Bloodlines - Die goldene Lilie - Richelle Mead - E-Book

Bloodlines - Die goldene Lilie E-Book

Richelle Mead

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Beschreibung

Die Alchemistin Sydney Sage versteckt sich zusammen mit der Moroi-Prinzessin Jill Dragomir an einem Internat in Kalifornien. Obwohl sie gehofft hatten, hier vor den Machenschaften in der Welt der Vampire verschont zu bleiben, holt sie die Realität schnell ein. Zusammen mit dem Dhampir Eddie und dem attraktiven Vampir Adrian setzt Sydney alles daran, Jill zu beschützen.

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RICHELLE MEAD

BLOODLINES

DIE GOLDENE LILIE

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Michaela Link

Widmung

Für meinen wunderschönen Sohn,

der an dem Tag geboren wurde,

an dem ich dieses Buch beendet habe.

Kapitel 1

Ist es nicht unheimlich, in einer stürmischen Nacht in einen unterirdischen Bunker geführt zu werden? Nicht für mich.

Dinge, die ich erklären und anhand von Daten definieren kann, erschrecken mich nicht. Deswegen betete ich mir im Stillen Tatsachen vor, während ich immer tiefer und tiefer unter das Straßenniveau hinabstieg. Der Bunker war ein Relikt aus dem Kalten Krieg, gebaut zum Schutz in einer Zeit, als die Leute ständig mit einem Atomangriff rechneten. Über Tage war das Gebäude als Optikergeschäft getarnt. Reine Fassade. Nicht im Mindesten unheimlich. Und der Sturm? Einfach ein Naturphänomen: Wetterfronten, die aufeinanderstießen. Und wenn man Angst hatte, in einem Sturm verletzt zu werden, war es tatsächlich ziemlich klug, unter die Erde zu gehen.

Also nein. Dieser scheinbar bedrohliche Ausflug machte mir nicht im Mindesten Angst. Alles beruhte doch auf vernünftigen Fakten und reiner Logik. Damit kam ich zurecht. Doch es war der Rest meines Jobs, mit dem ich ein Problem hatte.

Und vielleicht war das auch der Grund, warum mich stürmische Ausflüge in den Untergrund kaltließen. Wenn man die meiste Zeit unter Vampiren und Halbvampiren lebt, sie zu ihren Blutquellen transportiert und ihre Existenz vor dem Rest der Welt geheim hält … na ja, das verschafft einem irgendwie eine einzigartige Perspektive auf das Leben. Ich hatte blutige Vampirschlachten miterlebt und magische Kunststückchen gesehen, die jedem mir bekannten Gesetz der Physik hohnsprachen. Mein Leben war ein ständiger Kampf darum, das Entsetzen vor dem Unerklärlichen zu unterdrücken, und zugleich der verzweifelte Versuch, eine Erklärung dafür zu finden.

»Pass auf, wo du hintrittst«, sagte mein Führer zu mir, als wir noch eine Betontreppe hinunterstiegen. Alles, was ich bisher gesehen hatte, bestand aus Beton – die Wände, der Boden und die Decke. Die graue, raue Oberfläche absorbierte das Neonlicht, das uns den Weg erhellen sollte. Es war trostlos, kalt und auf eine unheimliche Weise still. Der Führer schien meine Gedanken zu erraten. »Seit der Errichtung haben wir Verbesserungen und Erweiterungen vorgenommen. Du wirst es sehen, sobald wir den Hauptteil erreichen.«

Aber sicher. Endlich öffnete sich die Treppe auf einen Flur mit mehreren geschlossenen Türen. Die Wände mussten immer noch aus Beton sein, aber die Türen hier waren modern und hatten elektronische Schlösser, an denen entweder rote oder grüne Lämpchen brannten. Mein Begleiter führte mich zur zweiten Tür auf der rechten Seite, einer mit grünem Lämpchen, und ich trat in einen ganz normalen Vorraum, der etwa wie ein Aufenthaltsraum aussah, den man in jedem modernen Büro fand. Grüner Teppich bedeckte den Boden – wie ein wehmütiger Versuch, Gras nachzuahmen. Die Wände waren von einem Braun, das die Illusion von Wärme schenkte. Auf der gegenüberliegenden Seite stand ein mit Zeitschriften übersäter Tisch vor einem gut gepolsterten Sofa und zwei Sesseln. Das Beste von allem war jedoch, dass der Raum eine Theke mit einer Spüle zu bieten hatte – und eine Kaffeemaschine.

»Mach es dir gemütlich!«, forderte mich mein Führer auf. Ich schätzte, dass er ungefähr in meinem Alter war, achtzehn, aber sein Versuch, sich einen – lückenhaften – Bart stehen zu lassen, ließ ihn jünger erscheinen. »Sie werden dich bald holen kommen.«

Ich hatte die Kaffeemaschine keine Sekunde aus den Augen gelassen. »Kann ich mir einen Kaffee kochen?«

»Sicher«, antwortete er. »Ganz, wie du willst.«

Er ging, und ich rannte praktisch zur Theke. Der Kaffee war bereits gemahlen – er sah allerdings aus, als wäre das ebenfalls noch während des Kalten Krieges geschehen. Solange er jedoch Koffein enthielt, war mir alles andere egal. Hals über Kopf hatte ich einen Flug von Kalifornien genommen, und obwohl ich einige Stunden Zeit gehabt hatte, mich zu erholen, war ich jetzt immer noch schläfrig. Meine Augen brannten. Ich stellte die Kaffeemaschine an und ging dann in dem Raum auf und ab. Die Zeitschriften lagen kunterbunt durcheinander, daher rückte ich sie ordentlich zurecht. Unordnung konnte ich nicht ertragen.

Dann setzte ich mich auf das Sofa, wartete auf den Kaffee und fragte mich einmal mehr, worum es bei diesem Treffen gehen mochte. Ich hatte einen guten Teil meines Nachmittags hier in Virginia damit verbracht, zwei Funktionären der Alchemisten den Stand meines gegenwärtigen Auftrags zu erläutern. Ich lebte in Palm Springs, angeblich als Oberschülerin in einem privaten Internat, und sollte ein Auge auf Jill Mastrano Dragomir haben, eine Vampirprinzessin, die sich versteckt halten musste. Sie am Leben zu erhalten, bedeutete nicht weniger, als ihre Leute von einem Bürgerkrieg abzuhalten – der die Menschen ganz bestimmt auf die übernatürliche Welt aufmerksam machen würde, die knapp unter der Oberfläche des modernen Lebens lauerte. Es war eine außerordentlich wichtige Mission für die Alchemisten, daher überraschte es mich nicht besonders, dass sie einen Bericht haben wollten. Was mich allerdings schon überraschte, war, dass das nicht einfach am Telefon geschehen konnte. Mir war schleierhaft, welcher andere Grund mich in diese Einrichtung geführt haben sollte.

Der Kaffee war durchgelaufen. Ich hatte die Maschine nur auf drei Tassen eingestellt, wahrscheinlich reichte das, um den Abend durchzustehen. Gerade hatte ich meine Styroportasse gefüllt, da öffnete sich die Tür, ein Mann trat ein – und ich ließ den Kaffee beinah fallen.

»Mr Darnell«, sagte ich und stellte die Kanne auf die Heizplatte zurück. Meine Hände zitterten. »Wie – wie schön, Sie wiederzusehen, Sir.«

»Gleichfalls, Sydney«, erwiderte er mit einem gezwungenen, steifen Lächeln. »Du bist ohne jeden Zweifel … erwachsen geworden.«

»Danke, Sir«, sagte ich und wusste nicht recht, ob das ein Kompliment war oder nicht.

Tom Darnell war etwa so alt wie mein Vater und hatte braunes Haar mit silbernen Strähnen. Sein Gesicht wies mehr Falten auf als bei unserer letzten Begegnung, und seine blauen Augen zeigten einen Ausdruck des Unbehagens, den ich bisher nicht von ihm kannte. Er nahm unter den Alchemisten einen hohen Rang ein und hatte sich seine Position mit entschlossenen Taten und einer grimmigen Arbeitsmoral verdient. Als ich noch jünger gewesen war, war er mir immer überlebensgroß erschienen, selbstbewusst und Ehrfurcht gebietend. Wie er zu mir stand, wagte ich nicht vorauszusagen. Schließlich war ich dafür verantwortlich, dass die Alchemisten seinen Sohn verhaftet und eingesperrt hatten.

»Ich weiß es zu schätzen, dass du den ganzen Weg hergekommen bist«, fügte er hinzu, nachdem einige Sekunden peinlichen Schweigens verstrichen waren. »Ich weiß, es sind lange Flüge, vor allem am Wochenende.«

»Überhaupt kein Problem, Sir«, sagte ich und hoffte, selbstbewusst zu klingen. »Ich helfe Ihnen gern bei … was immer Sie wünschen.« Ich fragte mich nach wie vor, was genau das sein mochte.

Er musterte mich einige Sekunden lang und nickte dann knapp. »Du bist sehr pflichtbewusst«, sagte er. »Genau wie dein Vater.«

Ich gab keine Antwort. Diese Bemerkung war als Kompliment gedacht, aber ich fasste sie nicht wirklich so auf.

Tom räusperte sich. »Also gut. Lassen wir das. Ich will dir nicht größere Unannehmlichkeiten bereiten als unbedingt notwendig.«

Wieder fing ich diese nervöse, jetzt fast schon unterwürfige Schwingung auf. Warum sollte er sich so viel Gedanken um meine Gefühle machen? Nach dem, was ich seinem Sohn Keith angetan hatte, hätte ich eher Zorn oder Anschuldigungen erwartet. Tom öffnete die Tür und bedeutete mir, wieder auf den Flur hinauszutreten.

»Darf ich meinen Kaffee mitnehmen, Sir?«

»Natürlich.«

Er führte mich zu einer anderen der geschlossenen Türen. Ich umklammerte meinen Kaffee wie eine Sicherheitsleine und war jetzt viel verängstigter als noch beim Betreten dieses Gebäudes. Diesmal war es eine Tür mit einem roten Lämpchen, und Tom zögerte, bevor er sie öffnete.

»Du sollst wissen … dass das, was du getan hast, außerordentlich mutig war«, sagte er, ohne mir in die Augen zu schauen. »Ich weiß, du und Keith, ihr seid Freunde gewesen – seid es noch. Es kann nicht leicht gewesen sein, ihn zu melden. Es zeigt, mit welcher Hingabe du deine Arbeit erledigst – das ist bestimmt nicht immer einfach, wenn persönliche Gefühle im Spiel sind.«

Keith und ich waren nie Freunde gewesen, weder jetzt noch damals, aber ich glaubte, Toms irrtümliche Annahme verstehen zu können. Keith hatte einen Sommer lang bei meiner Familie gelebt. Und später hatten er und ich in Palm Springs zusammengearbeitet. Mir war es überhaupt nicht schwergefallen, ihn wegen seiner Verbrechen anzuzeigen. Tatsächlich hatte es mir sogar Spaß gemacht. Doch angesichts des erschütterten Ausdrucks auf Toms Gesicht wusste ich, dass ich besser den Mund halten sollte.

Ich schluckte. »Na ja. Unsere Arbeit ist wichtig, Sir.«

Er schenkte mir ein trauriges Lächeln. »Ja. Allerdings.«

Die Tür verfügte über ein Sicherheitsschloss mit Tastenfeld. Tom tippte ungefähr zehn Ziffern ein, dann klickte das Schloss. Er drückte die Tür auf, und ich folgte ihm hinein. In dem nüchternen, schwach erleuchteten Raum befanden sich bereits drei Personen, daher bemerkte ich zunächst nicht, was da sonst noch war. Ich wusste allerdings sofort, dass die anderen Alchemisten waren. Es gab keinen anderen Grund für ihre Anwesenheit. Und natürlich wiesen sie die verräterischen Merkmale auf, die mir auch auf einer belebten Straße aufgefallen wären. Geschäftskleidung in unauffälligen Farben. Goldene Lilientätowierungen, die auf ihrer linken Wange glänzten. Darin waren wir alle gleich. Wir waren eine geheime Armee inmitten unserer nichtsahnenden Mitmenschen.

Alle drei hielten einen Klemmblock in der Hand und starrten auf eine der Wände. In diesem Moment wurde mir klar, welchen Verwendungszweck dieser Raum hatte. Ein Fenster in der Wand bot einen Blick in einen anderen Raum, der viel heller erleuchtet war.

Und darin hatten sie Keith Darnell eingesperrt.

Er kam an die Scheibe geschossen, die uns trennte, und hämmerte dagegen. Mein Herz raste, erschrocken wich ich einige Schritte zurück, davon überzeugt, dass er sich gleich auf mich stürzen würde. Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, dass er mich gar nicht sehen konnte. Ich entspannte mich ein wenig. Sehr wenig. Das Fenster war ein Einwegspiegel. Keith presste die Hände auf das Glas und schaute hektisch hin und her, auf Gesichter, von deren Vorhandensein er wohl wusste, die er aber nicht sehen konnte.

»Bitte, bitte!«, rief er. »Lassen Sie mich raus! Bitte, lassen Sie mich hier raus!«

Keith sah ein wenig hagerer aus als bei unserer letzten Begegnung. Sein Haar war ungepflegt und erweckte den Eindruck, es sei während des einen Monats unserer Trennung nicht geschnitten worden. Er trug einen schlichten grauen Jogginganzug, wie sie die Gefangenen oder Patienten einer Irrenanstalt tragen. Am auffälligsten war der verzweifelte, angsterfüllte Ausdruck in seinen Augen – oder vielmehr in seinem Auge. Keith hatte eins seiner Augen bei einem Vampirüberfall verloren, den einzufädeln ich heimlich geholfen hatte. Keiner der Alchemisten wusste davon, und ebenso wenig wusste einer von ihnen, dass Keith meine ältere Schwester, Carly, vergewaltigt hatte. Tom Darnell hätte mich kaum für mein Pflichtbewusstsein gelobt, wenn er von meinem hinterhältigen Racheakt gewusst hätte. Als ich sah, in welcher Verfassung sich Keith jetzt befand, tat er mir ein klein wenig leid – und vor allem tat mir Tom leid, auf dessen Gesicht sich roher Schmerz widerspiegelte. Mir tat jedoch nach wie vor nicht leid, was ich mit Keith gemacht hatte. Weder die Verhaftung noch das Auge. Einfach ausgedrückt: Keith Darnell war ein schlechter Mensch.

»Sie erkennen Keith gewiss wieder?«, fragte eine der Alchemistinnen mit einem Klemmbrett. Ihr graues Haar war zu einem festen Knoten zusammengebunden.

»Ja, Ma’am«, antwortete ich.

Jede weitere Erwiderung wurde mir erspart, als Keith mit neuem Zorn gegen die Scheibe hämmerte. »Bitte! Ich meine es ernst! Was immer Sie wollen. Ich werde alles tun. Ich werde alles sagen. Ich werde alles glauben. Nur schicken Sie mich bitte nicht dorthin zurück!«

Sowohl Tom als auch ich zuckten zusammen, aber die anderen Alchemisten beobachteten ihn aus klinischer Distanz und kritzelten einige Notizen auf ihre Klemmbretter. Die Knotenfrau schaute wieder zu mir auf, als hätte es keine Störung gegeben. »Der junge Mr Darnell hat einige Zeit in einem unserer Umerziehungszentren verbracht. Eine bedauerliche Maßnahme – aber eine notwendige. Sein Handel mit verbotenen Substanzen war gewiss nicht richtig, aber seine Zusammenarbeit mit Vampiren bleibt unverzeihlich. Obwohl er behauptet, keine Verbindung zu ihnen zu haben … nun, wir können uns da nicht ganz sicher sein. Aber selbst, wenn er die Wahrheit sagt, besteht doch die Möglichkeit, dass aus seinem Verstoß etwas mehr erwachsen könnte – nicht nur eine Zusammenarbeit mit den Moroi, sondern auch mit den Strigoi. Indem wir tun, was wir getan haben, bewahren wir ihn vor dieser abschüssigen Bahn.«

»Wir tun das wirklich zu seinem eigenen Wohl«, sagte der dritte Alchemist mit einem Klemmbrett. »Wir tun ihm einen Gefallen.«

Eine Woge des Grauens schlug über mir zusammen. Der ganze Zweck der Alchemisten bestand darin, die Existenz von Vampiren vor Menschen geheim zu halten. Wir hielten Vampire für unnatürliche Kreaturen, die nichts mit Menschen wie uns zu tun haben sollten. Besondere Sorge bereiteten uns die Strigoi – böse Killervampire –, die Menschen manchmal mit den Versprechungen von Unsterblichkeit in ihren Dienst lockten. Selbst die friedlichen Moroi und ihre halbmenschlichen Gegenstücke, die Dhampire, wurden mit Argwohn betrachtet. Mit diesen beiden Gruppen arbeiteten wir häufig zusammen, und obwohl man uns gelehrt hatte, sie geringschätzig zu behandeln, war es eine unausweichliche Tatsache, dass einige Alchemisten bestimmten Moroi und Dhampiren nicht nur näherkamen … sondern sie tatsächlich mochten.

Allerdings war – trotz seines Verbrechens, Vampirblut zu verkaufen – Keith einer der letzten Menschen, an die ich denken würde, wenn es um ein zu freundschaftliches Verhältnis zu Vampiren ging. Er hatte seine Antipathie gegen sie etliche Male unmissverständlich geäußert. Wirklich, wenn jemand verdiente, der Zuneigung zu Vampiren angeklagt zu werden …

… na ja, dann wäre ich das gewesen.

Einer der anderen Alchemisten, ein Mann mit einer verspiegelten Sonnenbrille, die kunstvoll von seinem Kragen herabhing, setzte den Vortrag fort. »Sie, Ms Sage, sind ein bemerkenswertes Beispiel für jemanden gewesen, der in der Lage ist, eng mit ihnen zusammenzuarbeiten und dabei doch eine Objektivität zu bewahren. Ihr Pflichtbewusstsein ist von jenen, die über uns stehen, durchaus bemerkt worden.«

»Vielen Dank, Sir«, erwiderte ich beklommen und fragte mich, wie viele Male das Pflichtbewusstsein heute Nacht noch zur Sprache kommen würde. Das war ein himmelweiter Unterschied zu der Zeit vor einigen Monaten, als ich in Schwierigkeiten geraten war, weil ich einem weiblichen Dhampir bei der Flucht geholfen hatte. Er hatte sich später als unschuldig erwiesen, und man hatte meine Beteiligung an dem Unterfangen auf »Karriereambitionen« zurückgeführt und abgeschrieben.

»Und«, fuhr Sonnenbrille fort, »angesichts Ihrer Erfahrung mit Mr Darnell haben wir uns überlegt, dass Sie ausgezeichnet dazu in der Lage wären, eine Aussage zu treffen.«

Ich richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf Keith. Die ganze Zeit über hatte er unaufhörlich gegen das Glas gehämmert und geschrien. Den anderen gelang es, ihn zu ignorieren, also versuchte ich es ebenfalls.

»Was für eine Aussage?«

»Wir überlegen, ob wir ihn in das Umerziehungszentrum zurückschicken sollen oder nicht«, erklärte Grauer Knoten. »Dort hat er hervorragende Fortschritte gemacht, aber einige von uns halten es für das Beste, auf Nummer sicher zu gehen und uns davon zu überzeugen, dass jede Chance auf eine Beziehung zu Vampiren mit Stumpf und Stiel ausgerottet ist.«

Wenn Keith’ gegenwärtiges Verhalten ein hervorragender Fortschritt sein sollte, konnte ich mir nicht vorstellen, wie ein schlechter Fortschritt aussehen mochte.

Sonnenbrille hielt seinen Stift über das Klemmbrett. »Basierend auf dem, was Sie in Palm Springs erlebt haben, Ms Sage – wie schätzen Sie Mr Darnells Geisteszustand bezüglich der Vampire ein? War die Bindung, die Sie beobachtet haben, ernst genug, um weitere Vorsichtsmaßnahmen zu rechtfertigen?« Vermutlich bedeuteten weitere Vorsichtsmaßnahmen weitere Umerziehungen.

Während Keith nach wie vor gegen die Scheibe hämmerte, ruhten aller Augen im Raum auf mir. Die Alchemisten mit ihren Klemmbrettern wirkten nachdenklich und zugleich neugierig. Tom Darnell schwitzte sichtlich und beobachtete mich mit Furcht und ängstlicher Erwartung. Verständlich. Schließlich hielt ich das Schicksal seines Sohnes in den Händen.

Widersprüchliche Gefühle rangen in mir, während ich Keith betrachtete. Ich mochte ihn nicht nur nicht – ich hasste ihn. Und ich hasste wirklich nicht viele Leute. Ich konnte auch nicht vergessen, was er Carly angetan hatte. Gleichermaßen waren mir die Erinnerungen an das, was er mir und anderen in Palm Springs zugemutet hatte, immer noch frisch im Gedächtnis. Er hatte mich verleumdet und mir das Leben schwer gemacht, um seinen Bluthandel zu vertuschen. Außerdem hatte er die Vampire und Dhampire, um die wir uns kümmern sollten, abscheulich behandelt. Er weckte in mir die Frage, wer die echten Ungeheuer waren.

Ich wusste nicht genau, was in Umerziehungszentren geschah. Nach Keith’ Reaktion zu urteilen, war es wahrscheinlich ziemlich schlimm. Ein Teil von mir hätte den Alchemisten liebend gern gesagt, sie sollten ihn für Jahre dorthin zurückschicken und ihn nie mehr das Licht des Tages erblicken lassen. Seine Verbrechen verdienten eine schwere Bestrafung – und doch war ich mir nicht sicher, ob sie zu dieser speziellen Bestrafung in einem angemessenen Verhältnis standen.

»Ich meine … ich meine, dass Keith Darnell verdorben ist«, sagte ich schließlich. »Er ist selbstsüchtig und unmoralisch. Er schert sich nicht um andere und geht über Leichen, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Er ist bereit zu lügen, zu betrügen und zu stehlen, um zu bekommen, was er will.« Ich zögerte, bevor ich fortfuhr. »Aber … ich glaube nicht, dass er blind gegenüber dem ist, was einen Vampir ausmacht. Ich glaube nicht, dass er ihnen zu nahe steht oder Gefahr läuft, sich in Zukunft mit ihnen zu verbünden. Ich meine aber trotzdem, dass ihm in absehbarer Zukunft nicht gestattet werden sollte, Alchemistenarbeit zu tun. Ob das bedeutet, ihn einzusperren oder ihn einfach auf Bewährung freizulassen, liegt bei Ihnen. Seine früheren Taten zeigen, dass er unsere Missionen nicht gerade ernst nimmt, aber das liegt gewiss an seiner Selbstsucht und nicht an einer unnatürlichen Beziehung zu ihnen. Er … nun, um ganz offen zu sein, er ist einfach ein schlechter Mensch.«

Schweigen antwortete mir, bis auf das hektische Kritzeln von Stiften, während die Klemmbrettalchemisten ihre Notizen machten. Ich wagte es, Tom anzuschauen, voller Angst vor dem, was ich sehen würde, nachdem ich seinen Sohn in der Luft zerrissen hatte. Zu meinem Erstaunen wirkte Tom … eher erleichtert. Und dankbar. Tatsächlich schien er sogar den Tränen nahe zu sein. Als er meinen Blick auffing, formte er mit den Lippen ein Danke. Erstaunlich. Ich hatte Keith gerade als einen in jeder denkbaren Hinsicht abscheulichen Menschen bezeichnet. Aber nichts von alledem spielte für seinen Vater eine Rolle, solange ich Keith nicht beschuldigte, mit Vampiren unter einer Decke zu stecken. Ich hätte Keith einen Mörder nennen können, und Tom wäre wahrscheinlich immer noch dankbar gewesen, wenn es bedeutete, dass Keith nicht auf Du und Du mit dem Feind stand. Das machte mir ernsthaft zu schaffen, und ich fragte mich erneut, wer bei alledem die wahren Ungeheuer waren. Die Gruppe, die ich in Palm Springs zurückgelassen hatte, war jedenfalls hundertmal moralischer als Keith.

»Vielen Dank, Ms Sage«, sagte Grauer Knoten und beendete ihre Notizen. »Sie waren äußerst hilfreich, und wir werden Ihre Aussage bei unserer Entscheidung mit berücksichtigen. Sie dürfen jetzt gehen. Zeke steht draußen im Flur und wird Sie hinausbegleiten.«

Das war zwar eine abrupte Entlassung, aber auch wieder typisch für Alchemisten. Effizienz. Bis zu einem gewissen Grad. Zum Abschied nickte ich höflich und warf einen letzten Blick auf Keith, bevor ich die Tür öffnete. Sobald sie sich hinter mir geschlossen hatte, war es im Flur barmherzig still. Ich konnte Keith nicht mehr hören.

Zeke war, wie sich herausstellte, der Alchemist, der mich anfangs hereingelassen hatte. »Alles geklärt?«, fragte er.

»Anscheinend«, erwiderte ich, immer noch ein wenig benommen wegen der Geschehnisse gerade. Ich wusste jetzt, dass meine vorangegangene Besprechung über die Situation in Palm Springs nicht sehr wichtig gewesen war. Ein Mitnahmeeffekt. Da ich schon mal hier war, konnte man mich ja rasch persönlich dazu befragen. Obwohl es da im Augenblick nichts zu entscheiden gab. Die Konfrontation mit Keith war der eigentliche Zweck meiner Reise quer durch die Staaten gewesen.

Während wir den Flur entlanggingen, erregte etwas meine Aufmerksamkeit, das mir zuvor nicht aufgefallen war. Eine der Türen war ziemlich stark gesichert – mehr als der Raum, in dem ich eben gerade gewesen war. Neben Lämpchen und Tastatur war sie auch mit einem Kartenlesegerät versehen. Oben an der Tür befand sich ein Bolzen, der sie von außen verschloss. Nichts Großartiges, aber es bedeutete offensichtlich, dass das – was auch immer hinter der Tür war – dort festgehalten werden sollte.

Gegen meinen Willen blieb ich stehen und musterte die Tür einige Sekunden lang. Dann ging ich weiter, klug genug, nichts dazu zu sagen. Gute Alchemisten stellten keine Fragen.

Zeke, der meinem Blick gefolgt war, blieb stehen. Er sah zuerst mich an, dann die Tür und dann wieder mich. »Möchtest du … möchtest du sehen, was dort drin ist?« Sein Blick huschte schnell zu der Tür, durch die wir gekommen waren. Er bekleidete einen niedrigen Rang, das wusste ich, und befürchtete offensichtlich, Probleme mit den anderen zu bekommen. Gleichzeitig war da ein Eifer zu spüren, der die Vermutung nahelegte, dass er die Geheimnisse, die er hütete, aufregend fand. Geheimnisse, die er nicht mit anderen teilen konnte. Bei mir war alles sicher.

»Kommt wohl drauf an, was da drin ist«, entgegnete ich.

»Es ist der Grund für das, was wir tun«, sagte er rätselhaft. »Wirf einen Blick hinein, und du wirst verstehen, warum unsere Ziele so wichtig sind.«

Er wollte tatsächlich das Risiko eingehen, ließ eine Karte über das Lesegerät gleiten und tippte dann einen weiteren langen Code ein. Ein Licht an der Tür wurde grün, und er schob den Riegel zurück. Halb hatte ich einen weiteren düsteren Raum erwartet, aber das Licht darin war so grell, dass mir beinah die Augen schmerzten. Zum Schutz legte ich eine Hand an die Stirn.

»Es ist eine Art Lichttherapie«, erklärte Zeke entschuldigend. »Du weißt doch, dass Leute in bewölkten Regionen Sonnenlampen haben? Genau solche Strahlen sind das. Man hofft, dass Leute wie er dadurch wieder ein wenig menschlicher werden – oder dass es sie zumindest davon abhält, sich für Strigoi zu halten.«

Zuerst war ich zu geblendet, um dahinterzukommen, was er meinte. Dann sah ich auf der anderen Seite des leeren Raums eine Gefängniszelle. Große Metallriegel bedeckten den Zugang, der mit einem weiteren Kartenlesegerät und einer Tastatur versperrt war. Angesichts des Mannes darin schien es mir des Guten etwas zu viel zu sein. Er war älter als ich, Mitte zwanzig, wenn ich hätte schätzen müssen, und wirkte völlig zerzaust. Neben ihm hätte Keith adrett und ordentlich ausgesehen. Der Mann war ausgezehrt, hatte sich in einer Ecke zusammengerollt und die Arme gegen das Licht über die Augen gelegt. Er trug Handschellen und Fußfesseln und würde ganz offensichtlich nirgendwo hingehen. Bei unserem Eintritt wagte er einen Blick zu uns hinauf und zeigte dadurch mehr von seinem Gesicht.

Ein Frösteln überlief mich. Der Mann war menschlich, aber sein Gesichtsausdruck schien mir so kalt und böse wie der aller Strigoi, die ich je gesehen hatte. Seine grauen Augen waren raubtierhaft. Emotionslos wie Mörder, die keinerlei Mitgefühl mit anderen Leuten hatten.

»Haben Sie mir mein Abendessen gebracht?«, fragte er mit einem Krächzen, das gespielt sein musste. »Ein nettes junges Mädchen, wie ich sehe. Magerer, als mir lieb wäre, aber ihr Blut wird mich trotzdem stärken, da bin ich mir sicher.«

»Liam«, sagte Zeke mit müder Geduld. »Sie wissen doch, wo Ihr Abendessen steht.« Er zeigte auf ein unberührtes Tablett mit Essen, das aussah, als sei es schon vor langer Zeit kalt geworden. Hähnchennuggets, grüne Bohnen und ein Zuckergebäck. »Er isst fast nie etwas«, erklärte mir Zeke. »Deswegen ist er so dünn. Er besteht auf Blut.«

»Was … was ist er?«, fragte ich, außerstande, den Blick von Liam abzuwenden. Es war natürlich eine dumme Frage. Liam war offensichtlich menschlich und doch … war da etwas an ihm, das nicht stimmte.

»Eine verdorbene Seele, die ein Strigoi sein will«, sagte Zeke. »Einige Wächter haben ihn im Dienst dieser Monster gefunden und uns ausgeliefert. Wir haben versucht, ihn umzuerziehen, aber ohne Erfolg. Er redet ständig davon, wie großartig die Strigoi seien, und dass er eines Tages zu ihnen zurückkehren und uns das alles bezahlen lassen werde. In der Zwischenzeit gibt er sein Bestes, so zu tun, als sei er einer von ihnen.«

»Oh«, sagte Liam mit einem verschlagenen Lächeln, »ich werde einer von ihnen sein. Sie werden meine Loyalität und mein Leiden belohnen. Sie werden mich erwecken, und ich werde eine Macht besitzen, die eure winzigen, sterblichen Träume bei Weitem übersteigt. Ich werde ewig leben und über euch herfallen – über euch alle. Ich werde mich an eurem Blut laben und jeden Tropfen genießen. Ihr Alchemisten zieht eure Fäden und glaubt, ihr würdet alles kontrollieren. Ihr macht euch was vor. Ihr kontrolliert nichts. Ihr seid nichts.«

»Siehst du?«, fragte Zeke und schüttelte den Kopf. »Erbärmlich. Und doch könnte genau das passieren, wenn wir nicht den Job machten, den wir machen. Andere Menschen könnten wie er werden – ihre Seelen für das hohle Versprechen von Unsterblichkeit verkaufen.« Er machte das Alchemistenzeichen gegen das Böse, ein kleines Kreuz auf der Schulter, und unwillkürlich ahmte ich es nach. »Es gefällt mir nicht, hier drin zu sein, aber manchmal … manchmal ist es eine ganz gute Erinnerung daran, warum wir die Moroi und die anderen in den Schatten halten müssen. Warum wir nicht zulassen dürfen, dass wir Sympathie für sie empfinden.«

Im Hinterkopf wusste ich, dass es einen Riesenunterschied in den Beziehungen von Moroi und Strigoi zu den Menschen gab. Trotzdem fielen mir, so lange ich vor Liam stand, keine Argumente ein. Er hatte mich zu sehr verblüfft – und verängstigt. Es war leicht, jedes Wort zu glauben, das die Alchemisten sagten. Dies hier war es, wogegen wir kämpften. Dies hier war der Albtraum, den wir verhindern mussten.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber Zeke schien auch nicht viel zu erwarten.

»Komm, gehen wir.« An Liam gewandt fügte er hinzu: »Und Sie sollten das besser essen, weil Sie bis zum Morgen nichts mehr bekommen. Es ist mir egal, wie kalt und hart es ist.«

Liams Augen wurden schmal. »Was interessiert mich menschliches Essen, wenn ich schon bald den Nektar der Götter trinken werde? Ihr Blut wird warm auf meinen Lippen sein, Ihres und das Ihres hübschen Mädchens.« Dann lachte er, ein Geräusch, das wesentlich verstörender klang als alle Schreie von Keith.

Dieses Gelächter dauerte noch an, während Zeke mich aus dem Raum führte. Die Tür schloss sich hinter uns, und ich stand benommen im Flur. Zeke betrachtete mich mit Besorgnis.

»Es tut mir leid … ich hätte dir das wahrscheinlich nicht zeigen sollen.«

Ich schüttelte langsam den Kopf. »Nein … war schon in Ordnung. Es ist gut, wenn wir so etwas sehen. Damit wir verstehen, was wir tun. Ich wusste ja immer schon … aber so etwas hatte ich doch nicht erwartet.«

Ich versuchte, meine Gedanken wieder auf alltägliche Dinge zu richten und dieses Grauen aus meinem Kopf zu vertreiben. Ich sah auf meinen Kaffee hinab. Er war noch unberührt und lauwarm geworden. Ich verzog das Gesicht.

»Kann ich noch einen Kaffee haben, bevor wir gehen?« Ich brauchte etwas Normales. Etwas Menschliches.

»Sicher.«

Zeke führte mich in den Aufenthaltsraum zurück. Der Kaffee, den ich gekocht hatte, war noch heiß. Ich kippte den alten Kaffee aus und schenkte mir frischen ein. Währenddessen flog die Tür auf, und ein unglücklicher Tom Darnell kam herein. Er schien überrascht, jemanden hier zu sehen, und zwängte sich an uns vorbei. Dann setzte er sich auf das Sofa und begrub das Gesicht in den Händen. Zeke und ich wechselten unsichere Blicke.

»Mr Darnell«, begann ich. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

Er antwortete mir nicht sofort, hielt die Hände vors Gesicht und zitterte unter einem lautlosen Schluchzen. Ich wollte gerade gehen, als er mich ansah, obwohl ich das Gefühl hatte, dass er mich nicht wirklich sah. »Sie haben sich entschieden«, sagte er. »Sie haben über Keith entschieden.«

»Jetzt schon?«, fragte ich verwundert. Zeke und ich hatten nur ungefähr fünf Minuten mit Liam verbracht.

Trübselig nickte Tom. »Sie schicken ihn zurück … zurück in die Umerziehung.«

Ich konnte es nicht glauben. »Aber ich … aber ich hab es ihnen gesagt! Ich habe ihnen doch gesagt, dass er nicht mit Vampiren unter einer Decke steckt. Er glaubt, was … wir Übrigen auch glauben. Es waren seine Entscheidungen, die schlecht waren.«

»Ich weiß. Aber sie haben gesagt, wir können das Risiko nicht eingehen. Selbst wenn Keith den Eindruck macht, als seien sie ihm gleichgültig – selbst wenn er daran glaubt –, bleibt die Tatsache, dass er mit einem von ihnen eine Abmachung hatte. Sie machen sich Sorgen, dass die Bereitschaft, eine solche Partnerschaft einzugehen, ihn unbewusst beeinflussen könnte. Am besten, man nimmt die Dinge jetzt in die Hand. Sie haben … sie haben wahrscheinlich ganz recht. Es ist am besten so.«

Das Bild von Keith, der an die Scheibe hämmerte und darum flehte, nicht zurückgebracht zu werden, blitzte vor meinem inneren Auge auf. »Es tut mir leid, Mr Darnell.«

Toms unglücklicher Blick fokussierte sich ein wenig mehr auf mich. »Entschuldige dich nicht, Sydney. Du hast so viel für Keith getan. Aufgrund dessen, was du ihnen gesagt hast, werden sie seine Zeit in der Umerziehung abkürzen. Das bedeutet mir so viel. Danke.«

Mir krampfte sich der Magen zusammen. Meinetwegen hatte Keith ein Auge verloren. Meinetwegen war Keith überhaupt in die Umerziehung gekommen. Wieder kam mir der Gedanke: Er verdiente es zwar, auf irgendeine Weise zu leiden, aber das verdiente er nicht.

»In Hinsicht auf dich hatten sie recht«, fügte Tom hinzu. Er versuchte zu lächeln, jedoch erfolglos. »Was für ein herausragendes Vorbild du bist. So pflichtbewusst. Dein Vater muss so stolz auf dich sein. Ich weiß nicht, wie du jeden Tag mit diesen Kreaturen zusammenleben und trotzdem einen klaren Kopf behalten kannst. Andere Alchemisten könnten eine Menge von dir lernen. Du verstehst, was Verantwortung und Pflicht bedeuten.«

Seit ich gestern aus Palm Springs abgeflogen war, hatte ich tatsächlich viel über die Gruppe nachgedacht, die ich zurückgelassen hatte – natürlich nur, wenn mich die Alchemisten gerade nicht mit Gefangenen ablenkten. Jill, Adrian, Eddie und selbst Angeline … frustrierend bisweilen, aber am Ende waren sie doch Leute, die ich kennen und mögen gelernt hatte. Obwohl ich so viel wegen ihnen herumrennen musste, hatte ich diese bunt zusammengewürfelte Gruppe beinah in der Sekunde schon vermisst, in der ich Kalifornien verließ. Wenn sie nicht in der Nähe waren, schien mir irgendetwas zu fehlen.

Dieses Gefühl verwirrte mich. Verwischte ich damit die Grenzen zwischen Freundschaft und Pflicht? Wenn Keith wegen einer kleinen Verbindung zu einem Vampir in Schwierigkeiten geraten war, wie viel schlimmer war ich dann eigentlich? Und wie nahe daran war irgendeiner von uns, so zu werden wie Liam?

Zekes Worte hallten in meinem Kopf wider. Wir können nicht zulassen, dass wir Sympathie für sie empfinden.

Und was Tom gerade gesagt hatte: Du verstehst, was Verantwortung und Pflicht bedeuten. Er beobachtete mich erwartungsvoll, und ich brachte ein Lächeln zustande, während ich all meine Ängste beiseiteschob. »Vielen Dank, Sir«, erwiderte ich. »Ich tue, was ich kann.«

Kapitel 2

In dieser Nacht schlief ich nicht. Zum Teil lag es einfach an der Zeitumstellung. Mein Flug zurück nach Palm Springs war für sechs Uhr früh angesetzt – was in der Zeitzone, in der sich mein Körper noch immer glaubte, drei Uhr morgens war. Da schien Schlafen sinnlos.

Und natürlich gab es die winzig kleine Tatsache, dass mir nach allem, was ich in dem Alchemistenbunker erlebt hatte, jede Entspannung schwerfiel. Wenn ich nicht gerade Liams irre Augen vor mir sah, ging ich im Geiste die ständigen Warnungen durch, die ich über jene Leute gehört hatte, die Vampiren zu nahe kamen.

Die Situation wurde auch dadurch nicht besser, dass ich einen Haufen Mails von der Bande in Palm Springs erhalten hatte. Normalerweise rief ich meine E-Mails automatisch über mein Telefon ab, wenn ich unterwegs war. Jetzt, in meinem Hotelzimmer, wo ich die verschiedenen Mails anstarrte, kamen mir Zweifel. Waren sie wirklich professionell? Oder waren sie zu freundlich? Überschritten sie die Grenzen des Alchemistenprotokolls? Nachdem ich gesehen hatte, was Keith widerfahren war, schien es mir offensichtlicher denn je, dass nicht viel dazugehörte, Schwierigkeiten mit meiner Organisation zu bekommen.

Eine Nachricht kam von Jill, und in der Betreffzeile stand schon: Angeline … seufz.

Das war keine Überraschung für mich, und ich machte mir jetzt noch nicht die Mühe, die Mail zu lesen. Angeline Dawes, ein Dhampirmädchen, das man zu Jills Mitbewohnerin bestimmt hatte und das eine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme darstellen sollte, hatte ein wenig Probleme gehabt, sich in Amberwood einzuleben. Wegen irgendetwas hatte sie immer Schwierigkeiten, und was es diesmal auch sein mochte, im Augenblick konnte ich nichts für sie tun.

Eine andere Mail kam von Angeline selbst. Die las ich ebenfalls nicht. In der Betreffzeile stand:LIESDAS! VOLLWITZIG! Angeline hatte das Medium E-Mail erst kürzlich entdeckt. Nicht entdeckt hatte sie anscheinend aber, wie man die Feststelltaste ausschaltete. Auch leitete sie ohne Unterschiede Witze, blödsinnige Börsennachrichten oder Viruswarnungen weiter. Und apropos … wir hatten auf ihrem Laptop schließlich eine Jugendschutzsoftware installieren müssen, um ihr den Zugang zu gewissen Websites und Adds zu sperren, und zwar – nachdem sie sich tatsächlich vier Viren gefangen hatte.

Es war die letzte E-Mail in meinem Eingangsfach, die mich stutzen ließ. Sie kam von Adrian Ivashkov, der einzigen Person in unserer Gruppe, die sich nicht als Schüler der Amberwood School ausgab. Adrian war ein einundzwanzig Jahre alter Moroi es wäre also ziemlich schwierig gewesen, ihn als Schüler einer Highschool auszugeben. Adrian war dabei, weil er und Jill ein psychisches Band teilten, das unbeabsichtigt entstanden war, als er ihr mit Hilfe seiner Magie das Leben gerettet hatte. Alle Moroi verfügten über irgendeine Art von elementarer Magie, und seine war die des Geistes ein mysteriöses Element, das mit dem Verstand und der Heilkunst verbunden war. Das Band ermöglichte es Jill, Adrians Gedanken und Gefühle zu erkennen, was ihnen beiden zu schaffen machte. Dadurch, dass er in der Nähe war, konnte sie daran arbeiten, besser mit diesem Band zurechtzukommen. Außerdem hatte Adrian nichts Besseres zu tun.

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