gebieten könnten. Und sie sandten ihm eine Botschaft, in der sie erklärten, sie würden sich erheben und Kaiser und Reich zerstören und die Überreste ins Meer kehren, sollte er auf seinem Vorhaben beharren. Und der Kaiser hörte auf diese entschlossene Mahnung und gab sein kühnes Abenteuer auf.

Als die Jahre vergingen und der Rivanische König erkannte, dass die Kaufleute aus Tolnedra harmlos waren, gestattete er ihnen, am Ufer vor der Stadt ein Dorf zu bauen und dort ihre nutzlosen Waren feilzubieten. Ihr Drang zu verkaufen oder zu handeln amüsierte ihn, und er bat sein Volk, einige Dinge von ihnen zu kaufen – obwohl die erworbenen Gegenstände scheinbar keinerlei Zweck erfüllten.

Dann, viertausendundzwei Jahre nachdem der Verfluchte Torak das Auge gestohlen und die Welt gespalten hatte, kamen andere Fremde in das Dorf, das die Söhne Nedras vor den Mauern von Riva gebaut hatten. Es hieß, diese Fremden wären die Söhne des Gottes Issa. Sie nannten sich Nyissaner, und sie behaupteten, ihr Herrscher sei eine Frau, was allen, die davon hörten, unnatürlich erschien. Der Name dieser Königin war Salmissra.

Sie kamen in Verkleidung und erklärten, sie brächten reiche Geschenke von ihrer Königin für den Rivanischen König und seine Familie. Als er dies hörte, wurde Gorek der Weise, der bejahrte König aus dem Hause Riva, neugierig und wollte mehr von diesen Kindern Issas und ihrer Königin wissen. Mit seiner Gemahlin, seinen beiden Söhnen und deren Gattinnen und allen königlichen Enkelkindern verließ er die Festung und die Stadt, um den Pavillon der Nyissaner zu besuchen, sie höflich zu begrüßen und die wertlosen Geschenke entgegenzunehmen, die die Dirne von Sthiss Tor gesandt hatte. Mit einem Begrüßungslächeln wurden der Rivanische König und seine Familie im Pavillon der Fremden willkommen geheißen.

Dann fielen die elenden und verfluchten Söhne Issas über alle her, die die Frucht und der Samen des Hauses Riva waren. Ihre Waffen waren in Gift getaucht, sodass der kleinste Kratzer schon den Tod bedeutete.

Auch im Alter noch stark, kämpfte Gorek mit den Mördern. Nicht um sein eigenes Leben, denn er fühlte schon den Tod in den Adern durch den ersten Hieb, sondern um wenigstens einen seiner Enkelsöhne zu retten, damit die Linie weiterbestehen konnte. Doch alle waren dem Tode geweiht, bis auf ein einziges Kind, das entfloh und sich ins Meer stürzte. Als Gorek dies sah, bedeckte er sein Gesicht mit seinem Mantel, stöhnte und starb unter den Messern der Nyissaner.

Als die Nachricht hiervon Brand, den Hüter der Zitadelle, erreichte, war sein Zorn schrecklich. Die verräterischen Attentäter wurden überwältigt, und Brand verhörte jeden auf eine Weise, dass selbst tapfere Männer erzitterten. Die Wahrheit wurde aus ihnen herausgepresst. Gorek und seine Familie waren auf Anweisung von Salmissra, der Schlangenkönigin der Nyissaner, hinterhältig ermordet worden.

Von dem Kind, das sich ins Meer gestürzt hatte, fand man keine Spur. Einer der Attentäter behauptete, er hätte eine schneeweiße Eule herabstürzen und das Kind davontragen sehen, aber niemand glaubte ihm, obwohl er selbst unter dem schärfsten Verhör auf seiner Geschichte beharrte.

Dann führte ganz Alorn schrecklichen Krieg gegen die Söhne Issas. Ihre Städte wurden gebrandschatzt, und alle, die man fand, starben durch das Schwert. In der Stunde ihres Todes gestand Salmissra, dass diese Untat auf Drängen von Torak Einauge und seinem Diener Zedar begangen worden war.

So kam es, dass es keinen Rivanischen König mehr gab und keinen Hüter des Auges, wenn auch Brand und seine Nachkommen gleichen Namens widerstrebend die Herrschaft über Riva übernahmen. In den folgenden Jahren hielt sich beharrlich ein Gerücht, dass der Spross Rivas noch immer verborgen in einem fernen Land lebte. Aber obwohl grau gekleidete Rivaner die ganze Welt nach ihm durchkämmten, fanden sie ihn nicht.

Das Schwert blieb, wo Riva es gelassen hatte, und das Auge war immer noch auf dem Knauf, wenn es auch jetzt immer dunkel und leblos wirkte. Die Menschen bekamen das Gefühl, der Westen sei sicher, solange das Auge dort war, obgleich es keinen Rivanischen König mehr gab. Auch schien die Gefahr, dass jemand das Auge stehlen könnte, gering – jeder, der es berührte, wurde sofort entsetzlich versengt, wenn er nicht von Riva abstammte.

Aber nun, da seine Häscher den Rivanischen König und Hüter des Auges erschlagen hatten, wagte Torak Einauge wieder, Pläne für die Eroberung des Westens zu schmieden.

Und nach vielen Jahren führte er eine riesige Angarakanerarmee an, um alles zu zerstören, was sich ihm widersetzte. Seine Horden wüteten von Algarien bis nach Arendien und zur Stadt Vo Mimbre.

Da aber kamen Belgarath und seine Tochter Polgara, die Zauberin, zu Brand, dem Hüter von Riva, um ihn zu beraten. Mit ihnen führte Brand seine Armee nach Vo Mimbre. Und in der blutigen Schlacht vor der Stadt setzte Brand die Macht des Auges ein, um Torak zu überwältigen. Zedar zauberte den Körper seines Meisters fort und versteckte ihn, aber trotz seiner Kräfte konnte der Schüler seinen Gott nicht wiedererwecken. Und wieder fühlten sich die Menschen des Westens sicher, geschützt von dem Auge und von Aldur.

Nun gab es aber Gerüchte über eine Prophezeiung, nach der ein Rivanischer König, ein wahrer Nachkomme Rivas, wieder erscheinen und auf dem Thron in der Halle des Rivanischen Königs sitzen sollte. Und in späteren Jahren verlangten einige, dass jede Tochter eines Kaisers von Tolnedra an ihrem sechzehnten Geburtstag im Thronsaal erscheinen musste, um die Braut des neuen Königs zu sein, sofern er kommen sollte. Aber nur wenige achteten auf solche Sagen. Jahrhunderte vergingen, und noch immer lebte der Westen in Sicherheit. Das Auge blieb dunkel leuchtend auf seinem Platz im Schwertknauf. Und irgendwo sollte der schreckliche Torak schlafen, bis zur Rückkehr des Rivanischen Königs – die nie stattfinden würde.

So sollte der Bericht eigentlich enden. Aber kein wahrer Bericht kann je enden. Und nichts kann je wirklich sicher sein, solange es böse Menschen gibt, die nach Zerstörung trachten.

Wieder gingen viele Jahrhunderte ins Land. Neue Gerüchte tauchten auf, die die Mächtigsten beunruhigten. Und man flüsterte, dass das Auge gestohlen worden war. Belgarath und Polgara wurden wieder gesehen, wie sie durch die Länder des Westens zogen. Sie hatten einen jungen Mann namens Garion bei sich, der Belgarath seinen Großvater und Polgara seine Tante nannte. Und während sie die Königreiche durchwanderten, versammelten sie eine merkwürdige Gesellschaft um sich.

Den alornischen Königen, die sich zur Beratung versammelt hatten, enthüllte Belgarath, dass es dem abtrünnigen Zedar gelungen war, das Auge zu stehlen und mit ihm nach Osten zu fliehen, vermutlich, um den schlafenden Torak damit aufzuwecken. Und dorthin musste Belgarath mit seinen Gefährten, um das Auge zu retten.

Dann entdeckte Belgarath, dass Zedar einen vollkommen unschuldigen Knaben gefunden hatte, der gefahrlos das Auge berühren konnte. Aber nun führte der Weg zu den finsteren und gefährlichen Stätten der Grolimpriester Toraks, wohin der Magier Ctuchik das Auge und den Knaben verschleppte, die er Zedar entrissen hatte.

Im Laufe der Zeit wurde diese Reise Belgaraths und seiner Gefährten als Belgariad-Saga bekannt. Aber ihr Ende lag in der Prophezeiung verborgen. Und selbst der Prophezeiung war der endgültige Ausgang unbekannt.

TEIL EINSALGARIEN

KAPITEL 1

Ctuchik war tot – ja, mehr als das –, und die Erde selbst bebte und stöhnte unter den Nachwirkungen seiner Zerstörung. Garion und die anderen flohen durch die dämmrigen Gänge abwärts, die die schwankende Basaltsäule durchzogen. Die Felsen knirschten und krachten, Bruchstücke regneten von der Decke in der Dunkelheit auf sie herab. Selbst beim Laufen überschlugen sich Garions Gedanken, wirbelten zusammenhanglos durcheinander und kreisten um das Unglaubliche, das sich gerade ereignet hatte. Flucht war ihm ein verzweifeltes Bedürfnis, und er floh, ohne zu denken oder etwas wahrzunehmen. Seine Schritte waren so mechanisch wie sein Herzschlag.

Seine Ohren waren erfüllt von einem anschwellenden, triumphierenden Gesang, der in den Gewölben seines Verstandes erklang, jeden Gedanken auslöschte und ihn in benommenes Staunen versetzte. Durch all seine Verwirrung war er sich jedoch klar der vertrauensvollen Berührung der kleinen Hand bewusst, die in der seinen ruhte. Der kleine Junge, den sie in Ctuchiks dunklem Turm gefunden hatten, rannte neben ihm her, das Auge Aldurs fest an die Brust gepresst. Garion wusste, dass es das Auge war, das seinen Geist mit seinem Gesang erfüllte. Es hatte ihm die ganze Zeit zugeflüstert, während sie die Stufen des Turms erklommen, und sein Lied war stärker geworden, als sie den Raum betraten, in dem es gelegen hatte. Es war das Lied des Auges, das jeden Gedanken auslöschte – weniger der Schock oder die donnernde Detonation, die Ctuchik zerstört und Belgarath wie eine Stoffpuppe durch die Luft geschleudert hatte, oder das tiefe, düstere Grollen des nachfolgenden Erdbebens.

Garion kämpfte beim Laufen, versuchte verzweifelt, seine Gedanken irgendwie zu ordnen, aber der Gesang vereitelte seine Bemühungen und brachte ihn durcheinander, sodass zufällige Eindrücke und Erinnerungen hierhin und dorthin huschten und ihn ohne Ziel oder Richtung flüchten ließen.

Der Gestank der Sklavenquartiere, die unterhalb der einstürzenden Stadt Rak Cthol lagen, drang scharf durch die dunklen Gänge. Als ob sie durch diesen einzelnen Reiz plötzlich entfesselt würden, brach eine Flut von Erinnerungen an andere Gerüche über Garion herein: der warme Duft frisch gebackenen Brotes in Tante Pols Küche auf Faldors Farm; der Salzgeruch des Meeres, als sie in Darin an der Nordküste Sendariens ankamen, der ersten Etappe ihrer Suche nach dem Auge; der Gestank der Sümpfe und Dschungel in Nyissa; der ekelerregende Geruch der brennenden Körper der geopferten Sklaven in Toraks Tempel, der gerade unter den fallenden Mauern von Rak Cthol zusammenstürzte. Aber seltsamerweise war es der Duft des sonnenwarmen Haars von Prinzessin Ce’Nedra, der in seinen verworrenen Erinnerungen am deutlichsten hervortrat.

»Garion!« Tante Pols scharfe Stimme erklang neben ihm in der Dunkelheit. »Pass auf, wo du hintrittst!« Er versuchte, seine Gedanken wieder unter Kontrolle zu bringen, während er bereits über einen Stein stolperte, der zu einem Teil der Decke gehörte, die eingestürzt war.

Überall um sie herum erklangen jetzt die entsetzten Schreie der in ihren feuchten Zellen eingesperrten Sklaven, die sich mit dem Dröhnen und Grollen des Erdbebens zu einer fremdartigen Disharmonie verbanden. Auch andere Geräusche ertönten aus der Dunkelheit: verwirrte Rufe von Murgostimmen mit rauem Akzent, das Getrappel eiliger Füße, das metallische Klingen einer offenen Eisentür, die hin und her schwang, als die riesige Felsnadel bebte und zitterte. Staubwolken erhoben sich in den dunklen Höhlen, ein dichter, erstickender Staub, der ihnen in die Augen drang und sie zum Husten brachte, während sie über die Trümmer kletterten.

Garion hob den vertrauensseligen kleinen Jungen vorsichtig über einen Haufen zersplitterter Steine, und das Kind blickte ihm ruhig in die Augen und lächelte trotz des Chaos aus Lärm und Gestank in der bedrückenden Düsternis. Er wollte das Kind wieder zu Boden setzen, besann sich dann jedoch anders. Es würde einfacher und sicherer sein, das Kind zu tragen. Hastig eilte er weiter durch den Gang, wich aber plötzlich zurück, als er auf etwas Weiches trat. Er spähte zu Boden, dann drehte sich sein Magen vor Entsetzen um, als er sah, dass er auf eine leblose menschliche Hand getreten war, die aus den Trümmern ragte. Sie liefen und liefen durch die bebende Dunkelheit. Die schwarzen Murgoroben, mit denen sie sich verkleidet hatten, flatterten ihnen um die Beine, der dichte Staub nahm ihnen fast den Atem.

»Halt!« Relg, der Ulgofanatiker, hob die Hand und blieb stehen. Er hatte den Kopf zur Seite geneigt und lauschte angestrengt.

»Nicht hier!«, rief Barak, der noch immer den bewusstlosen Belgarath auf den Armen trug. »Geh weiter, Relg.«

»Sei still!«, befahl Relg. »Ich lausche.« Dann schüttelte er den Kopf. »Zurück«, bellte er, drehte sich um und schob sie fort.

»Lauft!«

»Dort hinten sind Murgos«, wandte Barak ein.

»Lauft!«, wiederholte Relg. »Diese Seite des Berges gibt nach.« Noch als sie sich umwandten, ertönte ein Knirschen. Mit einem grässlichen Kreischen brach der Felsen ab. Als sich ein großer Spalt in der Seite des Basaltgipfels öffnete, sich verbreiterte und ein riesiges Stück des Berges langsam überkippte und in den Abgrund stürzte, erfüllte plötzlich helles Tageslicht den Gang, durch den sie flohen. Das rote Glühen der soeben aufgegangenen Sonne blendete sie, denn die Welt der Höhlen wurde gewaltsam geöffnet, und die große Wunde an der Flanke des Berges enthüllte ein Dutzend oder mehr dunkle Öffnungen ober- und unterhalb von ihnen, wo Höhlen und Gänge plötzlich ins Nichts führten.

»Da!«, ertönte ein Ruf von oben. Garion schoss herum. Von Staubwolken umgeben, stand etwa zwanzig Meter über ihnen ein halbes Dutzend schwarz gekleideter Murgos mit gezogenen Schwertern in einer Höhlenöffnung. Einer deutete aufgeregt auf die Flüchtenden. Dann erbebte der Gipfel wieder, ein weiteres Stück brach ab und riss die schreienden Murgos mit sich in die Tiefe.

»Lauft!«, rief Relg wieder, und sie stolperten hinter ihm her in die Dunkelheit des schwankenden Ganges zurück.

»Einen Moment«, keuchte Barak und blieb plötzlich stehen, nachdem sie sich ein paar Hundert Meter zurückgezogen hatten.

»Ich muss erst wieder zu Atem kommen.« Er ließ Belgarath zu Boden gleiten. Seine riesige Brust hob und senkte sich heftig.

»Kann ich Euch behilflich sein, Graf?«, erkundigte sich Mandorallen rasch.

»Nein«, schnaufte Barak. »Ich schaffe es schon. Ich bin nur außer Puste.« Der große Mann sah sich um. »Was ist geschehen? Wie kommt das alles zustande?«

»Belgarath und Ctuchik hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit«, erklärte Silk mit spöttischer Untertreibung. »Gegen Ende geriet sie etwas außer Kontrolle.«

»Was ist mit Ctuchik?«, fragte Barak, noch immer nach Atem ringend. »Ich habe niemand sonst gesehen, als Mandorallen und ich in den Raum kamen.«

»Er hat sich selbst vernichtet«, antwortete Polgara, die neben Belgarath kniete und sein Gesicht untersuchte.

»Wir haben keine Leiche gesehen, hohe Herrin«, bemerkte Mandorallen und spähte in die Dunkelheit, das große Breitschwert in der Hand.

»So viel war von ihm auch nicht übrig«, sagte Silk.

»Sind wir hier sicher?«, fragte Polgara Relg.

Der Ulgo lehnte sich gegen die Wand des Ganges und lauschte angestrengt. Dann nickte er. »Für den Augenblick ja.«

»Dann wollen wir eine Weile hierbleiben. Ich möchte mir meinen Vater ansehen. Mach mir etwas Licht.«

Relg suchte in den Beuteln an seinem Gürtel und mischte die beiden Substanzen, die das schwache Ulgolicht ausstrahlten.

Silk betrachtete Polgara neugierig. »Was ist wirklich geschehen?«, fragte er. »Hat Belgarath das Ctuchik angetan?«

Sie schüttelte den Kopf, während sie leicht die Brust ihres Vaters abtastete. »Aus irgendeinem Grund hat Ctuchik versucht, die Existenz des Auges aufzuheben«, sagte sie. »Irgendetwas muss ihn so in Angst versetzt haben, dass er die oberste Regel vergaß.«

Garion durchzuckte eine kurze Erinnerung, als er den kleinen Jungen wieder auf die Füße stellte – der kurze Einblick in Ctuchiks Geist, unmittelbar bevor der Grolim das fatale »Sei nicht« ausgesprochen hatte, das ihn ins Nichts explodieren ließ. Wieder sah er das einzelne Bild, das in den Gedanken des Hohepriesters entstanden war – das Bild, wie er selbst das Auge in den Händen hielt –, und wieder spürte er die blinde, irrsinnige Panik, die dieses Bild bei Ctuchik ausgelöst hatte. Warum? Warum sollte dies den Grolim in solche Angst versetzen, dass er den tödlichen Fehler beging? »Was ist mit ihm geschehen, Tante Pol?«, fragte er. Aus irgendeinem Grund musste er es wissen.

»Er existiert nicht mehr«, erwiderte sie. »Selbst die Substanz, aus der er gemacht war, ist nicht mehr.«

»Das meinte ich nicht«, begann Garion seinen Einwand, aber Barak hatte bereits zu sprechen begonnen.

»Hat er das Auge zerstört?«, fragte der große Mann mit elender Stimme.

»Nichts kann das Auge zerstören«, antwortete sie ruhig.

»Wo ist es dann?«

Der kleine Junge entzog seine Hand Garions und ging vertrauensvoll auf den großen Cherek zu. »Botschaft?«, fragte er und hielt ihm den runden grauen Stein entgegen.

Barak zuckte vor dem dargebotenen Stein zurück. »Belar!«, fluchte er und legte rasch die Hände auf den Rücken. »Sorg dafür, dass er nicht so damit herumwedelt, Polgara. Weiß er nicht, wie gefährlich es ist?«

»Ich bezweifle es.«

»Wie geht es Belgarath?«, fragte Silk.

»Sein Herz schlägt noch kräftig«, antwortete Polgara. »Aber er ist erschöpft. Der Kampf hat ihn fast das Leben gekostet.«

Mit einem langen, hallenden Zittern erstarb das Erdbeben, und die nachfolgende Stille wirkte sehr laut. »Ist es vorbei?«, fragte Durnik nervös.

»Wahrscheinlich nicht«, antwortete Relg, der seine Stimme in der plötzlichen Stille dämpfte. »Ein Erdbeben dauert gewöhnlich seine Zeit.«

Barak betrachtete neugierig den kleinen Jungen. »Wo ist er denn hergekommen?«, fragte er ebenfalls mit gedämpfter Stimme.

»Er war bei Ctuchik im Turm«, erklärte Polgara. »Er ist das Kind, das Zedar aufgezogen hat, um das Auge zu stehlen.«

»Sieht eigentlich nicht aus wie ein Dieb.«

»Ist er auch nicht.« Sie betrachtete das kleine blonde, heimatlose Kind. »Irgendjemand muss ein Auge auf ihn haben«, meinte sie. »Um ihn ist etwas sehr Seltsames. Wenn wir unten sind, muss ich mir das genauer ansehen, aber im Moment habe ich dafür zu viel anderes im Kopf.«

»Kann es das Auge sein?«, fragte Silk neugierig. »Ich habe gehört, dass es eine eigenartige Wirkung auf Menschen ausübt.«

»Vielleicht.« Sie klang nicht recht überzeugt. »Behalte ihn im Blick, Garion, und achte darauf, dass er das Auge nicht verliert.«

»Warum ich?«, fragte er, ohne zu überlegen.

Sie sah ihn streng an.

»Schon gut, Tante Pol.« Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, mit ihr zu diskutieren.

»Was war das?«, fragte Barak, die Hand erhoben, um für Ruhe zu sorgen. Irgendwo draußen in der Dunkelheit war Stimmengemurmel zu hören – raue, gutturale Stimmen.

»Murgos!«, zischte Silk leise. Seine Hand fuhr bereits zum Dolch.

»Wie viele?«, wollte Barak von Tante Pol wissen.

»Fünf«, antwortete sie. »Nein, sechs. Einer kommt etwas hinterher.«

»Ist ein Grolim dabei?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gehen wir, Mandorallen«, murmelte der große Cherek und zog entschlossen das Schwert.

Der Ritter nickte und wog sein Breitschwert in beiden Händen. »Wartet hier«, flüsterte Barak den anderen zu. »Wir werden nicht lange brauchen.« Dann verschwanden er und Mandorallen in der Dunkelheit, und ihre schwarzen Murgogewänder verschwammen in den Schatten.

Die anderen warteten und lauschten angestrengt, um kein Geräusch zu überhören. Wieder begann sich das seltsame Lied in Garions Bewusstsein zu drängen, und wieder zerflossen seine Gedanken unter diesem Einfluss. Irgendwo rollte ein Kiesel klappernd einen Hang hinunter, und dieses Geräusch weckte ein wirres Durcheinander von Erinnerungen in ihm. Ihm war, als hörte er das Klingen von Durniks Hammer auf dem Amboss auf Faldors Farm und das Klappern der Pferdehufe und das Knirschen der Wagen, in denen sie Rüben nach Darin gebracht hatten, damals, als all dies begann. So deutlich, als wäre es Gegenwart, hörte er wieder den schrillen Angriff des Keilers, den er in dem verschneiten Wald vor Val Alorn getötet hatte, und dann das bittersüße Flötenlied des arendischen Leibeigenenjungen, das sich von dem baumstumpfübersäten Feld zum Himmel emporgeschwungen hatte und wo Asharak, der Murgo, ihn mit Hass und Furcht in dem vernarbten Gesicht beobachtet hatte.

Garion schüttelte den Kopf, um die Gedanken wieder zu ordnen, aber der Gesang zog ihn zurück in diese benommene Träumerei. Ganz deutlich hörte er das grauenhafte, zischende Knistern des brennenden Asharak unter den riesigen, uralten Bäumen im Dryadenwald und das verzweifelte Flehen des Grolim: »Meister, Gnade.« Dann vernahm er die Schreie in Salmissras Palast, als Barak, verwandelt in einen schrecklichen Bären, sich mit Tatzen und Zähnen seinen Weg zum Thronsaal bahnte, und Tante Pol in eisiger Wut neben ihm.

Und dann war die Stimme, die schon immer in seinem Geist gewesen war, wieder da. »Hör auf, dagegen anzukämpfen.«

»Was ist das?«, fragte Garion und bemühte sich, seine Gedanken zu konzentrieren.

»Es ist das Auge.«

»Was macht es?«

»Es möchte dich kennenlernen. Es ist seine Art, Dinge herauszufinden.«

»Kann es nicht warten? Wir haben jetzt wirklich keine Zeit.«

»Du kannst versuchen, ihm das zuerklären, wenn du willst.« Die Stimme klang belustigt. »Vielleicht hört es zu, aber ich bezweifle es. Es wartet schon sehr lange auf dich.«

»Wieso auf mich?«

»Wirst du eigentlich nie müde, das zu fragen?«

»Macht es dasselbe auch mit den anderen?«

»In geringerem Umfang. Du kannst dich ebenso gut entspannen. So oder so, es bekommt doch, was es will.«

Irgendwo draußen in den dunklen Gängen ertönte plötzlich das Klirren von Stahl auf Stahl, dann ein verblüffter Schrei. Garion hörte das Dröhnen von Hieben, jemand stöhnte. Danach war Stille.

Kurz darauf hörten sie leise Schritte, und Barak und Mandorallen kehrten zurück. »Wir konnten den einen nicht finden, der hinter den anderen herkam«, berichtete Barak. »Gibt es schon Anzeichen dafür, dass Belgarath wieder wach wird?«

Polgara schüttelte den Kopf. »Er ist noch immer ohne Bewusstsein.«

»Dann werde ich ihn tragen. Wir sollten besser gehen. Es ist noch ein langer Weg bis unten, und diese Höhlen werden in kürzester Zeit voller Murgos sein.«

»Noch einen Moment«, sagte sie. »Relg, weißt du, wo wir sind?«

»Ungefähr.«

»Bring uns dorthin, wo wir die Sklavin zurückgelassen haben«, befahl sie in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Relgs Gesicht verhärtete sich, doch er sagte nichts.

Barak bückte sich und hob den bewusstlosen Belgarath hoch. Garion streckte die Arme aus, und folgsam kam der kleine Junge auf ihn zu, das Auge immer noch schützend an die Brust gedrückt. Das Kind war seltsam leicht, und Garion trug es nahezu mühelos. Relg hob seine schwach glühende Holzschale, um ihnen den Weg zu leuchten, dann ging es weiter, links, rechts, um Ecken, einem Zickzackkurs folgend, der sie tiefer und tiefer in die düsteren Höhlen führte. Die Dunkelheit des Gipfels über ihnen schien mit immer größerem Gewicht auf Garion zu lasten, je weiter sie gingen. Das Lied in seinem Geist schwoll wieder an, und Relgs schwaches Licht schickte seine Gedanken erneut auf Wanderschaft. Nun, da er begriff, was vor sich ging, schien es leichter zu gehen. Das Lied öffnete seinen Geist, und das Auge saugte jeden Gedanken und jede Erinnerung heraus, durchlief sein Leben mit einer leichten, flackernden Berührung. Es besaß eine eigentümliche Neugier, die oft bei Dingen verharrte, welche Garion überhaupt nicht für wichtig hielt, und Ereignisse kaum streifte, die ihm entsetzlich bedeutend erschienen waren, als sie geschahen. Es spürte jedem Schritt ihrer langen Reise nach Rak Cthol genau nach. Es kam mit ihnen in die Kristallhöhle in den Bergen oberhalb Maragors, wo Garion das neugeborene Fohlen berührt und ihm das Leben geschenkt hatte, in diesem eigenartig notwendigen Akt der Sühne, der irgendwie die Verbrennung Asharaks wiedergutgemacht hatte. Das Auge begleitete sie ins Tal, wo Garion bei seinem ersten Versuch, den Willen und das Wort bewusst einzusetzen, den großen weißen Felsblock weggerollt hatte. Während es kaum Notiz nahm von dem schrecklichen Kampf mit Grul, dem Eldrak, oder von dem Besuch in den Höhlen von Ulgo, schien es sehr interessiert zu sein an dem Gedankenschild, den Garion und Tante Pol errichtet hatten, um ihre Bewegungen vor dem suchenden Geist der Grolim zu verbergen, als sie sich Rak Cthol näherten. Es ignorierte den Tod von Brill und die übelkeiterregenden Zeremonien im Tempel Toraks, verharrte jedoch bei dem Gespräch zwischen Belgarath und Ctuchik in dem hängenden Turm des Hohepriesters der Grolim. Und dann, höchst seltsamerweise, ging es zurück und erforschte jede Erinnerung, die Garion an Prinzessin Ce’Nedra hatte: die Sonne auf ihrem kupfernen Haar, die geschmeidige Anmut ihrer Bewegungen, ihr Duft, jede unbewusste Geste, das Wechselspiel ihrer Gefühle auf dem kleinen, schönen Gesicht. Es verweilte bei ihr auf eine Art, die Garion schließlich beunruhigend fand. Gleichzeitig war er erstaunt darüber, dass so viel von dem, was die Prinzessin gesagt oder getan hatte, ihm so im Gedächtnis haften geblieben war.

»Garion«, sagte Tante Pol. »Was ist denn bloß los mit dir? Ich habe doch gesagt, du sollst auf das Kind aufpassen. Gib acht. Jetzt ist keine Zeit für Tagträumereien.«

»Mach ich ja auch nicht. Ich habe …« Wie konnte er ihr das nur erklären?

»Du hast was?«

»Nichts.«

Sie gingen weiter. In Abständen erzitterte die Erde noch, aber sie beruhigte sich allmählich. Die gewaltige Basaltnadel schwankte und ächzte jedes Mal, wenn die Erde unter ihren Füßen bebte, und bei jedem Beben blieben sie stehen und wagten kaum zu atmen.

»Wie weit sind wir schon abgestiegen?«, fragte Silk, nervös um sich blickend.

»Vielleicht dreihundert Meter«, antwortete Relg.

»Mehr nicht? Bei der Geschwindigkeit brauchen wir ja eine Woche.«

Relg zuckte mit den massigen Schultern. »Es dauert eben so lange«, war seine lakonische Antwort.

Im nächsten Gang waren Murgos. Es gab einen weiteren hässlichen kleinen Kampf in der Dunkelheit. Mandorallen humpelte, als sie zurückkamen.

»Warum hast du nicht auf mich gewartet, wie ich dir gesagt hatte?«, fragte Barak barsch.

Mandorallen zuckte die Achseln. »Es waren nur drei, Graf.«

»Es ist völlig zwecklos, mit dir zu reden, weißt du das?«, grollte Barak verärgert.

»Bist du in Ordnung?«, fragte Polgara den Ritter.

»Nur ein Kratzer, hohe Herrin«, antwortete Mandorallen gleichgültig. »Er ist nicht von Bedeutung.«

Der Boden des Ganges bebte und zitterte erneut, und ein tiefes Dröhnen hallte durch die Höhlen. Sie blieben wie erstarrt stehen, doch kurz darauf ließen die Erdstöße wieder nach.

Durch die Gänge und Höhlen bewegten sie sich stetig abwärts. Hin und wieder folgten noch leichtere Stöße des Erdbebens, das Rak Cthol in Trümmer gelegt und Ctuchiks Turm in den Abgrund hatte stürzen lassen. Einige Stunden später kam eine Gruppe von Murgos, vielleicht ein Dutzend stark, durch einen Gang nicht weit vor ihnen. Ihre Fackeln warfen flackernde Schatten auf die Wände, ihre rauen Stimmen hallten dumpf wider. Nach kurzer, geflüsterter Beratung ließen Barak und Mandorallen sie ungehindert ziehen, ohne dass ihre Gegner sich der schrecklichen Gefahr bewusst waren, die kaum zwanzig Meter entfernt im Dunkeln lauerte. Nachdem sie außer Hörweite waren, enthüllte Relg sein Licht wieder und wählte einen neuen Gang. Sie gingen weiter abwärts, um viele Biegungen, im Zickzack hinunter durch die Höhlen zum Fuß der Felssäule, auf die zweifelhafte Sicherheit der Ödnis zu, die sie draußen erwartete.

Obwohl der Gesang des Auges keineswegs nachließ, konnte Garion nun doch wenigstens nachdenken, während er mit dem kleinen Jungen im Arm hinter Silk durch die dunklen Gänge ging. Er hatte sich wahrscheinlich schon daran gewöhnt, vielleicht konzentrierte sich die Aufmerksamkeit des Auges aber auch auf einen der anderen.

Sie hatten es geschafft; das war das Erstaunliche. Gegen alle Wahrscheinlichkeit hatten sie das Auge zurückgewonnen. Die Suche, die sein ruhiges Leben auf Faldors Farm so plötzlich unterbrochen hatte, war vorüber, aber sie hatte ihn auf so vielfältige Weise verändert, dass der Junge, der in einer stürmischen Herbstnacht durch das Tor der Farm hinausgeschlichen war, überhaupt nicht mehr existierte. Garion konnte auch jetzt die Macht spüren, die er in sich entdeckt hatte, und er wusste, dass er diese Macht aus bestimmten Gründen besaß. Unterwegs hatte er Hinweise erhalten – vage, halb ausgesprochene Andeutungen, dass die Rückkehr des Auges an seinen rechtmäßigen Platz nur der Beginn von etwas viel Größerem und sehr viel Ernsterem sei. Garion war absolut sicher, dass dies noch nicht das Ende war.

»Es wird auch Zeit«, sagte die trockene Stimme in seinem Geist.

»Was soll das heißen?«

»Warum muss ich dir das jedes Mal von Neuem erklären?«

»Was erklären?«

»Dass ich weiß, was du denkst. Es ist nicht so, als wären wir völlig voneinander getrennt, wie du weißt.«

»Also schön. Wohin gehen wir von hier aus?«

»Nach Riva.«

»Und danach?«

»Wir werden sehen.«

»Du wirst es mir nicht sagen?«

»Nein. Noch nicht. Du bist noch nicht halb so weit gekommen, wie du glaubst. Du hast immer noch einen langen Weg vor dir.«

»Wenn du mir sowieso nichts erzählst, warum lässt du mich dann nicht einfach in Ruhe?«

»Ich wollte dir nur raten, keine langfristigen Pläne zu machen. Die Rückgewinnung des Auges war nur ein Schritt. Ein wichtiger Schritt zwar, aber eben nur der Anfang.«

Und dann, als ob seine Erwähnung das Auge an Garions Anwesenheit erinnert hätte, kehrte sein Lied mit aller Kraft zurück, und Garions Konzentration schwand.

Wenig später blieb Relg stehen und hielt sein schwaches Licht hoch.

»Was ist los?«, fragte Barak und ließ Belgarath zu Boden gleiten.

»Die Decke ist eingestürzt«, antwortete Relg und deutete auf die rauchenden Trümmer vor ihnen. »Wir können da nicht durch.« Er sah Tante Pol an. »Tut mir leid«, sagte er, und Garion spürte, dass er es aufrichtig meinte. »Die Frau, die wir hier unten zurückgelassen haben, ist auf der anderen Seite des Einsturzes.«

»Dann finde einen anderen Weg«, sagte sie knapp.

»Es gibt keinen. Dies war der einzige Gang zu dem Tempel, wo wir sie gefunden haben.«

»Dann müssen wir ihn eben freigraben.«

Relg schüttelte ernst den Kopf. »Wir würden nur noch mehr Gestein lösen. Wahrscheinlich ist es auch auf sie herabgestürzt – wenigstens können wir das hoffen.«

»Ist das nicht ein bisschen sehr niederträchtig, Relg?«, fragte Silk spitz.

Der Ulgoner wandte sich dem kleinen Mann zu. »Sie hat Wasser und genügend Luft zum Atmen. Wenn der Deckeneinsturz sie nicht getötet hat, kann sie noch wochenlang leben, ehe sie verhungert ist.« In Relgs Stimme lag ein seltsames, leises Bedauern.

Silk starrte ihn einen Moment an. »Entschuldige, Relg«, sagte er schließlich. »Ich hatte dich missverstanden.«

»Wer in Höhlen lebt, hat nicht das Bedürfnis, jemanden so in der Falle sitzen zu sehen.«

Polgara betrachtete den verschütteten Gang. »Wir müssen sie dort herausholen«, erklärte sie.

»Relg könnte recht haben, weißt du«, meinte Barak. »Soweit wir das beurteilen können, ist sie unter einem halben Berg begraben.«

Polgara schüttelte den Kopf. »Nein«, widersprach sie. »Taiba lebt, und wir können nicht ohne sie gehen. Sie ist so wichtig für unsere Sache wie jeder andere von uns.« Sie wandte sich wieder an Relg. »Du wirst sie holen müssen«, sagte sie bestimmt.

Relgs große, dunkle Augen weiteten sich. »Das kannst du nicht verlangen«, protestierte er.

»Es gibt keine andere Möglichkeit.«

»Du kannst es doch, Relg«, ermunterte Durnik den Fanatiker. »Du kannst durch den Felsen gehen und sie genauso herausholen, wie du damals Silk aus dem Loch geholt hast, in das Taur Urgas ihn geworfen hatte.«

Relg zitterte jetzt heftig. »Ich kann nicht!«, rief er mit erstickter Stimme. »Ich müsste sie berühren, meine Hände um sie legen. Es wäre Sünde.«

»Das ist höchst hartherzig von Euch, Relg«, erklärte Mandorallen. »Es ist keine Sünde, den Schwachen und Hilflosen zu helfen. Rücksichtnahme auf die Unglücklichen ist eine große Verantwortung für alle ehrbaren Menschen, und keine Macht der Welt kann den reinen Geist verderben. Wenn nicht das Mitleid Euch bewegt, ihr zu Hilfe zu eilen, dann betrachtet doch vielleicht ihre Rettung als Prüfung Eurer Reinheit?«

»Du verstehst das nicht«, erwiderte Relg gequält. Er drehte sich wieder zu Polgara um. »Ich flehe dich an, lass mich das nicht tun.«

»Du musst«, antwortete sie ruhig. »Es tut mir leid, Relg, aber das ist der einzige Weg.«

Ein Dutzend Gefühle zuckte über das Gesicht des Fanatikers, während er unter dem unnachgiebigen Blick Tante Pols zurückwich. Dann drehte er sich mit einem erstickten Schrei um und schob die Hand in den massiven Fels der Wand. Mit ungeheurer Konzentration zwängte er die Finger in das Gestein und stellte wieder einmal die unheimliche Fähigkeit unter Beweis, seinen Körper in festen Stein einsickern zu lassen.

Silk wandte ihm schnell den Rücken zu. »Ich kann das nicht mit ansehen«, keuchte der kleine Mann. Dann war Relg verschwunden, aufgesogen von dem Gestein.

»Warum macht er ein solches Theater, wenn er andere berühren soll?«, fragte Barak.

Doch Garion wusste weshalb. Seine erzwungene Gemeinschaft mit dem tobenden Eiferer während des langen Rittes durch Algarien hatte ihm eine tiefe Einsicht in Relgs Denkweise vermittelt. Die rauen Brandmarkungen der Sünde anderer dienten in erster Linie dazu, Relgs eigene Schwächen zu verbergen. Garion hatte stundenlang hysterischen und manchmal zusammenhanglosen Berichten über die wollüstigen Gedanken zugehört, die fast ständig durch den Kopf des Fanatikers rasten. Taiba, die Maragsklavin mit dem üppigen Körper, musste für Relg die größtmögliche Versuchung darstellen, und er fürchtete sich wahrscheinlich mehr vor ihr als vor dem Tod.

Sie warteten schweigend. Irgendwo zerschnitten fallende Wassertropfen die Zeit. Die Erde bebte ab und an, wenn die letzten Stöße des Erdbebens unter ihren Füßen dröhnten. Langsam zogen sich die Minuten in der dämmrigen Höhle dahin.

Dann bemerkten sie eine leichte Bewegung, und Relg tauchte aus der Felswand auf, die halbnackte Taiba auf den Armen. Sie hatte ihm die Arme verzweifelt um den Hals geschlungen und das Gesicht an seiner Schulter vergraben. Taiba wimmerte vor Entsetzen und zitterte unkontrolliert.

Relgs Miene war in Höllenqualen verzerrt. Tränen der Pein rannen ihm über das Gesicht, und er hatte die Zähne zusammengebissen, als litte er unsägliche Schmerzen. Seine Arme hielten die Sklavin jedoch schützend, fast sanft umschlungen. Selbst als sie schon aus dem Fels heraus waren, hielt er sie dicht an sich gepresst, als wollte er sie für alle Zeit so halten.

KAPITEL 2

Es war bereits Mittag, als sie den Fuß des Basaltturms und die große Höhle erreichten, in der sie die Pferde zurückgelassen hatten. Silk ging, um an der Höhlenöffnung Wache zu halten, während Barak Belgarath absetzte. »Er ist schwerer, als er aussieht«, brummte der große Mann und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Sollte er nicht allmählich wach werden?«

»Es kann Tage dauern, bis er wieder voll bei Bewusstsein ist«, antwortete Polgara. »Deck ihn einfach zu und lass ihn schlafen.«

»Wird er denn reiten können?«

»Darum kümmere ich mich schon.«

»Vorläufig wird niemand irgendwohin reiten«, verkündete Silk von dem schmalen Eingang her. »Die Murgos schwirren da draußen herum wie Hornissen.«

»Wir warten, bis es dunkel wird«, entschied Polgara. »Wir brauchen sowieso alle eine Rast.« Sie schob die Kapuze ihres Murgogewandes zurück und ging zu einem der Gepäckstücke, die sie an der Wand aufgestapelt hatten, als sie in der Nacht zuvor in die Höhle gekommen waren. »Ich mache etwas zu essen, dann solltet ihr alle ein wenig schlafen.«

Taiba, die Sklavin, die wieder in Garions Mantel gehüllt war, hatte Relg fast ständig beobachtet. Ihre großen violetten Augen glühten vor Dankbarkeit, die mit einer leichten Verblüffung gemischt war. »Du hast mir das Leben gerettet«, verkündete sie mit ihrer vollen, kehligen Stimme. Sie beugte sich beim Sprechen ein wenig zu ihm hinüber. Es war eine unbewusste Geste, dessen war sich Garion sicher, aber sie war deutlich spürbar. »Danke«, setzte sie hinzu und streckte die Hand nach dem Arm des Fanatikers aus.

Relg wich vor ihr zurück. »Fass mich nicht an«, keuchte er.

Sie starrte ihn erstaunt an, die Hand halb ausgestreckt. »Du darfst niemals deineHände an mich legen«, befahl er ihr. »Niemals.«

Taiba sah ihn ungläubig an. Sie hatte fast ihr ganzes Leben in Dunkelheit verbracht und nie gelernt, ihre Gefühle zu verbergen. Erstaunen wich der Demütigung, dann wurde ihre Miene finster und trotzig, und sie wandte sich rasch ab von dem Mann, der sie so grob zurückgewiesen hatte. Dabei glitt ihr der Mantel von den Schultern, und die wenigen Fetzen, die ihr als Kleidung dienten, verhüllten ihre Nacktheit nur unzureichend. Trotz ihres verfilzten Haares und der Schmutzflecken auf den Gliedern war die üppige Reife ihres Körpers nicht zu übersehen. Relg starrte sie an und begann zu zittern. Dann drehte er sich schnell um, entfernte sich so weit wie möglich von ihr, fiel auf die Knie und betete mit auf den Steinboden der Höhle gepresstem Gesicht.

»Ist er in Ordnung?«, fragte Taiba rasch.

»Er hat ein paar Probleme«, antwortete Barak. »Du wirst dich daran gewöhnen.«

»Taiba«, sagte Polgara, »komm einmal her.« Sie betrachtete kritisch die spärliche Kleidung der Frau. »Wir müssen etwas für dich zum Anziehen finden. Draußen ist es sehr kalt. Und wie es scheint, gibt es auch noch andere Gründe.«

»Ich sehe nach, was ich im Gepäck finden kann«, erbot sich Durnik. »Ich denke, wir werden auch etwas für den Jungen brauchen. Sein Kittel sieht nicht so aus, als hielte er besonders warm.« Er sah zu dem Kind hinüber, das neugierig die Pferde musterte.

»Um mich braucht ihr euch nicht zu kümmern«, sagte Taiba. »Dort draußen gibt es nichts für mich. Sobald ihr reitet, gehe ich zurück nach Rak Cthol.«

»Wovon redest du?«, fragte Polgara scharf.

»Ich habe immer noch etwas mit Ctuchik ins Reine zu bringen«, erklärte Taiba und spielte mit ihrem rostigen Messer.

Silk lachte vom Höhleneingang her. »Das haben wir dir abgenommen. Rak Cthol zerfällt da oben zu Staub, und von Ctuchik ist nicht einmal mehr ein Fleck auf dem Boden übrig.«

»Tot?«, keuchte sie. »Wie?«

»Du würdest es nicht glauben«, sagte Silk.

»Hat er gelitten?«, fragte sie erwartungsvoll.

»Mehr als du dir vorstellen kannst«, erwiderte Polgara.

Taiba holte tief und seufzend Luft, dann begann sie zu weinen. Tante Pol nahm die schluchzende Frau in die Arme und tröstete sie, wie sie Garion so oft getröstet hatte, als er noch klein gewesen war.

Garion sank müde zu Boden und lehnte den Rücken gegen die Felswand. Wellen der Erschöpfung schlugen über ihm zusammen, eine große Müdigkeit beraubte ihn jedes gezielten Gedankens. Wieder einmal sang das Auge zu ihm, nun jedoch einschläfernd. Seine Neugier über ihn war gestillt, und sein Lied schien jetzt nur noch dazu zu dienen, den Kontakt zwischen ihnen aufrechtzuerhalten. Garion war zu müde, um sich auch nur zu fragen, weshalb der Stein solche Freude an seiner Gesellschaft hatte.

Der kleine Junge beendete seine Erkundung der Pferde und ging zu Tante Pol, die einen Arm um Taibas Schultern gelegt hatte. Er sah Taiba verblüfft an und berührte ihr tränenüberströmtes Gesicht mit seinen kleinen Fingern.

»Was will er?«, fragte Taiba.

»Er hat wahrscheinlich noch nie Tränen gesehen«, meinte Tante Pol.

Taiba starrte in das ernste kleine Gesicht, lachte dann plötzlich durch ihre Tränen und umarmte ihn schnell.

Der kleine Junge lächelte sie an. »Botschaft?«, fragte er und bot ihr das Auge an.

»Nimm es nicht, Taiba«, sagte Tante Pol ruhig. »Du darfst es nicht einmal berühren.«

Taiba sah das lächelnde Kind an und schüttelte den Kopf.

Der Kleine seufzte, ging dann durch die Höhle zu Garion und kuschelte sich an ihn.

Barak war ein Stück in den Tunnel gegangen, durch den sie gekommen waren. Jetzt kehrte er mit grimmigem Gesicht zurück. »Ich kann Murgos da draußen herumstöbern hören«, berichtete er. »Bei diesen vielen Echos kann man nicht sagen, wie weit sie noch entfernt sind, aber es klingt, als würden sie jeden Gang und jede Höhle durchsuchen.«

»Dann wollen wir uns einen Platz suchen, der sich leicht verteidigen lässt, und ihnen allen Grund geben, an einem anderen Ort nach uns Ausschau zu halten«, schlug Mandorallen fröhlich vor.

»Interessante Idee«, meinte Barak, »doch ich fürchte, es wird nicht funktionieren. Früher oder später werden sie uns finden.«

»Ich kümmere mich darum«, sagte Relg leise, brach seine Gebete ab und stand auf. Die rituellen Formeln hatten ihm nicht geholfen, sein Blick wirkte gehetzt.

»Ich gehe mit dir«, bot Barak an.

Relg schüttelte den Kopf. »Du wärst mir nur im Weg«, sagte er knapp, während er bereits auf den dunklen Gang zuging, der zurück in den Berg führte.

»Was ist denn in ihn gefahren?«, fragte Barak erstaunt.

»Ich glaube, unser Freund macht eine religiöse Krise durch«, bemerkte Silk von seinem Wachposten am Höhleneingang her.

»Noch eine?«

»So hat er etwas, das ihn in seiner freien Zeit beschäftigt hält«, meinte Silk leichthin.

»Kommt essen«, sagte Tante Pol und legte Brot und Käse auf eins der Gepäckstücke. »Danach möchte ich mir den Schnitt an deinem Bein ansehen, Mandorallen.«

Nachdem sie gegessen hatten und Polgara Mandorallens Knie verbunden hatte, kleidete sie Taiba in ein merkwürdiges Sortiment aus Kleidern, die Durnik herausgesucht hatte. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit dem kleinen Jungen zu. Er erwiderte ihren ernsten Blick ebenso ernst, streckte dann die Hand aus und berührte die weiße Locke an ihrer Schläfe mit neugierigen Fingern. Garion erinnerte sich, wie viele Male er die Locke mit derselben Bewegung berührt hatte, und diese Erinnerung überkam ihn mit einer kurzen, unvernünftigen Woge der Eifersucht, die er schnell unterdrückte.

Der kleine Junge lachte mit plötzlicher Freude. »Botschaft«, sagte er fest und bot Tante Pol das Auge an.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Kind«, sagte sie. »Ich fürchte, ich bin nicht diejenige.« Sie zog ihm Kleider an, die überall hochgerollt und festgesteckt werden mussten, dann setzte sie sich mit dem Rücken zur Wand auf den Boden und streckte ihre Arme nach ihm aus. Gehorsam kletterte er auf ihren Schoß, legte einen Arm um ihren Hals und küsste sie. Dann schmiegte er sich an sie, seufzte und schlief auf der Stelle ein. Sie sah mit einem seltsamen Ausdruck auf ihn hinunter – einer Mischung aus Staunen und Zärtlichkeit –, und Garion musste eine zweite Woge der Eifersucht niederkämpfen.

In den Höhlen über ihnen knirschte und polterte es.

»Was war das?«, fragte Durnik und sah nervös nach oben.

»Relg, nehme ich an«, antwortete Silk. »Er unternimmt anscheinend etwas, um die Murgos abzuhalten.«

»Ich hoffe, er übertreibt es nicht«, sagte Durnik mit einem ängstlichen Blick zur Decke.

»Wie lange brauchen wir, um ins Tal zu kommen?«, fragte Barak.

»Wahrscheinlich einige Wochen«, meinte Silk. »Es wird vom Gelände abhängen und davon, wie schnell die Grolim die Suche nach uns organisieren können. Wenn wir genug Vorsprung bekommen, um eine falsche Spur zu legen, können wir sie nach Westen auf die tolnedranische Grenze zuschicken, und dann können wir ins Tal reiten, ohne ständig Zeit damit vergeuden zu müssen, uns zu verstecken und unterzutauchen.« Der kleine Mann grinste. »Die Vorstellung, die ganze Nation der Murgos hinters Licht zu führen, gefällt mir«, setzte er hinzu.

»Du solltest nicht zu erfinderisch sein«, meinte Barak. »Hettar wird im Tal auf uns warten – mit Cho-Hag und der Hälfte aller algarischen Clans. Sie wären schrecklich enttäuscht, wenn wir ihnen nicht wenigstens einige Murgos mitbringen.«

»Das Leben bietet ständig kleine Enttäuschungen«, sagte Silk spöttisch. »Soweit ich mich erinnere, ist der Ostrand des Tales zerklüftet und steil. Der Abstieg wird mindestens ein paar Tage dauern, und ich möchte ihn nicht unternehmen, wenn uns das ganze Murgoreich auf den Fersen ist.«

Es war schon später Nachmittag, als Relg zurückkehrte. Seine Anstrengungen schienen den Aufruhr in seinem Geist ein wenig beruhigt zu haben, doch er hatte noch immer den gehetzten Ausdruck und vermied bewusst den Blick aus Taibas violetten Augen. »Ich habe die Decken aller Gänge eingerissen, die in diese Höhle führen«, erklärte er knapp. »Jetzt sind wir sicher.«

Polgara, die offenbar geschlafen hatte, öffnete die Augen. »Ruh dich aus«, sagte sie zu ihm.

Er nickte und ging sofort zu seinen Decken.

Sie ruhten sich für den Rest des Tages in der Höhle aus und standen abwechselnd Wache am Eingang. Das Ödland aus schwarzem Sand und windgeschliffenen Felsen, das sich hinter dem Geröllsockel am Fuß der Felssäule erstreckte, wimmelte von Murgoreitern, die in einer wilden, unorganisierten Suche hierhin und dorthin eilten.

»Sie scheinen nicht zu wissen, was sie tun sollen«, bemerkte Garion leise zu Silk, als sie beide Wache standen. Am westlichen Horizont versank die Sonne in einer Wolkenbank und färbte den Himmel zornig rot. Der steife Wind brachte eine trockene Kälte mit sich, wenn er in den Höhleneingang drang.

»Ich schätze, in Rak Cthol geht alles drunter und drüber«, antwortete Silk. »Niemand gibt mehr den Ton an, und das verwirrt Murgos nun einmal. Sie neigen dazu, völlig kopflos zu werden, wenn niemand da ist, der ihnen Befehle erteilt.«

»Wird es dadurch für uns nicht schwierig, hier herauszukommen?«, fragte Garion. »Ich meine, sie gehen ja nirgendwohin. Sie schwirren einfach nur herum. Wie können wir durch ihre Reihen kommen?«

Silk zuckte die Achseln. »Wir ziehen unsere Kapuzen hoch und mischen uns unter sie.« Er zog den groben Stoff seines Murgogewandes wegen der Kälte enger um sich und wandte sich dann der Höhle zu. »Die Sonne geht unter«, berichtete er.

»Wir wollen warten, bis es völlig dunkel ist«, erwiderte Polgara. Sie packte den kleinen Jungen fürsorglich in eine alte Tunika von Garion ein.

»Wenn wir eine ordentliche Strecke hinter uns haben, werde ich ein paar Spuren legen«, sagte Silk. »Murgos sind manchmal etwas schwer von Begriff, und wir wollen ja nicht, dass sie unsere Spur verlieren.« Er warf noch einen Blick auf den Sonnenuntergang. »Die Nacht wird kalt werden«, prophezeite er.

»Garion«, rief Tante Pol und erhob sich, »du und Durnik, ihr haltet euch dicht bei Taiba. Sie ist noch nie geritten und braucht zu Anfang vielleicht etwas Hilfe.«

»Was ist mit dem Jungen?«, fragte Durnik.

»Er reitet mit mir.«

»Und Belgarath?«, erkundigte sich Mandorallen und äugte zu dem schlafenden Zauberer hinüber.

»Wenn es so weit ist, setzen wir ihn einfach auf sein Pferd«, sagte Polgara. »Ich kann ihn im Sattel halten, solange wir nicht plötzlich die Richtung ändern. Wird es noch dunkler?«

»Wir warten lieber noch ein wenig«, antwortete Silk. »Draußen herrscht immer noch etwas Tageslicht.«

Sie warteten. Der Abendhimmel färbte sich purpurn, die ersten Sterne kamen heraus, unendlich weit entfernt in ihrem kalten Glanz. Die mit der Suche beschäftigten Murgos entzündeten Fackeln. »Gehen wir?«, schlug Silk vor und erhob sich.

Sie führten die Pferde leise aus der Höhle und über den Geröllsockel auf den Sand hinunter. Dort blieben sie einige Minuten stehen, da ein Trupp von Murgos mit Fackeln nur einige Hundert Meter von ihnen entfernt vorbeiritt. »Lasst euch nicht voneinander trennen«, sagte Silk, während sie aufstiegen.

»Wie weit ist es bis zum Rand des Ödlandes?«, wollte Barak wissen und ächzte, als er sein Pferd bestieg.

»Zwei scharfe Tagesritte«, antwortete Silk. »Oder Nachtritte in unserem Fall. Solange die Sonne scheint, sollten wir uns wohl lieber irgendwo Unterschlupf suchen. So sehr sehen wir nun auch nicht nach Murgos aus.«

»Reiten wir«, sagte Polgara.

Sie ritten im Schritttempo, bis Taiba etwas sicherer wurde und Belgarath bewies, dass er sich im Sattel halten konnte, wenn er sich auch noch nicht mit ihnen verständigen konnte. Dann ließen sie ihre Pferde in einen leichten Galopp fallen, der sie zügig voranbrachte, ohne Ross und Reiter zu erschöpfen.

Als sie den ersten Hügelkamm überquerten, ritten sie direkt auf eine große Murgogruppe zu, die mit Fackeln ausgerüstet war.

»Wer ist da?«, fragte Silk barsch. Seine Stimme wies plötzlich den rauen, charakteristischen Akzent der Murgos auf. »Identifiziert euch.«

»Wir sind aus Rak Cthol«, antwortete einer der Murgos respektvoll.

»Das weiß ich, du Schafskopf«, bellte Silk. »Ihr sollt euch identifizieren.«

»Dritte Phalanx«, sagte der Murgo steif.

»Schon besser. Löscht die Fackeln. Wie wollt ihr irgendetwas sehen, das mehr als drei Schritte von euch entfernt ist, wenn sie euch blenden?«

Unverzüglich wurden die Fackeln gelöscht.

»Dehnt eure Suche weiter nach Norden aus«, befahl Silk. »Die Neunte Phalanx durchsucht diesen Sektor.«

»Aber …«

»Willst du mit mir streiten?«

»Nein, aber …«

»Bewegt euch! Los!«

Die Murgos rissen ihre Pferde herum und galoppierten in die Dunkelheit davon.

»Gerissen«, sagte Barak bewundernd.

Silk zuckte die Achseln. »Ziemlich naheliegend«, antwortete er. »Die Leute sind für eine Richtungsangabe immer dankbar, wenn sie durcheinander sind. Lasst uns weiterreiten.«

Gegen Morgen begann Silk kunstvoll, verschiedene Gegenstände fallen zu lassen, um ihre Spur zu markieren.

»Vielleicht ein bisschen übertrieben«, meinte er mit einem kritischen Blick auf einen alten Stiefel, den er gerade in den aufgewühlten Sand hinter ihnen geworfen hatte.

»Wovon redest du?«, fragte Barak.

»Von unserer Spur«, erwiderte Silk. »Wir wollten doch, dass sie uns folgen, erinnerst du dich? Sie sollen denken, dass wir nach Tolnedra wollen.«

»Und?«

»Ich habe nur gedacht, das hier wäre zu auffällig.«

»Du machst dir über solche Sachen zu viel Gedanken.«

»Es ist eine Frage des Stils, mein lieber Barak«, sagte Silk nachdrücklich. »Nachlässige Arbeit wird leicht zur Gewohnheit.«

Als das erste graue Tageslicht über den Winterhimmel kroch, suchten sie Schutz zwischen den Felsblöcken der niedrigen Hügelkämme, die die Einöde durchzogen. Durnik, Barak und Mandorallen spannten ihre Zeltleinwände straff über einen schmalen Einschnitt in der Westseite des Kammes und verteilten dann Sand darauf, um ihr Schutzdach zu tarnen. »Es ist wahrscheinlich besser, kein Feuer zu machen«, sagte Durnik zu Polgara, als sie die Pferde unter das Schutzdach führten. »Der Rauch könnte uns verraten.«

Sie nickte zustimmend. »Wir könnten alle eine warme Mahlzeit vertragen«, sagte sie, »aber ich fürchte, das muss noch etwas warten.«

Sie aßen ein kaltes Frühstück aus Brot und Käse und richteten sich dann bequem ein, in der Hoffnung, möglichst den ganzen Tag zu verschlafen, damit sie in der folgenden Nacht weiterreiten konnten.

»Ich könnte jedenfalls ein Bad gebrauchen«, sagte Silk, wobei er sich den Sand aus den Haaren bürstete.

Der kleine Junge blickte ihn mit leichtem Stirnrunzeln an. Dann ging er zu ihm hinüber und bot ihm das Auge an. »Botschaft?«, fragte er.

Silk legte vorsichtshalber die Hände auf den Rücken und schüttelte den Kopf. »Ist es das einzige Wort, das er kennt?«, fragte er Polgara.

»Scheint so.«

»Ich verstehe den Zusammenhang nicht ganz«, sagte Silk. »Was meint er damit?«

»Wahrscheinlich hat man ihm beigebracht, dass er einen Auftrag ausführen soll«, erklärte sie, »nämlich das Auge zu stehlen. Ich stelle mir vor, dass Zedar ihm das immer wieder gesagt hat, seit er ein Baby war, und ihm das Wort im Gedächtnis hängen geblieben ist.«

»Ich finde es etwas beunruhigend. Manchmal scheint es ziemlich unangebracht.«

»Ich glaube nicht, dass er so denkt wie wir«, meinte sie. »Sein einziger Lebenszweck besteht darin, jemandem das Auge zu geben – gleichgültig wem, wie es scheint.« Sie runzelte nachdenklich die Stirn. »Durnik, vielleicht kannst du ihm einen Beutel machen, in dem er es tragen kann, und den binden wir ihm dann um die Taille. Wenn er es nicht ständig in der Hand hält, denkt er möglicherweise auch nicht mehr so viel daran.«

»Selbstverständlich, Herrin Pol«, stimmte Durnik zu. »Daran hätte ich selbst denken können.« Aus einem der Gepäckstücke holte er eine alte, mit Brandflecken bedeckte Lederschürze, schnitt ein großes Stück heraus und fertigte einen Beutel daraus. »Junge«, sagte er, als er fertig war, »komm her.«

Der kleine Junge untersuchte neugierig einen kleinen, völlig vertrockneten Busch am oberen Ende der Schlucht und ließ keinerlei Anzeichen erkennen, dass er den Schmied vernommen hatte.

»Du, Botschaft!«, rief Durnik.

Der Junge drehte sich rasch um und lächelte, als er auf Durnik zuging.

»Warum hast du ihn so genannt?«, fragte Silk neugierig.

Durnik zuckte die Achseln. »Er scheint das Wort zu lieben und reagiert darauf. Es wird als Name wohl ausreichen, bis wir etwas Besseres gefunden haben.«

»Botschaft?«, fragte das Kind und streckte Durnik das Auge entgegen.

Durnik lächelte, bückte sich und hielt ihm den geöffneten Beutel hin. »Leg es hier rein, Botschaft«, wies er ihn an, »dann binden wir ihn gut zu, damit du es nicht verlierst.«

Der kleine Junge legte freudestrahlend das Auge in den Lederbeutel. »Botschaft«, erklärte er entschieden.

»Schon möglich«, gab Durnik ihm recht. Er zog den Beutel zu und knotete ihn dann an das Stück Seil, das der Junge als Gürtel trug. »So, Botschaft. Jetzt ist es in Sicherheit.«

Botschaft untersuchte den Beutel sorgfältig und zog ein paarmal daran, um sich zu überzeugen, dass er auch fest saß.

Dann lachte er glücklich auf, legte die Arme um Durnik und küsste ihn auf die Wange.

»Du bist ein braver Junge«, sagte Durnik leicht verlegen.

»Er ist vollkommen unschuldig«, sagte Tante Pol, die den schlafenden Belgarath untersuchte. »Er hat keine Ahnung vom Unterschied zwischen Gut und Böse, deswegen erscheint ihm alles auf der Welt gut.«

»Ich frage mich, wie es wohl ist, wenn man die Welt so sieht«, überlegte Taiba und strich zärtlich über das lachende Gesicht des Kindes. »Keine Trauer, keine Angst, kein Schmerz – einfach nur alles lieben zu können, weil man glaubt, dass alles gut ist.«

Relg hatte ruckartig aufgeblickt. Die beunruhigende Miene, die er trug, seit er die Sklavin befreit hatte, wich dem fanatischen Ausdruck, den er sonst immer gezeigt hatte. »Das ist ungeheuerlich!«, keuchte er.

Taiba wandte sich ihm zu, ihre Augen wurden schmal. »Was ist am Glück so ungeheuerlich?«, fragte sie, während sie den Arm um das Kind legte.

»Wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein«, erwiderte er, wobei er sorgfältig den Blick ihrer Augen mied.

»Wozu sind wir dann hier?«, fragte sie herausfordernd.