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Bernd Engler

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Beschreibung

Ein etwas anderes Knast - Tagebuch. Ernsthaft. Humorvoll. Kritisch. Der Autor lässt uns auf dem Grat zwischen Humor und Betroffenheit wandern. Gelungen und einzig in der Art. Der latente Sarkasmus lässt den hintergründig-humor-affinen Leser schmunzeln und schon mal laut lachen, was auch dringend erforderlich ist um die Ernsthaftigkeit durchzustehen. Ein Blick hinter die Mauern, sarkastisch und schonungslos mit der richtigen Prise Humor. Daniel Tull Artikel 1 Absatz 1 GG „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“ So lautet der Schlüssel zum Umgang miteinander, verankert in unserem Grundgesetz. Resozialisierung nach Verhalten, welches Recht und Gesetz, ungeachtet des Tatbestandes, verletzt, unterliegt auch diesem Grundgedanken. Gelebt in jedem Falle ? Nein. Ein Buch, welches nachdenklich stimmt und berührt. Mit Ironie, Sarkasmus und konsequenter Offenheit aller Gefühlslagen bietet dieses Buch einen Einblick in die Welt einer JVA und in die Welt eines Menschen, die sich unter Be- und Missachtung von Recht und Gesetz verändert hat. Ob Resozialisierung mit den erfahrenen Begegnungen und Umständen den gewünschten Erfolg erzielt, bleibt nach der Lektüre nicht mehr fraglich. Carola Bussemas

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Artikel 1 Absatz 1 GG„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

So lautet der Schlüssel zum Umgang miteinander - verankert in unserem Grundgesetz.

Maßnahmen nach einem Verhalten, welches Recht und Gesetz, ungeachtet des Tatbestandes, verletzt, unterliegen auch diesem Grundgedanken.

Beachtet in jedem Falle? Nein.

Ein Buch, welches nachdenklich stimmt und berührt.

Mit Ironie, Sarkasmus und schonungsloser Offenheit aller Gefühlslagen bietet dieses Buch einen Einblick in die Welt einer JVA und in die Welt eines Menschen, die sich auch durch Be- oder Missachtung dieses Grundrechtes verändert hat.

Und ob diese Maßnahmen mit den erfahrenen Begegnungen und Umständen den eigentlich gewünschten Erfolg erzielen, bleibt nach der Lektüre nicht mehr fraglich.

Carola Bussemas

Ein Blick hinter die Mauern,sarkastisch und schonungslosmit der richtigen Prise Humor.

Daniel Tull

Ein berührendes Tagebuch, humorvoll sarkastisch geschrieben, welches Einblicke in ein fehlerhaftes System gibt.

Es stellt sich die Frage was diese Form des Strafvollzuges bewirken soll und ob hier nicht ein schnelleres Umdenken und handeln erfolgen muss?

„Wenn nichts verändert wird dann ändert sich auch nichts“.

Gabriele Hülsmann

Zynismus sei „die Kunst, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollten“ Oscar Wilde

Für meine Kinder

Schreitet nicht bloß entlang

Lasst Wege entstehen

Welche ihr auch gehen werdet

Ich liebe Euch

Jeder kennt dieses lächelnde Gesicht eines Beamten, dieses allwissende Lächeln und diesen neutralisierenden Blick, der einen nur kurz streift, um dann mit interessenloser Wichtigkeit auf einer Akte zur Ruhe zu kommen …

Diesem Lächeln sitze ich, Antworten gebend, seit einiger Zeit gegenüber. Eigenartigerweise bin ich ganz ruhig, meines Erachtens viel zu ruhig für jemanden, der lächelnde Beamte für gefährlich hält und der weiß, dass er die nächsten Monate nur viele Beamte und unzählige Männer zu sehen bekommt. Teilnahmslos grimmig dreinschauende Beamte sind okay, da weiß man, was man hat, Normalzustand. Aber ein lächelnder Beamter bedeutet Ausnahmezustand! Achtung Gefahr! Ich weiß, jeder weiß das, aber ich weiß nicht, warum ich trotzdem so ruhig bin.

Eigentlich sollte der Sturm jetzt Orkanstärke erreichen aber es stürmt schon zu lange. Die Kraft hat sich in endlosen Wochen und Monaten verloren und nun herrscht die elegische Ruhe nach dem Sturm. Alles ist jetzt, genau jetzt in diesem Moment völlig egal. Ich darf, kann und muss nichts mehr tun. Keine Verhandlungen mehr, keine Stellung-nahmen, keine Existenzkämpfe, keine Übelkeit, keine schlaflosen Nächte. Kein Widerstand mehr.

Wie bei einem Geständnis nach der Folter, egal ob Wahrheit oder Lüge, Recht oder Unrecht, danach herrscht Stille. Mit dem Vollzug ist die Qual endlich beendet und alles ist gut.

In der neuen Welt. Scheinwelt. Scheinbar gut.

Die Frage: „Sind Sie selbstmordgefährdet? Wollen Sie sich umbringen?“, reißt mich ungewollt sarkastisch aus meiner scheinbaren Ruhe. Erst später wird mir bewusst werden, wie nahe man einer bejahenden Antwort auf diese Frage kommen kann. Jetzt denke ich bloß, wer würde diese Frage, selbst wenn er vor hat sich selbst zu gefährden, mit „Ja“ beantworten? Der Gedanke an Sanktionen in Form von Gummizelle, Zwangsjacke und Eisenkette, lässt meine ironische Antwort: „Na ja, ich warte erst mal ab wie das Frühstück sein wird“ nicht bis zu den Stimmbändern durch. Stattdessen sage ich „Nein“.

“Lächelmann“ trägt für ein paar Sekunden, ohne mich dabei anzusehen, seinen Namen zu Unrecht, anscheinend um der Ernsthaftigkeit seiner Frage Nachdruck zu verleihen. Und während ich noch überlege, wie man psychologisch korrekt auf solch eine Frage antworten muss, um nicht als „gefährdet“ dazustehen, sagt der inzwischen wieder Lächelnde einfach: „Okay.“ Er unterbricht meinen verdutzten Blick, den eines jetzt amtlich bestätigten “Nichtselbstmörders“, mit der Erklärung, dass diese Frage aus psychologischen, protokollarischen, statistischen Gründen in den nächsten Tagen noch häufiger an mich gestellt werden würde - was im Übrigen nie geschehen wird.

Als er mich noch fragt, ob ich denn vor hätte anderen weh zu tun oder auch mir selbst, denke ich bloß: „Wer öfter fragt fühlt sich weniger schuldig.“ Ich überlege, ob ich jemals einem anderen körperlich weh getan habe und erinnere mich nur an den einzigen mehr oder weniger erfolgreichen Versuch, jemandem absichtlich Schmerzen zuzufügen, nachdem ein Freund und ich von einer Horde betrunkener Russen malträtiert wurden. Die Verteidigung musste halbwegs erfolgreich verlaufen sein, denn wir hatten überlebt. Meine Jacke und seine Brille nicht.

Wir können niemandem sonderlich wehgetan haben, denn plötzlich war die Supermacht abgezogen.

Ich verleugne die von mir ausgehende Gefahr vorsichtshalber mal. Nachdem “Lächelmann“ mich inspiziert, instruiert und motiviert hat sagt er: „So!“, was sich in Verbindung mit dem erstmaligen Klingeln seines comichaft großen Schlüsselbundes für mich jetzt recht bedrohlich anhört.

Als er mit den Worten: „Bitte warten Sie kurz hier!“ hinter mir eine Stahltür schließt, die sehr ernsthaft auf mich wirkt, weiß ich, dass es erst einmal mit dem Lächeln vorbei ist.

Der Raum in dem ich stehe misst etwa 2 auf 3 Meter, schwarz gestrichene Decke, grauer, dreckiger Fliesenfußboden, weiß geflieste Wände, hier und da und dort so etwas wie Nasenpopel an den Kacheln und in der Ecke ein kleiner Tisch, auf dem 2 Stühle stehen.

Nach ca. 15 Minuten wirkt das Brummen der grellen Neonröhre an der Decke immer bedrohlicher und nach weiteren 10 Minuten hat sich die leise Lüftung in ein unangenehmes Rauschen verwandelt.

Irgendwann später, als ich an einen Psychotest denke und die Decke nach versteckten Kameras absuche, höre ich dieses Geräusch donnernder Stahltüren und drehender, großer Schlüssel, an das ich mich wohl erst nach sehr langer Zeit gewöhnen werde.

Kurze danach wird die Tür meiner Wartezelle geöffnet und während ich überlege, wie man den besten Eindruck bei einem Psychotest machen kann, schiebt sich ein Gefängnis-Tattoo-Arm durch die Tür, welcher zu einem Mann gehört, der mich in Aussehen und Kleidung an Averell erinnert, den Größten der Daltons, wenn er wieder einmal gemeinsam mit seinen Brüdern von Lucky Luke im Knast abgeliefert wurde. Bloß statt gestreifter trägt er uni-graublau-farbene Sträflingstracht.

Ich stehe zum ersten Mal in meinem Leben einem echten Gefangenen gegenüber. Nicht lange, denn nachdem der Beamte hinter ihm mich mit den Worten: „Oh, da ist ja schon jemand drin!“, entdeckt, ist Averell auch schon wieder draußen und die Tür wieder verschlossen. Wie gut, dass niemand meinen völlig belämmerten Gesichtsausdruck bemerkt.

Verstehen Sie Spaß? Versteckte Kamera?

Nach weiteren 5 Minuten weicht der Gedanke an einen Psychotest dem des einfach Vergessenwordenseins und ich denke über denjenigen nach, der hier mal rein muss, obwohl er etwas klaustrophobisch veranlagt ist, denn danach hat “Lächelmann“ nicht gefragt.

Während ich angestrengt nach dem Text des Liedes suche das Luke summt, wenn er auf Jolly Jumper in den Sonnenuntergang reitet, nachdem er die Daltons mal wieder eingelocht hat um mich von meiner stetig wachsenden Beklemmung abzulenken, wird mir geöffnet und das Gegenteil eines Lächelmannes sagt: „Kommen Sie mit!“

“I`m a poor lonesome cowboy, and a long way from home“.

Ich komme mit und erliege kurz darauf dem Charme dreier Männer, von denen einer meine Privatsachen ausräumt und prüft, während der andere mich auffordert: „Bitte ausziehen!“

Der Dritte sitzt hinter einer Art Empfangstheke und notiert. Gegenüber dieser Theke befinden sich gekachelte Einbuchtungen zum Umkleiden, Duschen und Geschäfte machen. Letzteres wäre wahrscheinlich nicht ganz so einfach, da ich, selbst wenn ich das dringende Bedürfnis nach einem Geschäft verspüren würde, nicht in der Lage wäre jetzt eines zu erledigen. Mein Organismus steht irgendwie still.

Während ich nackt zwischen der Theke und den gekachelten Einbuchtungen stehe, muss ich an ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte denken, als die Aufforderung zum Duschen kommt.

Ich darf mich an einer 1,5 Liter Duschgel-Flasche mit der Aufschrift “Classic“ bedienen, was ich aber nur aus Verlegenheit tue, denn ich habe vor 2 Stunden geduscht. Ich versuche das heiße Wasser so zu genießen wie man etwas genießt das es selten gibt. Es ist Montag und duschen darf ich, wie mir bereits gesagt wurde, nur zweimal in der Woche.

„Bitte diese Sachen anziehen!“ Vor mir liegt ein Trainingsanzug der Marke Jako. Trainingsanzüge sind nicht so mein Ding. Beim Sport trage ich Sporthose und T-Shirt oder Sweatshirt und wenn ich keinen Sport mache trage ich auch keinen Trainingsanzug. Außerdem bin ich keine einsneunzig groß und nicht gerade schmalschultrig, was mir in der Jugend schon unendliche Anproben bescherte.

Als ich erfuhr, dass in der JVA nur Freizeitkleidung erlaubt sei, ging ich zum Trainingsanzüge Anprobieren. Entweder passte die Hose und ich steckte in der Jacke fest oder die Jacke passte und ich sah aus wie in zwei Windsäcke gefallen. Ganz klar, die Teuersten passten perfekt. Aber 200 Euro für einen Anzug aus Plastik?? Ich brauche auch keine Kleidung die selbständig atmen kann und mich vor allen Umweltkatastrophen schützt, wie es mir die 9 angetackerten Zettel erklärten.

Der Kompromiss passt nur halb so gut, kostete nur halb so viel, braucht ebenfalls ständig feuchte Luft zum Atmen, schützt aber nicht vor nuklearem Niederschlag und wenn ich in ein Meer falle dringt das Wasser durch die abrasion resistant outer shell über die protection line, durch die diffusion membrane hindurch, über die inner protection shell bis zur soft inner line. Ich werde dann also mit hoher Wahrscheinlichkeit nass.

Reicht eigentlich der Sauerstoffgehalt in einer Waschtrommel aus, um einer selbstatmenden Jacke das Überleben zu sichern?

Ich ziehe also diesen “Jako“ an und …

… er passt wie maßgeschneidert!

Außerdem erhalte ich 5 Paar Socken, die aussehen wie kleine Säcke, 5 Unterhemden, einen verfilzten Acrylpulli, einen Schlafanzug, 1 ! T-Shirt, einen Parka, ehemals blaue Arbeitskleidung (2 Arbeitshosen, 1 Arbeitsjacke, 2 Arbeitshemden) und 5 Unterhosen, von denen ich hier nicht beschreiben möchte bei welcher geringsten Bewegung wo was heraushängt. Es freut mich, dass diese Kleidung die Kriegswirren und den Wiederaufbau so gut überstanden hat.

Dazu gibt es 3 Polyesterdecken, ein weißes Bettlaken, je einen blauweiß karierten Decken- und Kopfkeilbezug, ein Paar Turnschuhe, Marke Bundeswehr 1970, 5 blauweiß karierte Geschirrtücher und 5 weißblau karierte Handtücher, 2 Taschentücher, eine kurze Hose und 1 Paar Arbeitsschuhe. Dazu noch Geschirr, Besteck, eine Blechkaraffe und einen Kunststoffbehälter mit Deckel. Der ganze Kram befindet sich eingeknotet in einer der Polyester-Bettdecken.

Mit diesem nicht gerade kleinen Bündel über der Schulter und einigen wenigen privaten Dingen, die man mitnehmen darf, machen wir uns auf den Weg.

Trotz Trainingsanzug habe ich mich selten so unsportlich gefühlt.

Nach dem Auf- und Abschließen vieler Türen und Tore kommen wir in einem Flur an, der perfekt das Klischee eines Gefängnisflures bedient.

Fast unverändert seit 1937, wie man auf einer in Stein gemeißelten Tafel lesen kann.

Der Beamte schließt „117“ auf und als ich höre, wie sich der Schlüssel hinter mir im Schloss dreht, bin ich nicht mehr ganz so ruhig. Was ich sehe und fühle kann ich nicht in Gedanken fassen, weniger noch in Worte.

Ich bin wie erschlagen von diesem Klischee, von diesem Dreck und von dieser Zelle, die einer Filmkulisse gleicht.

-

Soeben wird meine Zellentür aufgeschlossen, Abendessen. Es ist 15 Uhr ! Vor drei Stunden gab es Kartoffelsuppe, Milchbrötchen und Banane.

Abendessen bedeutet Brot, viel Brot, zu viel Brot für jemanden, der bestenfalls zum Frühstück mal Brot isst. Ich habe jetzt die dritte Nacht hier verbracht und könnte einen Trockenbrotladen eröffnen.

Die “Brotagonisten“ hier im Knast sind die Ratten. Und die fliegenden Ratten, aber selbst die fliegen am Ende eines satten Tages angewidert davon wenn ich Brotkrumen hinauswerfe.

Marmelade gibt’s erst in frühestens 14 Tagen wieder, meint der Ausspeiser und überreicht mir deswegen kumpelhaft zwei statt einem Becher Margarine. Mit 500 g Margarine und Unmengen von Brot kann man gut überleben.

Abendessen bedeutet auch gleichzeitig Frühstücksausgabe, denn morgens gibt es nur Kaffee oder Tee. Welch ein Zufall, “Averell“ ist in meinem Block der Ausspeiser. Er holt das Essen aus der Küche und verteilt es im Block, außerdem ist er für diverse andere Ausgaben und Tätigkeiten zuständig. Da er aus diesem Grund viel herumlaufen muss und viel Herumlaufen immer bedeutet, dass ein Beamter hinter einem her läuft, um viele Türen auf- und abzuschließen, musste „Averell“ auch damals in meine “Bitte-warten-Sie-kurz-hier-Kammer“, weil er warten sollte, bis ein anderer Beamter aus einem anderen Block ihn wieder abholte.

Beim Einzug in meine Zelle war “Averell“ auch anwesend, um mich mit Putzutensilien zu versorgen. Er stellte sich als ganz netter Kerl heraus, der ganz stolz auf seine Aufgabe ist, die, wie er sagt, nicht jeder erhält. Wobei ich davon ausgehe, dass jemand, der seit den Achtzigern wechselnder Stammgast in dieser Anstalt ist, aufgrund seiner Zuverlässigkeit und Ortskenntnis sehr gerne für solch einen Job herangezogen wird.

Ich half ihm bei meinem Einzug mit Zigaretten aus und er versorgt mich seither mit allem, was er besorgen kann, sehr großzügig ist er auch mit Brot ...

-

Eine gute Freundin meinte: „Ich kenne dich, du drehst durch, wenn du nichts zu tun hast. Fang an zu schreiben. Eine Geschichte, deine Geschichte, egal wie und egal was dabei herauskommt!“

Wieder so ein Klischee (dieses Wort wird wohl noch einige Male zu viel auftauchen). - Schreiben - so eine psychomäßige Leidensbewältigung, etwas für Warmduscher, Abba-Hörer und Handbuch-Leser oder für Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben.

Andererseits..., in den Bestsellerlisten, ganz oben, finden sich Bücher über feuchte Vaginas und was man alles damit anstellen kann, über peitschende Frauen und Männer, über wollüstige Hauskatzen, Frauen, die plötzlich entdecken, dass sie eine Frau sind und über Männer, die entdecken, dass sie kein Mann sind. Da muss ich mich nicht schämen, ein wirres Tagebuch zu schreiben, ganz alleine für mich, mit der Gewissheit, mich für mein “Nicht-schreiben-können“ nicht schämen zu müssen, allein weil ich mir dessen bewusst bin.

Ich beginne also ein paar erste Sätze zu schreiben, korrigiere, grüble, zerknülle und bemerke, wie kurzweilig, interessant und anstrengend es ist, etwas so zu schreiben, dass es nicht ganz so wirkt wie der Aufsatz eines Drittklässlers.

Ausgenommen natürlich die Drittklässler, die eine der inzwischen üblichen Kinder-Früherziehungen wie den Neugeborenen-Literatur-Zirkel und die Mutter-Kind-Autoren-Gruppe besucht haben.

Und es verhindert die hier drohende Verblödung oder zögert sie zumindest hinaus.

Sollte dies hier doch einmal von Menschen gelesen werden, die nichts von mir oder über mich wissen, möchte ich ihnen kurz mitteilen, dass ich blöd war. Nein, ich habe niemanden geschlagen, bedroht oder verletzt, hatte nie mit Drogen zu tun, bin weder pädophil noch nekrophil und habe niemanden vergewaltigt. Ich habe etwas Falsches getan und dies hier ist die Konsequenz meiner Blödheit. Wenige tun immer das Richtige und wenige geraten dabei in die so oft zitierten Mühlen der Justiz.

In der oft jede Verhältnismäßigkeit verloren geht.

Sprüche wie „Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen“ oder „Recht haben und Recht bekommen sind zwei paar Schuhe“ hielt ich immer für volksmundig übertrieben. Natürlich mit einer Portion Wahrheit aber doch übertrieben. Meldungen wie „52 jähriger Frührentner wurde wegen entwendeter Waren im Wert von 19,46 Euro zu zwei Jahren und sechs Monaten ohne Bewährung verurteilt“ oder „Schwarzfahrer bekam ein Jahr und fünf Monate ohne Bewährung“ sorgen für Aufruhr. Wer aber nicht nur die Bild-Zeitung liest, erfährt, dass der Rentner ein paar Wochen zuvor wegen Diebstahls verurteilt worden war und seinen Kampfhund auf den Kaufhausdetektiv los lassen wollte. Und für den Schwarzfahrer war es die vierundsiebzigste Fahrt ohne Führerschein.

Menschen lieben es auf bloße Schlagworte und Schlagzeilen hin zu insistieren und zu urteilen. Diese angenehm, unangestrengt, denkfreie Stammtisch-Aufregung. Sie ist klassen- und alterslos und niemals ein Indikator für Intellekt oder Intelligenz. Die Bäckereifachverkäuferin kann daran ebenso erkranken wie der Bundesrichter.

Als Sachverständiger wird man häufiger zu Verhandlungen geladen, in denen über Kausalitäten, Schadenhöhen oder Unfallhergänge gestritten wird. Die Beschädigungen am Unterboden des Fahrzeuges, das ich begutachtet hatte, mit dem mein Kunde über eine verlorene Lkw Ladung Bauholz gefahren war, wurden nur in geringem Maße anerkannt weil die Richterin anmerkte: „Ich bin mit meinem Fahrzeug mal über ein Brett gefahren, das hatte ganz schrecklich gepoltert, so dass ich dachte da unten wäre alles kaputt und es stellte sich heraus, dass da gar nichts war.“ Also, mir war klar, dass auch falsch geurteilt wird, aber grundsätzlich war ich überzeugt davon, dass Recht gesprochen wird.

Damals war ich noch völlig ahnungslos, was Strafprozesse betrifft.

-

Bis auf die tägliche Freistunde sitze ich jetzt seit 3 Tagen hinter der Stahltür mit der Klappe und dem Spion, nein, sitzen allein wäre falsch, ich kann auch liegen, stehen und gehen, ca. 3,20 m in die eine Richtung und wenn Klo und Waschbecken nicht ca. 60 cm neben meinem Bett stehen würden, könnte ich auch noch 2 Meter in die andere Richtung gehen. Unterhalb des Bettes steht ein Schrank, dem gegenüber sich ein Tisch und ein Stuhl befinden. Über dem Tisch hängt ein kleines Wandregal.

Es ist Sommer seit ich hier bin, sogar ein schöner Sommer. Seit 4 Tagen und Nächten steht mein Fenster weit offen und was passiert? Nichts!

Keine Fliege oder Stechmücke, kein Käfer, keine Spinne, nichts von dem was in jedem normalen Zimmer im Sommer zu finden ist, außer mir nicht das geringste Anzeichen von Leben.

Ich habe zwei Theorien:

Die erste: Nervengift oder so was in der Art

4 Freistunden sind ja nicht viel, aber für einen Freistunden-Anfänger, der nicht weiß ob er sich zu den Junkies, Dealern, Räubern, Mördern oder Vergewaltigern gesellen soll oder zu den Russen, Türken oder Arabern, für den kann das eine, harmlos gesagt, kurios lange Zeit sein. Natürlich gibt es auch Deutsche, aber ich befinde mich in der Aufnahmeabteilung, wo ein reges Kommen und Gehen herrscht und momentan gibt es offensichtlich nur zwei, die sich auf Deutsch unterhalten. Einer mit langen, weißen Haaren, der am liebsten mit Jesus angesprochen werden will, aber nicht so riecht und schwul ist. Okay, ich weiß nicht wie Jesus riecht, aber wenn er so gerochen hätte, wäre das Abendmahl nur ohne seine Jünger zustande gekommen. Ob Jesus schwul war weiß ich auch nicht, wobei die Anzahl der ständig um ihn versammelten jungen Männer mich jetzt doch darüber grübeln lässt.

Mein bester Freund ist schwul, trotzdem rede ich manchmal mit ihm, also wird es nicht daran liegen, dass es mich nicht so zu diesem Jesus hin zieht. Dann ist da noch der Mann mit dem Rollator und dem Sauerstoffschlauch unter der Nase. Ich bin mir sicher, auch schon Zigaretten zwischen seinen Fingern gesehen zu haben. Ich traue mich nicht, jemanden anzusprechen, den ich beim Besuch im Pflegeheim von Tante Erna erwartet hätte; man sieht mich bei ihm stehen, mit ihm reden, er fällt um, tot, was dann?

Es gibt da noch 2 Leute, die sich eindeutig auf Deutsch unterhalten, die ich aber, aufgrund von Tränentattoos unterm Auge und unbekannter Ausdrücke als zu erfahren für einen Neuling einstufe.

Zurück zum eigentlichen Thema.

All diese Leute sind ganz lieb miteinander, sie ziehen mit fast gleicher Geschwindigkeit, in kleinen Grüppchen ihre Kreise im Hof wie Zen-Mönche. Kann man da nicht zu der Annahme kommen, es wäre eine Art Nervengift im Spiel? Ein unsichtbares, geruchsfreies Gas, das nebenbei unbekömmlich für alle Arten von Ungeziefer ist?

Theorie 2:

Unbewohnbarer Lebensraum, lebensfeindliche Umgebung. Insekten sind sehr anpassungsfähige Lebewesen, Kakerlaken sind sogar in der Lage nukleare Katastrophen zu überleben, aber in meiner Zelle? Nichts! Kein Ungeziefer ist in der Lage in solch einem Dreck zu überleben. Nur beim Einzug hatte ich Gelegenheit 2 Stunden meine Zelle zu reinigen. Was gerade reichte um mein Bett zu putzen und den Schrank, in den ich ja mangels anderer Möglichkeit meinen Kram unterbringen musste. Toilette, Waschbecken und Wände sind noch im Urzustand. Entgegen aller wissenschaftlichen Erkenntnisse, ich lebe noch, aber kein einziges Insekt. Seit ich hier bin rumort zwar mein Bauch extrem aber die Ursache dafür wird wohl in den verdauten Massen von Brot zu finden sein.

Jeder Mensch hat so seine kleinen Macken, meine ist mir hier nicht unbedingt nützlich.

Das Lesen einer klebrigen Speisekarte, die selbst in guten Restaurants zum guten Ton gehört, bereitet mir schon manchmal Schwierigkeiten. Mit bappigen Salz- und Pfefferstreuern habe ich mich inzwischen arrangiert aber öffentliche Wasserhähne, Druckspüler, Toilettentürgriffe und manch anderes händisch Nutzbare fordert eine Keimüberträgersperre in Form von Papiertüchern oder heruntergezogenen Ärmeln (was im Sommer manchmal für Schwierigkeiten sorgt).

Umso schlimmer hat es mich jetzt erwischt.

Nach meinem Wehrdienst konnte ich plötzlich Zeitung lesend Geschäfte erledigen, selbst dort, wo schon einmal ein Mensch gesessen hat, was ja bei Toiletten häufiger der Fall ist. Zu was allem werde ich wohl in der Lage sein, wenn ich hier raus komme?

Mit einem Grinsen im Gesicht sagt mir mein Zellennachbar, dass mein Vorbewohner es „nicht so genau nahm mit allem“. Die 117 sei bekannt und inzwischen würden sich alle weigern, den Dreck der Vorbewohner von den Wänden zu kratzen. Na toll...

Es gibt hier keine Kopfkissen oder Federbetten.

Matratze und Kopfkeil sind aus Schaumstoff und werden in eine Art flexiblen Gummisack mit Reißverschluss gesteckt. Dort drinnen ist man halbwegs sicher vor ihnen, aber um sie dort hineinzubekommen, muss man sie vorher anfassen. Ganz ohne Phobie, meine Matratze sieht aus, als hätte jemand damit den Hof gekehrt und mein Kopfkeil, der schwitzend unter der Matratze lag, hat sich bereits in eine eigenständige Lebensform verwandelt, feucht und mit kleinen gelbgrünen Flecken. Er steht jetzt in der weit möglichsten Entfernung auf dem Schrank und beim Einschlafen bekomme ich immer ein wenig Angst vor ihm.

Wir haben eine Vereinbarung getroffen. Er lebt oben, ich unten.

Als Kopfkissen dient mir das abknöpfbare Innenfutter meines Parkas.

Natürlich darf man aus hygienischen Gründen Dinge tauschen. Man beantragt mündlich einen Antrag mit dem man den Tausch begründet, bekommt diesen genehmigt (oder auch nicht) und wird zum Tausch in die Kammer gebracht. Da ich die Nächte bis dahin irgendwie schlafen muss und ich auch keine Lust mehr habe, die Matratze wieder frei zu lassen, lasse ich jetzt alles wie es ist.

Die Wand, an der ich schlafe, habe ich mit Hilfe von “Classic“ Shampoo und kaltem Wasser teilweise von Rotz, Essensresten und anderen Dingen befreien können, von denen ich überhaupt nicht wissen möchte woher sie kommen.

Morgen ist Putztag. Endlich heißes Wasser!

Weil die Halterungen von Klo- brille und -deckel abgerissen sind, muss ich diese immer komplett vom Klo nehmen und daneben ablegen, wenn ich mal muss.

Die erste Nacht in meiner Zelle. Gegen 1 Uhr, bin todmüde, liege aber um 2 Uhr noch dösend im Bett und kann, dank der direkt neben meinem Fenster angebrachten Scheinwerfer, meinen Mitbewohner auf dem Schrank schlafen sehen. Fehlende Vorhänge lassen die Zelle tagsüber zur Sauna werden und nachts kann man im gelblichen Scheinwerferlicht die Zeitung lesen.

Zwischen dem Kopfende des Bettes und der Toilette ist nur eine knappe Armlänge Abstand, so hat man die Gelegenheit mit einem romantisch gelblichen Blick auf die Toilette einzuschlafen. Bei der geringsten Berührung fällt der Klodeckel mit einem riesigen Gepolter herunter, das letzte Mal vor einer Stunde, deswegen hatte ich ihn nebenan liegen lassen und wollte mir am nächsten Tag anschauen wie ich alles notdürftig befestigen kann.

Das war ein Fehler!

Jeder kann sich vorstellen wie laut es ist, wenn man mit dem Kopf neben der Toilette schläft und jemand nebenan oder darüber den Druckspüler betätigt. Ich werde durch ein Dröhnen, Blubbern und Zischen geweckt (Das Zischen und Dröhnen kannte ich bereits, aber das interessante Blubbern noch nicht), schaue erschrocken und verdutzt auf mein Klo, höre wie es dort immer noch leicht blubbert, obwohl der Druckspüler bereits still steht und im gleichen Moment landen feine Tröpfchen auf meinem Gesicht ...

13.07.

Es ist wessinschaftlich nechgawiesen das usner Gihern atuomatisch Sennlosim enien Snin geebn mechtö, acuh bei Wertörn in denen Bachstuben varteuscht wudren. Solagne der estre und leztte Buchtsabe korkret gehscrieben wedren flält es besnoders leihct.

Beim Reinigen meiner Zelle und dem Entfernen von allerlei Schnipseln und Kleberückständen, die, z. T. noch erkennbar, Fotos und Bilder festhielten, die meinem Vorgänger so viel Freude bereiteten, dass er gar nicht mehr an das Reinigen seiner Zelle denken konnte, blieb im oberen Bereich der Tür ein kleiner, runder Aufkleber haften. Während ich weiter sauber mache, denke ich: „Wieso steht dort, dass man einen genagelten Bratapfel jeden zweiten Tag lecken soll?“ Ich stelle mich auf den Stuhl, um das Klebe-Etikett besser lesen zu können. Dort steht:

„1. Monat: Nagel Batrafen, jeden 2. Tag Lacken“.

Lackieranleitung für Zellennägel? Nagellack? Wer lackiert hier seine Nägel?

Erst später erfahre ich, dass Nagelpilz hier sehr verbreitet ist. Und Batrafen ist scheinbar ein Mittel dagegen.

18:55 h

Private Dinge, wie z. B. Armbanduhr, Haarschneider, Kleidung, Radio, etc. erhält man, nachdem die Anträge dafür genehmigt worden sind. Die ersten Tage und vielleicht Wochen hat man nichts als Zeit. So viel Zeit, dass man fast durchdreht, wenn man, wie in meinem Fall, noch nie Langeweile hatte.

Viel Arbeit und Familie ließen nur wenig Zeit für Hobbys. Das Leben war ausgefüllt und schön und ich kann mich nicht erinnern, je eine Minute verschenkt oder mich gar gelangweilt zu haben.

Und dann plötzlich, 24 Stunden nichts als Zeit.

Jede Kleinigkeit wird zu einem Ereignis.

Ich darf zum ersten Mal zur Kammer. Meine Uhr abholen. Für jemanden der Armbanduhren mag, einige sammelt und wahrscheinlich seit seinem

10. Lebensjahr ein ungebräuntes Handgelenk hat, ist das ein freudiges Ereignis.

Einen Fernseher kann man meist schon am ersten oder zweiten Tag bekommen. Zu viele würden durchdrehen ohne. Man kann einen mieten oder bringt den Eigenen mit, der aber vorher von einer zertifizierten Firma gegen 10 € Gebühr versiegelt wird (wie auch bei allen anderen Elektrogeräten, außer PC, Laptop, Digicam, Handy selbstverständlich).

Die Miete beträgt 10 € und der Kabelanschluss 7,50 €!!

Ich schaue zwar gerne mal fern, bin aber kein TV-Ausdauersportler. So reichen mir die frei über DVBT empfangbaren Sender wie Phoenix, Arte und die Regionalsender und da es mein Fernseher ist habe ich 17,50 € gespart! Viel Geld im Knast.

Interessantes zum Lesen fehlt mir mehr.

14.07.

Drei Sätze geschrieben, drei durchgestrichen. Der Kopf leer und doch zum Platzen voll.

Obwohl ich heute eine aktuelle Tageszeitung „organisieren“ konnte, bin ich zum ersten Mal ziemlich am Boden. Vielleicht liegt es am Nudelsalat den es heute Mittag gab und der richtig gut war.

Vielleicht haben ein paar Nudelsalatmoleküle an ein paar Synapsen meines Gehirns angedockt, die für Grill, Wein und Sommerabende zuständig sind. Vielleicht wird mir aber auch immer mehr bewusst, dass sich mein bisheriges Leben ganz langsam ins Klo spült, während ich hier sitze und Zeit habe ...

Selbst Eindösen gelingt nicht.

19.30 h

Glück gehabt. Ein weiteres „Ereignis“. Ich werde zur Kammer abgeholt und erhalte meine private Kleidung, den besagten Trainingsanzug, Turnschuhe, Freizeithose, kurze Hose, 5 Unterhosen, 5 Paar Socken, 5 T-Shirts und 1 Paar Handtücher. Mehr darf man nicht.

Meine Telefonkarte erhalte ich auch noch und sogar mein Geld wurde bereits darauf gebucht. Ich darf 6 x je 10 Minuten im Monat telefonieren.

Nummern, die man anrufen möchte, müssen vorher genehmigt und jedes Gespräch wieder beantragt werden. Was ich vorher nicht wusste und was mich sehr betroffen macht, geschäftliche Nummern, egal ob Handy oder Festnetz, dürfen nicht angewählt werden, egal ob ein Freund oder ein Geschäftspartner unter dieser Nummer zu erreichen ist.

Für alles, was man erhalten, kaufen, arbeiten und erledigen muss oder möchte, muss man einen Antrag stellen. Uhr, Kleidung, Zeitung, Sportgruppe, Bücher aus der Bücherei etc., ich glaube bei mir waren es 11 oder 12 Anträge in 5 Tagen.

Jeder hat ein Eigen-, Haus-, Telefon- und Überbrückungsgeld-Konto. Von außerhalb darf man sich Geld auf das Eigengeldkonto buchen lassen und von diesem Konto darf man monatlich 80 Euro auf das Hausgeldkonto buchen. Bei Rauchern und Kaffeetrinkern bleibt dann nicht mehr viel übrig um Obst, Gemüse, Süßigkeiten oder eine kleine Auswahl von Lebensmitteln bei einem speziellen Zulieferer zu bestellen. Man kann hier satt und dick werden, denn es gibt viel Brot und viel fettes Essen. Deswegen sind die Meisten froh, wenn sie verlegt werden denn in den „gelockerten Vollzugsabteilungen“ hat man dann die Gelegenheit, sich in einer Küche auch mal simple Essen selbst zuzubereiten.

15.07.

Mit dem relativen Begriff „sauber“ würde ich das bezeichnen, was meine Zelle und ich jetzt sind. Durch unzählige Heißwasserwechsel und dem Einsatz einer blauen Flüssigkeit die mit einer löchrigen Hand gekennzeichnet ist, wechselt sich das Brennen an meinen Händen mit dem in meinen Lungen ab.

Trotzdem werde ich jetzt mein Abendessen genießen. Es gibt nur Wurst, die hier gar nicht mal so gut ist, aber ich konnte 1 Ei, 1 Tomate und gekochte Kartoffeln horten und mir ein wenig Pfirsich-Teegetränk-Granulat organisieren. Ein Festmahl für jemanden, der eigentlich keine Wurst isst aber lange Zeit mit 2 Bechern Margarine verbracht hat.

Abgesehen vom Freischwimmergemüse und der wirklich greuslichen Wurst, die es oft abends gibt, ist das Essen ganz okay und man kann zu Beginn der Inhaftierung angeben ob man normale, vegetarische, Diätoder muslimische Kost zu sich nehmen möchte oder muss.

Es gibt hier unverhältnismäßig viele Diabetiker oder welche, die sich im Grenzbereich der Erkrankung befinden. Erschreckend viele junge Leute. Sie bekommen natürlich auch gesonderte Kost (um die ich sie beneide!), täglich Obst, viel Gemüse, nichts unnötig Süßes und ein mir sehr gut schmeckendes, vollwertiges Brot. Eigentlich sehe ich genau das als normale Kost an.

17.07.

Täglich, kurz vor 6, beginnt der Tag mit einer Lautsprecherdurchsage: „Ausspeiser bitte Lichtsignal geben!“ Ab diesem Moment beginnt für mich das ca. 2 Stunden anhaltende Grauen. Die Stahltüren in den Fluren donnern erbarmungslos, besonders erbarmungslos für jemanden, der seinen Kindern immer sagte: „Knall die Tür nicht so!“ Eltern kennen das Problem. Nicht dass ich noch schlafen möchte. Vielleicht liegt es daran, dass ich ab 5 Uhr, zur Untätigkeit verdammt, wach in meinem Bett liege und jeden Morgen aufs Neue feststellen muss, dass ich nicht aus einem Traum erwacht bin.

Ausspeiser raus, rein, Beschäftigte raus, irgendwelche Gruppen- oder Maßnahmen-Teilnehmer raus, Flurreiniger rein und raus- und nicht alle in den einzelnen Grüppchen gehen mit einem Mal durch die Türen. So ähnlich geht es dann noch einmal gegen Mittag und gegen 15 Uhr. Für mich, als Unbeschäftigten, der sich alles in der Zelle hockend anhören muss, eine Tortur. Es gibt nur für die Hälfte der Insassen eine Beschäftigung und Langzeitinhaftierte werden natürlich bevorzugt.

Morgens wird Kaffee oder Tee ausgegeben und einmal wöchentlich Marmelade oder Frischkäse etc. und Milch oder Kakao, alle paar Wochen gibt es Müsli. Glücklicherweise bin ich kein Kaffeetrinker, denn es scheint sich hier um ein homöopathisches Mittel zu handeln. Beim Tee reicht die Konzentration nicht aus um nur annähernd feststellen zu können welche Sorte man trinkt. Trotzdem freue ich mich morgens darauf.

Natürlich bereitet jeder, dem es schon möglich ist, seinen Kaffee oder Tee selbst zu.

In der Zelle befindet sich eine Sprechanlage, über deren Lautsprecher im Sammelruf ständig irgendwelche Gruppen oder Personen zu irgendetwas aufgerufen oder aufgefordert werden.

Natürlich erfolgen die Durchsagen in Lautstärken, die sich nicht mal von einem Druckspüler beeindrucken lassen.

Alles in allem eine Hintergrundmusik, die einen ständig daran erinnern soll, wo man sich befindet.

Täglich gibt es eine Freistunde und eine Stunde „Umschluss“. Beim Umschluss dürfen die Gefangenen aus einer Abteilung „soziale Kontakte pflegen“. Dies geschieht ausschließlich in Form von Skat oder Poker, wobei schon mal das gesamte Eigengeld, als Vorbestellungen für den Einkauf, verzockt wird. Weil ich kein Kartenspieler bin und nach meinem einzigen Umschluss einer Nikotinvergiftung nahe war, bleibe ich lieber ein Resozialisierungsfall.

Gegen 11.30 Uhr nimmt man sein Mittagessen in einem Blechnapf in Empfang oder man bekommt, je nachdem was es gibt, seinen Teller vor der Zellentür aufgefüllt.

Gegen 15.30 Uhr gibt es Abendessen, wie schon erwähnt, Wurst oder Käse und nicht zu wenig Brot, weil es auch für den kommenden Morgen ausreichen muss.

Freistunde ist wechselnd um 9 und 14 Uhr.

18.07.

Aufgeregt warte ich auf das Öffnen meiner Zelle, damit ich mein erstes Telefonat führen kann. Keiner von denen da draußen weiß wie es mir geht, was hier mit mir passiert, wie es hier ist. Nie hat sie jemand aus dem Knast angerufen und nie hätte ich gedacht, jemanden vom Knast aus anrufen zu müssen. So ist der erste Anruf seine Aufregung wert. Nachdem ich eine Liste mit Namen und Telefonnummern abgegeben habe, überprüft und genehmigt bekam, wurde irgendwann auch mein erstes Telefonat genehmigt.

Es ist 19 Uhr, die beste Zeit um freilebende Menschen beim Abendbrot zu stören.

Leider lässt sich keiner stören.

Vor jedem Telefonat muss man Code und Pin des Knast-Telefon-Providers eingeben, dann erst die Telefonnummer und dann muss man so lange das „Bitte warten“ anhören, bis ein Beamter die Nummer freischaltet. Ich wähle die nächste Nummer, bestätige und codiere mit Rauten und Sternen und höre einige Minuten, dass ich warten soll. Ich gehe zu dem Glaskasten von dem aus der Beamte das Gespräch durch einen Klick in ein PC-Menü bestätigen kann. Keiner da! Ich klopfe. Warte. Klopfe. Irgendwann kommt der Beamte. Mürrisch, ohne mich anzusehen, klickt er.