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Kleine Geschichten, Erlebnisse und Vergangenes des Ortsteiles Osterberg, heute Teil von Georgsmarienhütte. Zu meiner Kinder- und Jugendzwit war es eine reine Arbeitersiedlung, alle Männer und auch viele Frauen arbeiteten im Stahlwerk oder in der Oeseder Möbel Industrie, kurz OMI genannt. Es gab ein Lebensmittelgeschäft und eine Gaststätte. Für die Geselligkeit sorgte der Osterberger Schützenverein. Es gab Menschen auf dem Osterberg, die einer Erwähnung wert sind. In meinen kleinen Geschichten habe ich versucht, dem Rechnung zu tragen und viele der Geschichten handeln natürlich von uns Freunden. Das Bild zeigt mein Elternhaus, aufgenommen von der Karolinenhöhe.
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Bist du überhaupt schon einen Meter groß?
Erinnerungen an den Osterberg
Erste Auflage
© Rolf Glöckner
Coverfotos:© Rolf Glöckner
Fotos:© Rolf Glöckner privat
© Karikaturen von Professor Dr. Wolfgang Reiß
© Fotos aus alten Oeseder Büchern
© Fotos aus dem Internet
Creator:© Rolf Glöckner
Rolf Glöckner, geboren 1945 auf dem Osterberg im damaligen Oesede, lebt heute in Oldenburg. Er genießt seinen wohlverdienten Ruhestand und befasst sich nun mit Astronomie, Astrophysik, Astrofotografie, allgemeiner Fotografie und natürlich und vor allem mit dem Schreiben. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. „Spiegelwelten Tod im Ton" ist nach „Spiegelwelten Die zwölf Bücher“, „Spiegelwelten Der Kristallkrieg“, „Spiegelwelten Das Hexenschloss“ der vierte Fantasyroman in der Spiegelwelten-Reihe des Autors. Es war aber auch an der Zeit, die Erinnerungen aus seiner Kinder- und Jugendzeit aufzuschreiben. Der eine oder andere „Oeseder“ wird sich vielleicht an dieses oder jenes erinnern. Und wer mit dem Namen „Glöckner“ nichts anfangen kann, der Autor ist ein Sohn von „Beckers Nanda“
Kleine Erlebnisse aus meiner Kinder- und Jugendzeit und eine Zusammenfassung vom Leben auf dem heute zu Georgsmarienhütte gehörenden Osterberg, so wie ich es, bevor ich nach Oldenburg zog, erlebt habe.
Im November 2017
Rolf Glöckner
Heute war sein erster Schultag und er war doch schon ein wenig aufgeregt. Der Schulranzen war schon etwas abgegriffen, weil er schon länger in Gebrauch gewesen war. Er war mit einer Tafel versehen, der Schwamm baumelte, wie früher üblich, fröhlich an der Außenseite herum. In dem Ranzen waren Griffelkasten und auch schon einige Bücher und Hefte verstaut und wartete darauf, dass er ihn sich anschnallen würde.
Die Mutter rief zum Anziehen. Er hasste die Kleidung, die ihm für den ersten Schultag bereitgelegt waren, die Unterwäsche, ein Leibchen, an welches lange Strümpfe angeknöpft waren. Darüber kam eine kurze Hose und eine Jacke, die ein Schneider aus der Nachbarschaft aus einem noch vorhandenen Stoff hergestellt hatte, ein paar hohe Schuhe und eine Mütze, die er nicht mochte, aber all sein Wehren nützte ihm nichts.
Gemeinsam mit seiner Mutter machte er sich schon bald auf den Weg in den Ort hinunter, sein Bruder und seine Cousine hatten das Haus schon verlassen, er würde sie erst in der Schule wiedersehen.
In dem alten Schulgebäude gab es zwei Räume, die den evangelischen Schülern in einem überwiegend katholischen Ort zugestanden worden waren, ging es schon munter zu. Raum Eins war besetzt mit den Klassen Eins bis Vier, der andere Raum wurde von den schon älteren Schülern benutzt.
Seine Mutter gab ihm einen Klaps und verabschiedete sich dann, sie hatte zu arbeiten, Kinder ohne einen Vater, der im Krieg geblieben war, aufzuziehen, erforderte ihre ganze Kraft. Vorsichtig betrat er den Klassenraum, erspähte einen freien Platz in einer der hinteren Reihen und setzte sich.
Die Lehrerin, damals noch "Fräulein" genannt, betrat den Raum, schaute über das Gewimmel und bat die älteren Schüler, den Raum für eine Weile zu verlassen, sie wolle sich erst einmal ein Bild von den "Neuen" machen.
Sie verlas die Namen und als er aufgerufen wurde, bat sie ihn, aufzustehen da hinten. Sie schaute ihn lange an und fragte dann: "Bist Du überhaupt schon einen Meter groß?" Da schoss es aus ihm heraus: " Eins vier". Alle lachten und er wurde nach vorn in die erste Reihe gebeten. "Damit ich Dich überhaupt sehen kann" sagte die Lehrerin in das Gelächter hinein. Seine Anspannung ließ etwas nach, die älteren Schüler wurden wieder hereingerufen und der Unterricht begann. Nach drei Stunde war der erste Schultag für ihn vorbei und er durfte nach Hause gehen. Vor der Schule warteten viele Eltern auf ihre Kinder, bepackt mit Schultüten, die wohl gut gefüllt zu sein schienen. Wo war seine Mutter, hatte sie ihn vergessen? Da kam sie aber doch auf ihrem alten, klapprigen Fahrrad angefahren und sie hatte eine kleine Schultüte bei sich. Er war erleichtert, alles war gut gegangen, morgen würde er wieder in die Schule gehen, mal schauen, was da auf ihn zukam.
Am Abend, sein Onkel, er war so etwas wie ein Vaterersatz, kam gerade nach Hause, hatte er diesem allerlei zu erzählen. "Die Lehrerin ist aber nicht schlau, dauernd hat sie mich etwas gefragt, ich saß ja ganz vorn, aber ich habe es ihr nicht gesagt!
Schon lange vor dem 6. Dezember, dem Nikolausabend, ging bei ihm die Angst um. Der Nikolaus sollte kommen und der Knecht Ruprecht, ein dunkler Geselle, würde ihn begleiten. Von ihm wurde erzählt, er würde Kinder, die während des Jahres nicht artig gewesen waren, in einen großen Sack stopfen und mitnehmen und irgendwo, wo er lebte, sollten sie ihre gerechte Strafe bekommen. Die Eltern hatten diese Angst auch noch geschürt, indem sie seine kleinen Nickeligkeiten, die er im Laufe des Jahres begangen hatte, immer wieder zur Sprache brachten. Und nur war der Tag gekommen, es wurde langsam dunkel und alle hatten sich in der großen Wohnküche versammelt. Er drückte sich in die Ecke des alten Sofas und das Herz schlug ihm bis zum Hals, als es plötzlich an der Tür klopfte. Man öffnete und herein kam der Nikolaus, angetan mit einem roten Mantel, einen langen Stab in der einen, ein großen Buch in der anderen Hand. An seinem Gürtel war ein kleines Jutesäckchen festgeschnallt und an seinen Stiefeln klebte noch der Schnee. Er wandte sich den Kindern zu, die jetzt etwas erleichtert waren. Knecht Ruprecht war nicht gekommen, und der Nikolaus sprach sie mit tiefer Stimme an, indem er sein großes Buch aufschlug:
"Na, da sehe ich aber Dinge, die ein lieber und ordentlicher Junge nicht tun sollte. Da steht auch, dass Du dem Nachbarn Wasser in seine Holzschuhe geschüttet hast, seine Kaninchen frei ließest, in der Schule nicht immer fleißig gewesen bist, deinen Eltern Widerworte gabst, nicht immer gehorchen wolltest und was der Dinge mehr waren. Ich habe hier eine ganze Seite meines Buches vollgeschrieben." Er duckte sich verängstigt und wartete auf die wohl nun folgende Strafpredigt. Erst aber waren Bruder und Cousine dran, auch mit den Beiden hatte er einiges zu besprechen. Als er fertiggesprochen hatte, nestelte er den kleinen Jutesack von seinem Gürtel, warf ihn zu Boden und sagte: "Wenn Ihr mir aber versprecht, wieder artig zu sein, so habe ich Euch doch etwas mitgebracht, das ihr unter Euch aufteilen sollt." Da plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der Knecht Ruprecht stand im Raum. Schrecklich anzusehen und dunkel gekleidet mit einem Pelz, eine Pelzmütze auf dem Kopf, ein schrecklicher schwarzer Bart stand von seinem Gesicht ab, welches ebenfalls schwarz war. Um seinen Bauch war eine rostige Kette gewickelt und an den Füßen trug er hohe schwarze Stiefel. Aber das Erschreckendste, welches er bei sich trug, war ein oben zugebundener großer Sack, aus dem zwei Schuhe herausragten.
Da war aller Mut dahin und während seine Cousine laut aufschrie, der Bruder wie erstarrt auf seinem Stuhl saß, schoss er, so schnell er konnte, unter das Sofa. Dort blieb er, bis die beiden, der Nikolaus und sein Knecht, Gott sei Dank, ohne jemanden in den Sack zu stecken, gegangen waren und er schwor sich, im nächsten Jahr artig und fleißig zu sein. Erst nach einer Stunde traute er sich unter dem Sofa hervor, denn da war ja noch der kleine Sack, da sollte ja etwas darin sein. Und so gab es Süßigkeiten, für jeden eine Apfelsine und viele Nüsse. Am nächsten Morgen, als er das Ereignis vom Vorabend Revue passieren ließ, kamen ihm einige Dinge merkwürdig vor. Warum hatte Knecht Ruprecht einen Pelz an, der wohl seiner Mutter gehörte? Und warum hatte der Nikolaus Stiefel an, die seinem Onkel Hans gehörten? Fragen über Fragen, für die er wohl keine Lösung finden würde. Im nächsten Jahr aber war alles anders, da war er ja schon, weil inzwischen Schüler, viel aufgeklärter!
Mürrisch machte er sich auf den Weg. Eigentlich hatte er dazu überhaupt keine Lust und wäre gern, besonders an diesem stürmischen Tag, daheim geblieben. Aber Pflicht war eben Pflicht und so nahm er seine Tasche, klammerte sie auf das Fahrrad, welches ihm Nachbarn, die im benachbarten Stahlwerk Dienst taten, aus Schrotteilen zusammengebaut hatten. Zuerst den Berg hinunter, hier sollte er besser vorsichtig sein, es ging sehr steil hinab. Als er den schmalen Weg unterhalb des Hanges, welcher mit Hunderten von blühenden Schwertlilien bedeckt war, erreicht hatte, stieg er auf und fuhr weiter talabwärts.
An der tiefsten Stelle zweigte ein kleiner Weg ab, der nach einigen wenigen Häusern zu seiner Lieblingsstelle an einem kleinen Bach führte. Dort stand eine uralte Trauerweide, der Stamm war schon teilweise ausgehöhlt. Sie schwenkte ihre langen, mit lanzettförmigen Blättern bedeckten Zweige über dem Bach hin und her. Leider konnte er hier nicht lange verweilen und so erreichte er schon bald die Straße, die zum Ort hinführte. Vor ihm fuhr auf einem nagelneuen Rad ein Mädchen. Er holte es ein, fuhr vorbei, drehte sich um, um sie anzusehen, bekam einen roten Kopf, als sie ihn lieb anlächelte und wäre, hätte er nicht im letzten Moment gebremst, in den neben der Straße verlaufenden Graben gefahren. Er hatte ein merkwürdiges Gefühl, mit dem er nichts anfangen konnte, in sich, nahm aber allen Mut zusammen und fragte sie: "Wohin fährst Du?". Sie antwortete: "Ich gehe heute den ersten Tag in diese Schule hier, wir sind erst kürzlich zugezogen". Er antwortete: "Dann können wir ja zusammen hinfahren". Gemeinsam erreichten sie die Schule und das Mädchen ging mit ihm zusammen in den Klassenraum, in welchem schon einige Schüler mehr oder weniger herumtobten. Als die Klassenlehrerin erschien, kehrte sofort Ruhe ein. Die Lehrerin bat das Mädchen, nach vorn zu kommen und sagte: "Das ist Christine, sie wird ab sofort in Eurer Klasse sein, also benehmt Euch". Er war mit einem Male ganz glücklich und ein warmes Gefühl durchströmte ihn. Der Unterricht verging wie im Fluge und in den Pausen versuchte er immer, sich in ihrer Nähe aufzuhalten und sie immer wieder anzuschauen.
Dann war die Schule endlich aus und auf dem Heimweg schwatzten sie allerlei dummes Zeug, lachten viel und waren beide mit sich und der Welt zufrieden.
Als er nach Hause kam, bemerkte seine Mutter, dass er wohl etwas Besonderes erlebt haben müsse und fragte nach seinen Erlebnissen. Da sprudelte es aus ihm heraus, seine Augen leuchteten, er ruderte beim Erzählen mit den Armen und hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Die Mama hörte aufmerksam zu, lächelte dann und sagte: "Mir scheint, Du bist das erste Mal verliebt, aber es ist ja noch so viel Zeit in Deinem Leben". Dann strich sie ihm über den Kopf, als wolle sie ihn ein wenig trösten. Er sah sie an und dachte: "Sie hat ja recht, ich bin ja erst sieben Jahre alt". Aber morgen würde er Christine wiedersehen.
Balduin war der unumschränkte Herrscher auf dem Hühnerhof, ein stolzer Hahn vom Geschlecht der rebhuhnfarbigen Italiener. Fips war ein mürrischer, schon in die Jahre gekommener Spitz, der glaubte, auf dem gesamten Grundstück das Sagen zu haben, und dieses auch durch Knurren und dem Aufstellen einer Rückenbürste gelegentlich zeigte.
Der Hahn Balduin aber war der Herrscher der Lüfte und von seinem Lieblingsbaum aus, dem Beschneiden der Schwungfedern, die ihn am Fliegen hindern sollten, hatte er sich immer aufs Neue entzogen, übersah er den Weg zum Haus, den großen Vorplatz und große Teile des Gartens. Dort hocke er, wenn er nicht gerade fraß oder seinen Hahnenpflichten nachkam, wachte über alles, was sich in seinem Revier tat, auch wenn es manchmal so aussah, als schliefe er.
Das große Haus mit seinen vielen Zimmern war voll, die Großeltern und eine Tante mit Tochter, die in Ungarn gelebt hatten, waren bald nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges, weil sie immer "deutsch" gewesen waren, von der ungarischen Regierung ausgewiesen worden und lebten nun im alten Haus..
Sie wurden bei uns aufgenommen und warteten darauf, in eine Wohnung zu ziehen, die aber noch nicht fertig war. Zudem lebten hier die Familie mit drei Kindern, weitere Großeltern und ein Onkel. All diese Menschen waren dazu noch umgeben von allerlei Getier und darüber wachten Balduin, der Hahn und Fips, der Spitz.
