Berlusconi Zampano - - Udo Gümpel - E-Book

Berlusconi Zampano - E-Book

Udo Gümpel

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Beschreibung

Michael Moore und George W. Bush lassen grüßen

Wie kann es sein, dass ein Mann, der sein Amt vorwiegend dazu missbraucht, um seine eigenen Wirtschafts- und Finanzinteressen zu begünstigen, der am längsten amtierende Ministerpräsident Italiens geworden ist?

In schwieriger Recherchearbeit haben die Autoren zahlreiche Weggenossen von SB ausfindig gemacht und präsentieren hier ein Psychogramm des italienischen Tango-corrupti-Strippenziehers. Sie schildern Berlusconis Werdegang, beschreiben seine Freunde und seine Kontakte zur Mafia und zur Geheimloge P2. Staunend erfahren wir düstere Details von Berlusconis unaufhaltsamem wirtschaftlichen Expansionskurs, verbunden mit dem Erwerb kommerzieller Fernsehsender in Italien, Frankreich, Spanien und Deutschland. Ein eigenes Kapitel widmet sich seinem europaweiten Einfluss, seiner Zusammenarbeit mit Leo Kirch und seiner Verstrickung in Geldwäschesysteme in der Schweiz. Mit einem vom Forbes Magazine geschätzten Privatvermögen in Höhe von 12 Milliarden Euro (2004: 10 Milliarden) gehört Berlusconi heute zu den 50 Reichsten der Welt. Seine Mediengruppe Mediaset kontrolliert direkt oder indirekt 70 % der italienischen Medien.

„Berlusconi Zampano“ – ein erschreckendes Buch? Ja! Aber auch eine erheiternde Lektüre. Denn die persönlichen Charakterzüge des charismatischen Hauptdarstellers würden einer Opera buffa durchaus zur Ehre gereichen. Das Bild eines Mannes entsteht, der sich für den Größten hält: den größten Politiker, Wirtschaftsmagnaten, Sänger, Entertainer, Schauspieler, Charmeur und Liebhaber.

Wie kann es sein, dass in Italien ein Ministerpräsident regiert, der wegen Meineides bereits rechtskräftig verurteilt ist, dem die Staatsanwaltschaft heute Bilanzfälschung und Steuerhinterziehung vorwirft? Dieses Buch berichtet auf der Basis präziser Recherchen über Berlusconis Werdegang und seine Freunde, sein internationales Firmengeflecht und sein Medienimperium. Auch seine erstaunliche Persönlichkeit kommt zur Sprache, sein Charisma, sein Machtstreben, nicht zuletzt auch sein übersteigertes Selbst- und Sendungsbewusstsein, das mitunter witzigere Blüten treibt als jede Politsatire.

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Seitenzahl: 812

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
 
Vorwort
 
KAPITEL 1 – Silvio Berlusconi- Die Legende
Eine Mischung aus Bewunderung und Neid
Woher hatte er das Geld?
Unfähige Gegner
Der Betrüger bekommt den Beifall
 
KAPITEL 2 – Ein Mann der Familie und der Kirche oder Silvio, der brave Katholik
Ein junger und guter Ehemann
Der Hauslehrer vom Opus Dei
Eine Leidenschaft fürs Kurvige
 
KAPITEL 3 – Die Vatikan-Connection
Die »Wunder« des heiligen Silvio
Der Vatikan und die Gründung der Forza Italia
Berlusconi unter Anklage: Kein Problem für den Vatikan
 
KAPITEL 4 – Du sollst deinen Vater ehren
Eine »kleine Bank des Vatikans«
Die Geheimnisse der Banca Rasini und der Schatten Sindonas
Schweizer Geld
Gute Beziehungen
Ermittlungen gegen die Banca Rasini
Die Eigentümer der Banca Rasini
Die geheimnisvollen 38 Holdings von Silvio
Von der Banca Rasini zur Banca Popolare di Lodi
Die Übernahme des Corriere und der Schatten Berlusconis
 
KAPITEL 5 – Die »Bankiers Gottes« und das Finanzparadies Liechtenstein
Michele Sindona, Bankier der Mafia und des Vatikans
Der Schützling der »schwarzen Hochfinanz«
Liechtenstein – Keiner wäscht reiner
Der König der Treuhänder
Silvios Anfänge und die »Gottesbankiers«
Die Schweizer »Wichtel«
 
KAPITEL 6 – Der Napoleon aus Arcore
Die Villa Casati Stampa
Das Mausoleum im Garten
 
KAPITEL 7 – Die Milano-Connection
Italiens Hauptstadt der Moral
Die Ankunft der Mafia
Eine echte »Momentaufnahme« Mailands
Die Entführungsdrohungen gegen Berlusconi
Der Freund der Mafiosi
Silvio stellt einen Mafiaboss ein
 
KAPITEL 8 – In den Klauen der Cosa Nostra
Das »Gipfeltreffen« mit den Mafiabossen
Der Quantensprung: Die Holdings und ihre mysteriösen Kapitalströme
Die Mafiosi der Casa Berlusconi
 
KAPITEL 9 – Die Venezuela-Connection
Das Schreiben Rapisardas
Die Kronjuwelen Rapisardas in den Händen Berlusconis
Exkurs: Dell’Utri und Berlusconi – Folge II
 
KAPITEL 10 – Die Nahost-Connection
Die libanesische Periode
Graziano Verzotto, der Mann Sindonas
Der Banco Ambrosiano und die Discount Bank
Tarak Ben Ammar und Craxi … in Tunesien
Farouk Agrama
Die Methode »Al Capone«
 
KAPITEL 11 – Silvios Welt
Der Don Quijote aus der römischen Vorstadt
Auch die Mediengesetze kann man ändern
Fede, der Treue
Narrenfreiheit in Silvios Welt
 
KAPITEL 12 – Karotte und Knüppel
Opposition, die keine sein will
Der nächste Stammfeind: Marco Travaglio
»Il Panini«: Zensur auf Italienisch
Das Staatsfernsehen RAI: Unterworfen!
 
KAPITEL 13 – Die Sardinien-Connection
Klein Versailles an der Costa Smeralda
Geschäfte mit Carboni
Olbia 2 und die Costa Turchese
Die Unterstützung des »Gottesbankiers«
Wie man Mafiageld wäscht
Der Tod Calvis wird geplant
 
KAPITEL 14 – Ärger in London
Ein eleganter britischer Gentleman
Unter Craxis Schutz
Der Kaiser ist ja nackt!
Das Kavaliersdelikt
 
KAPITEL 15 – Leo & Silvio – Eine Hand wäscht die andere
Berlusconis Brückenkopf in Deutschland: Tele 5
Ein Sender ohne Lizenz on air
Die Firmengruppe »B«
Die Persimon AG in Liechtenstein
Der Fall Tele Cinco
 
KAPITEL 16 – Abgeordnete, Delinquenten und Winkeladvokaten
»Il Professore«, mächtigster Mann der Lombardei
Der Abgeordnete Cäsar und die Richterkorruption
Eine, die es weiß, redet
Der Justiz so lange ein Bein stellen, bis sie liegen bleibt
Die Niederlage
Das wundersame Urteil
 
KAPITEL 17 – Das System der Richterkorruption
Der Korruptions-Weltrekord
Zeit gewinnen, Zeit gewinnen!
Der Nebelhafen
Die pikierten Winkeladvokaten
Vom Rechtsstaat zu den Gesetzen ad personam … und ad cadaverem
Die Rettung naht: Hollywood protestiert
Die Liste der Schande
 
KAPITEL 18 – Mit Gottes Segen ins 3. Jahrtausend
Silvios Comeback
Krieg im Irak? Silvio macht mit
Langsame Abwärtsdrift
Der Showdown
Am Hofe des Opus Dei
 
NACHWORT
Anhang
Bibliographie
Dokumente
Danksagung
Anmerkungen
Register
Copyright
Vorwort
Europa schaut gelangweilt weg, während in Italien die Demokratie in Gefahr geraten ist. Und wie weit der Schaden durch eine andere Regierung noch behoben werden kann, ist angesichts seines Ausmaßes offen: Zu tief sind die Wunden, die unter Berlusconi ins soziale und politische Gewebe des Landes geschnitten worden sind. Ein Mann und seine unbedingt entschlossene Gefolgschaft haben es auf eine Weise verändert, die ein böses Omen für die Entwicklung der Demokratie auf dem ganzen Kontinent ist. Dabei hat es an warnenden Stimmen nicht gefehlt – aber passiert ist nichts.
Zwei Grundpfeiler einer modernen Demokratie des 21. Jahrhunderts stehen im Italien, das von Berlusconi verformt worden ist, nicht mehr gerade. Nach fünf Jahren seiner Herrschaft wird zwar niemand verhaftet, weil er auf der Straße Parolen gegen die Regierung ruft, aber der Zugang zu den Massenmedien ist auf eine beispiellose Art reglementiert.
Es gibt keine andere Demokratie auf der Welt, in welcher der Regierungschef gleichzeitig Eigentümer der wichtigsten privaten Medien ist und das Staatsfernsehen per Regierungsmehrheit nicht nur kontrolliert, sondern dirigiert – neben seinen großen direkten und indirekten Beteiligungen an Finanzdienstleistern, Banken und Versicherungen, selbst an der italienischen Zentralbank ist Berlusconi über die Capitalia-Bank beteiligt. Eine freie Presse ist jedoch die Grundlage einer modernen Demokratie. Sie muss das von den Mächtigen unkontrollierbare Korrektiv sein, unabhängig von Wirtschaft, Politik und Staat. So das Ideal – aber Italien ist davon so weit abgekommen, dass es in diesem spezifischen Punkt zum Outsider in Westeuropa wurde. In Italien ist die Presse in ihrer übergroßen Mehrheit nicht mehr frei im herkömmlichen demokratischen Sinne, vor allem auch nicht das Fernsehen, die wichtigste Informationsquelle der Italiener. Die Beobachter außerhalb des Landes sollten sich allerdings keine Illusionen machen: Die Konzentration im Medienbereich auch in anderen Ländern Europas ist im Jahre 2006 schon längst so weit, dass die Schwelle zur vorherrschenden Medien- und Meinungsmacht schnell erreicht und überschritten wird.
Die freie Meinungsbildung beruht auf dem uneingeschränkten Zugang zu unterschiedlichen Informationsquellen. In Italien wird dieser Zugang extrem eingeschränkt, weil die von neun Zehnteln der Bevölkerung genutzten Medien der Kontrolle eines Mannes und seiner auf ihn eingeschworenen Gefolgsleute unterliegen. Das Internet ist noch frei – aber vergleichsweise wenige Italiener informieren sich bei fremdsprachigen Quellen.
Ein zweiter Eckpfeiler der Demokratie ist eine unabhängige Justiz. Nach fünf Jahren Berlusconi-»Reformen« ist diese derart zurechtgestutzt worden im Sinne der Interessen des Regierungschefs, dass es wohl einfacher gewesen wäre, man hätte stattdessen gleich nur ein einziges Statut erlassen: »Berlusconi steht über dem Gesetz, egal, was auch immer er tut.« Nur das war der Sinn aller Abänderungen der Strafgesetze, der Verkürzung der Verjährungsfristen, der »Reformen«, die die Justiz Italiens von den gemeinsamen Werten Europas meilenweit entfernt haben.
Dass Italien nach den Jahren des furiosen Wachstums, nach der Rückkehr ins Herz Europas unter Romano Prodi, das Schlusslicht der wirtschaftlichen Entwicklung wurde, ein Land, das die Investoren meiden – auch dies ist ein Ergebnis der Berlusconi-Regierung.
In der Weltwirtschaft braucht man Verlässlichkeit gerade der Zahlenwerke, mit denen Unternehmen eingeschätzt werden können: In der Folge des Enron-Skandals haben die USA zum Beispiel die Strafen für Bilanzfälschung deutlich heraufgesetzt. Ganz anders hat sich Italien entwickelt, dort ist die Fälschung einer Bilanz unter Berlusconi beinah zum Kavaliersdelikt geworden.
Es ist ein seltsames Land, dieses Italien unter Berlusconi. Da beschließen die treuen Gefolgsleute des Regierungschefs ein Mediengesetz, das eine reguläre staatliche Ausschreibung der Sendefrequenzen annulliert – weil einer der drei Sender Berlusconis diesen öffentlichen Wettbewerb nicht gewonnen hat, sondern ein Outsider. Es ist fast wie im Wilden Westen: Es wird zwar nicht geschossen, aber man beschließt absurde, peinliche und offenkundig verfassungswidrige Gesetze. Bevor die Klagen auf Verfassungswidrigkeit dann durch die Instanzen gegangen sind, sind mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte ins Land gezogen. So lange aber gilt das Unrecht – und wird, scheint’s, von allen akzeptiert. Wie ebenjener legalisierte Diebstahl der Fernsehfrequenzen – gegen den sich seinerzeit auch nicht der Protest der Opposition erhob.
Da beschließt die Regierung, einen digitalen Fernsehdecoder zu fördern, und vergibt einen Zuschuss von 130 Millionen Euro – den schließlich eine Firma des Bruders von Berlusconi erhält. Daneben gibt es andere Begünstigte. Hat sich daraufhin ein Proteststurm im Lande erhoben? Die Menschen sind müde, oder sie wissen vielfach nicht, dass man schon nach Weißrussland gehen muss, um eine ähnliche Macht des Regierungschefs über Volk und Parlament zu finden.
Schon einmal in der jüngeren Geschichte Italiens hat eine kleine, aber entschlossene Gruppe von Personen das Land überraschend schnell in den Griff bekommen. Darüber sind sich die Historiker heute einig: Im faschistischen Italien gab es wenige Faschisten, noch weniger Antifaschisten, dafür aber eine große Masse an willigen Mitläufern. Als der italienische Diktator Benito Mussolini 1931 von allen Universitätslehrern den Treueid auf den Faschismus verlangte, hoffte er, obgleich die große Masse der Professoren gar nicht Parteimitglieder waren, trotzdem auf eine Mehrheit. Es sollte mehr als das sein: Von den abstimmungsberechtigten 1848 Professoren stimmten nur zwölf nicht für ihn.
Es war der ungeheure Sog der Macht, der die allermeisten Italiener damals dazu brachte, sich dem Diktator bereitwillig unterzuordnen. Nach dem Sieg der Alliierten blieben die 1836 Professoren, die für Mussolini gestimmt hatten, auf ihren Hochstühlen sitzen – viele werden ihren Kindern von heroischen Aktionen des Widerstandes, zumindest von »innerer Opposition« erzählt haben, werden die eigene Rolle als Stützen des Regimes kleingeredet, sich eine neue Biographie zurechtgelegt haben, wie es der Historiker Gianni Oliva treffend beschrieb, der von einer »grauen Linie« der Kontinuität zwischen der damaligen Mehrheit und dem heutigen Italien gesprochen hat, der Kontinuität einer Unterordnung, der braven Gefolgsamkeit.
Unter der Oberfläche des heutigen Italien liegen in weiten Bereichen noch immer die Grundstrukturen der faschistischen Gesellschaft. Die erste und augenfälligste ist dabei, dass die Parteien in Italien nicht vom Körper des Staates getrennt sind, dem Parteipolitiker steht nicht ein Staatsdiener der Republik gegenüber. Beide, die Parteien und der Staat, sind organisch verschmolzene Einheiten, die nur partiell in Konflikt geraten können, sich aber immer wieder finden werden. Es ist kein Verhältnis von Gleichberechtigten, es ist die Partei, die das Kommando führt, der sich der Staatsangestellte bereitwillig unterordnet, deren Mitgliedschaft er erwirbt, um deren Gunsterweise er buhlt, die ihn befördert, begünstigt, ihm die Privilegien zuordnet. Ein italienischer Staatsdiener, welcher der Mehrheitspartei in seinem Zuständigkeitsbereich – Gemeinde, Provinz, Region oder Staat – offen widerspricht, muss wohl noch geboren werden. So hat die abfällige Beschreibung des Systems der politischen Macht im Nachkriegsitalien als cattocomunismo den Kern durchaus getroffen: Die Großparteien waren in ihren jeweiligen Einflussbereichen absolute Herrscher, ungeachtet der scheinbaren Unterschiedlichkeit ihrer gekrönten oder virtuellen Oberhäupter, hier der Papst als spiritueller Orientierungspunkt und das Hauptquartier der Christdemokraten an der Piazza del Gesù als realer Anlaufpunkt – oder der einbalsamierte Lenin als Referenz und der Kreml als Weisungsgeber.
Tatsächlich ist das Primat der Politik südlich der Alpen ungebrochen. In den ersten Nachkriegsjahren war der staatlich geplante Wiederaufbau Italiens, die von Staatsfirmen durchgesetzte Industrialisierung des Südens, ein augenscheinlicher Pluspunkt, weil sie Arbeitsplätze schuf. Darauf kam es damals an. Bis heute zahlt Italien dafür die Zeche: mit einem ineffizienten Wirtschaftssystem, mit dem Niedergang der großen Industrie, mit dem Ende der italienischen Chemie und der Autoindustrie. Die staatliche Förderung hat tote Firmen über Jahrzehnte am Tropf gehalten, die im rauen Wind des Weltmarkts schon viel früher untergegangen wären, wenn Italiens Wirtschaftssystem in Wirklichkeit nicht halb sozialistisch, halb katholisch gewesen wäre. Berlusconi, der gegen den cattocomunismo gern Stimmung macht, vergisst dabei nur zu gern, dass er selbst einer der großen Nutznießer dieser Verschmelzung von Parteiinteressen mit dem Staate war: Ohne die Unterstützung der Sozialisten von Bettino Craxi, die den Staatsapparat unterwandert hatten wie keine andere Partei, wäre er nie der Fernsehmagnat geworden, der er im Jahre 2006 ist.
Wenn es eine Unzahl von Gesetzen gibt, die keine Anwendung finden, dann liegt das am Mangel an Staatsdienern im eigentlichen Sinne. Die Angestellten der Staatsverwaltung dienen nicht dem Staate, sondern dem Manne, der sie in den Staatsdienst gehievt hat, dem Rudelführer – diesem Manne ist die Dankbarkeit geschuldet, nicht dem Staat.
Die Freiheit der Staatsdiener besteht auch im heutigen Italien ganz wesentlich darin, sich diesen Anführer der eigenen Gruppe, mithin die Mitgliedskarte, aussuchen zu dürfen – wen man zum eigenen Rudelführer erwählt, ist ganz unwesentlich. Alle Organisationen funktionieren nach den gleichen Mustern der Machteroberung und -ausübung. Ohne capo zu sein – das ist, wie nackt auf dem Flur zu stehen.
Wobei Berlusconi bei der Eroberung der Schaltstellen der Macht im großen und verzweigten Staatsapparat Italiens neue Maßstäbe gesetzt hat. Eine derart schnell gewachsene und kapillare Kontrolle in allen Ganglien der Macht hat vor ihm nur Mussolini ausgeübt.
Der Einzelne hat keine wirkliche Entscheidungsbefugnis – das ist das Prinzip. Nehmen wir das Fernsehen. Nicht »Chefredakteure«, »Dienst habende Redakteure« oder sonst welche Träger hoch klingender Titel entscheiden im Fernsehen, ob ein Bericht gesendet wird oder nicht – oder mit welchem Text. Nein, es ist immer der Intendant des Senders, dem auch die kleinsten Probleme vorgelegt werden. Nur die Vertrautesten, die schon im Voraus wissen, was »oben« gedacht wird, nehmen sich die kleine Freiheit. Aber die müssen schon mindestens die Tochter des Chefs geheiratet haben, sonst trauen auch sie sich nicht. Alle anderen zaudern, wollen sich rückversichern, fragen nach oben, warten ab, entscheiden erst einmal, nicht zu entscheiden. Denn die Partei ist der Garant des Einzelnen, und sie allein entscheidet. Das ist die DNS staatlicher Organisation.
Nur vor diesem Hintergrund wird begreiflich, dass selbst der mächtigste und berühmteste Fernsehjournalist Italiens, der Anchorman des Fernsehprogramms RAI 1, Bruno Vespa, jemand, der nun wirklich Unabhängigkeit demonstrieren könnte, einst ganz offen aussprach, dass sein politischer Herausgeber (l’editore di riferimento) die Democrazia Cristiana sei – und das, obwohl nicht die Partei ihn bezahlte, sondern das staatliche Fernsehen. Aber selbst der Journalist Nummer eins brauchte einen Garanten, der ihn »schützte«, dem gegenüber er sich als zugehörig erklärt. Es hat sich nichts geändert, es ist im Prinzip wie im kalabresischen Bergdorf, wo die alten, noch immer in Schwarz gekleideten Frauen fragen: »Zu wem gehörst du?« Man gehört zu jemandem, man ist jemandes Untertan, Gefolgsmann, nicht Herr.
Jedermann braucht – wie selbst Bruno Vespa – seinen »politischen Herausgeber«, einen Referenten, Garanten, Bürgen, einen capopopolo (»Volkstribun«), dem man treu zu folgen hat. Je mächtiger der Garant ist, umso mehr Gefolgsleute schließen sich ihm freiwillig an. Auch darum hat es in Italien einen Sinn, einen Fußballklub zu kaufen, bevor man in die Politik geht.
Auch die so genannte freie Wirtschaft ist von vielen unfreien Formen des Zwangskollektivs durchzogen, die alle wiederum ihren kleinen Tribun haben, der einen ganz natürlich als die Gefolgschaft betrachtet, den man um Gefallen bittet, der Promotionen organisiert, Gefallen erweist – und Gefallen einfordert, die man schlechterdings verweigern kann. Es sind die Nachfolger des Korporativismus, die wie unter Mussolini die Regeln der in Italien gar nicht so freien Marktwirtschaft bestimmen, es sind dies übermächtige Berufsvereinigungen, die Interessenvertretungen der Freiberufler und der Industrieverbände, die Teile der staatlichen Macht verwalten, die selbst verlängerter Arm der Zentralmacht sind, welche von ganz oben alle Regeln bestimmt, die Bauern vorrücken oder stehen bleiben lässt.
Ohne politischen Schutzherrn läuft in Italien gar nichts. Wer dagegen klagt, kann auf das Ende seiner Zivilklage warten und den Prozess an die eigenen Erben weiterreichen – so lange mahlen in diesen Fällen die Mühlen der Justiz.
Die Wirtschaft wäre nun rein theoretisch der Bereich Italiens gewesen, in dem Europa noch am meisten hätte tun können, weil die Kompetenzen hier eben in Europa liegen. Doch auch in diesem Falle versagte Europa kläglich. Es war die Strafanzeige einer holländischen Bank, die das einbetonierte korporativistische Bankensystem Italiens aufbrach, die den Chef der italienischen Staatsbank am Ende zum Rücktritt zwang, es waren die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwaltschaft, die sich bis 2005 mit Erfolg gegen alle Unterjochungsversuche durch die Zentralmacht wehrte, welche das System erstmals aufbrachen: ein Bankensystem, in dem der Chef der Zentralbank der absolute Dominus des Kredits ist.
Die Idee, ein Buch über die Geburt eines Regimes im Herzen Europas zu schreiben, hat ihren Grund in der tiefen Beunruhigung, die wir dabei empfunden haben, die langsame, aber stetige Verwandlung einer noch »unvollendeten Demokratie«, einer zwischen kommunistischer Opposition und christdemokratischer Regierung einzementierten Republik, in ein semidemokratisches Regime beobachtet zu haben. Schlimmer noch: Es ist beängstigend festzustellen, wie sehr Europa den Kopf vom »Fall Italien« abgewandt hat. Dieser Fall Italien zeigt aber auch, wie wenig die gemeinsam verstandenen Regeln der Europäischen Union wirkliche Korsettstangen des konkreten Verhaltens sind, wie dramatisch das Scheitern der Europäischen Verfassung ist, wie notwendig es ist, der Idee Europas mehr als nur den Euro und den freien Kapitalverkehr zu unterlegen.
Es ist beschämend festzustellen, wie wenig die europäischen Institutionen und die anderen großen Demokratien des Kontinents auf Italiens Entwicklung reagiert haben.
Schröder drohte einen Ferienstreik an, in einzelnen Berichten wurde auf Probleme beim Antitrust im Fernsehbereich hingewiesen, aber das alles blieb soft, sehr soft. Die dramatische Verwandlung Italiens hat man nicht zur Kenntnis nehmen wollen, weil sie eben nicht unter dem Druck von marschierenden Schwarzhemden stattgefunden hat, sondern ungleich sanfter, aber nicht weniger effizient ablief, über eine kapillar und fast militärisch zu nennende Besetzung der Schaltstellen des Staates bis hinunter in die letzten Gliederungen mit den Vertrauensleuten des großen Zampano.
Unsere Arbeitsmethode war dabei empirisch mit investigativen Zügen. Über Silvio Berlusconi sind viele Bücher geschrieben worden. Die lange prozessuale (Leidens)geschichte der ersten Journalisten, welche die Hintergründe von Berlusconis Aufstieg recherchiert haben, wird im Buch erzählt, weil sie auch einen Blick hinter die Kulissen wirft, der gerade für uns Kollegen recht erschreckend ist.
Unser Ziel war dabei, nicht nur die wichtigsten Erkenntnisse Dritter wiederzugeben, sondern vor allem ein Buch über unsere eigenen Erfahrungen und mit vielen Interviews, die wir im Laufe der letzten fünfzehn Jahre zum Thema Berlusconi selbst oder in Zusammenarbeit mit anderen geführt haben, zu schreiben.
Beim Recherchieren und beim Schreiben ist dabei ganz allmählich ein neuer Ansatz entstanden, eine neue Sicht auf bekannte und vielleicht weniger bekannte Fakten aus dem Leben des »Ritters der Arbeit«.
Viel wurde in Italien über Berlusconi geschrieben, aber die wirklich intensiven Recherchen stammen mit Ausnahme der Bücher von Giovanni Ruggeri und Mario Guarino, die sich mit ihm schon zu Zeiten beschäftigt haben, als er noch ein »einfacher Baulöwe« war, vom Ende der achtziger Jahre. So sind die Fragen nach der Herkunft Berlusconis relativ früh aufgetaucht, aber allein in den Arbeiten von Journalisten. Die Justiz hat sich erst spät damit beschäftigt.
Es klingt unglaublich, aber das erste Mal, dass sich eine Staatsanwaltschaft Italiens der Frage widmete, woher Berlusconi seine großen Anschubfinanzierungen in den Sechzigern und Siebzigern bekommen hat, ist erst wenige Jahre her: Die Quellen dieses ungeheuren Reichtums, die Methoden seiner Akkumulation, all das hat die Staatsanwaltschaft von Palermo schließlich so sehr interessiert, dass sie ab dem Jahr 2001 eine ernsthafte Untersuchung jener Fragen anordnete. Dabei bat sie die italienische Staatsbank um Mithilfe, die einen Superexperten »auslieh«, dessen Ermittlungen es zu danken ist, dass es fast vier Dekaden nach den Anfängen Berlusconis als Unternehmer die ersten juristisch abgesicherten Informationen über seine frühen Jahre gibt.
Auch diese Erkenntnisse haben einen Umweg genommen, denn die Fragen, welche die Staatsanwaltschaft von Palermo beantwortet wissen wollte, drehten sich darum, ob die Aussagen einer ganzen Reihe von abtrünnigen Mafiosi, die von Finanzspritzen der Mafia für Berlusconi sprachen, einen Kern Wahrheit enthielten – ob sie zumindest unter Betrachtung der Firmenbilanzen Berlusconis möglicherweise einen Kern Wahrheit enthalten könnten. So kam es, dass die Steuerpolizei auf die Jagd nach vierzig Jahre alten Akten ging.
Sie stellte die frühere Banca Rasini, in der Vater Berlusconi jahrelang Prokurist gewesen war, auf den Kopf, forderte uralte Unterlagen ein, weil die Steuerfahnder eben überprüfen mussten, ob Berlusconi in den siebziger Jahren große Einzahlungen in bar oder aus verdächtiger Quelle erhalten hatte, für die es keine »ordentliche« Erklärung gab: die von keinem Konto herkamen, die keine reguläre Herkunft als Kredit von normalen Banken hatten. Tatsächlich fanden die Fahnder solche unerklärlichen Einzahlungen, enorme Kapitalerhöhungen quasi über Nacht, sie hörten von verschwundenen Registern, Strohmännern und ausländischen Briefkastenfirmen.
All dies stellt für Berlusconi kein Problem mehr dar – seine Verwicklung wurde als randständig erklärt und das Verfahren gegen ihn eingestellt. Doch die unerklärten Kapitalerhöhungen und ihre Umstände waren ein entscheidender Grund für das Tribunal von Palermo, um Marcello Dell’Utri, den besten Freund, Gründer und jahrelangen Chef der Werbefirma Berlusconis, zu einer neunjährigen Haftstrafe zu verurteilen: Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Dell’Utri im Interesse der Mafia bei der Geldwäsche in Mailand geholfen hatte. Die Absurdität des Urteils liegt auf der Hand: Der Mann, der das Geld beschafft hat, wird verurteilt, die Mafiosi auch, nur der mutmaßliche Nutznießer geht straffrei aus.
Italien – Absurdistan: Jene »Gleichung« hört man häufig in diesen Jahren. Wie geht es an, dass ein Mann, den die erste Instanz eines ordentlichen Gerichts in Italien wegen Geldwäsche für die Mafia verurteilt hat, dessen Mafiakontakte über Jahrzehnte andauern, der einen Mafiaboss einlädt, in Silvio Berlusconis Haus zu wohnen, was auch passiert – wie geht es an, dass dieser Mann dennoch nicht das Bedürfnis verspürt, von sich aus den Rücktritt anzubieten? Auch Berlusconi hat seinen Freund nicht zu diesem Schritt ermuntert, sondern ihn im Gegenteil darin bestärkt, Senator und Europaabgeordneter zu bleiben.
 
Eine Erkenntnis fiel uns wie Schuppen von den Augen, während wir die einzelnen Kapitel schrieben, nämlich welche Bedeutung die katholischen Kreise Italiens, das Machtzentrum der Kirche, für den Aufstieg Berlusconis gehabt haben. Das hat nicht nur etwas mit seiner sehr katholischen Erziehung bei den Salesianern zu tun. Bei unseren Recherchen kamen wir zu der Vermutung, dass die Banca Rasini so etwas wie eine kleine Vatikanbank war, und wir verfolgten die Spuren ihrer Gründerväter. Diese führten nach Sizilien, aber nicht zu Mafiabossen, wie so oft vermutet wurde, sondern zu Mitgliedern des Malteserordens, einer treu der Kirche ergebenen Gemeinschaft, die wir an vielen Schaltstellen der schwarzen Hochfinanz fanden.
Darüber hinaus erhielten wir während der Auswertung von Erkenntnissen der palermischen Staatsanwaltschaft wichtige neue Hinweise auf Schweizer und Liechtensteiner Briefkastenfirmen. Wir sind diesen Spuren nachgegangen und fanden weitere bis dato unbekannte und überraschende Querverbindungen zu alten Bekanntschaften italienischer Skandale sowie direkte Hinweise auf Finanziers mit besten Beziehungen zum Vatikan, auf Leute, die in der Kurie höchstes Ansehen genießen, genauso wie Hinweise auf üble Gestalten aus der Vergangenheit des Vatikans, die Papst Benedikt XVI. sicher als Gespenster von anno dazumal verbannt sehen möchte, wie den 1982 in London ermordeten »Bankier Gottes« Roberto Calvi und den noch übleren Bankier der Mafia und des Vatikans Michele Sindona.
Die Förderung aufzuzeigen, die Berlusconi vonseiten der katholischen Hierarchie zuteil wird, wurde zu einer Konstante des Buches. Abgesehen von der Erziehung des jungen Silvio ist das ein erstaunlicher Fakt, wenigstens für den durchschnittlichen Gläubigen – lebt Berlusconi doch nach landläufigen Vorstellungen nicht gerade nach katholischem Reglement: Er ist zum zweiten Mal verheiratet, seine Kinder gingen auf eine anthroposophische Rudolf-Steiner-Schule, und auch sein eigenes Weltbild, wie es aus dem selbst errichteten Mausoleum deutlich erkennbar ist, hat mit christlichen Überzeugungen herzlich wenig zu tun. Es ist das Monument eines Freimaurers, der Berlusconi ja auch einst war, in der dann gesetzlich aufgelösten Geheimloge P2 des faschistischen Großmeisters Licio Gelli, aber nicht das Monument christlichen Glaubens. All diese »Details« haben die Kirchenfürsten nicht davon abgehalten, auf die Regierung Berlusconi zu setzen.
 
Wir haben die Spuren Berlusconis in ganz Europa verfolgt. Fernsehsender kontrolliert er nur noch in Spanien, alle anderen Expansionsversuche sind gescheitert. Aber dafür gibt es zum Ausgleich umso mehr Briefkastenfirmen, die in Europas Steuerparadiesen und jenen im Rest der Welt verstreut sind, von denen wir die wichtigsten »Domizilgesellschaften«, wie sie das Steuerrecht nennt, nebst ihren Aufgaben skizzieren. Die Mailänder Staatsanwaltschaft hat sich im Laufe der Jahre auf diese Art von Prozessen spezialisiert und Hunderte solcher Firmen entdeckt – bei deren Schöpfung in den meisten Fällen ein englischer Anwalt, Ehemann der britischen Ministerin für Kultur, Medien und Sport, eine zentrale Rolle gespielt hat.
Nicht vergessen haben wir auch die enge Freundschaft von Berlusconi zum Exmagnaten des deutschen Privatfernsehens, zu Leo Kirch. Die Spur aus Mailand führte uns dabei wieder ins liebliche Liechtenstein, einen echten Dreh- und Angelpunkt der Recherchen. Die Akten zweier Liechtensteiner Firmen erzählen dabei die Geschichte, wie Kirch mit Berlusconis Hilfe die deutschen Mediengesetze ausgehebelt hat, eine Moritat nach der Rekonstruktion der Mailänder Staatsanwälte, gewürzt mit den Zeugenaussagen einiger weniger geständiger Berlusconi-Manager und unterstützt durch die Datenanalyse der Finanzdetektive einer weltweit bekannten Bilanzprüfungsfirma.
Ein wenig erfreulicher roter Faden des Buches, neben dem »schwarzen« der Unterstützung durch katholische Kreise, sind die Kontakte Berlusconis mit Exponenten der Mafia.
Ein italienischer Journalist, der seit Berlusconis Machtantritt dem absoluten Fernsehverbot unterliegt, fragte einmal provokant: Was wäre wohl passiert, wenn ein Boss der New Yorker Mafia ein Jahr auf der Ranch von George W. Bush gelebt, am Esstisch gesessen und seine Tochter nach dem Namen von Bushs Tochter getauft hätte – ein Boss, der dann frischweg von der Ranch direkt ins Gefängnis geschafft worden wäre, für dessen Anwesenheit der beste Freund von Bush die Begründung gefunden hätte, dass er den Präsidenten vor Entführungen durch andere Mafiafamilien hätte beschützen sollen? Ein Traum für einen Journalisten. Der Mann wäre politisch tot, mausetot gewesen. In den USA. Doch nicht so in Italien.
In der Vergangenheit von Berlusconi gibt es aber nicht nur diesen Boss am Frühstückstisch, sondern auch viele andere Figuren, von denen man sich besser fern halten, mit denen man weder Firmen gründen noch Geschäfte machen sollte. Einige dieser Personen werden wir vorstellen und beweisen, dass die heutigen Cäsaren weit entfernt sind von den Cäsaren des Altertums, die sogar von ihren Frauen verlangten, dass diese über jeden Zweifel erhaben sein müssten, wollten sie eines Cäsaren würdig sein. Nun denn, seitdem sind zweitausend Jahre vergangen.
Das mag der Grund sein, warum wir im italienischen Parlament fast neunzig Abgeordnete finden, die entweder bereits für schwere Straftaten rechtskräftig verurteilt worden oder noch in Prozesse auch wegen Verbindungen zur Mafia und ähnlicher Vorwürfe verwickelt sind, von denen aber bisher keiner aus Respekt vor der Würde des Parlaments freiwillig zurückgetreten ist. Sie kleben am Abgeordnetenstuhl, selbst wenn sie die Hälfte der Legislaturperiode in Haft sind.
Es ist ein erschreckendes Bild, das dieses Buch zeichnet. Man will es nicht glauben, man kann es gar nicht glauben. Alles scheint maßlos übertrieben. Dabei haben wir uns beschränken müssen, jeden Tag kam ein neuer Fall dazu, ein absurdes Theater verdrängte das nächste, den einen Tag erklärt Berlusconi dem Euro den Krieg, weil er verhindert habe, dass Italien mit regelmäßigen Lira-Abwertungen seine Exporte fördert; dann zeigt er Europa die kalte Schulter, indem er wieder einmal 45 Minuten zu spät zum Gipfeltreffen erscheint und so auch das Gruppenfoto verpasst. Er ist, wie er ist. Im besten Falle einer, der sich wie ein Tourist in Europa benimmt. Man könnte über ihn lachen, wenn er nicht eine so große Nation führte, wenn Italien nicht Gründungsmitglied der Union wäre, wenn die Römischen Verträge nicht am Tiber unterzeichnet worden wären.
Europas kleiner Cäsar ist leider keine Lachnummer, sondern ein politischer Krebs; er führt ein »softes Regime« – verträglicher als die Schwarzhemden, aber nicht weniger gefährlich. Schon einmal hat Italien den Weg gewiesen, andere Nationen sind gefolgt. Europa muss sich seiner Verantwortung bewusst werden und die Einhaltung der viel beschworenen ethischen Grundlagen der europäischen Demokratie auch konkret einfordern. Die Demokratie in Europa wird im Jahr 2006 weniger von radikalen Schreihälsen gefährdet als vielmehr durch die schleichende Aushöhlung von innen – dafür ist das Italien Berlusconis ein dramatisches Beispiel.
KAPITEL 1
Silvio Berlusconi- Die Legende

Eine Mischung aus Bewunderung und Neid

Silvio Berlusconis Herkunft wäre das erste Stichwort der Musterbiographie eines Selfmademans: Geboren in einem keineswegs schicken Viertel Mailands, in der Via Volturno hinter den Gleisen des Zentralbahnhofs, wird er aufgezogen von den strengen Salesianern, die unweit ein Kolleg führen.
Sparsam bis auf die Knochen ist er, und schon als Dreikäsehoch haut er andere übers Ohr, wenn man den Worten der Milchfrau der Familie Berlusconi in seiner Straße glauben darf: »Der kleine Silvio kam immer zu uns, kaufte ein und rundete um ein paar 10-Lire-Stückchen zuungunsten der mamma ab. Jedes Mal, wenn er nach Hause ging, behielt er den Rest für sich. Einmal fragte sie ihn: ›Sag mal, Silvio, wird die Butter eigentlich jeden Tag teurer?‹ Da lachte er dann und steckte die 10 Lire Differenz ein – das war damals übrigens noch richtig viel Geld!«1
Das ist doch herzig – die richtige Gründerlegende für den heute mit Abstand reichsten Mann Italiens mit einem vom Forbes Magazine geschätzten Privatvermögen von 12 Milliarden Euro. Nach Meldung der Financial Times vom 13. November 2004 ist Silvio Berlusconi nach Bill Gates, Rupert Murdoch und George Soros der vierteinflussreichste Mann auf der Welt.2 Er ist die Nummer 31 auf der Liste der reichsten Männer der Erde. 3 Die eigentliche Legende Berlusconis entsteht jedoch woanders, nämlich an den Schnittstellen seines Lebens – wenn er, wie so oft, beinah vor dem Ruin steht und sich wie Münchhausen jedes Mal am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Die Geschichtchen um ihn sind dann genauso erfunden wie die des Lügenbarons, aber sie werden gern geglaubt. Vielleicht sind sie ja sogar wahr? Wer weiß das bei ihm schon so genau? Berlusconi umweht die Aura des Geheimnisvollen, sagen seine Bewunderer. Andere meinen, es sei der Geruch der Loge »Propaganda Zwei«, des verbotenen Geheimbundes eines Meisters der Intrige, des ewigen Faschisten Licio Gelli, der sich rühmte,4 eigentlich das Copyright auf viele der Ideen Berlusconis beanspruchen zu können.
Wahr ist: Silvio wollte immer zur Elite gehören, ein Auserwählter sein.
Ein Salesianerschüler musste hart lernen, er würde ein Angehöriger der zukünftigen Führungsschicht sein. Berlusconi war Klassen- und Jahrgangsbester an der Uni, schloss mit der Höchstnote sein Studium ab, gewann sogar einen Preis für die Abschlussarbeit – über die Werbung, natürlich um den damit verbundenen Preis einzuheimsen.
Berlusconi hatte immer viele Neider. Das war der Neid der Erfolglosen, meint einer seiner ältesten Freunde, Guido Possa, dieser habe ihn zeit seines Lebens verfolgt.
Berlusconis Psyche, seine Ticks und Manien – sie haben ihre Wurzeln im Gymnasium, bei den Salesianern: Kaum einer kennt sie wohl so gut wie ebenjener Klassenkamerad Possa, der Berlusconi immer treu blieb – und dafür auch belohnt wurde. Sechs Jahre lang (von 1988 bis 1994) leitete er das persönliche Sekretariat Berlusconis, und in dessen zweiter Regierungszeit ab 2001 war er stellvertretender Forschungs- und Bildungsminister.
Possa erzählt: »Silvio Berlusconi wurde in der Schule von seinen Klassenkameraden mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid angesehen. Weil er gut aussah und Erfolg bei den Mädchen hatte – und weil er ein guter Schüler war. Eines Tages kaufte er sich einen schönen Montgomery, einen langen Mantel mit einer Kapuze, der damals sehr in Mode war. Ein Mitschüler setzte in einer Pause heimlich eine Fledermaus in den Mantel. Und als Silvio dann den Mantel anzog und sich die Kapuze hochzog, erschreckte ihn die lebende Fledermaus ganz furchtbar.«5
Viele hätten hämisch gelacht, aber Berlusconi habe daraus nur den Schluss gezogen, den Kreis der Freunde enger zu ziehen – diesen aber richtig zu vertrauen. Wie eben ihm, Guido, dem Weggefährten der ersten Stunde.
Das Verkaufstalent habe Berlusconi schon von Anfang an gehabt, erzählt Possa. Auch wenn’s zunächst mehr der Versuch war, anderen etwas anzudrehen, als ein wirklich großes Geschäft zu machen. Bemerkenswert war eher, dass es ihm gelang, alle für sich einzuspannen. Dies sollte tatsächlich ein dauerhafter Charakterzug Berlusconis werden. Eine seiner absoluten Stärken.
Possa erzählt: »In der Schule habe ich zum Beispiel in seinem Auftrag Staubsaugerbürsten verkauft. Diese Bürsten waren damals eben auf den Markt gekommen. Er zeigte mir, wie sie funktionieren und wie ich sie verkaufen musste. Ich sollte in die Wohnungen der Leute gehen, die Hausfrau darum bitten, auf einem frisch gesäuberten Teppich die Bürsten ausprobieren zu dürfen. Und ihr zeigen, dass dort noch viel Dreck herauszuholen war. Wirklich, das traf auch zu. Doch mir gelang es nur, wenige Bürsten zu verkaufen. Meiner Mutter, meiner Oma, einigen Tanten, die mir etwas Gutes tun wollten, aber nicht mehr.«
Silvio war noch Schüler bei den Salesianern, erzählt Possa weiter, da ging er bereits »im Sommer mit achtzehn Jahren, in der elften, zwölften Klasse, als Unterhalter auf Schiffe oder in Tanzpaläste, wo er sang. Er sang wirklich gut und erzählte Witze – dafür wurde er auch gut bezahlt. Schon mit achtzehn Jahren konnte er ein Publikum unterhalten, auf den Schiffen oder da, wo die Leute in Rimini tanzten, indem er sang, vor allem französische Chansons, oder Witze erzählte.«
Giovanni Ruggeri, Mailänder wie Berlusconi, hat sich als erster Journalist ab Anfang der achtziger Jahre kritisch mit Berlusconi auseinander gesetzt. Auch er kommt nicht umhin, dessen rhetorisches Talent anzuerkennen. Er tut dies jedoch mit einem Blick des Entsetzens, nicht der Bewunderung: »Berlusconi hat so einen Erfolg bei den Italienern, weil er ihre schlechtesten Seiten verkörpert. Auf eine bestimmte Weise verkörpert er auch die Hoffnungen der Ärmsten, der Arbeitslosen: Viele Leute denken, wenn er es geschafft hat, dann kann ich das auch schaffen. Berlusconi regt zum Träumen an, wie einst die Diven von Hollywood die kleine Schneidergehilfin zum Träumen brachten, eine bessere Zukunft zu haben. Aber das ist alles ein Traum: In der Wirklichkeit ist Berlusconi eine diabolische Gestalt. Ich glaube, dass er die Medien mit einer unglaublichen Meisterschaft beherrscht. Ihm ist die Realität völlig egal. Er formt die Realität nach seinen eigenen Wünschen. Und wenn die reale Wirklichkeit anders ist, hat sie eben Pech gehabt. Das macht seine Faszination aus: Er ist einfach ein großartiger Verkäufer. Wenn man es so will: Das größte Talent Berlusconis ist es eben, die Leute zu leimen.«6
Berlusconis Auftreten ist maßlos überzogen – aber es überzeugt viele. Dank einer Garantie der Banca Rasini, in welcher der Vater Luigi Berlusconi Geschäftsführer ist und mit der wir uns im nächsten Kapitel ausführlich beschäftigen werden, kann er 1962 ein Gelände in der Via Alciati am Stadtrand Mailands aufkaufen. Von den 170 Millionen Lire legt Berlusconi 10 Millionen selbst hin: der Anfang des Milliardenvermögens.
Zusammen mit dem Mailänder Bauunternehmer Pietro Canali gründet er seine erste Firma, die Cantieri Riuniti Milanesi. Canali aber sieht einen 25-jährigen Jungakademiker vor sich und weigert sich, ihm die Hälfte der neuen Firma zuzugestehen.
Silvio protestiert vehement: »… denn ich hatte ja schließlich das Bauland, vergünstigte Kredite, hatte mich um die Baugenehmigungen gekümmert und auch eine Bankbürgschaft gefunden. So nahm ich eines Tages meinen ganzen Mut zusammen und ging zu ihm und sagte: ›Beim Bau in der Via Alciati kommt es mir doch gerechter vor, wenn wir 50/50 machen.‹ Canali schaute mich an, als wär ich verrückt geworden, und antwortete, er sei doch nicht geistesgestört, mit jemandem zusammen eine Firma zu gründen, der noch grün hinter den Ohren sei wie ich. Dann aber fügte er hinzu: Wenn jemand so frech und sicher zugleich auftrete wie ich, dann sei es aber doch wohl anders und er wüsste schon, was ich täte. Und er nahm den Vorschlag an.«7
Diese erste kleine Firma soll dann auch erst einmal für lange Zeit die einzige sein, die offen auf Berlusconis Namen geführt wird. Die nächsten Bauprojekte werden über Schweizer Briefkastenfirmen gegründet, in denen Berlusconi offiziell nur die Eigenarbeit als Anteil einbringt und dafür mit »1 Prozent des Gewinns«8 belohnt wird.
1963 beginnt der Reigen der Schweizer Firmen9, die in den Registerakten als die wahren Eigentümer des Berlusconi’schen Immobilienimperiums erscheinen: Das Geld aus der Schweiz wird in Mailänder Firmen investiert, die aber alle wiederum von Strohfiguren geleitet werden, wie die Edilnord Centri Residenziali sas, die zuerst auf die Cousine Berlusconis eingetragen wird, Lidia Borsani, dann auf die Tante Maria Bossi verwitwete Borsani – und die Italcantieri srl, die von einem Notar im Berufspraktikum namens Renato Pironi sowie von der Hausfrau Elda Brovelli gegründet werden.
Die extreme Geheimhaltung wird zu einem Grundzug des Lebens von Silvio Berlusconi. Er will sich nicht in die Karten schauen lassen.
»Heute tritt Berlusconi auf wie der Champion des freien Marktes«, sagt Ruggeri. »Damals war er genau das Gegenteil. Er verbarg seine Aktivitäten hinter Strohmännern jeder Art, Verwandten, Steuerberatern, seine Firmen waren im beständigen Wechsel, der Firmensitz, der Geschäftszweck, alles wurde immer geändert. Ein vollständiges Bild würde eine riesige Menge an Namen umfassen. Alle seine Verwandten, die Cousine, die Tante, aber auch die Cousins, der Onkel Luigi Foscale, einer der Leute, die am Anfang am häufigsten auftauchen, all diese Leute sind Strohmänner, auch Dutzende Steuerberater, auf deren Namen viele Firmen eingetragen werden. Es war alles andere als ein Verhalten der Transparenz. Diese Methode wird erst dann ad acta gelegt, am Anfang der achtziger Jahre, als Berlusconi einen wichtigen politischen Schutz errungen hat, den durch den Chef der italienischen Sozialisten, Bettino Craxi. An dieser Stelle hat er die billigen Tricks nicht mehr nötig, und langsam beginnt er, die normalen Geschäftsmethoden anzuwenden. Aber bis zu diesem Zeitpunkt war das die Regel: regelmäßig den Namen der Firmen zu ändern, den Firmensitz, sich hinter Schutzschirmen wie den Strohmännern zu verbergen.«10
Nun gut, das waren harte Zeiten. Entführungen drohten, die Steuern waren hart, und Berlusconi wollte schnell reich werden. Später hat er dies als Strategie der Steuervermeidung bezeichnet – ein freundliches Wort für Steuerhinterziehung. Was in Wirklichkeit dahintersteckt, darauf versuchen wir in diesem Buch eine Antwort zu geben. Aufgrund von erst im Jahr 2005 bekannt gewordenen Tatsachen, neuen Untersuchungen. Erst dreißig Jahre später scheint sich der Vorhang lüften zu lassen.
Der springende Punkt ist jedoch die folgende Frage geblieben: Wer steckte da Ende der siebziger Jahre und auch schon vorher so viel Geld in die Firmen Berlusconis? Und gehörten sie damals alle ihm, gehören sie ihm denn heute wenigstens? Genau dieser Punkt ist so dunkel und unklar. Bis heute. Berlusconi hat ihn niemals mit der Vorlage von Dokumenten erhellen wollen. So kommt es, dass dies die große offene Frage im Leben von Silvio Berlusconi geworden ist – jedenfalls für diejenigen, die ihm nicht alles a priori und ungeprüft glauben.

Woher hatte er das Geld?

Die Legende von Silvio Berlusconi, dem Baulöwen, der in und um Mailand die erste Milliarde verdient, beginnt mit dem Bau der drei Trabantenstädte, dessen er sich noch heute rühmt.
Das Bauvorhaben Berlusconis in Brugherio bei Mailand für viertausend Einwohner wird offiziell realisiert von der Edilnord sas, einer Firma, die zwei Gesellschafter hat: den Bankier Carlo Rasini, Aktionär der gleichnamigen Bank, in der auch Berlusconis Vater Prokurist ist, dazu den Schweizer Anwalt Carlo Rezzonico, der treuhänderisch die Finanzierungsgesellschaft für Residenzen AG aus Lugano vertritt.
Die Schweizer Finanziers mit ihren Geldern unbekannter Herkunft sollen Berlusconi noch eine Weile begleiten.
Er baut, doch es läuft nicht so wie erhofft. Der Verkauf schleppt sich dahin. Berlusconi aber sucht den Erfolg. Er riskiert: noch so ein Teil der Legende. Wie ein Spieler. Wenn es nicht klappt, wird verdoppelt. Bis der Erfolg kommt. Und wenn er nicht kommt, wird der Erfolg organisiert. Auch wenn das »Wie« sich in einer Biographie dann gar nicht mehr so gut liest und wenig mit dem – unzweifelhaften – Verkaufstalent Berlusconis zu tun hat, sondern mit etwas ganz anderem.
In Brugherio passiert nämlich etwas, was sich bei Milano 2 wiederholen soll: In Ermangelung der vielen kleinen Käufer findet Berlusconi unverhofft einen Großaufkäufer, den Pensionsfonds 11 der leitenden Angestellten des Handels.12 Wie der Fonds zum Kauf überzeugt wird, das ist heute nicht mehr in allen Einzelheiten nachzuvollziehen. Bei Milano 2 können wir den »Verkaufserfolg« aber besser verfolgen und die vermeintliche Legende vom Baulöwen eher begreifen.
Auch Milano 2 ist ungeachtet der schönen Anlage zu Anfang schwer verkäuflich. Das Gelände ist sumpfig, mückengeplagt bis in diese Tage, verkehrstechnisch noch schlecht angebunden, und überdies macht der Fluglärm von Linate trotz der Verlegung einiger Routen noch immer Probleme.
Die Wohnungen von Milano 2 waren Luxusdomizile mit großzügigem Umfeld – Tennisplätzen, Schwimmbädern -, aber trotzdem nur schwer an die Kundschaft zu bringen. Das hatte zwei Gründe. Zum einen wollten die Mailänder Reichen in diesen Jahren lieber nicht durch ausgestellten Wohlstand auffallen, machte man sich so doch zur Zielscheibe der terroristischen Rotbrigadisten. Zum anderen waren auch die Entführerbanden der sizilianischen Mafia nicht wenig aktiv, und diese suchten sich die Opfer sicher nicht in den Armenvierteln.
Dazu kam das Problem des neu eingeführten Mietenspiegels in Italien (equo canone), der den Wohnungsvermietern eine anständige Rendite vermiest. Also warum teure Eigentumswohnungen kaufen?
Berlusconis Strohfirmen scheinen dem Ruin nahe. Da tritt wieder der Großkäufer auf, der für Berlusconi mehr als ein Problem löst. Es erscheint die Rettung in Gestalt des ENPAM, des Pensionsfonds der Ärzte, unter Leitung eines gewissen Ferruccio De Lorenzo, einst liberaler Staatssekretär unter dem Christdemokraten Giulio Andreotti. De Lorenzo kauft für 33 Milliarden Lire Wohnungen in Milano 2 für seinen Pensionsfonds.
Wohnungen, die wie Blei liegen geblieben waren. Auch das Theater Manzoni in Mailand – in dem die spätere zweite Frau Berlusconis Veronica als Schauspielerin leicht bekleidet auftreten und Silvio für sich gewinnen wird – gehört dem Pensionsfonds der Ärzte und wird von deren Präsidenten De Lorenzo der Edilnord Berlusconis vermietet.
Dieser Käufer ist eine mehr als glückliche Fügung.
Berlusconi ist seit 1976 Mitglied der später vom Parlament als verfassungsfeindlich eingestuften und aufgelösten Geheimloge P2 unter Leitung von Großmeister Licio Gelli. Hinzugefügt werden muss nun nur noch, dass auch der Exstaatssekretär und Fondspräsident De Lorenzo13 sowie der damalige Chef der italienischen Steuerfahndung, der »Guardia di Finanza«, General Raffaele Giudice,14 Mitglieder der P2 waren. Wie übrigens auch sehr viele der Bankiers, die Berlusconi in den Folgejahren großzügige Kredite einräumten. Aber so weit sind wir in der Chronologie noch nicht.
Die wahre, echte Männergemeinschaft der piduisti, wie die ehemaligen Mitglieder der P2 heute in Italien beiläufig-abfällig genannt werden (dürfen), ist derjenige Teil der Erfolgsbiographie, die die vielen seltsamen Rettungsaktionen zugunsten Berlusconis in letzter Minute erklären könnte. Dass auch die Steuerfahndung nichts Anstößiges an den Schweizer Transfers in seinen Firmen auszusetzen hat – das ist nur noch ein nettes Detail und ein schöner »Zufall«, der die glückliche Fügung abrundet...
 
Berlusconi habe gewusst, dass De Lorenzo oft mit dem Schnellzug von seinem Wohnort Neapel nach Rom gefahren sei. Da habe er es arrangiert, im selben Abteil zu sitzen, das Vertrauen des Fondschefs errungen und ihn davon überzeugt, einen Riesenbatzen Wohnungen in Mailand als sichere Geldanlage für den Fonds zu erwerben – heißt es.
 
Die Story mit De Lorenzo hat noch eine Fortsetzung, die mit dem Prinzip der Treue zusammenhängt, welche sich wie ein roter Faden durch Berlusconis Lebensgeschichte zieht. Der Sohn des so freundlichen Ferruccio bekleidet bald auch ein Regierungsamt. Anfang der neunziger Jahre ist der den Italienern wohl bekannte Francesco De Lorenzo Gesundheitsminister. Er lässt sich von Pharmafirmen bestechen, um deren Medikamente in Listen des Ministeriums aufnehmen zu lassen. In den Prozessen gegen De Lorenzo (Sohn) kommt auch zutage, dass ebendieser Francesco Berlusconis TV-Sender bei der Zuteilung von Anti-Aids-Spots, die das Ministerium auf Staatskosten im Fernsehen schaltet, deutlich bevorzugte.
Eine Hand wäscht eben die andere. Für die Bestechung des Ministers mit 300 Millionen Lire wird übrigens ein ehemaliger Priester und langjähriger Mitarbeiter von Fininvest-Chef Fedele Confalonieri, Aldo Brancher, rechtskräftig verurteilt. Wer treu zu Berlusconi steht, die Schuld auf sich nimmt, wird immer belohnt. Brancher akzeptiert die Schuld und bekommt eine Strafreduzierung. Im Jahr 2001 wird er ins italienische Parlament gewählt, und zwar für die Forza Italia.
Selbst wenn es heute nicht mehr so aussieht: Auch das Berlusconi-Fernsehen stand mehrmals vor dem Scheitern. Und wieder half ihm die Fähigkeit, sich in den entscheidenden Stellen der Macht Freunde verschafft zu haben.
 
Berlusconi gründet das Kabelfernsehen Telemilano15 in seiner Trabantenstadt Milano 2 und macht daraus Canale 5, den fünften Kanal, auf dem man sein Programm sehen konnte. Die Verkabelung wollte er, damit die unästhetischen Einzelantennen auf den Häusern verboten werden konnten.
Das Verfassungsgericht Italiens hatte ab 1976 lokale Sendungen erlaubt, 1980 dürfen die Sendungen auch frei ausgestrahlt werden, aber immer nur lokal. Berlusconi sucht die Gesetzeslücke und findet sie. In ganz Italien kauft er sich Frequenzen zusammen, schaut dabei nicht penibel, mit wem und wo. Hauptsache, er bekommt die Sendemasten – und sendet.
Die Lösung ist der Trick mit der verzögerten Ausstrahlung: in differita. Um das Verbot einer gleichzeitigen nationalen Sendung zu umgehen, strahlt er mit einer kleinen Zeitverzögerung häppchenweise über die ganze Halbinsel aus. Wenn die Sendung in Mailand um 20.00 Uhr anfängt, dann in Mittelitalien ein paar Minuten später – und so weiter. Wie eine Wellenbewegung über den ganzen Stiefel. Für den Zuschauer ist das völlig unerheblich, denn zu diesem Zeitpunkt gibt es noch keine teuren Live-Nachrichten auf seinen Sendern, die pünktlich und wirklich überall gleichzeitig beginnen müssten. Und am Ende sind es Sekunden in differita – wer merkt die schon noch?
Berlusconi baut sich auf diese Weise bereits Ende der siebziger Jahre ein echtes Monopol im Privatfernsehen auf, denn er kann ab 1980 mit der neu gegründeten Publitalia 80, deren Chef der Sizilianer und Studienfreund Marcello Dell’Utri wird, Werbezeit in ganz Italien anbieten. Er wird damit zum bevorzugten Partner der Werbeagenturen, die es sich so ersparen, in allen Regionen mit anderen TV-Sendern verhandeln zu müssen. Allen ist klar, dass es sich hierbei um einen »Trick« handelt, der den Sinn des Fernsehgesetzes aushebelt. Aber solange kein Richter dem Treiben ein Ende macht, geht es munter weiter.
Dann kommt die Katastrophe: Am 16. Oktober 1984 lassen Gerichte von Rom, Turin und Pescara die Sendungen Berlusconis – er hat nun drei nationale TV-Kanäle (Canale 5, Retequattro und Italia 1) – abschalten, weil sie gegen die vom Verfassungsgericht erlassenen Regeln verstoßen.
Aber für eine Rückkehr zu den legalen Zuständen »ante Berlusconi« ist es zu spät. Der Wilde Westen der vollendeten Tatsachen hat über das Verfassungsgericht gesiegt. Berlusconi hatte sich quasi ein Gewohnheitsrecht auf nationale Sendungen verschafft. Nach 48 Stunden verdunkelter Sender greift der sozialistische Regierungschef Bettino Craxi zugunsten Berlusconis ein und legalisiert nachträglich dessen Verhalten – und schafft so die Grundlage des Medienimperiums.
Die italienischen Gesetze »fotografieren« die eroberten Claims. Nicht mehr und nicht weniger. Weil Berlusconi die richtigen Freunde an der richtigen Stelle hat. Was also steckt hinter der Legende des »Medientycoons«, der einfach das bessere Fernsehen macht? Es besser als die langweilige und schwerfällige RAI zu machen, war nicht schwer. Zum Aushebeln der Rechtslage half Bettino Craxi.16
Das nachfolgende Mediengesetz, nach dem damaligen Postminister Oscar Mammì »Legge Mammì« genannt, ist dann nichts anderes als die Fotokopie der realen Machtverhältnisse.

Unfähige Gegner

Das nächste Mal stand Berlusconi im Oktober 1993 vor dem Ende. Es war ein dunkler und regnerischer Sonntag, der erste im Oktober 1993, als Silvio Berlusconi seine Vertrauten zum Treffen in die Villa San Martino in Arcore einlud. Die Lage war verzweifelt. Die Berlusconi-Familienfirma Fininvest hatte bei einem Umsatz von 11 550 Milliarden Lire die immense Schuldenhöhe von 4000 Milliarden Lire angehäuft. Die Zinszahlungen im Jahre 1992 (556 Milliarden Lire) hatten den Gewinn vor Steuern von 500 Milliarden Lire übertroffen. Der ausgewiesene Gewinn von 20 Milliarden Lire betrug nur noch 0,17 Prozent der Einnahmen. Eine Katastrophe. De facto war Berlusconis Firma in den Händen der Banken.
In dieser Lage, an diesem Abend, entstand der Plan, die Berlusconi-Firmen an die Börse zu bringen. Ohne dabei die Kontrolle zu verlieren. Großaktionäre sollten etwa 20 Prozent der neuen Firma, die später dann »Mediaset« genannt wurde, übernehmen, die Kleinaktionäre an der Börse, die man in Mailand etwas abfällig die »Ochsenherde« nennt, sollten 30 Prozent kaufen. Die Berlusconi-Firma Fininvest würde trotz alledem die Kontrolle übers Fernsehen behalten. Das konnte klappen – schließlich kassierte Berlusconi jedes Jahr rund 5000 Milliarden Lire an Werbung. Das war der Cashflow, den man in frisches Kapital ummünzen konnte, mit dem man die Investoren locken wollte – trotz der Überschuldung. Im Juli 1996 – eben erst hat Romano Prodi die Wahlen für die Mitte-links-Koalition Ulivo gewonnen – läuft die Operation schon: Die Aktien gehen bei 7000 Lire pro Stück weg wie warme Semmeln, es herrscht ein Boom an den Börsen. Der Ochsenstall kauft jede Neuemission. Die Banken und die Emissionäre reiben sich die Hände. Der Coup ist gelungen.
Am Ende kassiert Berlusconi rund 4000 Milliarden ein. Die Schulden sind weg, und er kontrolliert weiterhin »seine Kreatur«. Die Fininvest hält mit knapp 50 Prozent nach wie vor das Kommando in der Hand, und Minderheitsaktionär Al-Waleed ist ein treuer Verbündeter.
Einige Jahre später sagte der führende Politiker der Demokratischen Linkspartei Italiens, Luciano Violante, im Parlament, dass sie, die Linke, Berlusconi damals garantiert habe, seinen Besitz nicht anzurühren.17 DS-Parteichef Massimo D’ Alema erklärte die Fernsehsender Berlusconis gar für »Allgemeingut Italiens«, das keineswegs in ausländische Hände fallen dürfe.
Die Linke glaubte offenkundig, Berlusconi habe den Bettlerhut in der Hand. Die Regierung Prodi überging alle Bedenken aus Bankenkreisen, man könne doch nicht eine Firma an die Börse bringen, deren kontrollierender Hauptaktionär, die Fininvest, in Händen unbekannter Treuhänder sei. Da wisse der Aktionär doch gar nicht, wer die Firma eigentlich wirklich kontrolliere. So etwas würde doch im heutigen Europa gegen jeden Grundsatz der Transparenz verstoßen. Aber so modern und demokratisch dachte die Mitte-links-Regierung damals nicht, sondern eher in den feudalen Kategorien des »Do ut des«.
Das ist also ein weiteres »Geheimnis« hinter der Legende Silvio Berlusconi: die absolute Unzulänglichkeit seiner Gegner.
Ein Berlusconi in den Händen der Banken hätte zum Verkauf der Sender, zur Enteisung des ganzen Medienbereichs, zu mehr Konkurrenz und Pluralismus geführt. Also hat Berlusconi wieder einmal Glück gehabt und sein majestätisches Können bewiesen?
Nun, glücklich schätzen kann sich tatsächlich jemand, der Feinde hat wie Berlusconis Gegner. Können sei aber auch schon viel dabei gewesen, erkennt der Berlusconi-kritische Mailänder Journalist Giovanni Ruggeri an. Denn Berlusconi kenne die Seele der Italiener, auch die seiner Kontrahenten, und – wie gesagt – eines seiner größten Talente sei eben, die Leute zu leimen.
Doch es gibt eben das gewisse Etwas in seiner Biographie, das ihn verfolgt wie ein Albtraum. Das ist die Frage, die der in Italien sehr bekannte und beliebte Journalist Giorgio Bocca schon zu Zeiten stellte, als Berlusconi noch »der Baulöwe« war: »Hier in Mailand gibt es einen Bauunternehmer, der eine Baustelle [Milano 2] unterhält, die jeden Tag 500 Millionen Lire kostet. Wer hat ihm bloß das Geld dafür gegeben?«18
Das fragte man sich übrigens auch in der Mailänder High Society, mit deren Angehörigen Berlusconi ja ins Geschäft kommen wollte. Die Contessa Emilia Bonzi del Pozzo erinnert sich an diesen unbekannten Mann mit den für die Mailänder Upper Class nicht so richtig fein geschnittenen Sakkos: »Es war mein Vater, der Conte Leonardo Bonzi, der zusammen mit seinen Schwestern Berlusconi das Land für das Projekt Milano 2 verkauft hat. Die Sorge der Schwestern meines Vaters war groß. Sie sagten, also, hört mal her, wer kennt den Typ eigentlich? Vielleicht hat er gar kein Geld, um das Land zu bezahlen? In Wirklichkeit hat er immer alle Raten pünktlich bezahlt, alles vertragsgetreu. Mein Vater hat ihm einfach getraut, obwohl er eine unbekannte Person war.«19
Die Londoner Wirtschaftszeitung The Economist griff die Frage nach der Herkunft des Geldes auf. »Dafür wurden wir bereits zweimal von ihm verklagt«, erzählt Chefredakteur Bill Emmott, »doch das hält uns natürlich nicht im Geringsten davon ab, uns weiter mit ihm zu beschäftigen. Wir sehen darin einen Versuch der Einschüchterung, dem wir aber standhalten können. Anders mag es für kleine Verlage aussehen: Die könnten dem Druck schon nachgeben.«20 Und darauf verzichten, sich auch mit den dunklen Seiten des Werdegangs von Silvio Berlusconi zu beschäftigen.
Außerhalb Italiens ist dies ein Standardverhalten eines Journalisten: die Dinge zu hinterfragen und das Bewusstsein eines »vierten Standes« zu vertreten, die Stellung der unabhängigen Kontrolle der Macht einzunehmen. Für italienische Journalisten ist dies ein höchst riskantes Unternehmen. Und so unterlassen es die meisten gleich. Sie haben Berlusconi daran gewöhnt, nur liebedienerische »Fragen« serviert zu bekommen. Pressekonferenzen Berlusconis mit italienischen Journalisten laufen ab wie Weihnachtsfeiern bei Berlusconis Familien-Holding Fininvest.
So können wir ein weiteres Erfolgsrezept des mitico Berlusconi, des mythischen Berlusconi, benennen: die unbedingte und brutale Einschüchterung seiner Kritiker vermittels Klagen und nochmals Klagen.
»Das Problem mit den Klagen ist eben dies: Sie zwingen dich, dich über Jahre mit seinen Anwälten vor Gericht herumzuquälen, du hast hohe Kosten, lebst in der Unsicherheit und wirst eben einfach eingeschüchtert – ich selbst habe, wenn ich mich recht besinne, glaube ich, vier Klagen mit zusammen rund 20 Millionen Euro Schadenersatz am Hals«, erzählt Daniele Luttazzi,21 ein Mailänder Satiriker, der in einer Sendung über die ungeklärte Herkunft der Gelder Berlusconis zu sprechen und gar noch zu witzeln wagte. Entlassen und seit dem Machtantritt Berlusconis nie wieder auf dem Bildschirm der RAI gesehen wie die besten TV-Journalisten und alle Satiriker von Format, egal ob sie nun einen Nobelpreis vorweisen können wie Dario Fo oder »nur« riesige Marktanteile gewinnen, jedes Mal, wenn sie auftreten – durften.
Ganz anders bei Hofe: Umgeben von Menschen, die ihn anhimmeln und umschmeicheln, die über jeden Witz lachen, den er macht, hat Berlusconi die kritische Distanz zu sich, so er sie einmal gehabt haben sollte, längst verloren.
Einer der furchterregendsten Anhimmler ist der ehemalige kommunistische Bürgermeister von Fivizzano, Sandro Bondi, Sprecher der Berlusconi-Partei Forza Italia: »Ich habe Berlusconi sehr gern. Ich verspüre eine tiefe Zuneigung zu ihm. Er ist ein außerordentlicher Mensch.« – »Nennen Sie mir doch bitte einen Fehler von Berlusconi.«
»Er wird verteufelt, und ich muss ihn verteidigen«, sagt Giuliano Ferrara (Journalist im Berlusconi-Fernsehen). »Berlusconi ist wie Mozart: die reine Genialität zusammen mit kindlicher Zärtlichkeit.«22
»Wenn Sie sich zwischen Berlusconi und Ihrer eigenen Familie entscheiden müssten: Wen lieben Sie mehr?« – »Ich hoffe, mich niemals entscheiden zu müssen.«
Umgeben von Menschen vom Schlage eines Sandro Bondi, erklärt sich auch ein Satz wie dieser aus dem Munde unseres Protagonisten: »Auf der politischen Weltbühne gibt es nicht einen, der es wagen könnte, es mit mir aufzunehmen, der meine Vergangenheit, der so eine Geschichte hat wie ich. Rein persönlich bin ich der Auffassung, dass es jemanden gibt, der bei diesem Vergleich im Vorteil ist – und dieser Jemand bin ich.«23
Ein Zitat unter vielen ähnlich lautenden. 1994, nachdem er zum ersten Mal die politische Macht erobert hatte, zeigte sich noch ein Anflug von Selbstkritik bei ihm: »Wenn ich mich so umschaue, dann gibt es doch nirgendwo eine bessere Regierung: Ich muss mein Überlegenheitsgefühl aber dennoch bremsen.«24
Ein Mann, der hinter die Kulissen des Erfolgs von Silvio Berlusconi geschaut hat, ist Luigi (Gigi) Moncalvo. Einer direkt aus dem Stall Berlusconis. Er hat eine mehr als bewegte Karriere hinter sich. »Ich war bei Mediaset [Berlusconis Fernsehholding] Reporter, aus dem Nahen Osten, aus Moskau.« Gigi Moncalvo war ein Mann der ersten Stunde bei Berlusconi. Er musste ihn verlassen, wurde Chefredakteur der Lega-Nord-Zeitung La Padania, machte alle Wendungen der Lega Nord vom engsten Verbündeten zum ärgsten Gegner und zum erneut treuesten Paladin mit und wurde 2004 dann mit einem Chefposten in der RAI belohnt. Also durchaus kein Gegner. Aber ein Kenner seines alten und neuen Chefs: Berlusconis Aufstieg könne nur verstanden werden, meinte Moncalvo bei einem Interview zu einem Zeitpunkt, als er einmal nicht auf Berlusconis Payroll stand: »Die Erlaubnis zum Börsengang war der größte Fehler der Linken. Die Linke glaubte [1996, nach den gewonnenen Wahlen], ihn mit der Geschichte der [von der damaligen Mitte-links-Regierung zu erteilenden] Fernsehlizenzen in der Hand zu haben, glaubte, sein Wohlwollen mit diesem oder jenem Gefallen zu kaufen, dachte, ihn ruhig stellen zu können. Sie sagten: ›Genehmigen wir ihm doch den Gang an die Börse, dann wird er nett und uns dankbar sein: Dann wird er brav sein und nicht mehr drängen.‹ Berlusconi darf man nie freie Zügel lassen. Denn dann wird er zum Pferd im freien Galopp und ziemlich weit kommen. Er kennt seine eigenen Stärken sehr genau, aber vor allem eines kann er meisterlich: die Schwächen und das Zögern der anderen ausnutzen. Und die Linke hat sich als schwach und unsicher erwiesen.«25
Der Börsengang war tatsächlich ein Meisterstück.
Politisch lag Berlusconi 1996 am Boden – bot aber gleichzeitig dem ihm an Arroganz in nichts nachstehenden Parteichef der Demokratischen Linkspartei Massimo D’Alema die Friedenshand für eine große Reform Italiens. Der nahm an. So entstand 1997 die Bicamerale, eine Art große Koalition der Staatsreform. Kaum hatte Berlusconi seine Firma saniert, ließ er die Kommission platzen und rüstete für die Rückeroberung der Macht – mit der geballten Kraft seiner nun schuldenfreien Sender.
Wie’s dann weiterging, ist bekannt: Die Mitte-links-Koalition zerfiel in tausend Streitigkeiten, dreimal musste sie neu gebildet werden; und am Ende, im Jahr 2001, gewann Berlusconi triumphal die Wahlen.
Der Mann, der alles vermag, hatte es geschafft, wie Phönix aus der Asche wieder an die Spitze der Macht zu steigen, und macht sich Anfang 2006 schon wieder Hoffnung, eines Tages vielleicht auch das höchste Staatsamt Italiens einzunehmen, nämlich Staatspräsident zu werden. Ein Amt mit echten Vollmachten – kein Repräsentationsjob.

Der Betrüger bekommt den Beifall

Die Lage innerhalb des Landes ist am Ende von Berlusconis zweiter Amtszeit so schlimm wie in keiner anderen Demokratie der Welt. Der UNO-Experte für die Pressefreiheit Ambeyi Ligabo schreibt in seinem Bericht: »Die Medienkonzentration in den Händen des Regierungschefs hat die Meinungs- und Ausdrucksfreiheit in Italien auf schwere Weise beeinträchtigt.«26
Nicht weniger ernst ist das Urteil von Ligabo über die Lage, in der sich die italienischen Journalisten befinden. Er erinnert daran, dass die Freiheit der Journalisten und die Demokratie voneinander untrennbar sind, und dringt darauf, dass die italienische Regierung handeln möge, »um das Kaltstellen und die Entlassung« von Journalisten zu verhindern, die kritische Auffassungen vertreten.27
Die Kritik aus dem Ausland perlt an Berlusconi ab. Zum einen war er es persönlich gewesen, der den Anstoß zur Hetzjagd auf seine Kritiker im Fernsehen gab, mit dem in Italien so genannten »Ukas aus Bulgarien«. Was war passiert? In einer Pressekonferenz aus Bulgarien forderte er die Entfernung seiner schärfsten Kritiker aus dem staatlichen Fernsehen, darunter eines Mannes wie Enzo Biagi, der als der Doyen des italienischen Journalismus gilt. Er wurde regelrecht gedemütigt: »Mir hat man die Nichtverlängerung meines Vertrages per Einschreiben mit Rückschein mitgeteilt, mit Rückschein, stellen Sie sich das bloß mal vor … Nicht ein Anruf des Direktors, nichts.«28
Biagi wurde geschasst, weil er nicht kontrollierbar war. Weil er als Mittachtziger ein Alter erreicht hatte, das ihn für die Einflüsterungen der Macht unsensibel machte.
Ohne sich mit kritischen Stimmen auseinander setzen zu müssen, hat Berlusconi somit überall ein Heimspiel; und es ist gesichert: Seine Landsleute werden es in ihrer übergroßen Mehrheit nie erfahren, was die Welt von ihrem Regierungschef und der durch ihn bedrohten Pressefreiheit denkt. Verhältnismäßig wenige Italiener sprechen Fremdsprachen, und terrestrisch sind nur landeseigene Sender zu sehen, die zu 95 Prozent Berlusconi gehören oder ihm politisch unterliegen.
Auf Berlusconis Psyche hatte der »Erfolgsmarsch« von 2001 bis 2005 schlimme Auswirkungen. Das eh schon bedenklich groß gewordene Ego nimmt hypertrophe Ausmaße an. Nun muss sich in ihm jeder Zweifel an der göttlichen Billigung seiner irdischen Mission verflüchtigt haben.
Berlusconi weiß, dass er es einem Teil der Italiener – den (aus seiner Sicht) Verstockten, den Kommunisten und Ultrakatholiken – nie wird recht machen können. Schon vor zehn Jahren sagte er: »Auch wenn ich übers Wasser ginge, dann würden am Tag darauf La Stampa, Corriere della Sera, La Repubblica und L’Unità, nachdem sie sich miteinander telefonisch abgesprochen hätten, gemeinsam titeln, dass ich nicht schwimmen könne!«29
So sind sie eben, die Neider und Nichtskönner.
Italiens Nobelpreisträger für Literatur von 1997, Dario Fo, weiß um die szenische Begabung und die rhetorischen Einfälle des Menschen, den er für das größte Unglück Italiens seit Mussolini hält, aber gleichermaßen sei es doch ungeheuer wichtig, bei der Beurteilung der »Legende Berlusconi« die Akzente richtig zu setzen: »Was auch immer als Erklärung für den Erfolg Berlusconis vorgebracht wird: Es steckt doch vor allem die Kontrolle über ein ganz außerordentliches Instrument dahinter, um Werbung für sich zu machen. Damals, beim Machtantritt, hatte er drei Fernsehsender, dazu Zeitungen und Zeitschriften. Seit der Machtübernahme kontrolliert er sieben Fernsehsender – alle Kanäle hat er in der Hand. Das gibt es sonst nirgendwo auf der Welt. Bedenken Sie, mit welcher Wucht er seine Sicht der Dinge erzählen, er die Menschen konditionieren kann: Das ist ein Unikum nicht nur in unserer, europäischen Geschichte, sondern selbst für Südamerika wäre es das – nicht ganz zufällig hat ihm ein italienischer Komiker den Beinamen ›Banana‹ gegeben, Signor Banana, Chef einer Bananenrepublik.
In Italien geht’s heute wirklich zu wie in einer Bananenrepublik: Der Betrüger bekommt den Beifall, ihm gelingt es, zu täuschen, zu ergaunern, zu foppen, egal, wie und wo – und ihm wird Beifall gezollt, er bekommt den Applaus, den Applaus der Gaunerschläue!«30
In unseren Tagen herrsche eine Machiavelli’sche Kultur, aber nicht die echte, sondern eine verballhornte, meint Dario und ist schon fast ein bisschen böse auf diesen Mann, der ihm das Metier raubt: »Bedenken Sie: Machiavelli selber überzeichnete die Gaunertricks bis ins Groteske – um sie an den Pranger zu stellen. Was er im Fürsten sagt, ist eine ungeheuer brutale Kritik der Hinterfotzigkeit, der Trickserei, der Lügen der Mächtigen. Machiavellisch zu sein, ist heute eine negative Schläue geworden – doch das ist eine kulturelle Transposition: Wir sind machiavellisch geworden, das heißt aber ins Heute übersetzt: Wir haben Hinterlist und Korruption als Grundlage unserer Gesellschaft anerkannt!«
Fos Urteil über diejenigen seiner Landsleute, die Berlusconi die Treue halten, ist vernichtend. Der größte Wunsch des Nobelpreisträgers, der im Zentrum Mailands wohnt, ist es, das politische Ende Berlusconis noch zu erleben. Er selbst stürzt sich sogar noch einmal direkt in die Politik: Bei den primarie, den Vorwahlen der Wählerschaft des Mitte-links-Bündnisses l’Unione, trat er als einer der beiden großen Kandidaten für das Amt des Bürgermeisters von Mailand an, der im Mai 2006 neu gewählt wird.