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Ein Sportreporter mit mehr als 125.000 Followern bei Twitter? Ja, den gibt es: Bernd Schmelzer, der Kult-Kommentator im Ersten und der (!) Experte für alpinen Skisport im deutschen Fernsehen. Schmelzer, der seit 30 Jahren Sportevents für die ARD live begleitet, ist bekannt für seine leidenschaftlichen Reportagen voller Witz und Wortspiele – und seinen Ausruf "Ja, was macht er denn?", wenn ein Athlet entweder einen krassen Fehler begeht, eine Torstange verfehlt oder mit Zwischenbestzeit unterwegs ist. Geschätzt wird er für seine Kompetenz und Fairness. Schmelzer freut sich über deutsche Siege, jubelt aber auch, wenn eine Österreicherin oder ein Amerikaner nach langer Verletzungspause einen Top-Platz belegen. 2010 wurde Bernd Schmelzer von Fernsehzuschauerinnen und -zuschauern zum beliebtesten TV-Reporter der Olympischen Winterspiele in Vancouver gewählt. Schmelzers Popularität nahm jüngst noch zu, seit Felix Neureuther, Weltmeister und elffacher Slalom-Weltcup-Sieger, als Co-Kommentator an seiner Seite live von den Pisten berichtet. Die Beiden sind ein Herz und eine Seele, die viel Spaß bei der Arbeit haben und es merkbar genießen, wenn sie sich gegenseitig aufziehen. Die Einschaltquoten gehen stets in die Millionen – und das im Fußball-vernarrten Deutschland. Das Besondere: Schmelzer ist gebürtiger Dortmunder, der in Bayern aufwuchs. Der Flachländer entdeckte seine Liebe zum Skifahren als Kind in Balderschwang, das im Süden wegen seines hohen Niederschlags gerne "Bayerisch Sibirien" genannt wird. "Ski sind hier unabdingbar. Um zu seinen Freunden zu kommen, um überhaupt erst welche zu finden", sagt er über seine Schulzeit. Schmelzer ist seit 1985 Sportjournalist, arbeitet aber auch als Sprecher ("Tatort"), Synchron-Sprecher und Medienberater. Er kommentierte ab 1991 zunächst live fürs ARD-Radio, eher er zum Fernsehen wechselte, wo er seit 1999 live zu hören ist. Da seine Begeisterung für das Skifahren bekannt war, wurde Schmelzer gefragt, ob er Ski Alpin übernehmen wolle. Er zögerte nicht. In seinem Buch erzählt Bernd Schmelzer seinen beruflichen Weg und von vielen Erlebnissen während Olympischer Spiele, Weltmeisterschaften und Welt-Cup-Rennen. Er kennt sie alle persönlich, die aktiven und nicht mehr aktiven Top-Stars der Szene aus dem In- und Ausland: Maria Höfl-Riesch, Thomas Dreßen, Markus Wasmeier, Hermann Maier, Marcel Hirscher, Bode Miller, Alberto Tomba, Beat Feuz, Lasse Kjus, Kjetil Andre Aamodt, Aksel Lund Svindal und wie sie alle heißen. So gibt sein Buch einen Einblick in den alpinen Ski-Zirkus, der öffentlich kaum bekannt ist. Man entdeckt unbekannte Seiten der Athletinnen und Athleten. Schmelzer schafft es, seinen lockeren Kommentarstil in das Buch zu übertragen. Immer wieder muss man schmunzeln oder lachen, etwa wenn er etwa erzählt, wie er den "Herminator", den Österreicher Hermann Maier, des Nachts von Bayern nach Österreich brachte, oder Maria Höfl-Riesch ihn bat, doch einmal in einer Live-Sendung das Wort "Käsebrot" einzubauen – Schmelzer tat ihr den Gefallen. Auf jeder Seite kommt seine Begeisterung für Bewegung auf zwei Brettern über Schnee rüber. Buch, das nicht nur Fans des alpinen Ski-Fans begeistern wird!
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Seitenzahl: 237
Veröffentlichungsjahr: 2025
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IMPRESSUM
Erste Auflage 2022
© egoth Verlag GmbH
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags
ISBN: 978-3-903376-27-4
eISBN: 978-3-903376-75-5
Lektorat: Julia Herrele und Maike Zürcher
Bilder: Privatarchiv Bernd Schmelzer
Graphische Gestaltung: Clemens Toscani
Printed in the EU
Gesamtherstellung
egoth Verlag GmbH
Untere Weißgerberstr. 63/12
1030 Wien
Österreich
30 JAHRE UNTERWEGS IM ALPINEN SKIZIRKUS: HAUTNAH, PACKEND, KOMPETENT
in Peking
VORWORT
INTRO
1.SKI IST AUA!
Aaaaalbertoooo
Wasser, marsch
Wen juckt´s
Der sprachlose Kommentator
Kochsalz in Kabine
Pinzette und Rum
2.OHNE SKI GEHT NICHTS IN „BAYERISCH SIBIRIEN“
In Ketten gelegt
Akia statt Après-Ski
Vorsicht: Bodenwelle!
3.DER MORGEN STIRBT NIE
Tägliches Allerlei
300 Tage auf Achse
Bergschauer werden
Eingesperrte Ski
Tierische Vergnügen
Natur oder Kunst
Die weiteren Aussichten …
Steuererhöhung
Super-Sunday
Burger mit Pommes
4.HERMINATOR, HIRSCHER, HEROES
Der Herminator ist geboren
Terminator trifft Herminator
Belegte Brote gegen Unterzucker
Im ewigen Eis
So a Hund, der Hirscher!
Bode-Style
Tiger, Lindsey und Lucy
Eine Freundschaft zerbricht
Die liebenswerten Wikinger
Love me tender
Wir pa(a)rshippen jetzt
Winterstars werden im Sommer gemacht
Gleichgewicht und Koordination
5.REISEN BILDET
Der Lötkolben
Zug um Zug
Flug annulliert
Just in time
Schweizer Präzision
Da drückt der Schuh
6.DER WHISTLE(R)-BLOWER
ZDF-Wetter
„Wetten, dass …“-Quote
Stairway to heaven
STR
Frühstück in der Tiefgarage
Kein WLAN
7.AM LIMIT!
Die Lichtmaschine
Bitte den Chef zurückrufen
Ich schaffe es nicht
Die glorreichen Drei
Am Wasser gebaut
Finale dahoam
James Bond der ARD
Die Drohne ist nicht ohne
Das Bähnli
8.MYTHOS STREIF – LEGENDE DRESSEN
Die Streif
Gamsig
All in ins Krankenhaus
Laptop-Training
Showtime
Fundamt Kitzbühel
Geschichte wiederholt sich
Der Musikus
Hasen am Eingang
Wenn Faszien faszinieren
9.EXPERTISEN UND DAS DUO INFERNALE
Der Elch-Sprung
Der Wasi-Bonus
Sag mal "Käsebrot"
Handtuch und warme Getränke
Basti kommt uns spanisch vor
Die Goldene Henne
Ösi und Piefke
Wappler beim Nightrace
10.FRIENDS WILL BE FRIENDS
Zwischen Frauenfußball und Goldschmieden
Der Star ist die Abfahrtsmannschaft
Denk an deine Familie …
Give him a big big hand
Wir schaffen das
Schlaf gut
11.PEKING
Die Mondlandung
Die Entdeckung des Bergschauers
Absolute Helmpflicht
Ohmm, ohmm!
Die Begegnung mit der dritten Art
Ein Hoch auf den Teamgeist
The trend is your friend
12.DIE GLORREICHEN ZEHN
OUTRO
DER AUTOR
mit Hannes Ringlstetter
Dass ausgerechnet ein Dortmunder Kindl zum Inbegriff bayerischer Sportkommentierung … jaja … gut … das hat er jetzt schon oft genug gehört, der Bernd Schmelzer, das lass ich jetzt einfach mal.
Also anders: Ich gestehe, dass ich bei Wintersportübertragungen beim Fernsehereinschalten stets hoffe, dass er sie mir kommentiert. Der Mann hinter dem kalten Wintermikrofon schickt mir nämlich immer wärmende Liebe für den Sport und die jeweilige Austragungsstätte in mein Wohnzimmer. Er kann so herrlich larmoyant über Leerlauf durch Unterbrechungen des Wettbewerbs reden („… jetzt versuchen sie, die Slalomstange wieder in den Boden zu bekommen … na ja, ist nicht so einfach … das sehen Sie ja … versuchen Sie das nicht zu Hause … gefährlich … sonst wären sie ja nicht zu viert …“) als auch euphorisch bis zur letzten Hundertstelsekunde Rennläufer ins Ziel schreien („Jetzt komm, Felix, du kannst es doch!“). Aber er ist nicht am Brüllen (so würde man das im Pott sagen), nein, das macht er nicht, der Bernd. Das überlässt er österreichischen Kollegen. Seine feste Stimme überschlägt nie.
Das finde ich angenehm. Dass er jetzt auch noch den „Bergschauer“ als Phänomen entdeckt hat, ihn zelebriert und selbst schon einer geworden ist, zeugt halt auch noch von einem umwerfenden Witz. Und in dieser Sache, behaupten einige, kenn ich mich wiederum einigermaßen aus. Und er ist für jeden Spaß zu haben, legendär seine Kommentierungen in der Ringlstetter-Show, denn auch da ist er zur Allzweckwaffe für Sporthumor geworden. Danke dafür, Bernd. Ich hab schon so viel gelacht über Formulierungen und Ansichten des rasenden Winterreporters Bernd. Ja, der Bernd Schmelzer ist also die heißeste Winterstimme, der professionellste Überzeugungstäter genauso wie der aufgeregteste Fan. Und für mich definitiv die Stimme des Wintersports. Und ein Spitzengeschichtenerzähler. Seine wichtigsten hat er jetzt aufgeschrieben. Und ich höre ihn sie mir erzählen beim Lesen. Das macht sie noch schöner.
Herzlichst
Hannes Ringlstetter
Sie können es ruhig zugeben. Sie haben den Titel gelesen und das Gleiche auch gedacht: „Ja, was macht er denn da?“
Jetzt schreibt er ein Buch. Aber es muss einfach sein. Einfach, weil es so viel zu erzählen gibt. Über dreißig Jahre im alpinen Skisport unterwegs. Mehr als die Hälfte meines Lebens. Das prägt. Und es begeistert mich weiterhin jeden Tag aufs Neue. Die Natur, die Menschen, der Sport. Es wäre übertrieben, von einer Sucht zu sprechen. Es hat einfach etwas Magisches. Etwas Einmaliges. Etwas Faszinierendes. Wetterkapriolen, Abenteuerreisen, die Marotten einiger Stars. Die spektakulären Rennen, die Siege und Niederlagen. So unglaublich viele Kuriositäten. Natürlich die wunderbaren Kolleginnen und Kollegen, die mich begleitet haben. Freunde fürs Leben. Menschen mit Emotionen für diesen Sport. Ich denke, Sie werden jeden einzelnen am Ende des Buches noch mehr zu schätzen wissen. Weil jeder so speziell ist.
verletzt in Garmisch
Deutsche Meisterschaften der Alpinen in Balderschwang. Tiefster Winter. Der Riedbergpass ist mal wieder gesperrt. Diese steile Bergstraße ist die Verbindung vom Tal (Fischen/Obermaiselstein) in das allseits bekannte „Bayerisch Sibirien“. Diese kleine Gemeinde Balderschwang mit ihren nur etwa 200 Einwohnern steht für maximale Schneesicherheit. Und zwar vom Spätherbst bis weit in den Frühling hinein. Zumindest zu dieser Zeit damals. Wie geschaffen eigentlich als Heimat des Bergschauers. Ein Hochtal in den Alpen, nur ein paar Meter von der Grenze nach Österreich. Auf den Bergschauer kommen wir erst etwas später zu sprechen. Er sei an dieser Stelle aber schon mal erwähnt. Der Zeitgenosse Bergschauer.
Auch an diesem Wochenende hat es extrem stark geschneit. Meterhohe Schneewände rechts und links der schmalen Straße. Der Ü-Wagen, das ist eine Art Lkw, in dem sich die Technik für die Übertragung der Beiträge befindet, kommt deshalb zu spät. Die Nervosität steigt von Minute zu Minute. Schließlich ist alles neu für mich, total neu. Ich darf zum ersten Mal für den Bayerischen Rundfunk (BR) live vor Ort berichten. Warum lässt man mich? Ganz einfach, ich bin in ebendiesem Balderschwang groß geworden. Geboren bin ich im Flachland, in Dortmund, weit weg von allen Skipisten. Wir zogen später ins Allgäu, als ich noch ein Kind war, Anfang der Siebzigerjahre. Ich bin dann in Fischen (Grundschule) und Oberstdorf (Gymnasium) zur Schule gegangen. Heißt: jeden Tag mit dem Schulbus über diesen ominösen Riedbergpass gefahren. Gerade im Winter war das immer eine sehr spezielle Geschichte. Es hat häufig richtig lange gedauert. Der Bus (obwohl mit Allradantrieb ausgestattet) musste aufgrund der Schneefälle Ketten aufziehen. Wir kamen prinzipiell IMMER zu spät in den Unterricht. „Ach, die Balderschwanger“, hieß es dann nach dem Öffnen der Klassenzimmertür. Für die „Qualifikation“ zur Berichterstattung über die Deutschen Meisterschaften der Alpinen hat das zwei unschlagbare Vorteile. Erstens: kurze Anreise. Zweitens: gute Ortskenntnisse. Das ist schon mal was. Und Ski fahren kann er auch ein wenig, haben sie in der Sportredaktion damals gesagt. Also: ran an die Arbeit!
Tatsächlich erledige ich meine Aufgaben an diesem Wochenende offenbar ganz ordentlich. Die Rennen können trotz wirklich widriger Verhältnisse, wegen des permanenten Schneefalls, abgewickelt werden. Ich sammle diverse Interviews ein, die Beiträge werden anschließend im Ü-Wagen zusammengeschnitten und vertont und am Ende dann nach München überspielt. Im BR-Hörfunk finden sich damals viele Abnehmer für Sportbeiträge. Und zwar auf allen möglichen Wellen. Von Bayern 1 bis Bayern 3. Der Wintersport hat zudem einen sehr hohen Stellenwert. Genau wie die regionale Berichterstattung. Es ist also einiges zu tun, im Rahmen dieser Deutschen Meisterschaften.
Im Januar 1992 erfahre ich, dass mich der Bayerische Rundfunk erstmals bei einem Weltcuprennen einsetzen will. Klingt super. Zumal im Alpinbereich zu der damaligen Zeit DIE Reporterlegenden schlechthin unterwegs sind und aus den verschiedenen Weltcup-Orten berichten. Ich sage nur: Gerd Rubenbauer, Kurt Schneider, Dieter Czermak und natürlich Franz Muxeneder. Später der Hörfunk-Sportchef, der Nachfolger des berühmten Fritz Hausmann. Muxeneder nimmt mich mit nach Kitzbühel, das ist das Mekka der Alpinen. Und ich darf mit auf die Pilgerreise zur heiligen Skipiste. Was für eine Geschichte. Dass ich diese Chance bekomme, ist einmalig. Ein enormer Vertrauensbeweis. Schließlich bin ich ja noch nicht sooo lange in der Sportredaktion. Die Wege in Kitzbühel sind allerdings weit, vom Zielraum bis zum Ü-Wagen-Stellplatz. Das Aufnahmegerät ist schwer. Sehr sogar. Du musst es durch die Menschenmassen schleppen.
An diesem Wochenende ist der Aufmarsch der Fans und der Medien besonders groß. Alberto Tomba zieht Radio-, TV- und Printjournalisten an wie die Erde die Schneeflocken. Der Italiener ist der Superstar der Szene. Beim finalen Slalom am Sonntag interviewe ich gerade Markus Wasmeier im Zielraum nach seinem Lauf. Der ist wichtig für die Kombinationswertung aus Abfahrt und Slalom. Der Wasi ist wie immer gut drauf und plaudert locker vom Hocker. Doch plötzlich bricht er ab. „Ich geh jetzt, da kommt der Alberto“, sagt er und rauscht von dannen. Als Jungspund im Weltcup bin ich verdutzt. Was hat er nur? Sekunden später weiß ich es, da ist das Chaos perfekt. „Aaaalbertoooooooo!“, schreien sie aus allen Ecken, vor, hinter und neben mir. Und dann sind sie da, die Italiener. Ich stehe ganz vorne am Holzzaun, hinter dem die Sportler vorbeilaufen. Von hinten schieben und drücken sie. Alle wollen zu Aaaaaalbertoooo. Irgendwie. Ein, zwei robben über die Schultern aller anderen nach vorne, also auch über meine. Keine Chance zu entkommen. Ich werde gegen den Zaun gedrückt, der Druck wird immer größer. Meine Hüfte und einer der Zaunpfosten sind längst organisch zu einer Einheit geworden. Das Aufnahmegerät liegt im Schnee. Auch ich reiße das Mikro nach oben und schreie: „Aaaalbertooooo!“, denn auch ich will ihn ans Mikrofon holen. Das klappt: „Grüße nach Deutschland und Bussi für Freundin“, ruft er hinein.
Nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei. Immerhin habe ich einen Satz von Tomba auf Band, denke ich. Was dann auch sehr positiv in der Redaktion ankommt. Franz Muxeneder bastelt noch die letzten Beiträge zusammen. Einige Teile aus den Interviews werden da integriert. Dann geht es am Nachmittag wieder Richtung München. Die Rückfahrt ist eine Qual. Mein Treffen mit dem Zaun hat Spuren hinterlassen. Sitzen ist kaum möglich, Stehen im Auto erst recht nicht. Zugeben will ich die Pein natürlich nicht. Auf anfängliche Fragen nach meiner etwas unrunden Gangart Richtung Parkplatz antworte ich immer mit voller Überzeugung: „Geht schon, kein Problem.“ In meiner Studentenbude suche ich später nach einer Salbe. Die Hüfte schmerzt fürchterlich. Bei meinem ersten Einsatz in Kitzbühel lerne ich: Ski ist aua! Das gilt nicht nur für Fahrer, sondern auch für Reporter. Am nächsten Morgen ist meine Haut um die Hüfte dunkelblau. Laufen ist nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Ich brauche nun doch Hilfe. Der Hausarzt diagnostiziert eine schwere Prellung. „Wohl die Treppe heruntergestürzt?“, fragt er. „Nein, Interview mit Tomba“, sage ich. „Na logisch“, antwortet er und lacht. Der Mann glaubt mir offenbar nicht. Was soll er auch mit dem Begriff „Tomba“ anfangen. Ist nur allzu verständlich. Aber: Kitzbühel hat bei mir von Anfang an einen bleibenden Eindruck hinterlassen, was körperliche Anstrengungen, außergewöhnliche Leistungen, Spektakel auf Ski und damit sehr besondere Momente für einen Ski-Reporter bedeuten.
Ein paar Jahre später ist es dann der Rücken. Passiert in Alta Badia in den Dolomiten, mitten in der Nacht. Ich arbeite inzwischen auch für das BR Fernsehen. Um 2.30 Uhr rücken wir mit dem Kamerateam aus. Die Piste soll rennfertig gemacht werden. Das wollen wir den Fernsehzuschauern natürlich auch zeigen. Die warmen Temperaturen haben der Strecke zugesetzt. Die geeignetste Maßnahme, das Rennen zu sichern, ist es, mit Wasser und Schneebinder die Unterlage auszuhärten. Ein aufwendiges Unterfangen. Erst wird gewässert mit einem Feuerwehrschlauch. Dann kommt das Tretkommando und stampft mit Skischuhen die Piste von oben bis unten durch. Dazwischen wird der sogenannte Schneezement gestreut. Heutzutage verwenden die Veranstalter teilweise auch ganz simples Brezn-Salz. Ist wirklich so. Arbeitsintensiv, aber es funktioniert. Auf die Piste dürfen wir nur mit Stirnlampen, es ist ja noch stockfinster um diese Zeit. Renndirektor Günter Hujara mahnt zur Vorsicht. „Aufpassen, da vorne ist es ziemlich ruppig. Da sind die Pistenraupen auch noch reingefahren.“ Kein Problem, denke ich noch – und Sekunden später ist es schon passiert. Hängen geblieben in einem größeren Schneeloch. Und ab geht die Post, den ganzen Steilhang hinunter. Es rumpelt, schlägt, kopfüber, rücklings. Bis es endlich aufhört. Immerhin: Mir ist nichts passiert. Patschnass, aber einigermaßen unversehrt, geht es weiter mit den Dreharbeiten.
Hujara grinst, als er mich später wiedersieht. „Spektakulär, hoffentlich haben es deine Kollegen gefilmt!“, lacht er. Haben sie nicht. Glücklicherweise. Der Hausarzt, der zwei Tage später die blauen Flecken am Rücken untersucht, fragt, ob ich wieder Tomba interviewt hätte. Viele Jahre nach dem ersten Vorfall. Inzwischen weiß er, wer ich bin.
Aua muss natürlich aber nicht zwangsweise etwas mit Brüchen oder größeren Verletzungen zu tun haben. Aua geht auch anders. Juckt mich nicht, werden Sie denken. Doch, doch. Auch Jucken kann aua sein. Irgendwann. Passiert im Januar 2004. In Megève. Mein einziger Einsatz in diesem Weltcup-Ort, deshalb ist er unvergessen. Als ich nach längerer Anreise am Hotel ankomme, die Hiobsbotschaft. Kein Zimmer mehr frei. Doppelbelegung. Sorry. Die letzte Rettung in so einem Fall ist mal wieder Wolfgang Maier, damals Cheftrainer der Frauen. Wir kennen uns seit vielen Jahren. Und es wird später noch häufiger von ihm die Rede sein. Hier in Megève unterstützt er mich bei der Zimmersuche, was gar nicht so einfach ist. Aber durch seine hervorragenden Kontakte in der Szene findet sich eine kleine Unterkunft für mich für die nächsten Nächte. Zu dieser Zeit sind in Frankreich, aber auch anderswo auf der Welt, Wolldecken der Standard, eingewickelt in ein Bettlaken, um den direkten Kontakt zur Haut zu vermeiden. Durch meine offenbar etwas unruhige Art zu schlafen, gelingt es nicht ganz, Körper und Wolldecke sauber voneinander zu trennen. Mit nachhaltiger Auswirkung. Zurück in München fängt es später an, fürchterlich zu jucken. Ausschlag am ganzen Körper. Die einzige Lösung: ein Besuch beim Hautarzt. Normale Mittelchen helfen nämlich überhaupt nicht weiter. Die Therapie zieht sich über rund zwei Wochen. Salben, Tabletten, alles, was den Juckreiz eben so lindern soll und dabei hilft, den Ausschlag zu bekämpfen. Ein ziemlich mühsames Unterfangen. Und deshalb unvergessen. Viel gekratzt, immer wieder geblutet. Aber so ist es halt. Ski ist aua! Aber das Aua ist nichts gegen Spaß und Freude, die ich auf und neben der Piste habe, privat und beruflich. Bis heute. Ich liebe diesen Sport und meinen Beruf! Weil es einfach nichts Vergleichbares gibt.
Weniger lustig ist ein Vorfall 1999. Anlässlich der alpinen Ski-WM in Vail im US-Bundesstaat Colorado. Der Ort befindet sich auf rund 3.000 Meter Höhe. Dort zu sein, ist anstrengend. Zudem haben sich einige aus unserem Team eine leichte Erkältung eingefangen. Um die Abwehrkräfte des eigenen Körpers zu steigern, essen wir sehr viel Obst. Allerdings kommen auch diverse Vitamine hinzu, die man in den USA in jedem Supermarkt kaufen kann. „Viel hilft viel“ – das ist ja ein bekanntes Motto. Von daher versuche auch ich, mich daran zu halten. Ich besorge mir Vitamin C, D, Zink etc. pp. Ein vorbeugendes Medikament gegen Erkältung gönne ich mir noch obendrauf. So wird’s sicher was.
Stunden später: Während eines Interviews mit der Österreicherin Anita Wachter geschieht etwas, was mir niemals zuvor passiert ist und auch hoffentlich niemals wieder passieren wird. Mitten im Satz kann ich nicht mehr reden. Ich bewege die Lippen. Mache den Mund auf und zu, aber es kommt kein Wort dabei heraus. Anita Wachter bleibt ganz cool und versichert: „Kein Problem.“ Die Kollegen entschuldigen sich für mich und bringen mich sofort zum deutschen Mannschaftsarzt. Im Schneesturm gehen wir quer durch Vail. Der erste Eindruck des Doktors, der alle typischen Tests mit mir macht: keine Anzeichen für einen Schlaganfall, Herzkollaps oder sonst etwas in dieser Richtung. Aber er will auf Nummer sicher gehen und schickt mich sofort ins Krankenhaus, das örtliche Vail Medical Center. Berühmt für seine besonders erfolgreichen Kreuzbandoperationen. Jeder aus der Sportszene, der sich diese Art der Knieverletzung zugezogen hat, kommt zu Dr. Richard Steadman, hierher nach Vail. Er hat zu der damaligen Zeit eine besondere Technik entwickelt, die Bänder wieder zusammenzuflicken. Aber das ist ja nicht mein Problem. Die Bänder im Knie sind okay. Es könnte sich maximal um die Stimmbänder handeln.
Lambert Dinzinger, mein damaliger Redaktionsleiter, begleitet mich. Wir gehen zur Patientenaufnahme, innere Abteilung. Er übernimmt die komplette Kommunikation. Ich kriege nämlich weiterhin kein Wort raus. Inzwischen ist das unfassbar frustrierend. Beängstigend. Denn ich verdiene mein Geld mit dem gesprochenen Wort. „Cash or credit card?“ So lautet die einfühlsame Frage am Empfang des Medical Centers. Als wir hören, was es in etwa kostet, ist die Entscheidung klar: Kreditkarte. Der Kostenvoranschlag für die Untersuchung wird auf rund 2.000 Dollar taxiert. Ich muss in die Röhre. Der Kopf soll per Computertomografie genau angeschaut werden, sozusagen durchleuchtet.
Ich habe richtig die Hosen voll, bin völlig aufgelöst. Kann es aber niemandem mitteilen. Doch man sieht es mir an. Lambert tröstet mich immer wieder. „Wird schon nicht so schlimm sein“, meint er. Wie Jahrzehnte später Bundeskanzlerin Angela Merkel ist er der festen Überzeugung: Wir schaffen das! In der Röhre ist es laut. Es hämmert. Ich muss mich zwingen, nicht pausenlos zu weinen. Augen zu und durch. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es vorbei. Dann warten. Was ist wirklich los? Was haben sie gefunden? Der deutsche Mannschaftsarzt ist auch ins Medical Center gekommen. Wahnsinn. Alles wegen mir. Er unterstützt uns, wo es geht, spricht mit den Ärzten, lässt sich alles erklären. Dann teilt er die erste Diagnose mit: „Sie haben gar nichts gefunden in deinem Kopf, nicht mal das Gehirn!“ Alle lachen. Auch ich. Das tut gut.
Immerhin: Ausgeschlossen sind nun Schlaganfall, Tumor oder sonst etwas Schlimmes. Der Teamarzt und Lambert bringen mich in mein Zimmer mit der klaren Ansage: keine weiteren Vitamine durcheinander, keine anderen Medikamente aus dem Supermarkt! Dafür ein paar kleine Kügelchen im Mund zergehen lassen. Alle zwei Stunden. Und absolute Ruhe bewahren. Sehr spät in der Nacht kommt langsam die Sprache zurück. Viel trinken haben sie mir auch empfohlen. Ich brabbele etwas vor mich hin, weil ich wieder mal auf die Toilette muss und merke: Hoppla, mit der Stimme tut sich was!
Am nächsten Morgen bin nicht nur ich erleichtert, alle sind es. Mir geht es deutlich besser. Aber es ist noch nicht perfekt. Natürlich haben sofort Gerüchte um meine Gesundheit die Runde gemacht. Die Ferndiagnosen gehen von „ganz fürchterlich“ bis „ganz unproblematisch“. Viele Menschen sprechen mich an. Schauen mehr oder weniger besorgt, fast ängstlich, wenn ich den Raum betrete. Ein Kollege des ZDF hat Tage zuvor etwas Ähnliches erlebt. Beim Skifahren einfach zusammengebrochen, mitten auf der Piste. Die extreme Höhe setzt einem einfach zu. Und vor allem trinken wir viel zu wenig. Das ist nämlich das Geheimnis: viel trinken. Den ganzen Tag über. Immer wieder. Wasser am besten. Diejenigen, die aus Bayern stammen, sind mit der Flüssigkeitsaufnahme auch in anderer Form natürlich sehr gut vertraut (was nicht bedeuten soll, dass der Westfale als solcher sich nicht auch damit auskennen würde …). Aber das gesündeste Getränk auf über 3.000 Meter Höhe ist halt das schnöde Wasser.
Zurück zur dramatischen Thematik um meinen „Sprachausfall“. Fürchterlich? Unproblematisch? Im Nachhinein würde ich es irgendwo in der Mitte einordnen. Denn erst Tage später ist die Ursache wirklich geklärt. Es handelte sich um eine Überreaktion als Folge der Einnahme deutlich zu vieler verschiedener Vitamine und Medikamente, die sich miteinander überhaupt nicht vertragen haben. Hintergrund: In den USA kann man Medikamente, gerade Mittel gegen Grippe etc., im Supermarkt kaufen. Und damit haben wir uns damals auch eingedeckt. Eben nach dem zuvor genannten Motto „Viel hilft viel“. Vitamine, Zink, Hustenlöser, was gegen Halsweh, alles durcheinander, irgendeine Kapsel wird das leichte Kratzen im Hals schon beenden. Anstatt einfach ein paar Liter Wasser runterzuschütten und den ganzen Körper mal ordentlich durchzuspülen. Es kann so einfach sein, das Leben. Egal. Die Blutproben wurden quer durch die USA geschickt, um abschließend zu klären, was es mit meiner „Sprachlosigkeit“ auf sich hatte. Irgendwann kam dann die Diagnose, die mir über den DSV-Mannschaftsarzt fachmännisch erläutert wurde. Vitaminöse und medikamentöse Unverträglichkeit und eine daraus resultierende Überreaktion, laienhaft beschrieben. Völlig verrückt: Noch Wochen danach kamen Rechnungen von irgendwelchen Labors zwischen der Ost- und der Westküste der Vereinigten Staaten zu mir nach Deutschland. Erst anhand dieser Schreiben ist es dann nachvollziehbar gewesen, welche Route meine Proben und Daten hingelegt hatten. Die Ergebnisse der Untersuchung habe ich mir aufgehoben. Eine interessante Erinnerung. Fazit: Auch wenn ich damals noch nicht einmal die drei Wörter in der richtigen Reihenfolge sagen konnte – ich erfuhr wieder einmal am eigenen Leib: Ski ist aua!
Und Ski bleibt aua. Ich bin da ein Paradebeispiel. Schon als Jugendlicher habe ich einige kapitale Stürze hingelegt. In der Schule, im Skilager. Oder am Wochenende, beim privaten Skifahren mit den Kumpels in Balderschwang. Durch mein Engagement bei der Bergwacht konnte ich mir teilweise selber helfen, wenn wieder irgendetwas außer Kontrolle geraten war. In Garmisch, beim Weltcup 2003, bin ich mit meinem Latein und den Selbstheilungskräften jedoch am Ende. Kreislaufprobleme, akute obendrein. Offenbar leichenblass stehe ich bei der Besprechung, als einige Kollegen darauf aufmerksam werden. Sofort kommt der Sanitätsdienst. Der Arzt hängt in der Kommentatorenkabine einen Tropf mit Kochsalzlösung auf. „Vielleicht nicht zu wild kommentieren“, schmunzelt er. Na, das ist ja mal eine Ansage. Ganz vorsichtig taste ich mich also an das Rennen heran. Extrem komische Situation. Mit einer Nadel im Arm. Aber gut, anders geht es halt nicht. So zwischen 75 und 85 Minuten dauert eine Übertragung in der Regel, je nachdem, wie viele Läufer übertragen werden. Danach kommt der Sanitätsdienst wieder. Nadel raus, ab nach Haus … Alleine fahren am Nachmittag kann ich aber immer noch nicht. Zu unsicher und damit zu riskant. Zwei Tage später geht’s dann wieder. Woher das alles kam? Keine Ahnung. Stress, etwas Falsches gegessen oder womöglich, wenn auch unwahrscheinlich, zu wenig gegessen. Es ist auch im Nachhinein nicht zu klären.
Ein paar Jahre danach lande ich dann sogar im Garmischer Krankenhaus. Schnittwunde im Gesicht. Ich muss genäht werden. Passiert ist es nicht auf der Piste, sondern nach der Besichtigung der Rennstrecke, auf dem Parkplatz am Fuße der Kandahar. Ausgerutscht auf einer Eisplatte in der Nähe des Bahnübergangs. Den frisch präparierten Ski habe ich mir dabei selbst mit einer relativ ungelenken Bewegung an einer Stelle über das Gesicht gezogen, ohne zunächst überhaupt etwas zu merken. Als ich ein paar Schritte später dann Bluttropfen auf meinem Anorak sehe, spricht mich auch schon ein Mitarbeiter der Ü-Wagen-Crew an. „Was ist denn bei dir los?“, meint er. „Schau mal in den Spiegel. Du blutest stark.“ Und wen rufen wir an? Na klar, die Bergwacht und den Sanitätsdienst. Geschichte wiederholt sich nicht, heißt es. Doch, sie wiederholt sich schon.
Notdürftig verbunden kann ich zumindest mal das Rennen übertragen. Da es sich um einen Arbeitsunfall handelt, muss ich aber am frühen Nachmittag ins Krankenhaus. Notaufnahme. Kenne ich bislang so nicht. Nie drin gewesen. Aber geht halt nicht anders. Nachdem nur wenige andere akute Verletzungen zu behandeln sind, komme ich auch gleich dran. Der Arzt ist sehr entspannt. „Mit ein paar Stichen bekommen wir das wieder hin, ist nicht besonders tief, die Wunde.“ Kurze lokale Betäubung. Dann geht’s los. Der Cut wird zusammengeflickt. Sind wirklich nur wenige Stiche. Als der Arzt fertig ist, bitte ich ihn noch um ein Foto. „Dramatische“ Bilder für die sozialen Netzwerke. Das hatten mir die Kollegen vor der Fahrt ins Krankenhaus noch mitgegeben. „Unbedingt Fotos machen, die laufen super bei Insta!“ Willkommen in der wunderbaren neuen Welt … Mit dem Hinweis, ich solle „bitte die Wunde nicht allzu stark strapazieren, also eher weniger als mehr reden“, verlasse ich das Krankenhaus wieder. Der sprachlose Kommentator ist zurück in der Spur! Erinnerungen werden wach. Dieses Mal ist der Grund für die überschaubare Kommunikation aber eindeutig. Und zwar eindeutig zu sehen. Also ab ins Hotel. Schnell aufs Zimmer. Pause. Abends essen gehen ist auch nicht drin, ich soll ja die Wange möglichst wenig Bewegung aussetzen. Was der allgemeinen körperlichen Verfassung sogar ganz guttut. Abmagern werde ich sicher nicht. In der Nacht lege ich mich vorsichtig auf die der Wunde abgewandten Seite ins Bett. Und am nächsten Morgen geht es wieder weiter. Der Berg ruft. Besichtigung. Danach die Live-Reportage. Alles unverletzt überstanden. Danke, Garmisch, für die tolle Betreuung! Ein paar Wochen später zieht übrigens ein langjähriger Freund die Fäden. Er ist Chirurg in Ludwigsburg. Wir kennen uns seit der Kindheit aus Balderschwang. Wir waren da jahrelang gemeinsam bei der Bergwacht (ich komme gleich etwas ausführlicher darauf zurück). Dort hat seine Familie ein kleines Ferienhaus. Und genau in diesen Räumen findet die „Nach-Operation“ statt. Mit Pinzette und Rum. Desinfizieren will gelernt sein. Aber dieser Mann weiß ganz genau, was er tut!
Schattenspiele
Weil wir gerade auch beim Thema „Balderschwang“ sind. Kann sich jemand, der im fußballversessenen Dortmund geboren wurde und dort etwa neun Jahre seines Lebens verbracht hat, kann sich dieser jemand jemals für den alpinen Skisport begeistern? Ja, er kann. Yes, he can! Zumal dann, wenn dieser jemand ausgerechnet in einen Ort übersiedelt, den viele nur „Bayerisch Sibirien“ nennen. Balderschwang registriert das Jahr über mehr Niederschläge als das für seinen Regen bekannte Hamburg. Im Winter bedeutet das: Schnee, viel Schnee, selbst im Herbst oder Frühjahr. Mehr Winter geht nicht. Hier sich nicht für Schnee oder Skifahren zu interessieren respektive sich zu begeistern, käme einem Leugnen des Sandes in der Wüste Gobi gleich. Es ist sozusagen unmöglich.
Von daher wird auch der tiefste Westfale schnell Skifan. Noch mehr natürlich in jungen Jahren. Der Schnee hat mich geprägt: meterhohe Wände beim Verlassen des Hauses auf dem Weg zum Schulbus. Ja, das gab es wirklich, Mitte der Siebziger- und auch in den Achtzigerjahren. Und zwar regelmäßig. Und dann ist da dieser gefürchtete, steile, kurvige und in der Regel im Winter nur mit Ketten zu befahrende Riedbergpass zwischen Balderschwang und Obermaiselstein – viele sagen, zwischen Balderschwang und dem Rest der Welt. In meiner Jugend haben Freunde und ich verzweifelte Versuche unternommen, mit einem Mofa dieses „Monster“ zu bezwingen. Sie können sich vorstellen, wie erfolgreich das war. Später dann mit den Auto. Auch das hat einen vor extreme Herausforderungen gestellt. Aber: Das Kettenmontieren wird einem somit quasi in die Wiege gelegt. Und so ganz nebenbei hat es auch die eine oder andere D-Mark in die Kasse gespült (an den Euro dachte da noch niemand …). Skitouristen mit größeren Autos sind immer wieder an der ersten, spätestens an der zweiten Steigung hängen geblieben.
Ich erinnere mich noch genau an eine Familie aus Düsseldorf. Der Vater steht vor seinem Auto, wild gestikulierend. Wütend. Er ist völlig außer sich. Ein Bekannter und ich fahren mit dessen Allrad-Pkw fast ein wenig schadenfroh vorbei. Halten dann aber an, um zu helfen. Der Mann versteht die Welt nicht mehr. Was für ein Mist, er habe doch alles richtig gemacht, die gerade neu gekauften Ketten sind aufgezogen, aber es geht nicht mehr weiter. Was er falsch gemacht hat? Die Lösung ist genauso einfach wie amüsant. Er hat die Ketten auf die Vorderräder aufgezogen. Das Auto hat allerdings Hinterradantrieb. Das kann natürlich nicht funktionieren. Schnell montieren wir die Ketten auf die richtigen Reifen. Dann setzen wir uns alle, bis auf den Fahrer, in den Kofferraum. So viel Gewicht wie möglich, damit es beim Anfahren keine Probleme gibt. Zwei Kurven später wird es flacher, die Urlauber schaffen es jetzt auch ohne uns auf den letzten zehn Kilometern ins bayerische Sibirien. Merke: Nicht immer ist dort, wo sich der Motor im Auto befindet, auch der Antrieb! Gerade im Winter hilft das häufig weiter. Das Trinkgeld reicht übrigens für einen gemütlichen Abend an der Skibar. Na bitte
