0,99 €
Blatt und Halm, dem Zweig entsprossen, aus dem Erdreich gewachsen, stehen für die Bedeutung des scheinbar unbedeutend Kleinen in einer kosmischen Dimension. Menschen mit einer bürgerlichen Lebensweise nehmen diese Bedeutung nicht wahr, finden gleichwohl tragfähige Zufriedenheit. Aber erst das Streben nach einer absoluten Sinnerfüllung, auch wenn sie nicht möglich ist, öffnet für die Bedeutung des Kleinen im Ganzen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 151
Veröffentlichungsjahr: 2023
Harald Seredzun
Blatt und Halm
Ein opusculum geminum
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
1. TEIL
2. TEIL
3. TEIL
Bisherige Taschenbücher des Autoren mit neobooks:
Impressum neobooks
Frühlingsprolog
Blatt am Baum,
Halm im Wiesengrund –
ich gedenke euer.
Aus dem Zweig gesprungen
in die linden Lüfte.
Aus dem Erdenreich gesprossen
in das Spiel des Windes.
Warte nur, balde
blühest du,
auch wenn die Sonne
schon schwindet.
Holder Frühlingstag –
ach, lang ist’s her.
Bei näherem Hinsehen
mitnichten lupenrein.
Spinnwebig, schleimig,
zerkocht, zerschmolzen,
femtosekundig zersetzt.
Schaudernd
geh ich meines Wegs.
Winterprolog
Kahl greift die Krone zum Himmel
im Nebel zur Nacht.
Zertretener Wiesengrund,
Halme von Hufen zerhackt.
Nässe beugt sich
verhärtet dem Frost.
Alles ruht, alles schläft
unterm Schnee.
Alles stirbt.
Stirbt? Ja, stirbt!
Gestalten zerfallen.
Tränenströme
(globuläre Proteine, Lysozyme
Kochsalz und mehr)
nässen die Asche.
Nie mehr, nie mehr,
klagt das Herz.
Nichts
Meer voller Nichts.
Stopp! Logik
grätscht launig dazwischen:
Das ist ein Widerspruch in sich!
Habe Acht!
Nichts kann nicht sein.
Nicht im Meer,
nicht im Nirgendwo.
Nicht mal im Nichts.
Nichts, das nichts ist,
ist etwas.
(Hilft Blatt und Halm
aber auch nicht.)
Prognose
Ungerührt warten
Präonen
auf ihre Entdeckung
in fernen
Äonen.
Rot
Der Schäfer hockt hustend
im Schatten der Schlehe
und fiebert:
Röteln.
Die Sonne rotiert,
wächst riesig.
Die Erde errötet.
Cut.
Zeit
Rückblick auf alte Äonen
(unter Vorbehalt):
Unser Umgang mit Zeit
hängt am Umgang der Erde
ums Sonnengestirn.
Einmal drumrum: Jahr.
Einmal gepurzelt: Tag,
in Stunden zerteilt,
wie‘s beliebt.
Was war vor Big Bang?
Klare Antwort:
Der Gedanke
(Stopp! Logik sagt:
Nur Analoges)
an mich und die anderen
- siehe Epheser 1,4:
„…hat er uns erwählt
vor der Grundlegung
der Welt…“
Was war kurz danach
und davor
in der Zeitlosigkeit,
was war,
als die Zeit
noch nicht war?
Zwischenruf:
Hintergrundstrahlung!
Das Zeitalter vorher –
Alter, was willst du?
Deine Zeit ist vorbei.
(Mürrisch gekontert:
Und was ist mit deiner?)
Kein Vorher, kein Nachher – o Jemine!
Wumms, sagte Wum
und wusste nicht weiter,
Wendelin auch nicht.
Der Zweig
und der Schoß schwarzer Erde
gebären noch immer
was Grünes,
das Blatt und den Halm
und die Blätter und Halme.
(Der Mischmasch der Messungen
macht mächtig müde.
Jedenfalls mich.)
Herbst
Errötende Blätter am Baum
heißen herbstliche Winde
willkommen.
Lebenssatt
sausen sie sturmreif
zum Erdreich,
wo Wesen
verwesen.
Atome zerteilt
in eliotische Quarks.
Weiter geht‘s
bis zu Präonen
(mindestens).
Aufbruch
Ich verlasse
die gute Stube,
Haus, Dorf und Hügel,
die Welt und die Welten.
Der Herzschlag verstummt.
Der Atem begibt sich zur Ruhe.
Ob mir das Heimweh verbleibt?
Alles Weh
bleibt im Leib.
Unverklärt.
Viel zu heiß.
Viel zu kalt.
Verklärt
wird’s am Ende gemütlich.
Durch und durch.
Hab‘ Mut spricht
gesteigert die Mutter.
O Jemine!
Auf dem Maindamm
Als wir zwei auf dem Maindamm spazierten unter dem Dach junger Bäume, standen am Ufer direkt gegenüber die knorrigen Pappeln von Fechenheim (inzwischen gefällt – wem‘s gefällt – mir nicht!).
Wir schlenderten an der Stelle vorbei, wo der Dichter mit seiner Geliebten verweilte. Den Badetempel gab‘s damals noch nicht. Aber ein lauschiges Ufer, Blätter und Halme strotzend vor Saft.
„Lili war die erste, die ich tief und wahrhaft liebte, und vielleicht war sie auch die letzte“, sagte der Alternde. Das Glück der beiden währte nur einen Sommer. Sie war gerade mal sechzehn.
Der Duft deiner Wangen erfüllte komplett meine Nase, dein Nacken war kalt. Wir fühlten uns eins mit dem Fluss, mit den Bäumen, der Erde, dem Sand und den Gräsern, wo Johann Wolfgang und Lili sich herzten.
Wir schlenderten weiter, erreichten die schläfrige Vorstadt, den uralten Ort, wo die Kelten schon siedelten. Zwischen Damm und Dornen, vom Rotschwanz belauscht, beobachtet von den Gestirnen – ER rief sie beim Namen, ER kennt ihre Zahl (Ps 147,4) – legte sich Stirn auf Stirn. Wir kehrten zurück.
Damals war unser Jetzt.
Im Althoff-Bau
Seinerzeit im Althoff-Bau
suchten wir Vergnügen.
Am Eingang stand ein Bursche mit seinem Bauchladen vor der Brust. Pittoreske Gestalt mit authentischem Lächeln, er rief:
„Schau‘n Sie nach dem Zirkusmann
auf dem Dromedar!“
Das ließ Grzimek (als Zoodirektor Nachbar vom Althoff-Bau) schmunzeln. Ohne ihn kein Dromedar. Der Bauchladen wippte im Weggehen.
Wir feierten die Akrobaten am Hochseil, die Tänzerinnen im Varieté. Drahtige Körper, schlanke Figuren voll Schminke. Es roch ältlich und leicht konserviert.
Manchmal traten sogar Weltstars auf: Louis Armstrong, Josefine Baker, Charlie Rivel. Der Bau platzte aus allen Nähten. Die Nähe des eben vergangenen Krieges schien beinah vergessen. Man träumte von Übersee, wo keine Trümmer den Alltag durchkreuzten.
Der Altbau, in dem wir wohnten, hatte gottlob allen Bomben getrotzt, wurde schrecklich durchgeschüttelt, hielt aber stand. Das Treppenhaus knarrte, das Geländer gab nach. Nicht ungefährlich. Kaum hatten wir die Tür geöffnet, gab‘s auf der Straße Krawall. Wir traten ans Fenster.
Ein Betrunkener torkelte über die Straße, riss seinen Hosenlatz auf, pisste im hohem Bogen über das Pflaster, die Leute kreischten. Ein Polizist ging zu ihm, nahm ihn in den Arm, redete ihm gut zu, brachte ihn eingehängt nach Hause. Nachgiebigkeit schien die neue Devise der Uniformierten.
Was keiner wusste: Polizist und Pisser kannten sich aus der Schulzeit. Letzterer kämpfte in Russland. Die ‚Operation Bagration‘ war für die Wehrmacht äußerst verlustreich. „Was der gesehen hat…“, sagte der Polizist.
Wir gingen vom Fenster weg, lebten im Jetzt, und wir liebten.
Trauer
Sie hieß Traudel und war immer traurig. Vorm Krieg ging sie auch auf dem Maindamm spazieren, mit Reinhard. Er fiel an der Front. Sie fühlte den Schmerz lebenslang ewiglich. Vorm Einschlafen hörte sie Willy Schneider – ‚Alle Tage ist kein Sonntag…und wenn ich mal tot bin, sollst du denken an mich, auch am Abend, wenn du einschläfst, aber weinen sollst du nicht…‘ – nicht wirklich, sie hatte kein Grammophon. Sie weinte, nicht wirklich, nur in Gedanken. Sie legte aufs Grab weiße Lilien, nicht wirklich, nur in Gedanken. Wo das Grab wirklich war, wusste kein Mensch. Vermutlich gab‘s keins, fernab im Osten. Seine Hand – nie mehr. Seine Lippen erzitterten mit ihrem Namen und ruhten.
Das Schicksal schlug zu wie bei Hilde??? (War eine Freundin.) Da platzte ein Reifen, das alte Motorrad schlug gegen den Baum. Heinz (Verlobter von Hilde) war sofort tot.
Der Krieg ist kein Schicksal. Für niemanden, auch nicht für kleine Leute.
Der Unfall war definitiv auch kein Schicksal. Die Reifen zu dünn, zu abgefahren, rissig auf rutschiger Straße.
Abschied
Wir schlugen uns durch, es ging wirtschaftlich aufwärts, man wähnte ein Wunder. Die Trümmer verschwanden zusehends, die Gruften zerbombter Gebäude wurden mit Tempo bebaut. Schaufenster füllten sich, quollen bald über. Wir scheffelten Geld (für damalige Verhältnisse) und wir liebten.
Ich wollte heiraten. Ich wollte Kinder, sie nicht. Die Trennung fiel leichter als gedacht. Ich bekam eine Stellung in Stuttgart als Chemiker in der Automobilindustrie, zog weg.
Auf den Bahnsteig fiel eine Träne, die ein Reiseschuh rasch zerrieb. Sie winkte mit mattem Gesicht, ging noch bevor sich der Zug ihren Augen entzog. Ich winkte dem Rücken. Ich fiel auf den Sitz. Was war, blieb mir immerfort.
Volkstrauertag
Am Volkstrauertag ging sie ins Kino. Filme mit James Dean. In der Trauerhalle des Friedhofs spielten die Bläser „Ich hatt‘ einen Kameraden…“. Sie hatte keinen. Sie liebte. Nur in Gedanken.
Drei Nachbarinnen
Sie lernte vier Sprachen.
„Als Übersetzerin verdient die gutes Geld, die schafft beim Kramm“, tuschelte die Nachbarin neidisch zu einer Nachbarin. Kramm war eine große Lederwarenfabrik.
Sie bekam das Getuschel mit, fragte die Nachbarin:
„Was ist gutes Geld, was ist schlechtes?“
Da guckte die Nachbarin recht irritiert, dachte: Die Nachbarin ist manchmal komisch.
Immer so weiter
Krähengeflüster – ‚schwirren Flugs zur Stadt‘.
Sie hörte es nicht:
Geh besser doch auf die Schwellen der alten Hafenbahn, der Zug kommt um zehn.
Vor dem Krieg fuhren dort andauernd Züge, nachher nur selten. Gleise glatt glänzend, quietschende Wagen trafen die trauernden Töne. Reinhard fiel nahe bei Stalingrad. Angeblich. Nein, es gab keinen anderen.
Manchmal besuchte sie Tante Alwine. (War sie eine Tante? Vielleicht um ein paar Ecken.) Die wohnte im dritten Stock eines ziemlich beschädigten Hauses. Im Wohnzimmer stand ein muffiges Plüschsofa, das einstens in Ostpreußen stand, auf dem einst der Vater von Alwine gesessen, mit Uniform und Pickelhaube. Ein Foto von ihm mit goldfarbenem Rahmen stand auf der Vitrine. Schmuck sah er aus, aber total unpreußisch, die Beine lässig übereinandergeschlagen. Er fiel schon im Ersten Weltkrieg, als eine Granate im Schützengraben explodierte.
„Ich muss meine Heimat verteidigen“, sagte er mild entschlossen, als die Russen in Ostpreußen einfielen. Sein Kumpan Konrad kämpfte bereits an der Front, aber im Westen. Konrad kehrte 1919 nach Hause zurück. Sein Kumpan fiel bei Stallupönen.
An den Wänden des Wohnzimmers hingen billige Bilder. Vorm Sofa stand ein Eichenholztisch, vor Zeiten kostspielig. Traudel schien das alles morbide, sie bevorzugte Nierentische, merkte noch nicht, dass sie genauso verweslich rochen. Immerhin schmeckten ‚Tantes‘ Weihnachtsplätzchen.
Weihnachten – was für ein Wort. Lieder, die mitnahmen, mit denen sie kuschelte, die zeitübergreifend und scheinbar unantastbar Heimat gewährten. Sei‘s in der Kirche, sei es am Strand von Champerico, sei es in Oberndorf.
Doch kuschelig war es für Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr ganz und gar nicht. Deren Zeiten waren rigide. Die Sorge um Arme trieb Joseph Mohr um und beschäftigte ihn weitaus mehr als sein Lied.
Im Dämmerlicht ging Traudel gern durch die Glockengasse. Da wohnten die „Asozialen“, behaupteten Leute. (Waren das Leute?) Kübel mit roten Geranien auf ziemlich verwitterten Sandsteinstufen standen vor fast jedem Eingang. Die „Asozialen“ pflegten die Blumen und den Zusammenhalt, beuteten niemanden aus, wussten gar nicht, wie so etwas geht. Die reichlich Begüterten wussten es.
Die Glockengasse war ehemals Straße der relativ Wohlhabenden, als der Ort noch ein Fischerdorf war. Dann flohen Hugenotten aus Frankreich, sie ließen sich in Hessen mancherorts nieder, auch im Fischerdorf am Main. Das Dorf wuchs eilig, blühte auf, wandelte sich zum Städtchen. Die „frommen Franzmänner“, wie Alteingesessene frotzelten, gründeten Manufakturen, Fabriken. Der Grundstein zum Aufstieg des Dorfes zur Stadt, für Wirtschaft und Handel war damit gelegt.
Traudel war römisch-katholisch. Wenn sie an der ‚französischen Kirche‘ vorbeiging, bekreuzigte sie sich.
Bei Tageslicht ging sie durch Straßen mit verblassendem wilhelminischen Flair, manche Häuser vom Krieg nahezu unbeschädigt, bei manchen ein bröckelnder Rest von Balkon an lädierter Fassade.
Selten ging sie in die Kirche und nur dann, wenn der heimatvertriebene Schlesier an der Orgel saß. Er spielte Marienlieder, die sie nicht kannte, die sie durchströmten wie ‚cascading strings‘ von Mantovani. Auch Reinhard spielte Violine, ganz leidlich. Er konnte gut singen.
„Ach“, sagte Tante Alwine, als sie vor dem aufgeschlagenen, alten, vergilbten Schulatlas saß. Die Doppelseite war groß überschrieben mit ‚Kaiser Wilhelms Reich‘, in dem sie ihre Kindheit verbrachte. Ihr Vater brachte grad so viel heim, dass die achtköpfige Familie nicht hungern brauchte. Nicht schlecht für die damalige Zeit.
Allesamt hatten sie Angst vorm Gendarm, nur nicht am Sedanstag. Da waren sie stolz, sangen ‚Heil dir im Siegerkranz‘ aus vollem Hals. Zum Tanz gings zum Turm auf der Anhöhe. Sie tanzten rund um den Turm wie anno dazumal im Dorf um die Linde. Alwines Augen schienen leicht feucht, und sie lachte.
„Wie geht’s?“ fragte Walter, der Witwer vom Dachgeschoss.
„Immer so weiter, immer so weiter“, meinte Alwine.
Es wurde weiter geschossen. In Korea drei Jahre und einen Monat lang. Von Fernsehbildern des Krieges blieben die meisten verschont. Es gab kaum Geräte. Der Fernsehboom ging ein Jahr nach Kriegsende los: 1954.
Da schallten die Radios aus offenen Fenstern. Vor Radiogeschäften drängten sich Menschentrauben, wenn im Schaufenster ein laufender Fernseher stand.
„Aus aus aus!“ rief Heribert Zimmermann, nein, er schrie, er schrie es hinaus in die Welt, als William Ling das Spiel abpfiff. Deutschland, besiegt, der Weltkrieg verloren, aber Weltmeister. Jetzt nahm die Wirtschaft richtig Fahrt auf.
„Langstreckenscheißdrecksbabbler“
Frau Hermann aus dem ersten Stock des Hauses, in dem Alwine wohnte, legte Wert darauf, mit Fräulein Hermann angesprochen zu werden. Schließlich war sie unverheiratet, hatte auch keine Kinder. Hielt energisch den Haushalt der betuchten Familie von Friedburg in Schuss. Herr von Friedburg war im Krieg Oberst. Wenn die von Friedburgs Besuch bekamen, lauter Betuchte, manche mit bräunlicher Biografie, versuchte sich Fräulein Hermann auf Hochdeutsch, was die Besucher amüsierte. Fräulein Hermann merkte es wohl, störte sich aber nicht daran.
Der Hausmeister der von Friedburgs versorgte die Hühner im Stall, kehrte den Dreck weg, stand unschlüssig an der Gartentür, überlegte, was als nächstes zu tun sei. Fräulein Hermann platzte in sein Überlegen:
„Du stehst wieder da wie ein schepp gezogenes Treppengeländer, ho ho ho ho.“
Der Hausmeister glotzte, zeigte ihr den Vogel, verschwand in den Keller. Ihm war wieder eingefallen, was zu tun war: Rattengift ausstreuen.
Nach Feierabend traf Fräulein Hermann den Hausmeister noch mal am Wasserhäuschen, wie man damals die Kioske nannte. Er genehmigte sich mit seinen Kumpels ein Bierchen. Im Laufe des Abends noch einige mehr. Er begann zu erzählen, meistens von seinen Heldentaten im Krieg, war nicht zu bremsen. Er redete ununterbrochen. Die Kumpels, die meisten viel jünger als er, hörten gelangweilt zu, zumal sie das meiste schon kannten.
Fräulein Hermann blieb am Wasserhäuschen kurz stehen, rief zu ihm rüber:
„He, du kannst bei den nächsten Olympischen Spielen mitmachen, du holst garantiert die Goldmedaille.“
Der Hausmeister glotzte, ansatzweise gar geschmeichelt:
„Goldmedaille? Na klar. Und bei was?“
„Beim Langstreckenscheißdrecksbabbeln.“
Die Kumpels kreischten, ihr Gekreische hallte die Straße entlang, war noch in Hinterhöfen zu hören. Dem Hausmeister kippte die Kinnlade kurz runter, dann aber lachte er auch. Fräulein Hermann war grinsend schon Schritte weiter. Er erzählte weiter. Die Kumpels hörten nicht weiter zu, bezahlten, meinten: Es reicht. Der Hausmeister zog aus dem Blaumann den Bleistift, reichte ihn dem Kioskbetreiber, ließ anschreiben. Dann ging er auch.
Traudels Fragen:
Ob Reinhard jemanden erschossen hatte? Jemand der Großvater, Vater, Ehemann, Bruder und Freund war?
Ja, er hatte dem Führer zugejubelt, als der beim Wahlkampf nach Offenbach kam. Sein Auftritt blieb weit vor den Toren der Stadt. Der Führer verkörperte anscheinend Stärke, was vielen behagte. Wenn sie ihm zuhörten, fühlten sie sich selber stark. Endlich war man wieder wer nach dem Desaster der Kriegsniederlage und dem von Versailles. Der Führer machte sie stolz, weil er den Siegermächten die Stirn bot.
Reinhard war einigermaßen eng mit dem Metzgermeister Benny Blumenthal befreundet. Als sie ihn abholten, war er schockiert, was aber nicht lange anhielt. Was ging damals in Reinhard vor? Er hatte nie darüber gesprochen, nie hatte sie ihn gefragt.
Wer liebte sie mehr? Reinhard oder Roland?
Traudel zog in einen Neubau, Zimmer mit Dusche, Bad und Balkon und dem Blick in Nachbars Garten. Dort stand vorm Geräteschuppen ein leerer Kübel. Der kleine Günter füllte ihn mit Erde, pflanzte den Ableger eines Oleanders hinein, begoss ihn sehr fleißig. Daneben stand noch ein Blumentopf. Günter pflanzte Geranien hinein, auch Ableger. Die wuchsen schnell und erblühten. Der Oleander brauchte noch einen Sommer.
Traudel fragte sich, ob die Geranien etwas von Südafrika wussten und der Oleander etwas von Griechenland. Die Pflanzengene müssten‘s doch eigentlich wissen, sinnierte sie schelmisch.
An Weihnachten kaufte sie einen Weihnachtsbaum, fragte sich, wo er gewachsen sei, fragte den Händler, der guckte ganz abwesend, wusste es nicht.
„Samstag…
…ist’s in deutschen Landen“, sagte der Klassenlehrer von Günters älterem Bruder Benno. „Leise durchsickern!“ Schnell kramten die Schüler ihre Sachen zusammen, gar nicht so leise, drängten sich durch die Klassenzimmertür, sprangen die Stufen im Treppenhaus runter, rannten schreiend über den Schulhof, hatten es aber nicht eilig, nach Hause zu kommen. Laut Gewerkschaft gehörten am Samstag die Papas ihnen. Doch die meisten waren nicht da, arbeiteten schwarz, verdienten noch etwas dazu.
Das Lehrerzimmer in der Schule war ab dreizehn Uhr leer. Fast. Nur zwei saßen oft noch beieinander, zwei Physiklehrer, Marcko und Achbel. Sie diskutierten. Oft auch feierabends und in den Ferien. Aber vor allem samstags. Sie redeten über Einstein, Heber Curtis, Edwin Hubble und Dunkle Materie, was ihren Kollegen dubios vorkam. Gelegentlich kam der an Astronomie hochinteressierte Religionslehrer Riesenhagen dazu, der letztlich darauf bestand, dass der Samstag Tag der Grabesruhe sei. Wenn er sich lächelnd verabschiedete, hinterließ sein Lächeln stets ein wohliges Unbehagen.
Marcko geriet gelegentlich auf melancholische Abwege, wenn die Weiten des Universums sein Gefühlsleben allzu sehr strapazierten:
„Die Rosen in meinem Vorgarten, der Lavendel hinter dem Haus, die Rebstöcke vor der Mauer zum Nachbarn, die Himbeersträucher, der Apfelbaum – das alles erbaut meinen Geist, ja, das tut‘s. Ich danke den Sternen, die mir das bescherten. Es soll immer bleiben, es darf nicht vergehen. Der Augenblick ruht.“
Achbel sah Marcko mitleidig an, dachte: ‚Werd‘ ich zum Augenblicke sagen, verweile doch, du bist so schön…‘. Durchs Fenster flog flatternd ein Schmetterling. Ob der sein Raupendasein vermisst? dachte Achbel. Die beiden Lehrer wünschten einander ‚schönen Sonntag‘.
Achbel war regelmäßiger Kirchgänger, was Marcko nicht wusste. Auch verbrachte Achbel Karwoche und Ostern immer in Sankt Georgen, einer Hochschule der Jesuiten in Frankfurt-Sachsenhausen, wo die Liturgie feierlich begangen wurde. Das wusste Marcko. Es gehörte für ihn in die gleiche Schublade wie Achbels Theaterbesuche im Frankfurter Großen Haus.
Achbel fuhr mit dem Fahrrad nach Hause, vorbei am Capitol, das einst auf Initiative von Max Goldschmidt als Synagoge erbaut worden war. Pogromnacht und Krieg hatten das Gebäude leidlich verschont. Danach wurde es als Theater in Betrieb genommen, mit jüdischer Zustimmung. Achbel dachte nicht an den Sabbat, er dachte samstags an sonntags, wenn nachmittags auf dem Bieberer Berg Fußball gespielt wurde. Fast die ganze Stadt fieberte mit, wenn die Fußballer große Erfolge feierten. Manchmal fuhr Achbel mit zu den Auswärtsspielen. Ein Sonderzug, von der örtlichen Zeitung organisiert, machte es preisgünstig möglich. Wenn der Zug den Bahnhof verließ, klang aus Lautsprechern der Colonel-Bogey-Marsch, Musik aus dem Film ‚Die Brücke am Kwai‘, der in Hollywood acht Oskars abstaubte und auch in Deutschland die Kinos füllte. Der Marsch marschierte durch Hitparaden. Im Film pfiffen ihn die Gefangenen beim Einmarsch ins Lager, Alec Guinness vorneweg.
Die Fenster der Häuser an der Bahnstrecke waren restlos besetzt mit schaulustigen Sympathisanten. Von Fans sprach noch keiner. Von manchen Balkons winkten Frauen mit Betttüchern.
Einmal, der Zug hatte volle Fahrt aufgenommen, warf einer seinen Flachmann aus dem Fenster. Fünf Reihen dahinter schleuderte der Fahrtwind das Fläschchen einem anderen direkt auf den Schoß. „Hoppla!“ schrie der, griff nach dem Fläschchen: „Scheiße, leer.“ Das Geschrei übertönte den Zuglärm.
Viele dachten am Samstag an Sonntag, von wegen dem Ausschlafen, dem Braten, dem Ausflug. Natürlich auch wegen dem Fußball.
‚Lippen schweigen…
