Bis nichts mehr ging - Matthias Onken - E-Book

Bis nichts mehr ging E-Book

Matthias Onken

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Beschreibung

Schon als Kind wollte Matthias Onken Reporter werden. Es ist also nur konsequent, dass er für ein Praktikum bei einer Lokalzeitung seinen Studienplatz sausenlässt und sich mit Herz und Seele dem Journalismus verschreibt. Matthias Onken steigt vom Polizeireporter zum Chefredakteur auf – seine Arbeitswut kennt keine Grenzen. Wohl aber sein Privatleben: Onkens Ehe scheitert, seinen Sohn sieht er nur noch am Wochenende, Freunde vernachlässigt er. Der wenige Schlaf, der viele Stress, das ungesunde Essen hinterlassen ihre Spuren. Erst als er merkt, dass ihm außer seinem Beruf nicht mehr viel geblieben ist, keimt in ihm der Wunsch nach Ausstieg. Trotz ständiger Erschöpfung und finsterer Gedanken dauert es noch mehrere Jahre, bis der Workaholic mit Ende dreißig die Reißleine zieht. Er kündigt seinen Job für ein neues Leben ohne Konferenz-Marathon, ständige Erreichbarkeit und das bedrückende Gefühl, seine Freiheit der Karriere zu opfern.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Matthias Onken

Bis nichts mehr ging

Protokoll eines Ausstiegs

 

 

 

Über dieses Buch

Schon als Kind wollte Matthias Onken Reporter werden. Es ist also nur konsequent, dass er für ein Praktikum bei einer Lokalzeitung seinen Studienplatz sausenlässt und sich mit Herz und Seele dem Journalismus verschreibt. Matthias Onken steigt vom Polizeireporter zum Chefredakteur auf – seine Arbeitswut kennt keine Grenzen. Wohl aber sein Privatleben: Onkens Ehe scheitert, seinen Sohn sieht er nur noch am Wochenende, Freunde vernachlässigt er. Der wenige Schlaf, der viele Stress, das ungesunde Essen hinterlassen ihre Spuren. Erst als er merkt, dass ihm außer seinem Beruf nicht mehr viel geblieben ist, keimt in ihm der Wunsch nach Ausstieg. Trotz ständiger Erschöpfung und finsterer Gedanken dauert es noch mehrere Jahre, bis der Workaholic mit Ende dreißig die Reißleine zieht. Er kündigt seinen Job für ein neues Leben ohne Konferenz-Marathon, ständige Erreichbarkeit und das bedrückende Gefühl, seine Freiheit der Karriere zu opfern.

Impressum

Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Januar 2013

Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung ZERO Werbeagentur, München

(Abbildung: Thorsten Wulff)

ISBN Buchausgabe 978-3-499-63000-2 (1. Auflage 2013)

ISBN Digitalbuch 978-3-644-48391-0

www.rowohlt-digitalbuch.de

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

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Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Ich mach’ mein ...

Traum

Rückblende

Aufstieg

Big Boss

Flurfunk

Einsam

Hamburg vs. Berlin

Angeeckt

Durchgemacht

Angepasst, unangepasst

Eskalation

Seitenwechsel

BILD

Alltagsgalopp

Stress

Muffensausen

Filmriss

Ruhelos

Samy

Unter Strom

Feuerangst

Fuerteventura

Müde

Melancholika

Rücktritte

Love, Sex & Affairs

Schwitzkammer

Schweigen

Hilfe – bitte nicht!

New York

D.

Kündigung

Epilog

Ich mach’ mein Ding

egal, was die andern labern

Udo Lindenberg

Für die in meinem Leben

Traum

Januar 2007

In der Redaktion. Der große Besprechungsraum. Er sieht aus wie bei der Hamburger Morgenpost. Schräg hinter mir der um Wasser bettelnde Benjamini. Seit Jahren darbt er vor sich hin, weil ihn niemand gießt. Selbst die Putzkolonne beachtet ihn nicht. Meine Hände schwitzen auf der mattschwarzen Tischplatte. Wo der Schweiß trocknet, bleibt ein hässlicher Salzfleck. Solche Konferenztische baut jemand, der noch nie unter Hochspannung an ihnen gesessen hat. Die sechs Kollegen in der Runde kenne ich nicht. Es sind Fremde. Aber ich bin ihr Chef. Gerade ist die Zeilenkonferenz vorbei, in der die Ressortchefs mit mir um den besten Aufmacher für Seite eins ringen. Manchmal drängt sich das Thema für die Schlagzeile auf, dann müssen wir nur noch an der Formulierung feilen. Manchmal verlangt sie eine mühevolle Komposition. So wie heute. Immer wieder haben wir das Thema und die Tonart gewechselt. Doch die Lage ist so dünn, als stünde die Welt still. Keine Top-Nachricht, nichts Exklusives.

Sackgasse.

Wir brechen ab. Die Laune ist schlecht, die Stimmung gereizt. Ein guter Aufmacher ist wie Doping. Ohne bleiben wir auf der Strecke. Egal jetzt, Hauptsache fertig werden. Irgendwie.

Noch knapp zweieinhalb Stunden bis zur Deadline. Zweieinhalb Stunden. In unserer Situation kaum mehr als ein Wimpernschlag. Vielleicht hat die Polizeiredaktion noch etwas reinbekommen. Schnell fragen.

Schnell.

Ich drücke die Tür des Konferenzraums auf. Stille. Kein Mensch im Flur. Im Großraumbüro sitzen ein paar gesichtslose Gestalten an ihren Rechnern. Sie blicken nicht auf, starren auf ihre Monitore. Schnell weiter.

Schneller.

Ich nehme die nächsten zwanzig Meter Gang im Laufschritt, stoße rechts die dunkle Bürotür auf. Die Polizeiredaktion: verlassen. Keiner da, nur der Polizeifunk rauscht mir in die Ohren. Und jetzt?

Herzrasen.

Ich schaff das heute nicht. Niemand da, der mir hilft, niemand da, der mich erlöst. Ohne Schlagzeile gibt’s morgen keine Zeitung. Hitze knallt mir in den Kopf. Ich fliege die Treppe runter, drei Stufen auf einmal. Zweiter Stock, der Produktionsraum ist leer. Kein Layouter. Kein Redakteur. Kein irgendwer. Nur ich. Und Hitze. Und Panik. Alles hängt an mir. Alles dreht sich …

 

Ich zucke aus dem Schlaf hoch. Das Herz rast, die Gedanken galoppieren. Es ist mitten in der Nacht, halb vier sagt mir mein Blick auf die Digitalanzeige meines Weckers. Das Bettlaken ist so feucht, als hätte ich hineingepinkelt. Es riecht nach süßem Schweiß; meine Lippen schmecken salzig. Der Geruch und der Geschmack beruhigen mich, geben mir das Signal, zu Hause zu sein. Der Traum war eine Strapaze, aber: nur ein Traum, alles ist gut, zumindest jetzt gerade. Stand-by statt Laufrad. Der Stress im Job lässt mich selbst im Bett nicht los, verfolgt mich in meinen Träumen, saugt mich aus wie ein lästiger Parasit seinen wehrlosen Wirt. Der Stress ist der Teufel. Und er wird immer teuflischer.

Die nächsten zwei Stunden liege ich schlaflos da. Denke den nahenden Arbeitstag durch, entwerfe einen Themenplan, fahnde nach Aufhängern für Geschichten, texte Zeilen. Doch anstatt mich zu beruhigen, beunruhigt mich das. Ich werde immer nervöser. Der Kopf rattert. Mein Atem geht flach. Ich spüre ein Brummen an den Schläfen, ein Drücken im Bauch, ein Stechen im Rücken. Viertel nach sieben tapse ich gerädert ins Bad. Mein Herz donnert in der Brust. Ich sorge mich um meinen Körper.

Infarktangst.

Sie bleibt nur einen ehrlichen Augenblick lang. Denn jetzt muss ich funktionieren. Sorgen kann ich mich später noch.

Kurz nach halb neun bin ich in der Redaktion, sitze in meinem Büro. Noch immer wummert es in der Brust. In einem zweiten ehrlichen Augenblick an diesem Morgen frage ich mich: Mute ich mir zu viel zu? Kann man von Stress sterben? Das erscheint mir in meiner Situation nicht weit hergeholt. Ich leck mir eine Pfütze «Notfalltropfen» von der Hand. Manchmal bringen die mich runter. Jetzt immerhin ein bisschen.

Unser Blatt ist heute nur Durchschnitt. Auf meinem Tisch liegen die Zeitungen der Konkurrenz. Ich vergleiche Thema für Thema. Was haben die anderen, laufen wir irgendwo hinterher? Ich werde ruhiger, auch die Konkurrenz ist dünn. Nirgends ein Kracher, alles halb so wild. Erleichtert lehne ich mich zurück.

Als um neun die ersten Kollegen grüßen, habe ich fast gute Laune. Sie vertreibt das diffuse Gefühl nicht, dass der Stress mir nicht guttut; ich spüre, dass ich so nicht ewig weitermachen kann. Ich spüre es und werde trotzdem noch mehr als vier Jahre brauchen, bis ich die Reißleine ziehe. Vier Jahre. Bis nichts mehr geht.

Rückblende

1972–2004

Wenn jemand sagt, er habe eine gute Kindheit gehabt, frage ich mich manchmal, ob auch ich so über meine Kindheit urteilen würde. Normalerweise meint man damit ja, behütet aufgewachsen zu sein. Das bin ich. Meine Eltern waren da, sie waren aufmerksam, mein drei Jahre jüngerer Bruder und ich spielten eine wichtige Rolle im Familienleben. Eine gute Kindheit ist frei von Gewalt und traumatischen Erlebnissen. Soweit ich das erinnere, war meine das auch. Das heißt nicht, dass es keine schlimmen Momente gab, keine seelischen Verletzungen, keine prägenden Tiefpunkte. Ich bin in keinem Paradies groß geworden und war nicht in einen Kokon gebettet. Aber meine Umgebung bot mir alles, was ich liebte.

Bis zur dritten Klasse wohnten wir im Hamburger Westen nahe der Elbe in einer großen Mietswohnung mit weitläufigem Garten. Ein Teil war verwildert mit großen Tannen, Kiefern, buschigen Brombeer- und Stachelbeersträuchern. Dieser Teil war während der ersten Grundschuljahre mein Ein und Alles. Auf dem Weg dorthin habe ich Baustellen eingerichtet, Gruben gegraben, Gehwegplatten an einem Tag aus- und am nächsten wieder eingebuddelt. Ich brauchte immer eine Aufgabe und verfolgte sie mit unheimlicher Energie.

Meine besten Freunde wohnten in der Nachbarschaft, einer gutbürgerlichen Gegend. Die meisten Eltern tickten linksliberal, waren mit der Politik von Bundeskanzler Helmut Schmidt nicht immer einverstanden und demonstrierten am Wochenende auf Fahrrädern vor dem AKW Brokdorf gegen Atomkraft. Wir Kinder protestierten mit, waren Teil einer Bewegung und erlebten die Geburtsstunde der Grünen.

Mit meinen beiden besten Freunden, Fridolin und Axel, bin ich mit Gokarts, Rollern oder Rädern durch die Gegend getourt, immer auf Entdeckungsreise. Wir fanden Höhlen, beobachteten Tiere, begegneten Menschen, denen wir die wildesten Geschichten andichteten, fuhren im Kajak auf der Elbe, machten am Rande des Wochenmarkts auf einer Wolldecke einen Flohmarkt und organisierten im Sommer auf dem Schlittenhügel im Park Kämpfe. Unser Mann war Shin, ein aus Südkorea adoptierter Mitschüler, 1980 der einzige Ausländer in unserer Klasse und trotz seiner nur durchschnittlichen Größe bärenstark. Er konnte Judo oder Karate, irgendeine Kampfsportart jedenfalls. Wir ließen Shin gegen die Großmäuler aus den Parallelklassen antreten und wetteten auf ihn. Eine Mark auf Shin. Wir gewannen immer.

Obwohl ich eher schüchtern und gerade im Beisein fremder Menschen oft zurückhaltend war, gab ich in meiner kleinen Clique den Ton an. Ich selbst fühlte mich in dieser Rolle wohl, solange ich nicht drauf angesprochen wurde, sondern unkommentiert losmarschieren konnte.

1981, ich war fast neun, zogen meine Eltern mit uns in den Sommerferien von Hamburg nach München. Damals war ein Ortswechsel des Jobs wegen, im Gegensatz zu heute, die Ausnahme. Meine Eltern taten sich schwer mit Bayern, verstanden die Menschen nicht, was sowohl für die Sprache als auch für die Mentalität galt. Besonders meine Mutter war todunglücklich: Sie war Lehrerin und kam mittags oft weinend nach Hause, wenn ihr die Schüler mal wieder die Hölle heißgemacht, sie wegen ihres norddeutschen Akzents aufgezogen und nicht für voll genommen hatten. Letztlich hat sie sogar ihren Beamtenstatus aufgegeben und eine neue Ausbildung begonnen. Heute ist sie Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche.

Mein Vater war Jurist bei einer Versicherung. Ich hatte selten das Gefühl, dass er morgens gern zur Arbeit geht und abends erfüllt wiederkommt. Er ist «zum Dienst» gegangen, weil es sein musste. Punkt. Wie er mir später mal erzählte, hatte er eigentlich Kinderarzt werden wollen und nur auf Wunsch seiner Eltern eine Banklehre gemacht und Jura studiert.

An einem seiner ersten Tage im Münchener Büro hat er sich bei seinen neuen Kollegen zum Feierabend mit einem hamburgischen «Tschüs» verabschiedet. Sie haben ihn strafend angeguckt und ihn belehrt, dass man in Bayern «Auf Wiederschaun» sage. Mein Vater hat sich geärgert, aber er hat sich gefügt. Ihm, aber auch meiner Mutter war daran gelegen, nicht allzu sehr aufzufallen. Die Meinung anderer Leute zählte was. Dabei waren meine Eltern selbst immer locker, erzogen meinen Bruder und mich «Laisser-faire». Ich durfte fast immer alles, vor allem in der Pubertät haben sie mich mein Ding machen lassen. Die meisten meiner Freunde hatten strenge Vorgaben, wann sie nach einer Party zu Hause zu sein hatten. Ihre Lernzeiten wurden überwacht. Einer meiner besten Kumpels bekam sogar Stubenarrest, wenn er schlechte Noten mit nach Hause brachte und sich dafür nicht in den Staub schmiss und hoch und heilig sofortige Besserung versprach. Meine Eltern waren da anders. Sie haben bei schlechten Noten nicht geschimpft. Manchmal haben sie mich gefragt, warum ich mich nicht mehr anstrengen würde, ich könne das doch viel besser.

Vermutlich hatten sie aber längst verstanden, dass ich mit meiner Verweigerung – ob bewusst oder unbewusst – gegen ein Schulsystem rebellierte, das aufs Abfragen auswendig gelernten Wissens ausgerichtet war. Pauken, pauken, pauken – darum ging’s. Wer am meisten behielt, wurde mit guten Noten belohnt. Einigen fiel das in den Schoß, für mich war’s eine Qual.

Spätestens ab der siebten Klasse war das Gymnasium blanker Horror für mich, und ich ging nur hin, um meine Freunde zu sehen. Die meisten Lehrer und Stunden fand ich anstrengend: viel zu viel Theorie, viel zu wenig Leben. Ihre Themen waren mir unglaublich egal. Aber egal durfte einem nichts sein, das wurde bestraft. Die neunte Klasse habe ich wiederholen müssen, zwei Fünfen in Physik und Französisch und eine Sechs in Mathe standen in meinem Zeugnis. Aus Protest hatte ich irgendwann überhaupt nicht mehr gelernt. Erstaunlich, dass ich damit so weit gekommen bin. Ich überlegte, die Schule zu wechseln und Fachabitur zu machen.

Als Kind wollte ich lange Zeit Koch werden. Mit etwa zwölf Sportreporter, dann Polizeipsychologe und als Jugendlicher Politikredakteur. Schon in der achten Klasse schrieb ich Artikel für die Schülerzeitung, gegen den Bau eines Autobahnrings, später dann gegen das Verbot der Teilnahme an Friedensdemos während der Unterrichtszeit, gegen die Anordnung eines Gottesdienstes als schulische Pflichtveranstaltung. «Zum Beten verdonnert» war der Titel. Der Artikel erschien zensiert. Auf die schwarzen Balken war ich stolz. Ich war gern ein bisschen Revoluzzer, oft im Stillen, nur selten laut. Mit einem Freund habe ich Münchens erste Demo gegen den Golfkrieg organisiert. Damals hatte ich hennagefärbte Dreadlocks, trug abgewetzte Jeans mit Schlag, Batikhemden, Palitücher und Lederschnüre am Arm.

Meine Freunde warnten mich vor einem Schulwechsel. Studium und gute Positionen könne ich mir ohne allgemeines Abi abschminken. In der elften Klasse habe ich das Gymnasium trotzdem verlassen und bin an die Fachoberschule für Pädagogik und Psychologie gegangen – frei der Sorge, ich würde mir damit etwas verbauen. Ich nahm mir vor zu beweisen, dass ich es auch so zu etwas bringen würde. Daran habe ich mich erst viel später erinnert. Unbewusst hat es mich vielleicht immer angetrieben.

An der Fachoberschule hatte ich tatsächlich das erste Mal in meinem Leben Spaß am Lernen. Den Abschluss schaffte ich locker. Mit knapp zwanzig war ich mit der Schule fertig und hatte begriffen, dass ich meinen Weg wohl durch Erprobung gehen und Abzweigungen riskieren würde müssen.

Als ich nach dem Zivildienst Geld verdienen musste, legte sich ein Schalter um: Mit Revolte war offensichtlich kommerziell nicht viel zu holen. Also passte ich mich zumindest äußerlich der Norm an. Ich zog zu Hause aus und wollte von meinen Eltern finanziell unabhängig sein. Auf Empfehlung eines Schulfreunds begann ich bei einer Agentur für Kulturwerbung als Plakatkleber. Die Konzert-Ankündiger von Prince, Take That, der Kelly Family und den Rolling Stones habe ich an Bauzäune, Bunkerwände, Tunnelpfeiler gekleistert, manchmal achthundert Stück pro Tour. Fast immer nachts, oft illegal. Pro Plakat bekam ich eine Mark. Ich fand den Job cool, war engagiert und hatte nicht das Gefühl, etwas Anspruchsloses zu tun, im Gegenteil: Er versorgte mich mit Geld und ließ mir dennoch Zeit. Zeit zum Nachdenken über das, was war, und das, was kommen sollte. Ich hatte noch immer vor, Journalist bei einer Zeitung oder beim Fernsehen zu werden.

Nach einem Jahr Plakatieren und Party zog ich zurück nach Hamburg. Meine Geburtsstadt hatte mich die ganzen Münchner Jahre magnetisch angezogen. Ich arbeitete wieder bei einer Agentur für Kulturwerbung als Plakatierer. Mit Burk, einem Freund seit der Grundschule, mit dem ich nach Hamburg gezogen war, wohnte ich zusammen und erkundete die Stadt. Wir hatten oft Besuch von alten Freunden, gingen viel aus, in Kneipen und Techno-Clubs wie das «Front» oder das «Gaswerk». Nach ungefähr einem Jahr zog ich mit Karsten zusammen, einem anderen Schulfreund, der Biochemie studierte. Wir waren weiter im Nachtleben unterwegs, spielten Squash und diskutierten danach in der Sauna über Frauen, Partys und Politik.

Auf ein halbes Dutzend Praktikumsbewerbungen bei den großen Zeitungen Hamburgs hatte ich nur Absagen kassiert. Ich war frustriert, denn mein Traum hatte mich nach wie vor begleitet: Reporter sein. Über große Ereignisse berichten, Nachrichten live erleben, Skandale aufdecken, Einfluss nehmen, wichtige Menschen treffen, fürs Schreiben Geld kriegen. Am besten bei einer Boulevardzeitung. Selbst las ich lieber Süddeutsche oder Spiegel, aber die plakativen Inszenierungen in BILD gefielen mir. Ich guckte sonntags oft den Presseclub und freute mich, wenn dort jemand von einer Boulevardzeitung dabei war und meist viel weniger steif und diplomatisch wirkte als die anderen. Viele der Journalisten, die im Fernsehen auftraten, bewunderte ich. Sie motivierten mich, nicht aufzugeben. Ich eröffnete eine neue Bewerbungsrunde und klopfte diesmal auf den Rat eines Bekannten hin nicht gleich bei den namhaften Blättern, sondern bei einer Umlandzeitung an.

Ich war gerade dreiundzwanzig geworden, als ich zwei Tage vor Studiumsbeginn eine Zusage für ein Praktikum bei einer Tageszeitung in einem Hamburger Vorort bekam. Dort war jemand abgesprungen, ich könne praktisch sofort anfangen. Ohne zu zögern ließ ich den Platz an der Uni sausen.

Gleich am zweiten Tag in der Redaktion des Pinneberger Tageblatts sollte ich einen Termin für das Lokalressort übernehmen. In einer Kleinstadt drohte die Rotkreuz-Rettungswache aus Kostengründen geschlossen zu werden.

«Hör dir die Pressekonferenz an und schreib auf, was dir wichtig erscheint. Alles andere kriegen wir morgen gemeinsam hin», gab mir die Redakteurin, die sich um mich kümmern sollte, mit auf den Weg.

Mein erster Einsatz als Reporter mit Block, Stift und Kamera! Ich war sehr nervös, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen, als ich die wütenden Mitarbeiter interviewt und die Verantwortlichen nach ihrer Verantwortung gefragt habe.

Am nächsten Tag wurde mein Thema in der Konferenz als Seitenaufmacher ausgewählt. Mir sackte das Herz in die Hose, ich konnte mich kaum auf die Zusammenfassung meiner Recherchen konzentrieren. Ich hatte keine Ahnung, ob ich es gut oder schlecht machte, doch die Redakteurin war zufrieden. Gemeinsam redigierten wir meinen Text, und ich erfuhr, worauf es beim journalistischen Schreiben ankommt: Die Nachricht gleich am Anfang, Zahlen, Daten, Fakten; dann Hintergründe, Zitate, Gegenstimme, hinten das Unwichtige, das sich bei Platzmangel schnell kürzen lässt. Eine klare, leicht verständliche Beschreibung des Sachverhalts in einfacher Sprache, keine Fremdwörter, keine Schachtelsätze mit mehr als zwei Kommas, keine Kommentierung im Bericht.

Der Text erschien unter meinem vollen Namen. Ich schnitt die Seite aus und war stolz auf meinen ersten Artikel.

Ich durfte weitermachen, wurde auf immer mehr Termine geschickt. Zwei Wochen später setzte ich meinen ersten eigenen Themenvorschlag um: «Halluzinogene Pilze – die Droge von der Kuhweide». Dass ich die Dinger ein halbes Jahr zuvor mit Freunden selbst probiert hatte, sagte ich niemandem. Der Chef der Lokalredaktion erklärte mir, dass die Kunst des Schreibens darin bestünde, aus kleinen Themen große Geschichten zu machen. Wichtig sei es, sich den Themen nicht überheblich, sondern interessiert zu nähern.

«Wenn du das überzeugend beherrschst, wirst du überall bestehen.»

Das brannte sich mir ein. Jahre später habe ich diesen Grundsatz meinen eigenen Volontären gepredigt.

In meinem sechswöchigen Praktikum arbeitete ich wie bescheuert. Morgens ab neun, abends manchmal bis zehn, Montag bis Freitag und oft noch am Wochenende. Jetzt war ich drin im Geschäft. Diese Chance wollte ich unbedingt nutzen. Zur Belohnung wurde ich freier Mitarbeiter, ein halbes Jahr später bekam ich einen Vertrag als Pauschalist. Für den Verlag war das günstiger, als mich für meine vielen Artikel einzeln zu honorieren oder mich ordentlich anzustellen. Weil ich mich darüber zwei Jahre nicht beschwerte, gab mir der Chefredakteur ein Volontariat.

Die Redaktion war klein, viele Kollegen waren schon lange dabei, und ihr Ehrgeiz hielt sich in Grenzen. Somit hatte ich freie Bahn, musste mich nicht mit Neidern herumschlagen oder zum Kräftemessen gegen einen Haufen Konkurrenten antreten. Zu tun gab es genug. Ich bot mich immer an, wenn jemand für einen Sondereinsatz gesucht wurde. Mit der Zeit eignete ich mir einen boulevardesken Schreibstil an. Kurze, knackige Sätze, bilderreiche Sprache, Emotionen und plakative Zitate. Das lag mir. Ab und an rief die Umlandredaktion der BILD an und kaufte eine Geschichte von mir ein, meistens dann, wenn es um Verbrechen ging. Meine Artikel aus der Provinz erschienen in der größten Zeitung Europas!

Ich fing an, alles zu sammeln, was von mir veröffentlicht wurde. Nach drei Jahren füllten meine Artikel einen ausrangierten Koffer. Manchmal setzte ich mich zu Hause hin und las alte Geschichten. Entdeckte ich Fehler, ungelenke Formulierungen oder unverständliche Zusammenhänge, ärgerte ich mich darüber und nahm mir fest vor, es ab sofort noch besser zu machen.

Jens, der Lokalchef, nur fünf Jahre älter als ich, mochte mich. Ich ihn auch. Er war der erste Kollege, an dem ich beobachtete, wie Stress einen Menschen verändert. Sobald es hektisch wurde, etwas nicht wie geplant klappte, ein Mitarbeiter ihn nervte, zeigte Jens Stress-Symptome, begann mit dem rechten Bein zu wippen, manchmal wahnsinnig schnell. Er legte die Stirn in Falten, sah damit mal zornig, mal verärgert, mal verzweifelt aus. Jens trank unheimlich viel Kaffee, und die Abstände, in denen er sich eine Zigarette ansteckte, verkürzten sich, je näher der Redaktionsschluss rückte. Bei ihm zu Hause geriet alles aus den Fugen. Der Kontakt zu seinen beiden Söhnen reduzierte sich, je mehr Verantwortung er bekam, und auch die Beziehung zu seiner Frau steckte in einer dauerhaften Krise. Ich beobachtete ihn und sorgte mich um seine Gesundheit. Jens war nicht mal dreißig und raste mit Highspeed geradewegs auf den Burn-out zu. Den Begriff kannten wir damals zwar noch nicht, aber das Gefühl war: Geht das so weiter, geht bald gar nichts mehr. Ein- oder zweimal sprachen wir über seinen Druck. Mich schreckte das ab, und gleichzeitig faszinierte es mich. Ich glaube, ab diesem Zeitpunkt setzte ich Verantwortung und Entscheidungsmacht mit Stress bis zur Verausgabung gleich.

An einem Freitagabend nahm mich Jens mit in die Runde der Redakteure, die sich einmal im Monat beim Griechen um die Ecke zum gepflegten Absturz mit Bier und Ouzo traf. Ich empfand das als Ritterschlag: Ich war auf bestem Weg, Zeitungsredakteur zu werden. Es gab keinen Zweifel für mich, meinen Traumjob gefunden zu haben. Nun hatte ich eine Bühne, auf der ich das machen durfte, was ich am besten konnte: schreiben.

Von da an gab es nichts, für das ich mich mehr ins Zeug gelegt hätte als für meinen Job. Nie zuvor hatte ich mehr Bestätigung bekommen. Der Kick war enorm. Im Gegensatz zur Bewertung schulischer Tests fühlte ich mich nun nicht mehr für auswendig Gelerntes, sondern für meine eigenen Leistungen gewürdigt. Für meinen Ehrgeiz. Ich wollte immer die großen Geschichten schreiben, gleichzeitig war ich mir für nichts zu schade. Nicht aus Kalkül auf Karriere, sondern weil ich das, was ich tat, großartig fand.

Meine alten Freunde sah ich immer weniger. Die meisten von ihnen studierten noch. Einige saßen überwiegend vor dem Computer oder an der Spielkonsole, kifften und lebten von Nebenjobs und dem Zuschuss ihrer Eltern. Mich langweilte das. Sie fanden mich vermutlich arrogant. Sprach mich einer auf meine Arbeitswut an, reagierte ich herablassend: «So ist das eben, wenn man für sich selbst sorgt.» Mehrere Freundschaften versandeten. Immer seltener ließ ich mich bei den alten Kumpels blicken, selbst mit Karsten spielte ich kaum noch Squash, und Burk, der in Bars arbeitete, sah ich nur noch alle paar Monate. Die Computer-Jungs besuchte ich ab und an, wenn ich das Bedürfnis hatte, aus meiner neuen Arbeitswelt für einen Moment auszubrechen. Ich setzte mich dann mit an den Rechner, rauchte einen Joint, und alles war wie früher: dieselben Themen, derselbe Humor, dieselbe Nähe. Wir hatten die Pubertät gemeinsam durchgemacht – es gibt wohl kaum eine Zeit, die mehr zusammenschweißt. Nichtsdestotrotz wurden auch diese Treffen weniger.

Statt mit meinen alten Freunden traf ich mich nach Feierabend meist mit Kollegen. Wir verbrachten täglich mindestens zehn Stunden in der Redaktion und gingen danach was trinken. Erst jetzt im Nachhinein wird mir bewusst, wie ich auf meine alten Kumpels gewirkt haben muss: besessen. Als Workaholic zu gelten, fand ich cool. Ich liebte meine kleinen Erfolge, den Einfluss, den ich mit meinen Artikeln bekam, und das Gefühl, gebraucht zu werden. Mein Ego machte Sprünge. Warum sollte es da verkehrt sein, was ich tat?

Die alten Freundschaften rückten noch mehr in den Hintergrund, als ich mich 1998 in eine Kollegin aus der Redaktion verliebte. Sie war erst wenige Wochen bei uns, als wir zusammenkamen. Rauschhaft verbrachten wir Tag und Nacht miteinander. Nach sechs Wochen redeten wir übers Heiraten, nach drei Monaten über ein Kind. Vier Wochen später war Alexandra schwanger, als sie im fünften Monat war, feierten wir Hochzeit.

Ein Jahr nach Samys Geburt, im Oktober 2000, wechselte ich in die Großstadt. Die Hamburger Morgenpost hatte mir in genau der Woche ein Angebot gemacht, in der ich angefangen hatte, mich um einen neuen Job nach dem Volontariat zu bemühen. Gern wäre ich direkt zur BILD gegangen. Den Redaktionsleiter der Hamburg-Ausgabe kannte ich von der Ausbildungsakademie. Ich schickte ihm eine Bewerbung. Als ich vier Wochen später noch nichts gehört hatte, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und rief ihn an. Er erinnerte sich an mich, konnte mir aber nichts anbieten, es sei keine Stelle in der Lokalredaktion frei. So wurde ich Polizeireporter bei der zweiten Boulevardzeitung am Platze, der Hamburger Morgenpost. Ein in den fünfziger Jahren von der SPD gegründetes Blatt, einzige Nicht-Springer-Zeitung der Stadt.

Vor dem neuen Job hatte ich Riesenrespekt. Ich stellte mich darauf ein, bei null anzufangen. Alles war viel größer als in der Provinz. Die Auflage sechsmal so hoch, statt aus Elmshorn und Klein Offenseth-Sparrieshop berichtete ich aus der zweitgrößten Metropole Deutschlands. Als Polizeireporter hatte ich schon im Volontariat beim Pinneberger Tageblatt gearbeitet. In keinem anderen Ressort lernt man besser zu recherchieren, sich ein Netzwerk aus Informanten aufzubauen und sich im Konkurrenzkampf durchzusetzen. Je härter das Thema wurde, je schneller es gehen musste, je weiter wir die anderen Zeitungen vorn glaubten, desto ehrgeiziger wurde ich.

Ich besorgte Opferfotos von der trauernden Verwandtschaft, fotografierte Tote unter Leichentüchern, zerquetschte Autos, brennende Häuser, verhaftete Zuhälter und gefasste Mörder. Ich schrieb Schicksalsschläge auf, recherchierte im Rotlichtmilieu, traf den angeblichen Paten Hamburgs zum Pizzaessen. Draußen vorm Restaurant saßen zwei Zivilfahnder in ihrem grauen VW Passat und beobachteten uns durchs Fenster. Ich lernte die Macher und Ikonen des Nachtlebens kennen und bin manchmal erst morgens nach Hause gekommen. Wieder arbeitete ich in einem kleinen Team. Kampf um Platz und Themen im Blatt gab es fast nie. Jeder wurde gebraucht. Ich kam mit den meisten Kollegen gut klar. Manche Redaktion gleicht einem Haifischbecken, unsere glich eher einer Großfamilie. Im Nachhinein war ich froh darüber, nicht gleich bei BILD gelandet zu sein. Bei der Mopo hatte ich die Freiheit zu üben. Meine Artikel hatten nicht die Wirkung wie Geschichten in BILD, dafür flog einem auch nicht jeder Fehler, den man machte, um die Ohren. Die interne wie externe Aufmerksamkeit und Kontrolle waren viel geringer. Die Zeitung war mein Trainingscamp.

Von meinem Sohn bekam ich nicht viel mit zu jener Zeit. Meine Frau verstand einerseits meine Begeisterung für die Arbeit, sah meine Chancen und wusste aus eigener Erfahrung das Gefühl von Bestätigung für gelungene Artikel zu schätzen. Andererseits spürte sie, wie ich abdriftete. Zwischen uns öffnete sich eine Schere, zunächst kaum spürbar, dann immer krasser. Sie wollte nach der Elternzeit nicht wieder zurück zum Journalismus, sondern etwas Neues ausprobieren. Ich hingegen konnte mir nichts Besseres vorstellen als Zeitungmachen. Auf unseren kleinen Sohn war ich unglaublich stolz. Ich fand es toll, junger Vater zu sein, und erzählte in der Redaktion oft davon. In der Arbeit half es mitunter, wenn ich bei der Recherche anderen Eltern begegnete und erwähnte, dass auch ich ein Kind habe. Die wenige Zeit, die ich mit Samy verbrachte, waren die friedlichsten und ruhigsten Momente, an die ich mich erinnere. Ich genoss diese Oasen und war trotzdem meist nicht zu Hause. Manchmal hatte ich deshalb ein schlechtes Gewissen. Am heftigsten plagte es mich, wenn ich abends mit Kollegen in der Kneipe saß. Alexandra und ich lebten immer mehr in Parallelwelten. Unsere Beziehung drohte zu scheitern, wenn ich im Job nicht vom Gas gehen würde.

Ich versuchte, einen Kompromiss hinzubekommen. «Morgen