Blond kickt gut - Jessica Kastrop - E-Book

Blond kickt gut E-Book

Jessica Kastrop

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Beschreibung

Erfahren Sie die Geheimnisse der Bundesliga aus erster Hand - von der charmanten Fußballexpertin Jessica Kastrop! Jessica Kastrop ist nicht nur blond, hübsch und schlagfertig – sie kennt auch die Abseitsregel und alle Spieler der Bundesliga beim Namen. Als erfahrene Sportjournalistin gibt sie in Blond kickt gut einen aufschlussreichen Einblick in die geheimnisvolle Welt der Fußballstars. Mit Charme, Witz und Insider-Wissen nimmt sie die Leser mit hinter die Kulissen des Profifußballs und verrät, was nach dem Spiel in der Kabine passiert! Kastrop teilt in diesem humorvollen Buch ihre persönlichen Erlebnisse und Anekdoten aus ihrer Karriere als Fußballreporterin. Dabei gewährt sie nicht nur spannende Einblicke in den Alltag einer Sportjournalistin, sondern erzählt auch von ihren Begegnungen mit den größten Stars des deutschen Fußballs. Ein absolutes Muss für alle Fußballfans, die mehr über die Menschen hinter dem Spiel erfahren möchten!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 256

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Jessica Kastrop

Blond kickt gut

Bekenntnisse einer Fußballreporterin

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Jessica Kastrop ist nicht nur blond, hübsch und schlagfertig – sie kennt auch die Abseitsregel und alle Spieler der Bundesliga beim Namen. Kastrop gibt einen aufschlussreichen Einblick in die geheimnisvolle Welt der Fußballstars, denn sie ist nicht nur eine erfahrene Sportjournalistin: Sie weiß auch, was nach dem Spiel in der Kabine passiert!

Inhaltsübersicht

Widmung

Motto

Einleitung

Teil eins: Mit dem Moped auf den Betzenberg

Landluft-Kindheit

Herzensangelegenheit

Leichte und schwere Jahre

Du schaust drein wie ein hypnotisiertes Kaninchen

Bielefeld gibt Kilometergeld, Gütersloh macht froh

Wo rennt der Kerner bloß hin?

Ich habe so was von fertig

Teil zwei: »Bild«-Zeitungs-Jahre

Die Mutter aller Niederlagen

Die Unterhaching-Expertin

Jagd auf Graf und Agassi

Die größten Skandale

Der Zorn des Titanen

Mein journalistisches Waterloo

Teil drei: Zittert das Mikro?

Das Casting

Trainer, ich hab mich in Sie verliebt

Bundesliga-Debüt

Hilfe, ich muss vor die Kamera!

Da ist die Fahne und andere Aufreger!

Erster Knockout in Burghausen

Mein Sommermärchen

Fliegende Kassenrollen

Flirt mit Hollywood

Teil vier: Kopfball-Kuriositäten

Die Frau mit dem Kopfschuss

The woman that got shot with the ball in the head

Bierduschen und weitere Zwischenfälle

Des Kaisers neue Namen

Der Heiratsantrag

Der frühe Vogel fängt noch lange keinen Wurm

Good guy, bad guy

Kabinen-Geheimnisse

Teil fünf: Wichtig is auf’m Platz

Zieh sofort dieses Kleid aus!

Hinter den Kulissen

Fußballfan-Hommage

Wembley calling!

Jupp, Basti und das »Triple«

Pokernächte

Epilog

Quellenangabe

Danksagung

Für meine Eltern,

in Liebe und Dankbarkeit.

 

Allen Fußballfans gewidmet.

»Man soll sich nie mit einer Sache gemeinmachen. Auch nicht mit einer guten.«

Hanns Joachim Friedrichs

 

»Der Fußball hat mir alles gegeben. Alles.«

Günter Netzer

 

»Erfolg dauert nicht ewig. Misserfolg ist kein Verhängnis. Den Mut zu haben weiterzumachen, das zählt.«

Sir Winston Churchill

Einleitung

Die erste Frage an mich ist immer die gleiche. Zumeist zögert der Fragesteller kurz, räuspert sich, um dann schließlich in Windeseile die entscheidenden fünf Wörter herauszupressen: »Hat das eigentlich weh getan?«

Fünf Wörter.

Hat – das – eigentlich – weh – getan.

Ja, hat es.

Sehr sogar.

Manchmal überlege ich, mir diese fünf Wörter später in den Grabstein meißeln zu lassen. Dort würde die Frage schließlich einen tieferen Sinn ergeben, der tragikomische Gedanke einer Lebens-Überschrift:

»Hat das eigentlich weh getan?«

Was? Das Leben? Tut das Leben weh? Oft. Manchmal. Meistens. Je nachdem. Kann schon mal passieren, muss aber nicht. Immer öfter ist es einfach großartig.

Der Tag, der mein Leben verändern sollte, begann unspektakulär. Es war ein Sonntag im August, und ich musste wie jedes Wochenende zur Arbeit. Als Sportreporterin kann ich die freien Wochenenden im Jahr schließlich an zwei Händen abzählen. Mainz 05 spielte gegen den VfB Stuttgart, und so nahm ich von München aus eine frühe Maschine nach Frankfurt, eilte nach der Landung sofort zum Mietwagenschalter, wo mir ein freundlicher Mitarbeiter netterweise ein Auto aus einer höheren Wagenklasse gab als die, die ich gebucht hatte (»Sie sehen nicht so aus, als ob Sie einen Kleinwagen fahren möchten«), und nahm den direkten Weg ins Mainzer Bruchwegstadion.

Unsere Übertragung begann um 15.15 Uhr. Conny Luttringer war für die Regie verantwortlich, Christine Neu hatte mich so weit wie möglich restauriert, und mein erster Gesprächspartner war Stuttgarts Sportdirektor und heutiger Vorstand Fredi Bobic.

Gegen 15.19 Uhr, also vier Minuten nach Sendestart, ich moderierte gerade ein Interview meines Kollegen Simon Südel mit dem damaligen VfB-Trainer Christian Gross an, traf mich urplötzlich ein Schuss von Khalid Boulahrouz aus rund vierzig Meter Entfernung direkt am Hinterkopf. Autsch!

Das Geschoss entwickelte eine solche Wucht, dass ich mit der Stirn auf die Tischplatte des Moderationspultes knallte. Das Mikrofon fiel mir beinahe aus der Hand, vor meinem inneren Auge tanzten Millionen von Sternen. Völlig verdattert flüsterte ich der Regisseurin zu: »Conny, war das jetzt eben noch zu sehen?« Leise sagte sie: »Ja, meine Liebe, das war es …«

Mir dröhnte der Schädel, doch es half nichts. The Show must go on! Ich musste weitermoderieren. Es war eine Live-Sendung, viele Menschen zählten auf mich, und ich wollte niemanden enttäuschen. Die Kopfschmerzen ebbten rasch ab, doch ich fühlte mich, als ob ich in einer großen Wattewolke schwebte. Alle Geräusche erschienen mir weit weg und irgendwie dumpf. Als ich am späten Abend wieder zu Hause in München ankam, schob ich das Erlebte innerlich in eine kleine Schublade, wollte diese abschließen und den Schlüssel in die Isar werfen. Doch da hatte ich die Rechnung ohne das Internet gemacht.

Das Video mit meinem »Kopfball« landete noch am gleichen Tag auf »YouTube« und verzeichnete binnen Stunden zigtausend Klicks. Dann rief noch ein Reporter der »Bild«-Zeitung an und fragte, ob es in Ordnung sei, wenn der Springer-Verlag den Ausschnitt auch auf seiner Plattform »bild.de« zeige. Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass ich unvermutet an den schmerzhaften Zwischenfall erinnert wurde.

Deshalb lautet die Antwort auf die Eingangsfrage: Ja. Es hat weh getan, ziemlich sogar. Im Nachhinein bin ich dem Schützen Khalid Boulahrouz aber sehr, sehr dankbar, denn ich betrachte diesen »Kopfball« fortan als Wink des Universums.

Über zwanzig Millionen Menschen sahen den Clip im Internet oder im Fernsehen, und sie alle mussten schmunzeln. Sollte ich dementsprechend zwanzig Millionen Menschen ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben, so war es den Schmerz hundertprozentig wert. Die »Bild« schenkte mir eine Schlagzeile mit den Wörtern »schön« und »weltberühmt« darin. Wenn es am besten ist, soll man bekanntlich aufhören, aber dazu fehlten mir dann doch die Mittel. Außerdem sehe ich den »Kopfball« nur als Nebenprodukt meiner Arbeit, auch wenn ich sehr gut die Macht der Bilder verstehe, eine Macht, der man sich eben nicht so leicht entziehen kann.

Merkwürdige Szenen am Spielfeldrand können skurrile Folgen haben. Jessica Kastrop, nun also auch bekannt für Pleiten, Pech und Pannen, das kann ich absolut mit Humor nehmen. Mittlerweile blicke ich auf zwanzig Jahre Sportjournalismus zurück und darf jedes Wochenende dabei sein, wenn die Bundesliga ihre Tore öffnet, und kenne fast jedes Stadion in Europa. Fußball ist seit Jahren meine größte Leidenschaft, mehr als nur ein Hobby, und wenn ich an einem Spieltag im Herbst den Rasen rieche, dann bin ich mir zu hundert Prozent sicher, dass ich nirgendwo anders hingehöre. Der Fußball hat mir alles gegeben, und ich kann nicht ohne ihn sein. Auf der Gala zu 50 Jahren Bundesliga in Berlin war ich eine der ganz wenigen Frauen und sehr stolz darauf, eingeladen worden zu sein. Es fühlte sich an wie ein Klassentreffen, nur dass man immer gerne zur Schule gegangen ist.

Ich liebe meinen Beruf über alles, auch wenn es Phasen gab, in denen ich daran gezweifelt habe, ob mir beim Marathon in dieser Männerdomäne nicht doch irgendwann die Puste ausgeht. Denn dass eine Frau am Spielfeldrand steht und von der Bundesliga berichtet, hat für viele immer noch den Charme eines Kanarienvogels inmitten eines Schwarms Spatzen.

Und wenn jeder Mann für Bemerkungen wie »Die hat doch keine Ahnung von Fußball« nur einen Euro in eine Chauvinisten-Kasse blechen müsste, wäre ich sicher auch keine arme Frau. Dennoch spüre ich natürlich, dass sich die Dinge verändern, und das ist gut so.

Mädchen spielen Fußball, Frauen leiten IT-Unternehmen, und trotzdem gibt es so gut wie keine Frauen in Führungspositionen in DAX-Konzernen. Immer noch ist das Gehaltsgefälle zwischen Männern und Frauen bei gleichen Berufen viel zu groß in Deutschland. Und immer noch sitzen die Herren recht alleine in ihrem Ingenieursstudium. Es wäre doch schön, wenn mehr Frauen sich trauten, Berufe zu ergreifen, die nicht unbedingt auf den ersten Blick übermäßig weiblich erscheinen. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert, und die Erde ist nach neuerem Wissensstand keine Scheibe!

 

Mittlerweile kann ich mir ein Leben außerhalb der »Männerdomäne« Bundesliga gar nicht mehr vorstellen. Und ein Leben ohne die zahlreichen männlichen Kollegen auch nicht. Glücklich »allein« unter Männern? Das ist nicht immer einfach, aber durchaus möglich.

Mein Vater hat mir gepredigt: »Du darfst immer wieder hinfallen, aber du darfst nicht k.o. gehen.« Pannen-Jessi ist oft hingefallen, bislang aber auch immer wieder aufgestanden. Ich habe auch nicht vor, das zu ändern.

Das Leben gestaltet sich ohnehin stets nach dem gleichen Motto: Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt. Und das nicht nur für die Menschen, die irgendwann den Tipp bekommen, ab 18 Uhr keine feste Nahrung mehr zu sich zu nehmen, um ihr Körpergewicht zu halbieren. Das funktioniert auch nur bedingt. Wenn Ihnen Ihr Traummann vors Auto läuft, wäre es wünschenswert, dass Sie nicht schneller als Tempo 30 fahren. Und wenn einem ein Ball an den Kopf knallt, sollte man besser darauf vorbereitet sein.

Umso merkwürdiger, dass ich zwar Sportreporterin bin, aber sehr schlecht kicken kann. Mir wurde bereits früh mangelndes Ballgefühl attestiert. Trotzdem hat mir das Leben im Laufe von zwanzig Jahren im Sportjournalismus ganz wunderbare Pässe vor die Füße gespielt, skurrile, interessante, traurige, spannende, verrückte, magische und auch tragische Dinge, die ich hier in diesem Buch aufgeschrieben habe, das doch weit mehr geworden ist als nur eine Reise durch die Fußballstadien.

 

Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit meinen Geschichten.

Teil eins: Mit dem Moped auf den Betzenberg

Landluft-Kindheit

Mit dem runden Leder kam ich zum ersten Mal in Berührung, als ich drei Tage alt war. Ich hatte am 11. Juni per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblickt, knapp achtundvierzig Stunden vor dem Eröffnungsspiel der Weltmeisterschaft 74, Jugoslawien gegen Brasilien. Ergebnis: null zu null. Da es sich dabei, also nicht bei dem Spiel, um eine recht komplizierte Geburt gehandelt hatte, waren meine Mutter und ich gezwungen, noch einige Tage im Krankenhaus zu bleiben. Und das während der Weltmeisterschaft im eigenen Land!

Mein Vater schleppte in Anbetracht dieser Tatsache für ihn folgerichtig den damals ersten und einzigen Fernseher auf die Neugeborenenstation der Klinik. Das erste Spiel, das ich als Baby gezwungenermaßen schaute, war das 1:0 der deutschen Nationalmannschaft gegen Chile. Paul Breitner erzielte den Siegtreffer in der 18. Minute, die ganze Station jubelte, und ich habe wohl den Großteil dieses ersten Spiels, das das deutsche Team auch nur mit viel Mühe gewinnen konnte, großzügig verschlafen. Wir sahen gemeinsam dann noch das 3:0 gegen Außenseiter Australien und die historische Niederlage gegen die DDR.

Und so wurde mir meine Leidenschaft vielleicht nicht in die Wiege gelegt, aber zumindest neben das Bett gestellt. Schon früh wurde ich Zeugin der verbindenden Wirkung des Fußballs, denn unser Zimmer war jeden Tag bevölkert von diversen anderen Vätern und Müttern, die sich das Großereignis nicht entgehen lassen wollten. Mein Vater trägt übrigens noch heute die gleiche Frisur wie Günter Netzer, nur an den Ohren etwas kürzer.

Für Netzer sollte diese WM eine Enttäuschung werden. Und als Deutschland mit Beckenbauer, Maier, Breitner, Schwarzenbeck, Overath etc., aber eben ohne Netzer mit einem 2:1-Sieg über brillante Holländer am 7. Juli 1974 Weltmeister wurde, hatte ich bereits mit meinen Eltern die Klinik verlassen. Erst später erfuhr ich, dass den Helden als Prämie damals 60000 D-Mark bezahlt wurden, und obendrauf gab es einen VW-Käfer.

Ich verschlief auch den Eklat, zu dem es beim Festbankett kam. Der DFB hatte die Frauen nicht eingeladen, worüber Gerd Müller und Wolfgang Overath so erbost waren, dass sie sofort aus der Nationalmannschaft austraten.

Und so wie es für die deutschen Helden einige Jahre bis zum nächsten Titel dauern sollte, brauchte auch ich Zeit, bis sich mein postnatales Erlebnis zu einer Leidenschaft entfalten sollte. Was es aber fast zwangsläufig tat, eine Frage der Gene, denn mein Vater stammt aus dem Ruhrgebiet, wo Fußball als Religion leicht dem Christentum den Rang abläuft. Meine Mutter stammt aus Oberschlesien, sie ist also entschuldigt, dass sie keinen Fußballvirus in sich trägt.

Meine Mutter musste mit meiner Großmutter und zwei Geschwistern Anfang 1945 aus ihrer Heimat fliehen. Die »große Flucht« entwickelte sich im Januar und Februar 1945 in Schlesien, Pommern und Westpommern zu einer Massenbewegung, Tausende verließen ihre Häuser, ließen all ihr Hab und Gut zurück und flüchteten vor der heranrückenden Roten Armee Richtung Westen. Meine Großmutter versuchte, sich und ihre Kinder mit dem Allernotwendigsten in Sicherheit zu bringen – mit einem Bollerwagen, bei Minustemperaturen und in ständiger Angst, von der Front eingeholt zu werden.

Monatelang dauerte die Irrfahrt meiner Mutter, und niemand wusste zu der Zeit, ob mein Großvater überhaupt noch lebte, geschweige denn, wo er sich befand. Im Februar 1945 erkrankten meine Mutter und ihr älterer Bruder an Scharlach, was ihnen kurioserweise das Leben rettete. Denn das Fluchtziel meiner Großmutter lautete eigentlich Dresden. Eine Stadt, die noch als Verkehrsknotenpunkt galt und demnach als Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus allen Ostgebieten diente. Meine Großmutter wäre exakt zur großen Bombardierungswelle vom 13. bis 15. Februar 1945 dort angekommen, wenn die beiden kranken Kinder sie nicht an der Weiterreise gehindert hätten. Wer weiß, ob sie die vier Angriffswellen der Royal Air Force überlebt hätten, bei denen insgesamt rund 25000 Menschen starben.

Während der Flucht hörte meine Mutter auf zu sprechen. Sie war knapp zwei Jahre alt und hatte vor der beschwerlichen Flucht schon viele Wörter vor sich hin geplappert. Aber in den Kriegswirren beschloss sie wohl, keinen Mucks mehr von sich zu geben. Es dauerte mehrere Monate, bis sie langsam wieder anfing zu reden.

Nach Monaten der Entbehrungen erreichten meine Großmutter und die Kinder schließlich das Saarland. So wuchs meine Mutter im beschaulichen Göttelborn auf. Die Familie hatte jeglichen Besitz in Oberschlesien zurücklassen müssen. Glücklicherweise kehrte zumindest mein Großvater unversehrt aus dem Krieg zurück. Die kleine Jutta liebte schöne Kleider und brachte sich selbst das Nähen bei. Sie wollte Mode studieren, fügte sich aber dem Willen ihrer Familie, die einen anderen Beruf für sie vorgesehen hatte: den der Lehrerin.

Meine Eltern lernten sich an der Universität Saarbrücken kennen, genauer gesagt bei einem Skiausflug, den die Uni organisiert hatte. Gemeinsam fanden sie nach dem Studium schließlich Stellen in Pirmasens, einer kleinen Stadt in der Westpfalz, deren Charme sich nicht immer auf den ersten Blick erschließt. Allerdings liegt sie wunderschön im größten zusammenhängenden europäischen Waldgebiet, dem Pfälzer Wald, und es sind nur zehn Minuten zur französischen Grenze.

Der Ort durfte sich rühmen, einst das Mekka der deutschen Schuhindustrie gewesen zu sein, in 310 Fabriken wurden Leisten gezimmert, Lederstücke zusammengenäht und schließlich qualitativ hochwertige Damen- oder Herrentreter gefertigt. Heute existieren leider nicht einmal mehr 40 Unternehmen, und davon produzieren die meisten auch noch im Ausland, was wiederum erklärt, warum die Arbeitslosenquote in Hochzeiten bei rund 20 Prozent lag und von ursprünglich 60000 Einwohnern gerade mal 40000 übrig geblieben sind. Eigentlich schade, denn die Stadt hat einiges zu bieten, unter anderem den FK Pirmasens, der zweimal an der ersten Bundesliga anklopfte, aber beide Male in der Relegation scheiterte. Aus ökologischen Gründen wurde in den Achtzigern ein Autobahnanschluss verhindert (»Stoppt den Wahn – durch den Pfälzer Wald keine Autobahn«), was es der Region wirtschaftlich noch schwerer machte. Immerhin gibt es jetzt aber eine Rehbrücke und sichere Krötenwanderungen.

Meine Kindheit verlief glücklich in einer Doppelhaushälfte am Stadtrand von Pirmasens, in dem schönen Stadtteil »Ruhbank«.

Die Sommer verbrachten wir meistens im Ruhrgebiet, wo mein Vater versuchte, mir in der Auffahrt zum Haus meiner Großmutter, Federball beizubringen. Doch wenn ich aufschlug und den Schläger zum Ball bringen wollte, landete der Federball auf dem Boden. Es war zum Heulen, und ich vermute, das tat ich auch. Oft und ausgiebig. Bei 20 Versuchen traf ich den vermaledeiten Federball vielleicht fünfmal. Und das schätze ich mit dem verklärten Blick auf die Vergangenheit.

Mein Vater behauptete, ich hätte Probleme mit der Auge-Hand-Koordination. Bis heute bewundere ich es, wenn Typen wie Per Mertesacker oder Alex Meier von Eintracht Frankfurt mit über 1,90 Metern zum Seitfallzieher ansetzen. Da frage ich mich, wie die das mit der Koordination hinbekommen. Wo das doch bei der Größe viel länger dauern muss, bis der Befehl vom Hirn im Fuß angekommen ist … Erstaunlicherweise bekam ich im Turnen und Tanzen immer eine Eins …

Ein Fußball-Probetraining im zarten Alter von vier Jahren beim SV Ruhbank endete in einem Desaster, daher gaben sich meine Eltern dankenswerterweise nie mehr die Mühe, mich zu irgendeiner Ballsportart zu drängen.

Ich tat also, was alle braven Töchter taten: Klavier spielen, Turnen, Reiten. Für Letzteres musste ich Jahre kämpfen, aber irgendwann gaben meine Altvorderen ihren Widerstand auf und kutschierten mich zweimal die Woche und noch öfter quer durch die Stadt zur Reithalle. Ehrlich gesagt waren das meine glücklichsten Stunden, im Reitverein bei meinem Pflegepferd Igor. Der hübsche Fuchs wurde allerdings kurz darauf verkauft, und meine Reiterkarriere fand ein jähes Ende.

Die Tatsache, dass ich mich in der Männerwelt gut zurechtfinde, liegt vielleicht auch daran, dass ich zur Spezies der Papakinder gehöre. Wenn mein Vater etwas nicht aß, dann mochte ich es auch nicht. Meine Mutter berichtet noch heute von einem Familienurlaub in Cavalaire an der CÔte d’Azur in einer Ferienwohnung, als ich beim Mittagessen zu ihr gesagt haben soll: »Mami, der Fisch schmeckt köstlich.« Damals war ich gerade einmal drei Jahre alt. Dabei hatte ich den Fisch aber – genau wie mein Vater – nicht einmal angerührt.

Die Stunden mit ihm vor dem Fernseher, in dem die »Sportschau« lief, waren uns heilig, genauso wie die vielen Skirennen, die wir uns gemeinsam angeschaut haben. Meine fußballerischen Helden hießen Hans-Peter Briegel, Karl-Heinz Feldkamp und Ronnie Hellström, bei den Skirennen fieberte ich mit Pirmin Zurbriggen, Marc Girardelli und vor allem Alberto Tomba, den mein Vater sehr verehrte. Ich also auch. Da mein Vater italienische Namen liebte, brachte er mir die komplette italienische Nationalmannschaft nahe, die Weltmeisterspieler von 1982 wie Alessandro Altobelli, Marco Tardelli, Guiseppe Bergomi, Dino Zoff, Paolo Rossi, Franco Causio und, und, und.

Mein erstes Panini-Album bekam ich zur gleichen Zeit, und vermutlich war das 1:3 gegen Italien im Finale der Weltmeisterschaft in Spanien mein erster bewusst erlebter Fußball-Frust, der sich in überschaubaren Grenzen hielt, da ich mich ja auch dem mir namentlich so vertrauten italienischen Team verbunden fühlte. Man kann sich die Dinge aber auch schönreden …

Unabhängig von den Nationalhelden verbrachten wir unsere Urlaube mehrfach in Santa Maria di Castellabate, einem kleinen italienischen Fischerdorf eine Stunde südlich von Neapel. Vom Speisesaal des Hotels aus konnte man abends die rote Sonne bei Capri untergehen sehen. Meine Eltern schleppten mich durch Pompeji und Herculaneum, sie kümmerten sich rührend um mich, aber ich hing meinem Vater erst wirklich an den Lippen, wenn er von Diego Armando Maradona erzählte.

Es war die Zeit, als sich Maradona gerade für die Rekordsumme von heute umgerechnet 12 Millionen Euro dem SSC Neapel angeschlossen hatte. Bei seiner Vorstellung vor 75000 (!) Zuschauern jonglierte er eine halbe Stunde mit einer Zitrone auf dem Fuß. Bis heute ist fraglich, wie der Verein die unglaubliche Ablösesumme aufbringen konnte, denn Neapel war bis dato nie Meister gewesen und dümpelte eher im Mittelfeld der Liga.

Doch mit Maradona verbanden die Menschen in Neapel die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft, sie wollten endlich den wirtschaftlich stärkeren und erfolgreicheren Vereinen aus Norditalien Paroli bieten. Für sie war Diego mehr als ein Fußballspieler, und für meinen Vater auch.

Mit Maradona wurde Neapel zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte italienischer Meister, dann italienischer Pokalsieger, schließlich Uefa-Cup-Sieger 1988/89 und italienischer Supercupsieger 1989/90. Nach Maradonas Zeit wurde das Trikot mit der Nummer zehn nicht mehr vergeben.

Was ich damals bei aller Heldenverehrung nicht wusste: Maradona häufte in Italien rund 30 Millionen Euro Steuerschulden an, die er nie beglichen hat. Es gibt einen gültigen Haftbefehl, und sollte er italienischen Boden betreten, er würde verhaftet. Überall in Italien. Nur nicht in Neapel. Da hat ihm die Mafia lebenslang Geleitschutz garantiert, zumindest berichten das die italienischen Medien.

Damals jedenfalls liebten die Menschen Maradona, und das nicht nur in Italien, obwohl die Verehrung dort förmlich religiöse Züge annahm. Als sich ein Kollege einmal in Argentinien auf Spurensuche begab, entdeckte er in Buenos Aires einen Maradona-Schrein in dessen Lieblingsbordell. Aber das nur am Rande.

Solche Geschichten erzählte mein Vater natürlich nicht, er mochte einfach diesen verrückten argentinischen Typen, er mochte die Art, wie er spielte. Mein Vater hatte ein Herz für Paradiesvögel und außergewöhnliche Exemplare der Gattung Mensch. Er ist generell ein Freund des kölschen Mottos: »Levve un levve losse.« Oder, wie er es gerne sagt: »Jedem Tierchen sein Pläsierchen.« Deshalb hatte er wohl auch kein Problem damit, als ich mit vierzehn Jahren mit einer Igelfrisur nach Hause kam, während meine Mutter ob des modischen Kurzhaarschnitts überhaupt nicht glücklich war.

Aber ich war bei unseren Italienurlauben. Wir Kinder spielten Flipper an den unzähligen Spielautomaten, in die man damals noch 100-Lire-Stücke einwerfen musste, und wir Mädchen schauten den Jungs beim Fußball am Strand zu. Manchmal kickte sogar mein Vater mit, aber eigentlich lief er lieber stundenlang am Strand entlang, immer mit einem Hemd und einer langen Hose bekleidet, da er eher zum nordeuropäischen Hauttyp zählt. Und auch wenn er jahrelang bei diesen Strandspaziergängen zusätzlich Baseballkappen trug, so erkrankte er doch vor einigen Jahren an Hautkrebs. Ein Stück Haut in Golfballgröße wurde ihm am Kopf wegoperiert, dann nähten sie alles zusammen. Es ist nichts mehr zu sehen, aber mir bleibt die Sorge. Ins Solarium bekommen mich keine zehn Pferde mehr.

Mein Vater wusste, sich seine Ruhemomente zu sichern. Zum Beispiel morgens. Deshalb brachte er meiner Mutter und mir in meiner Kindheit oft das Frühstück ans Bett. Für ihn war das die Gelegenheit, alleine in der Küche zu sitzen und ungestört Zeitung zu lesen. Für mich aber steckte in dieser Geste viel Zuwendung, die mich glücklich machte.

Vielleicht war ich auch deshalb eine gute Schülerin, weil ich jeden Morgen mit dem wunderbaren Gefühl aufstehen durfte, von meinem Vater umsorgt und geliebt zu werden. Lange Zeit hatten wir den gleichen Schulweg, die 1,2 Kilometer bis zum Hugo-Ball-Gymnasium. Mein Vater hat einmal ausgerechnet, dass er in seinen 40 Jahren, in denen er immer zu Fuß zur Arbeit gegangen ist, die Erde etwa zweieinhalb Mal umrundet hat. Per pedes, versteht sich.

Lehrer hatte er eigentlich nie werden wollen, zur Debatte standen Fußballer oder Zahnarzt. Dass es für den Profifußballer nicht ganz reichen würde, war leider früh klar. Mein Vater war ein begnadeter Straßenkicker, aber als er dem ETB Schwarz-Weiß Essen beitreten wollte, machte ihm ein Arzt einen Strich durch die Rechnung. Denn der Rainer war viel zu klein und zu schmächtig für sein Alter. »Du bist diesen schweren Bällen noch nicht gewachsen«, sagte er zu dem kleinen Rainer, »deshalb kannst du nicht im Verein spielen.« Es reichte dann immerhin noch zur Straßenmeisterschaft von Essen-Stadtwald mit dem FC Sundernholz. Erst im Alter von achtzehn Jahren machte mein Vater einen Schuss in die Höhe und maß am Ende doch über 1,80 Meter. Da war’s dann aber zu spät.

Und so unterrichtete mein Vater Latein und Erdkunde und besaß ein ausgeprägtes Faible für die alten Römer – und für Gerechtigkeit. In seinem Unterricht gab es Gelbe und Rote Karten, und wenn er einen Schüler vor die Tür schickte, nannte er das »Platzverweis«. Ich glaube, mein Vater war streng, aber ich hatte ihn nie im Unterricht, deshalb kann ich es schwer beurteilen. Was ich weiß, ist, dass er immer einen lustigen Spruch auf den Lippen hatte, so dass er von unzähligen Jahrgängen zum beliebtesten Lehrer der Schule gewählt wurde.

Mein Großvater väterlicherseits war kurz nach meiner Geburt gestorben, aber die ganze Familie behauptet steif und fest, dass ich ihm wie aus dem Gesicht geschnitten bin. Das kann sein, ich kenne ihn nur von Fotos, aber ich habe definitiv nicht sein Talent für Mathematik oder das Klavierspiel geerbt. Er starb, als meine Großmutter vierundsiebzig Jahre alt war. Sie sollte noch über 30 Jahre alleine leben, meine Oma wurde nämlich 107 Jahre alt.

Sie war eine bemerkenswerte Frau, mit einer unglaublichen Haltung und Würde. Sie kochte gerne Bohnen-Allerlei, und so schnibbelten wir oft morgens im Laubrockweg in Essen-Überruhr stundenlang Gemüse, knipsten die Enden der grünen Bohnen ab, während sie mir Geschichten erzählte, zum Beispiel von ihrer Mutter und ihrer Tante, die schon in den 20er und 30er Jahren die Schalker vom Bahnhof in Gelsenkirchen abholten und bejubelten, wenn diese wieder Westdeutscher oder Deutscher Meister geworden waren.

Sie selbst war, obwohl 1901 geboren, angeblich nie mitgefahren. Meine Großmutter trieb gern Sport, und sie war unglaublich stolz, dass sie noch mit über 30 das »Goldene Reichssportabzeichen« gemacht hatte, die höchste Auszeichnung der Nazis für den Breitensport. Das war aber auch das Einzige, was sie sich von den Nazis anheften ließ, so dass sie zu ihrem großen Bedauern aus ihrem Beruf als Lehrerin entlassen wurde. Doch da sie die Ideologie nicht teilte, wollte man ihr die Erziehung des wertvollen Nachwuchses nicht mehr überlassen.

Mein Vater wurde während des Zweiten Weltkriegs 1942 geboren und war in seiner Heimatstadt Essen den ständigen Luftangriffen ausgesetzt, dem trommelfellzerreißenden Sirenengeheul, den angstvollen Stunden im Luftschutzkeller. Bis heute kann mein Vater deshalb keine lauten Geräusche ertragen, und wenn er vor dem Fernseher sitzt, versteht man kaum etwas, so leise dreht er das Gerät.

Als mein Vater eineinhalb Jahre alt war, floh meine Großmutter mit ihm nach Österreich. In Wallsee spielte er mit den Urenkeln von Kaiser Franz Joseph, eine Geschichte, die meine Oma gern jedem erzählte, und als schließlich die Russen kamen, baute er sich vor ihnen auf, der Junge mit seinem weißblonden Haar, und lachte sie an. Meiner Großmutter stand das Herz still, doch der kleine Rainer eroberte auch ihre Herzen.

Im Grunde aber war auch meine Großmutter Schalkerin, obwohl sie das nicht gerne zugab. Meine ganze Familie väterlicherseits stammt schließlich seit Generationen aus dem Ruhrgebiet, da wird einem die Fußballbegeisterung gewissermaßen in die Wiege gelegt. Mein Vater hatte eine Schwäche für den bürgerlichen Verein von Essen, den ETB Schwarz-Weiß, der mittlerweile in der 5. Liga zu finden ist. Der größte Erfolg des Vereins war der Pokalsieg 1959. Die Nachbarn, die zum Teil glühende Anhänger von Rot-Weiss Essen waren, konnten sich über nichts so schön aufregen wie über die Misserfolge von RWE. Mein Vater ließ sich selten auf hitzige Debatten ein, aber manchmal schwatzten die Männer stundenlang über Fußball, und selbst wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht viel davon verstand, so war mir klar, dass es etwas ganz Besonderes sein musste.

Als Kind habe ich diese Sommer im Ruhrgebiet über alles geliebt. Enten füttern am Baldeneysee, Brombeeren sammeln und ein bisschen Ball spielen mit den Nachbarskindern, trotz mangelnden Könnens. Im Spätsommer 1978 nahm mich mein Vater dann erstmals mit ins Stadion: Borussia Dortmund spielte im Westfalenstadion, dem heutigen Signal-Iduna-Park, gegen Werder Bremen. Viele Erinnerungen habe ich nicht mehr daran, außer dass der BVB gewann, ein 1:0. Doch die besondere Atmosphäre hat mich gefesselt, schon als Vierjährige, und sie sollte mich so schnell nicht mehr loslassen.

Dennoch hatte ich lange Zeit einen ganz anderen Berufswunsch im Kopf. Ich wollte viel höher hinaus, ins Weltall nämlich. Astronautin, das war mein erklärtes Ziel, die erste deutsche Frau in der Galaxie. Schon als Kind hatte ich Raumkreuzer von Lego zusammen- und die Milchstraße in einem Schuhkarton nachgebaut. Und schon da faszinierte mich die Frage, was wohl im Universum außerhalb der Begrenzungen des Schuhkartons zu finden sei. Selbst wenn es Grenzen gibt, dachte ich, so muss doch dahinter auch etwas kommen. Vom möglichen Raum-Zeit-Kontinuum oder einer Raumzeit-Krümmung hatte ich ja keinen blassen Schimmer.

Ich wollte also Astronautin werden, daran gab es keine Zweifel. Allerdings änderte ich dann doch rasch meine Meinung im zarten Alter von elf Jahren, als es zu dem tragischen Challenger-Unglück kam. Es war der 28. Januar 1986, und ich saß gespannt vor dem Fernseher und wartete auf die neue Raumfahrtmission, an der immerhin zwei Frauen teilnahmen, schon damals große Vorbilder für mich. Vor allem Christa McAuliffe, die Soziologie-Lehrerin aus New Hampshire, hatte es mir angetan.

Es war kurz vor 18 Uhr unserer Zeit, meine Eltern und ich fieberten dem zehnten Start der Challenger vom Raumflughafen Cape Canaveral entgegen. Ich liebte den Countdown, diese blecherne Stimme, die herunterzählte: ten – nine – eight – seven – six – five – four – three – two – one – booster ignition. Dann hob Mission STS-51-L ab und zischte in den blauen Himmel über Florida. 73 Sekunden später löste sie sich in von Flammen durchsetzten Wolken auf. Es war keine Explosion, wie die spätere Untersuchung ergab, auch wenn es so aussah. Vielmehr versagte, wie befürchtet, ein Dichtungsring an der rechten Feststoffrakete. Eine Flamme trat aus und zerfraß Halterungen der Rakete, so dass der Metallzylinder ins Schlingern geriet und mit dem externen Treibstofftank kollidierte. Austretender Wasserstoff entzündete sich. Die vier Hauptteile des Shuttles – zwei Feststoffraketen, Treibstofftank und Raumfähre – flogen auseinander und wurden bei ihren hohen Geschwindigkeiten von den aerodynamischen Kräften zerrissen.

Als die Mission in Rauchwolken endete, sahen vor allem Schulkinder in den USA zu: Die Lehrerin Christa McAuliffe flog als erste Zivilistin ins All, deshalb wurde die Live-Übertragung vom Start in vielen Schulen gezeigt. McAuliffe hätte später zwei Unterrichtsstunden aus dem All halten sollen.

Das Desaster der NASA war die erste Hightech-Katastrophe, die live und in Farbe im Fernsehen zu sehen war. Dabei starben alle sieben Besatzungsmitglieder – und mit ihnen der Eindruck, es gebe schon eine Art Linienverkehr ins All, kaum riskanter als die Fahrt mit dem Vorortbus.

Ich war jedenfalls so geschockt, dass ich meine beruflichen Pläne erst einmal über den Haufen warf. Wie entlarvend, gleich zwei meiner Charaktereigenschaften lassen sich daran ablesen: Ich bin nur sehr begrenzt mutig. Niemals würde ich auf die Idee kommen, einen Bungee-Sprung zu wagen oder mich mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug zu stürzen. Jedes allzu große Risiko ist mir ein Greuel, ein gewisses Schisser-Gen zählte schon immer zu meiner psychischen Grundausstattung. Eigentlich erstaunlich, denn Live-Fernsehen macht mir riesigen Spaß. Bis heute vermeide ich ansonsten gefährliche Situationen, und es gab sogar Zeiten, da bin ich äußerst ungern geflogen. Es heißt zwar immer, dass das Flugzeug das sicherste Verkehrsmittel der Welt ist, aber mir ist bewusst, dass es nur eine äußerst geringe Überlebenswahrscheinlichkeit gibt im Falle des Falles. Zuletzt geriet ich bei der Perahera auf Sri Lanka, dem alljährlichen Vollmondfest, in eine unkontrollierte Menschenmasse, und während neben mir noch Mütter mit ihren kleinen Kindern durchhielten, hatte ich bereits große Angst zu ersticken.

Viele Kollegen leben ja für diesen Moment, wenn das Rotlicht angeht und der Leiter der Sendung herunterzählt: »Noch fünf, noch vier, drei, zwei, eins – und sprechen!« Sie genießen das Adrenalin, das dann durch ihre Adern gepumpt wird. Ich persönlich mag es lieber, wenn sich die Nervosität in Grenzen hält und ich mich zu einhundert Prozent auf meine Aufgabe konzentrieren kann.

Und die zweite Charaktereigenschaft: Ich hatte schon immer ein Faible für außergewöhnliche Berufe, in denen sich hauptsächlich das männliche Geschlecht tummelt.

Barbie-Puppen gab es in meinem Kinderzimmer keine, und überhaupt nur eine einzige Puppe, brünett und von der Firma Zapf. Ich spielte viel lieber mit meinem Parkhaus und steuerte die Matchbox-Autos durch die engen Gassen oder baute Raumkreuzer aus kleinen bunten Plastiksteinchen zusammen. All das führt zugegebenermaßen nicht zwingend zu einer Laufbahn als Sportreporterin, aber es ebnete doch den Weg.