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"Die Barke" trägt das uralte und immer neue Abenteuer der Liebe über das Meer. Sie lässt die Liebenden vor allem eines erkennen: Liebe ist eine Wagnis, eine Fahrt ins Unbekannte. Liebe sagt ja zur Zukunft, die keiner kennen kann. Die Liebenden der Barke sind keine Aussteiger, sie bleiben dem bürgerlichen Milieu treu, aus dem sie stammen. Aber sie setzen sich von der bürgerlichen Lebensweise und Mentalität ab. Die Story kontrastiert die Liebe von zwei jungen Menschen mit der Liebe der Eltern, die in festgefahrenen Bahnen zu verlaufen scheint. Berufsstress produziert Wohlstand und raubt gleichzeitig Zeit. Ohne Zeit füreinander kann auf Dauer eine Beziehung nicht glücklich machen. Die Mutter sieht auf das Glück der Tochter nicht ohne Wehmut. Immer wieder schlängelt sich der Handlungsablauf durch die aktuellen Fragen der Umweltbewahrung und des Klimawandels. Einerseits appelliert die Story, Verantwortung dafür zu übernehmen und zu handeln. Andererseits bleibt offen, ob die wachsende Macht der Menschen an der Übermacht der Natur scheitert.
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Seitenzahl: 21
Veröffentlichungsjahr: 2020
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DIE BARKE
Feierabend
Himmel glühte über Hügeln, Wolken spielten ihr uraltes Schauspiel, von Zuschauern unabhängig. Auf der Autobahn sausten Autos in den Feierabend, er mittendrin, in Gedanken noch ganz bei den Geschäften des Tages.
Er nahm die nächste Ausfahrt, fuhr ein Stück weit ins Hinterland, hielt beim ersten Feldweg an, stieg aus, ging ein paar Schritte, es tat gut, zu unterbrechen. Das Wolkenschauspiel nahm er nicht wahr. Es war kurzlebig. Rote Wolken wandelten sich schnell in die Gestalt dunkler Berge, weit im Westen hasteten Menschen in einen neuen Tag.
Nacht näherte sich, Mars und Venus funkelten unbewohnbar, ferne Sterne blickten neidisch zum blauen Planeten, wo Leben wimmelte. Das Rauschen der Autobahn rief ihn zurück, er kehrte um, fuhr nach Hause.
Helga stand in der offenen Tür, zur Begrüßung Wangenküsschen. „Sie ist wieder weg“, sagte sie, „sie ist wieder in der Gruppe.“
Gruppe – das war ihr Codewort für Sekte. Sie hatte sich angewöhnt, Gruppe zu sagen, das Wort Sekte sollte ihr in Anwesenheit der Tochter nicht über die Lippen kommen.
„Nicht gut“, sagte er, betrat das Haus, setzte sich in der Küche auf den erstbesten Stuhl, fragte zum hundertsten Mal: „Was haben wir falsch gemacht? Sie hat alles, was fehlt ihr?“
Helga lief unruhig hin und her, Gedanken schwirrten, Tränen kullerten. „Mach was, Kurt“, bat sie, „mach was!“ Was er machen sollte, wusste sie nicht. Er auch nicht. Sie wussten nicht einmal, was es mit der Gruppe wirklich auf sich hatte, wie es dort zuging, welche Rituale praktiziert wurden, warum sich ihre Tochter hingezogen fühlte. Marina besuchte die Gruppe seit einigen Wochen, kam immer leicht high nach Hause.
„Hast du etwas mit Drogen?“ fragte Kurt mürrisch mit einer Mischung aus Ärger und Hilflosigkeit. Das passierte vergangenes Wochenende, als Marina erst nach Mitternacht heimkam. Marina sah ihren Vater stumm an, aus ihrem Gesicht verschwand vor Traurigkeit jedes Minenspiel.
„Entschuldige“, sagte Kurt schnell hinterher, wollte sie in den Arm nehmen, sie wich aus.
Marina war immer ein ruhiges Kind gewesen, redete nicht viel, erledigte aufgetragene Pflichten ohne Aufheben, kam in der Schule gut mit, pflegte einen kleinen Freundeskreis, innige Freundschaften weniger, schien einfach mit der Welt und sich zufrieden, ein Teenager ohne Turbulenzen, der geräuschlos erwachsen wurde.
„Wo ist Benni?“ fragte Kurt.
„Oben, ich rufe ihn.“ Das Abendessen stand auf dem Tisch, zu dritt nahmen sie Platz.
