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Lotte Rosenbusch, geb. Walz (1924 - 2010) war eine deutsche Malerin, Grafikerin und Restauratorin. Als Autodidaktin entwickelte sie, inspiriert durch zahlreiche Reisen vor allem nach Italien, einen individuellen Malstil, der sich an alten Meistern ebenso wie an Interpreten naiver Malerei orientierte. Ihr künstlerisches Lebenswerk, das überregional Beachtung fand und in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland ebenso wie in Publikationen gezeigt wurde, umfasst Aquarelle, Temperaarbeiten, Radierungen und Zeichnungen. Sie beschreibt in diesen autobiografischen Aufzeichnungen ihre frühen Jugendjahre in der alten Universitätsstadt Tübingen. Darin wird diese vergangene Zeit in all ihrem Reiz und ihrer Besonderheit liebevoll aus der Sicht des Kindes wachgerufen. Ergänzt durch Aquarelle und Zeichnungen aus eigener Hand sowie historische Fotografien entsteht so die Welt der kleinen Lotte voller Wunder, Begegnungen mit Menschen und kleiner Sensationen.
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Seitenzahl: 148
Veröffentlichungsjahr: 2021
Lotte Rosenbusch
Birnengrün
Kindheit in Tübingen 1924 - 1933
© 2021 Fabian Rosenbusch
Illustrationen: Lotte Rosenbusch
Lektorat, Korrektorat: Ulrike Petry, Susanne Junge
Buchsatz: Susanne Junge
Bildbearbeitung: Christian Strümpel
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
978-3-347-36804-0 (Paperback)
978-3-347-36805-7 (Hardcover)
978-3-347-36806-4 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Fabian Rosenbusch
Kleines Vorwort von Lotte Rosenbusch
1. Schwieriger Anfang
2. Tierliebe
3. Schlimme Witze
4. Das Großmütterle
5. Liebe Dinge
6. Der unheimliche Gang
7. Kleine Puppen auf Kissen
8. Hochmut, Hündchen Jacques und Abendritual
9. Vom Herrn Magister Hölderlin
10. Schulbeginn 20. April 1931
11. Erste Schulfreundschaften
12. Vom Jugendstil
13. Blumen sind Lebewesen
14. November, Dezember
15. Kahnfahren
16. Von weißen und grauen Mäusen
17. Kahnfahren in der Nacht vor dem 1. Mai
18. Dachterrasse Kirchgasse und ihre Bewohner
19. Weihnachtsbrötle
20. Froschkönigs Haus, Neckargasse 8
21. Platanenallee
22. Von Tante Wilma
23. Geschäft, Kunst und Altertümer
24. Tante Thilde
25. Das Haus Mühlstraße 1, Ecke Neckargasse, Tübingen
26. Das grüne Büchlein
27. Otto Marquard, Adolf Dietrich und Lotte
28. Eine große Dummheit
29. Café Walz und König Wilhelm
30. Geschabte Spätzle vom Brett und Kirschen aus Winnenden
31. Die Sache mit den Perlkränzen
32. Scherenkünste
33. Nachtgeschichten und Ahnungen
Nachwort von Fabian Rosenbusch
Bildnachweis
Vorwort von Fabian Rosenbusch
Liebe Leserin, lieber Leser,
der zehnte Todestag meiner lieben Mutter Lotte im November 2020 war als idealer Zeitpunkt vorgesehen, ihr letztes Werk einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Bedingt durch die Corona-Umstände ist es etwas später geworden. Das tut dem Anliegen aber keinen Abbruch.
Lottes Kindheit in Tübingen in den Jahren 1924 bis 1934 war immer ihre Traumzeit, von der sie bis zuletzt mit großer Freude und Rührung berichten konnte. Der vorliegende Text ist über Jahre hinweg in kleinen Abschnitten entstanden. Bis kurz vor ihrem Tod hat sie daran gearbeitet. Immer wieder kamen Details hinzu, und im ganzen Haus fanden sich nach ihrem Tod kleinere Papiere mit originell verfassten Episoden aus ihrer Erinnerung. So individuell, wie sie war und wie sie von allen geschätzt wurde.
Das Buch entführt in die vergangene kleine Welt einer alten württembergischen Stadt aus der Sicht des Kindes Lotte in den 1920er Jahren mit all den Merkmalen dieser Zeit. In der Auswahl von Aquarellen von Lottes eigener Hand und historischen Fotografien aus dem alten Tübingen entsteht ihre so geliebte Welt für uns alle neu. Der Begriff „Birnengrün“, der im Text nicht vorkommt, bezeichnet dabei einen von ihr mit dem geliebten Tübingen zusammenhängenden Gemütszustand, wie sie mir erzählte.
Mein Dank gilt Ulrike Petry (Ernen, Schweiz) für das Lektorat und Susanne Junge (Mörel, Holstein) für die Verwirklichung des Buchprojekts ebenso wie Manfred Poh (Ulm) für die redaktionelle Arbeit.
Viel Freude bei der Lektüre.
Stuttgart, im August 2021
Fabian Rosenbusch
Kleines Vorwort von Lotte Rosenbusch
Nun ist das Büchlein doch fertig geworden, obwohl die Menschen, Freunde und Bekannten in Lottes Umgebung nicht mehr so recht daran glaubten. Sie hat von vielem berichtet, was sie selbst sah oder in der Hand hatte, dachte oder sich erträumte. Manches, was vor ihrer Zeit war, hat sie sich erzählen lassen und hinzugefügt, was ihr später und den Begleitern ihrer besonderen Kindheit widerfuhr.
Freilich hätte sie die Geschichten auch ganz anders schreiben können, märchenhafter vielleicht, und wird dies womöglich noch tun.
Ob der Buchtext den Lesern gefällt, ist nicht sicher, es kann auch sein, sie überblättern ihn und schauen nur die Bilder an. Lotte könnte das verstehen. Sie wünscht dem Büchlein gute Reise, geneigte Leser oder Betrachter der Bilder.
Im Übrigen ist längst noch nicht alles erzählt …
Lotte Rosenbusch
(Das „Kleine Vorwort“ wurde von Lotte Rosenbusch schon einige Zeit vor Abschluss des Manuskripts verfasst.)
1. Schwieriger Anfang
Ernst Walz ist beunruhigt. Sein Kind hätte gestern, am Sonntag, 31. August 1924, zur Welt kommen sollen und seine Freude, dass es ein Sonntagskind sei, war groß. Die Anrufe in die Frauenklinik sind unbeantwortet geblieben, und als er endlich, endlich die ihm bekannte Oberschwester Olga erwischt, sagt sie, es habe bei der Geburt leider Turbulenzen gegeben. Die Kleine sei am Montagabend um 19.20 geboren, Mutter und Kind gehe es den Umständen entsprechend gut.
Die Freude, dass es ein von ihm so sehr gewünschtes Mädchen ist, wird gedämpft von der Sorge, was denn geschehen ist. Turbulenzen? Und der Zusatz, er solle den ersten Besuch auf Mittwoch verlegen, verstärkt seine Angst! Der Laden bleibt geschlossen, ein Schild hängt dran: „Wegen Familienangelegenheiten zu".
Der Gang zum Standesamt, um Lotte anzumelden, wird ihn ablenken. Elisabeth und er hatten diesen Namen gewählt, weil mit ihm keine Veränderungen möglich sind, höchstens Lottele, oder Lottchen.
Der schwarze Zylinder passt zu der feierlichen Handlung. Würdig schreitet er dahin und als ihm auf dem Holzmarkt sein Schulfreund Gustav begegnet, ruft der: „Guta Morga, Ernstle, wo gosch au du na mit deim Zylinder?" und auf dessen Antwort, er wolle seine Tochter Lotte anmelden, kommt die Entgegnung: „Zu ama Mädle brauchts koin Zylinder, a Kapp tuats au!" Beide lachen, Ernst nimmt es Gustav nicht übel.
Elisabeth Kiedaisch und Ernst Walz, Verlobungsbild 1916
Dann trinkt er in der Konditorei bei seinem Bruder Rudolf einen Kaffee und isst dazu ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte, verschweigt jedoch die schlechten Nachrichten aus der Klinik. Gratulationen von allen Seiten, von Kunden im Laden, nur seine Mutter Emma fragt leise: „Ernst, ist wirklich alles in Ordnung?" und er beruhigt sie, aber so recht scheint sie es nicht zu glauben. Mütter ahnen vieles.
Die Anzeige bei der Tübinger Chronik wird aufgegeben: „Die Geburt ihrer Tochter Lotte beehren sich anzuzeigen Elisabeth und Ernst Walz usw."
Dann fällt ihm ein, er könnte nach Bebenhausen wandern, durch den Schönbuch. Den Schönbuchträppler nannte man ihn als jungen Burschen, denn diese hohen Bäume hörten geduldig zu, wenn er ihnen von frühen Lieben, Schulsorgen, Differenzen mit dem Bruder Rudolf und dem Vater berichtete. Ihr Rauschen gab ihm tröstliche Antwort …
Wie so oft läuft er über die Alb, statt daheim zu helfen. Seine Mutter nimmt ihn in Schutz, wenn der Vater verärgert ist. Wie gerne würde sie mit ihm wandern, aber Tag für Tag nur das Geschäft! Sie kommt aus Reutlingen, und die Achalm ist ihr Berg, auf den Sorgen und Nöte getragen wurden. Schon als Kind verschwindet sie dort hinauf, aber die Eltern wissen, wo ihre Tochter zu finden ist.
Und später: alles wird in der Höhe, im frischen Albwind leicht, der Blick geht beinahe ins Unendliche, die Wolken ziehen dahin und nehmen alle Kümmernisse mit fort. Das Bild der Achalm eines bekannten Stuttgarter Malers ist ein Geschenk ihrer Eltern zum 17. Geburtstag. Wenn sie im Geschäft später große Sehnsucht nach dem Berg hat, geht sie hinauf ins Wohnzimmer, setzt sich eine Weile vor das Bild und danach ist der Dienst in der Konditorei nicht mehr so schwer.
Nun wandert Ernst langsam durch die Wilhelmstraße, vorbei am Gutleuthaus und auf der rechten Seite der Straße den Waldweg entlang, bleibt oft stehen und genießt alles, den Tannenduft, den kräftigen Wind, welcher die Wärme des Tages erträglich macht.
Wie ist das Kloster Bebenhausen wundervoll! Schon das Eingangstor, in dem die Schreiber saßen. Er kennt jedes Wegstück und sieht es doch ganz neu, weil einige Jahre vorüber sind, seit er zum letzten Mal hier war.
Was ist das Leben, wiederholt sich alles oder sind Geschehnisse neu, zwar gleicher Art, aber verschieden zusammengesetzt? Wie rätselhaft und verborgen ist alles!
Ernst hat im Sinn, in Bebenhausen zu übernachten, aber es bietet sich keine Gelegenheit. Sehr spät wandert er heim in die Mühlstraße und schläft unruhig.
Am nächsten Tag fährt er nach Reutlingen, macht Verwandtenbesuche, sitzt lange in der Marienkirche, bittet den Himmel, es möge mit Mutter und Kind gut enden.
Die letzte Nacht vor Mittwoch verbringt er ruhig, kauft bei Frau Reibold gegenüber 25 rote Rosen und bekommt von ihr einen Strauß weiße Rosen geschenkt, weil sie sich so mit ihm freut. Dann der Weg in die Klinik, rasch, rasch, um endlich zu erfahren, welche Turbulenzen stattfanden!
Schwester Olga sagt, der Professor sei am Sonntag zu einer Konferenz nach Heidelberg gefahren, obwohl er versprochen habe, bei seiner langjährigen Patientin Elisabeth Walz während der Geburt anwesend zu sein. Olga sagt, ihr sei das völlig unverständlich. Vielleicht kommt der Professor doch noch, deshalb bekommt Elisabeth wehenhemmende Mittel. Aber am Montag hilft gar nichts mehr! Das Kind muss mit der Zange geholt werden, wie immer ein gewagtes Unternehmen, gefährlich für Kind und Mutter. Ziemlich verletzt gehen beide daraus hervor. Elisabeth musste operiert werden, aber nun geht es beiden ganz gut. Die Mutter hat viel Milch und kann auch noch ein anderes Kind damit versorgen, dessen Mutter verstorben ist.
Elisabeth Walz mit Tochter Lotte
Bald stellt sich heraus, dass Lotte ein sehr fröhliches Kind ist. Sie liegt im Bettchen, formt seltsame Laute und lacht glucksend über alles, seine eigenen Fingerchen, den winzigen Bären, der von oben herabhängt, und über alle, die mit ihr reden, am meisten über Uffbaff (Gustav) und über das Ladenfräulein Agnes (Lotte nennt sie Aisle) und hört besonders gerne Musik. Wie glücklich sind die Eltern, dass noch alles zu einem guten Ende gekommen ist.
2. Tierliebe
Ihre Tierliebe bringt Lotte ihr Leben lang in oft schwierige Situationen.
Mutter hängt mit Haushaltshilfe Caroline auf der Terrasse Wäsche auf. Da hören sie plötzlich drüben bei der Nymphe, vor der ein Wasserbecken liegt, Geschrei und lautes Weinen. Ein Menschenauflauf hat sich gebildet und Mutter ruft: „Das kann nur Lotte sein!" Eilt rasch hinunter, über die Straße und sieht eine schlimme Szene. Lotte ist auf den Rücken eines viel größeren Buben gesprungen, der sich der kleinen Hexe nicht erwehren kann. Sie taucht seinen Kopf dauernd unter Wasser und schreit: „Lescht du des arme Hondle en Ruh!" Der kleine Hund steht tropfnass und zitternd dabei … Die herumstehenden Leute wollen oder können nicht eingreifen. Der Bub hat sich offenbar einen Spaß gemacht, den jungen Hund dauernd ins Wasser zu tunken und Lotte kommt dazu, als kleine Rachegöttin. Es ist noch mal gut ausgegangen und der Bub wird so etwas bestimmt nie wieder tun!
Als Lotte später in Kleinkötz bei Günzburg wohnt, hat sie ständig Streit mit den Bauern, weil die ihre Kettenhunde nicht an einem Draht mit langen Leinen laufen lassen.
Und dann gibt es eine Geschichte in Söflingen bei Ulm, aber viel später. Ein schöner Feldhase verkommt in einem winzigen Stall auf verfaultem Stroh, bis ihn Lotte zufällig entdeckt. Zudem ist das Stroh im Winter gefroren. Es heißt, die Jungs seien für die Versorgung des Hasen zuständig! Doch Zehnjährige tun so eine Arbeit nur unter Aufsicht, die es aber hier nicht gibt.
Lotte besorgt sich Heu und Stroh beim Bauern und geht, um ja die Familie vor der Nachbarschaft nicht bloßzustellen, bei Nacht und Nebel die Treppen zum großen Stall hinunter, den sie besorgt hat. Dabei bricht sie auf den vereisten Treppen beinahe den Fuß und bekommt nach längerer Zeit Hofverbot.
Die Warnung, den Hasen bei Nacht nicht frei herumlaufen zu lassen, wird nicht beachtet, ein Marder erwischt ihn, das Tier kommt auf diese Weise zu einem natürlichen Tod und seiner Erlösung.
3. Schlimme Witze
Weil schönes Wetter ist an diesem Mittwoch, geht Lotte zur Feier des Tages mit der weißen Emaillekanne zum Milchholen, darf sie nur vorsichtig tragen und nirgends anstoßen. Alfred wird sich freuen, wenn sie ihm etwas erzählt oder mit ihm spielt. Leider ist Alfred mit anderen Behinderten auf den Schnarrenberg gefahren worden, wo es im Heim Kakao und Kuchen gibt. Dass dies alle drei Wochen am Mittwoch geschieht, hat sie vergessen.
Die vordere und hintere Haustür ist offen, damit im Hausgang, der voll nasser Wäsche hängt, Durchzug entsteht. Lotte verweilt eine Zeit zwischen den Leintüchern und genießt die Kühle und wie gut alles nach Kernseife riecht!
Vater Karrer ist heute früh dran beim Melken und hat offenbar sehr schlechte Laune, kein Wunder, er versucht gerade, der widerspenstigen Kuh Klara die Milch zu entlocken, die sie nicht hergeben will. Er flucht leise vor sich hin, aber es hat keinen Wert. Die Kuh fährt ihm zudem dauernd mit dem mistduftenden Schwanz im Gesicht herum!
Als der Melker Lotte zwischen der Wäsche stehen sieht, sagt er: „So, jetzt verzehl i dir ganz besonders wüaschte Witz!" Frau Karrer hört es und sagt: „Ondrsteh de, sonst läßt 'd Frau Walz's Lottele nemme komma on no isch dr Alfred arg traurig ond du bischt schuld. Des tuasch blos mir zom Bossa mit dene Witz!" Natürlich will Lotte die Witze sofort hören und malt sich aus, wenn sie die ihrem Vetter Wolfgang erzählt, was dann passiert. Er wird mit beiden Füßen auf den Boden trampeln, sich vor Lachen verschlucken, den Häcker kriegen und endlich in die Hose bieseln! Großmutter sagt, sie wolle mit so ordinären Witzen nichts zu tun haben, sie sei nicht aus der Unterstadt. Tante Thilde und Großvater lachen und Thilde meint, endlich mal was Lustiges an dem ruhigen Mittwoch.
Es gibt ein kleines Büchle mit Witzen aus dem Stadtteil unterhalb vom Schloss, dort wo die Ammer durchfließt, wo die Gôgen, die Weingärtner, wohnen. Man sagt, diese seltsamen Menschen mit der komischen Aussprache seien der Rest eines versprengten Hunnenstammes, aber sagen darf man das keinesfalls, weil man sonst Prügel bekomme, „da Ranze voll!"
4. Das Großmütterle
Großmütterle wurde Maria Pfleiderer genannt, von ihren Enkelkindern Dorothee und Harald, den Kindern von Dr. Fritz Förstner und ihrer Tochter Maja; und den Söhnen von Helene Wilhelmy, Lottes Helenchen, Joachim und Ulrich. Maria ist eine Besondere, sie hat nämlich ihre Eigenheiten, „Mödele“ genannt. Ihre gleichaltrigen Cousinen fragen sich, warum sie sich die leisten kann, z.B. muss die Butter ganz gleichmäßig auf der dünnen Brotscheibe verteilt sein bis an den Rand. Maria streicht und streicht mit einem besonderen Messer, das am Griff ihren Namen trägt. Es fällt den Basen schwer, bei dieser Pingelei zuzusehen. Dass die Scheibe dünn sein muss, versteht sich. Es ist eigentlich ein Unrecht, denn Maria trägt die Butter etwa 3 mm dick auf, welch eine Verschwendung!
Dass so eine Person im sparsamen Reutlingen aufwuchs, ist kaum zu glauben, heißt es doch, die Bewohner der Stadt seien knickerig und würden „reinwärts schwimmen“, das heißt ihre Arme immer zu sich selbst hinbewegen und damit auch die auf diese Weise gesammelten Güter.
Seit einigen Wochen ist Gottlob Pfleiderer mit Maria verlobt und sehr glücklich, aber der wird noch Augen machen, wenn sie verheiratet sind, heißt es. Der „domme Kerle“ lässt ihr jetzt schon alles durchgehen. Hübsch ist sie, das muss der Neid ihr lassen, aber ihre Nase ist zu groß und hat in der Mitte einen Hubbel. Fast alle aus der Familie Lachenmann nebst Frauen bekommen bald weißes Haar, silbrig mit einem kleinen Stich ins Blonde, dazu haben sie hellblaue Augen. Wenn Maria lacht, leuchten ihre Augen, wie wenn ein Lämpchen dahinter brennen würde. Die meisten der Familienmitglieder werden sehr alt und sind abgehoben, schweben über der Wirklichkeit.
Marias Bruder Eugen ist Uhrmacher und Juwelier. In der Marienstraße in Reutlingen steht das hohe schmale Haus, unten drin befindet sich der Laden. Mit Mutter fährt Lotte einmal im Monat nach Reutlingen, um nach dem Grab von Vater zu sehen. Seine Urne ist dort, weil es, als er so früh sterben musste, in Tübingen noch keine Feuerbestattung gab.
Die katholische Gertrud Phillip sagt, es sei eine große Sünde, die Toten zu verbrennen, weil sie am Jüngsten Tag, wenn Jesus wiederkommt, nicht aus den Gräbern steigen können, um in den Himmel zu fahren. Aber warum hat man es mit ihm so gemacht? Mutter sagt: „Der stärkste Eichensarg fällt im nassen Grab einmal auseinander, dann liegt der Tote ungeschützt da und schnell kommen viele Tierlein und beginnen an ihm zu knabbern, Würmer, Mäuse, Käfer, bis zum Schluss nur noch das Knochengerüst übrigbleibt. „Erde zu Erde, Staub zu Staub", sagte der Pfarrer am offenen Grab." Lotte muss sehr darüber nachdenken, was besser ist, verbrennen oder beerdigen.
Nach dem Friedhofsbesuch sind die beiden zum Kaffee in die Marienstraße eingeladen. Es ist Mittwoch, damals gibt es, nur an dem Tag, Reutlinger Kimmicher mit Kümmel und eine bestimmte Art süße Stückle, deren Namen Lotte nicht mehr weiß. Immer wenn sie dort sind, scheint die Sonne in das Wohnzimmer mit den vielen Fenstern. So bleibt es in Erinnerung und Lotte denkt, in Reutlingen scheine immer die Sonne!
Später kommt die Urne nach Tübingen ins Familiengrab im alten Friedhof unter der Kapelle. Viele berühmte Menschen liegen rundum, Hölderlin, Uhland, Isolde Kurz und ihr Vater Hermann. Ganz hinten ist auch das Grab von Großvater und Großmutter Kiedaisch, ihre Namen stehen auf einem hohen Sandstein, umgeben von Buchs.
Vetter Wolfgang geht oft auf den Friedhof, beschneidet die Sträucher, stellt Blumen in die Vase und denkt sicher wehmütig an den schon lange Verstorbenen, der für ihn Großvater und Vater zugleich war.
Gut, dass es Tante Lisbeth noch gibt und Base Lotte, die ihm immer zum Geburtstag am 6. Mai gratulieren; nur im vergangenen Jahr haben sie es vergessen, oder ihn telefonisch nicht erreicht. Er sei traurig gewesen deshalb, sagt seine Frau Erna.
5. Liebe Dinge
Es handelt sich hier um Gegenstände, welche die vielen Jahre seit der Tübinger Kindheit überstanden haben und noch bei Lotte sind.
