Der hagere Mönch - Harald Seredzun - E-Book

Der hagere Mönch E-Book

Harald Seredzun

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Beschreibung

"Der hagere Mönch" Meinhard ist keine Heiligenfigur. Aber er hat die Gabe mystischer Erfahrungen. Er zeigt sich als Mensch, der im Alltäglichen verwurzelt ist, zugleich das Alltägliche immer wieder transzendiert. Er denkt gern an seine Jugenderlebnisse im Neckartal und genießt sein Alter, weil "seine Welt sich den Farben der Dämmerung fügt". Er geht seinen Weg inmitten einer Welt, in der Adlige und Kirchenfürsten ein Leben im Luxus führen, während Hörige und Leibeigene darben. Sein gelehrter Freund Lazarus ist sein wichtigster Gesprächspartner, dessen theologisches Denken ihn beeinflusst, der aber als Prior eines Klosters auch ganz von alltäglichen Aufgaben beansprucht wird. Letztlich erfüllt sich das Leben des Mönchs, indem der erhobene Messkelch kosmisch umweht wird. Uralte Fragen ziehen sich durch die Story, wie Fragen nach der Existenz Gottes und nach Ursprung und Wesen des Bösen.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Harald Seredzun

Der hagere Mönch

Ein „opusculum geminum“ - Verse und Prosa

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

DER HAGERE MÖNCH

Impressum neobooks

DER HAGERE MÖNCH

Ein opusculum geminum

Verse und Prosa

Sommerabend

Regen fiel auf feuchte Flur,

die übersättigt

das Nass an den Bach abgab.

Rinder wateten hundemüde

über wässrige Wiesen,

suchten ein trockenes Plätzchen,

um ein Weilchen zu lagern.

Ein Weißstorch stolzierte

frech vor dem Leitstier her.

Die Hörner des Stiers

standen stocksteif im Wind.

Der Storch,

mit dem Wehen des Windes vertraut,

hob ab

mit einer Schnecke im Schnabel,

sein blinzelnder Blick

streifte Kühe und Kälber.

Er landete locker,

lauthals klappernd,

beim Nest auf dem Kirchendach,

stopfte mit Nachdruck

und wohlportioniert

die Schnecke in gierige Schnäbel,

rief zu den ratlosen Rindern hinunter:

„Klappern gehört zum Geschäft!“

Da muhten die Kühe,

wie sollten sie klappern?

Das konnte nicht klappen

mit ihren zerklüften Zähnen.

Und Läuten war auch nicht,

Kuhglocken gab‘s keine.

Die Storchenkinder

gediehen ganz prächtig

im feuchtwarmen Jahr.

Die Alten ergatterten

Nahrung zuhauf.

Mollige Mäuse

vermehrten sich

munter en masse,

landauf, landab.

Eine richtige Plage.

Für Menschen. Für Säcke.

Für Würste. Für Käse.

Bussard und Baummarder

feierten täglich ein Festmahl.

Wildkatze, Rotfuchs

befüllten die Bäuche

wie Vorratskammern,

als stünde ein saukalter Winter bevor.

Das Rehkitz am Waldesrain

rührte sich nicht,

relaxte.

Es raschelte rundum im Reisig,

wo rührige Ameisen

Reste von Rinden der Rotbuche

abräumten -

milde Geräusche,

die Ruhe verstreuten.

Als Mutter Geiß kam,

sprang das Kitz auf,

zerrte wie wild

an der Zitze und saugte,

legte sich satt

wieder nieder,

geruchlos und unbewacht,

wachsam

belauert vom Luchs,

der die Lämmer im Laufstall

beim Kloster verschonte.

Fette Frösche

fingen die Störche

mitunter im Kreuzgang des Klosters.

Gutgelaunt hüpften sie

zwischen den Beinen der Brüder herum,

wo Mücken auf Mönchskutten krabbelten.

„Fromme Frösche“, faselte einer.

Ein anderer

kickte genervt einen Frosch

ganz knapp an den Säulen des Kreuzgangs vorbei.

Seine Sandale sauste

wie ein Verfolger

gleich hinterher.

Die Brüder hielten

sich lachend die Bäuche,

ihr kickender Konfrater

lud sie zu hämischer Heiterkeit ein.

Der nahm es gelassen

und keineswegs krumm,

lachte selbst mit,

fluchte rein spaßeshalber:

„Scheiß Schuh.“

Da lachten die Brüder noch lauter,

das Schimpfwort empfand keiner schändlich.

Meinhard, der hagere Mönch, gut sechzig Jahre auf dem Buckel, die Haare geschoren, sanft silbergrau glänzend, saß manchmal für Stunden und meist ganz allein in der kleinen Kapelle, die sich abseits der Mauer unter das Kirchendach duckte. Seine Gestalt ziemlich ausgezehrt von der erheblichen Bürde, die er als Abt einer großen Abtei etliche Jahre lang schulterte. Wache Augen, nur wenig getrübt, funkelten immer noch feurig und frisch.

Das Mauerwerk in der Kapelle schien ihn zu mögen, er mochte es auch, dachte:

‚Mauern gemütlich, anmutend wie jene, die mir ein Zuhause boten ein Mönchsleben lang. Gut gebaut und fest gefügt. Steine stabil und geglättet, ohne verderbliche Risse, teils braun, teils rötlich, farbengleich meiner Haut‘.

Nicht ablassen wollten die Augen des Mönches von solchen Mauern.

Wenn abends beim Hahnenschrei

flammend

das große Gemälde

die Augen des Mönches verlockte,

befiel ihn Verzückung.

Ein seltsamer Singsang

drang dreifach nach draußen.

Dreiklang in Dur.

Der Prior im Klosterhof stolperte,

hob seinen Finger,

flachste ein Fremdwort,

das keiner verstand,

in verwirrte Gesichter:

„Glossolalie.“

Er grinste genüsslich,

ergötzte sich köstlich

am Unwissen bäurischer Brüder,

die über das Fremdwort erschraken,

es kam ihnen unheimlich vor,

kroch durch die furchtsamen Ohren

und kauerte sich

in die Magengrube

gleich einem verängstigten Häschen.

„Glossolalie, kikeriki,

der Hahn überführt den Verräter“,

krähte der Prior,

reckte den runzligen Hals

mit der schlapprigen Haut,

wackelte mit dem Gesäß

wie der Hahn mit dem Bürzel.

Ein Zucken zog über sein Faltengesicht,

wider Willen.

„Lalala, lalala“,

laberten lästernde Lippen.

Unversehns packte den Prior

ein Grauen.

Nur einen Moment lang.

Ein Luftzug,

vom Winde verweht.

Er stolperte weiter.

Das große Gemälde zeigte Maria in himmlischer Glorie. Ein begnadeter Meister hatte es geschaffen, der seinerzeit ziemlich bekannt war, der Nachwelt jedoch völlig unbekannt blieb.

Feinsinnig hatte der Meister

die Farben vergeben.

Maria vergab

ihren freundlichen Blick

dem Betrachter,

geleitete gütig

in endlose Ferne,

in die das Kind,

das sie trug,

deutete.

Nach einem Millennium erwarb das Gemälde ein Münchner Museum und bot ihm beständige Bleibe bei strenger Bewachung. Besucher bestaunen das Werk eines Künstlers, der, ehemals üblich, sein Bild nicht signierte. Unbekannter Meister.

„Regina pacis,

sedes sapientiae,

virgo fidelis,

ianua coeli,

mater amabilis“ …

(Königin des Friedens,

Sitz der Weisheit,

treue Jungfrau,

Pforte des Himmels,

liebenswürdige Mutter)

… über die Lippen des Mönchs

liefen liebliche Worte,

erfüllten den Raum wie die Luft,

lückenlos.

Lauretanische Litanei.

Meinhard verließ die Kapelle

mit tiefer Verneigung,

nach alter Gewohnheit

wohl allzu beschwingt.

Gemach, gemach,

hielten heftig hüftabwärts

gestresste Gelenke dagegen.

Der Mönch gab sich einsichtig,

gönnte den Gliedern ein wenig Geduld

und mehr Langsamkeit,

atmete innig

den Duft wilder Rosen,

vom Küster

zur Zierde

des kleinen Altars

arrangiert.

Die große Abtei, der Meinhard jahrelang vorstand, ließ er vor Monaten hinter sich, altersbedingt. Er verspürte nicht die geringste Neigung, seinem Nachfolger

im Nacken zu sitzen, gemäß einem Brauch, der bei Brüdern des Benedikt damals getreue Beachtung fand: Ein Exabt war tunlichst gehalten, ein anderes Kloster als Wohnsitz zu wählen.

Die Abtei, der er vorstand, verließ Meinhard geräuschlos und wanderte nach Nordost, gute 70 Kilometer. Das Kloster im Wiesenbruch gewährte ihm Unterschlupf für den Rest der bemessenen Zeit.

Den Odenwald konnte er nun nicht mehr sehen: Burg Windeck bei Weinheim, die über die Wege zum Wonnegau wachte, die Starkenburg, die seine stolze Abtei immer standhaft und wehrhaft beschützte, so wie es auch Burg Bickenbach tat, und nicht zu vergessen die trutzige Burg auf dem Auerberg.

Die Bilder der Bauten

auf Buckeln und Bergen

am Rande der Bergstraße

blieben von nun an

den Blicken des Mönches entzogen,

nisteten gleichwohl

in seinem Gemüt

wie die Küken im Storchennest.

Die würden bald flügge

das Rodgau, das Ried und den Rhein

aus den Lüften in Augenschein nehmen.

Er wollte bald schauen,

was niemals ein Auge geschaut hat.

Noch schlug die Turmglocke

täglich zum Stundengebet -

nicht seine Stunde.

Waldreich war nicht nur der Odenwald, waldreich war auch das Rodgau, wo zwischen betagten, beleibten Buchen und einem launig quirlenden Bach das Kloster sich ins Feuchtgebiet schmiegte.

Silbergrau blinkten

die Borken der Buchen,

putzmunter plätschernd

erging sich der Bach,

tat sehr beflissen,

gab vor, zu wissen,

was war, ist und kommt,

derweil sich der Mars

mit den wuselnden Wellen

im Mondlicht vermischte.

„Stopp!“ sprach der Stichling,

„die Stunde kennt keiner.“

Wild dunkel

warteten Wisente, Wölfe

auf garstige Jäger,

die freilich den Buchenwald mieden,

er gab jeden Blick frei

und war viel zu licht,

er hätte die Pirsch

prompt verraten.

Wenn Jäger durchs Dickicht

im Dornenwald schweiften,

verfolgten sie

ganz ohne Umschweife Spuren

im Laub längst zerfallener Jahre.

Kein Katz-und-Maus-Spiel,

es ging ohne Spiellaune

ruckzuck ums Ganze,

um Leben und Tod.

Ein Jägersmann

zückte den Pfeil und zielte,

ein Wisent zuckte zusammen und stürzte,

rappelte sich noch einmal auf

mit dem Rest seiner Kraft,

haute ab.

Wildgänse schwirrten

schräg auf und davon.

Ein Habicht verließ seinen Horst,

kaum erschreckt.

Reines Ablenkungsmanöver.

Der Jagdhund erschnüffelte

schleunigst die Spuren des Wildes,

noch eh sie ein Jäger erspähte

und spürte

den tödlich Verwundeten auf.

Vom Mitleid total übermannt,

fand der Jagdhund sich neben der Spur.

Als der Jäger kam, jaulte er.

Zögerlich, zaudernd

zerrte er schließlich

das röchelnde Wildrind

aus Unterholz, Moosbett

und totem Geäst

raus.

„So ist’s brav“,

meinte schmeichelnd der Schütze

und graulte

die Bracke, die bellte,

nicht länger jaulte.

Er steckte ein Stücklein

getrocknete Leber

als Leckerli

in das vibrierende,

mitleidslos geifernde Maul.

Der Waidmannstrupp kehrte

mit Wildbret beladen,

zurück zur Vogtei,

ließ sich’s gut geh‘n,

die Vögel zurück zu den Nestern.

Wiesen und Weiden,

bisweilen durchwühlt

von den Schweinen,

erstreckten sich fast

bis zum Klosterrand.

Blindschleichen schlichen,

Kreuzottern krochen

mal kreuz und mal quer

durch Gestrüppe und Gräser.

Gelegentlich auch eine Ringelnatter,

die das Geschnatter

der Enten am Klosterteich

satt hatte.

Der hagere Mönch

machte gern

einen Abendspaziergang,

da seine Welt

sich den Farben der Dämmerung

fügte.

Er ging schweren Schrittes

durch Wildwuchs von Weiden

am Bach entlang,

guckte ganz gerne

den tagscheuen Biebern zu,

Baumfäller bester Manier.

Bis Martha,

die emsige Glocke,

ihn mahnte,

das Nachtgebet nicht zu versäumen.

Im Chorgestühl

nahm er den Platz ein,

seelenruhig pünktlich,

und betete mit dem Konvent

die Komplet.

An hitzigen Abenden

sangen die Mönche

das Nachtgebet gerne

im dunklen Gewölbe der Krypta,

sie liebten das leckere Lüftchen,

das dorten daheim war,

kühl, würzig, feucht.

Es tat ihren Stimmbändern gut.

Bei Regen

rief die Marienkapelle,

stets andachtsbereit.

Wie jetzt.

Meinhard atmete

ruhig und sehr gleichmäßig.

Mäßiges Hungergefühl.

Bald gab es Brei,

der mit Honig gesüßt war,

er mundete immer vorzüglich.

Die Mauern vermengten sich

mit seinen Wünschen.

Wohlige embryonale Gefühle.

Alles gut.

Die Mönche aßen

nach aller Regel

im Schweigen.

Von kleinen Bemerkungen,

die ihrem Mundwerk

fast lautlos entwichen

und über den Holztisch

zum Nachbarn schlichen,

mal abgesehen.

Holzlöffel klapperten,

anders als Störche,

der Lektor am Lesepult

trug unterdessen

lateinisch die Tischlesung vor.

Die Mehrzahl der Mönche

mochte nicht lauschen,

schließlich verstand sie

kein einziges Wort.

Der hagere Mönch verstand alles:

„Deus caritas est:

et qui manet in caritate,

in Deo manet

et Deus in eo.“

(Gott ist die Liebe:

und wer in der Liebe bleibt,

bleibt in Gott

und Gott in ihm.)

Bauernbuben

…et qui manet in caritate… lateinische Laute liebte der Mönch, sie legten sich in sein Gemüt. Kerzengerade schoss es ihm durch den Kopf:

Der Bauernbub, den er am Vortag am Eingang des Klosters beobachtet hatte, beachtete wie selbstverständlich die Worte der Bibel, obwohl er sie gar nicht kannte. Latein hatte er nie gelernt.

Meinhard sah, wie dieser Bub sein Brot, eine kostbare Gabe, anstandslos mit einem Bettler teilte. Das Teilen war er von Haus aus gewöhnt. Futterneid kannte das Bauernhaus nicht.

Der Bauernbub war ein Novize im dritten Quartal seines ersten Jahres, vom Vater dem Kloster aus Not überstellt, weil für den siebten Spross der Familie die Nahrung im Bauernhaus nicht mehr ganz auskam. Der Hunger des Kerlchens war mit den Jahren zum Wolfshunger ausgewachsen.

Als Abt machte Meinhard x-mal die Erfahrung, dass Bauern die Klöster mit Buben belieferten, die feste futterten, mäßig malochten, für das Bauernhaus bald zur Belastung heranwuchsen.

Da sollte ein strenger Novizenmeister, ganz ohne Vertun, die Kerle mal an die Kandare nehmen, um fleißige Fratres aus ihnen zu machen, was jeder Familie zur Ehre gereichte. Auch wenn es beim Sprössling nicht dazu reichte, die Gelübde treu zu befolgen.

Folglich erkannte der Abt: Eine Berufung zum Mönchtum war an die Buben mitnichten ergangen.

Wie taten die Buben ihm leid - und sich so schwer! Nicht mit der Armut, die ihnen von Haus aus vertraut war, im Kloster dagegen nur milde bemessen, dort fehlte es nämlich an nichts. Nicht mit dem Gehorsam, den sie von klein auf dem Vater schon schuldig gewesen, der schonungslos zupackend züchtigte, meist noch viel strenger als Prior und Abt. Der Knackpunkt war die Keuschheit. Sie widersprach der Natur dieser Burschen. Was sollte man da als Abt machen…

In heimischen Hütten,

wo allesamt klaglos

in ärmlichen Zeiten

am Hungertuch nagten,

verkümmerten kräftige Kerle

geradezu kläglich.

Im Kloster dagegen

gab‘s was zu beißen

selbst in größter Not.

Drum nahm er sie auf,

wie’s die Liebe gebot,

und wie’s sein Gewissen verlangte.

Auch wenn er wusste,

dass manchmal ein Mägdlein,

das abends beim Melken

recht feinfühlig

mit seinen Fingern fungierte,

so manch einem Büblein,

das ansehnlich aussah

und sehnlichst verlangte,

mit zwinkernden Äuglein

das Köpfchen verdrehte.

Im Augenblick drauf

war’s geschehen.

In aller Regel.

Kuhfladen dampften,

Rindsbeine stampften,

Hornochsen mampften

desinteressiert.

Da mochten gestandene Mönche

sich noch so verbissen

die Mäuler verreißen

und maßlos den Brei

in sich reinstopfen,

obendrein Häufchen von Honig,

was Betbrüdern häufig

und bäuchlings

nicht gut zu Gesicht stand.

Da mochten sie meckern

wie zürnende Ziegen,

die Zoff alleweil zelebrierten.

Gar fressgierig fuchtelten sie

mit den Fingern herum,

verschmierten ihr Mundwerk

samt Bart mit dem Brei

aus den Ähren des Dinkels.

Dünkelhaft zischten sie ihre Zensuren

den Buben ins Angesicht,

bemäkelten ständig,

gemäß ihrem Stande,

dass es den Buben

an Bildung gebrach.

Der Abbas

brach nicht den Stab über sie

und den Bruderzwist ab,

kommentarlos,

weil krumme Kritik

ihn nicht kratzte.

Er kratzte sich

kopfschüttelnd

an der Tonsur,

die sich unschicklich

anschickte,

die Kopfplatte

ganz zu erobern.

Was murrende Mönche

bekrittelten,

scherte ihn wenig bis gar nicht.

Ungeschoren

kam ohnehin

keiner davon.

Im Morgengraun machte

der Abbas mit Eifer

Gymnastik - hört, hört!

Beim Kopfstand

in einsamer Zelle,

um Zellen des Hirns

durch den Zufluss

von sauerstoffschwerreichem Herzblut

in Topform zu bringen,

ging‘s ordentlich rund:

Es stritten Gedanken

in wildem Gefecht ob der Frage,

ob denn die Berufung

manch adliger Sprösslinge

hieb- und stichfest sei.

Da kämpften zermürbende Zweifel

im Schädel

von Meinhard herum.

Hartnäckig schmerzte

der Nacken des Nachts,

wenn der Abbas sich schlaflos

und fortwährend wälzte.

Fazit:

Der Abbas beschützte

die Burschen der Bauern

und wies keinen ab.

Er nahm sie bereitwillig

unter die Fittiche

gleich einer Glucke.

Die Glocke am Klosterturm

stimmte ihm zu,

übertönte die Klugscheißer und Kritikaster

bereits im Kapitelsaal.

Bisweilen gedachte der Abt seiner Ausflüge in ferner Jugendzeit, wenn er als Knappe an heimlichen Tagen zu Angern der Dörfer im Tale des Neckars ausbüchste.

„Was hat denn der Adelsspross auf unserem Anger verloren - etwa den Edelmut?“ frotzelten freimütig manche der Freien. Das bunte Beinkleid des Knappen machte ihn jeder Beobachtung zugänglich. Dem Bauernrock blieb nur ein blassbraunes grobes Gewebe.

Das brave Benehmen des Sohnes des Burgherrn besänftigte allezeit rasch die Gemüter, die mit Genugtuung wahrnahmen: Der Adelsspross bringt unseren Buben geschickten Umgang mit Waffen bei, mit Lanzen, Schleudern, Pfeil und Bogen.

Nur ältere Frauen machten bewusst einen Bogen um Meinhard. Sobald er auftauchte, krallten sie sich an den Kopftüchern fest. Sie trauten dem Adelsspross nicht übern Weg. Wegen der Waffen an seinem Gürtel und wegen der arglosen Augen, mit denen er Weibsleute anguckte, wie sie empfanden. Wer so arglos guckt, macht nur Ärger, hat Unfug im Kopf, bemäkelten sie. Doch unbefugt überschritt Meinhard niemals die Schwellen der Hütten. Das tat er nur dann, wenn sich‘s fügte. Also auf Einladung.

An trüben Tagen brachte Meinhard manchmal seine Armbrust mit. Es schwellte den Burschen die Brust, wenn ihr Arm diese Waffe bugsierte. Sie war für die Burschen wahrlich ein Wunderwerk. Genug, sie ein Stück weit zu tragen, auch nur zu berühren, sie bestenfalls kurz mal in Stellung zu bringen. Sie regelrecht zu gebrauchen, getrauten die Burschen sich nicht.

Die Burschen der Bauern waren für ihn wie Freunde. Als Busenfreund erkor er sich Bertram.

Beim Baden im Neckar

betrachtete er

dessen braune Gestalt,

seine aalglatte Haut an den Beinen,

nicht runzelig rau

und vernarbt wie bei Knechten,

verästelte Äderchen

an Händen und Füßen,

auf denen ein Strich

weicher Härchen wuchs.

Bertram war Brustschwimmer,

Meinhard ein Krauler,

im Wasser und sonstwo,

und kam doch nicht schneller voran.

Sie schwammen zusammen

nach Lust und Laune

gegen den Wellengang

um die Wette.

Wenn‘s Wetter umschlug

und Donner dreinschlug,

huschten sie in eine Höhle

am moosüberwachsenen Felsenhang.

Sie fingen Forellen

und brieten die Fische

auf feixendem Feuer,

das gierig das trockene Fichtenholz fraß.

Wie knisterte es bei den Knaben!

Bertram erzählte von Filberta, die er heiß begehrte, ein Freifräulein, das für ihn freilich unerreichbar blieb. Wie konnte der schmächtige Bauernbub schmachten! Die Müllerstochter, die sein Vater als Frau für den Sohn bereits ausersehen hatte, übersah er geflissentlich, ließ sie links liegen. Das Mädchen empfand es als Schmach, was Bertram vor lauter Schmachten gar nicht so richtig mitbekam.

Er träumte im stillen Kämmerlein – über das ein Bauernhaus gar nicht verfügte, sie schliefen im Schlafraum gemeinsam, das Vieh nebenan - Meinhard könne bei seiner Verehrten und ihrem Gevatter vielleicht ein Wort für ihn einlegen.

Konnte er nicht. Adliges Fräulein blieb adliges Fräulein, Bauernbub alleweil Bauernbub.

Als es an der Zeit war, erwählte Bertrams Vater, wie vorgesehen, als Weib für den Sohn die Müllerstochter, die mannhafte Magdalena. Die Mitgift war mager, doch war sie an Mühsal und Arbeit gewöhnt und schuftete manchmal für Drei.

„Erdreiste dich nicht, dem Vater zu widersprechen“, mahnte Bertrams Mutter. Sie mochte Magdalena vom ersten Augenblick an, konnte helfende Hände in Haushalt und Hof gut gebrauchen. Sie sagte zu Bertram:

„Wenn du sie nicht magst, dann macht das nichts. Mache dir deswegen keine Sorgen. Nimm sie trotzdem. Das Mögen kommt meist hinterher.“

Es kam wirklich, und zwar recht geschwind und mit Macht. Flugs war Filberta vergessen. Bertram gewahrte: Magdalena ist eine Gute.

An Sankt Pantaléon, bei brütender Hitze, überlebte die Gute das Kindsbett nicht, während das Kindlein es packte. Mit Sack und Pack floh der Witwer ins Weite. Seine Art zu trauern.