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The Sisters Of Mercy: die Gründerväter des Gothic Rock Anfang der Achtzigerjahre, beeinflusst vom kühlen Postpunk der damaligen Zeit, entstand in Großbritannien ein neues Musikgenre: Gothic. Nach The Cure, Joy Division und Siouxsie & The Banshees trat 1982 mit den Sisters Of Mercy eine neue Band ins Stroboskoplicht, die diese Musik und das dazugehörige Image entscheidend prägen sollte - und deren Einfluss auf die florierende deutsche Darkwave-Szene der Neunziger gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Hinter den Sisters steht bis heute eine der schillerndsten Figuren der Rockszene. Andrew Eldritch gab den eigentlich eher kühl und elektronisch karg aufgebauten Songs seiner Band mit seinem dramatischen Baritongesang eine überraschend emotionale Note, und darüber hinaus stilisierte er sich zum ultimativ geheimnisvollen Gothic-Zeremonienmeister, der nichts von sich preisgab und sich auf der Bühne hinter einer Wand aus Trockeneisnebel versteckte. Über sein Privatleben drang nie etwas an die Öffentlichkeit, und Fotos ohne Sonnenbrille gab es nicht. Eldritch zelebrierte das Mysterium des Rockstars, um es sich gleichzeitig in seiner Musik ironisch zu brechen. Dem Journalisten Mark Andrews ist es nun gelungen, Licht in das von Eldritch so sorgsam gehütete Dunkel zu bringen. Im nordenglischen Leeds, in dem die Sisters zwischen Punk, Glam und Electro ihre ersten Schritte unternahmen, ging er auf eine gründliche Spurensuche und förderte in Interviews mit alten Weggefährten und Musikschaffenden sowie dank Privatkontakte jede Menge neuer Informationen zutage, die selbst eingefleischte Fans überraschen dürften. Sein erhellendes Porträt der frühen Sisters-Jahre zeigt vor allem, wie der Student Andrew Taylor die Kunstfigur Eldritch erfand und den Masterplan hinter den Sisters ausheckte, zeichnet aber auch eine gelungene Skizze der fruchtbaren Musikszene der damaligen Zeit und spart nicht mit amüsanten Anekdoten. Ein Buch, das in der bis heute großen Fangemeinde der Düsterrocker mit großer Spannung erwartet wird!
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Seitenzahl: 605
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Mark Andrews
Black PlanetDer Aufstieg derSisters Of Mercy
www.hannibal-verlag.de
Aus dem Englischen von Kirsten Borchardt
Impressum
Deutsche Erstausgabe 2022
© 2022 by Hannibal
Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH, A-6604 Höfen
www.hannibal-verlag.de
ISBN 978-3-85445-736-7
Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-735-0
Titel der Originalausgabe: Paint My Name in Black and Gold – The Rise of the Sisters of Mercy
Copyright © 2021 by Mark Andrews
Cover photograph: © Ruth Polsky
Erstmals veröffentlicht 2021 von Unbound, Level 1, Devonshire House, One Mayfair Place, London W1J 8AJ
ISBN der Originalausgabe: 978-1-80018-038-3
Grafischer Satz in deutscher Sprache: Thomas Auer
Übersetzung: Kirsten Borchardt
Deutsches Lektorat und Korrektorat: Hollow Skai
Hinweis für den Leser:
Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden.
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Einige in diesem Buch enthaltene Passagen erschienen in frühen Versionen bei The Quietus.
Inhalt
Superfans
Widmung
Zitate
Einleitung Bessere Pläne
1 Der Sumpf
2 Cat People
3 Under The Jungle Sky
4 Slow, Slow, Quick, Quick, Slow
5 Hexenrituale
6 Body Electric
7 Metallic K.O.
8 Alice
9 Heartland
10 Alter Ego
11 Die Schlangengrube
12 Die sieben Samurai
Bilderstrecke
13 Neue Bündnisse
14 Verträge
15 Brother Wayne
16 Auf Pilgerfahrt
17 Some Kind Of Stranger
18 Too Dark To See
19 Düster ziehen die Wolken
20 Waiting For The Summer Rain
21 Wechselnde Bündnisse
22 Heldendämmerung
23 Leben aus dem Gleichgewicht
24 Eldritch, der Zorn Gottes
25 Gift
Epilog Ozymandias/Songs Of The Free
Afterhours
Quellennachweise
Danksagungen
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Paul Cuska
Clive Davies
Lothar Dittmann
Oliver Fahl
Jason Feinberg
Aldo Framingo
Jochen Friedrichs
Sarah (Chaotican) Schneider Gold
Charles Greth
Ian Hartley
Paul Hurd
Gabriel Husek
Matt Jutras
Jonathan Kewell Michaelsson
Andrew J. Khoury
Stuart Kingston
Rob Koning
Johnny Lancaster
Antonio Luberto
Hrvoje Matovinović
Alessandro Meteori
Christian Misje
Chip Mosher
Sean Pledger
Aaron Quinton & Noah Quinton
Karl Reinsch
Jon Rimmer
Mark Robertson
David Brent Roundsley
James Ryan
Dirk S.
René Schraven
Andrew William Small
Chris Smith
Juha Sorva
Stadium Anthems (Feature Film)
Nicholas P. Stathoulopoulos
Alexandra Superbonita Tolksdorf
Ariock Van de Voorde
Stan Verbeken
Phil Verne
Ingo Wennemaring
Chris York
Widmung
Für Richard M. Holtom
(1968–2019)
Zitate
„Ich will es niemals vergessen. Ich will niemals vergessen. Und dann war mir, als würde ich durchbohrt, durchbohrt von einer diamantenen … einer diamantenen Kugel, direkt durch die Stirn, und ich dachte: Mein Gott, diese Schöpferkraft, dieses Genie, dieser Wille, das zu vollbringen. Vollkommen, unverfälscht, vollendet, kristallin, makellos.“
Apocalypse Now, 1979
„Bei Swann lässt man eine Menge durchgehen, wissen Sie.“
Ein Draufgänger in New York, 1982
Einleitung Bessere Pläne
An einem Sonntagnachmittag im Spätsommer 1980 erschien Craig Adams zum Vorspielen in der St. John’s Terrace Nummer 12 im Hyde-Park-Viertel von Leeds. Adams war achtzehn, hatte aber bereits in zahlreichen lokalen Bands Erfahrungen gesammelt – zuletzt bei dem kurzlebigen Electropop-Duo Exchange, bei dem Adams und Jim Bates, der exaltierte Manager des Faversham Hotels, Synthesizer gespielt hatten. Bates war der Sänger. Sie waren bei einem Sit-in an der Universität aufgetreten, hatten aber keine anderen großen Taten vorzuweisen. Wie Adams selbst bereitwillig zugab, waren Exchange ziemlich grässlich gewesen.
Nach diesem Experiment hatte er endgültig keine Lust mehr auf Keyboards, obwohl er seit dem siebten Lebensjahr irgendwelche Tasteninstrumente gespielt hatte. Zu diesem Vorspielen brachte er einen E-Bass und eine Fuzzbox mit. Die Fuzzbox gehörte ihm selbst, der E-Bass nicht; Adams besaß kein eigenes Instrument. Er hatte es sich von Ken Brown geliehen, der in einer Band namens YOU spielte. Brown war Linkshänder, daher hatte Adams die Saiten neu aufziehen müssen, bevor er sich auf den Weg machte.
Die St. John’s Terrace wurde auf einer Seite von einer Reihe zwei- oder dreistöckiger Altbauten gesäumt, und Haus Nummer 12 hatte man zu mehreren kleinen Einzimmerwohnungen umgebaut. In der engen Wohnung oben unterm Dach warteten Mark Pearman und Andy Taylor auf Adams. Die beiden hatten eine Band, die sie The Sisters Of Mercy getauft hatten. Pearman spielte Gitarre, Taylor saß am Schlagzeug. Den Gesang übernahmen sie beide.
Bisher hatten die Sisters Of Mercy weder live gespielt noch Studioaufnahmen gemacht. Ihr Repertoire umfasste vier eigene Songs: „The Damage Done“, „Home Of The Hitmen“, „Miser Rate“ und „Watch“. Sie klangen alle nicht besonders gut.
Taylor spielte sein Instrument – ein gebrauchtes Schlagzeug, das er schwarz angemalt hatte – seit noch nicht einmal einem Jahr. Sein Stil war primitiv, pochend dumpf schamanisch und nutzte nur einen winzigen Teil der Becken und Trommeln, was sowohl auf seine beschränkten Fähigkeiten als auch auf seine Begeisterung für die Glitter Band zurückzuführen war. Er war einundzwanzig.
Pearman war im gleichen Alter. Er hatte früher in Hull gewohnt und dort erfolglos versucht, eine Band zu gründen; Anfang 1979 war er dann nach Leeds gezogen, wo er der Umsetzung seiner Träume zunächst auch nicht nennenswert näherkam. Eine Weile hatte er bei Naked Voices gesungen, aber die Band hatte kaum Auftritte absolviert, konnte sich weder auf eine feste Besetzung noch auf einen Stil einigen und endete schließlich als wenig attraktives Mischmasch aus Wire, The Jam und Elvis Costello. Diese Erfahrung war so niederschmetternd gewesen, dass Pearman beschlossen hatte, sich das Gitarrespielen beizubringen. Damit war er immer noch beschäftigt, als Adams zum Vorspielen erschien: Pearman kannte nur ein paar Akkorde, und seine Versuche als Leadgitarrist waren so beliebig wie rudimentär.
Aber die Sisters Of Mercy hatten ein großartiges Logo: Über einem fünfzackigen Stern prangte die Zeichnung eines gehäuteten Kopfs, die einem Schaubild aus dem medizinischen Standardwerk Grey’s Anatomy nachempfunden war. Taylor und Pearman fanden, es sei ein spannendes Motiv, das sich perfekt für T-Shirts eignen würde – oder für das Etikett einer Single, die sich auf einem Plattenteller dreht.
Adams, Taylor und Pearman kannten sich aus dem F Club, der angesagten Punk-Clubnacht in Leeds. Sie fand in verschiedenen Örtlichkeiten statt und war damals gerade im Brannigan’s zu Hause, einem Kellerlokal in der Call Lane. Taylors Freundin Claire Shearsby, mit der er die kleine Wohnung in der St. John’s Terrace teilte, sorgte als DJane für die Musik, seit der F Club im Sommer 1977 ins Leben gerufen worden war. Sie spielte in der Musikszene von Leeds eine große Rolle und war in der Stadt recht bekannt. Taylor saß meistens neben ihr am DJ-Pult, weil er da auch die beste Sicht auf die Bühne hatte, wenn Bands auftraten.
Für Adams war es objektiv betrachtet ein Rückschritt, sich bei Taylor und Pearman vorzustellen. Vor Exchange hatte er – ebenfalls als Keyboarder – in einer anderen, bekannteren lokalen Band gespielt, bei den Expelaires, die immerhin einen Plattenvertrag bei Zoo Records gehabt hatten, neben Teardrop Explodes und Echo & The Bunnymen. Die Expelaires hatten eine Peel Session aufgenommen, ein paar Singles veröffentlicht und waren einige Male außerhalb von Leeds aufgetreten. Von allen Bands, die sich im Dunstkreis des F Clubs gründeten, waren die Explelaires zweifelsohne die größte. Adams war bei ihnen ausgestiegen, nachdem sie einen Deal mit einem Major Label ausgeschlagen hatten. (Außerdem hatten sie ihm gesagt, dass ein Riff, das er für sie geschrieben hatte, „Heavy-Metal-Kacke“ sei.)
Damals war Adams mehr mit Shearsby befreundet als mit Taylor, und er kannte die Wohnung der beiden gut: Den meisten Platz nahmen ein Bett und Taylors Schlagzeug ein, ansonsten gab es noch zwei abgewetzte Sessel, die auf einen kleinen Schwarzweißfernseher ausgerichtet waren. Das Tischchen dazwischen war aus leeren Marlboro-Schachteln zusammengeklebt worden. Poster schmückten die Wände: Albumcover von Devos Are We Not Men? und Bowies Low sowie ein selbstgestaltetes, das völlig leer war, abgesehen von einem kleinen Punkt nahe der Mitte, unter dem „There Have Been Better Plans“ stand. Dann waren da noch Taylors Fechtmaske und Säbel sowie ein Modellbausatz des Angel Interceptor Jets aus der britischen Fernsehserie Captain Scarlet und die Rache der Mysterons, den Taylor zusammengesetzt hatte.
Das mickrige musikalische Equipment der Sisters, größtenteils Schrott, verteilte sich über die ganze Wohnung. Adams war auch nicht verwöhnt, was Anlagen betraf. Pearman spielte über einen billigen, tragbaren Plattenspieler, den er zum Verstärker umgerüstet hatte und der nur funktionierte, wenn sich auch der Plattenteller drehte. Das Gerät stand neben dem Bett. Der einzige andere Verstärker gehörte Taylor: ein abgewetztes 3-Watt-Übungsmodell von Woolworth, das er für seine Billiggitarre benutzte.
In der kleinen Wohnung stand außerdem ein Katzenklo, denn die dritte Seele, die Zeuge von Adams’ Vorspieltermin wurde, war Spiggy, Taylors und Shearsbys schwarze Katze. Shearsby war an dem Nachmittag nicht zuhause.
Unter diesen eher ungünstigen Umständen und in diesem Raum begab es sich also, dass die Sisters Of Mercy – die richtigen Sisters Of Mercy – erstmals zusammenkamen. Craig Adams stöpselte seinen geliehenen, frisch bespannten Bass – und vor allem seine Fuzzbox – in Andy Taylors winzigen Woolworth-Verstärker und spielte sein Heavy-Metal-Kacke-Riff.
Das besagte Riff war nichts weiter als die billige Punk-Interpretation eines Motörhead-Motivs. Es war aggressiv, verzerrt und ließ jegliche Finesse oder Stil vermissen. Es klang, als würde es von einem ungebärdigen Teenager herausgehauen, dessen musikalische Ambitionen darin gipfelten, genau wie Lemmy Bass zu spielen.
Taylor und Pearman waren überwältigt von der Lautstärke und der Wildheit des Sounds, den Adams ihrem schwachbrüstigen Equipment entlockte.
Sie zögerten keine Sekunde: „Du bist dabei.“
Im Gegensatz zu den Expelaires liebten Taylor und Pearman Motörhead und Hawkwind, Taylor war sogar ein großer Fan beider Bands. Sie hatten das Glück, dass Adams bei jeder Band eingestiegen wäre, die ihm erlaubte, super-harten Fuzz-Bass zu spielen – sogar, wenn es sich dabei um eine noch so unausgeformte Truppe wie die Sisters Of Mercy handelte.
Das Kerntrio der Sisters war beisammen.
Das, was Adams gespielt hatte, sollte schon bald zum zentralen Riff von „Floorshow“ werden. Damals war es das einzige, was er beherrschte. Es war das erste herausragende Stück Musik, das die Sisters in dieser kleinen Dachwohnung hervorbrachten. Später entstanden anderswo in Leeds in ähnlich beengten Verhältnissen eine Reihe weitere. Mark Pearman legte sich schon bald den Namen „Gary Marx“ zu, während aus Andy Taylor „Andrew Eldritch“ wurde. Craig Adams hatte man in der Schule zwar „Lerch“ gerufen, aber er beschloss, sich ohne Künstlernamen in den Rock’n’Roll zu stürzen.
Wenig später erweiterte sich das Trio, das bei diesem Vorspieltermin zusammengefunden hatte, um ein weiteres Mitglied. Es wartete bereits bei Kitchens, der altehrwürdigen Musikalienhandlung in Leeds’ Victoria Arcade, nachdem er zuvor im japanischen Hamamatsu bei Roland zusammengebaut worden war: ein BOSS DR-55 Dr Rhythm. Die Drum Machine erhielt – genau wie all ihre Nachfolger – den Namen „Doktor Avalanche“.
Die Sisters wurden später um weitere menschliche Mitglieder ergänzt. Als Adams in der St. John’s Terrace vorspielte, war Ben Matthews noch ein fünfzehnjähriger Schuljunge, der bei seinen Eltern in Otley wohnte, einer Kleinstadt fünfzehn Kilometer nordwestlich von Leeds. Von Ende 1981 bis Spätsommer 1983 sollte er unter dem Namen „Ben Gunn“ bei den Sisters Gitarre spielen. Als Adams zu den Sisters stieß, war Wayne Hussey zweiundzwanzig, wohnte in Liverpool und stand im Begriff, mit Hambi & The Dance das nächste einer Reihe gescheiterter Bandprojekte zu verlassen. Er trat Gunns Erbe an und blieb zwei Jahre, bis zum September 1985, bei den Sisters.
In den ersten fünf Jahren ihres Bestehens entwickelten sich die Sisters von den Nullnummern aus der Einzimmerwohnung in der St. John’s Terrace erst zu Lokalgrößen und dann zu einer der wichtigsten Alternative-Bands Großbritanniens und schließlich auch Europas, bevor sie sich kurz vor dem Durchbruch zur großen Rockstar-Karriere selbst zerlegten. Herausragende Singles, phänomenale EPs, außergewöhnliche Albumtracks und legendäre Live-Shows pflasterten ihren Weg – bis sie nicht etwa leise verpufften, sondern mit großem Knall abtraten.
Es waren die reine Willenskraft und jede Menge Talent, die ihnen den Weg ebneten, aber dazu kamen noch die Unterstützung wohlmeinender Freunde und einige glückliche Zufälle. Wichtige Verbündete fanden sie in Bridlington, Brüssel, New York, London, York, Los Angeles, Rom, Wakefield – und vor allem in Leeds selbst. Die Band und ihr innerer Kreis aus Crewmitgliedern und Fans wirkte oft wie eine nordenglische Großfamilie, die immer fest zusammenhielt. Während ihres gesamten Aufstiegs blieben die Sisters ihrer Heimatstadt tief verbunden. Leeds, dessen Straßen von Gewalt und Verfall gezeichnet waren, hatte eine der lebendigsten Punkszenen Großbritanniens. Das war der Nährboden der Sisters: Sisters- Songs sind Leeds-Songs.
Im Laufe ihrer Karriere gewannen die Sisters eine große Zahl leidenschaftlicher Fans, die eine ungewöhnlich dauerhafte und intensive Beziehung zu der Band aufbauten. Wen die Sisters einmal gepackt hatten, den ließen sie in den meisten Fällen nicht wieder los. Daher ist ihre Geschichte stark geprägt von der Begeisterung für das gemeinsame Erleben von Performance und Musik, das jede zeitliche und räumliche Distanz überwand. Die Band selbst hatte einen Riesenspaß dabei, sämtliche Rockstar-Klischees auszuleben – Trockeneisnebel, Lederhosen, Blut, Kotze, Speed sowie Autofahrten und Sex ohne Rücksicht auf Verluste.
Dennoch war die Geschichte der Sisters Of Mercy zweifelsohne über lange Strecken auch schwer erträglich für die Protagonisten und geprägt durch Wut, Krankheit, Elend und Bitterkeit. Die Band, die an jenem Tag in der St. John’s Terrace Gestalt annahm, sollte in dieser Form nur fünf Jahre bestehen. Und auch der Freundschaft zwischen Taylor, Pearman und Adams war keine längere Lebensdauer beschieden. Taylors und Shearsbys Beziehung fand alsbald ein Ende, ebenso wie Kater Spiggy. Sie alle sollten auf verschiedene Weise unauslöschliche Spuren auf den Platten der Sisters hinterlassen.
Am Ende dieser Erzählung steht Eldritch als letzter noch aufrecht: verwundet, beinahe vom eigenen Mythos verschlungen, aber drauf und dran, die Sisters zu neuen Höhenflügen zu führen. Er war das eigenwilligste und beeindruckendste Mitglied der Band, ein einzigartiges und faszinierendes Amalgam aus T. S. Eliot, David Bowie und den zahllosen Informationsbruchstücken, die er eichhörnchengleich in geheime Verstecke schleppte, um sie irgendwann in verarbeiteter Form wieder auf die Welt loszulassen. Als Andrew Eldritch kann Andy Taylor Anspruch darauf erheben, der größte Rockstar seiner Generation zu sein. Aller Wahrscheinlichkeit und aller Vernunft zum Trotz sollten er und die anderen Sisters Of Mercy tatsächlich geradezu überweltliche, lebensverändernde Musik erschaffen.
1 Der Sumpf
In erster Linie waren die Sisters Kinder des F Clubs, auch wenn sie in der kleinen Wohnung in der St. John’s Terrace 12 zur Welt gekommen waren. Der F Club war ein Oberbegriff für eine Reihe von Clubnächten, die zwischen 1977 und 1982 in Leeds an verschiedenen Orten stattfanden und in deren Rahmen fast jede namhafte Punk- und Postpunk-Band einmal auftrat.
Der Club war ein Projekt von John Keenan, der dank dieser außergewöhnlichen Veranstaltungsreihe eine ganz entscheidende Rolle für die Entwicklung der Musikszene von Leeds spielte. Ohne ihn hätte es die Sisters Of Mercy sicher nicht gegeben.
„Ich erschuf den Sumpf, aus dem sie hervorkriechen konnten“, erklärt Keenan nicht ohne Stolz. „Und es war ein richtig herrlicher, stinkender Sumpf“, ergänzte Eldritch und bemerkte: „Ohne die Unterstützung, die wir von ihm erhielten, wären wir keinen Schritt vorangekommen.“
Als Keenan Anfang 1977 in Leeds als Promoter aktiv wurde, war Punkrock bereits in vollem Gange. Die Sex Pistols waren schon zweimal in Leeds aufgetreten, am 12. September 1976 im Fforde Grene und im Dezember desselben Jahres im Rahmen ihrer Anarchy Tour in der Leeds Polytechnic, als er seinen ersten Gig in der Stadt organisierte – ein höchst unpunkiges Konzert von Alan Price im Grand Theatre And Opera House. Seitdem hatte sich in den Cellar Bars unter dem Corn Exchange, der altehrwürdigen, inzwischen aber stark heruntergekommenen Getreidebörse der Stadt, eine veritable Punkszene entwickelt. Gang Of Four gaben dort mit den Mekons im Vorprogramm im April 1977 ihr erstes Konzert. SOS, die erste Leeds-stämmige Punkband, existierte damals ebenfalls schon. Nach dem Gig der Pistols fanden in der Leeds Polytechnic in der ersten Jahreshälfte 1977 eine ganze Reihe von Punkkonzerten statt, unter anderem mit The Jam, den Stranglers, den Ramones und den Clash.
Zur Blütezeit des Punk, im Sommer 1977, begann Keenan, der von ebenso viel Geschäftssinn wie Fan-Begeisterung getrieben war, die ersten Bands im Gemeinschaftsraum der Polytechnic auftreten zu lassen. Die Veranstaltungen trugen den Titel Stars Of Today. Die Musik war „größtenteils Punk – die Slits, Slaughter & The Dogs, XTC“, wie er sagt.
Keenan bewarb Stars Of Today gemeinsam mit Graham Cardy, der, genau wie er selbst, der Generation vor Punk angehörte. Cardy war im Grunde genommen ein Hippie. Er hatte die Mirror Boys, eine ursprünglich von Beefheart und Zappa beeinflusste Band vom Art College in Harrogate, als eine „kompakte New-Wave-Band“ in Leeds wieder zum Leben erweckt. Außerdem spielte Cardy Schlagzeug bei SOS, die er „schrecklich“ fand.
Keenan arbeitete, während er den F Club veranstaltete, bei Yorkshire Television (YTV) an der Kirkstall Road in Leeds. Er war eigentlich ein ausgebildeter Film-Editor, arbeitete aber bei YTV als Assistent der Aufnahmeleitung und als Kostümbildner. Dabei hatte er Gelegenheit, „einige der großen Stars zu treffen und mit ihnen zu sprechen, zum Beispiel mit Ringo Starr, Spike Milligan oder Les Dawson“, und er „arbeitete sogar mit Harold Wilson und David Frost an einer Sendereihe über Premierminister“.
Die Zusammenarbeit von Keenan und Cardy währte nicht allzu lange, und Keenans Zeit an der Polytechnic war ebenfalls schnell vorüber. „Als die Semesterferien vorbei waren, wollte mich die neue studentische Selbstverwaltung die Räumlichkeiten nicht mehr einmal die Woche nutzen lassen. Also sagte ich mir: Fuck the Poly.“ Daher kam das F im F Club. Später münzte Keenan seine Wortschöpfung um in „FAN Club“. F Club ist jedoch noch heute ein geläufiger Ausdruck für alle Punk- und New-Wave-Clubnächte, die Keenan von 1977 bis 1982 veranstaltete.
Die regelmäßigen Besucher des F Clubs bildeten „eine sehr gute Gruppe“, erinnert sich Keenan. „Da kamen die ganzen intelligenten Kids zusammen, was nicht zwingend hieß, dass sie an der Uni waren. Es waren auch viele Leute aus den Sozialbausiedlungen dabei, die den frischen Wind gespürt hatten und sich zum Club zugehörig fühlten. Als ich von der Polytechnic wegging, fragte ich mich: Wie kann ich diese Leute zusammenhalten?“
Keenan gründete einen Club. „Die Leute konnten für ein Pfund eine Clubkarte bekommen, die ihnen in den Punkläden in Leeds Rabatt gewährte, zum Beispiel bei X Clothes. Die hatten richtig künstlerische Ideen, nicht dieses Zeug mit Sicherheitsnadeln und Plastiktüten, es gab ganz innovative Köpfe. Eine Frau tauchte mit Schmuck auf, den sie aus Tortenverzierungen gemacht hatte. Und da war auch mal ein Typ, der ganz bunte, laminierte Ausweise bei sich hatte. Als ich mir die genauer ansah, stellte ich fest, dass es sich um Mösen handelte, die er aus Pornoheften ausgeschnitten hatte. Es war nicht nur eine musikalische Strömung, es war eine komplette Jugendbewegung – künstlerisch und kreativ.“
Craig Adams war von Anfang an Stammgast bei Keenans Veranstaltungen. Er war als „Hippie-Craig“ bekannt. „Es gab einen schwulen Craig und noch einen anderen Craig. Ich wurde Hippie-Craig genannt, weil ich noch immer lange Haare hatte“, berichtet er.
Adams zählte ganz sicher nicht zu den Leuten aus den Sozialbausiedlungen, von denen Keenan gesprochen hatte. Er stammte aus der Mittelschicht, war in der Kleinstadt Otley geboren und dann in Horsforth und Rawdon, nordwestlich von Leeds, aufgewachsen. Seine Familie hatte sogar einmal kurz in Haworth gelebt, einem Städtchen, das vor allem durch die Schriftstellerschwestern Brontë bekannt geworden ist; seine Mutter führte dort ein Antiquitätengeschäft, das „The Eye“ hieß. Adams’ Vater war Verlagsleiter der Kataloge des Versandhändlers Grattan.
„Viele der ersten Punks stammten aus dem Norden und Osten der Stadt“, sagt Adams. „Aus meiner Gegend waren es nicht so viele. Die meisten kamen aus Seacroft oder Crossgates. Die Leute, die mit mir nach Leeds fuhren, waren eher so Oberschichtsbälger.“
Obwohl die Sisters Of Mercy zu einer der prägendsten Bands der Stadt wurden, war Craig Adams der einzige des ursprünglichen Dreigestirns, dessen Wurzeln wirklich in Leeds und in West-Yorkshire lagen.
Der F Club bezog zuerst das Ace OF Clubs, einen heruntergekommenen Cabaret-Schuppen, fand dort aber auch nur vom September bis Dezember 1977 statt. „Ich brachte eine wirklich gute Auswahl auf die Bühne – Wilko Johnson, Siouxsie“, erinnert sich Keenan. „Der bemerkenswerteste Abend im Ace Of Clubs war der mit X-Ray Spex, an dem die Bühne zusammenbrach“, weiß Adams zu berichten. Keenan hat das aber anders in Erinnerung: „Die Bühne brach nicht zusammen. Nur Poly Styrene, die Sängerin, kippte nach ein paar Songs um. Wir mussten sie in die Garderobe tragen.“
Keenans Veranstaltungen im Ace Of Clubs fanden ein Ende, weil „es ein Feuer gab und die Versicherung nicht zahlen wollte“. Anschließend zog der F Club in den Roots Club im Chapeltown-Viertel um, eine ehemalige Synagoge, in der sonst vor allem Veranstaltungen für Einwanderer aus der Karibik stattfanden und die bereits die verschiedensten Namen gehabt hatte: International Club, Cosmopolitan Club oder Glass Bucket. Im Rahmen des F Clubs traten dort unter anderem Suicide, Magazine, Wayne County & The Electric Chairs oder Joy Division auf.
Im Oktober 1978 residierte der F Club im Brannigans, das sich in einem Gewölbekomplex unter dem Bahnhof von Leeds befand. „Damals organisierte ich mindestens zweimal wöchentlich dort einen Gig“, erinnert sich Keenan. „Der Manager des Brannigans dachte weit voraus: oben zwei Discos, unten der Punk-Club.“
Im Brannigans war der F Club am längsten zuhause. Die Liste der Bands, die hier spielten, ist beeindruckend: Ultravox (mit John Foxx), Wire, The Damned, The Only Ones, Penetration, Generation X, Cabaret Voltaire und Joy Division sowie Pere Ubu und The Human League. Und das war nur ein kleiner Ausschnitt aus den ersten drei Monaten des Clubprogramms an diesem Ort. Anfang 1979 folgten unter anderem Adam And The Ants, The Cure mit The Teardrop Explodes, The Cramps, The Psychedelic Furs, The Raincoats und noch einmal Joy Division (diesmal mit OMD).
Danny Horigan, der später als Roadie für die Sisters arbeitete (und unter dem Namen Daniel Mass bei Salvation sang), erinnert sich an den F Club zur Brannigans-Zeit: „Wenn man die Treppe hinunterkam, war da als erstes ein Billardzimmer, und wenn man um die Ecke bog, kam man in den Raum mit der Musik – an einer Schmalseite war die Bühne für die Bands, das DJ-Pult befand sich an der einen Längswand. Die Decke war sehr niedrig, es war ein richtig schön dreckiger, verschwitzter Punkclub.“
Es gab keine Möglichkeit, Jacken oder Mäntel aufzuhängen, was zu der Feuchtigkeit erheblich beitrug, und aufgrund der geringen Raumhöhe war die Bühne ebenfalls entsprechend niedrig. Die Bands – ob es sich nun um großartige oder grottenschlechte Truppen handelte, aufstrebende Legenden oder längst vergessene Formationen – standen dem Publikum beinahe Auge in Auge gegenüber. Der Schweiß spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Horigan beeindruckte damals besonders – abgesehen von den Tattoos des Cramps-Gitarristen Bryan Gregory –, wie dicke Tropfen von John Foxx’ vorspringendem Kinn fielen.
„Konzerte im Brannigans waren eine intensive und anstrengende Erfahrung“, sagt Stephen Barber, ein regelmäßiger F-Club-Besucher aus dem Stadtteil Crossgates. Ein anderer Stammgast, John Lee, der auch das Fanzine Damaged Goods herausgab, erinnert sich an den F Club als „ein echtes Loch, mit unverputzten Wänden und grässlichem, echt grässlichem Bier. Der Sound war ziemlich scheiße – aber es war unser Club. Es waren meist ziemlich viele Leute da, die Klebstoff schnüffelten, und in ein paar Ecken von dem Laden stank es entsprechend.“
Ohne den F Club romantisieren zu wollen – für Außenseiter, Unangepasste und Musikfans war er ein echtes Refugium. „Der etwas vorhersehbare Nihilismus, der dort herrschte, konnte allerdings manchmal auch gefährlich werden“, meint Lee. „Aber es gab nur selten richtigen Ärger. Hin und wieder mal eine kleine Schlägerei, aber das war’s dann auch. Natürlich gab es auch Leute, die absolute Arschlöcher waren, aber sie waren denen, die für die Musik brannten, immer zahlenmäßig unterlegen.“
Verglichen mit dem Ausmaß an Gewalt, das auf den Straßen von Leeds zu dieser Zeit herrschte, war es im F Club bemerkenswert friedlich. Ende der Siebziger waren große Teile der Stadt stark heruntergekommen. „Heute ist es eine kosmopolitische Metropole, aber damals war es ein abgewirtschaftetes Industriekaff in Reinkultur“, sagt Paul Gregory, der Sänger der Expelaires. „Für einen Punkrocker war es ein hartes Pflaster.“ Adams erinnert sich: „Es war eine scheußliche Zeit. Gefährlich. Man hatte immer das Gefühl: Sei auf der Hut. Pass auf, wo du hingehst.“
Die Teddy Boys rotteten sich gern in ihrem Lieblingsclub, The Whip, zusammen, und fielen dann mit besonderer Bösartigkeit über Punks her. Eine noch größere Bedrohung – allein, weil es von ihnen so viele gab – stellten die Flickheads dar, eine Gruppierung von Fußball-Hooligans. Leeds United, damals ein echter Erfolgsverein, war für die Härte seiner Spieler auf dem Platz ebenso berühmt-berüchtigt wie für die Gewaltbereitschaft seiner Fans.
Die größte Gefahr lag jedoch nicht in der Auseinandersetzung zwischen bestimmten Subkulturgruppen, sondern in der ganz alltäglichen, durch Alkohol befeuerten und fast psychotischen Feindseligkeit, die in vielen britischen Groß- und Kleinstädten an der Tagesordnung war. In Leeds waren jede Menge hartgesottener Kneipengänger unterwegs, die nach ein paar Pint Bitter zur Abrundung eines gelungenen Abends auf der Suche nach einer kleinen Prügelei waren. „Es war ein Dreckloch und wirklich scheußlich, aber wir waren dort zuhause“, sagt Adams rückblickend über seine Heimatstadt.
Die weiblichen Stammgäste des F Club waren zwar in der Minderheit, aber dennoch relativ zahlreich, und es gab sogar eine DJane – im Großbritannien der späten Siebziger eine große Seltenheit. Claire Shearsby hatte in allen Locations aufgelegt, in denen der F Club je stattfand, sogar schon bei Keenans Stars Of Today-Nacht in der Polytechnic, aber ihre Verbindungen zur Musikszene von Leeds reichten noch weiter zurück. Sie war beim ersten Sex-Pistols-Gig in der Stadt im Fforde Grene unter den wenigen Zuschauern gewesen: „Der Eintritt kostete 35 Pence, und Johnny Rotten stand nur auf der Bühne und starrte die Leute nieder, während er Honig aus einem kleinen Glas löffelte, weil seine Stimme angeblich so angegriffen war“, erinnert sich Shearsby. Sie ließ sich damals Autogramme auf dem Poster von der Clubtür geben (weswegen sie auch heute noch sagen kann, wie viel das Konzert damals kostete), und Rotten rückte widerwillig eine Sicherheitsnadel von seinem Jackenaufschlag als Souvenir heraus.
Shearsbys Musikgeschmack war stark von Glam und Punk geprägt, wobei es gar nicht so leicht war, an echte Punkplatten heranzukommen, als sie mit dem Auflegen begann. Die MC5, die Stooges, Velvet Underground und die New York Dolls überbrückten die Kluft zwischen beiden Genres, aber für eine garantiert volle Tanzfläche im Brannigans sorgten bei ihr stets „Another Girl, Another Planet“ von den Only Ones und „Electricity“ von OMD.
Shearsby fiel im F Club durch ihre außergewöhnliche Präsenz auf. Sie sah mehr als nur gut aus, und mit ihren blond gefärbten Haaren forderte sie Vergleiche mit Debbie Harry unweigerlich heraus. Zudem war sie groß („einszweiundsiebzig auf Socken“, einsachtzig in ihren Cowboystiefeln), fit und durchtrainiert. Während sie im Brannigans auflegte, studierte sie Sport für’s Lehramt; während ihrer eigenen Schulzeit war sie eine hervorragende Sprinterin und Weitspringerin gewesen. „Sie hätte jeden von uns mit Leichtigkeit ausknocken können“, erinnert sich Craig Adams. „Ich war kein aggressiver Typ, aber die Leute nahmen sich trotzdem vor mir in acht“, meint Shearsby. „Wenn es Prügeleien gab, versuchte ich durchaus, dazwischenzugehen.“
Während der F-Club-Zeit im Brannigans lernte Shearsby dort ihren Freund kennen: Andy Taylor, der insgeheim auf Deep Purple stand und sich an der Uni für ein Chinesisch-Studium eingeschrieben hatte. „Andrew beeindruckte mich einfach, wie er so mit Lederjacke und Ramones-T-Shirt im Club erschien und zum DJ-Pult kam. Er wünschte sich immer nur Stooges-Songs. Ich fand ihn ziemlich gutaussehend, und nach einer Weile kamen wir zusammen.“
„Andrew sorgte schon kurz nach seiner Ankunft für ganz schön viel Aufruhr in Leeds“, meint Stuart Green, der damals als Bassist bei der Band Problemz spielte. „Er war kaum angekommen, da ging er schon mit Claire. Jeder kannte Claire, und plötzlich war da dieser neue Typ, und sie war mit ihm zusammen.“
Mark Johnson, der später das Fanzine Whippings & Apologies herausgab, dachte damals: „‚Was ist das für ein Typ mit diesen silberglänzenden Lurex-Hosen, wie Iggy sie immer trägt?‘ Er entfernte sich nie mehr als zwei Meter vom DJ-Pult.“ Dennoch wurde er gelegentlich auch anderswo im F Club gesehen. Der Expelaires-Gitarrist Dave Wolfenden erinnert sich, „dass Andrew am Billardtisch stand, und ich fragte mich: Was ist das für’n Arsch, der wie Lenny Kaye aussieht und nie mit irgendwem redet?“
Dabei hätte Andy Taylor zu dieser Zeit – 1978 – eigentlich weder im F Club noch überhaupt in Leeds sein sollen, sondern brav in Oxford, um sich in das zweite Jahr seines Sprachstudiums zu stürzen. Was er aber nicht tat, weil er nach dem ersten Jahr die Vorprüfung versiebt hatte und daraufhin aus dem St. John’s College geflogen war. Boyd Steemson, der damals am St. John’s Philosophie, Politik und Wirtschaft studierte, fasst Taylors Interessen in Oxford zusammen: „Bowie, Zigaretten, Bowie, Zigaretten, Iggy, Zigaretten, Bowie.“ Dass er den Studienplatz verlor, „lag halt daran, dass er mit beeindruckender Entschlossenheit alles verweigerte, was nicht mit Bowie oder Zigaretten zu tun hatte. Er machte gar nichts, er arbeitete kein bisschen.“ Als Taylor schließlich einen Antrag auf einen Studienfachwechsel stellte und sich für Chinesisch einschreiben wollte, lehnte das College das mit Nachdruck ab.
Dabei war es Ende der Siebziger gar nicht mal so leicht, aus Oxford rauszufliegen – man musste sich schon ein bisschen Mühe geben. Taylor mochte Französisch als Sprache nicht und verabscheute den Kurs für deutsche Literatur, in dem er, wie er später mit blumiger Ausschmückung zu berichten wusste, hauptsächlich Theaterstücke in Wiener Dialekt hätte studieren sollen.
Dabei war Oxford in vielerlei Hinsicht Taylors natürliche Umgebung. Er hatte die höheren Klassen seiner Schullaufbahn im Merchant Taylors’ hinter sich gebracht, einer Privatschule in Northwood, Middlesex, die regelmäßig Oxford- oder Cambridge-Absolventen hervorbrachte. Taylor war ein Sprachtalent, hochintelligent, mit einem eigenwilligen Verstand und einem sardonischen Blick auf die Welt, der die Menschen, die ihn besser kennenlernten, sehr beeindruckte. Seinen Tutoren ging es nicht anders, und sie hätten ihn gern in Oxford behalten, aber Taylor ließ ihnen keine Möglichkeit. Während seiner Zeit am St. John’s sahen sie ebenso wenig von ihm wie seine Kommilitonen.
Steemson war eine der wenigen Ausnahmen. Sein Zimmer lag im North Quadrangle des Colleges, „in dem hässlichen bienenstockartigen Ding“, wie er den Anbau aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beschrieb. Taylor hingegen war im Canterbury Quadrangle untergebracht, einem Collegegebäude, das aus dem 17. Jahrhundert stammte. Steemson, nach eigenem Bekunden selbst ein „schrecklicher Student“, berichtet: „Einmal stand ich mitten in der Nacht auf, um ein Essay zu schreiben … und eine halbe Stunde später klopfte es an der Tür. Draußen stand Andrew, der durchs College geschlichen war, in der Hoffnung, irgendwo ein Zimmer zu finden, in dem noch Licht brannte.“
Trotz Taylors Bowie-Besessenheit fanden er und Steemson durchaus Gemeinsamkeiten in ihrem Musikgeschmack, beispielsweise The Velvet Underground oder Père Ubu. So steif die Studienanfänger des St. John’s auf dem Immatrikulationsfoto mit ihren dunklen Anzügen, weißen Hemden, kurzem Commoner-Talar und viereckigem Doktorhut auch aussehen mochten – die beiden waren nicht die einzigen, die sich für einen Musikstil interessierten, den man in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks „Punk“ nennen konnte. Und mit dem Bus kam man schnell nach Aylesbury, wo es mit dem Friars einen der besten Veranstaltungsorte für Live-Musik gab. Oxford war, was Musik anging, gar kein so übles Pflaster, aber Taylor unternahm dort dennoch keinerlei Anstrengungen, eine Band zu gründen, und er spielte auch kein Instrument. Es war von daher ein Segen, dass er das St. John’s verlassen musste – zum einen, weil es so irgendwann zur Gründung der Sisters Of Mercy kam, und zum anderen, weil er die altehrwürdige Universitätsstadt absolut ätzend fand.
Taylor kam im Oktober 1978 nach Leeds, um dort ein Chinesisch-Studium zu beginnen. Er war so spät im Studienjahr aus dem St. John’s ausgeschieden, dass es jetzt nur noch wenige freie Zimmer gab, und er kam zunächst weiter außerhalb in der Nähe des Elland Road Stadions von Leeds United unter. Die Umgebung beschrieb er später als „fürchterlich heruntergekommenes Sozialbauviertel, das man inzwischen, weil es als unbewohnbar eingestuft wurde, abgerissen hat“. Hunslet Grange, auch als Leek Street Flats bekannt, war eine der größten Bausünden Großbritanniens. Die Gebäude waren schlecht beheizbar, an den Innenwänden lief das Kondenswasser herunter, die Fassaden zeigten außen schwarze Verfärbungen, und die Kriminalität in dem Viertel war hoch. Zwar waren die Blocks erst 1968 gebaut worden, aber bereits 1978, als Taylor dort einzog, völlig heruntergewirtschaftet. Auf Steemson, der ihn in Leeds mehrere Male besuchte, wirkte die Wohnung in Hunslet Grange „wie ein echtes Loch, ein fürchterlicher Ort … niedrige Decken, dunkel und scheißkalt. Außerdem war es von dort bis in die Innenstadt eine echte Weltreise, das Viertel schien mitten im Nichts zu liegen. Nach dem Canterbury Quadrangle war Hunslet Grange ein echter Kulturschock.“
Jedenfalls rief die neue Umgebung Taylor jeden Tag aufs Neue deutlich in Erinnerung, dass in Leeds ein neues Leben anfing. Er befand sich in einer ihm völlig fremden Stadt. Bisher hatte sich seine Erfahrung mit dem Norden Englands auf die Fernsehserie Coronation Street beschränkt („Ich musste feststellen, dass es sich dabei um eine Dokumentation handelte“, bemerkte er einmal). Aber trotz der tristen Unterkunft entdeckte er sofort seine Liebe zu Leeds, den Menschen und der dortigen Musikszene. Die Ramones spielten in der Woche seines Einzugs an der Universität. „Bei der Gelegenheit, entweder durch Flugblätter oder durch Gespräche mit irgendwelchen Leuten, bekam ich mit, dass es diesen F Club gab.“ Das Brannigans erinnerte Taylor an „eine überdimensionale Toilette“, aber es hatte gleichzeitig etwas Heimisches. Und „die glamouröse DJane“, wie er sie später bezeichnete, übte natürlich auch eine enorme Anziehungskraft aus.
Der Umzug nach Leeds war sicherlich ein enormer Umbruch in seinem Leben – einerseits stressig, andererseits aber auch befreiend und angenehm. Steemson vermutet: „Es war, als ob Andrew dort neu anfangen konnte. Er war an einem ganz fremden Ort, und niemand kannte ihn. Ich glaube, indem er dieses Alter Ego erschuf, bot ihm das die Möglichkeit, damit umzugehen.“ Leeds schüttelte ihn gründlich durch und holte dabei etwas an die Oberfläche, das zuvor verschüttet gewesen war. Taylor hatte in der beschaulichen Kleinstadt Ely das Licht der Welt erblickt, Eldritch hingegen wurde in Leeds geboren.
Steemson unternahm einige Male „die scheußliche Busfahrt nach Leeds“. Auf ihn wirkte die Stadt „dunkel, versifft und geheimnisvoll, kalt und feucht. Überall an der Autobahn waren Kohlebergwerke.“ Bei seinem ersten Besuch ging er zu einem F-Club-Konzert: Pere Ubu mit The Human League im Vorprogramm. Beide, Taylor und Steemson, hielten es für den besten Gig, den sie je gesehen hatten. „Die doppelte Genialität dieses Auftritts hat mich bis heute nicht losgelassen“, erklärte Eldritch. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass so etwas woanders hätte stattfinden können, jedenfalls nicht mit derselben Intensität.“ Steemson war davon „sehr fasziniert, wie sie eine wirklich aufregende Rock-Atmosphäre schufen, obwohl sie sich nur minimal – oder, im Fall von Human League, gar nicht – auf das verfügbare Equipment verlassen konnten: zwei wirklich interessante Bands in absoluter Hochform in einem winzigen Provinz-Club.“
Zu der Zeit des besagten Konzerts steckte Großbritannien in einer tiefen Krise, und der so genannte Winter of Discontent stand vor der Tür, in dem Massenstreiks das Ende der bisherigen Labour-Regierung einläuteten. Margaret Thatchers Wahlsieg im folgenden Jahr war bereits abzusehen. Der Winter 1978/79 war vor allem in Leeds sehr hart. Der ganze Innenstadtbereich war von Verfall gezeichnet, die Gewalt rechtsgerichteter Gruppen erreichte ihren Höhepunkt, und der Yorkshire Ripper ging um. „In diesem Winter“, berichtet Stephen Barber, „durchlief auch die Punkrock-Clubkultur in Leeds eine ausgesprochen intensive Phase.“ Die äußeren Umstände mochten, objektiv betrachtet, wirklich scheußlich sein, aber „gleichzeitig war es sehr aufregend, in einer solchen urbanen Umgebung zu leben“. Der pyroklastische Strom des Thatcherismus, der später durch die Stadt fegte, zerstörte die wirtschaftliche Struktur weiter und fügte der Musikkultur schwere Schäden zu, aber Taylor war im richtigen Augenblick in Leeds eingetroffen: Trotz des Verfalls, der allerorten herrschte, war die Stadt quicklebendig.
Das pochende Herz der Szene lag in einem klammen, stinkenden und brüllend lauten Kellerclub in der Call Lane. „Ich lebte praktisch im F Club“, berichtete Eldritch, und es gab eine Band, die er dort öfter sah als alle anderen. „Die Expelaires waren sozusagen die Hausband. Ihre Tentakel reichten so ziemlich in alles hinein.“ Adams erklärt: „Leeds und die Expelaires waren sozusagen untrennbar miteinander verbunden.“
2 Cat People
Die Expelaires hatten sich direkt im Zentrum von Leeds gegründet, im Guildford Hotel, das ebenso wie das Rathaus und viele Geschäfte an der Hauptverkehrsstraße The Headrow lag. „Wir alle gingen im Guildford was trinken“, erzählt Craig Adams, „wobei das in meinem Fall hieß, dass ich im Billardzimmer hockte und irgendwelche Leute fragen musste, ob sie mir an der Bar einen Drink holten, weil ich so aussah, als sei ich erst zehn.“ Die bekannteste Besetzung der Band umfasste Adams an den Keyboards, Dave Wolfenden an der Gitarre, Carl „Tich“ Harper am Schlagzeug, Mark Copson (der Johnny genannt wurde, trotz des enormen Überhangs an Johns in der Postpunk-Szene von Leeds) sowie Paul Gregory mit dem Spitznamen „Grape“ als Sänger.
Adams war kein Punk-Autodidakt, der sich auf die Schnelle drei Akkorde beigebracht hatte. „Ich hatte seit dem siebten Lebensjahr Klavierstunden. Meine Lehrerin war eine sehr alte Dame, die ein bisschen wie Barbara Cartland aussah. Wenn man etwas falsch machte, bekam man Schläge mit einer Stricknadel. Dann musste ich die meisten Samstage in der Heaton School Of Music in Bradford verbringen. Vormittags war Musiktheorie, nach dem Mittagessen dann Klavierunterricht.“ Schon bald hatte er es satt, klassische Musik zu spielen. „Mein Dad setzte mich an der Musikschule ab, und ich tat so, als würde ich reingehen, drehte aber schnell wieder um und amüsierte mich irgendwo in Bradford, bis er mich wieder abholen kam.“ Adams’ Form der Rebellion, die ihn schließlich zu den Sisters führen sollte, begann mit Ragtime. „Statt jeden Abend Bach und Mozart zu spielen, fing ich an, mich mit Scott Joplin zu beschäftigen.“ Wenig später kaufte er sich bei Virgin Records das Notenbuch 200 Rock Hits. „Von da an ging es kontinuierlich abwärts.“
Während seiner Schulzeit war Adams in einer ganzen Reihe von Bands, beispielsweise der Village Green Preservation Society, in der er sang und Keyboards spielte. „Wir traten häufig im Jugendclub der Schule auf und brachten Faces-Cover wie ‚Stay With Me‘“, erinnert er sich. Wolfenden war in einer Gruppe namens Anorak Faction und berichtet: „Wir spielten auch in diesem beschissenen Jugendclub in Rawdon; Craigs Band übernahm oft das Vorprogramm. Sie hatten eine echt abgefuckte Version von ‚Paranoid‘. Craig gefiel es, dass wir Songs der Dolls draufhatten.“ Auch Adams spielte bei Anorak Faction – zumindest eine Probe lang. „Wir übten in meinem Kinderzimmer, als meine Eltern im Urlaub waren. Die Nachbarn reichten daraufhin eine Petition bei meinen Eltern ein, um zu verhindern, dass sich das jemals wiederholte.“
Adams war zu jung, als dass er die Anfänge der Punkszene in Leeds hautnah mitbekommen hätte: Als die Sex Pistols im September 1976 im Fforde Grene auftraten, war er erst vierzehn und noch nie auf einem Konzert gewesen. Als Rotten und Co. auf der Anarchy Tour in der Polytechnic spielten, verbot ihm seine Mutter, dort hinzugehen – das berüchtigte Pistols-Interview mit Bill Grundy in der Fernsehsendung Today, bei dem Steve Jones den Moderator als „dreckiges Arschloch“ bezeichnete, hatte gerade landesweit für Schlagzeilen gesorgt. Außerdem musste Adams am nächsten Morgen früh aufstehen und Zeitungen austragen. Dafür ging er anschließend auf ungefähr jedes Punk-Konzert, das 1977 und 1978 in der Leeds Polytechnic stattfand.
Als er 1978 mit sechzehn von der Schule abging, war es mit „Hippie-Craig“ vorbei. Auf Betreiben seiner Mutter ließ er sich einen ordentlichen Haarschnitt verpassen und bekam einen Job in einem Bekleidungsgroßhandel. „Gelegentlich traf ich Craig auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause“, erinnert sich Stuart Green, der beim Versandhandel Kay’s Catalogues arbeitete. „Wir waren beide total frustriert von diesen beschissenen Jobs und wussten, dass wir sie nicht unser ganzes Leben lang machen wollten.“ Mit Green und Reg Forbes, der auch als „Reggie Riot“ oder „Riot Reggie“ bekannt war, spielte Adams in einer kurzlebigen Band namens Paris Riots. „Zu einem Auftritt brachten wir es zwar nicht, aber wir probten ein paar Mal bei Stuart zuhause“, sagt Adams. „Ein toller Name, eine tolle Idee, aber eine richtige Band wurde irgendwie nicht daraus“, meint Green. „Ich erinnere mich, wie Craig versuchte, mir das Bassspielen beizubringen, und ich es nicht so richtig kapierte. Er versuchte, unsere Instrumente nach dem alten Klavier zu stimmen, das meine Mutter hinten in der Wohnung stehen hatte.“
Adams’ nächste Band waren die Expelaires. Anfang 1979 waren sie in Leeds zur führenden Lokalband aufgestiegen. Keenan buchte sie für eine Veranstaltung im Brannigans am 20. Februar 1979, die er „Sheepdog Trials“ nannte, und bei der auch andere aufstrebende Bands der Stadt auftraten: The Butterflies, Abrasive Wheels und The Faction.
In diesem Monat traf der spätere Gary Marx in Leeds ein. Mark Pearman hatte seine Jugendjahre in Withernsea verbracht, einem deprimierenden, abgelegenen Badeort an der Küste von East Yorkshire, bevor er im Sommer 1977 nach Hull gezogen war. „Einige in der Musikszene von Leeds waren inzwischen vielleicht schon etwas abgestumpft, aber ich war noch voller Energie. Bei mir war es vor allem die Auflehnung gegen meine Herkunft. Ich hungerte unglaublich nach dem aufregenden Leben, das es in der hintersten Provinz nie gegeben hatte, und daher war ich enorm aufgeladen und für alles offen. Die Punkszene in Leeds spaltete sich damals auf, und es hatte sich eine gewisse Selbstgefälligkeit eingeschlichen, aber für mich war alles noch total aufregend, und ich war stets bereit, mich auf alles einzulassen, während andere eher damit beschäftigt waren, vorm Spiegel zu stehen und ihre Frisur zu checken.“
Pearman war mit seinem besten Freund Graeme Haddlesey in die Stadt gekommen. Die beiden hatten zwei Jahre lang erfolglos versucht, in Hull eine Band auf die Beine zu stellen, hofften nun aber, dass das in Leeds mit dem F Club leichter sein würde. „Ich bat Keenan immer wieder, über die PA im Club bekanntzugeben, dass wir Musiker suchten“, sagt Marx. „Auf diese Weise fanden wir Martin Taylor, der Schlagzeug spielte, und er schleppte eine Reihe von Bassisten aus seinem Bekanntenkreis an. Wir probten bei Martins Eltern in Beeston, südlich von Leeds.“ Die Band hieß Naked Voices. „Allerdings hatten wir kaum einen echten Auftritt, und die Band entwickelte kein eigenes Profil. Ich hatte musikalisch nichts zu sagen, weil ich kein Instrument spielte und ziemlich unmelodisch sang.“
Die Expelaires lernte Pearman über seine Naked-Voices-Verbindungen kennen. „Außerdem war das Guildford eine der besten Bars, um abzuhängen, was zu trinken, Snooker zu spielen oder zu flippern. Craig war so etwas wie das Band-Baby. Er war wesentlich jünger als Dave Wolfenden, und er sah noch immer wie ein Schuljunge aus. Weil er Keyboards spielte, blieb er außerdem immer ein bisschen im Hintergrund, wenn die Band auf der Bühne stand. Aber er hatte immer einen guten Humor, das war seine Art, sich zu behaupten. Ich mochte ihn, obwohl wir nicht so viel miteinander zu tun hatten.“
Nach und nach wurden solche Treffen im Guildford allerdings immer seltener. Ende der Siebziger war Leeds ein Zentrum für rechtsnationale Strömungen, und wie es auch in vielen anderen Pubs der Stadt der Fall war, hingen auch zahlreiche Stammgäste des Guildford dieser hässlichen Überzeugung an. „Es wurde richtig haarig mit der National Front, und die war sehr stark vertreten“, erinnert sich Wolfenden. „Es gab immer irgendwelche Nazis, die uns einschüchtern wollten“, berichtet auch Gregory. Daher zogen die Expelaires weiter ins Faversham (von den Stammgästen liebevoll „Fav“ genannt), ein Hotel mit Bar und Lizenz für Spätausschank, das am westlichen Rand des Univiertels lag, ein ganzes Stück von der Innenstadt entfernt. Für den neuen Szenetreff sprachen die gut bestückte Jukebox, die Billardtische, das für englische Verhältnisse starke Bier (in erster Linie das beliebte, importierte Holsten Export) und das bissige Naturell des Barmanagers, Jim Bates. Zum Tanzen ging die Faversham-Szene am liebsten ins Warehouse oder ins Le Phonographique, je nach Wochentag. Das Warehouse hatte als Disco nach New Yorker Muster angefangen, war inzwischen aber von New Romantics, Postpunks und Electropop-Fans erobert worden. Das Phonographique, meist nur „Phono“ genannt, war ein Kellerclub im Merrion Centre, dem aus den Sechzigern stammenden Einkaufszentrum in der Innenstadt. Ähnlich wie das Warehouse wandte sich auch das Phono an eine eher alternativ eingestellte Klientel, aber in einer wesentlich weniger eleganten, geräumigen und gepflegten Umgebung. Wenn die Expelaires die Hausband des F Clubs waren, dann herrschten Soft Cell in vergleichbarem Maße über das Warehouse.
Zu der Zeit, als sich die Szene vom Guildford ins Fav verlagerte, wohnte Pearman mit Haddlesey und einigen anderen Leuten in einem Haus an der Hares Avenue und arbeitete in einem Teppichgeschäft in der nahegelegenen Harehills Road. „Ich hatte die Schlüssel für den Laden, daher schlief ich da hin und wieder, wenn ich noch spät unterwegs gewesen war. Auf den dicken Rollen Auslegeware konnte man ganz gut pennen.“ Hier wurzelt das Missverständnis, dem Craig Adams bis heute aufgesessen ist, dass Mark nämlich, als er zu den Sisters stieß, „in einem Teppichladen wohnte“. Mindestens einmal half Pearmans Job den Sisters Of Mercy finanziell über die Runden: „Es gab keine ordentliche Abrechnung, und so verschwand schon mal ein bisschen Geld“, wie er sagt. 1979 war Pearman nur „einer von vielen, der irgendeinen Scheißjob machte, während man versuchte, irgendetwas auf die Beine zu stellen“. Adams war in derselben Situation, aber mit den Expelaires spielte er bereits in einer anderen Liga als Pearman und die Naked Voices.
Andy Taylor war zumindest noch auf dem Papier Student an der University Of Leeds und hatte noch keine echten Anstalten unternommen, eine Band zu gründen. Er und Pearman hatten sich über gemeinsame Freunde und Bekannte an der Uni kennengelernt und waren sich in Kneipen oder im Faversham über den Weg gelaufen. Im F Club freundeten sie sich schließlich richtig miteinander an. „Es war klar, dass Andrew ziemlich intelligent war“, sagt Marx. „Bei Gesprächen mit ihm konnte es schon mal kompliziert werden, oft auch politisch. Er war manchmal sehr pedantisch. Ich erinnere mich, wie er John Keenan mal auseinandergenommen hat, weil der das Wort ‚metaphysisch‘ falsch benutzte. Er diskutierte gern, reizte seinen Intellekt aus. Das sind natürlich Eigenschaften, die man angesichts der Rolle, die er später für die Öffentlichkeit entwickelte, auch erwarten würde, aber er hatte auch noch eine andere Seite: Er war sehr freundlich und zugänglich.“
Stephen Barber lernte beide im F Club kennen, als seine Band, die Wanking Cunts, dort ihr letztes Konzert gab. Keenan weigerte sich, den Namen der Band – wörtlich übersetzt „die wichsenden Fotzen“ – auf seinen Flyern, Postern oder anderem Promo-Material abzudrucken und kündigte sie stattdessen als The Konky Wonks oder Wonky Konks an.
„Vor allem Mark hatte die typisch ausufernde Freundlichkeit der damaligen Zeit, und wir wurden gute Freunde“, berichtet Barber, den Pearman als „Laughing Boy“ kannte, weil er ausgesprochen lustig wurde, wenn er sich genug billigen, polnischen Wodka eingeschenkt hatte. Barber zufolge „war Andy sehr redselig. Er liebte kitschige Fernsehserien wie Coronation Street oder Emmerdale Farm. Er sprach gern übers Schreiben und besonders über die Stooges. Wenn man mit ihm einmal ein gemeinsames Thema hatte, dann war er sehr nett. Andy interessierte sich sehr für Leonard Cohen, und er mochte T.S. Eliot und Kerouac. Mich interessierte französische Literatur, aber da wurden wir uns weniger einig.“ John Lee weiß über den Andy Taylor der F-Club-Zeit Typisches zu berichten: „Andrew hatte einen sehr bissigen, trockenen Humor und eine ziemlich finstere Sicht auf die Welt. Er merkte gern ein paar kritische Sätze zu allem an, worüber wir redeten, und brachte mich damit zum Lachen. Zwar war er nicht gerade eine große Nummer, wenn es um Geselligkeit ging, aber doch ein netter Kerl.“ Keenan formuliert es so: „Andy hatte so ein gewisses Etwas. Er war nie einer von diesen Kumpeltypen, sondern immer speziell und ein bisschen für sich. Und er lief niemandem hinterher.“
Seine Freunde im F Club nannten Pearman „Peach“ – es war der Spitzname aus seiner Grundschulzeit, auf den er zwar überhaupt keinen Wert mehr legte, der ihm aber nach Leeds gefolgt war. Ihm erschien es übertrieben, dass es damit noch einen fruchtigen Spitznamen im F Club gab – zu seinem engeren Bekanntenkreis gehörten schließlich schon ein Grape und ein Johnny Plum(b). Manchmal zog die ganze Gruppe abends noch ins Warehouse. „Peach tanzte auf seine ganz besondere Art zu ‚20th Century Boy‘“, erinnert sich Lee. „Er war ein sehr begeisterter Tänzer.“ Das konnte man von Taylor nicht gerade behaupten.
Auch hatten er und Pearman wenig gemeinsam, was ihre Herkunft anging. „Es war klar, dass sein Name nicht auf der Liste für die kostenlosen Schulmahlzeiten gestanden hatte, so wie meiner“, sagt Pearman. In ihrem Musikgeschmack gab es hingegen einige Überschneidungen: The Fall, Pere Ubu, die Stooges – vor allem deren erstes Album –, The Human League, Patti Smith und Suicide. Äußerlich waren sie wiederum sehr verschieden. Pearman war nicht nur einen Kopf größer als Taylor, er war auch kräftiger gebaut, während Taylor den schmalen, hageren Körperbau eines Marathonläufers hatte. Pearman „trug immer irgendwelche Klamotten von Flohmärkten“, sagt Barber, „oder Zeug, das von seiner Familie an ihn weitergereicht worden war“. Doc-Martens-Stiefel und dicke Socken, die so hochgezogen waren, dass sie wie Wadenwickel aussahen, komplettierten seinen typischen Look. Taylor hingegen setzte auf Lederjacken, spitze, schwarze Winklepicker-Schuhe und enge Jeans, gelegentlich auch mal silberglänzende Lurex-Hosen. Seine langen Haare färbte er schon bald schwarz und bot so einen deutlichen Kontrast zu Pearman.
Auch Shearsby und Taylor waren ein auffälliges Paar, das eher so aussah, als ob es nach New York und nicht nach Leeds gehörte – Shearsby orientierte sich erfolgreich am Look von Debbie Harry, und Taylor gab dazu den „Joey Ramone, gekreuzt mit Lenny Kaye“, wie Marx es formuliert. „Ich kannte Andrew zunächst nur von seinem Aussehen her, bevor ich mehr über ihn wusste. Er hob sich von der typischen Punk-Erscheinung deutlich ab.“
Zwar war Shearsby vor nicht allzu langer Zeit noch zur Schule gegangen, zählte aber schon zu den bekanntesten und auffälligsten Figuren der Musikszene in Leeds. „Sie war schon dabei, als die Szene ihren Anfang nahm“, sagte Eldritch dazu. „Absolut. Dafür bekommt sie viel zu wenig Anerkennung. Sie spielte Sachen, die sich viele andere DJs nicht getraut hätten. In dieser Hinsicht war sie der John Peel von Leeds.“
Taylor und Shearsby wurden später in dem Song „Charlie Cake Park“ von den Mekons skizziert:
In the flat above the chemist’s
Andy and Claire are dressing to kill
But they don’t come out till after dark
Down in Charlie Cake Park
Die kleine Wohnung der beiden in der St. John’s Terrace befand sich natürlich nicht wirklich über einer Apotheke, aber Leeds galt damals als Amphetamin-Hauptstadt von Großbritannien. Als die beiden zusammenzogen, brachte Shearsby Spiggy mit.
„Als ich Andrew kennenlernte, wohnte ich noch zuhause, und eine Katze aus der Gegend bekam bei uns im Flur Junge. Wir beschlossen, eins der Kätzchen zu adoptieren. Er war unser kleiner Kerl, Spiggy, ein hübscher Kater mit langem, schwarzem Fell.“ Taylor benannte ihn nach Spiggy Topes, einer Figur aus der Satiresendung Private Eye, die John Lennon und die Beatles auf die Schippe nahm. Taylor mochte zwar weder Topes noch die Beatles, aber den Kater liebte er.
An der Uni wie auch beim F Club war Taylor weder besonders leutselig noch besonders zurückgezogen, und bei den Leuten, auf die er sich einließ, war er durchaus beliebt. „Andy war ganz offensichtlich ziemlich schlau. Ich fand ihn lustig“, sagt Tim Strafford-Taylor, der damals Maschinenbau studierte und bei den New Fauves Bass spielte. Er war es, der Pearman und Taylor erstmals einander vorstellte.
Strafford-Taylor und Taylor hatten beide ein Faible für das notorisch schwierige Kreuzworträtsel in der Times („Er war viel besser als ich, und ich bin schon nicht übel“), für die Ramones, die sie beide bei ihrem Gig in der Erstsemester-Woche erlebt hatten, und für die Stooges. „Funhouse hörte ich zum ersten Mal bei Andy in der Wohnung, als er mir das Album auf einem abgenudelten Cassettenrecorder vorspielte, wofür ich ihm ewig dankbar bin“, sagt Strafford-Taylor. „Andy kam auch zu einigen Gigs der New Fauves, und ich lieh mir gelegentlich seine Lederjacke. Damals tauschte man öfter mal die Klamotten.“
Strafford-Taylor gehörte zu der großen Gruppe von Studenten in Leeds, die in Bands spielten und auf ein paar Bier ins Fenton gingen. Das Guildford und das Fenton waren die jeweiligen Mittelpunkte zweier verschiedener Welten, weil es im Fenton vor politisch linksgerichteten Zeitgenossen nur so wimmelte. „Das Fenton haben alle in guter Erinnerung“, bemerkte Eldritch. „Zu einer Zeit, als es auf der Straße oft zu offener Gewalt kam, gab es im Felton keinen Platz für Nazis, umso mehr aber für Leute, wie wir es waren. Die ganze Atmosphäre war sehr politisch aufgeladen, und wir machten sehr deutlich, auf welcher Seite wir standen.“
Gang Of Four, Delta 5 und die Mekons waren die bekanntesten Bands aus diesem Umfeld. Viele ihrer Mitglieder gingen noch oder waren einmal zur Kunsthochschule gegangen. Die Sisters Of Mercy hatten Kontakte zu all diesen „Art-School-Bands“, aber den Mekons und vor allem ihrem Schlagzeuger Jon Langford und ihrem Gitarristen Kevin Lycett kam dabei die größte Bedeutung zu.
Taylor war gelegentlich auch im Fenton anzutreffen, „aber er war lieber zuhause als im Pub, also ging man eher zu ihm“, sagt Lycett. „Oft saßen nur Andy, Claire und ich zusammen und hörten Musik. Die Lautsprecher seiner Stereoanlage hießen Dan und Doris, nach zwei Figuren aus der beliebten, beschaulichen BBC-Hörspielserie The Archers. Damals und in seinem Alter ein Archers-Fan zu sein, das war schon lustig!“ Langford lernte Taylor dann über Lycett kennen. „Andy und ich zogen nicht zusammen durch die Kneipen, aber wir gingen hin und wieder mal ins Kino, oder ich kam zu ihm nach Hause, und wir guckten Doctor Who. Im Gegensatz zu uns anderen war er nicht so der Kneipengänger.“
Lycett zufolge hatte Taylor etwas Dandyhaftes an sich, das ein wenig an Oscar Wilde erinnerte. „Er wartete immer sehr lange, bevor er etwas sagte, und man merkte dann, dass er diesen Satz sehr sorgfältig poliert hatte, bevor er ihn brachte.“ Taylors kontrollierte Art entsprach dem, wie ein grundsätzlich sehr schüchterner Mensch mit der Welt agierte. Schon lange, bevor er mit den Sisters eine Ausdrucksmöglichkeit für seine eigene Vorstellung von Ästhetik zur Verfügung hatte, feilte Taylor bereits an einer bestimmten Darstellung der eigenen Person. „Er war ziemlich gerissen“, erinnert sich Tim Strafford-Taylor. „An ihm war immer ein bisschen was Aufgesetztes.“
Hinter allen sozialen Interaktionen steckt ein Element der Selbstdarstellung, aber Taylor scheint sich dieser Tatsache ganz besonders bewusst gewesen zu sein. Boyd Steemson geht davon aus, dass Andy Taylor, als er sich aus seinem gewohnten Umfeld gerissen in Leeds wiederfand, „damit begann, sein Alter Ego zu konstruieren und dabei stark auf Bowie Bezug nahm. Ich glaube, er traf sich deswegen recht gern mit mir in Leeds, weil bei unseren Begegnungen diese ganze Show nicht nötig war. Unsere Beziehung basierte darauf, dass ich ein Überrest seines vorherigen Lebens war. Wahrscheinlich fand er es schön, dass er so noch einen gewissen Kontakt mit dieser Zeit aufrechterhalten konnte.“
Die Sisters Of Mercy waren eine Ausweitung, die Apotheose dieser Selbsterschaffung: in höchstem Maße künstlich und gleichzeitig völlig authentisch. Daher konnte sich Eldritch unter allen F-Clubbern, die Bands gründeten, als echter „Vertreter des Camp“ bezeichnen: Er stellte etwas, das ihm ausgesprochen wichtig war, auf komische und künstliche Weise dar, wie Christopher Isherwood es einst formulierte: „Bei einer Sache, die man nicht ernst nimmt, kann man nicht camp sein. Man macht sich nicht lustig über sie; man macht etwas Lustiges aus ihr.“
Die F-Club-Stammgäste hatten zudem den Eindruck, dass Taylor ein hervorragender Beobachter war. „Er stand irgendwo an eine Wand gelehnt im Hintergrund und nahm alles in sich auf, was passierte“, sagt John Lee. „Andy war definitiv introvertiert“, bestätigt Dave Wolfenden, „aber ihm entging nichts.“ Paul Gregory vermutet, dass erste Grundzüge der Sisters Of Mercy an Shearsbys DJ-Mischpult ausgeklügelt wurden, während Taylor sich die Bands ansah: „Wahrscheinlich saß er damals schon da und überlegte in der Stimmlage eines finsteren, schnurrbartzwirbelnden Filmschurken: ‚Hmmm, das kann ich übernehmen. Das gefällt mir gar nicht. Das ist ganz okay.“
Taylor hing nicht nur am DJ-Pult im Brannigans ab, manchmal sprang er auch als DJ ein. „Er war bei jedem Gig zusammen mit Claire da“, erinnert sich Keenan. „Wenn Claire auflegte und mal an die Bar oder aufs Klo gehen wollte, dann übernahm Andy kurz das Pult, und er spielte nie was anderes als Iggy Pop, David Bowie und Gary Glitter.“ – „Man merkte immer, wenn ich am Pult saß“, bestätigte Eldritch das, „denn dann lief immer Glitter.“
Zwar war Taylor in Leeds bedeutend glücklicher als noch in Oxford, aber der Abschluss eines Studiums hatte für ihn trotzdem nicht an Bedeutung gewonnen. Falls er geglaubt hatte, sich mit minimalem Aufwand durchmogeln und vielleicht noch ein „cooles“ Auslandsjahr in Taiwan verbringen zu können, wurde er bitter enttäuscht. Auslandsaufenthalte wurden gar nicht angeboten, und selbst der Erwerb von Grundkenntnissen in modernem Chinesisch erforderte viel Zeit und Gehirnschmalz. Der F Club war für Taylor wesentlich interessanter als ein Diplom, und daher brach er das Studium schließlich ab.
Indem er seinen Studentenstatus aufgab, geriet Taylor gewissermaßen auf unbekanntes Terrain. Generell gab es zwischen der Welt der Studenten und der Welt der übrigen Stadtbewohner wenig Berührungspunkte. Junge Leute, die in Leeds geboren und aufgewachsen waren, die sogenannten Townies, und jene, die dort nur ein paar Jahre an der Uni verbrachten, bildeten zwei unterschiedliche Stämme. Weil er die eine Gruppe nun verlassen hatte, gehörte Taylor aber nicht automatisch zur anderen. Mit seinem geschliffenen Akzent und in gewissem Maß auch durch seine Klassenzugehörigkeit war er stets anders als die meisten F-Club-Mitglieder. „Wir waren beide gewissermaßen entwurzelt und passten weder ganz zur einen noch zur anderen Gruppe“, sagt Pearman, der bei seinem Umzug vom östlichen ins westliche Yorkshire gewechselt war.
Taylor war dennoch ein Unikum: Er hatte Verbindungen in die Welt der Art-School-Bands, aber da er „im Grunde im F Club wohnte“ und außerdem mit Shearsby zusammen war, hatte er auch keine Probleme mit den Leuten auf der anderen Seite. „Ich war ebenfalls in beiden Lagern zuhause, wenn auch in einem wesentlich geringerem Maß, aber das war es, was uns teilweise auch zusammenschweißte“, sagt Pearman. Die Band leistete einen großen Beitrag zur Verständigung zwischen „town“ und „gown“, also Stadtbewohnern und Studenten. Als sie die nächste große Welle von Leeds-Bands anführten, definierten die Sisters Of Mercy ganz neu, was es hieß, eine „Townie“-Band zu sein.
3 Under The Jungle Sky
Für Taylor war Arbeitslosigkeit eine „absolut vernünftige Art, sein Leben zu verbringen“, und dementsprechend hatte er nach seiner Zeit an der Universität nur kurz einen Job, als er auf Tourneen der Undertones Merchandise-Artikel verkaufte. Er und Shearsby fuhren mit ihrem Auto, einem roten VW-Käfer mit plüschbezogenem Innenraum, oft ins benachbarte York zu Priestley’s, einem T-Shirt-Shop, der etwas außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern lag. Der damals dort beschäftigte Paul Ireson erinnert sich: „Wenn man im Laden lange genug herumhing, wurde man irgendwann garantiert für irgendwelche Arbeiten eingespannt.“
Auch Ireson war von Taylors auffälliger Erscheinung beeindruckt. „Er saß im Laden mit seiner Lederjacke, den spitzen Schuhen, einem ums Handgelenk gebundenen Halstuch und Sonnenbrille. Das war kein Punk-Stil. Die Punks waren alle etwas jünger und trugen noch Bondage-Hosen oder was mit Schottenkaro. Andrew war anders, ein bisschen abgehobener.“ Außerdem war Andrew kein Teenager mehr und wirkte, wie Kevin Lycett meint, noch älter, als er war, sogar ein bisschen wie ein alter Knacker. Ireson: „Ich glaube, er fühlte sich mehr uns zugehörig – ich war damals fünfundzwanzig – als den jüngeren Kids.“
Er kannte Taylor unter dem Spitznamen „Spiggy“, den ihm die Mekons verpasst hatten und der sich auch in York herumgesprochen hatte. Natürlich wusste Taylor, dass er sich von der Sendung Private Eye ableitete, fand es aber offenbar überhaupt nicht lustig, wenn er damit gemeint war. „Er wurde dann ein bisschen sauer“, sagt Ireson, und daher verzichteten die Leute bei Priestley’s nach einer Weile darauf, Andrew in seiner Gegenwart so zu nennen. Der Spitzname war ein Beispiel für die Kluft zwischen den Studenten und den Townies. „Es wäre mir nie eingefallen, ihn Spiggy zu nennen“, sagt Marx, „weder im Gespräch mit ihm persönlich, noch wenn ich mit anderen über ihn sprach. Er war in keiner Hinsicht Spiggy für mir … und ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass irgendwer aus dem F Club den Namen benutzt hätte.“
