Bilderbuch aus meiner Knabenzeit - Justinus Kerner - E-Book

Bilderbuch aus meiner Knabenzeit E-Book

Justinus Kerner

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Beschreibung

Justinus Kerner war ein deutscher Dichter, Arzt und medizinischer Schriftsteller. Diese Autobiografie beschreibt seine Jugendzeit, die er u.a. im Kloster Maulbronn verbrachte.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Bilderbuch aus meiner Knabenzeit

Justinus Kerner

Inhalt:

Justinus Kerner – Biografie und Bibliografie

Bilderbuch aus meiner Knabenzeit

Vorrede

Meine Geburt und erstes Leben in Ludwigsburg

Die Zeit Herzog Karls

Schiller im Jahre 1793 in Ludwigsburg. - Seine Verteidigung Herzog Karls. - Gutmütige Züge aus dem Leben dieses Fürsten

Die Zeit Herzog Ludwigs

Meine Voreltern

Mein Bruder Georg

Freundschaftliches Verhältnis meines Bruders mit Adam Lux

Rückkehr meines Bruders Georg nach Ludwigsburg über die Schweiz

Mein Bruder Louis

Mein Bruder Karl

Die französischen Emigranten in Ludwigsburg und mein weiteres Knabenleben daselbst

Weiteres Leben um jene Zeit

Der Kapellmeister Poli

Der Bürgermeister Kommerell

Der Rathausdiener Michel

Der Oberamtsdiener Vogel

Die Rakete auf dem Küchenherde

Des Vaters Humor

Die Öde Ludwigsburgs nach dem Tode Herzog Ludwigs

Abschied von Ludwigsburg und Zug nach Maulbronn im Jahre 1795

Mein Leben zu Maulbronn. Seine Lehrer, seine Kreuzgänge und Klosterkirche

Der Klosterzwinger

Freund Gottfried und seine Eltern

Basen und Schwestern

Der Kutscher Matthias

Die Klostermauer und ihre Ameisenlöwen

Die Oberamtei

Die Kreuzgänge

Die Sommerkirche

Das Dorment und seine Bewohner

Die alte Stiftungstafel des Klosters

Die Klosterprediger

Die Prälatin mit dem Eulenkopfe

Die Prälaturgänge und die Klosterkutsche mit dem Prälaten Weiland

Der alte Geisterspuk in der Prälatur

Doktor Faust und sein Freund Prälat Entenfuß

Mein Aufenthalt in Knittlingen

Rückkehr nach Maulbronn beim Erscheinen der Franzosen

Der Professor im Kamine

Die Franzosen in der Oberamtei

Die Sauvegarde. Meine und meines Vaters Gesinnungen gegen die Franzosen. Mein Bruder Karl

Mein Erkranken

Aufenthalt in Brackenheim

Der St. Michaelsberg

Erste kindliche Naturforschung

Die Reise nach Heilbronn und der Wunderdoktor

Das amerikanische Nilpferd

Ein wunderlicher Tänzer

Der Magnetiseur Gmelin

Das Rosengärtchen am Kirchhofe

Die magnetischen Träume und die allmählige Genesung

Zurückkunft nach Maulbronn

Die künftigen Verwandten

Der Bauer Rapp

Mein Bruder Georg mit Reinhard in Maulbronn

Meines Vaters Erkranken

Des Vaters Tod

»Liebste Ehefrau!

Rückkehr nach Ludwigsburg

Mein Bruder Karl im Jahre 1799 und meine Schuljahre und Knabenzeit in diesem Jahre

Mein Bruder Georg in Italien

An den Ufern des Anio

Mein Bruder Louis und der Aufstand in Knittlingen

Mein Bruder Karl und die Arretierungen in Ludwigsburg

Hegels Schwester

Schule und Schulkameraden

Anwesenheit der Franzosen und meines Bruders Georg in Ludwigsburg

Knabenspiele im Winter

Die Camera obscura im Mondenscheine

Der Dichter Conz

Die Zeit meiner Konfirmation

Mein Aufenthalt auf dem Komptoir der Tuchfabrik in Ludwigsburg

Gedichte aus dem Knabenalter

Ein verlorengegangenes Lustspiel

Die Originale in Ludwigsburg

Der närrische Hausschneider und Jung Stillings Vorübergehen

Die Irren

Handarbeiten und weitere Beschäftigung meines Geistes während derselben

Spaziergänge. - Die Veste Asperg, Wolf und Bilfinger. - Studium der Natur

Der Chemiker Staudenmayer und seine Freunde

Die Frau von Gaisberg und ihre Katzen

Herr von Üxküll

Die Malerin Simanowitz und zwei andere Freunde

Von meinen Geschwistern um jene Zeit.

Meine Schwester Wilhelmine

Mein Bruder Karl

Mein Bruder Georg in Schweden

Meines Bruders Georg Schreiben aus Lund vom 6. August 1802

Mein Gang auf die Universität

Eine Zugabe - Ferneres Leben meines Bruders Georg bis zu seinem Tode

Beim Erblicken von Stuttgart am 1. Juni 1830

Bilderbuch aus meiner Knabenzeit, J. Kerner

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

86450 Altenmünster, Loschberg 9

Deutschland

ISBN:9783849629212

www.jazzybee-verlag.de

www.facebook.com/jazzybeeverlag

[email protected]

Justinus Kerner – Biografie und Bibliografie

Dichter und medizinischer Schriftsteller, geb. 18. Sept. 1786 in Ludwigsburg, gest. 21. Febr. 1862 in Weinsberg, erhielt seine Erziehung im Kloster Maulbronn, sollte wider seine Neigung Kaufmann werden, bezog 1804 die Universität Tübingen, um Medizin und Naturwissenschaften zu studieren, und schloß dort mit Uhland und G. Schwab innige Freundschaft. Nach Beendigung seiner Studien begab sich K. 1809 auf Reisen und lebte längere Zeit in Hamburg, Berlin, Wien u. a. O. Die Briefe, die er während dieser Zeit an die Freunde schrieb, bilden die »Reiseschatten von dem Schattenspieler Lux« (Heidelb. 1811; vgl. Gaismaier in der »Zeitschrift für vergleichende Literaturgeschichte«, Bd. 13 u. 14, Berl. 1899–1900), das bedeutendste dichterische Erzeugnis Kerners, dem herrliche Lieder und dramatische Szenen voll seltenen, phantastischen Humors eingewebt sind. Zurückgekehrt, kam K. als Badearzt in das Wildbad und schrieb hier: »Das Wildbad im Königreich Württemberg« (Tübing. 1813, 4. Aufl. 1839). Auch gab er mit Uhland, Schwab u. a. den »Poetischen Almanach« (Heidelb. 1812) sowie den »Deutschen Dichterwald« (Tübing. 1813) heraus, der die schönsten, frischesten und sangbarsten Gedichte Kerners und Beiträge von Uhland, Schwab, K. Mayer, Eichendorff u. a. enthält. Es folgten: »Romantische Dichtungen« (Karlsr. 1817). 1818 nach Weinsberg als Oberamtsarzt versetzt, baute er sich an dem Fuße der alten Burg Weibertreue an. Hier beschrieb er in anmutiger und altertümlicher Sprache »Die Bestürmung der württembergischen Stadt Weinsberg im J. 1525« (Öhringen 1821, 2. Aufl., Heilbronn 1848) und lieferte die medizinische Schrift »Das Fettgift, oder die Fettsäure und ihre Wirkungen auf den tierischen Organismus« (Stuttg. 1822). Von Einfluß auf seine geistige Richtung wurden seine Erfahrungen auf dem Gebiete des tierischen Magnetismus. Von der Beobachtung einiger Fälle dieser Art, wie er sie in der »Geschichte zweier Somnambülen« (Karlsr. 1824) beschrieb, schritt er schnell weiter und gelangte in der »Seherin von Prevorst« (Stuttg. 1829, 2 Bde.; 6. Aufl. 1892), in den mit Eschenmayer herausgegebenen »Blättern aus Prevorst« (1.–7. Samml., Karlsr. 1831–35; 8.–12. Samml., Stuttg. 1836–39; fortgesetzt als »Magikon«, das. 1842–53, 5 Bde.; »Mitteilungen« daraus, mit Erläuterungen von H. Barth, Bitterf. 1902 ff.), den Schriften: »Geschichten Besessener neuerer Zeit« (Karlsr. 1834, 2. Aufl. 1835), »Eine Erscheinung aus dem Nachtgebiet der Natur« (Stuttg. 1836) und »Nachricht von dem Vorkommen des Besessenseins« (das. 1836) zur ernsthaften Behauptung des Hereinragens der Geisterwelt in die irdische. Daß K. übrigens auch Momente hatte, wo er von dem ihn sonst beherrschenden Hang zum Dämonismus frei war und mit dem Spuk selbst Spott treiben konnte, beweist sein wunderliches Drama »Der Bärenhäuter im Salzbade« (Stuttg. 1837), das nur als Persiflage des ganzen Geisterkrams verständlich wird. Fast ganz erblindet, legte K. 1851 Amt und Praxis nieder. König Ludwig I. von Bayern hatte dem Dichter einen kleinen Jahrgehalt ausgesetzt, dem König Wilhelm von Württemberg 1853 noch eine Summe zulegte. Kerners Lyrik hat sich wie diejenige Uhlands am Volkslied herangebildet; während aber Uhland klar und plastisch ist, waltet bei K. mehr das Phantastische und die Versenkung in dunklere Seelenregungen vor. Seine Muse zeigt sich am eigentümlichsten da, wo sie das gegebene Menschliche verflüchtigt und im Dufte der Sehnsucht in das Unendliche aufsteigen läßt; daher ist der Grund seiner Poesie wehmütiger und ernster als im Volkslied. Übrigens tragen alle seine Lieder den wahrhaften Charakter des Liedes: sie sind schlagend, kurz, voll Seele und überraschender, zuweilen freilich seltsamer Bilder. Die Romanzen suchen das Schaurige, Geisterhafte. Seine Dichtungen in ungebundener Rede und in dramatischer Form haben einen hier und da auch in den Gedichten vorklingenden kernigen Humor und mitunter scharfen Witz. Eine Sammlung seiner »Gedichte« erschien zuerst Stuttgart 1825 (5. verm. Aufl. u. d. T.: »Lyrische Gedichte«, 1854), seine »Dichtungen«, die auch die »Reiseschatten«, den »Bärenhäuter« u. a. in Prosa enthalten, daselbst 1834 (3. vermehrte Aufl., das. 1841, 2 Bde.). Eine anmutige Schilderung von Kerners Jugendjahren enthält sein »Bilderbuch aus meiner Knabenzeit« (Braunschw. 1849; 2. Abdruck, Stuttg. 1886; auch Frankf. a. O. 1893). Auch gab K. »Gedichte von Johann Lämmerer, einem Weber in Gschwend« (Gmünd 1820) heraus. 1853 veröffentlichte er eine Schrift: »Die somnambulen Tische«, und dann: »Franz Anton Mesmer aus Schwaben« (Frankf. a. M. 1856). Mit dem »Letzten Blütenstrauß« (Stuttg. 1852) wollte der Dichter von der Poesie Abschied nehmen, doch folgte noch eine neue Sammlung lyrischer Gedichte u. d. T.: »Winterblüten« (das. 1859). 1895 wurde ihm in Stuttgart auf dem Kernerplatz ein Denkmal errichtet (Porträtbüste von Gaeckle). Seine »Ausgewählten poetischen Werke« erschienen in 2 Bänden (Stuttg. 1878) und später noch: »Kleksographien« (das. 1890). Vgl. Marie Niethammer (Kerners Tochter), J. Kerners Jugendliebe und mein Vaterhaus (Stuttg. 1877); Reinhard, J. K. und das Kernerhaus zu Weinsberg (2. Aufl., Tübing. 1886); K. Mayer, L. Uhland, seine Freunde und Zeitgenossen (Stuttg. 1867, 2 Bde.), mit Briefen und Gedichten Kerners; D. Strauß, Gesammelte Schriften, Bd. 1 (Bonn 1876); du Prel, J. K. und die Seherin von Prevorst (Leipz. 1886); Theobald Kerner (s. unten), Das Kernerhaus und seine Gäste (Stuttg. 1894), und den von Theobald K. herausgegebenen »Briefwechsel J. Kerners mit seinen Freunden«, mit Einleitung etc. von E. Müller (das. 1897, 2 Bde.).

Bilderbuch aus meiner Knabenzeit

Die Kindheitserinnerungen des schwäbischen Dichters Justinus Kerner, Bilderbuch aus meiner Knabenzeit, erschienen im Jahre 1849. Ihr Leben lang sind Ludwig Uhland und Justinus Kerner Freunde gewesen. Das Haus Kerners in Weinsberg ist jahrelang der Treffpunkt der schwäbischen Dichter gewesen. In seinem Buch Bürger und Poet. Dichter aus Schwaben als Menschen ihrer Zeit schreibt Peter Lahnstein: »Ein großer Dichter ist Justinus Kerner nicht gewesen; aber eine höchst poetische Existenz. Traumhaft, märchenhaft, gespenstisch sein ganzes Leben, seine Lebensumstände. Ein geheimnisvoller Mann ...« Lahnstein schreibt weiter, daß das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit zu den schönsten Zeugnissen gehöre, die Dichter von ihrer Kindheit gegeben haben, und er stellt es als ebenbürtig neben die Kindheitskapitel in Goethes Dichtung und Wahrheit und den ersten Teil des Grünen Heinrich.

Vorrede

Vielen, die mir in diesem Leben zu Freunden und Bekannten wurden, möchte ich diese Blätter, Erinnerungen aus meiner Knabenzeit, zum freundlichen Andenken hinterlassen.

Zwar können sie ihnen aus meinem eigenen Leben nur Weniges bieten. Das Leben eines Knaben, meistens nur in ruhigen Verhältnissen, im Schoße und Schutze der Eltern, bietet wohl wenig Außergewöhnliches dar, aber ich betrachte hier mein eigenes Leben auch nur als einen Faden, an den sich Bilder aus dem denkwürdigeren Leben Anderer, die mich damals berührten, anreihten, wie z.B. aus dem Leben meines Bruders Georg. Der bewegteste Teil seines Lebens fiel in meine Knabenzeit, die Zeit der ersten französischen Revolution. Von der Akademie zu Stuttgart aus hatte er sich mit aller Begeisterung eines jugendlichen, nur von Freiheit und Menschenbeglückung träumenden Gemütes der Revolution in die Arme geworfen und in Paris die ganze Zeit ihrer Schrecken durchlebt, zuerst als Jakobiner, dann aber, als sich diese als Mörder der Freiheit, als Terroristen zeigten, als ihr eifriger Gegner. In einem Anhange zu diesen Bildern aus meiner Knabenzeit teilte ich noch das fernere Leben dieses Bruders mit, die Zeit, wo er, durch Napoleon  aus seinen Träumen republikanischer Freiheit geweckt, das sich selbst aufgebende französische Volk aufgab und in den Felsen und Wäldern Schwedens Stärkung und Trost in seinen getäuschten Hoffnungen und in seinem verlorenen Glauben an die Möglichkeit eines selbständigen, freien Deutschlands suchte.

Bilder und Erlebnisse in der Jugend gehen, je mehr wir uns von ihr entfernen, in um so hellerem Lichte in uns auf dem schwarzen Grunde des Alters auf; das Ende berührt den Anfang, wir nähern im Alter uns selbst wieder mehr der Kindheit. Es gab Greise, denen die Erinnerung aus ihrem Jünglings- und Mannesleben völlig verschwand, während die Zeit ihrer Kindheit ihnen wieder zur Gegenwart wurde, daß sie vermeinten, noch Kinder zu sein. So wurde mir ein Greis von bald neunzig Jahren bekannt, der zu den Stunden, die ihn ehemals als Kind zur Schule riefen, sich jedesmal erhob, ein Büchlein unter die Arme nahm und wieder, wie ehemals im sechsten Jahre, mit demselben unaufhaltsam zur Schule wanderte.

So licht im Gedächtnisse stehend, gab ich diese Bilder oder Erlebnisse meiner Knabenzeit auch in ihrer reinen Wahrheit ohne eine poetische Ausschmückung, und ich ließ mir letztere nur einmal auf einem Blatte zu Schulden kommen, was ich daselbst, um den Leser nicht zu irren, bemerkte.

Man erwarte also auf diesen Blättern keine Dichtungen (keine Dichtung und Wahrheit, keine Reiseschatten), sie enthalten ungeschmückte und wahre Erlebnisse; auch bemerke ich noch, daß diese Blätter ganz so wie sie abgedruckt sind, schon vor drei Jahren, also lange vor all den neuen politischen Umwälzungen, ohne alle politische Absicht niedergeschrieben wurden.

Eine Vorrede, die ich schon vor drei Jahren dazu schrieb, endigte also:

»Ob mir bei etwa noch längerem Leben, bei dem immer mehr schwindenden Lichte meiner Augen und sinkendem Lebensmute und im Drange ärztlicher Geschäfte, Kraft und Muße bleiben, diesen Bildern aus meiner Knabenzeit auch solche aus meinem Jünglings- und Mannesalter nachfolgen zu lassen, daran fange ich zu zweifeln an. Schaue ich in die Zukunft, so sehe ich sich schwarze Wolken um mein Haupt lagern, und jetzt schon drückt es wie nahende Gewitterluft auf meinen Geist.«

In einem Liede, überschrieben: »Prognostikon«, das sich schon in der Auflage meiner Gedichte vom Jahre 1841 abgedruckt findet, heißt es:

»Wüster Streit bricht bald herein,

Bringet Tod auch dem Gesange!«

Jetzt, wo diese Zeit wüsten Streites wirklich hereingebrochen ist, muß ich jenen Zweifel um so mehr wiederholen.

Möchten diese Blätter, wenn auch nur hie und da, einen der Politik Müden finden, der sie mit jener Unbefangenheit durchliest, in der sie geschrieben wurden! –

Weinsberg,im Mai 1849.

Justinus Kerner.

Meine Geburt und erstes Leben in Ludwigsburg

Die Zeit Herzog Karls

Mein Geburtsort ist Ludwigsburg, eine der Haupt-und Residenzstädte Württembergs. Der Tag, an welchem ich geboren wurde, war der 18. September 1786.

Mein Vater war Oberamtmann in dieser Stadt, mit dem Titel eines Regierungsrates. Meine Eltern hatten vor mir schon drei Söhne und zwei Töchter erzeugt. Am Tage meiner Taufe war mein Vater verlegen um den Namen eines vierten Sohnes. In seiner Unschlüssigkeit betrachtete er die Familienbilder, die im kleinen Bildersaale in großen Ölgemälden, von seinem Vater an bis zur Reformationszeit hinauf, an den Wänden hingen. Sein Blick fiel zuerst auf das Bild eines Mannes in geistlichem Gewande mit einem langen Barte, der ganz breit und unten in einer geraden Linie abgeschnitten, ihm vom Kinn an bis auf die Brust wie eine weiße Serviette reichte. Dieser Mann führte den Namen Justinus Andreas, und lebte im Jahre 1650 als Spezialsuperintendent in Güglingen, wo noch jetzt die gleiche Abbildung von ihm sich in der Kirche befindet. Nach diesem nun schöpfte mir mein Vater die Namen Justinus Andreas, welche nicht gewöhnliche Namen aber meiner Mutter nach der Taufe große Skrupel machten (obgleich den Namen Justinus noch viele meiner Voreltern führten), so daß mein Vater zu ihrer Beruhigung in das Kirchenbuch auch den sehr christlichen Namen Christian einschreiben ließ, mit welchem ich dann gewöhnlich im Kreise meiner Familie genannt wurde.

Von jenem alten Justinus muß ich noch anführen, daß er einmal von der geistlichen Oberbehörde in Stuttgart den Auftrag erhielt, sich nach Laufen zu begeben, um im dortigen Dekanathause die Untersuchung über eine Geistererscheinung zu führen. Der Dekan zu Laufen hatte nämlich an das Konsistorium berichtet: er könne in seinem Hause wegen Verfolgung von einem Gespenste nicht mehr bleiben. Jener alte Justinus wollte da an den Tag gebracht haben, daß jenes Gespenst die lebende Köchin des Herrn Dekans gewesen. Die Akten dieser Untersuchung finden sich noch im Archive des Konsistoriums. Dies zum Beweise, daß mir der Glaube an die Existenz von Geistern nicht anererbt und mit diesem Namen nicht angetan ist.

Am Tage meiner Taufe benetzte mir mein Vater die Lippen mit Champagnerwein, was meiner guten Mutter auch oft ein Bedenken verursachte.

Während meiner ersten Kindheit regierte noch der Herzog Karl Eugen. Er hatte in Ludwigsburg seine Sommerresidenz, und in dieser Zeit füllten sich die weiten menschenleeren Gassen, Linden- und Kastanienalleen Ludwigsburgs mit Hofleuten in seidenen Fräcken, Haarbeuteln und Degen, und mit den herzoglichen Militärs in glänzenden Uniformen und Grenadierkappen, gegen welche die andern wenigen Bewohner in bescheidenen Zivilröcken verschwanden. Das prachtvolle Schloß mit seinen weiten Plätzen und Gärten, der nahe Park mit dem sogenannten Favoritschlößchen, die schattenreichen Alleen von Linden und Kastanienbäumen, die in weiten Reihen auf die Stadt zu liefen und selbst in der Stadt die schönsten Schattengänge voll Blüten und Duft bildeten, der große weite Marktplatz der Stadt selbst, mit seinen Arkaden, waren oft der Schauplatz der Vergnügungen dieses weltlustigen Fürsten, Schauplätze von Festen, die, gedenkt man ihrer in jetziger Zeit, einem nur wie bunte Träume erscheinen. So fanden in der dem Schlosse gegenübergelegenen Favorite die ungeheuersten Feuerwerke statt, mit einem Aufwande, der dem am Hofe von Versailles gleichkam. Auf dem bei der Stadt gelegenen See wurden Feste gegeben, bei denen schöne Mädchen der Stadt als Seeköniginnen figurieren mußten. In seinen früheren Zeiten schuf der Herzog oft im Winter, in den sein Geburtstag fiel, Zaubergärten, ähnlich denen, die in den Erzählungen von »Tausend und eine Nacht« vorkommen. Er ließ in der Mitte des Herbstes über die wirklich bestehenden schönsten Orangengärten von 1000 Fuß in der Länge und hundert in der Breite ein ungeheures Gebäude von Glas errichten, das sie vor der Einwirkung des Winters schützte. In dessen Wänden verbreiteten zahllose Öfen Wärme. Das ganze Gewölbe des großen Gebäudes trug das schönste Grün, und es hing so in der Luft, daß man keinen einzigen Pfosten bemerkte. Da bogen sich Orangenbäume unter dem Gewichte ihrer Früchte. Da ging man durch Weingärten voll Trauben wie im Herbste, und Obstbäume boten ihre reichen Früchte dar. Andere Orangenbäume wölbten sich zu Lauben. Der ganze Garten bildete ein frisches Blätterwerk. Mehr als dreißig Bassins spritzten ihre kühlen Wasser, und 100000 Glaslampen, die nach oben einen prachtvollen Sternenhimmel bildeten, beleuchteten nach unten die schönsten Blumenbeete.

In diesem Zaubergarten nun wurden die großartigsten Spiele, dramatische Darstellungen und Ballette und Tonstücke von den größern Meistern damaliger Zeit aufgeführt. Das war noch die Zeit der stürmischen Periode dieses Herzogs, wo er bei einem solchen Feste einmal in weniger als fünf Minuten für 50000 Taler Geschenke in geschmackvollen Kleinodien an die anwesenden Damen austeilte.

Auf dem großen Marktplatze, auf dem die Oberamtei, das Haus meiner Geburt, stand, wurden venezianische Messen gehalten. Der große Marktplatz war zeltartig mit Tüchern bedeckt, Verkäufer und Käufer waren maskiert. Es war ein buntes Getümmel von Masken, welche die tollsten Aufzüge und Spiele ausführten, worunter nicht das stärkste ein riesenhafter Heiducke des Herzogs war, der in die Maske eines Wickelkindes gekleidet, in einer Wiege herumgeführt und mit Brei von einer Amme, die ein Zwerg war, gespeist wurde. Von den Fenstern des Oberamteigebäudes konnte man den Marktplatz am besten überschauen, daher nahm der Herzog in solcher Zeit mit seiner Gemahlin Franziska den Aufenthalt daselbst.

Meine Eltern mußten da jedesmal Raum schaffen, ja, auch die unteren Gelasse des Hauses, wo die Schreibstuben waren, mußten geleert werden: denn hier wurde in solcher Zeit eine Pharobank eingerichtet.

Der Herzog mit seinem goldbordierten Hütchen, seiner mit Buckeln versehenen, gepuderten Frisur mit einem Zöpfchen, seinem kirschroten Rocke, seiner gelben Pattenweste, seinen gelben Hosen, hohen Stiefeln und Stiefelstrümpfen, und die Herzogin in weitem Reifrocke mit schlanker Taille, hoher gepuderter Frisur, auf der hoch oben eine gelbe Bandschleife, wie ein Kanarienvogel saß, sind meine ganz im Nebel schwimmenden, traumhaftesten Erinnerungen.

Etwas heller blieb in meinem Gedächtnisse ein Mann, der zu jener Zeit und auch noch später öfter unser Haus besuchte und um dessen Stock, um auf ihm zu reiten, sich oft meine Brüder schlugen. Es war eine kräftige Gestalt mit großen Augen, einer etwas aufgestülpten Nase und einer toupetartigen Frisur, ein Mann mit lebhaften Bewegungen und kräftiger Stimme, der Dichter Schubart.

Er war ein Jahr nach meiner Geburt von seiner zehnjährigen Gefangenschaft befreit und zum Hofdramaturgen in Stuttgart ernannt worden, wo er dann Ludwigsburg, seinen frühern Wohnort, und meinen Vater, hielt sich der Hof und das Theaterpersonal in Ludwigsburg auf, öfter besuchte.

Mein Vater liebte ihn seines Genies wegen, war aber öfter als Beamter genötigt, gegen sein exzentrisches, ja sittenloses Wesen einzuschreiten. Dennoch gedenkt Schubart desselben dankbar in seiner Lebensgeschichte. So sagt er von ihm: »Regierungsrat Kerner, die beste, gütigste Seele, liebte und schätzte mich bei allen meinen Fehlern, in der menschenfreundlichen Erwartung, der Sturm werde sich legen.« Schubart hatte ihn zum Taufpaten eines ihm zu Ludwigsburg geborenen Sohnes erwählt.

Schubartkam meistens zur Abendzeit zu uns, wo meine Schlafstunde war, setzte sich bald ans Klavier, spielte und sang, wobei ich selten einschlief, aber mich vor Angst oft schlafend stellte.

Außer den venezianischen Messen gab es auf dem großen Marktplatze vor dem väterlichen Hause auch noch andere Auftritte, die sich in eine kindliche Phantasie fest einprägten.

Hier marschierten oft die riesigen Grenadiere, man hieß sie Legioner des Herzogs, zur Parade, oder bezogen die nahestehende Hauptwache. Sie waren nach dem Schnitte der Leibgarde Friedrichs des Großen gebildet, in Größe und Gestalt von Pappelbäumen, in roten Fräcken mit schwarzen Aufschlägen, und hatten auf den gepuderten Häuptern über den steinharten Zöpfen hohe spitze Grenadiermützen sitzen, die mit gelbem Bleche beschlagen waren. Oft hatte man hier auch derben Ohrenschmaus von einer Versammlung von Tambours, nach deren Trommelschlag ein gnädiger Pardon den diesem Soldatenjammer entlaufenen Landeskindern verkündigt wurde. Nicht selten fand auch auf diesem Platze die leidige Exekution eines Spießrutenlaufens statt, oder konnte man aufgerichtete Galgen bewundern, an denen die Namen Desertierter angeschlagen waren.

Die bedeckten Gänge unter den Häusern des Marktplatzes waren zu jeder Jahreszeit ein bequemer Spielplatz für die Jugend, wo allein der oberste Teil desselben, die gegen das Rathaus schauende linke Ecke (nun eine Apotheke), für uns Knaben oft gefährlich war. Hier hatte ein alter, in seinem ganzen Wesen eigentümlicher Italiener, Namens Minoni, seinen Spezereiladen und nebenbei in den Arkaden einen großen Hühnerstall.

Alle Abende sah man ihn zur Sommerszeit mit seiner alten bald hundertjährigen Schwester in seinen entfernten Garten fahren. Dieselbe sah man nie, ohne daß sie auf dem Schoße ein uraltes Hündchen barg. Am Chaischen war ein fünfzigjähriger, kaum mehr beweglicher Rappe angespannt, dessen Schweif und lange Mähnen altersgrau waren, während ein ebenfalls uralter Ladendiener, Pietro Morano, den Laden und die Hühner hütend zurückblieb, die uns im Raume der Arkaden spielenden Knaben oft zur Übung unseres Mutwillens dienten. Kamen wir mit unseren Spielen in ihren Bereich, und flatterten sie aufgestört mit Geschrei davon, so kam der ergrimmte Morano mit aller Wut auf uns los. Aber je wütender er ward, je neckender und wagender wurden wir Knaben. Sobald er wieder in seinen Laden zurückgekehrt war, standen wir wieder ihn zu erwarten da; der neue Angriff und abermaliges Entfliehen begann, das sich den Tag über zur Zeit unserer Muße öfter wiederholte, und eigentlich auch zu unsern Spielen und damaligen Turnübungen gehörte.

Zum Spiele, Drachen steigen zu lassen, war dieser große Marktplatz und das windige Ludwigsburg auch sehr geeignet. Mancher Drache aber fand seinen Untergang an den Kränzen der beiden Stadtkirchentürme, wo wir sie dann den ganzen Sommer durch, an den Schwänzen aufgehängt, bewunderten.

Wir wetteiferten mit einander, solche Drachen in den verschiedensten Formen zu machen. Drachen, die auf der Erde die Größe eines Mannes überboten, hatten in der Höhe kaum die Größe einer Schwalbe, auch wußten wir solche zu verfertigen, die im Steigen und in der Luft brummende Töne von sich gaben, ein Spiel, das ich noch im Alter zu Weinsberg auf meinem Turme fortsetzte.

Wie im Großen und in natura, so dienten mir diese Stadttürme mit ihrer Kirche auch nachgemacht und im Kleinen oft zum Spielzeuge. Mehr die Arbeit eines Schreiners als eines Steinhauers scheinend, wurden sie auch sehr oft von Schreinern als Kinderspielzeug in Holz gebildet, so auch die Garnisonskirche und die Hauptwache auf dem gleichen Platze.

Sie brachte mir einmal der von mir so gefürchtete Mann, der ehemalige Organist dieser Kirche, der Dichter Schubart, in einer Schachtel zum Geschenk aus Stuttgart mit, wodurch meine Furcht vor ihm nach und nach verschwand.

Es ist mir auch noch wie ein Traum, daß ich die letzte späteste Lieferung der von dem Herzog Karl an Holland verkauften, nach dem Kap bestimmten Truppen, unter dem Gesange des schönen Liedes von Schubart:

»Auf, auf ihr Brüder, und seid stark!«

die Schloßallee hinabziehen sah.

Noch lebendiger aber erinnere ich mich eines andern Zuges – des nächtlichen Leichenzuges des Herzogs zur Gruft seiner Väter im Corps de Logis des Schlosses. Wachskerzen und brennende Pechkränze waren von dem Tore an, durch das man von Stuttgart kommt, bis zur Schloßkirche aufgestellt. Durch diese ging der Zug mit der Leiche des Herzogs, von acht schwarzbehängten Schimmeln gezogen, gefolgt von Wagen, Trabanten und Reitern, aber nicht langsam und feierlich, sondern unbegreiflicherweise rasch, dem Dunkel zu, in dem aller Erdenglanz auf immer erlischt.

Der zum Himmel aufwirbelnde Rauch der Wachsfackeln und Pechkränze bildete, wie mir noch wohl im Gedächtnis steht, hoch über den Alleen, dem Schlosse und den Häusern der Stadt, in dem erhellten Nachthimmel die sonderbarsten Gestalten, gleichsam einen gespenstischen Zug, mit dem mir der Geist des Herzogs über seiner Leiche zu schweben schien. Später, als nach der Regierung des Herzogs Ludwig eine große Stille eintrat und die Räume des Schlosses sehr verlassen standen, gebrauchten wir Knaben gerade oft jenen Teil des Corps de Logis des Schlosses, wo die Gruft sich befindet, zu unsern Soldatenspielen, und blickten da oft durch das am Erdgeschoß befindliche Gitter auf den mit rotem Sammet beschlagenen Sarkophag des Herzogs Karl und die anderen fürstlichen Särge nieder.

Schiller im Jahre 1793 in Ludwigsburg.- Seine Verteidigung Herzog Karls. - Gutmütige Züge aus dem Leben dieses Fürsten

Ob bei dem Leichenbegängnisse des Herzogs Karl, wie billig gewesen wäre, die Schüler seiner Karlsakademie seinem Sarge folgten, weiß ich nicht; ich glaube nicht, daß diese Veranstaltung getroffen wurde, aber ein Karlsschüler, und zwar der größte, den diese Schule hegte, befand sich damals zufällig in Ludwigsburg und sah mit Gefühlen kindlicher Wehmut, die der lebende Herzog wohl nicht von ihm erwartete, seiner Leiche nach.

Von der damaligen freien Reichsstadt Heilbronn aus stellte Schiller, der sich einige Zeit dort aufgehalten hatte, an den Herzog die Anfrage, ob er ins Vaterland wieder zurückkommen und in Ludwigsburg auf kurze Zeit sich aufhalten dürfe? Der Herzog gab ihm, altersschwach und krank, keine Antwort, sagte aber zu seiner Umgebung: er werde ihn ignorieren.

Auf dieses begab sich Schiller mit seiner Gattin und Schwägerin nach Ludwigsburg, wo er in dem Hofmedikus von Hoven einen alten akademischen Freund hatte. Hier wurde ihm sein erstes Kind geboren. »Ich sah ihn (erzählt Hoven in seiner Selbstbiographie) bei der Nachricht, daß der Herzog krank und seine Krankheit lebensgefährlich sei, erblassen, hörte ihn den Verlust, den das Vaterland durch dessen Tod erleiden würde, in den rührendsten Ausdrücken beklagen, und die Nachricht von dem wirklichen Tode des Herzogs erfüllte ihn mit Trauer, als wenn er die Nachricht von dem Tode eines Freundes erhalten hätte.«

Als Schiller damals auf einem Spaziergange der Gruft des Herzogs nahe kam, sprach er zu seinem Freunde Hoven: »Da ruht er also, dieser rastlos tätig gewesene Mann. Er hatte große Fehler als Regent, größere als Mensch; aber die ersten wurden von seinen großen Eigenschaften weit überwogen, und das Andenken an die letzteren muß mit dem Tode begraben werden; darum sage ich dir, wenn du, da er nun dort liegt, nachteilig von ihm sprechen hörst, traue diesem Menschen nicht, er ist kein guter, wenigstens kein edler Mensch.«1

Schiller hatte noch unter Karls stürmischer Periode gelebt und gelitten, um so überraschender ist dies sein Urteil.

In den späteren Zeiten, wo mehr Ruhe und Überlegung in das Gemüt dieses Fürsten trat, sah er die Fehler seiner früheren Jahre im vollsten Maße ein. Gewöhnlich begleitete ihn der Hofprediger vom Dienste (die Hofprediger mußten wochenweise abwechselnd in Hohenheim anwesend sein) auf seinen Spaziergängen morgens, wenn die Herzogin nicht zugegen war. Auf einem dieser, am 7. August 1792, sagte der Herzog zu seinem Begleiter: »Ich war ein ausschweifender Teufel, was um so weniger zu verwundern war, da mir jeder Diener dabei willig frönte, aber Reue und Buße, werden die Vergehungen erkannt, sind immer noch zulässig und bereiten Verzeihung.«

Seine ehelichen Verhältnisse betreffend, so lebte er mit seiner zweiten Gemahlin Franziska, wenigstens dem äußeren Ansehen nach, friedlich, und obgleich die eheliche Treue nicht groß war, erfuhr man von Zerwürfnissen beider nie etwas.

Sein Fleiß und seine Tätigkeit in den Regierungsgeschäften und sein vorsichtiges Benehmen gegen die Machthaber der französischen Revolution kamen dem Lande wohl zu statten.

In der ruhigeren Zeit seiner Regierung suchte er Zwistigkeiten in den Gemeinden durch persönliches Erscheinen selbst zu schlichten; so einmal im Jahre 1790 zu Kirchheim am Neckar, von wo aus er damals nachstehendes Billet doux seiner Franziska nach Hohenheim schrieb, das im Original vor mir liegt, und das ich, zum Beweise seines zärtlichen Verhältnisses mit seiner Gattin, hier wortgetreu und mit seiner Orthographie gebe.

Kirchheim a.N. 1/23 Uhr.

Herzallerliebstes Franzele!

Schon der Anfang meiner Fahrt war sehr angenehm um 4 Uhr bin ich hier angekommen und habe bis auf diesen Augenblick einen fatiguanten Augenschein eingenommen; Jetzo stehen zwanzig Personen vor meinem Tisch um einen Vergleich wo möglich zu erzielen welches noch lange dauern wird, doch werde ich mein Möglichstes thun um nicht gar zu spät zu kommen, aber ich lasse nicht nach bis es verglichen ist, ich kann fast nicht mehr reden.

aber schönstes Weible!

das wichtigste:

hast Du mich auch gern? Ich habe hundertmahl an Dich gedacht, auch daß Du meine Geduld beloben würdest, ja mein Franzele ist mir immer vor Augen. Adieu Engel! ich küße Dich tausendmahl in Gedanken und bin von ganzem Herzen Dein bis in den Tod.

Adresse. Der regierenden Herzogin meiner allerliebsten Frau in Stuttgardt.

Ein anderes Billet doux desselben, geschrieben am Franziska-Tage, ohne Beisetzung der Jahreszahl, lautet nach dem Original folgendermaßen:

Herzallerliebste Frau!

Jeder Tag ist Dir geweiht, doch besondere Fälle gestatten den Drang des Herzens im Vollerem, im mehr als gewöhnlichem maaß. Franziskens Nahme ist mir so angenehm, so wichtig, weilen Ich Dir heute Geliebteste, die Gesinnungen erneuern darf, die mein Vor Dich so zärtliches Herz empfindet, mit ächter Wärme empfindet.

Wortgepräng, schmeicheley, fliehn auf immer, der treue Freund, Gatte, tritt an die Stelle, und mit der aufrichtigen Herzenssprache, die Dein Edles benehmen mit Recht fordern darf, ruft Er Dir laut zu:

Bleibe ferner die Beruhigung meiner Tage,

und

Mache Mich zum Glücklichsten der sterblichen

nemlich

Zum Werkzeug Deines Glücks.

so denkt so schreibt am Franziscenstag

 Dein ewig treuer

Carl HZW

Gutmütigen Humor zeigte er oft auch in Ordern an Untergebene. So erließ er eine Ordre an den General v. Bouwinghausen, mit dem er übrigens nicht immer in so freundlichem Vernehmen stand, die anfing:

»Mein lieber, zwar nicht Kammerherr, doch die Erlaubnis habender in all Meine innersten Gemächer eingehen zu dürfen, Nicht Geheimrat dem Titel nach, sondern doch mein festes Vertrauen besitzender, noch nicht ganz Generallieutenant, sondern doch dazu zu gelangen in baldiger Hoffnung stehender Generalmajor von Bouwinghausen!«

Einst kam der Herzog in die Wohnung des Pfarrers K. zu H. Dieser gab sich für einen sehr frommen Mann aus, war aber sehr geldbegierig. Der Herzog wußte das, und als er seine Bibel bemerkte, die unter anderen Büchern im Bücherschrank steckte, zog er sie heraus, blätterte in ihr, legte heimlich ein Goldstück in dieselbe und stellte sie wieder an ihre vorige Stelle. Nach einiger Zeit kehrte der Herzog wieder beim Pfarrer ein. Sein erster Blick fiel auf die Bibel, die sehr bestäubt noch an alter Stelle stand; er zog sie heraus und siehe da, das Goldstück fiel ihm aus ihr in seine Hand! Liest Er auch fleißig in seiner Bibel? fragte er den Pfarrer. Ihro Durchlaucht, pflichtgemäß alle Tage. Sieh er, erwiderte der Herzog, da sagt er nicht die Wahrheit, sieh Er, dies Goldstück legte ich Ihm vor einem Vierteljahre in das Buch, und da ist es noch in ihm. Hätt er darin gelesen, hätt Er's gefunden, jetzt steck ich's wieder ein. – Der Pfarrer sah dem Goldstück mit Ärger nach.

Nach Karls Tode war Aller Hoffnung auf seinen Nachfolger Ludwig Eugen gerichtet. Die Herzensgüte dieses Prinzen war anerkannt, so wie die Achtung, die er der Landesverfassung zollte. Dem Vater Schillers lag an der Gnade des nachfolgenden Regenten sehr viel, und er sprach sich damals auch gegen meinen Vater aus: daß es ihm erwünscht wäre, sein Sohn würde sich eine Audienz bei dem neuen Herzoge erbitten, und ihm zum Antritte der Regierung Glück wünschen; auch Herr von Hoven wollte ihn dazu bewegen, aber Schiller tat es durchaus nicht, er sprach nur immer von den Vorzügen des verstorbenen Herzogs.

Er arbeitete in Ludwigsburg damals an seinem Wallenstein, und zwar meistens bei Nacht, weil er bei Tage sehr häufig von Brustkrämpfen befallen wurde, studierte sehr fleißig die Kantische Philosophie und schrieb daselbst auch die bekannte Rezension über Matthissons Gedichte.

Öfters besuchte er auch seinen alten Lehrer Jahn und dessen Schule, in der er als Knabe Unterricht erhalten hatte. Manchmal machte er sich da die Freude, dem Lehrer die Mühe des Unterrichts auf einige Stunden abzunehmen und ihn den Schülern statt seiner zu erteilen.

Ein Verwandter von mir, älter als ich (der kürzlich verstorbene landschaftliche Archivrat Schönleber), der dazumal Jahns Schüler war, schrieb mir hierüber: »Nach Darstellung einiger Biographen Schillers könnte es scheinen, daß Schiller erst im Oktober 1793 nach Lüdwigsburg gekommen wäre, während ich mich mit Gewißheit erinnere, daß es lange vor dem Anfange der Herbstvakanz war (Schiller kam wenigstens vor Anfang September 1793 an und war noch im November und vielleicht Dezember in Ludwigsburg), wo er an einem Freitag Nachmittag den Professor Jahn besuchte, als gerade Unterricht in der Geschichte gegeben wurde. Dieser Unterricht in der Geschichte veranlaßte ihn, mehrmals zu kommen und uns selbst in ihr zu belehren. Er nahm mir da oft und viel Schröks Lehrbuch aus der Hand und benutzte es als Leitfaden, während ich bei meinem Nebensitzer einsehen durfte.

Es existiert eine kleine Ausgabe seiner Werke von Cotta in klein Oktav, mit einem Bilde von ihm. Hier ist er sitzend, den Kopf auf die Hand gelehnt, die Beine übereinander geschlagen, abgebildet, und so saß er fast jedesmal auf der Schranne an unserem Schultische mir gegenüber, und das ist auch dasjenige Bild von ihm, das ich nach meiner Erinnerung für das richtigste halte.« –

In Begleitung seines Vaters, der schon früher mit dem meinigen durch gleiche Neigung, die Baumkultur, verbunden war, besuchte er damals auch mein elterliches Haus, aber ich erinnere mich seiner nur aus den späteren Erzählungen meines Vaters, der öfter von ihm als einer hagern, aufrechten, bleichen Gestalt sprach, auch daß er den Kopf mehr hoch als nieder getragen und dadurch auf manchen den Eindruck eines stolzen Menschen gemacht habe, was er so gar nicht gewesen sei! Das Gleiche sagt auch sein Ludwigsburger Freund Hoven: »Dieses Ansehen«, schreibt Hoven, »hatte Schiller schon als Zögling der Karlsakademie, und ich erinnere mich noch wohl, daß einst eine Frau, welche dort ihren Sohn besuchte, wie sie Schillern den Schlafsaal hinunter schreiten sah, sagte: ›Sieh doch, der dort bildet sich wohl mehr ein, als der Herzog von Württemberg.‹«

Während ich oben rühmte, mein Vater seie mit dem Vater Schillers in Bekanntschaft gestanden, fiel mir eine komische Tatsache späterer Zeit bei, die ich mich nicht enthalten kann, hier noch anzuführen. Ein Schullehrer in der Gegend von Ludwigsburg, der ein Bekannter des alten Schillers gewesen war, wollte, als Schillers Statue in Stuttgart errichtet wurde und man die Gelehrten zu Beiträgen in das Schilleralbum aufforderte, auch sein Scherflein beitragen und sandte folgende Verse ein:

»O großer Friedrich Schiller!

Für mich auch Poesieerfüller,

Kommst nun gegossen in das Land! –

Herrn Vater hab ich auch gekannt.«

Schade, daß die Verse nicht aufgenommen wurden!

Fußnoten

1 Obiger Zug und diese Worte Schillers stehen in Hovens Selbstbiographie und in mehreren Biographien Schillers aus der Hovens abgedruckt, können aber zur Ehre Schillers nicht genug wiederholt werden.

Die Zeit Herzog Ludwigs

Nach dem Tode des Herzogs Karl wurde der Zustand Ludwigsburgs weniger glänzend, aber gemütlicher, bürgerlicher; das eigentliche Militär wurde mehr in den Hintergrund gestellt, die großen Grenadiere Friedrichs verschwanden, und der Herzog Ludwig, ein Freund der Bürger mit Leib und Seele, glaubte sich auch jetzt, zur Zeit der bedrohten Kronen, nur unter ihrem Schutze sicher. Als dieser Herzog eine allgemeine Volksbewaffnung zu organisieren gedachte, was Österreich wünschte, und nur Preußen für gefährlich hielt, da gelangten auch an meinen Vater, wie an alle Oberamtmänner, Befehle zur Organisation derselben. In einer, bei solch einer Gelegenheit gehaltenen Rede, die ich noch besitze, sprach er unter anderem folgendes, was ich hier wörtlich anführe:

»Zur Abwendung drohender Feindesgefahr hat der Herzog den Entschluß gefaßt, nach Anleitung der älteren und neueren Landesverträge und Beispiele eine allgemeine Landesverteidigung zu veranstalten und eine Landmiliz zu errichten, die in Vereinigung mit den regulären Truppen, und in Vereinigung mit den anderen benachbarten Reichs- und Kriegsständen, mit Gottes Hülfe die Feinde bekämpfen soll. Wahrhaftig, meine Mitbürger, Hermanns kriegerischer Geist, welcher ehemals der römischen Herrschaft in Deutschland Grenzen setzte und mit unseren Voreltern begraben zu sein scheint, muß wieder belebt werden: denn, wenn ein ganzes Volk aufsteht, um die Nachbarschaft zu verheeren, so müssen auch gegenseitig andere Völker sich verbinden, um der Gewalttat zu steuern, die Gefangenschaft der Familien und die Zerstörung der Wohnungen zu verhindern. Jeden Bürger zur Ergreifung der Waffen aufzurufen ist Pflicht der Obrigkeit, und so rufe ich diejenigen unter euch zu den Waffen, welche tätig, kräftig und durch Alter oder Krankheit nicht verhindert sind, sich unter der Fahne der Vaterlandsverteidiger zu sammeln. Um mit gutem Beispiele voranzugehen, mache ich mich verbindlich, unter hoffender Erlaubnis unseres Herzogs, wenn eine Anzahl entschlossener ehrliebender Bürger sich zu einem Schützenkorps vereinigt, daß ich nicht bloß, wollt ihr es, das Kommando übernehmen, sondern auch wie jeder andere Bürger mit Allen Gefahr und Anstrengung teilen werde. Es lebt in mir die feste Überzeugung, daß die Gefahr nicht so groß ist, wenn man zusammenhält, statt daß man sich einzeln jedem herumstreifenden Haufen preisgibt.« –

Die Ludwigsburger teilten aber meines Vaters kriegerischen Geist nicht, sie bildeten wohl ein Korps, als man aber nach langer Zeit wieder eine Rekruten-Auswahl ausschrieb, entstand (am 4. Jan. 1794) ein kleiner Aufstand, weil die Bürgerschaft von der Leistung persönlicher Kriegsdienste ebenso befreit zu sein behauptete, wie die Stuttgarter. Die jungen Leute erschienen auf dem Rathause, aber mit ihnen auch die Väter und andere Bürger. Als nun mein Vater seine Obliegenheiten als Beamter der Regierung erfüllen wollte, kam es endlich zu einem persönlichen Losgehen auf ihn. Ein starker Rotgerber, Namens Breuninger, wollte ihn schützen, drückte ihn aber, ungeschickter- und unbeholfenerweise, um ihn den auf ihn Eindringenden zu entziehen, so in die Ecke, daß er fast erstickte und sich vorerst nur bemühen mußte, sich diesen Schutz vom Halse zu schaffen, worauf die Beschwichtigung des Tumultes ihm bald gelang.

Als der Herzog zwei Monate vor dieser Begebenheit (den 3. Nov. 93) in die Residenz Ludwigsburg einzog, wurde er nicht nur von einem Bürgerkorps empfangen, dessen Einrichtung hauptsächlich von meinem Vater veranstaltet wurde, sondern auch selbst die Knaben der Stadt hatten sich zu einem wohl uniformierten und armierten Korps gebildet, dessen Anführer ich sein mußte. Als solcher überreichte ich damals dem Herzog einige von meinem Vater gedichtete Verse, mit den kurzen Worten:

»Gnädigster Herzog! empfangen Sie hiermit die Huldigung der jungen Landmiliz.«

Der bekannte Spezial Zilling, von dem später mehr die Rede sein wird, wollte da den Herzog mit einer langen Rede empfangen, blieb aber schon am Eingange stecken und brachte nichts heraus als:

»Durchlauchtigster Herzog, gnädigster Herzog und Herr!

Durchlauchtigster Herzog, gnädigster Herzog und Herr!«

Inzwischen hatte sich ein junges Mädchen aus der Zuschauerreihe herauszuschleichen gewußt und kam auf ein Brett zu stehen, daß man dem hochwürdigen Herrn, der Feuchtigkeit wegen, unter die Füße gelegt hatte, worauf dieser, nachdem er zum dritten Mal: »Durchlauchtigster Herzog, gnädigster Herzog und Herr« herausgebracht hatte, sich gegen das Mädchen wandte und sagte:

»Mädle gang weg von dem Tritt! der Tritt iss net vor di do!«

Der Herzog antwortete Einiges auf die Anrede meines Vaters, die derselbe früher als der Spezial sein »durchlauchtiger Herzog« an ihn gerichtet hatte, und ließ dann weiter fahren.

Die erwähnte junge Landmiliz, die über hundert Knaben zählte, erhielt zu gewissen Stunden der Woche Exerzier-Unterricht. Jener Italiener Minoni, wahrscheinlich vergnügt, daß durch dieses Landmilizspiel der Knaben die Beunruhigung seiner Hühner unter den Arkaden für eine Zeit lang aufhörte, stiftete dem jungen Korps eine ganz schöne große Trommel mit dem Stadtwappen; und der, durch die Lebensbeschreibung Schubarts und die Händel, die er mit diesem Freigeiste hatte, bekannte so eben erwähnte Dekan Zilling schenkte an das junge Korps eine schöne gelbe und blaue Fahne von Seidenstoff, mit goldenen Franzen.

Sobald wir dieses Geschenk erhalten hatten, kommandierte ich das Korps in das Schloß und vor des Herzogs Speisesaal, und ließ dem Herzoge durch den Hofdiener, der uns empfing, sagen: er solle doch herauskommen und unsere Fahne sehen. Der gute Herzog gab hierauf den Befehl, uns alle in den Saal zu führen. Wir marschierten um die Tafel und stellten uns dann hinter dem Herzoge auf; dieser nahm die Fahne, gab sie den Anwesenden an der Tafel umher und nahm mich auf seinen Schoß, wo ich mit Zuckerwerk von ihm und der Herzogin überfüllt wurde; auch die anderen Helden erhielten Bonbons und sonstiges Naschwerk. Der Herzog entließ uns dann freundlich, und wir riefen: »wir werden bald wiederkommen!« was auch noch öfters geschah.

Bekanntlich aber währte diese gutmütige Regierung nicht lange; der Herzog litt an einem Fußübel, das unvorsichtigerweise von einem österreichischen Regimentsarzte hinter den Leibärzten des Herzogs geheilt wurde, und ich kann mich noch erinnern, daß, als ich an einem Märzmorgen in der Schule war, ein großer Zusammenlauf und Wehklagen entstand: der Herzog sei vom Pferde, in der untern Allee, auf einen Stein gefallen; es war aber ein Schlag, der ihn auf dem Pferde traf.

Es lief alles dem Platze zu.

Ich sah ihn nicht mehr, man hatte ihn schon tot in das Schloß getragen. Viel Volk stand auf dem Platze, auf dem er fiel, herum, und ein Maurersjunge, der gerade von dem Geschäfte kam, grub mit seinem Zweispitz in den Stein, auf den der Herzog gefallen war, ein Kreuz ein, das noch zu sehen ist. Später, ungefähr in meinem zwölften Jahre, dichtete ich folgende Verse auf dieses Ereignis.

»Als der gute Ludwig hoch vom Pferde

Tot gesunken auf die harte Erde,

Nahet trauernd sich ein Maurersjunge:

Er will klagen, doch es stockt die Zunge,

Aber schnelle bauen seine Hände

Ihm das schönste aller Monumente,

Denn sie hauen in den Pflasterstein

Fromm des Kreuzes heilig Bildnis ein.«

Die Gutmütigkeit und der fromme Glaube des Herzogs Ludwig wurden übrigens oft mißbraucht. Hievon nur ein sehr buntes Beispiel: Ein alter versoffener Schuhmacher aus der Stadt, lutherischer Konfession, kam auf den Gedanken, Buße zu tun und ein frommer Einsiedler zu werden. Zu diesem Behufe brach er sich in dem Steinbruch vor dem Tore, das nach Eglosheim führt, ein geräumiges Loch und richtete sich in demselben eine Einsiedlershütte ein; diese schmückte er mit einem Kreuze und Marienbilde, einer brennenden Öllampe und einigen katholischen Gebetbüchern aus. Es fand bald dahin ein großer Zulauf von Neugierigen statt; ja, es gab sogar manche, die sich an dieser Erscheinung erbauten.

Bald wurde die Sache auch am Hofe bekannt. Einige alte fromme Hofdamen wallfahrteten hin; diese erzählten der Frau Herzogin Wunder von dem frommen Büßer, seinen inbrünstigen Gebeten, seinen Kasteiungen. Gerührt davon, entschloß sie sich (es hieß in Begleitung des Herzogs?), selbst einen Besuch in der Einsiedlershütte zu machen. Erbaut von den frommen Äußerungen und der Buße des Mannes, wurden die Besuche öfters wiederholt, wobei jedesmal ein reichliches Almosen hinterlassen wurde; ja, die Herzogin beschickte den Darbenden oftmals mit Speisen aus der Hofküche. Die Täuschung dauerte mehrere Wochen lang, bis der fromme Einsiedler den versoffenen Schuhmacher in sich nicht mehr länger unterdrücken konnte. Er fing von der gesammelten Barschaft wieder nach alter Weise zu saufen an, worauf mein Vater von Polizei wegen durch seine Entfernung aus dem Steinbruche und seine Aufhebung im Armenhause der Sache ein Ende machte.

Meine Voreltern

Ich kehre zu meiner Familie zurück. Meine Voreltern, wie aus dem Stammbaume meines Vaters erhellt, waren im romantischen Kärnten angesiedelt; wir haben aber nur noch nähere Nachricht von denen, die dort kurz vor und zu den Zeiten der Reformation lebten. Der älteste Kerner, von dem wir Nachricht haben, hieß Michael, und war Rat und Finanzbeamter des Kaisers Maximilian, der ihn seiner Verdienste wegen nobilitierte und ihm das noch von der Familie gebrauchte Wappen erteilte.

Die Nachkommen, unbegütert und meistens im Dienste der Kirche und des Staats, machten von dieser kaiserlichen Gnade keinen Gebrauch. Michaels beide Söhne, von denen der ältere Michael, der jüngere Balthasar hieß, hatten sich dem geistlichen Stande gewidmet, aber das Licht der Reformation lockte sie zu Luther nach Wittenberg. In ihr Vaterland zurückgekehrt, suchten sie den lutherischen Katechismus einzuführen, wurden aber von da vertrieben, flohen nach Württemberg, und der ältere, Michael, von dessen Linie wir stammen, wurde Prediger und Rektor zu Schwäbisch Hall, der jüngere Bruder Prediger am Münster zu Ulm, wo ihm ein Sohn im Amte nachfolgte, der aber keine Kinder hinterließ.

Mein Großvater (geb. im Jahre 1704) war in seiner Jugend Rat zu Hechingen. Als nach dem unerwarteten Tode des Fürsten dessen Maitresse die Schätze des Landes über die Grenze bringen wollte, ließ er sie arretieren.

Er entzweite sich darüber mit dem gewissenlosen Administrator und wurde gewalttätig auf die Feste Hohentwiel verwiesen, aber nach einigen Monaten von dem aus Wien zurückgekehrten Sukzessor befreit, gerechtfertigt und, durch seine Empfehlung an den württembergischen Hof, zum Oberamtmann in Göppingen ernannt, in welcher Stadt mein Vater im Jahre 1744 geboren wurde.

Im Jahre 1730 wurde mein Großvater Vogt (oder Oberamtmann, wie man es später hieß) in Ludwigsburg.

Bekanntlich wurde diese Stadt vom Herzog Eberhard Ludwig in einer Gegend erbaut, in der er sich öfter der Jagd wegen aufhielt. Die zahlreichen Nachtigallen, die sich in ihr befanden, erfreuten ihn so, daß er sich in einem Hofe, der in dieser Gegend auf einer vom Walde umgebenen Wiese stand, dem Erbachhofe, einige Zimmer zum Übernachten einrichten ließ, woraus später ein Jagdschloß und nachher diese Stadt entstand. Sie war zu meines Großvaters Zeit noch ganz in ihrem Werden begriffen und bestand erst aus wenig Häusern und Einwohnern; desto mehr mußte er sich mit ihrer Vergrößerung beschäftigen. Ein herzoglicher Befehl hatte allen Städten und Ämtern des Landes auferlegt, ein Haus auf ihre Kosten in dieser neu erstehenden Stadt erbauen zu lassen. Stadt und Amt Weinsberg hatte das Los getroffen, das Oberamtei-Gebäude daselbst bauen zu müssen, – das Haus meiner Wiege. So verlieh mir Weinsberg unbewußt den Platz zur Wiege – wie es mir bald den zum Sarge geben wird.

Meinem Großvater folgte nach seinem Tode in einem sehr jugendlichen Alter mein Vater im Amte. Das Amt eines Oberamtmanns war in damaliger Zeit, wo die Justiz mit der Regierungsverwaltung verbunden war, von einer wichtigeren Bedeutung als jetzt.