TRILOGIE VOM GUTEN GEIST - Harald Seredzun - E-Book

TRILOGIE VOM GUTEN GEIST E-Book

Harald Seredzun

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Beschreibung

Wenn der Wind verrücktspielt, hat der Neandertaler Eingebungen. Dann gibt es so manches, was es nicht gibt. Und Jahrtausende später wird Mose im Wind richtig sauer. Trotzdem selig. Um ein Bergkirchlein ranken sich Reben verzwickter Theologie, vielleicht nur mit echt elsässischem Edelzwicker genießbar. Aber am Schluss bleibt die Form, das Schöne, die Kunst, die den Roten Riesen auf ewig übermalt. Der Wind ist der Geist. Er wirkt seit Urzeiten, puscht das Ethische in endloser Geduld, wirkt das Ästhetische. In Zerfall und Vernichtung schafft er das Bleibende mit unbändiger Lust am Verwandeln. Er beschert dem Menschen die schönste Entdeckung: sich selbst. Die Sprache spielt ausgelassen. Anspielungen versteckt sie wie bunte Ostereier in einem blühenden Sommergarten, also manchmal schwer auffindbar. Sie zelebriert ein Festival der Alliteration zwischen Gehobenem und Flachem, negiert die Unterscheidung von E-Musik, U-Musik. Schlussakkorde bleiben leise. Wer Ohren hat zu hören, der höre.

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MOBI

Seitenzahl: 590

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Harald Seredzun

TRILOGIE VOM GUTEN GEIST

Eine dramatische Humoreske

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Band 1 DER WIND, DER WIND, DAS HIMMLISCHE…

1. Teil von Band 1

Migration

2. Teil von Band 1

3. Teil von Band 1

Band 2 DAS BERGKIRCHLEIN

1. Teil von Band 2

2. Teil von Band 2

3. Teil von Band 2

4. Teil von Band 2

Band 3 MAX DER MALER

Impressum neobooks

Band 1 DER WIND, DER WIND, DAS HIMMLISCHE…

TRILOGIE VOM GUTEN GEIST

Eine dramatische Humoreske

Der Wind

Das Bergkirchlein

Max der Maler

1. Teil von Band 1

Aus der Vorzeit, gar nicht so grau

Neandertal

„Er ist wieder weg“, stöhnte sie. Aus ihrem halb offenen Mund schwappte ein übelriechender Schwall. Nasen um sie herum belästigte das beileibe nicht (alternativer Geruchssinn). Zwei Fliegen auf ihren löchrigen Lippen fanden den Atem im Abgang sogar appetitlich. Sie zu verscheuchen, schien der Mühe nicht wert. Elskukona stöhnte noch einmal aus Herzensgrund: „Er ist wieder weg.“ Und ihr Kopf knickte ab auf den einst prallen Busen.

„Er ist nicht weg, er hockt am Feuer“, brummte die Frau neben ihr, die sich zu schaffen machte an einem Sammelsurium von Beeren auf dem Fell zwischen ihren schaukelnden Schenkeln. Drei andere Frauen sortierten Wolfsmilch, Waldmeister, Brunnenkresse, Belladonna. Sie lachten lauthals, gönnten dabei ehemaligen Gebissen mit verbliebenen schwarzbraunen Zähnen (schwarzbraun wie die Haselnuss) etwas Ausblick, lachten, lachten, wussten gar nicht warum, brauchten zum Lachen auch keinen Grund (tändelnd im Windspiel der Zeiten).

„Da hockt er, da hockt er“, knurrte Elskukona, „aber in Gedanken ist er woanders, kein Mensch weiß wo. Und wann er wieder ansprechbar ist, weiß auch keiner. Der Mann macht mich noch verrückt.“

„Lass ihn doch, er tut ja nichts Böses.“

„Er tut nichts Böses, aber er macht auch nix.“

„Übertreib‘ nicht so.“

„Was heißt hier, übertreib‘ nicht so, ich brauche dringend ein neues Keilmesser. Das alte hat er vor Wochen verschlampt, als er im Moor wilde Hühner gejagt hat. Weiß der Luzifer, was für ein Schlammloch das Messer verschlungen hat. Da hinten liegen Felle rum. An die müsste ich endlich mal ran. Vom Rumliegen werden die sicher nicht besser. Außerdem stören sie mich in der Ecke.“

„Mich stören sie überhaupt nicht, und du wirst dein Keilmesser schon noch kriegen. Das klopft er dir doch besser zurecht als jeder andere.“

„Und noch besser klopft er Sprüche, wenn Windhöschen um seinen Kopf kreiseln…“. Ihr rauer Bass robbte sich hoch in eine zisselnde Fistelstimme, ihre Finger kreiselten um ihre Ohren, dem rechten fehlte das Läppchen, das ihr ein Bengel bei einer Balgerei abbiss. Sie schmollte mit dicker Schnute. Ihrer Spöttelei war sie sich durchaus nicht bewusst.

Eine der Frauen schlug plötzlich die Knie aneinander, zuckte zusammen wie vom Zedernzweig kräftig gepikst: „Luzifer, Luzifer, wer soll das denn sein?“

Elskukona: „Woher soll ich das wissen?“

„Ich dachte halt.“ Die Frau beruhigte sich rasend schnell, kramte weiter mit Kräutern herum.

Die Frauen saßen im Rauch. Widriger Wind, der sich allzeit verirrte, blies ihn beißend in die halbe Höhle hinein. Husten mussten sie deshalb nicht, sie waren‘s gewohnt. Wabernder Verwesungsgeruch alter Fleischreste störte sie ebenso wenig. Dennoch stand Elskukona auf, sammelte herumliegenden Unrat auf, trug ihn nach draußen. Sniugor schenkte sie kein bisschen Beachtung. Er war weit weg, wie sie zutreffend annahm. Doch viel weiter weg, als sie ahnte.

WuselnderWind umkreiste das Feuer, an dem Sniugor saß, hüpfte kurz in Elskukonas Haare und wieder zum Feuer zurück. Sie strich sich Strähnen aus der Stirn, sagte still vor sich hin:

„Der Wind weht, wo er will.“ Die Weisheit dieser Worte blieb ihr verborgen.

Sniugor, von fuchtelnden Flammen beflackert, begutachtete seinen beacht­lichen Bauch: ‚Mancher bayerische Bierbauch würde mich sicher beneiden‘, wähnte er im wisperndenWind, natürlich ohne jemals die geringste Vorstellung von Bier oder Bayern zu bekommen. Mit sichtlichem Behagen bewunderte er seinen Bizeps, obwohl sein Arm nicht annähernd so überbordend mit Muskeln bepackt war wie der seines jüngeren Bruders. Dann rieb er sich seine lange, narbige Nase, die er regelmäßig ritzerot anmalte, wofür er jede Menge roten Ocker verstrich, hob sie strunzend hoch, schnuppernd wie ein brunftiger Hirsch. Breit grinsend betastete er seine verzwirbelten, buschigen Augenbrauen, wusste: die Frauen der Sippe standen darauf, fanden sie sexy. Sehr zu Recht, wie er fand.

Windhauchwehte werbend um ihn herum, befeuerte sein Blut, huschte ihm schließlich ins Hirn:

‚Sie werden rätseln, wenn sie einmal die Ellenknochen meiner Arme ausgraben, nach Zigtausenden von Jahren. Ach, wie gern wäre ich dabei, wie gern würde ich in ihre leeren Gesichter gucken, wenn ich gelehrt erklärte: Achtung, Leute! Ihr grabt gerade eine Sensation aus, und für die stehe ich! Leider werde ich das nicht erleben, Zeitreisen sind Zukunftsmusik (bislang ungehört).

Sein bübischer Blick wechselte für einen Moment ins Melancholische, um sich dann in nahezu himmlische Heiterkeit aufzuschwingen:

‚Selbst die Berliner Koryphäe wird beim Anblick meiner Überreste falsche Schlüsse ziehen und mit Schmackes daneben hauen. Bis zu seinem Tod wird der Pathologe seinen Irrtum traktieren. Das haben Koryphäen so an sich.‘

Sniugor hockte auf seiner Heiterkeit wie auf einem bunten Schaukelpferd, spielte vergnügt weiter mit windigen Gedanken:

‚Wenn alle Zeit einst vergangen ist, werde ich mal beiläufig nach ihm fragen, ja, ja, das werde ich ganz bestimmt machen: Ei, wo is‘ er denn, wo steckt er denn, dieser Virchow? Er muss sich doch vor mir nicht verstecken. Ich will ihm bloß ein bisschen die Zunge rausstrecken und ihm den schmucken Schädel zeigen, der mich mal zierte, meine rote Nase natürlich auch. Von wegen pathologisch, Herr Pathologe!‘ Sniugor schaukelte schmunzelnd weiter:

‚Was war das für einer, werden sie fragen, die forschen Forscher, wenn Virchows These schließlich ad acta gelegt ist. Wie alt war er, wie hat er gelebt, wie sich ernährt, war er stark wie ein Urmensch? Sie werden sich wundern, wenn sie meinen Schädel vermessen und feststellen: groß war mein Gehirn, es übertraf an Größe sogar ein wenig das ihre. Aber sie wissen: die Schrift schlummert zu dieser meiner Zeit noch in verborgenen Genen. Die Menschheit hat sie noch nicht herausgeholt, nicht einmal Bilderschrift, Keilschrift oder sonstige Hieroglyphen erfunden, sonst könnte ich schriftlich hinterlassen, was sie von mir wissen wollen. Wenn ich denn wirklich wüsste, was sie wissen wollen.‘ Er zuckte kurz mit den Schultern, warf zackig dabei seine Hände hoch (wie Narren beim Rosenmontagszug, die Bonbons auswerfen). Über seine Nachkommen länger nachzudenken, erschien ihm zwar nur bedingt lohnenswert, aber er tat es trotzdem:

‚Meinen Namen würde ich ihnen gern verraten: Sniugor. In einer Sprache, die in grauer Zukunft global gesprochen wird, heißt das: the smart one. (Auf Deutsch: der Schlaue, aber Deutsch ist global nie im Schwange.) Doch das wird sie ganz und gar nicht interessieren, obwohl ihnen ihre eigenen Namen so ungeheuer wichtig sind.‘

Sniugor überhörte den Schall des Steinschlags jenseits der Düssel, verscheuchte mit fuchtelnden Fingern den Rauch, der um seine Nase rotierte.

‚Sie werden zwei oder drei oder mehr Namen tragen, ist halt so Usus zu ihren Zeiten. Und sie übersetzen ihren Namen gern in andere Sprachen, zumindest die vorgeblich, manchmal vergeblich Gebildeten, denn sie sind endlos eitel. Wie dieser Joachim, der in meinem trauten Tal herumwandern und dauernd dichten wird. Lieder wird er dichten, manche werden Evergreens und weltweit gesungen zur Ehre dessen, den unsereiner noch nicht erkennt. (Eine Erkenntnis, die auch Späteren nicht in den Schoß fallen wird, siehe später.) Ursprünglich wird der Bremer Barde (er schert aus dem Schuldienst aus, lebt fromm, frei und furchtlos, wird aber nie Stadtmusikant) Neumann heißen, doch dieser Name gefällt ihm nicht, ist ihm zu gewöhnlich. Er übersetzt ihn deshalb ins Griechische, so wie die Mode der Zeit es mag. Neander wird er sich nennen, Joachim Neander. Ruhm wird er reichlich einheimsen, zu Lebzeiten und weit darüber hinaus. Sie werden nach ihm mein ganzes Tal benennen, später unsere ganze Spezies. Sei’s drum, wir selbst haben schließlich gar keinen Namen für uns. Nur nebenbei bemerkt: Neumannstal klänge wirklich nicht so elegant, so melodisch wie Neandertal.‘

Beschwingt bewegte er seine Hand, als wolle er die Flammen des Feuers dirigieren, das seine Worte knisternd und flüsternd bestätigte.

Sniugor sah zum Eingang der Höhle, deren feste Felsenwände stabilen Schutz für die Sippschaft gewährten. Der Boden bestand aus lauter Lehm, festgestampft von Füßen ganzer Generationen.

‚Der Lehm wird sich einmal meines Schädels und meiner Ellenknochen annehmen‘, sinnierte Sniugor weiter, ‚er wird sie luftdicht einpacken und konservieren. Würden auch sie zum Staube zurückkehren wie der Rest meines Rumpfes, hätten wir niemals den Namen dieses Neander geerbt.‘

Solche windigen Gedanken krabbelten in seinem gewieften Gehirn herum. Das Keilmesser, das er verschlampt hatte, hatte sich derweil in die Grauzone grauer Zellen verzogen, will sagen: er hatte es schlicht vergessen.

Wie hätte Elskukona ahnen können, dass Sniugor so weit weg war! Keineswegs hätte sie folgen können oder wollen, da die gute Frau auf seine windigen Ausflüge nicht die leiseste Lust verspürte.

Sniugor griff nach dem Speer, den er handwerklich perfekt angefertigt hatte, rappelte sich etwas mühsam hoch (er war mit 36 schließlich nicht mehr der Jüngste), stand fest auf seinen schmalen Beinen, dünn wie Stelzen, probierte ein paarmal ruckartig aus, wie der Speer in hastiger Hand liegen würde, zeigte sich bestens befriedigt. Das Gerät war gut zu gebrauchen. Er griff nach der kapitalen Keule, im letzten Sommer beim Kampf mit fremden Kriegern errungen, posierte wie ein griechischer Held künftiger antiker Zeiten, wogegen sich seine fette Figur vergeblich verwahrte, blickte über die stolz geschwellte Brust auf Wanst und Waffen:

‚So einen Speer hätten sie auch gern gehabt, meine Urahnen‘, grinste er vor sich hin, kopfnickend wie ein gurrender Täuberich, ‚aber so einen konnten sie natürlich nicht fertigen, waren viel zu affig. Ihr geringes Geschick und Know-how reichte bei weitem nicht aus, waren halt Urmenschen.‘

Grunzend mahlte er mit seinen Zähnen hin und her, obwohl er nicht das kleinste Körnlein dazwischen hatte. Doch auf sein gestähltes Gebiss war er mindestens ebenso stolz wie auf seine lange Nase, besonders dann, wenn er an die Vorfahren dachte:

‚Ihr Herz haben sie in Heidelberg nicht verloren, aber sämtliche Zähne‘, brummte er basstönig, fand sich dabei ungeheuer witzig.

Heidelberg gab es natürlich Jahrtausende lang noch nicht, nicht einmal Heidelbeeren wuchsen auf den Höhen des Neckars, den noch niemand so nannte als Homo Heidelbergensis dort hauste. Und der Fluss war noch nicht brav und folgsam, belegte ganz ungezähmt ständig ein anderes Bett.

Sniugor grunzte, zupfte Härchen aus seinem rot schillernden, zerzausten Zinken, maß mit seinem Mittelfinger wieder mal die Länge, war sich wie immer (auch dann, wenn er irrte) total sicher:

‚Mit dem Lügenmaul könnte ich es locker aufnehmen, aufgepasst Puppe Pinocchio!‘

Was ist eine Puppe? Wer ist Pinocchio? Hätte ihm jemand solche Fragen gestellt, Sniugor hätte nur blöd geglotzt und kein Wort kapiert.

Sniugor erinnerte den lauschigen Platz, an dem er vorzeiten bisweilen mit Elskukona weilte, wenn allzu viel Trubel die beiden aus der heimischen Höhle vertrieb. Sie lehnten ihren Rücken an den Stamm der einsamen Fichte, die als wild dreinschauender Wächter am Eingang des Tales tapfer jedweder Witterung trotzte, manchmal zerfleddert, doch stets unbeirrt. Beide streckten behaglich die Beine aus, genossen im Frühling die sanfte Sonne, wenn sie ihre Strahlen schräg unters Nadeldach schob.

Er erinnerte den feisten Felsen am Hang, dick mit Moos gepolstert. An Sommertagen hielten sie dort manchmal Siesta. Elskukonas Moormund zierten noch sämtliche Zähne. Er lutschte an ihrem Busen, als wär‘ er ein Baby. Elskukona begann zu schnaufen, streckte ihm ihr Hinterteil entgegen. Er drehte sich blitzschnell um, drückte sein Hinterteil gegen das ihre. Elskukona pienzte pikiert, was ihn richtig anmachte. Er drehte sich langsam wieder um, packte sie fest an den Brüsten, legte los. Wie viele Sommer war das schon her…

Das Tal bot eine geradezu romaneske Szenerie, von urigen Felsformationen real noch überboten. Wasserfälle stürzten sich übermütig über steil abfallende Hänge hinab. Tropfen trommelten in der Tiefe taff im Rhythmus uriger Resistenz: keine Sau kann uns saufen, wir donnern zur Düssel, wir rocken den Rhein, wir münden ins Meer, wo wir Seekühe kitzeln. Und wenn die Makrelen mal wieder krakeelen, weil’s Meer nur als Magerkost Plankton serviert, dann schwemmen wir ihnen glatt Schwärme von Sprotten ins Maul. (Ui ui ui ui ui ui ui, ou ou ou ou ou.)

Scheußliche Schlangen hausten in höllischen Höhlen der Hänge, vertrieben verbissen Hyänen, die hasenfüßig die Kurve kratzten. Bären rauften mit Rivalen um reichlich mit Rehen besetzte Reviere. Wölfe verfolgten tagsüber Wisente, heulten nachts himmelwärts.

Eigentlich war das Tal mehr eine Schlucht. Sniugors Urgroßvater hatte sie zufällig entdeckt, als sie gerade verwaist war, verliebte sich, zuerst in die Schlucht, dann in die Urgroßmutter. Die Sippe blieb hängen. Einige Male musste sie kämpfen. Fremde Sippen hätten das Lager liebend gern eingenommen. Bis dato obsiegten Sniugors Leute. Mit Mann und Maus und Frau und Fledermaus schlugen sie blutrünstige Angreifer furios in die Flucht, saugten Stolz aus ihren Siegen, feierten siegestrunken drei Tage lang.

Wind wehte wieder um Sniugors Wuschelkopf, kitzelte seine walisisch wehenden Schlappohren (könnte man Charles‘ Stammbaum bis auf Sniugor zurückführen, hätte das Charme!), Sniugor fragte horchend:

‚Warum werden Maler aus Düsseldorf die Schlucht nicht zu ihrer Domäne küren? Schließlich kredenzt sie den Künstlern die Kulisse für ihre kulinarischen Konvente, präsentiert mancherlei magische Motive, inspiriert sie zu wundervollen Werken (die auf Auktionen immer noch prächtige Preise erzielen). Eigentlich sollte ihnen das Tal niemand abspenstig machen (von Wohlstandsgespenstern mal abgesehen).

Doch dann kommen Kalksteinräuber, treiben radikal Raubbau, roden, ruinieren, räumen restlos den Kalk ab, tragen ihn tonnenweise in örtliche Öfen. Ihre Devise: Kalk statt Kunst.

Ach, gäbe es doch dann schon Ökologen oder schlicht Grüne (Sniugor als politischen Menschen zu betrachten, wäre ein Missverständnis), vielleicht gelänge es ihnen, die Schlucht vor den Räubern und ihrer Regentschaft zu schützen. Die Räuber machen die Schlucht zum trostlosen Tal. Wie gut, dass ich das nicht erlebe.‘

So manches blieb Sniugor erspart, was in Zukunft über den Styx steigen oder über die Wupper wandern sollte. Sein Blick wanderte hinüber zur lustig und lebensfroh hechtenden Düssel, die ihre Wässerchen zwischen störrischen Steinen verwirbelte, nicht ahnend, dass sie via Rheni mit der Wupper zeitnah zwangsvereint würde. Schierling wucherte an beiden Ufern. „Böses Kraut“, brummelte Sniugor, „armer Sokrates.“

Socrates, Sokrates - ein Fußballer, ein Philosoph? Sniugor war weiß Gott nicht in der Lage, sich diese Frage zu stellen, geschweige denn sie zu beantworten.

Bärenbiss

Wind wehte aus Süden wärmend heranfliegend würzigen Fuchsien- und Veilchenduft in die Schlucht, schmeichelte nachhaltig Sniugors Nase, zog ihn geradezu unwiderstehlich an.

Er wusste, klug war es nicht, ganz allein weit zu wandern. Es war sogar gefährlich, beschwerlich obendrein. Doch Risiken scheute er grundsätzlich nicht, richtete sich sowieso immer nur nach seinem Riecher. Ein Gedanke bereitete ihm geradezu diebisches Vergnügen: bald würde er den Buhlen spielen für sein bockiges Bürschlein, dessen Verkuppelung er schon in die Wege geleitet hatte, obwohl (oder weil) der Jungspund nach wie vor ausschweifende Wege des Junggesellendaseins bevorzugte, keineswegs auf Freiersfüßen unterwegs war. Sniugor hatte seine Wahl heimlich schon getroffen. Behäbig streichelte er seinen behaarten Bauch, der durch die Wanderung wohl wegschmelzen würde. Die dürren Beine dankten diskret im Voraus.

Nicht alle Neandertaler (außer Sniugor wussten sie freilich nicht, dass sie einmal nach seinem Tal benannt würden - und ob Sniugor es wirklich wusste? In seiner Welt wusste er‘s ganz gewiss nicht…) begegneten dem furchtlosen Fernwanderer freundlich. Und besonders Bären begegneten ihm bedrohlich, wenn er im Finstern das Feuer bewachte. Aber - das Schreckliche hat’s manchmal so an sich - : Es geschah am helllichten Tag:

Er passierte die Höhle der Bärin, ohne zu ahnen, dass sie zwei Junge barg, natürlich zottelig niedliche Zwillinge. Die Bärin fühlte Bedrohung, sprang aus dem Busch und biss zu. Sniugor wehrte sich mit Wucht, bohrte ihr den Speer ins heißblütige, bald wieder brünstige Hinterteil. Die Bärin brüllte, begnügte sich mit einem einzigen Biss. Außerdem schmeckte ihr Sniugor ganz und gar nicht: blasiertes Bürschlein, schnüffelte sie, ließ schnäuzend von ihm ab.

Sniugors Schulter blutete beträchtlich, doch er dachte: das bisschen Biss behindert mich nicht. Er bedeckte behelfsmäßig die Wunde mit brüchigem, bräunlichem Blattwerk, band es mit reißfesten Riemen aus Rentierhaut fest. Elskukona hatte dazu ein scheußliches, aber antiseptisches Schmierakel bereitet, ihm in den Beutel auf seinem Buckel gesteckt, ein Gemisch aus Rinde von Stieleichen und mancherlei Heilkräutern. Damit bestrich er die Bisswunde nur ein klein bisschen. Er glaubte kein bisschen an die wundheilende Wirkung. Hätte er nur daran geglaubt, hätte er besser dick aufgetragen! Leider hatte ihm keiner geraten: Hör‘ auf deine Frau!

Mit Heilkräutern kannte Elskukona sich aus, hatte schon so manchen verarztet, der beim Kampf oder bei der Jagd Verletzungen davongetragen hatte. Sniugor vertraute verbohrt (den Speer spürte gleichwohl nur die Bärin) allein seiner Abwehrkraft, rechnete fest mit seiner Robustheit, schleppte sich weiter, torkelte, stürzte zu Boden, verlor das Bewusstsein.

Sniugor lag weich auf grünem Grund. Wind strich streichelnd, leicht liebkosend über seine fliehende Stirn. Sniugor sah alle Zeitläufte, Länder, Völker und Meere der Welt in einem einzigen Augenblick. Er sah eine Gruppe Aufrechter (homines erecti) aus Afrika auswandern, immerfort jagbarem Wild hinterher, Schimpansen schüttelten aufgebracht schwankende Äste, schließlich nur noch die Häupter, bekamen schon in Gedanken an nördliche Breiten Schüttelfrost, er sah Pyramiden und Tutanchamun, Atahualpa und Tecumseh, Xiaogong und Dag Hammarskjöld, Mutter Teresa und Mahatma Gandhi, Albert Schweitzer und Nelson Mandela, erkannte sie all ohne Namensschild. Er sah eine Gestalt, die ihn freundlich begrüßte und zeitlos willkommen hieß, ihm zugleich zusprach: für ihn sei es nicht an der Zeit.

Sniugor wollte das aber gar nicht hören, widersprach vehement, wollte wild entschlossen das Zeitliche segnen, sah von weitem seine Urgroßmutter winken, der Beutel mit Elskukonas Schmierakel baumelte um ihren schmalen Hals. Ihre Haut glatt wie bei einem Teenager. Mit dem Zeigefinger deutete sie auf den Beutel.

Was will sie mir damit bedeuten? fragte sich Sniugor, winkte verwundert zurück, wusste nicht wirklich: winkte sie ab oder winkte sie ihn herbei?

Sniugor kam ganz langsam wieder zu sich, obgleich er dies gar nicht als Zu-sich-Kommen empfand. Eher im Gegenteil. Er wäre viel lieber bei jener Gestalt geblieben. Bei ihr war ihm, als sei er bei sich. Als seine Sinne allmählich wiederkehrten, als er sich nach rechts, dann nach links auf die Seite drehte, schien ihm jeglicher Sinn abhandengekommen. Er fühlte sich seltsam verloren.

Die Urgroßmutter verschwand nicht mehr aus seinem Kopf. Dabei hatte er sie natürlicherweise zeitlebens niemals gesehen, folglich nie kennenlernen können. Doch offenbar kannte sie ihn und zwar solcher Weise, dass auch er sie erkannte. Und warum baumelte an ihrem Busen das Beutelchen? Die Antwort darauf ergab sich bald.

‚Oh, wie werden sie Hirne durchleuchten, wie werden sie spekulieren!‘ spukte es durch das Gespinst seiner Gedanken, als er sich wehmütig wieder in klarem Bewusstsein einfand.

Er wurde geweckt von murmelnden Mündern. Elf junge Jäger mit grausig vernarbten Gesichtern standen starrend um ihn herum, grinsten aber zutraulich, als er linksäugig zwinkerte. Das rechte Auge verweigerte sich noch ein Weilchen dem abschreckenden Anblick, wehrte sich, die wiederkehrende Wirklichkeit wahrzunehmen.

Sniugor erbot sich seinerseits den jungen Jägern gegenüber keineswegs zutraulich. Ganz im Gegenteil: ‚Dreckig schauen sie drein‘, dachte er, ‚palavern recht primitiv, gruselig glotzen die gaukelnden Augen, grinsen genüsslich, anscheinend amüsiert sie meine Malaise, was sind das für Menschen, so ganz ohne Mitleid?‘

Die jungen Jäger hantierten hektisch mit allem möglichen Höhlenkram herum, verabreichten ihm einen Fetzen Fohlenfleisch, frisch auf dem Feuer gegrillt, war noch halb roh. Sie schmatzten mit schmierigen Lippen, mit übergriffigen Blicken erheischten sie ein: ‚Hm, hm, das schmeckt‘!

Doch Sniugor fand: der Fetzen schmeckt schrecklich, ekelig, er aß appetitlos, kotzte. Die Jäger jaulten, tobten, tanzten drohend um ihn herum, zeigten ihm zornig die Zähne (soweit noch vorhanden). Einer kniff ihn mit grimmiger Grimasse am Kinn, stieß ihn mit kräftigem Stoß in den Staub, kniete knallhart auf seinem Kopf, ließ lange Zeit nicht locker, ergötzte sich stöhnend am Stöhnen des Gequälten (nach exorbitanter Odyssee gerieten die Gene nach Minnesota).

„Hör‘ auf mit dem Mist, du Sadist“, kommentierten die Komplizen spärlich schockiert. Der Kerl machte ungebremst weiter. Für Sniugor fühlte es sich wie Folter an, und das war es auch. Dann sprang der Kerl plötzlich kreischend hoch, spreizte die Beine, fuchtelte frech mit spitzem Stock (Speer konnte man den Prügel nicht nennen) vor Sniugors roter Nase herum, die Bande begann jämmerlich zu jaulen.

Ein kleiner Kerl, der Jüngste der Bande, zeigte sich abgestoßen vom Treiben seiner Spießgesellen, stimmte nicht ein in das Gejaule, meinte ehrlich empathisch:

„Lasst doch endlich den armen Kerl in Ruhe, er hat halt gekotzt, was soll’s. Gebt ihm einfach was von der Graugans, die wir vor Tagen nicht fertig gefuttert haben, es ist ja noch ganz schön was übrig.“

„Du bist wohl bekloppt!“ Der Boss der Bande fuhr ihn barsch an, bumste ihm auf den Buckel, brüllte los: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“

Der kleine Kerl kuschte, hielt sich die Hand vor den Mund, um jedes weitere Wort abzufangen, von den anderen überflüssigerweise noch angeraunzt: „Kerlchen, halt bloß deine Klappe!“

Als eine Art Tisch diente der Bande ein Granitklotz, der sich augenscheinlich länger als seit Menschengedenken tief in die Erde hineingegraben hatte. Auf seiner einigermaßen glatten Oberfläche rollten sich lauter Reste, auch solche der Graugans. Doch davon bekam Sniugor nichts ab. Zum Glück für ihn, die Mücken, die Maden.

Die Jäger jagten ihn jaulend fort, kassierten Keule und Speer. Sniugor gab fluchtartig Fersengeld.

Den ganzen Tag lang taumelte er durch Gebüsch und Gefilde, rastete schließlich am Rand eines roten Felsens, auf den letzte Sonnenstrahlen lebendiges Leuchten malten. Müdigkeit übermannte ihn. Er schlief ein, er schlief gut unterm Felsen.

Als er morgens die Augen aufschlug, war ihm gar nicht mehr mulmig zumute. Er merkte deutlich: meine Stunde ist noch nicht gekommen. Und aus dem Felsen quoll eine Quelle, die ihn erquickte (hätte er Neanders Hymne gekannt, hätte er kräftig gesungen, und sei es mit krächzender Kehle).

Die Schulter schmerzte nur noch minimal. Elskukonas Schmierakel hatten die Jäger glücklicherweise nicht vereinnahmt, unkundig seiner Wirkung. Jetzt trug Sniugor das Salbenzeug noch einmal auf und zwar dick, eingedenk Uromas Zeigefinger.

‚Ob meine Nase mich neckt?‘ schoss es ihm durch den Schädel, den er dreimal wie bescheuert betatschte, nachdem er sich mit dem Schmierakel eingeschmiert hatte, ‚warum riecht das Zeug auf einmal so angenehm nach Balsam und Oliven?‘ (Die Gunst wurde ihm wahrlich nie gewährt, Balsam oder Oliven zu gewärtigen.) Egal, dachte er, Hauptsache es hilft.

Platsch! Nochmals klatschte er Elskukonas Schmierakelsalbe auf die Wunde, noch dicker als vordem, die Wundheilung glich einem Wunder, der Riss heilte ruckzuck, umgeben von sehr gutem Heilfleisch.

Mit geschickter Hand und scharfem Quarzit schnitzte er aus dem Ast eines Ahorns schnell einen neuen Speer, für alle Fälle. Sein Kreislauf regenerierte im Eiltempo, er wanderte wegkundig weiter, kam täglich besser voran, Kilos kullerten, Beine bedankten sich brav, indem sie sich immer behänder bewegten. Angekommen auf der Alb (die noch nicht die Schwäbische hieß, Gene ahnten noch nichts von den Alemannen, außerdem war noch niemand auf den Gedanken gekommen, an Berge, Täler, Flüsse und sonstige Gliedmaßen von Mutter Natur menschliche Namen zu heften), empfingen ihn Artefakte der Ahnen.

Auf der Alb

Flautuleik spielte famos auf der Flöte, geschnitzt aus dem Stoßzahn des mächtigen Mammuts, den einst die Sippe des Urgroßvaters zur Strecke gebracht hatte. Urgroßmutter war die Schnitzerin, die stets das Schöne schuf.

Flautuleiks Finger flitzten mit furioser Feinmotorik über die Flötenlöcher. Ohne sein Spiel zu beenden, erhob er sich. Leichten Schrittes lief er auf fiktivem Laufsteg lustvoll über das Lagerfeld. (Ein kauziger Kerl hätte ihn mannstoll zur Muse erkoren, käme er nicht Jahrtausende zu spät.)

„Ich hätte sie so gern gefragt, so gern gefragt“, sagte Vitra, Flautuleiks Vater, zum x-ten Mal. Lang schon war er Sniugors Freund, beide wanderten verwegen im Wind, beide saßen am Feuer, als Flautuleik flötend mit auffallend gepflegten Fingern vorüberging. Vitra betrachtete sinnend, fragend, staunend die kleine Mannesfigur mit dem Kopf eines Löwen. Ehrfurchtsvoll hielt er sie in Händen wie etwas Heiliges. Sniugor bestaunte sie eher begrenzt. Sie war wie die Flöte aus dem Stoßzahn des Mammuts geschnitzt (auch hier war die Künstlerin Vitras Großmutter, also Flautuleiks Urgroßmutter).

„Ein Löwe mit dem Kopf eines Mannes wäre wohl schlauer gewesen“, bemerkte Sniugor sichtbar süffisant. Schläue schlich sich in seine Augen. „Wir sind klüger im Kopf, der Leib des Löwen ist stärker. Das wär’s doch: Kraft kombiniert mit Intelligenz.“

Vitra sperrte den Mund sperrangelweit auf, von der Schläue des Freundes erheblich eingenommen. Sniugor registrierte Vitras zehnfache Zahnlücken, das stachelte erneut seinen Stolz an. Er bestaunte wieder den eigenen Bizeps, bemerkte nicht, dass Vitras mächtige Muskeln ihn dick übertrafen. Sie waren ganz dicke Freunde, das traf jedenfalls zu. Zuzeiten gaben sie sich Zeichen.

Vitra verhielt sich als vielsagender Tagträumer. Als es Morgen wurde, stand er am Ufer, sagte zu Sniugor:

„Ich lache mich kaputt, diese verrückten Spanier! (Natürlich wusste Sniugor nichts von den Spaniern, auch Vitra verstand die eigenen Träume so gut wie nie.) Es muss immer Wasser vom Fluss sein, der letztendlich im Toten Meer ersäuft.“ Spöttisch begann er zu blinzeln. „Und die Briten sind nicht besser. Thronfolger George wird auch mit Wasser vom fernen Fluss nass gemacht. Und der Opa steht dabei und wackelt mit dem Kopf, dass seine Schlappohren wie Schwingen wedeln. Ich lache mich schlapp.“ Vitra schüttelte den Kopf, ließ seine breiten Backen schwabbeln: „Das kann man doch einfacher haben.“

(Spanier, Briten, Totes Meer – Sniugor verstand nur Bahnhof. An Vitra zog der Zug der Zeit vorüber, ohne dass er einsteigen konnte.)

Die Quelle am Grund des Sees, an dem Vitras Höhle lag, wirbelte wundersam Wasser nach oben. Wind kräuselte die Wellen, bügelte sie gleich wieder glatt. Vitra füllte sich beide Hände, schlürfte, füllte sich wieder die Hände, hob sie hoch über Sniugors Haupt, ließ das Wasser in Sniugors Haare tröpfeln. Sniugor lächelte, tat es ihm gleich, labte sich am Trank aus der Tiefe, träufelte Wasser auf Vitras Haupt.

Beider Haare trockneten schnell.

„Ich hätte sie so gern gefragt…“

„Und warum hast du nicht?“

„Scherzkeks.“

„Wie, wo, was?“

„Ach lass. Ich hätte Großmutter, die phänomenale Künstlerin, die ich natürlich nie sehen konnte, so gern gefragt, was die Chimäre bedeutet.“ Vitra hielt die Figur hoch in der Hand. Plötzlich huschten irre Ideen in seinem Hirn herum, als wollten sie mit Vitra Fangen spielen, sie fingen ihn tatsächlich:

„Wir jagen, wir essen das Fleisch der Tiere, ihr Fleisch wird zu unserem Fleisch, ha, ha, ha“, lachte er, „so leben sie in uns weiter. Wir sammeln, wir essen Beeren und Kräuter, sie werden zu unserem Fleisch. Pflanzen und Tiere werden zu unserem Fleisch. So leben sie in uns weiter, ha, ha, ha, ha“, lachte er wieder los, denn er war eine Frohnatur. „Man wird die ‚welsche Nuss‘ knacken (die mit den Römern ins Land kommt), sie ähnelt meinem Gehirn. Himmel, Arsch und Zwirn, dass ich da nicht früher drauf kam. Menschen, Tiere, Sensationen, die Chimäre wird man klonen! Eins ist alles, alles eins.“

Sniugor, nachdenklich aufbegehrend (oder irritiert, das sei dahingestellt), mit leicht hängenden Lippen: „Tiere und Pflanzen werden deine Worte nicht als Verbrüderung verstehen, vermutlich auch nicht als Verschwisterung.“ Mit ausladender Geste gab er seinen Worten vermeintliches Gewicht, gewichtiger war wohl sein Gefühl, oder zutreffender seine Sensation (im ursprünglichen Sinn des Wortes: Sinneswahrnehmung), die ihn mit eigentümlichem Einssein überschwemmte, als hätten die Zellen des Grases um ihn herum genauso gut seine eigenen werden können. Dann, mit nachdenklich gerunzelter Stirn: „Bleibt die Frage: wer soll den Stoffwechsel stoppen?“ Diese Frage verflüchtigte sich jedoch im Nu, sein Blick fiel herab auf den Rest seines Bäuchleins, wie immer gebläht. Er furzte wie ein nimmersattes Nashorn, Gestank stieg auf, er dachte: Verwesung ist auch Stoffwechsel. Kosmischer Kreislauf.

Vitra suchte der Begasung geschwind zu entkommen, sprang auf, warf sein Fell ab, begann zu tanzen, zu singen (deutlich davidisch):

„Nix verjährt, alles verklärt.“ Sein Tanzen durchbrach alle denkbaren Kreise, tanzend lief er geradeaus. Das gab Sniugor zu denken.

Flautuleiks Flötenspiel verstummte, er sah den tanzenden Vater nur mehr von fern, fand ihn phantastisch, flötete weiter, flötete plötzlich virtuos wie noch nie, rief so laut er nur konnte: „Ich, Flautuleik, bin dein Fan!“

„Auch das noch“, seufzte Vitra, setzte sich wieder halbnackt im Schneidersitz auf würzige Erde.

Sniugor sperrte den Mund auf, viel weiter als sperrangelweit, atmete tief, tiefer atmete Vitra, der noch ganz außer Puste war. Doch keiner von beiden atmete tief genug.

Da kam, extrem tief atmend, Vitras Frau Viska hinzu, lächelte, setzte sich, griff nach der Chimäre, schloss ihre Augen, sagte: „Schön, einfach schön.“

Schönheit sauste als Fremdwort durch die offenen Ohren der Männer hindurch, ohne Obdach in ihren Köpfen zu finden. Was Schönheit sei, bedachten die beiden noch nie.

Viska hob an, apodiktisch zu sprechen:

„Wind weht mächtig durch die Welt der Weiber, Schönheit gibt dem Gestein Gestalt, schenkt Schätze, ohne dass wir danach schürfen, verscheucht die Schurken samt ihren schmählichen Schandtaten. Fazit: Schönheit stellt die Schrecken der Welt in den Schatten.“

(Viska gehörte zu den unentdeckten Genies der Menschheit, war sozusagen die erste Philosophin der Ästhetik. Doch wer will’s wirklich wissen, vielleicht gab es schon früher die eine oder andere.)

Sniugor, Vitra kratzten sich kräftig am Kopf, blickten sich wie benommen an, bis Viska sich schwungvoll erhob, die Augen der Männer einfing und langsam zum Leuchten brachte. Sie bewegte sich wie eine Ballerina (und bezirzend wie Salome), blieb auf Zehenspitzen stehen, beugte sich vor, ihr Busen fiel heischend, nicht hängend aus dem Fell, sie wedelte mit ihren Armen, spitzte den Mund, blies durch die Lippen: „Sch, sch, sch…“.

Sniugor, Vitra begannen zu grinsen, sie grinsten immer, wenn sie Worte und Gesten der Frauen ganz und gar nicht verstanden.

Allmählich versammelten sich alle Frauen vergnügt um das flackernde Feuer, setzen sich schwatzend auf wohlige Wärme aus alter Asche. Wind entfachte gefallene Flammen, ließ sie feixen und fuchteln. Die Frauen erhoben sich wieder, tanzten vereint mit Viska fast in einer Formation. Die Männer stierten, als sich die Frauen wilder bewegten, dann wandelte Wildheit sich allmählich in geschmeidiges Schreiten, und eine nach der anderen nahm wieder (gleichsam gesittet) Platz.

Kinder kamen gelaufen, lamentierten, lieferten Elfenbein ab, hätten viel lieber noch länger mit dem Material des Mammuts gespielt, ohne es zu bearbeiten, ohne irgendwie Hand anzulegen.

Frauenfinger formten Figuren ferner Schönheit. In fernen Zeiten würden Forscher so manche wieder ausbuddeln (weil Weiber gebaren, gebaren, Gene um Gene, Generationen um Generationen, geborgen unter Gestirnen gewaltiger Galaxien, die Elemente erzeugten, erzeugen). Feuer flackerte, Frauen fabulierten, fanden kein Ende.

Die Männer klinkten sich kopfschüttelnd aus weiblicher Runde aus, von Viska und all den Frauen hoffnungslos überfordert. Außerdem meinten sie, sie hätten Wichtigeres zu tun. Sie wollten jagen, Waffen lagen schon bereit. Nur Vitra und Sniugor blieben im Lager zurück, behaupteten, sie hätten noch Wichtigeres vor.

„Sie schwatzen wieder alle drauflos und durcheinander“, mokierte sich Vitra (der natürlich nie eine Talkshow gesehen hatte) mit schrägem Blick zurück, befreite sich durch seine abschätzige Bemerkung vermeintlich aus weiblicher Überlegenheit, bedrängte das Ohr seines Freundes:

„Du, du, ich muss dir unbedingt etwas erzählen. Das duldet keinen Aufschub.“ Dabei schob er Sniugor vor sich her, auf einem Baumstamm nahmen sie Platz. Vitra zog seine Augenbrauen hoch. Hübsch buschig wie meine, sind sie nicht, dachte Sniugor. Derweil Vitras seit Monaten aufgestautes Quasselbedürfnis seinen Mund zum Überlauf brachte:

„Also, letzten Sommer, also das muss ich dir unbedingt erzählen, also letzten Sommer, da war ich im Unterland (heute Nördlinger Ries genannt), da streifen mehrere Sippen herum, sind aber allesamt freundlich. So wie die Flora, die unten viel bunter und üppiger wächst als hier oben, ich habe dort Beeren gefuttert, die ich vorher nicht kannte. Und die Fülle der Fohlen in riesigen Wildpferdherden, ich sag dir, und…“

Sniugor nickte nachhaltig, sollte sagen: komm endlich zur Sache.

„Diesen Stein hier habe ich mitgebracht.“ Vitra nahm ehrfurchtsvoll Haltung an, öffnete seine Hand. Darin lag ein kleiner Diamant.

„Ich kann damit überhaupt nichts anfangen, aber irgendwie kann ich ihn auch nicht wegwerfen. Es ist ganz komisch, ich denke dauernd, er redet mit mir. Er lag auf einmal in meiner Hand, als mein Traum allmählich trocknete.“

Sniugor guckte gebannt, feurig glitzerte der Diamant, blendete ihn beinahe, er lauschte Vitra mit feuchten Augen, dieser fuhr fort:

„Ich sah im Traum ein Brünnlein. Wind wehte sein Wasser durch mich hindurch, es kräftigte meinen Körper, belebte meine schwerfälligen Beine, hat mir kräftig den Kopf gewaschen, hob mich auf eine Höhe, von der aus ich den Himmel bis zum Horizont sehen konnte. Dann passierte es.“

„Dann passierte es“, wiederholte Sniugor leicht abwesend, fuhr auf einmal erschrocken hoch:

„Dann passierte was?“

Vitra streckte sich, spürte, wie es in ihm rumorte, stotterte: „F-feu F-feu…“, rief schließlich stotterfrei und resolut wie ein ruhmreicher Recke aus König Artus‘ Tafelrunde:

„Feuer, Feuer fiel vom Himmel, ein riesiges Feuer. Feurig stürzte die Sonne herab, sie stürzte und blieb doch am Himmel. Sie schlug ein schwarzes Loch in die Erde, das alles aufsog, verschlang, schlug tief, ganz tief in die Erde ein. Alles stürzte ins Loch hinein: Berge, Bäume, Wölfe, Wisente, Austern, Auerochsen, Flüsse, Felder…“

„Felder?“ fragte Sniugor.

„Felder!“ wiederholte Vitra.

„Felder, was ist das?“

„Woher soll ich das wissen?“

Vitra wusste sehr wohl: es gab außer Sniugor niemanden auf der Welt, mit dem er über seine Träume hätte sprechen können. Alle anderen hätten ihn nur belächelt, für verrückt erklärt, gar als abartig abgestempelt.

„Alles, alles verschwand, das schwarze Loch schluckte die ganze Erde, doch – mon Cheri! - nur für die kurze Sommerzeit. Dann würgte die Welt das Gewerk wieder hoch, nein, sie drückte es nicht einfach raus aus dem Loch, sie drückte, presste, gebar. Sie schickte sich an, alles viel schöner und bunter zu formen als jemals zuvor. Erdmännchen und Elefanten, es leuchteten Diamanten.“

Sniugor verstand nichts, rein gar nichts, prägte sich dennoch ein:

Feuer traf Erde mit großer Gewalt,

gab allem neue, bunte Gestalt,

es leuchteten Diamanten.

Natürlicherweise verstand er auch diesen Vers nicht. Vitras Redeschwall überschwemmte sein Fassungsvermögen ohnehin gleich einem Stausee, der durch den Damm brach.

Auf einmal bekam Vitra ganz große Augen, nahm von den Dingen um ihn herum kaum noch etwas wahr. Sein Blick irrte irritiert umher.

„Astronauten treiben sich in der Gegend herum, was wollen die denn da?“

Da brach eine Bö ins Lager ein, Funken flogen aus dem Feuer, tanzten akrobatisch zwischen den Zweigen, zwitschernd flogen Vöglein hoch, Funken sausten in Vitras Haare, versenkten sie förmlich. Doch Vitra gewann geschwind wieder Gelassenheit:

„Ach so, sie trainieren bloß für die Mondlandung“, rief er altklug aus, als besäße er Einblick in Ereignisse des 20. Jahrhunderts.

Jetzt reichte es Sniugor, er offerierte Vitra immer gern ein offenes Ohr, zumal er wusste, dass Vitra über seine Träume nur mit ihm reden konnte. Aber jetzt hatte er genug davon, zumindest vorübergehend. Er griff nach seinem Speer, sagte ungehalten: „Erzähl dein Zeug, wem du willst.“ Dann stramm wie im Stakkato:

„Ich.Gehe.Jetzt.Fischen!“

Vitra antwortete nachahmend und unbekümmert: „Und.Ich.Gehe.Mit. Ob dir’s passt oder nicht.“ Er orderte einen Speer, den man ihm postwendend brachte, lief locker, leichtfüßig, elastisch (wie ein Olympiasieger auf der Ehrenrunde) mit dem Speer auf der Schulter hinter Sniugor her, folgte ihm bis an das Flüsschen der Fische. Schon mit dem ersten Wurf spießte er eine Forelle auf.

„Siehst du“, rief er Sniugor zu, „alles im Griff.“

„Alles im Griff, wenn ich das schon höre.“

„Nur keine Panik.“

Dohlen schnalzten um Schneefelsen kreisend ihr schneidiges Kja kjä tschak tschak im Rhythmus rockender Randfichten.

„Nur keine Panik.“ Vitra, weder von Angst noch sonst einer Regung seines Gemütes gepackt, blieb gänzlich gelassen.

Da packte der Wind Sniugor am Schlafittchen, fuhr ihm erst übern, dann aus dem Mund:

„Und was ist mit den Asteroiden, die noch zu uns unterwegs sind?“ Er fragte mit feurigem Blick, in dem etwas total Desorientiertes, Irres flackerte.

„Asteroiden?“

Vitra fand, das Wort hatte einen verheerenden, morbiden Klang, wollte davon nichts wissen, wechselte schnell das Thema, schilderte ausschweifend, wie er am liebsten Forellen zubereiten würde, wenn Viska ihn endlich mal machen ließe. Aber ihrer Herrschaft über die Feuerstelle sei nicht beizukommen.

Unterdessen grub sich in Sniugor unabweisbar der Gedanke ein: ‚Alles im Griff – das ist der allergrößte Schwachsinn der Menschheit.“

„Das muss ich dir unbedingt erzählen“, versuchte Vitra sein Glück bei Sniugor am gleichen Tag noch einmal. Sniugor steckte den Zeigefinger in seine verzwirbelten Brauen, von Vitras letztem Traum kaum erholt. Vitra bemerkte es nicht, ließ sich nicht bremsen:

„Da drunten im Unterland schlummert ein Drache.“

Jetzt bohrte Sniugor seinen Zeigefinger fest in seine Zwirbeln hinein, er meinte es durchaus nicht böse, erst recht nicht beleidigend.

„Wenn ich dir sage, der Fluss hat ihn freigespült.“

Sniugor stöhnte: „Noch eine Märchenstunde...“

Vitra überhörte den spöttischen Ton, legte ganz sachlich dar:

„Im Frühjahr führte der Fluss extremes Hochwasser. Er wurde rasant zum reißenden Strom, warf mit Wucht einen Felsen beiseite, und siehe da…“

„Und siehe da…“, kurvte ihm Sniugors Stimme mit einer kompletten Oktave entgegen…

„…da lag es.“

„Was lag da?“

„Das Skelett natürlich.“

„Soll vorkommen“, stellte Sniugor mit dem Ernst des Erfahrenen fest, nickte ganz nüchtern, wusste natürlich, dass Schmelzwasser manchmal Skelette freispülte.

„Das Skelett eines Drachen.“

„So, so“, erstickte Sniugors Ernst.

„Es war zwanzig Schritte lang, allein der Schwanz betrug zehn.“

„So, so, der Schwanz betrug…Stichwort Betrug…“, Sniugor stach Vitra mit bohrendem Blick: „Du willst mich verdammt veräppeln!“ (Apfelbäume gab es allerdings erst viel später, vielleicht sagte Sniugor auch verarschen.)

Da kollabierte Vitras Contenance, er rastete fast aus: „Möge der Shitstorm der Jagst dich treffen, die eiserne Faust dich fällen.“ Vitra war alles andere als ergötzt über den Freund, erzählte nicht mehr weiter, warf mit heftiger Handbewegung Sniugor eine geringschätzige Geste zu: „Verdufte, geh hin, wo der Bärlauch wächst, ach leck….“, er schluckte den Ausdruck hinunter, weil plötzlich sein Söhnlein auftauchte.

„Ein Bärli, bitte, ein Bärli, Schingen mag ich nicht“, bettelte das Bübchen ganz brav.

„Es ist zum Kotzen“, brummte Vitra, „der Kerl kann einfach kein K sprechen.“ Er schüttelte ihn an den Schultern: „Das heißt Schinken, nicht Schingen, du komischer Kostverächter. Schinken ist doch das Beste der Sau, Mensch…!“ Dann zu Sniugor:

„Ich habe letzte Woche…“

„Woche? Was heißt das?“

„Keine Ahnung. Aber ich habe letzte Woche eine Sau erlegt, Viska hat prima Schinken am Feuer geräuchert, doch der Knirps frisst das nicht.“

„Ist halt ein Süßer“, lachte Sniugor.

Dann Vitra in gemäßigtem Ton zum Söhnlein: „Bub, dich hat wohl ein Schweizer beschwatzt, das heißt bei uns Bärchen, nicht Bärli!“ Die Worte perlten vergnügt aus Vitra heraus, sein Söhnlein sah ihn komisch an. Dann grabschte Vitra ein Honigbärchen, die Viska kunstvoll zu kneten pflegte, aus seinem Beutelchen, das er stets bei sich trug.

„Ha!“ rief er, bog seinen Beutel zur Seite, verabreichte ein Stückchen des Süßkrams dem Söhnlein.

„Ha!“ rief es, bog in eine Runde, wie’s Kinder rumlaufend gern tun, „das macht Kinder froh.“ Lachend drehte das Büblein sich nochmal um, kicherte: „Und Erwachsene ebenso“, als Vitra sich verstohlen auch etwas Süßes genehmigte. Dann brach es aus seiner Laufrunde wieder aus, lief „lecker, lecker, lecker“ rufend lachend davon.

„Gar nicht gut fürs Gebiss“, dachte Sniugor, aber er fand den Kleinen süß, hob seine Hand vor die Augen, da Strahlen der Sonne ihn blendeten. Dachse, die ums Lager schlichen, blieben augenscheinlich unentdeckt.

Vitra indessen durchgrübelte nur der Gedanke: wer hat wohl den Drachen besiegt? Früh abends gewahrte er geisterhaftes Gelächter im grünen Gebüsch: „Mulier draconis victrix – die Frau ist des Drachen Besiegerin“, sangen die Geister gewitzt.

Als spät am Abend der Wind wieder auf die Alb kam und Sniugor besuchte, der gern im Wind badete, schaute Sniugor Dinosaurier, die den ganzen Planeten bevölkerten. Sie flogen, rannten, krochen auf tropischem Terrain rund um den Erdball. Es war ein schauriges Schauspiel. Die Drachen drangsalierten winzige werdende Wesen der Welt. Die aber grinsten die riesigen Reptilien nur an, wussten: bald würden die Monster im Staub ersticken, dann lösten die Winzlinge sie bei der Weltherrschaft ab. Ganz ganz allmählich.

Sniugor dachte sofort an die Story, die Vitra erzählt hatte, eilte zu ihm: „Stell dir vor, was ich gesehen habe, das muss ich dir unbedingt erzählen…“

„Behalt deine Stories für dich, du stiehlst mir nur meine Zeit.“

Sniugor fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen, trollte sich traurig, ziemlich enttäuscht, dachte: Ich bin doch sein Freund und kein Dieb. Wie gern und geduldig lieh ich ihm mein Ohr, immer und immer wieder!

Also konnten sich die beiden über die Angelegenheit der Dinos in keiner Weise verständigen, obwohl beide das Gleiche gewahrten. Sie waren objektiv einig, fanden jedoch keinen Konsens. Ihrer Freundschaft tat‘s keinerlei Abbruch. Sie brachen stets gemeinsam auf, um auf die Jagd zu gehen.

Am nächsten Tag verständigten sie sich darüber, dass Ugla, Vitras jüngste Tochter, in Sniugors Sippe wechseln sollte, sie vereinbarten es quasi vertraglich. Sniugor sollte dafür sieben Speere mit Spitzenqualität und dreimal fünf Faustkeile liefern, sie wurden schnell handelseinig.

Vitra stellte vier starke Männer aus seiner Sippe als Begleitschutz ab. Deren Begeisterung hielt sich in Grenzen. Er ermahnte sie, mannhaft zu kämpfen, wenn es vonnöten sei, wies ihnen, Widerspruch keineswegs duldend, den Weg ins Neandertal.

Viska haderte mit dem Handel, war strikt dagegen, zankte ziemlich erbost mit dem Mann, konnte ihn aber am Handel nicht hindern. Zwei Tage später brach Sniugor mit Ugla samt Begleitmannschaft auf. Sniugor vertraute Ugla das Schmierakel Elkukonas an, hatte das dumpfe Gefühl, es sei bei ihr besser aufgehoben. Ugla sah sich die Sache an, war sofort im Bilde.

Frauenraub

Es geschah am helllichten Tag: mitten im Wald zwischen buckligen Bäumen, ein übler Überfall. Eine hungernde Horde in heidischer Hochform holte sich Ugla mit närrischem Geheul („…denn im Wald, da sind die Räuber, halli hallo die Räuber, und auf der Tundra auch…“ - die richtigen Töne traf kein einziger).

Die Horde überrumpelte Sniugor und seine Begleiter, kidnappte kühn die junge Frau. Ugla schrie schrecklich, als die Horde mit ihr losbrummte, als hätten sie alle Motoren im Magen. Aber das Gebrumm diente lediglich dazu, das Gebläse im Gedärm zu übertönen. Den Kidnappern knurrte der Magen schon lang kolossal. Nach mehreren Misserfolgen bei der Jagd hatten sie horrenden Hunger, wollten die geraubte Frau möglichst bald gegen Gebratenes oder sonst etwas Genießbarem bei Jägern mit Jagdglück eintauschen.

Nachdem Sniugor und seine Männer ihren Schock überwunden hatten, sahen sie sich sprachlos an, trauten ihren Augen kaum, als jeden die Angst des anderen anblickte. Sie quoll geradewegs aus ihren Augen heraus. Die Männer schämten sich schrecklich, dass Ugla gekidnappt wurde. Wie konnte uns das passieren? fragten die Blicke. Doch Sniugor fand schnell seine Fassung wieder, hob mit wildem Geheul an (Sitting Bull hätte’s glatt vom Gaul gekippt) und die Angst aus den Angeln.

„Auf Los geht’s los!“ schrie er, die Augen lauerten wie bei einem Fuchs, „Berge verbergen nicht lang die Geraubte, heut‘ Abend ist sie schon wieder befreit. Wenn nicht, dann morgen oder übermorgen. Jedenfalls bald!“

Sofort starteten sie die Verfolgung, kannten sich in der Gegend jedoch kaum aus, kamen nur langsam voran.

Ugla musterte ihre Entführer, fand an keinem Gefallen, verbarg jedoch ihr Gefühl fest verschnürt, gab sich den Anschein, als sie sei vom Mut der Männer beeindruckt und fühle sich errettet, befreit. Es war ein ausgefuchster Bluff. Sie narrte ihre Entführer, die sie für eine naive Närrin hielten. Dann aber packte sie listig schmunzelnd Elskukonas Schmierakel aus.

Mit fühlenden Fingern bestrich sie die Wunde, die an der Wade eines Kidnappers klaffte. Der spürte schnell Kühlung und leichte Linderung, lächelte ihr breitmäulig zu, als wollte er sagen: du bist was zum Vernaschen, viel zu schade fürs Tauschgeschäft. Und allzu gern hätte er gleich mal genascht. Die andren begehrten zu futtern.

Ugla wusste aus Erfahrung: ihre Stimme konnte Männern den Verstand rauben. Fröhlich fing sie abends am Feuer zu singen an („…denn im Wald…“, sie traf die Töne exakt, sang sehr sauber).

Solche Sängerinnen, die richtig die Töne trafen, waren damals äußerst selten, die Gabe des Gesangs war nur ganz wenigen gegeben. Die Horde, die in Höhlen hauste, horchte ganz aus dem Häuschen, vergaß jeden Hunger. Sie kamen in Stimmung, schoben die Schultern nach links und nach rechts hin und her (schlitzohrige Kulturhistoriker sprechen von prähistorischem Schunkeln), holten vergorenen Honig hervor, feierten, tranken, grölten, schnarchten sturzbetrunken in ein abgrundtiefes närrisches Nickerchen hinein. Die neblige Nacht nickte ihnen neunmalklug zu. Uglas List lähmte die Schnarcher, und ihr Trick triumphierte. Während Honiggebräu der Horde reihum die Augen zudrückte, verdrückte sie sich unversehens, nutzte die Gunst der Stunde, floh.

Ihre Augen durchdrangen Nacht und Nebel, nichts konnte sie aufhalten. Einer flüchtenden Gazelle gleich, sprang sie durch Gebirge, Gebüsch und Gehölz (Orientierungssinn besser als jedes Navi). Ihr ebenholzschwarzes Haar wirbelte im Wind, glänzte im Mondlicht, entkam Disteln und Dornengestrüpp. Sie hatte sich den Weg, den die Kidnapper mit ihr davongebraust waren, ganz genau eingeprägt. Da machte ihr keiner was vor, so etwas beherrschte sie perfekt.

Die Räuber schliefen ihren Rausch aus, klagten morgens kolossal über Kopfschmerzen, lamentierten über leere Mägen, beklagten den Verlust ihrer Beute, jammerten ziemlich juvenil. Der breitmäulige Lächler nahm’s locker, obwohl sein Bauch lärmte wie die Bäuche der Bande reihum. An Verfolgung war jedenfalls vorläufig nicht zu denken, was Ugla natürlich nicht wissen konnte, sie powerte pausenlos weiter.

Tags darauf stieß sie auf Sniugor und seine Männer, die sie fassungslos anstarrten: wie war es möglich, dass Ugla entkommen konnte, wie hatte sie das nur geschafft? Wie fand sie den Weg durch den weglosen Wald? Das machte sie baff, sie wurden ganz blass, konnten ihr ungläubiges Staunen kein bisschen verbergen.

Ugla verschaffte sich mit ihrer famosen Flucht gehörigen Respekt und mehr. Sie flößte den Männern Furcht ein, vor allem, als sie zu singen anfing („…halli, hallo…“).

Sniugors Augen klebten an Ugla, er konnte seine Augen nicht mehr vor ihr abwenden, war sich ganz sicher: das passiert mir kein zweites Mal.

Tagträume trugen ihn über die Wellen des Wassers ganz weit nach Westen in ein Land, das er nicht kannte, segelten mit ihm zu Strudeln des streunenden Stroms, den er nicht kannte. Er sah intelligente Indios, die er nicht kannte, die ihm aber sehr sympathisch erschienen. Ihr Stamm folgte fügsam der Frau, die sie anführte.

„Der stolze Strom wurde nach unserer famosen Führerin benannt“, erklärten die Indios im Chor, hielten kurz inne, ein Solist fügte feinsinnig hinzu: „Vielleicht war’s auch umgekehrt.“

Sniugor folgte ihnen und der Frau hellwach hüpfend auf sensiblen Sohlen, es kribbelte ihn von den Zehen bis in die Haarspitzen. Und als die Frau sich umdrehte, sah er, völlig verwirrt, in Uglas grinsendes Angesicht. Aus der Traum. Ohne schlimmes Erwachen.

Einen Tag lang warteten Ugla und ihre Begleiter kampfbereit auf die Entführer, doch die ließen sich nicht mehr blicken.

Wind wehte frisch aus Westen, trocknete die Täler der Tundra. Sniugor spürte ihn außen und innen, der Frauenraub hatte ihn nachdenklich gemacht.

Einst und beizeiten, als er noch ein dreister Draufgänger war, hatte sich Sniugor selber beim Frauenraub verdingt, nicht zuletzt bei solch Unternehmen Elskukona geschnappt. Wenn es einer Sippe an Frauen fehlte, war‘s allgemein üblich, den femininen Fundus anderer Sippen zu plündern. Allzu oft aber gerieten Raubzüge solcher Art in heftigen Gegenwind.

Sniugors Vater Töframur, ein energischer Eigenbrötler, weigerte sich stets vehement, gegen den Gegenwind anzukämpfen. Er machte sich bei den Räubern rar und bei solchen Raubzügen einfach nicht mit. Sehr wohl jedoch raubte er Waffen und Werkzeuge, wenn in der Sippe Bedarf bestand.

„Ich weigere mich, Weiber zu rauben“, sagte er ganz ruhig und mild entschlossen, „ich schau in die Augen, und schon bin ich hin.“

„Mann, rühmen kann dich deswegen keiner“, kommentierten die Frauenräuber abschätzig.

Übrigens: warum die Augen der hübschesten Frauen seine Augen Schach matt setzten, erschloss sich ihm nicht. Es waren nämlich seine Augen, die den Frauen durch und durch gingen. Ihre Augen waren quasi nur der Return. Seine Augen platzierten perfekte Treffer, schlugen ein wie ein As beim Aufschlag des Tenniscracks. Die Frauen brachten gern ihre Bälle ins Spiel, lagen gern in seinen Armen, gaben sich widerstandslos geschlagen. Eine sagte mal:

„Töframur ist ein Zauberer, seine Augen verzaubern mich ganz ohne Abrakadabra und Mutabor.“

„Is‘ wahr?“ fragte ‘ne andere bestätigend, die’s gleichfalls spürte. Sie hielten ihn für ‘nen echten Herrn. Geschniegelt in Leder und Fellen. Nix aus der Kleiderkammer.

Er selbst bekam das gar nicht mit, hielt herrisches Mannesgebahren ohnehin für Hokuspokus.

Jedenfalls schaute Sniugors Vater sehr gern in die Augen der Frauen, besonders in die der Schönen, gern auch ganz tief ohne Simsalabim. Doch Frauen rauben, das war nicht sein Ding. Wenn einer über die ‚jungen Dinger‘ herzog und damit die Geraubten meinte, zog Sniugors Vater ihn nah an sich heran, boxte dem Bengel gegen die Brust, löste ihm dabei trickreich den Gürtel, sodass dieser zwischen den Beinen baumelte, forderte ihn dann im Befehlston auf:

„Bring erstmal dein Dingsbums in Ordnung, du bist mir ein schöner Frauenräuber! Nein, ein hässlicher! Gleich stolperst du über deinen Gürtel. Es macht bums und du liegst auf der Schnauze.“

Da johlte die männliche Sippschaft, brach in schallendes Gelächter aus, verpasste akustisch dem Kerl eine schallende Ohrfeige, deren Echo noch lange nachklang.

Fazit: Für Sniugors Vater war Frauenraub ein Fauxpas, den er partout nicht begehen wollte.

Die anderen Männer schritten jedoch fortgesetzt zu diesem Fauxpas, wenn es an Frauen fehlte. Sie stimulierten sich gegenseitig mit gierigen Gebärden, stachelten sich stoßkräftig an, mancher Stoß brachte manchen zu Fall. Sie ballten die Fäuste, gerieten mehr und mehr in Rage, gestikulierten, als führten sie einen Kriegstanz auf, schaukelten schamlos ihre Gelüste hoch. Hormone hebelten Hirne aus.

„Mir schwappt der Samen gegen die Pupille“, jammerte ein junger Jäger jonglierend mit seinen Schenkeln, die Frauen hatten sich seinen Gelüsten schon wochenlang wehrhaft verweigert, er kam ihnen häufig zu hastig und holterdiepolter. Alle lachten ihn deswegen aus, ihm war’s nicht zum Lachen.

Auch anderen Männern verging das Lachen bisweilen im Wartestand gründlich. (Frauen waren nicht immer bei Laune. Lustlosigkeit, Kopfweh, Migräne, was alles so dazwischen kommen kann.) Sie warfen begehrliche Blicke auf alles Weibliche, verwickelten sich frustriert in den Wahn der Waffen. (Remulus rockt die Römer, fällt ins fremde Revier ein, raubt die Sabinerinnen, die ihrerseits Frieden vermitteln.)

„Potztausend, sie gehen mit hundert Puls auf die Pirsch!“ posaunte ein Phallusnarr, der, in die Jahre gekommen, die Pirsch nicht mehr schaffte mit seinen erschlafften Gebeinen, jenseits von Gut und Böse gelagert. Was er hinausposaunte, wusste er kurz drauf selbst nicht mehr. Meist brabbelte er nur noch herum wie ein Baby, wurde oft wässerig, in den Augen und sonstwo, plumpste mit seinem Po auf den Aschenboden, sprang schreiend sofort wieder hoch, hatte mal wieder vergessen, dass Asche noch glühend heiß sein konnte.

Sniugor, ins Nachdenken versunken, lauschte, lauschte:

Lysistrata, Lysistrata - lyrisch ließen die Lüfte ihr Lied erklingen, fraulichen Frieden zu künden. Sniugor lauschte berauscht, er ruhte im Rausch - bewusst begriff er rein gar nichts.

Doch immerhin: mit schneidender Klarheit kam er zum Ergebnis: „Mit Frauenraub ist bei mir Sense.“

Der Schnitter schonte sein Leben recht lang.

’s funkt im Schnee

Ufur, Sniugors Sohn, hätte den Vater allzu gern beim Frauenkauf begleitet, am liebsten erst mal quer durch die Tundra Brautschau gehalten. Dem Geschmack des Vaters traute er nicht übern Weg. Als Beweis betrachtete er missmutig manchmal sogar die eigene Mutter, wobei seine Betrachtung in dieser Hinsicht wahrlich abgeschmackt abstürzte. Wie dem auch war, er hätte lieber selber gebuhlt und war entschlossen, den Frauenkauf des Vaters notorisch zu negieren. Er wollte, wenn es ihm einmal danach sein sollte, sich selbst eine Frau beziehungsweise Frauen aussuchen, gleichwohl des Vaters Mahnung im Gepäck: „Du bist bei Weibern zu wählerisch.“ Vorerst verschwendete er keinen ernsthaften Gedanken an den Erwerb eines Weibes, wie es dem Vater vorschwebte. Noch fühlte er sich lieber frei denn als Freier.

Als Sniugors Ankunft mit Ugla vermeldet wurde, verschwand Ufur Hals über Kopf aus der Schlucht. Sniugor bekam einen dicken Hals, schüttelte heftigst den Kopf, als ihm Ufurs Verschwinden gemeldet wurde.

„Missratenes Mannsbild“, meckerte er, „muss bei der Erziehung was schief gelaufen sein.“

Laufend beschwerte er sich deswegen bei Elskukona, die still neben ihm stand, sich nicht angesprochen fühlte. Sein Unmut blieb ihm im Halse stecken, da konnte er sich auskotzen, so viel er wollte.

In Elskukona schnellte die Eifersucht hoch, als sie Ugla zum ersten Mal sah. Sie eilte zur Düssel, beugte sich über das Wasser, das sprudelnd ihr Spiegelbild völlig verzerrte. Sie wartete geduldig, bis das Gewässer sich glättete, das dauerte dämlich lange, wie sie empfand. Dann aber spiegelte das Wasser Wahrheit, die ihren Wünschen zuwider lief: weibliche Wachablösung.

Ugla, die stolz und schüchtern mit schneeweißer Haut im Schein des offenbarenden Feuers stand, stand da als die Schönste im Land. Ihr langer Zopf eine Zierde, schwarz wie Ebenholz, schwebte um ihre Schultern im Wind.

Elskukona erhob sich von den wahrhaftigen Wassern, schluckte jedes aufbegehrende Widerwort resignierend runter, zumal es ohnehin den Bach runter gegangen wäre, ließ sich vom Winde beschwichtigen. Sie wurde keine böse Schwiegermutter. Aber von spiegelnden Wassern hatte sie von Stund an die Schnauze voll.

Die anderen Frauen der Sippe berührte Uglas allgemein erwartete Ankunft kaum. Schließlich hatten sie auch keinen Rang zu räumen. Aber sie blieben recht reserviert. Eine Strömung von Sturheit und Starrsinn staute sich hinter den Stirnen, wenn von Zeit zu Zeit eine fremde Frau in die Sippe eingeschleust werden sollte, sei es nach einem Frauenraub, Frauenkauf oder Frauentausch. Neuankömmlinge hatten es nie leicht. Zunächst blieb ihnen nur eine Außenseiterrolle. Das Fremde flößte Furcht ein. Doch die Furcht verschwand mit der Zeit. Dann hielten Lästermäuler ihre Klappe, Integration klappte. Bei Ugla gelang sie ganz schnell. Das lag an ihr. Sie ging dabei in kluger Weise vor.

Ugla betrachtete die neuen Gefährtinnen mit glasklarem Blick. Sie war entschlossen zu bleiben. Warum, war ihr im Grunde selber nicht klar. Und: sie war fest entschlossen, sie selbst zu bleiben. Bereitwillig, behutsam begab sie sich in die Sippe, nahm Gepflogenheiten, Gebräuche gerne und wissbegierig wahr, passte sich an, passte dabei auf sich auf, lehnte ab, was ihr nicht passte, gehörte in Windeseile dazu. Eine freundliche Fee flüsterte ihr das Orakel ins Ohr: „Du wärst die perfekte Integrationsbeauftragte.“ Ugla grübelte: was für ein wirres Wort, sooo viele Buchstaben, Wahnsinn.

Ufur indes unterstand sich, an Umkehr zu denken. Er wurde zum Schrecken sämtlicher Sippen des Umlandes, marodierte ruhelos an den Mäandern des Flusses (der später Vater Rhein genannt wurde - „o, du wunderschöner…“, wäre ein Lied für Ugla gewesen, hätte sie es gekannt). Er fand manche Frau, der er gefiel, fand aber an keiner Gefallen. Er zeugte, zog weiter, verfolgt von Vätern, versteckte sich in verwunschenen Wäldern, scheute die finstersten Fluchtwege nicht.

Doch dann: Im dritten Winter wehte der Wind von Osten heftiges Heimweh in Ufurs Herz. Strahlende Gesichter der heimischen Höhle tauchten in seiner Erinnerung auf, stimulierten die Sehnsucht nach Heimkehr, die jede Nacht und auch manchmal am Tag seine Träume zu durchstreifen begann. Nahezu mit Siebenmeilenstiefeln eilte er zur Höhle der Herkunft. Von weitem erspähte er Ugla. Noch viel, viel früher erkannte der Vater die Heimkehr des Sohnes.

Feierlich erhob sich Sniugor am Feuer, obwohl Ufur noch gar nicht angekommen, geschweige zu sehen war, breitete weit seine Arme aus, schlug sich dreimal an die Brust, sprach:

„Er kommt, er kommt, er kommt! Röstet das Ferkel auf dem Feuer, ein Festmahl ist fällig!“

Elskukona stöhnte: „Schon wieder, schon wieder, schon wieder...“. Sie irrte und irrte auch nicht.

Ugla schritt schlank durch den Schnee, schöpfte mit einem ledernen Behältnis, ähnlich einem riesigen Boxbeutel, Wasser aus der Düssel, die zögerlich aber zunehmend zufror. Ihr geschmeidiger Gang fand Ufurs Gefallen. Ihr ebenholzschwarzes, wehendes Haar weckte behutsam Begehren. Ugla lieferte das Behältnis bei Elskukona ab, die es beiseite nahm, da sie es zur Bearbeitung restlicher Felle benötigte. Dann setzte sich Ugla unter die einsame Ulme, die tief hinein in die Erde der Welt ihre Wurzeln trieb.

Ufur tauchte urplötzlich auf, tat so, als sei er gerade mal kurz weggewesen, nur um seine Notdurft zu verrichten, trat zu ihr, sie lachten sich an. Funken flogen im Schnee, brannten von nun an beständig in Busen und Lenden.

Winterwelt

Der Winter ging Anfang März martialisch in die Verlängerung. Frost fesselte Frauen und Männer monatelang ans Feuer. Im Heck der Höhle schmolzen Vorräte zusehends hin, am Bug schaukelten sich Eisschichten knirschend hoch, drohten den Zugang bald zu verschließen. Polare Stürme schlugen mit eisigen Ketten krachend hinein in die Schlucht. Wandernde Wölfe wählten, ihren Instinkt missachtend, seit Wochen die Nähe der Sippe, nächtigten im Schein des Feuers, wanderten tagsüber mehr wimmernd als heulend, abgemagert, ausgemergelt, angstvoll über die Schollen der Düssel. Kinder kauerten gekrümmt, bibberten in dreifachen Biberfellen, Morgen für Morgen trug man eins nach dem anderen steif nach draußen, wusste, die Wölfe würden es danken (welch ein dreckiger Dank…). Als die schlimmsten Stürme nachließen, schleppte wirrer Wind sich noch lang in den Krallen der Kälte über das Kalkgestein.

Málari, Sniugors jüngerer Bruder (der mit dem besseren Bizeps, dessen beim Malen er niemals bedurfte) malte Sterne an Felswände, dort wo sich die Höhle in andauerndem Dunkel verkroch. Ufur und Ugla umstanden das Bild, sprachen kein Wort, Sniugor erschien mit flackernder Fackel, murmelte:

„Zu heiß, zu fern.“ Er bat seinen Bruder, die Sonne zu malen. Málari malte den Mond.

Als im Juni der Winter die Gefangenen entließ, waren sie nur noch zehn an der Zahl. Die Fänge des Frostes hatten die Sippe mehr als halbiert. Kinder und Alte fehlten komplett.

Auf der Anhöhe oberhalb des Lagers stand Sniugor, allein und verlassen, überließ seine Augen der Nacht. Sie verloren sich zwischen Schwaden ferner Gestirne. Er fand keine Fragen. Niemand würde je Antworten finden. Ein Kolkrabe mit einem Keks im Schnabel und mit den Augen der Eule kam auf Sniugors Schulter geflogen, sein dicker Leib nützte dem Vogel nichts, denn der war leer. Er krächzte ganz komisch, wie ein erkälteter Gelehrter. Aufgeplustert glich sein Gefieder einer gepuderten Perücke, mahnend sah er Sniugor an:

„Diese Welt ist die bestmögliche.“

Sniugor rügte den Raben mit den Augen der Eule, glaubte ihm nicht, hörte‘s Gekrächze dennoch ganz gern.

Wie lange Sniugor auf der Anhöhe stand, weiß kein Mensch (und wenn er nicht gestorben ist, dann steht er noch heute auf moosigem Felsen in Sturm und Feuersbrausen und singt: Der Wind, der Wind, das himmlische Kind…). Es braucht auch niemand zu wissen, wie Wind und Wolken sich seiner annahmen, ihn umhüllten, ihn über die Tragödie des Tales trugen. Nicht nur ihn, die anderen auch. (Wer waren die anderen?)

Als Sniugor wieder ins Lager kam, fragte ihn Elskukona:

„Was ist denn mit dir passiert?“

„Was soll mit mir passiert sein?“

„Du bist ja ganz kahl auf dem Kopf, dein Haar ist versengt, das sieht brenzlig und lustig aus.“

Sniugor betastete erst vorsichtig, dann fest und absolut schmerzfrei seinen Schopf, stellte fest: sie hat Recht, da ist eine kreisrunde, kahle Stelle. (Im Talar hätte sie einer Tonsur geglichen, Mief war noch kein Thema.) Elskukona schaute ihn an, lächelte lieb:

„Diese Frisur finde ich spitze, dein Kopf sieht aus wie eine Bergkuppe, die über die Baumgrenze guckt, holdrio!“

Sniugor strahlte übers ganze Gesicht und Elskukona an. Lieblicher Windhauch lungerte in der Luft herum, wehte die Locken aus ihrem Gesicht bis hinter die Ohren, kraulte seinen Kopf am kahlen Kreisrund. Sie sahen sich an, um Jahre verjüngt.

Von Angesicht zu Angesicht

In der Morgenfrühe lag Reif auf dem moosigen Felsen. Ufur liebkoste Uglas Nacken, als beide fest auf dem Felsen standen, sie vor ihm, er hinter ihr. Er ergriff beide Brüste. Sie wehrte ab, schob seine Arme beiseite, drehte sich um.

Ugla betrachtete Ufurs Beine: schlank, gebräunt und narbenfrei. Ufur betrachtete Uglas Busen: rotbraun, rein und runzelfrei. Und siehe da, siehe da…, schüchtern schlugen sie ihre Augen nieder und schauten (wohin? wohin?), verharrten, schwiegen. Aus dem Schweigen schwänzelten Schwingungen. Ugla hochgestimmt. Ufur barst vor Mannesmusik. Schwingungen, Schwellungen, Schnaufen, Schweben, Schweigen, Schwingungen: sie erkannten einander von Angesicht zu Angesicht. Wind sah es fast verwundert, kreiste um sie herum wie ein Kind, das einen Adler beim Landeflug nachahmt. (Neanders Hymne hätte perfekt gepasst.)

Er saß erschlafft, schob schützend die Schenkel um ihre Schönheit. Sie scheute sich nicht, in die Sonne zu schauen, neigte schließlich den Nacken, drückte den Kopf unter sein Kinn. Er roch ihren Rücken vom Hals bis zur Hüfte, wusste nicht mehr: war er er, war er sie? Er schmiegte die Lippen auf ihre Schulter, sie legte die Wangen auf seinen Arm – alles von Angesicht zu Angesicht. Wind weilte sprachlos (ganz entgegen seiner Natur).

Luchs und Luchsin, Fuchs und Füchsin lauerten im Graben unter dem Moos. Lieben zu lernen, lag ihnen nicht, bei ihnen regierte die Ranz.

Das Feuer versammelte wieder die gesamte Sippschaft, inklusive Ugla und Ufur. Frauen der Sippe nähten aus Fellen ganz verschiedener Tiere Bekleidung, wie die Mode es vorschrieb, patchworklike, vielfarbig und gescheckt, vom Bär, vom Biber, vom Moschusochsen, vom Marderhund, vom Fuchs, vom Luchs. Ugla und Ufur maßen nicht nach der Mode, sie gehorchten dem eigenen Geschmack, sie trugen Bekleidung aus einem einzigen Bärenfell. Eine seltsame Sitte in den Augen der anderen. Noch seltsamer: Ufur liebte nur Ugla.