Dark Swan - Sturmtochter - Richelle Mead - E-Book

Dark Swan - Sturmtochter E-Book

Richelle Mead

4,5
9,99 €

Beschreibung

Eugenie Markham ist eine mächtige Schamanin, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdient, Geister und andere übernatürliche Geschöpfe zu bannen, die in die irdische Welt einbrechen. Sie erhält den Auftrag, ein junges Mädchen zu suchen, das vermutlich von Feen entführt wurde. Dazu muss sie selbst in die magische Welt der Feen reisen - ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen. Unterstützung erhält sie von dem geheimnisvollen Gestaltwandler Kiyo, der ihr nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht einfach nicht mehr aus dem Sinn will. In der Welt der Feen macht Eugenie außerdem eine Entdeckung, die alles in Frage stellt, was sie bislang zu wissen glaubte...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 583




Inhalt

TITEL

WIDMUNG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

IMPRESSUM

Richelle Mead

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Frank Böhmert

 

Für Michael, dem das hier immer am besten gefiel

KAPITEL 1

Ich hatte schon Merkwürdigeres gesehen als einen Schuh, in dem es spukte, aber nicht oft.

Der Nike Pegasus stand harmlos im Arbeitszimmer auf dem Schreibtisch. Es war das Modell in den Farbtönen Grau, Weiß und Orange. Die Schnürsenkel waren gelockert, und an der Sohle klebte ein bisschen Erde. Es war der linke Schuh.

Und was mich betraf … tja, also ich trug unter meinem knielangen Mantel eine Glock 22 mit Projektilen, deren Stahlgehalt nicht mehr legal war. In der Manteltasche steckte ein Magazin mit Silberprojek­tilen. An meiner Hüfte lagen zwei Messerscheiden; darin befanden sich ein Athame – ein Ritualdolch – aus Silber und eines aus Eisen. Gleich daneben im Gürtel steckte ein Zauberstab aus handgeschnitzter Eiche, den ich wahrscheinlich lange genug mit Energiesteinen aufgeladen hatte, um den ganzen Schreibtisch in die Luft zu jagen, wenn ich wollte.

Zu behaupten, dass ich mir overdressed vorkam, wäre leicht untertrieben.

„Also dann.“ Ich bemühte mich um einen neutralen Tonfall. „Was bringt Sie auf die Idee, dass Ihr Schuh … ähm, besessen sein könnte?“

Brian Montgomery, ein Enddreißiger mit zurückweichendem Haaransatz, den er nicht wahrhaben wollte, musterte den Schuh nervös und befeuchtete die Lippen. „Er bringt mich beim Laufen immer zum Stolpern. Jedes Mal. Und er ist ständig woanders. Ich kriege es nicht mit, aber … ich ziehe sie zum Beispiel bei der Tür aus, und wenn ich sie dann wegräumen will, liegt er unterm Bett oder so. Und manchmal … manchmal fasse ich ihn an, und er fühlt sich kalt an … richtig kalt … wie …“ Er suchte nach einem Vergleich und wählte schließlich den abgegriffensten. „Wie Eis.“

Ich nickte und sah wieder zu dem Schuh, ohne etwas zu sagen.

„Hören Sie, Miss … Odile … oder wie auch immer. Ich bin kein Spinner. In diesem Schuh spukt es. Er ist böse. Sie müssen etwas unternehmen, ja? Ich bereite mich gerade auf einen Marathon vor, und bevor das hier losging, waren das meine Glücksschuhe. Und billig waren sie auch nicht. Ich hab da richtig was investiert.“

Für mich klang er sehr nach einem Spinner – und ich bin einiges gewöhnt. Aber wo ich schon einmal hier war, konnte eine kurze Überprüfung nicht schaden. Ich griff in die Manteltasche, in der keine Munition war, und zog mein Pendel hervor, ein schlichtes Silberkettchen mit einem kleinen Quarzkristall.

Ich schob einen Finger durch die Kette und hielt die Hand flach über den Schuh, sammelte mich und ließ den Kristall frei hängen. Einen Moment später begann er langsam von selbst zu kreisen.

„Hölle und Verdammnis“, fluchte ich leise und steckte das Pendel wieder ein. Da war irgendwas. Ich wandte mich zu Montgomery um und machte einen auf knallhart. Das erwartete die Kundschaft. „Vielleicht wäre es am besten, Sie verließen kurz das Zimmer, Sir. Zu Ihrer eigenen Sicherheit.“

Das stimmte nur zum Teil. Vor allem nervte es einfach, wenn Kunden dabei waren. Sie stellten dumme Fragen und neigten zu noch düm­meren Handlungen, und oft brachten sie damit nicht sich in Gefahr, sondern mich.

Er hatte keine Einwände. Kaum war die Tür zu, da holte ich ein Marmeladenglas mit Salz aus meiner Umhängetasche und streute auf dem Fußboden einen großen Kreis aus. Ich trat hinein, warf den Schuh in die Mitte und rief mit dem Silberathame die vier Himmelsrichtungen an. Der Kreis wirkte unverändert, aber ich spürte ein leichtes Auflodern von Kraft, was bedeutete, dass wir jetzt in ihm eingeschlossen waren.

Ich unterdrückte ein Gähnen und zog meinen Zauberstab, ohne das Silberathame wieder wegzustecken. Die Fahrt nach Las Cruces hatte vier Stunden gedauert, und nach der kurzen Nacht war sie mir doppelt so lang vorgekommen. Ich sandte ein bisschen Willen in den Zauberstab, klopfte damit gegen den Schuh und sagte mit Singsangstimme:

„Komm heraus, komm heraus, wer du auch seist.“

Einen Moment lang war es still, dann fauchte eine hohe Männerstimme: „Hau ab, Schlampe.“

Na super. Ein Schuh mit Kampfgeist. „Wieso? Hast du etwa was Besseres vor?“

„Auf jeden Fall etwas Besseres, als meine Zeit mit einer Sterblichen zu vergeuden.“

Ich grinste. „In einem Schuh? Sei nicht albern. Ich meine, ist mir nicht neu, dass manche gern auf Ghettogangster machen, aber findest du nicht, dass du ein bisschen übertreibst? Der Schuh ist nicht mal neu. Da hättest du echt was Besseres auftun können.“

Der Kerl in dem Schuh klang nicht bedrohlich, sondern einfach nur gereizt, verärgert über die Störung. „Ich mache einen auf Gangster? Glaubst du denn, ich weiß nicht, wer du bist, Eugenie Markham? Odile Dark Swan bist du. Eine Blutsverräterin. Ein Mischling. Eine Attentäterin. Eine Mörderin.“ Das letzte Wort spie er förmlich aus. „Du bist unter deinesgleichen ebenso allein wie unter meinesgleichen. Ein blutdurstiger Schatten. Du tust alles, Hauptsache, jemand bezahlt anständig dafür. Das macht dich nicht bloß zu einer Söldnerin. Das macht dich zu einer Hure.“

Ich setzte eine gelangweilte Miene auf. Mit solchen Schimpfworten hatte man mich schon des Öfteren belegt. Allerdings ohne mich dabei mit meinem richtigen Namen anzusprechen, das war neu – und durchaus beunruhigend. Was ich mir natürlich nicht anmerken ließ.

„Hast du jetzt genug rumgewinselt? Weil ich mir nämlich nicht end­los anhören kann, wie du Zeit schindest.“

„Wirst du denn nicht pro Stunde bezahlt?“, fragte er giftig.

„Ich nehme eine Pauschale.“

„Oh.“

Ich verdrehte die Augen und hielt wieder den Zauberstab an den Schuh. Diesmal verwendete ich meinen ganzen Willen darauf, schöpfte dabei Kraft sowohl aus meiner körperlichen Verfassung als auch aus der mich umgebenden Energie. „Schluss jetzt mit den Spielchen. Wenn du freiwillig rauskommst, brauche ich dir nicht wehzutun. Komm raus.“

Diesem Befehl konnte er nicht standhalten. Der Schuh fing an zu beben, Rauch strömte hervor. Du lieber Gott. Hoffentlich fackelte ich ihn nicht gerade ab. Das würde Montgomery gar nicht gefallen.

Der Rauch wallte empor und verdichtete sich zu einer großen, dunklen Gestalt, die bestimmt einen halben Meter größer war als ich. Wegen seiner schlauen Sprüche hatte ich eher mit so etwas wie einem vorlauten Weihnachtselfen gerechnet. Stattdessen ähnelte dieser Bursche oben herum einem Muskelprotz, während sein Unterkörper etwas von einem Mini-Zyklon hatte. Der Rauch verfestigte sich zu ledriger grauschwarzer Haut, und bis ich begriff, was ich da vor mir hatte, blieb mir kaum noch Zeit zu reagieren. Ich vertauschte den Zauberstab mit der Pistole und öffnete gleichzeitig die Trommel der Pistole. Der Dämon stürzte sich auf mich, und ich rollte innerhalb der Grenzen des Kreises außerhalb seiner Reichweite.

Ein Ker. Ein männlicher Ker – äußerst ungewöhnlich. Ich hatte mit irgendeinem Elfenwesen gerechnet, für das Stahlprojektile erforderlich gewesen wären, oder mit einem Gespenst, bei dem man Schusswaffen völlig vergessen konnte. Keres waren alte Todesdämonen, die ursprünglich in Kanopenkrüge – in denen die alten Ägypter ihre Toten beisetzten – eingeschlossen worden waren. Als die Krüge im Laufe der Zeit verfielen, tendierten die Keres dazu, sich neue Behausungen zu suchen. Sie waren in dieser Welt nicht mehr allzu zahlreich, und gleich würde es noch einen weniger geben.

Er stieß auf mich herab, und ich kerbte ihn ordentlich mit dem Silberathame. Ich führte es mit der rechten Hand, an der ich ein Armband aus Onyx und Obsidian trug. Schon allein diese Steine setzten einem Todesdämon ordentlich zu, auch ohne Messer. Und richtig, er fauchte schmerzerfüllt und zögerte einen Moment. Ich nutzte die Verschnaufpause, um das Magazin mit den Silberprojektilen herauszuholen.

Ich schaffte es nicht ganz, weil er mit einem dieser massigen Arme nach mir schlug und ich gegen die Umgrenzung des Kreises krachte. Sie mochte vielleicht durchsichtig sein, aber sie fühlte sich an, als wäre sie aus Ziegelsteinen gemauert. Das war der Nachteil, wenn ich einen Geist in einen Kreis sperrte; ich war dann mit eingesperrt. Mein Kopf und die linke Schulter bekamen das meiste ab, und der Schmerz durchschoss mich in kleinen Attacken. Der Ker war anscheinend sehr mit sich zufrieden, wie es bei übertrieben selbstbewussten Bösewichten ja öfter der Fall ist.

„Du bist so stark, wie sie sagen, aber es war dumm von dir, mich austreiben zu wollen. Du hättest mich besser in Ruhe gelassen.“ Seine Stimme war jetzt tiefer, fast schon heiser.

Ich schüttelte den Kopf, sowohl zur Verneinung als auch, um die Benommenheit loszuwerden. „Ist doch nicht dein Schuh.“

Ich konnte dieses gottverdammte Magazin immer noch nicht einschieben. Nicht jetzt, wo er mich jeden Moment erneut angreifen konnte und ich beide Hände voll hatte. Eine der Waffen fallen zu lassen war einfach zu riskant.

Er griff nach mir, und ich stach erneut zu. Die Wunden waren klein, aber das Athame war wie Gift. Es würde ihn auslaugen – wenn ich es schaffte, so lange am Leben zu bleiben. Ich hieb noch einmal nach ihm, aber er rechnete damit und packte mein Handgelenk. Er verdrehte es mir, sodass ich das Athame mit einem Aufschrei fallen lassen musste. Hoffentlich war nichts gebrochen. Mit einem selbstgefälligen Grinsen packte er mich bei den Schultern und hob mich hoch, bis ich direkt vor seinem Gesicht hing. Seine Augen waren gelb mit geschlitzten Pupillen, fast wie bei einer Schlange. Sein Atem war heiß und stank nach Verwesung.

„Du bist klein, Eugenie Markham, aber du bist auch schön, und dein Fleisch ist warm. Vielleicht sollte ich dich selbst nehmen, bevor es die anderen tun. Es wäre ein Genuss, dich unter mir schreien zu hören.“

Igitt. Hatte dieses Vieh mich gerade angebaggert? Und da war mein Name schon wieder. Woher in aller Welt kannte er ihn? Die wussten ihn doch gar nicht. Für die war ich Odile, benannt nach dem schwarzen Schwan in Schwanensee. Das hatte sich mein Stiefvater ausgedacht, wegen der Gestalt, die mein Geist in der Anderswelt annahm. Der Name war zwar nicht besonders furchteinflößend, aber trotzdem hängen geblieben, wobei ich nicht glaubte, dass irgendeine der Kreaturen, die ich bekämpfte, mit der Anspielung etwas anfangen konnte. Ins Ballett gingen die eher nicht.

Der Ker hielt meine Oberarme im Zangengriff – morgen würde ich blaue Flecken haben –, aber meine Hände und Unterarme waren frei. Er war dermaßen von sich überzeugt, dermaßen arrogant und selbstbewusst, dass er meinen sich windenden Händen keine Beachtung schenkte. Wahrscheinlich nahm er die Bewegungen nur als vergeblichen Versuch wahr, mich zu befreien. Binnen Sekunden hatte ich das Magazin draußen und in der Pistole. Ich drückte ab, ohne großartig zielen zu müssen, und er ließ mich fallen – keine besonders sanfte Landung. Stolpernd gewann ich mein Gleichgewicht wieder. Wahrscheinlich war er mit Schusswaffen gar nicht totzukriegen, aber weh tat so eine Ladung Silber in der Brust bestimmt.

Er stolperte ziemlich überrascht nach hinten, und ich fragte mich, ob er überhaupt je mit einer Knarre Bekanntschaft gemacht hatte. Ich feuerte erneut, immer wieder. Der Lärm war enorm; hoffentlich kam Montgomery nicht auf die dumme Idee, hier hereinzuplatzen. Der Ker brüllte vor Wut und vor Schmerzen. Jeder Schuss ließ ihn ­rückwärtsstolpern, bis ganz an die Begrenzung des Kreises. Ich klaubte das Athame vom Boden auf und ging zum Angriff über. Mit einigen schnellen Bewegungen ritzte ich ihm das Todeszeichen in den Teil der Brust, der noch unversehrt war. Prompt knisterte elektrische Ladung in der Luft. In meinem Nacken richteten sich die Härchen auf, und ich konnte Ozon riechen, wie kurz vor einem Gewitter.

Der Ker schrie auf und warf sich nach vorn, angetrieben von Wut oder Adrenalin oder womit immer diese Wesen funktionierten. Aber es war zu spät, er war markiert und verwundet. Ich erwartete ihn schon. In anderer Stimmung hätte ich ihn vielleicht einfach in die Anders­welt verbannt; ich verzichtete wenn möglich auf das Töten. Aber diese sexuelle Anmache eben war einfach daneben gewesen, und in mir bro­delte es. Er würde ins Totenreich gehen, schnurstracks zum Tor der Persephone.

Ich feuerte erneut, um ihn aufzuhalten. Mit der Linken war ich nicht so treffsicher, aber dafür reichte es. Ich hatte das Athame bereits gegen den Zauberstab ausgetauscht. Diesmal bezog ich die Energie nicht aus dieser Ebene. Mit der Leichtigkeit langer Übung ließ ich einen Teil meines Bewusstseins aus dieser Welt schlüpfen. Momente später erreichte ich den Kreuzweg zur Anderswelt. Das war ein einfacher Übergang; so etwas machte ich ständig. Der nächste Wechsel fiel ein bisschen schwerer, zumal der Kampf mich geschwächt hatte, aber auch ihn beherrschte ich im Schlaf. Ich achtete hübsch darauf, dass mein eigener Geist außerhalb des Totenreichs blieb, aber ich berührte es und sandte diese Verbindung durch den Zauberstab. Der Ker wurde aufgesaugt, und sein Gesicht verzerrte sich vor Angst.

„Diese Welt ist nicht die deine“, sagte ich mit leiser Stimme und spürte, wie in mir und um mich herum die Kraft loderte. „Die deine ist sie nicht, und ich vertreibe dich aus ihr. Zum schwarzen Tor schicke ich dich, ins Totenreich, wo du entweder wiedergeboren werden mögest oder der Vergessenheit anheimfallen oder in den Flammen der Hölle brennen. Es ist mir wirklich scheißegal. Geh.“

Er schrie, aber der Zauber fing ihn ein. Ein Zittern in der Luft, ein Druckanstieg, und dann war es ebenso rasch wieder vorbei, wie aus einem Luftballon die Luft entwich. Von dem Ker war nichts geblieben als ein grauer Funkenregen, der rasch verging.

Stille. Ich sank auf die Knie und holte tief Luft, schloss für einen Moment die Augen, während mein Körper sich entspannte und mein Bewusstsein in diese Welt zurückkehrte. Ich war erschöpft, aber auch aufgekratzt. Ihn zu töten hatte sich gut angefühlt. Ich war regelrecht berauscht. Er hatte bekommen, was er verdiente, und zwar durch meine Hand.

Minuten später kehrte ein Teil meiner Kraft zurück. Ich stand auf und öffnete den Kreis, der mir plötzlich beengend vorkam. Ich verstaute meine Werkzeuge und meine Waffen und ging hinaus zu Montgomery.

„Ich habe Ihren Schuh exorziert“, sagte ich nüchtern. „Der Geist ist tot.“ Es brachte nichts, den Unterschied zwischen einem Ker und einem eigentlichen Geist zu erklären; er hätte es doch nicht begriffen.

Zögernd betrat er den Raum und hob den Schuh auf. „Ich habe Schüsse gehört. Wie kann man einen Geist denn mit Kugeln treffen?“

Ich zuckte mit den Schultern. Die Stelle, wo der Ker mich gegen die Wand gerammt hatte, tat weh. „Er war ziemlich stark.“

Montgomery barg den Schuh an seiner Brust wie einen Säugling, dann sah er missbilligend nach unten. „Da ist Blut auf dem Teppich.“

„Lesen Sie sich den Papierkram durch, den Sie unterschrieben haben. Keine Haftung für Schäden an persönlichem Eigentum.“

Bevor er zahlte – in bar – und ich einen Abflug machte, meckerte er noch ein bisschen rum. Aber eigentlich war er dermaßen aus dem Häuschen über seinen Schuh, dass ebenso gut das ganze Büro hätte in Schutt und Asche liegen können.

Im Auto durchwühlte ich das Handschuhfach nach einem Milky Way. Solche Kämpfe erforderten sofortigen Zucker- und Kaloriennachschub. Ich schob mir den Schokoriegel praktisch in einem Stück in den Mund und machte mein Handy an. Ein Anruf von Lara war mir entgangen.

Sobald ich einen zweiten Riegel verputzt hatte und wieder auf der I-10 war, rief ich sie an.

„Ja“, sagte ich.

„Hey. Haben Sie die Montgomery-Sache abgeschlossen?“

„Jepp.“

„War der Turnschuh wirklich besessen?“

„Jepp.“

„Hui. Wer hätte das gedacht? Aber irgendwie ist es auch witzig, weil … wissen Sie … verlorene Seelen und Sohlen …*“

„Sehr schlechter Witz“, beschied ich. Lara war vielleicht eine gute Sekretärin, aber deshalb musste ich mir so was noch lange nicht anhören. „Also, was gibt’s Neues? Oder wollten Sie sich bloß mal melden?“

„Nein. Ich habe vorhin eine sehr seltsame Anfrage reingekriegt. Der Mann klang ehrlich gesagt ziemlich nach einem Spinner. Aber er behauptet, seine Schwester wäre von Feen entführt worden – äh, von den Feinen. Er will, dass Sie rübergehen und die Kleine zurückholen.“

Ich schwieg und starrte auf die Straße und zum klaren blauen Himmel hinauf, ohne beides richtig wahrzunehmen. Mein Verstand versuchte zu verarbeiten, was Lara gerade gesagt hatte. Solche Anfragen bekam ich nicht oft. Eigentlich nie. Eine derartige Rettung erforderte, dass man körperlich in die Anderswelt wechselte. „So etwas mache ich grundsätzlich nicht.“

„Habe ich ihm auch gesagt.“ Aber in ihrer Stimme schwang Un­sicherheit mit.

„Also gut. Was verschweigen Sie mir gerade?“

„Nichts eigentlich. Ich weiß nicht. Es ist nur so … Er hat gesagt, sie wäre jetzt schon seit fast anderthalb Jahren fort. Sie war vierzehn, als sie verschwunden ist.“

Mein Magen zog sich leicht zusammen. Himmel. Was für ein grausames Schicksal für ein so junges Mädchen. Dagegen kam mir die plumpe Anmache des Kers eben richtig banal vor.

„Er klang ganz schön verzweifelt.“

„Gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sie wirklich entführt wurde?“

„Das weiß ich nicht. Er wollte nichts weiter sagen. Er war irgendwie paranoid. Als ob er dächte, dass sein Telefon abgehört wird.“

Ich lachte auf. „Durch wen denn? Die Feinen?“ So nannte ich die Wesen, die in der westlichen Kultur zumeist als Feen oder Elfen bezeichnet werden. Sie sahen genauso aus wie Menschen, nur dass sie statt der Technik die Magie bevorzugten. Für sie war „Fee“ ein abfälliger Begriff, und ich wurde dem gewissermaßen gerecht, indem ich ein Wort aus der mittelalterlichen Dichtung für sie benutzte: die Feinen. Gute Leute. Gute Mitmenschen. Eine fragwürdige Bezeichnung, durchaus. Die Feinen zogen den Begriff „die Glanzvollen“ vor, aber das war ja einfach albern. So weit reichte das Ansehen dann doch nicht.

„Keine Ahnung“, sagte Lara. „Wie ich schon sagte, er klang sehr nach einem Spinner.“

Schweigen machte sich breit, während ich mir immer noch das Telefon ans Ohr hielt und an einem Auto vorbeizog, das mit siebzig auf der linken Spur fuhr.

„Eugenie! Sie denken doch nicht ernsthaft darüber nach.“

„Vierzehn, ja?“

„Sie haben immer gesagt, das wäre gefährlich.“

„Was denn? In der Pubertät zu sein?“

„Sparen Sie sich Ihre Scherze. Sie wissen genau, was ich meine. Rüberzugehen.“

„Ja. Stimmt.“

Es war gefährlich – extrem gefährlich. Sicher, man konnte auch sterben, wenn man in seiner geistigen Form dort unterwegs war, aber da hatte man eine größere Chance zu entkommen, weil der erdgebundene Körper einen mit der wirklichen Welt verband. Wenn man ihn mitnahm, änderte das sämtliche Spielregeln.

„Das ist nicht Ihr Ernst.“

„Machen Sie einen Termin“, wies ich sie an. „Kann nichts schaden, mich einmal mit ihm zu unterhalten.“

Ich sah richtig vor mir, wie sie sich auf die Lippe biss, um mir nicht zu widersprechen. Aber schließlich war ich es, die ihre Gehaltsschecks unterschrieb, und das respektierte sie. Nach ein, zwei Sekunden durchbrach sie die Stille, indem sie mich bei einigen anderen Aufträgen auf den neuesten Stand brachte, dann ging sie zu weniger heiklen Themen über: irgendein Sonderverkauf im Center, ein rätselhafter Kratzer an ihrem Auto …

Irgendwie brachte mich Laras munteres Geplauder immer zum Schmunzeln, aber gleichzeitig fand ich es beunruhigend, dass ich den Großteil meiner Gespräche mit einer Person bestritt, die ich eigentlich nie traf. In der letzten Zeit beschränkte sich mein persönlicher Umgang vor allem auf Geistwesen und Feine.

Die Zeit fürs Abendessen war schon vorbei, als ich zu Hause ankam, und mein Mitbewohner Tim schien ausgegangen zu sein, wahrscheinlich zu irgendeiner Lesung. Trotz seines polnischen Hintergrunds hatten ihm seine Gene unerklärlicherweise einen starken indianischen Einschlag gegeben. Er sah sogar indianischer aus als manch einer hier aus der Gegend. Tim hatte beschlossen, daraus Kapital zu schlagen, und sich lange Haare und den Namen Timothy Red Horse zugelegt. Er verbrachte seine Tage damit, in irgendwelchen Kneipen pseudo­indianische Lyrik zum Besten zu geben und sich an naive Touristinnen heranzumachen, indem er massenhaft Floskeln wie „mein Volk“ und „der Große Geist“ einsetzte. Es war gelinde gesagt abscheulich, aber er kriegte sie ziemlich oft rum. Nur mit dem Geld klappte es nicht so; darum ließ ich ihn umsonst bei mir wohnen, und er machte dafür den Haushalt. Ein ziemlich guter Deal, soweit es mich betraf. Wenn man sich den ganzen Tag mit Untoten herumschlug, war es irgendwie zu viel verlangt, auch noch die Badewanne zu schrubben.

Das Schrubben meiner Athame musste ich unglücklicherweise selbst erledigen. Keresblut hinterließ manchmal Flecken.

Anschließend aß ich zu Abend, dann zog ich mich aus und saß lange in meiner Sauna. An meinem Häuschen draußen in den Ausläufern des Gebirges gefiel mir vieles, aber mit am meisten die Sauna. Man könnte meinen, dass so etwas in der Wüste überflüssig ist, aber in Arizona gab es zumeist trockene Hitze, und ich mochte die feuchte Luft und das Gefühl der Wassertropfen auf meiner Haut. Ich lehnte mich an die Holzwand und genoss es, den Stress auszuschwitzen. Mir tat alles weh, manche Stellen besonders stark, und die Hitze sorgte dafür, dass sich die Muskeln langsam wieder lockerten.

Die Einsamkeit tat auch gut. Es war zwar zum Heulen, aber dass ich so selten etwas mit anderen unternahm, lag ausschließlich an mir. Ich verbrachte einen Großteil meiner Zeit allein und störte mich auch nicht daran. Als mein Stiefvater Roland angefangen hatte, mich zur Schamanin auszubilden, erzählte er mir, dass Schamanen in vielen Kulturen notwendigerweise außerhalb der normalen Gesellschaft lebten. Damals, in der siebten oder achten Klasse, war mir diese Vorstellung verrückt vorgekommen, aber jetzt, wo ich älter war, leuchtete sie mir durchaus ein.

Ich litt zwar nicht gerade unter sozialer Phobie, aber es fiel mir oft schwer, mit anderen Leuten zu interagieren. Mich zu unterhalten, wenn noch jemand anders zuhörte, war mörderisch. Selbst Zweiergespräche hatten ihre Tücken. Ich konnte weder bei Haustieren noch bei Kindern mitreden, und Sachen wie die Aktion in Las Cruces heute eigneten sich auch kaum für Small Talk. Mann, war das ein Tag heute. Erst vier Stunden Fahrt, dann der Kampf gegen einen Dämon der Antike. Ich musste ihm mehrere Kugeln und Messerstiche verpassen, bevor ich ihn auslöschen und in die Unterwelt befördern konnte. Herrgott noch mal, ich werde echt nicht gut genug bezahlt für so einen Mist. Das Stichwort für höfliches Gelächter.

Als ich aus der Sauna kam, hatte ich wieder eine Nachricht von Lara auf dem Handy. Der Termin mit dem verzweifelten Bruder war auf morgen angesetzt. Ich machte eine Notiz in meinen Tagesplaner, duschte und zog mich in mein Zimmer zurück, wo ich in einen schwarzen Seidenschlafanzug schlüpfte. Aus irgendeinem Grunde war schöne Nachtwäsche der einzige Luxus, den ich mir in meinem ansonsten schmutzigen und blutigen Leben gönnte. Das Ensemble für heute Nacht hatte ein Miederoberteil, das ordentlich Dekolleté zeigte. Es war bloß niemand da, der es hätte sehen können. Wenn Tim da war, zog ich mir immer noch einen schlabberigen Bademantel über.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und kippte ein neues Puzzle aus, das ich mir gerade gekauft hatte. Es zeigte ein Kätzchen, das auf dem Rücken lag und mit einem Wollknäuel spielte. Meine Vorliebe für Puzzles war ebenso seltsam wie das mit der Nachtwäsche, aber ich fand es entspannend. Vielleicht, weil es so gegenständlich war. Man konnte die Teile in die Hand nehmen und an den richtigen Stellen zusammenfügen, ganz im Gegensatz zu den wenig greifbaren Sachen, mit denen ich mich sonst so herumschlug.

Während meine Finger die Teile herumbewegten, versuchte ich, aus der Tatsache schlau zu werden, dass der Ker meinen richtigen Namen gekannt hatte. Was bedeutete das? Ich hatte mir in der Anderswelt jede Menge Feinde gemacht. Die Vorstellung, dass sie vielleicht meine Identität kannten, gefiel mir gar nicht. Ich zog es vor, Odile zu bleiben. Ach wie gut, dass niemand weiß. Aber wahrscheinlich machte ich mir umsonst Sorgen. Der Ker war tot. Er konnte nichts mehr ausplaudern.

Zwei Stunden später war ich mit dem Puzzle fertig und bewunderte es. Das Kätzchen war braun getigert, mit fast azurblauen Augen. Das Wollknäuel war rot. Ich holte meine Digitalkamera, machte ein Foto und nahm das Puzzle wieder auseinander, tat es in die Schachtel zurück. Wie gewonnen, so zerronnen.

Mit einem Gähnen schlüpfte ich ins Bett. Tim hatte heute Wäsche gewaschen; das Bettzeug war frisch und sauber. Es geht nichts über den Duft von frischer Bettwäsche. Doch trotz meiner Erschöpfung konnte ich nicht einschlafen. Das war auch so eine Ironie des Lebens. Im Wachzustand konnte ich mit einem Fingerschnippen in Trance fallen. Mein Geist konnte meinen Körper verlassen und durch andere Welten reisen. Mit dem Schlafen tat ich mich dagegen aus irgendeinem Grunde schwer. Verschiedene Ärzte hatten mir Beruhigungsmittel verschrieben, aber die nahm ich nicht so gern. Drogen und Alkohol fesselten den Geist an diese Welt, und ich gönnte mir zwar auch gelegentlich eine kleine Auszeit, aber eigentlich zog ich es vor, jederzeit hinüberwechseln zu können.

Diesmal war meine Schlaflosigkeit wohl auf ein gewisses Teenager­mädchen zurückzuführen … Aber nicht doch. Daran durfte ich nicht einmal denken, jedenfalls jetzt noch nicht. Erst musste ich mit dem Bruder sprechen.

Ich brauchte etwas anderes, womit ich meine Gedanken beschäf­tigen konnte. Seufzend drehte ich mich auf den Rücken und starrte an die Decke mit ihren fluoreszierenden Plastiksternen. Ich zählte sie, wie schon in vielen anderen schlaflosen Nächten. Es waren dreiunddreißig Stück, genau wie letztes Mal. Aber noch mal kontrollieren war nie verkehrt.

* Anmerkung des Übersetzers: Unübersetzbares Wortspiel, das auf dem Gleichklang der englischen Wörter soul (dt. Seele) und sole (dt. Schuhsohle) beruht.

KAPITEL 2

Will Delaney war Anfang zwanzig, strohblond und musste mal wieder zum Friseur. Er war käseweiß und trug eine Drahtbrille. Als ich am nächsten Morgen bei ihm aufkreuzte, musste er ungefähr zwanzig Schlösser aufschließen, bevor er die Tür öffnen konnte, und selbst dann ließ er noch die Kette vor.

„Ja?“, fragte er misstrauisch.

Ich setzte meine geschäftsmäßige Miene auf. „Ich bin Odile. Hat Lara mit Ihnen einen Termin gemacht?“

Er musterte mich. „Sie sind jünger, als ich gedacht hätte.“ Einen Moment später schloss er die Tür und zog die Kette ab. Die Tür öffnete sich wieder, und er winkte mich eilig hinein.

Ich trat ein und sah mich um. Stapelweise Bücher und Zeitungen – und ganz schön schlechtes Licht zum Lesen. „Ziemlich dunkel hier drin.“

„Die Jalousien müssen unten bleiben. Man weiß ja nie, wer sonst reinguckt.“

„Ah ja. Schön. Und was ist mit den Lampen?“

Er schüttelte den Kopf. „Sie würden staunen, wie viel Strahlung Lampen und andere Elektrogeräte emittieren. Genau darum ist unsere Gesellschaft ja so verkrebst.“

„Ah so.“

Wir setzten uns an seinen Küchentisch, und er erklärte mir, warum er davon ausging, dass seine Schwester von den Feinen entführt worden war. Es fiel mir schwer, meine Skepsis zu verbergen. Sicher, ich hatte schon von so etwas gehört, aber langsam verstand ich, warum Lara ihn einen Spinner genannt hatte. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Feinen einfach nur eine Ausgeburt seiner Fantasie waren, war hoch.

„Das ist sie.“ Er brachte mir ein postkartengroßes Foto, das ihn Arm in Arm mit einem hübschen Mädchen zeigte vor irgendeinem gras­bewachsenen Hang. „Unmittelbar vor der Entführung aufgenommen.“

„Sie ist niedlich. Und sehr jung. Wohnt sie … Haben Sie zusammengewohnt?“

Er nickte. „Unsere Eltern sind vor fünf Jahren gestorben. Ich habe die Vormundschaft für sie übernommen. Was kein großer Unterschied zu vorher war.“

„Was meinen Sie damit?“

Jetzt sah er nicht nur wie ein Neurotiker aus, sondern wie ein verbitterter Neurotiker. Eine befremdliche Kombination. „Unser Vater war ständig auf Geschäftsreise, und unsere Mutter ist regelmäßig fremdgegangen. Also habe ich im Grunde schon immer für Jasmine und mich gesorgt.“

„Und was bringt Sie zu dem Schluss, dass sie von Fei… von Feen entführt worden ist?“

„Der Zeitpunkt. Es ist an Halloween passiert. Am Vorabend zu Samhain. Diese Nacht ist bestens für Entführungen und Erscheinungen geeignet, das wird durch Fakten bestätigt. Da werden die Wände zwischen den Welten durchlässig.“

Es hörte sich an wie aus irgendeinem populärwissenschaftlichen Buch zitiert. Oder aus dem Internet. Für manche Menschen war ein Internetanschluss wohl wie eine Schusswaffe in der Hand eines Kleinkinds. Ich gab mir Mühe, nicht die Augen zu verdrehen, während er endlos weiterredete. Dass mir ein Laie Nachhilfe gab, war nun wirklich nicht nötig.

„Ja, das ist mir alles bekannt. Aber an Halloween treiben sich haufenweise gefährliche Leute herum – Menschen. Zu anderen Zeiten auch. Zur Polizei sind Sie damit wohl nicht gegangen?“

„Doch. Aber die hat auch nichts herausgefunden, wobei das auch nicht nötig war. Ich wusste ja, was passiert war. Wegen der Stelle, an der sie verschwunden ist. Darum wusste ich, dass Feen dahintersteckten.“

„Wo war es denn?“

„In diesem Park. Sie war mit ein paar Schulfreunden auf einer Party. Im Freien, mit Lagerfeuer. Die anderen sahen sie davonspazieren. Die Polizei hat ihre Spuren bis zu einer Lichtung verfolgt, und dort hörten sie einfach auf. Und wissen Sie, was ich dort fand?“ Er bedachte mich mit einem filmreifen Gesichtsausdruck und wartete eindeutig nur darauf, mich zu beeindrucken. Ich tat ihm den Gefallen nicht, die naheliegende Frage zu stellen; also beantwortete er sie selbst. „Einen Feenring. Im Gras wuchs ein vollständiger Kreis aus Blumen.“

„Kann vorkommen. Blumen wachsen manchmal so.“

Er fuhr vom Tisch auf. Die Fassungslosigkeit war ihm deutlich anzusehen. „Sie glauben mir nicht!“

Ich gab mir alle Mühe, dass mein Gesicht so leer blieb wie eine frische Leinwand. Man hätte ein Bild darauf malen können.

„Es geht nicht darum, ob ich Ihrer Darstellung glaube oder nicht, sondern darum, dass es diverse ganz normale Erklärungen dafür gibt. Es kommt öfter vor, dass Mädchen, die allein im Park unterwegs sind, entführt werden – von allen möglichen … Leuten.“

„Man hat mir gesagt, Sie wären die Beste.“ Er brachte es vor wie ein Argument. „Sie würden richtig aufräumen unter den Paranormalen. Und nicht bloß so tun als ob.“

„Was ich kann oder nicht, spielt keine Rolle. Ich muss sichergehen, dass wir auf der richtigen Fährte sind. Sie wollen von mir, dass ich körperlich in die Anderswelt hinüberwechsle. Das tue ich so gut wie nie. Es ist gefährlich.“

Will setzte sich wieder, Verzweiflung im Gesicht. „Hören Sie, ich lasse mich auf alles ein. Ich kann sie nicht dort bei diesen … diesen Wesen lassen. Sagen Sie mir, was Sie nehmen. Ich zahle Ihnen, was Sie wollen.“

Ich sah mich um, entdeckte Bücher über Ufos und Bigfoot. „Ähm … womit genau verdienen Sie eigentlich Ihr Geld?“

„Ich führe einen Blog.“

Ich wartete auf mehr, aber das war anscheinend alles. Irgendwie hatte ich den Verdacht, dass man mit so etwas sogar noch weniger verdiente als Tim. Na toll. Ein Blogger. Warum bildeten sich eigentlich alle möglichen Trottel ein, dass die Welt unbedingt lesen wollte, was sie über irgendwas dachten … wenn man es denn Denken nennen konnte. Wenn ich mir bedeutungsloses Geschwafel anhören wollte, machte ich den Fernseher an.

Er hörte nicht auf, mich flehend anzusehen, aus großen blauen Hundeaugen. Fast wäre mir ein Ächzen rausgerutscht. Wurde ich langsam weich oder was? War das Ziel nicht eigentlich, dass die Leute in mir eine eiskalte und berechnende schamanische Söldnerin sahen? Erst gestern hatte ich einen Ker erledigt. Warum setzte mir diese herzerweichende Geschichte so zu?

Tatsächlich genau wegen des Kers, wurde mir klar. Sein blöder Sex-Spruch war dermaßen abstoßend gewesen, dass ich einfach nicht das Bild der kleinen Jasmine Delaney als Gespielin irgendeines Feinen aus dem Kopf bekam. Weil Wills Geschichte nämlich genau darauf hinauslief, auch wenn ich ihm das nie sagen würde. Die Feinen standen auf Menschenfrauen. Total.

„Können Sie mich zu dem Park fahren, in dem sie verschwunden ist?“, fragte ich schließlich. „Dann kriege ich einen deutlicheren Eindruck, ob wirklich Feen mit im Spiel waren.“

Am Ende war ich es natürlich, die fuhr, denn mir wurde gerade noch rechtzeitig klar, dass ich lieber nicht mit im Auto sitzen wollte, wenn er hinter dem Steuer saß. Ihn als Beifahrer zu haben war Herausforde­rung genug. Er verbrachte die halbe Fahrt damit, sich komplett mit einer extrem zähen Sonnencreme einzuschmieren. Anscheinend musste man als Stubenhocker vorsichtig sein, wenn man sich doch mal ans Licht wagte.

„Hautkrebs ist auf dem Vormarsch“, erklärte er. „Besonders jetzt, wo die Ozonschicht immer dünner wird. Solarien sind Todesfallen. Ohne Schutzmaßnahmen sollte niemand aus dem Haus gehen – schon gar nicht in diesen Breitengraden.“

Da immerhin konnte ich ihm zustimmen. „Ja. Ich creme mich auch immer ein.“

Er warf einen entsetzten Blick auf meine leicht gebräunte Haut. „Im Ernst?“

„Na ja, hey, wir sind hier in Arizona. Da ist es schwer, keine Sonne abzukriegen. Ich meine, manchmal gehe ich ohne Sonnenschutz zum Briefkasten, aber normalerweise versuche ich mich einzucremen.“

„Sie versuchen es“, höhnte er. „Schützt die Creme gegen UV-B-Strahlung?“

„Ähm, keine Ahnung. Ich meine, wahrscheinlich schon. Ich kriege jedenfalls nie einen Sonnenbrand. Und riechen tut sie auch ganz gut.“

„Das reicht nicht. Die meisten Sonnencremes schützen nur vor UV-A-Strahlung. Dann kriegt man zwar keinen Sonnenbrand, aber die UV-B-Strahlen kommen trotzdem durch. Und das sind die eigent­lich schlimmen. Ohne angemessenen Sonnenschutz können Sie damit rechnen, früh an malignen Melanomen oder sonst einem Hautkrebs zu sterben.“

„Autsch.“ Hoffentlich waren wir bald beim Park.

Als wir ihn fast erreicht hatten, mussten wir unter einer Überführung an einer Ampel halten. Ich dachte mir nichts dabei, aber Will rutschte nervös hin und her.

„Ich hasse es, unter diesen Dingern zu stehen. Man weiß nie, was bei einem Erdbeben dann passieren könnte.“

Ich bemühte mich erneut um einen neutralen Tonfall. „Also eigentlich hatten wir in dieser Gegend schon lange kein Erdbeben mehr.“ Richtig. Noch nie, um genau zu sein.

„Das weiß man immer erst hinterher“, sagte er düster.

Wir kamen keine Sekunde zu früh an. Der Park war grün und waldig. Irgendjemand hatte den idiotischen Versuch unternommen, den klimatischen Bedingungen Südarizonas zu trotzen. Das Sprengwasser kostete die Stadt wahrscheinlich ein Vermögen. Will führte mich den Pfad entlang zu der Stelle, an der Jasmine angeblich entführt worden war. Beim Näherkommen sah ich etwas, das mir seine Geschichte plötzlich glaubhafter erscheinen ließ. Der Pfad schnitt sich mit einem anderen, sodass ein perfektes Kreuz entstand. Kreuzwege waren oft Tore zur Anderswelt. Von einem Ring aus Blumen war nirgends etwas zu sehen, aber als ich mich dieser Kreuzung näherte, spürte ich eine gewisse Durchlässigkeit der Wand zwischen dieser Welt und der nächsten.

„Wer weiß?“, sagte ich leise und untersuchte die Stelle mental. Eine wirkliche Schwachstelle war es nicht gerade, ehrlich gesagt. Ich bezweifelte, dass im Moment sonderlich viel von der einen Welt in die andere überwechseln konnte. Aber an einem Hochfest wie Samhain … nun, da konnte es hier durchaus ein Tor geben. Das musste ich Roland erzählen, damit wir uns die Stelle am nächsten Hochfest einmal vorknöpften.

„Und?“, fragte Will.

„Also ein Hotspot ist es schon“, gab ich zu und überlegte, wie zu verfahren war. Anscheinend stand es jetzt null zu zwei, was meine Einschätzung der Glaubwürdigkeit meiner letzten beiden Klienten anging. Aber da sich neunzig Prozent meiner Anfragen als falsche Fährten erwiesen, neigte ich dazu, mir eine gesunde Skepsis zu bewahren.

„Dann werden Sie mir helfen?“

„Wie ich schon sagte, so arbeite ich eigentlich nicht. Und selbst wenn wir zu dem Schluss kommen, dass sie in die Anderswelt verschleppt wurde, wüsste ich gar nicht, wo wir suchen sollten. Die ist genauso groß wie unsere.“

„Sie wird von einem König namens Aeson gefangen gehalten.“

Ich hatte mir immer noch den Kreuzweg angesehen, aber jetzt fuhr ich herum. „Woher zum Teufel wissen Sie das?“

„Ein Kobold hat es mir erzählt.“

„Ein Kobold.“

„Ja. Er hat früher mal für diesen Aeson gearbeitet. Er ist weggelaufen und wollte Rache. Also hat er mir diese Information verkauft.“

„Verkauft?“

„Er brauchte Geld als Kaution für eine Wohnung in Scottsdale.“

Es klang lächerlich, aber ich hörte nicht zum ersten Mal von Kreatu­ren aus der Anderswelt, die sich bei uns Menschen häuslich niederlassen wollten. Oder von Verrückten, die gern nach Scottsdale ziehen wollten.

„Wann war das?“

„Ach, vor ein paar Tagen.“ Er ließ es so klingen, als hätte bloß UPS bei ihm geklingelt.

„Aha. Bei Ihnen hat also ernsthaft ein Kobold vor der Tür gestanden, und Sie kommen erst jetzt auf die Idee, mir das zu sagen?“

Will zog die Schultern hoch. An seinem Kinn glänzte ein Rest nicht verriebener Sonnencreme. Sie erinnerte mich an den Kleber damals im Kindergarten. „Na ja, ich wusste ja schon, dass sie von Feen entführt worden ist. Das hat es bloß noch mal bestätigt. Und eigentlich hat er mir Sie sogar empfohlen. Angeblich haben Sie einen seiner Cousins getötet. Einheimische konnten mir die Geschichte bestätigen.“

Ich musterte Will. Wenn er nicht wie der ewige Pechvogel rüber­gekommen wäre, hätte ich nichts davon geglaubt. Aber er glaubte ja an so was, da konnte er es sich schlecht ausgedacht haben. „Wie hat er mich bezeichnet?“

„Hä?“

„Als er Ihnen von mir erzählt hat, welchen Namen hat er Ihnen genannt?“

„Ähm … na, Ihren Namen. Odile. Aber auch noch irgendeinen anderen … Eunice?“

„Eugenie?“

„Ja, der war’s.“

Ich stapfte gereizt über die Lichtung. Das war nun schon das zweite Mal in ebenso vielen Tagen, dass ein Bewohner der Anderswelt meinen richtigen Namen kannte. Das war nicht gut. Überhaupt nicht gut. Und dieser hier setzte Will als Lockvogel ein, damit ich zu ihnen rüberging. Oder war das jetzt zu strategisch gedacht? Kobolde waren ja nicht ge­rade dafür bekannt, kriminelle Superhirne zu sein. Andererseits: Wenn ich wirklich seinen Cousin getötet hatte, störte es ihn bestimmt nicht, wenn mich irgendeine Kreatur aus anderen Motiven erledigte.

„Also, wie sieht es aus? Werden Sie mir helfen oder nicht?“

„Kann ich noch nicht sagen. Ich muss es mir durch den Kopf gehen lassen, ein paar Sachen überprüfen.“

„Aber – aber ich hab Ihnen doch alles gezeigt, alles erzählt! Begrei­fen Sie denn nicht, dass das wirklich passiert ist? Sie müssen mir helfen! Meine Schwester ist doch erst fünfzehn, um Himmels willen.“

„Will“, sagte ich ruhig, „ich glaube Ihnen. Aber so einfach ist das nicht.“

Was nicht einmal gelogen war. Es war wirklich nicht so einfach – auch wenn es mir anders lieber gewesen wäre. Wenn ich eines hasste, dann Kerle aus der Anderswelt, die hier Mist bauten. Ein Teenagermädchen zu rauben war die Grenzverletzung schlechthin. Wer immer das getan hatte, ich wollte ihn dafür bezahlen lassen. Dafür bluten lassen. Aber ich konnte nicht einfach rüberwechseln und um mich ballern. Wenn ich dabei draufging, hatte keiner von uns dreien etwas davon. Bevor ich etwas unternahm, brauchte ich weitere Informationen.

„Sie müssen …“

„Nein“, fauchte ich. Diesmal war mein Tonfall nicht mehr so neutral. „Ich muss gar nichts, bekommen Sie das nicht in Ihren Kopf? Ich treffe meine eigenen Entscheidungen und wähle mir meine Aufträge selbst aus. Das mit Ihrer Schwester tut mir wirklich leid, aber darum stürze ich mich da noch lange nicht einfach rein. Wie Lara Ihnen schon gesagt hat, übernehme ich normalerweise keine Aufträge in der Anderswelt. Wenn ich diesmal eine Ausnahme mache, dann nach sorgfältiger Überlegung und Recherche. Und wenn ich keine Ausnahme mache, dann ist das eben so. Schluss, Ende, aus. Alles klar?“

Er schluckte und nickte. Der gereizte Ton meiner Stimme hatte ihn eingeschüchtert. Normalerweise redete ich mit Geistern und Dämonen so, aber jetzt Will damit erschreckt zu haben bereitete mir nicht mal ein schlechtes Gewissen. Er musste sich für die überaus wahrscheinliche Möglichkeit wappnen, dass ich nicht für ihn tätig werden würde, ganz gleich, wie sehr wir beide uns das vielleicht wünschten.

Auf dem Weg nach Hause fuhr ich bei meinen Eltern vorbei. Ich wollte gern mit Roland reden. Die untergehende Sonne warf rötlich-orangefarbenes Licht auf ihr Haus, und in der Luft hing der Duft des Blumengartens meiner Mutter. Es war der vertraute Geruch von Geborgenheit und Kindheit. Als ich die Küche betrat, war meine Mutter nirgends zu sehen, was mir aber durchaus recht war. Sie neigte dazu, sich aufzuregen, wenn Roland und ich über die Arbeit sprachen.

Er saß am Tisch und arbeitete an einem Modellflugzeug. Als er sich damals aus dem Schamanengeschäft zurückgezogen und sich dieses Hobby zugelegt hatte, hatte ich gelacht, aber kürzlich war mir aufgefallen, dass meine Puzzles auch nichts großartig anderes waren. Der Himmel allein wusste, mit was ich mir einmal die Zeit vertreiben würde, wenn ich im Ruhestand war. Ich hatte das unangenehme Gefühl, eine gute Kandidatin für Kreuzstickerei zu sein.

Als Roland mich sah, zog ein Lächeln über sein Gesicht. Ich liebte sein verwittertes Gesicht mit den tausend Lachfalten. Seine Haare waren silbrigweiß, und irgendwie war es ihm gelungen, die meisten zu behalten. Er war nur ein kleines bisschen größer als ich mit meinen ein Meter zweiundsiebzig, aber zierlich war er deswegen noch lange nicht, und er hatte im Alter auch keine Muskelmasse abgebaut. Ich hatte den Eindruck, dass man sich mit ihm trotz seiner bald sechzig Jahre besser nicht anlegte.

Roland warf einen Blick in mein Gesicht und forderte mich mit einer Handbewegung auf, mich zu setzen. „Du bist nicht hier, weil du wissen willst, wie es in Idaho war.“ Ich hatte wirklich nicht verstanden, warum sie ausgerechnet dorthin in Urlaub gefahren waren, aber okay.

Ich gab ihm einen Kuss und drückte ihn kurz. Es gab auf dieser Welt nicht viele Menschen, die ich liebte – auch auf keiner anderen –, aber für ihn wäre ich bereitwillig gestorben. „Nein. Aber wie war’s denn?“

„Schön. Ist aber nicht wichtig. Was ist los?“

Ich schmunzelte. So war Roland. Kam immer gleich zur Sache. Ich hegte den Verdacht, dass er immer noch da draußen an meiner Seite kämpfen würde, wenn meine Mutter ihn gelassen hätte.

„Hab bloß grad einen Auftrag angeboten bekommen. Einen sehr merkwürdigen.“

Ich erzählte ihm von Will und Jasmine und von den Hinweisen auf ihre Entführung, die ich gefunden hatte. Und ich fügte hinzu, dass Will einen gewissen Aeson erwähnt hatte.

„Der sagt mir was“, erklärte Roland.

„Was weißt du über ihn?“

„Nicht viel. Bin ihm nie begegnet, habe nie gegen ihn gekämpft. Aber er ist stark, so viel weiß ich.“

„Wird ja immer besser.“

Er musterte mich sorgfältig. „Du denkst ernsthaft darüber nach, ja?“

Ich erwiderte seinen Blick. „Vielleicht.“

„Das ist keine gute Idee, Eugenie. Definitiv nicht.“

In seiner Stimme schwang etwas Düsteres mit, das mich überraschte. Soweit ich wusste, war er nie vor einer Gefahr zurückgewichen, erst recht nicht, wenn Unschuldige darin verwickelt waren.

„Sie ist noch ein Kind, Roland.“

„Ich weiß, und wir wissen beide, dass die Feinen jedes Jahr damit durchkommen, sich irgendwelche Frauen zu holen. Die meisten werden nie wieder befreit. Weil es einfach zu gefährlich ist. Da kann man nichts machen.“

Ich spürte, wie mein Zorn wuchs. Schon merkwürdig, wie jemand, der will, dass man die Finger von etwas lässt, auf einmal für das genaue Gegenteil sorgen kann. „Tja, die Kleine hier können wir aber zurückholen. Wir wissen, wo sie ist.“

Er rieb sich die Augen, und dabei rutschten seine Ärmel hoch, so­dass man seine Tattoos sehen konnte. Meine stellten Göttinnen dar; er hatte sich Wirbel, Kreuze und Fische tätowieren lassen. Er hatte seinen eigenen Satz Götter, an die er sich wandte – beziehungsweise in diesem Fall nur einen, Gott. Wir riefen das Göttliche alle auf unterschiedliche Weise an.

„Das ist aber nicht bloß ein kleiner Hüpfer rein und wieder raus“, warnte er. „Der Auftrag wird dich mitten in ihre Gesellschaft führen. Weiter hinein, als du je gewesen bist. Du hast keine Ahnung, wie es dort zugeht.“

„Ach, du aber, ja?“, fragte ich spöttisch. Als er nicht antwortete, fielen mir fast die Augen aus dem Kopf. „Wann?“

Er winkte ab. „Darum geht’s hier nicht. Sondern darum, dass du schnurstracks in den Tod oder die Gefangenschaft spazierst, wenn du körperlich rübergehst. Das werde ich nicht zulassen.“

„Du wirst es nicht zulassen? Jetzt hör aber auf. Du kannst mich nicht mehr auf mein Zimmer schicken. Außerdem bin ich schon oft rübergegangen.“

„Geistig. Körperlich vielleicht insgesamt für zehn Minuten.“ Er schüttelte weise und herablassend den Kopf. Was mich aufregte. „Die Jungen begreifen nie, wann sie eine Dummheit machen.“

„Und die Alten begreifen nie, wann es Zeit wird beiseitezutreten, damit die Jüngeren und Stärkeren anständig arbeiten können.“ Die Worte waren heraus, bevor ich mich bremsen konnte, und ich kam mir sofort richtig mies vor.

Roland betrachtete mich bloß mit kühlem Blick. „Du meinst, du wärst jetzt stärker als ich?“

Ich zögerte keine Sekunde. „Wir wissen beide, dass es so ist.“

„Ja. Aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, für ein Mädchen draufzugehen, das du noch nicht einmal kennst.“

Ich starrte ihn verblüfft an. Es war noch kein richtiger Streit, aber dass er so gegenhielt, war ungewöhnlich. Er hatte meine Mutter geheiratet, als ich drei gewesen war, und mich kurz danach adoptiert. Die Vater-Tochter-Bindung war in uns beiden stark und ließ erst gar keine Sehnsucht nach meinem leiblichen Vater aufkommen, den ich nie kennengelernt hatte. Meine Mutter sprach fast nie von ihm. Sie hatten irgendeine wilde, romantische Liebesgeschichte miteinander gehabt, so viel wusste ich; aber unterm Strich hatte er nicht zu uns gehalten – weder zu ihr noch zu mir.

Roland hatte alles für mich getan, hatte mich vor Schaden bewahrt, wo er nur konnte – mit der Ausnahme meines Jobs. Als er erkannt hatte, dass ich Potenzial besaß, zwischen den Welten zu wandern und Geister auszutreiben, hatte er damit begonnen, mich auszubilden, und meine Mutter war deswegen stinksauer gewesen. Sie waren das innigste Paar, das ich je erlebt hatte, aber diese Entscheidung hätte beinahe zu ihrer Trennung geführt. Am Ende waren sie zusammengeblieben, aber meine Mutter störte sich noch immer an dem, was ich tat. Roland dagegen sah es als meine Pflicht an. Oder sogar als meine Bestimmung. Ich war nicht so wie diese Trottel in den Filmen, die Tote sehen konnten und darüber verrückt wurden. Ich hätte meine Fähigkeiten problemlos ignorieren können. Aber in Rolands Augen war das eine Sünde. Seiner Berufung nicht zu folgen hieß, sein Talent zu vergeuden – erst recht, wenn in der Folge andere zu leiden hatten. Also schob er seine persönlichen Gefühle beiseite und versuchte, so objektiv mit mir umzugehen wie mit einer beliebigen anderen Schülerin.

Nun aber wollte er mich aus irgendeinem Grunde ausbremsen. Merkwürdig. Ich hatte meine Strategie mit ihm abstimmen wollen und fand mich auf einmal in der Defensive wieder.

Ich wechselte abrupt das Thema und erzählte ihm, dass der Ker meinen richtigen Namen gekannt hatte. Roland bedachte mich mit einem Blick, der besagte, dass für ihn das Thema Jasmine noch nicht abgeschlossen war. Genau in diesem Moment fuhr das Auto meiner Mutter vor, was mir einen Sieg auf Zeit bescherte. Mit einem Seufzen und einem warnenden Blick erklärte er, ich solle mir wegen des Namens keine Sorgen machen. So etwas käme manchmal vor. Sein Name sei auch irgendwann herausgekommen, ohne dass es groß Folgen gehabt hätte.

Meine Mutter kam in die Küche, und damit war das Schamanengeschäft erst einmal abgehakt. Ihr Gesicht leuchtete auf – wir ähnelten uns sehr, bis hin zur Gesichtsform und den hohen Wangenknochen –, und sie lächelte ebenso warm wie vorhin Roland. Nur dass in ihrem Lächeln noch etwas anderes mitschwang. Man sah ihr immer an, dass sie sich Sorgen um mich machte. Manchmal dachte ich, das läge einfach bloß daran, womit ich mein Geld verdiente. Allerdings kannte ich diese Besorgnis schon von ihr, seit ich ein kleines Mädchen gewesen war – als ob sie mich jeden Moment verlieren könnte oder so. Vielleicht eine typische Müttersache.

Sie stellte eine Papiertüte auf den Tresen und fing an, die Einkäufe wegzuräumen. Sie wusste natürlich, warum ich vorbeigeschaut hatte, war aber anscheinend fest entschlossen, es zu ignorieren.

„Bleibst du zum Abendessen? Ich glaube, du hast abgenommen.“

„Hat sie gar nicht“, sagte Roland.

„Sie ist zu dünn“, beschwerte sich meine Mutter. „Was mich durchaus ein bisschen neidisch macht.“

Ich schmunzelte. Meine Mutter sah toll aus.

„Du musst mehr essen“, fuhr sie fort.

„Ich esse bestimmt drei Schokoriegel am Tag. Das kann man wohl kaum Unterernährung nennen.“ Ich ging hinüber und piekte sie in den Arm. „Pass bloß auf, du bist schon wieder total gluckenhaft. Das gehört sich für kluge, kompetente Mütter nicht.“

Sie sah mich schräg an. „Ich bin Therapeutin. Da muss ich gleich zweimal so gluckenhaft sein.“

Am Ende blieb ich doch zum Abendessen. Tim war ein guter Koch, aber gegen die Küche meiner Mutter kam einfach nichts an. Während wir aßen, unterhielten wir uns über ihren Urlaub in Idaho. Weder Jasmine noch der Ker wurden erwähnt.

Als ich schließlich wieder zu Hause war, wollte Tim gerade mit einer Herde verkicherter Mädels losziehen und die Stadt unsicher machen. Er trug seine komplette Indianerkluft, inklusive Perlenstirnband und Wildlederweste.

„Sei gegrüßt, Schwester Eugenie.“ Er hob eine Hand zum Gruß, als würden wir in einem alten Western mitspielen. „Schließ dich uns an. Wir wollen zu einem Konzert im Davidson Park, um den Frühling willkommen zu heißen, das Geschenk des Großen Geistes, und zugleich den heiligen Trommelschlag der Musik durch unsere Seelen strömen zu lassen.“

„Danke, nein.“ Ich schob mich an ihm vorbei und ging schnurstracks in mein Zimmer.

Einen Moment später folgte er, ohne Mädels.

„Ach komm, Eug. Das wird der Hammer. Mit Bierkühler und allem Drum und Dran.“

„Lass gut sein, Tim. Mir ist heute Abend wirklich nicht danach, einen auf Squaw zu machen.“

„Das ist ein pejorativer Begriff.“

„Weiß ich. Weiß ich doch. Aber deine blondierte Tussi-Truppe da draußen hat nichts Besseres verdient.“ Ich bedachte ihn mit einem missbilligenden Blick. „Dass du mir ja nicht auf die Idee kommst, eine von denen heute Nacht hierher abzuschleppen.“

„Jaja, ich kenne die Regeln.“ Er fläzte sich in meinen Korbsessel. „Und? Was machst du stattdessen so? Shoppen im Internet? Puzzeln?“

Tatsächlich hatte ich genau das vorgehabt, aber das musste ich ihm ja nicht auf die Nase binden.

„Hey, ich hab einiges zu erledigen.“

„Scheiße, Eugenie. Du wirst noch zur Einsiedlerin. Dean fängt schon fast an, mir zu fehlen. Er war ein Arschloch, aber wenigstens hat er dich mal aus dem Haus gekriegt.“

Ich verzog das Gesicht. Dean war mein letzter Freund gewesen, wir hatten uns vor sechs Monaten getrennt. Das war für uns beide ziemlich überraschend gekommen. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn dabei zu erwischen, wie er seine Immobilienmaklerin vögelte, und er hatte nicht damit gerechnet, erwischt zu werden. Inzwischen war mir klar, dass ich ohne ihn besser dran war, aber trotzdem rumorte immer wieder die Frage in mir, womit ich dafür gesorgt hatte, dass er das Interesse verlor. War ich nicht unterhaltsam genug? Sah ich nicht gut genug aus? War ich nicht gut genug im Bett?

„Es gibt Schlimmeres, als allein zu Hause zu hocken“, grummelte ich. „Dean zum Beispiel.“

„Timothy?“, rief eine der Tussis aus dem Wohnzimmer. „Kommst du?“

„Einen Moment noch, zarte Blume“, sagte er mit lauter Stimme. Und dann leise zu mir: „Willst du dich wirklich den ganzen Abend hier verkriechen? Es tut echt nicht gut, so selten unter Menschen zu sein.“

„Mir geht’s gut. Nun geh mal und amüsier dich mit deinen ­Blümchen.“

Er zuckte mit den Schultern und ging. Sobald ich die Wohnung für mich hatte, machte ich mir ein Sandwich und shoppte im Internet, genau wie er gesagt hatte. Darauf folgte das Puzzle eines Bildes von M.C. Escher. Das verlangte einem mehr ab als so ein Kätzchen.

Ich war halb damit fertig, da ertappte ich mich dabei, dass ich die Puzzleteile gar nicht richtig wahrnahm. Ich hörte Rolands leise, nachdrückliche Worte wieder. Schlag dir Jasmine Delaney aus dem Kopf. Alles, was er gesagt hatte, stimmte. Diese Geschichte nicht weiterzuverfolgen war vernünftig. Schon allein aus Sicherheitsgründen. Mir war klar, dass ich besser auf ihn hörte … Bloß sah ich immer wieder dieses junge, lächelnde Gesicht auf dem Foto vor mir. Wütend schob ich die Puzzleteile beiseite. Bei meinem Job hatte es gefälligst nicht um graue Moralentscheidungen zu gehen. Der war bitteschön schwarz-weiß. Man fand die Bösen, man tötete oder verbannte sie, man machte Feierabend.

Ich stand auf. Auf einmal wollte ich nicht länger allein sein. Im eigenen Saft schmoren. Ich wollte draußen sein, unter Menschen. Genauer gesagt: Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben, ich wollte sie bloß um mich herum haben. Mich in der Menge verlieren. Ich musste dringend meinesgleichen sehen – warme, lebende und atmende Menschen, keine untoten Geister und Dämonen oder Feine, die bis obenhin voll mit Magie waren. Ich wollte wieder wissen, auf welcher Seite ich stand. Und vor allem wollte ich nicht mehr an Jasmine Delaney denken. Wenigstens für den Rest des Tages nicht.

Ich zog mir das Nächstbeste an, was mein Kleiderschrank hergab. Jeans, BH, irgendein T-Shirt. Meine Ringe und Armbänder machte ich ohnehin nie ab, dazu legte ich noch eine Kette mit einem Mondstein an, der tief im V-Ausschnitt des Shirts hing. Ich bürstete meine langen Haare zu einem hoch angesetzten Pferdeschwanz und zupfte ein paar Strähnen heraus. Noch ein bisschen Lippenstift, und ich war startklar. Bereit, mich zu verlieren. Bereit, zu vergessen.

KAPITEL 3

Ich war schon seit einer knappen Stunde dabei, Leute zu beobachten, darum sah ich ihn gleich beim Reinkommen – was sich auch schwer vermeiden ließ. Und ich war nicht die einzige Frau in der Kneipe, der er auffiel.

Er war groß und hatte breite Schultern, schön muskulös, aber nicht übertrieben à la Arnold Schwarzenegger. Sein marineblaues T-Shirt trug er in die khakifarbenen Hosen gesteckt. Die schwarzen Haare waren knapp kinnlang und hinter die Ohren zurückgestrichen, die Augen groß und dunkel, das Gesicht glatt mit perfekter goldbrauner Haut. Da mussten sich irgendwelche ethnischen Hintergründe gemischt haben, aber ich kam nicht drauf, welche. Auf jeden Fall funktionierte die Kombination, und zwar richtig gut.

„Hallo. Sitzt hier schon jemand?“ Er nickte zu dem Barhocker neben mir. Alle anderen waren belegt.

Ich schüttelte den Kopf, und er setzte sich. Mehr sagte er nicht, mal abgesehen davon, dass er sich eine Margarita bestellte. Anschließend war er anscheinend damit zufrieden, Leute zu beobachten, genau wie ich. Und ganz ehrlich, der Laden war auch bestens dafür geeignet. Das Alejandro’s lag direkt neben einem Mittelklassehotel und zog Gäste und Touristen aus allen Gesellschaftsschichten an. ­Fernsehbildschirme zeigten Sportereignisse oder Nachrichten oder was der Barkeeper sonst gerade gut fand. Am anderen Ende des Tresens standen ein paar Spiel­automaten. Wer fernsehen wollte, brauchte wegen der Musik Unter­titel, und auf der kleinen Freifläche zwischen den Tischen wurde getanzt – manchmal spielte sogar eine Band.

Das hier war absolut das, was die Menschen an einer Bar liebten.Aufgekratzte Leute, Alkohol, hirnloses Entertainment und billige Anmachsprüche. Ich war gern hier, wenn ich allein sein wollte, aber nicht meine Ruhe brauchte. Wobei ich durchaus gern Ruhe vor betrunkenen Kerlen hatte, die einen blöd anquatschten. Bei attraktiven Männern, die sich gut ausdrücken konnten, lag die Sache schon anders. Jedenfalls stellte ich fest, dass es angenehm war, neben diesem großen und gut aussehenden Fremden zu sitzen. Weil die Loser dann auf Abstand blieben.

Allerdings sprach er mich auch nicht an, und nach einer Weile wurde mir klar, dass ich gar nichts dagegen gehabt hätte – auch wenn ich keine Ahnung hatte, was ich dann antworten sollte. Aus den Blicken, die er mir zuwarf, schloss ich, dass es ihm ähnlich ging. Keine Ahnung. Irgendeine Spannung baute sich zwischen uns auf, während ich an meinem Corona nuckelte und jeder von uns darauf wartete, dass etwas passierte.

Als es schließlich so weit war, war er es, der den Anfang machte.

„Du bist ja essbar.“

Nicht gerade die Gesprächseröffnung, mit der man rechnen würde.

„Wie bitte?“

„Dein Parfum. Es riecht nach … nach Veilchen und Zucker. Und Vanille. Wobei es schon seltsam ist, Veilchen als essbar einzustufen, oder?“

„Nicht so seltsam wie ein Mann, der tatsächlich weiß, wie Veilchen riechen.“ Außerdem war es verblüffend, dass er mein Parfum überhaupt wahrnehmen konnte. Ich hatte es vor vielleicht zwölf Stunden aufgelegt. Bei all den rauchenden und schwitzenden Leuten hier war es schon ein Wunder, wenn man überhaupt noch einen funktionierenden Geruchssinn hatte.

Er ließ ein schiefes Lächeln aufblitzen und bedachte mich mit einem Blick, der sich nur als verhangen beschreiben lässt. Mein Puls beschleunigte sich leicht. „Ist kein Fehler, sich mit Blumen auszukennen. Macht es einem leichter, sie zu verschenken. Und Frauen zu beeindrucken.“

Ich sah ihn an, dann ließ ich das Bier in meiner Flasche kreisen. „Versuchst du gerade, mich zu beeindrucken?“

Er zuckte mit den Schultern. „Eigentlich versuche ich einfach nur, mich ein bisschen zu unterhalten.“

Ich überlegte, ob ich dieses Spiel mitspielen wollte oder nicht. Und fragte mich, ob ich es draufhatte. Ich lächelte leicht.

„Was?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Ich hab bloß grad über Blumen nachgedacht. Und darüber, Leute zu beeindrucken. Ich meine, ist es nicht irgendwie schräg, dass wir Leuten, die wir attraktiv finden, die Geschlechtsorgane von Pflanzen mitbringen? Was soll das? Ist doch ein seltsamer Ausdruck der Zuneigung.“

Seine dunklen Augen leuchteten auf, als hätte er gerade etwas Überraschendes und Köstliches gehört. „Ist es denn weniger schräg, jemandem Schokolade mitzubringen, wo die doch als Aphrodisiakum gilt? Oder was ist mit Wein? Ein ‚romantisches‘ Getränk, aber eigentlich sorgt es doch nur für eine gewisse Enthemmung.“

„Hmm. Als ob die Leute versuchen, gleichzeitig dezent und deutlich zu sein. Keiner will einfach loslegen und sagen: Hey, du gefällst mir. Lass uns was miteinander anfangen. Stattdessen sagen sie praktisch: Hier, ich hab dir ein paar Pflanzengenitalien und Aphrodisiaka mitgebracht.“ Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und stützte das Kinn in die Hand. Zu meiner eigenen Verblüffung fügte ich hinzu: „Ich meine, ich hab kein Problem mit Männern oder Beziehungen oder Sex, aber manchmal frustrieren mich diese Spielchen total, mit denen Menschen ihre Zuneigung ausdrücken.“

„Inwieweit?“

„Alles wird immer hinter Posen und Tricks versteckt. Ohne jede Ehrlichkeit. Man darf nicht einfach sagen, dass man sich zu jemandem hingezogen fühlt. Das muss geschickt hinter irgendeinem blöden Anmachspruch oder einem ganz und gar nicht dezenten Geschenk versteckt werden, und ich bin wirklich nicht gut in solchen Spielchen. Man hat uns beigebracht, dass es falsch ist, ehrlich zu sein, als ob die Gesellschaft einen dann stigmatisieren würde.“

„Na ja“, überlegte er, „das könnte ja manchmal auch ganz schön krass rüberkommen. Und dann wollen wir nicht vergessen, dass man auch abgewiesen werden kann. Das kommt bestimmt noch dazu. Also diese Angst.“

„Ja, kann sein. Aber eine Abfuhr zu kriegen ist doch kein Weltuntergang. Und wäre das nicht immer noch einfacher, als einen Abend zu vergeuden oder – Gott bewahre – mehrere Monate, in denen man was miteinander hat? Wir sollten unsere Gefühle und Absichten offen ausdrücken. Wenn die andere Person sagt: Verpiss dich, na schön, auch gut. Zieht man eben weiter.“

Ich sah mir misstrauisch meine Bierflasche an.

„Was ist los?“

„Ich frag mich bloß gerade, ob ich betrunken bin. Das ist mein erstes Bier, aber irgendwie höre ich mich ein bisschen daneben an. Normalerweise rede ich nicht so viel.“

Er lachte. „Ich glaube nicht, dass du gerade ein bisschen daneben bist. Ich stimme dir sogar zu.“

„Echt?“

Er nickte und sah bemerkenswert klug aus, während er über seine Antwort nachdachte. Dabei war er doch so schon sexy genug. „Ich stimme dir zu, aber ich glaube, die meisten Menschen kommen mit Ehrlichkeit nicht so klar. Ihnen sind diese Spielchen lieber. Sie wollen die schönen Lügen gern glauben.“

Ich trank den letzten Schluck Bier. „Ich nicht. Ich will Ehrlichkeit und nicht diesen ganzen Quatsch.“

„Im Ernst?“

„Ja.“ Ich stellte die Flasche hin und guckte ihn an. Er sah mich jetzt voll an, und sein Blick war wieder so verhangen, voller Dunkelheit und Sex und Hitze. Ich fiel in diese Augen hinein und spürte, wie in meinem Unterkörper Nerven reagierten, von denen ich gedacht hatte, dass sie im Tiefschlaf lagen.

Er beugte sich leicht näher. „Na gut, dann also Ehrlichkeit. Ich hab mich echt gefreut, als ich den leeren Platz neben dir gesehen habe. Ich finde, du bist schön. Dass dein BH durch das T-Shirt zu sehen ist, macht mich total an. Mir gefällt die Form, die dein Nacken hat, und wie diese Haarsträhnen ihn umspielen. Ich finde, du bist witzig, und ich glaube, du hast auch was im Kopf. Nach nur fünf Minuten weiß ich schon, dass du keine Frau für eine Nacht bist – was mir auch gefällt. Es macht ganz schön Spaß, mit dir zu reden, und ich glaube, es macht mindestens genauso viel Spaß, mit dir Sex zu haben.“

„Wow“, sagte ich. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich in meiner Eile ein weißes Shirt über einen schwarzen BH gezogen hatte. Uups. „Das ist ganz schön viel Ehrlichkeit auf einmal.“

„Und? Soll ich mich jetzt verpissen?“