Bloodlines - Falsche Versprechen - Richelle Mead - E-Book

Bloodlines - Falsche Versprechen E-Book

Richelle Mead

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Beschreibung

Als Alchemistin ist es Sydneys Aufgabe, die Geheimnisse der Vampire zu bewahren und gleichzeitig die Menschen vor den Blutsaugern zu schützen. Da gerät Jill Dragomir, die Schwester der Vampirkönigin Lissa, in tödliche Gefahr, und die Moroi müssen sie verstecken. Um einen Krieg zwischen den Vampiren zu verhindern, soll Sydney über Jill wachen. Gemeinsam flüchten sich die Mädchen an einen Ort, wo niemand eine Vampirin vermuten würde: ein Internat für menschliche Schüler in Kalifornien. Doch damit fängt der Ärger erst richtig an ...

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RICHELLE MEAD

BLOODLINES

FALSCHE VERSPRECHEN

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Michaela Link

Für Katie, Morganna

und weitere Fans von Adrian

KAPITEL 1

Ich bekam keine Luft. Eine Hand lag auf meinem Mund, eine andere rüttelte mich an der Schulter und riss mich aus einem tiefen Schlaf. Tausend hektische Gedanken schossen mir binnen eines einzigen Herzschlags durch den Kopf. Es geschah. Mein schlimmster Albtraum wurde wahr.

Sie sind hier! Sie holen mich!

Ich blinzelte und sah mich in dem dunklen Raum wild um, bis ich das Gesicht meines Vaters erkannte. Immer noch verwirrt hörte ich zumindest auf zu zappeln. Er ließ mich los, trat zurück und betrachtete mich kalt. Ich setzte mich im Bett aufrecht hin; mein Herz hämmerte nach wie vor.

»Dad?«

»Sydney. Du wolltest einfach nicht wach werden.«

Klar, das war seine einzige Entschuldigung dafür, dass er mich zu Tode erschreckt hatte.

»Du musst dich sofort anziehen und dich vorzeigbar herrichten«, fuhr er fort. »Schnell und leise. Wir treffen uns unten bei mir im Arbeitszimmer.«

Ich spürte, dass sich meine Augen weiteten, aber ich zögerte keinen Moment. Es gab nur eine einzige akzeptable Antwort. »Ja, Sir. Natürlich.«

»Ich gehe deine Schwester wecken.« Er drehte sich zur Tür um, während ich aus dem Bett sprang.

»Zoe?«, rief ich. »Wofür brauchst du sie?«

»Pscht!«, tadelte er mich. »Beeil dich und mach dich fertig! Und denk dran – sei leise. Weck deine Mutter nicht auf.«

Ohne ein weiteres Wort schloss er die Tür und ließ mich mit großen Augen zurück. Die Panik, die sich gerade erst gelegt hatte, wallte wieder in mir auf. Wofür brauchte er Zoe? Wenn ich spät in der Nacht geweckt wurde, bedeutete das einen Auftrag für die Alchemisten, und damit hatte Zoe nichts zu tun. Genau genommen hatte auch ich nichts mehr damit zu tun, seitdem ich wegen ungebührlichen Verhaltens in diesem Sommer auf unbegrenzte Zeit suspendiert worden war. Ging es vielleicht darum? Wurde ich schließlich doch noch in ein Umerziehungslager gebracht und sollte Zoe mich ersetzen?

Einen Moment lang verschwamm die Welt um mich herum, und ich musste mich an meinem Bett festhalten. Umerziehungslager. Sie waren der Stoff für die Albträume junger Alchemisten wie mich: mysteriöse Orte, an die jene, die Vampiren zu nah gekommen waren, verschleppt wurden, damit sie einzusehen lernten, was für einen Fehler sie begangen hatten. Was genau dort vorging, war ein Geheimnis, und zwar eines, das ich nie entdecken wollte. Ich war mir ziemlich sicher, dass Umerziehung eine nette Umschreibung von Gehirnwäsche war. Bisher hatte ich nur eine einzige Person kennengelernt, die von dort zurückgekehrt war, einen Mann, und der schien nach seiner Rückkehr nur noch eine halbe Person zu sein. Er hatte etwas beinahe Zombiehaftes an sich gehabt, und ich wollte nicht einmal daran denken, was sie getan haben mochten, dass er so geworden war.

Aber ich versuchte meine Ängste abzuschütteln, denn mein Vater hatte ja zur Eile gedrängt. Eingedenk seiner anderen Mahnung achtete ich auch darauf, mich lautlos anzukleiden. Meine Mutter hatte einen leichten Schlaf. Normalerweise würde es keine Rolle spielen, wenn sie uns dabei ertappte, dass wir Alchemistenaufträge erledigten, aber in letzter Zeit hatte sie keine allzu freundlichen Gefühle für die Arbeitgeber ihres Mannes (und ihrer Tochter) gehegt. Seit mich aufgebrachte Alchemisten im letzten Monat an der Türschwelle meiner Eltern abgesetzt hatten, hatte dieser Haushalt die ganze Wärme eines Häftlingslagers ausgestrahlt. Meine Eltern hatten sich schrecklich gestritten – und meine Schwester Zoe und ich liefen oft auf Zehenspitzen durchs Haus.

Zoe.

Wozu brauchte er Zoe?

Die Frage brannte in mir, während ich mich anzog. Ich wusste, was vorzeigbar bedeutete. Es kam nicht in Frage, einfach in Jeans und T-Shirt zu schlüpfen. Stattdessen zog ich graue Baumwollhosen an und eine gebügelte weiße Bluse, bis oben zugeknöpft. Darüber kam eine dunklere, anthrazitgraue Strickjacke, die ich in der Taille mit einem schwarzen Gürtel zusammenhielt. Ein kleines, goldenes Kreuz – das ich immer um den Hals trug – war der einzige Schmuck, mit dem ich mich je hatte anfreunden können.

Mein Haar stellte ein etwas größeres Problem dar. Selbst nach nur zwei Stunden Schlaf stand es bereits in alle Richtungen ab. Ich glättete es, so gut ich konnte, dann sprühte ich es dick mit Haarspray ein und hoffte, dass ich damit überstehen würde, was immer vor mir liegen mochte. Ein wenig Puder war das einzige Make-up, das ich auflegte. Zu mehr hatte ich keine Zeit.

Die ganze Prozedur kostete mich sechs Minuten – was vielleicht ein neuer Rekord für mich war. Ich lief völlig geräuschlos die Treppe hinunter, wiederum vorsichtig darauf bedacht, meine Mutter nicht zu wecken. Im Wohnzimmer war es dunkel, aber durch die nicht ganz geschlossene Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters drang Licht. Ich wertete dies als Einladung, drückte die Tür auf und trat ein. Bei meinem Erscheinen brach ein gedämpftes Gespräch ab. Mein Vater musterte mich von Kopf bis Fuß und zeigte seine Anerkennung für mein Erscheinungsbild so, wie ich es von ihm kannte: Er enthielt sich jeder Kritik.

»Sydney«, begann er schroff. »Ich glaube, du kennst Donna Stanton.«

Die ehrfurchtgebietende Alchemistin stand am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah so tough und hager aus, wie ich sie in Erinnerung hatte. Ich hatte in den vergangenen Wochen schon viel Zeit mit Donna Stanton verbracht, obwohl ich kaum behaupten würde, dass wir Freundinnen waren – vor allem, da gewisse Taten meinerseits dazu geführt hatten, dass wir beide unter eine Art Vampirhausarrest gestellt worden waren. Wenn sie irgendeinen Groll gegen mich hegte, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Zum Gruß nickte sie mir höflich und absolut geschäftsmäßig zu.

Noch drei weitere Alchemisten waren zugegen, allesamt Männer. Sie wurden mir als Barnes, Michaelson und Horowitz vorgestellt. Barnes und Michaelson waren etwa so alt wie mein Vater und Donna Stanton. Horowitz war jünger, Mitte zwanzig, und bereitete gerade das Tätowierbesteck vor. Sie alle waren ebenso angezogen wie ich und trugen geschäftsmäßige, lässige Kleidung in unauffälligen Farben. Unser Ziel war es, zwar nett auszusehen, aber keine Aufmerksamkeit zu erregen. Die Alchemisten waren jahrhundertelang die Men in Black gewesen, lange bevor Menschen von einem Leben auf anderen Welten geträumt hatten. Wenn das Licht auf die richtige Weise auf ihre Gesichter fiel, zeigte sich eine Lilientätowierung, die mit meiner identisch war.

Wieder wuchs mein Unbehagen. War dies ein Verhör? Eine Untersuchung, um festzustellen, ob meine Entscheidung, einem abtrünnigen, halb vampirischen Mädchen zu helfen, bedeutete, dass meine Loyalität nicht länger den Alchemisten galt? Ich verschränkte die Arme vor der Brust und setzte einen neutralen Gesichtsausdruck auf. Dadurch hoffte ich, kühl und selbstbewusst zu wirken. Wenn ich noch eine Chance hatte, meine Sache zu vertreten, dann wollte ich sie so gut wie möglich nutzen.

Bevor jemand ein weiteres Wort äußern konnte, trat Zoe ein. Sie schloss die Tür hinter sich und sah sich entsetzt und mit großen Augen um. Das Arbeitszimmer unseres Vaters war riesig – dafür hatte er einen Anbau an unser Haus gesetzt –, und bot allen Personen mühelos Platz. Aber während ich meine Schwester dabei beobachtete, wie sie die Szene in sich aufnahm, wusste ich, dass sie sich so eingeengt wie in einer Falle vorkam. Ich sah ihr in die Augen und versuchte, ihr eine stumme, mitfühlende Botschaft zu senden. Es musste funktioniert haben, denn sie huschte an meine Seite, wobei sie nur eine Spur weniger verängstigt wirkte.

»Zoe«, sagte mein Vater. Er ließ ihren Namen in der Luft hängen, wie es so seine Art war, und machte uns beiden damit klar, dass er enttäuscht war. Ich erriet sofort den Grund. Sie trug Jeans und ein altes Sweatshirt und hatte ihr braunes Haar zu zwei niedlichen, aber schludrigen Zöpfen geflochten. Nach den Maßstäben jeder anderen Person wäre sie durchaus vorzeigbar gewesen – nicht aber nach seinen. Ich spürte, wie sie sich ängstlich an mich drückte, und versuchte, mich größer zu machen und mich noch beschützender zu geben. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass sein Tadel wahrgenommen worden war, stellte unser Vater Zoe den anderen vor. Stanton nickte ihr ebenso höflich zu wie mir eben auch schon und wandte sich dann an meinen Vater.

»Ich verstehe nicht, Jared«, bemerkte sie. »Welche von beiden willst du einsetzen?«

»Na ja, das ist das Problem«, antwortete mein Vater. »Zoe wurde angefordert … aber ich weiß nicht genau, ob sie schon so weit ist. Eigentlich weiß ich sogar sehr genau, dass sie es nicht ist. Sie steht mit ihrer Ausbildung noch ganz am Anfang. Aber im Lichte von Sydneys jüngsten … Erlebnissen …«

Sofort fügte ich im Geiste die Einzelheiten zusammen. Zunächst einmal, und das war das Wichtigste, wurde ich anscheinend nicht in ein Umerziehungslager geschickt. Zumindest jetzt noch nicht. Hier ging es um etwas anderes. Mein früherer Argwohn war also zutreffend. Irgendeine Mission oder ein Auftrag stand an, und irgendjemand wollte Zoe dafür haben, weil sie im Gegensatz zu anderen Mitgliedern ihrer Familie keine Vorgeschichte hatte, die mit einem Verrat an den Alchemisten im Zusammenhang stand. Mein Vater hatte recht damit, dass sie erst am Anfang ihrer Ausbildung stand. Unsere Jobs waren erblich, und ich war schon vor Jahren als die nächste Alchemistin der Familie Sage ausgewählt worden. Carly, meine ältere Schwester, war übergangen worden, besuchte jetzt das College und war außerdem zu alt. Stattdessen hatte er Zoe unterrichtet, als Sicherheit für den Fall, dass mir etwas zustieß, ein Autounfall oder ein Vampirbiss zum Beispiel.

Ich trat vor, obwohl ich nicht wusste, was ich gleich sagen würde – bis ich dann doch das Wort ergriff. Mit Bestimmtheit wusste ich nur, dass ich nicht zulassen konnte, dass Zoe in die Intrigen der Alchemisten hineingezogen würde. Ich fürchtete um ihre Sicherheit mehr, als ich mich davor fürchtete, in ein Umerziehungslager zu gehen – und davor hatte ich große Angst. »Nach dem, was ich getan habe, habe ich vor einem Ausschuss darüber ausgesagt«, begann ich, »und hatte den Eindruck, dass man begriff, warum ich getan habe, was ich getan habe. Ich bin vollauf qualifiziert, auf jede erforderliche Art und Weise zu dienen – viel besser als meine Schwester. Ich habe Erfahrungen in der wirklichen Welt gesammelt. Ich kenne diesen Job in- und auswendig.«

»Ein wenig zu viele Erfahrungen mit der wirklichen Welt, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt«, bemerkte Donna Stanton trocken.

»Und ich meinerseits würde Ihre Gründe gern noch einmal hören«, bemerkte Barnes und zeichnete mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. »Ich bin zwar nicht sonderlich begeistert, ein halb ausgebildetes Mädchen auszuschicken, aber es fällt mir auch schwer zu glauben, dass jemand, der einem kriminellen Vampir geholfen hat, vollauf qualifiziert sein soll.« Weitere in die Luft gezeichnete Anführungszeichen.

Ich verbarg meinen Ärger hinter einem freundlichen Lächeln. Wenn ich meine wahren Gefühle zeigte, würde mir das kaum weiterhelfen. »Ich verstehe, Sir. Aber am Ende wurde doch bewiesen, dass Rose Hathaway die ihr zur Last gelegten Verbrechen überhaupt nicht begangen hatte. Also habe ich genau genommen gar keiner Kriminellen geholfen. Meine Taten haben zu guter Letzt sogar dazu beigetragen, die wahre Mörderin zu finden.«

»Sei das, wie es sei, wir – und Sie – wussten damals jedenfalls nicht, dass sie die ›Verbrechen überhaupt nicht begangen hatte‹«, erwiderte er.

»Ich weiß«, sagte ich. »Aber ich habe an ihre Unschuld geglaubt.«

Barnes schnaubte. »Und da liegt das Problem. Sie hätten glauben sollen, was die Alchemisten Ihnen gesagt haben, statt sich Ihren weit hergeholten Theorien zu überlassen. Zumindest aber hätten Sie mit den Beweisen, die Sie gesammelt hatten, zu Ihren Vorgesetzten gehen sollen.«

Beweisen? Wie konnte ich erklären, dass es kein Beweis war, der mich dazu getrieben hatte, Rose zu helfen, sondern eher ein Bauchgefühl, dass sie die Wahrheit sagte? Aber das würden sie niemals verstehen, wie ich genau wusste. Wir alle waren dazu ausgebildet worden, das Schlimmste von ihrer Art anzunehmen. Wenn ich ihnen erklärte, ich hätte ihr die Wahrheit und Aufrichtigkeit einfach angesehen, würde das meiner Sache hier keineswegs dienen. Eine noch schlechtere Erklärung wäre allerdings gewesen, ihnen zu sagen, dass mich ein anderer Vampir dazu erpresst hatte, ihr zu helfen. Letztlich gab es nur ein einziges Argument, das Alchemisten möglicherweise begreifen würden.

»Ich … ich habe es niemandem gesagt, weil ich alle Anerkennung für mich haben wollte. Ich hatte gehofft, wenn ich das Verbrechen aufkläre, könnte ich eine Beförderung und einen besseren Auftrag bekommen.«

Es kostete mich jede Unze Selbstbeherrschung, die ich hatte, diese Lüge mit unbewegtem Gesicht vorzutragen. Ich fühlte mich gedemütigt, ein solches Eingeständnis machen zu müssen. Als wäre es tatsächlich Ehrgeiz gewesen, der mich zu einem derart extremen Verhalten getrieben hätte! Ich kam mir selbst widerlich und seicht vor. Aber wie erwartet war dies etwas, das die anderen Alchemisten verstanden.

Michaelson schnaubte. »Irregeleitet, aber nicht gänzlich unerwartet in ihrem Alter.«

Die anderen Männer wechselten gleichermaßen herablassende Blicke, sogar mein Vater. Einzig Stanton wirkte nicht restlos überzeugt, hatte von dem Fiasko andererseits aber auch mehr mitbekommen als die übrigen Alchemisten.

Mein Vater sah die anderen an und wartete auf weitere Bemerkungen. Als keine kamen, zuckte er die Achseln. »Wenn niemand irgendwelche Einwände hat, dann wäre es mir lieber, wir würden Sydney einsetzen. Wobei ich allerdings selbst nicht ganz verstehe, wofür Sie sie brauchen.« Er sagte das leicht vorwurfsvoll, weil man ihn noch nicht ins Bild gesetzt hatte. Jared Sage hatte nichts dafür übrig, nicht eingeweiht zu sein.

»Ich habe kein Problem damit, das ältere Mädchen einzusetzen«, stellte Barnes fest. »Aber behalten Sie die Jüngere zur Hand, bis die anderen hier sind, falls sie Einwände haben.« Ich fragte mich, wie viele andere sich uns wohl anschließen würden. Das Arbeitszimmer meines Vaters war kein Stadion. Außerdem, je mehr Leute kamen, umso wichtiger war dieser Fall wahrscheinlich. Meine Haut wurde kalt, während ich mich fragte, um was für einen Auftrag es sich handeln konnte. Ich hatte erlebt, wie die Alchemisten mit nur ein oder zwei Leuten größere Katastrophen vertuschten. Wie kolossal müsste etwas sein, dass so viel Hilfe erforderlich war?

Horowitz ergriff zum ersten Mal das Wort. »Was soll ich für Sie tun?«

»Tätowieren Sie Sydney neu«, antwortete Stanton entschieden. »Selbst wenn sie nicht mitgeht, wird es nicht schaden, die Zauber zu verstärken. Es hat keinen Sinn, Zoe zu tätowieren, bis wir wissen, was wir mit ihr anfangen.«

Mein Blick flackerte zu den auffällig nackten – und bleichen – Wangen meiner Schwester hinüber. Ja. Solange dort keine Lilie war, war sie frei. Sobald man die Tätowierung auf der Haut hatte, gab es kein Zurück mehr. Dann gehörte man zu den Alchemisten.

Die Realität dieser Erkenntnis hatte mich erst im letzten Jahr getroffen. Gewiss hatte ich es während des Heranwachsens nie begriffen. Mein Vater hatte mich von Kindheit an dadurch eingeschüchtert, dass er mir die Rechtmäßigkeit unseres Tuns vor Augen gehalten hatte. Ich glaubte zwar noch immer an diese Rechtmäßigkeit, wünschte aber, er hätte auch erwähnt, was für einen großen Teil meines Lebens sie vereinnahmen werde.

Horowitz hatte auf der anderen Seite des Arbeitszimmers einen Klapptisch aufgestellt. Er klopfte darauf und lächelte mir freundlich zu.

»Steigen Sie auf«, erklärte er mir. »Die Fahrkarte erhalten Sie an Bord.«

Barnes warf ihm einen missbilligenden Blick zu. »Bitte. Sie könnten ein klein wenig Respekt für dieses Ritual zeigen, David.«

Horowitz zuckte lediglich die Achseln. Er half mir, mich hinzulegen, und obwohl ich zu große Angst vor den anderen hatte, um sein Lächeln offen zu erwidern, hoffte ich, dass die Dankbarkeit in meinen Augen zu erkennen sein möge. Ein weiteres Lächeln seinerseits verriet mir, dass er verstand. Ich drehte den Kopf und sah, wie Barnes eine schwarze Aktentasche voller Ehrfurcht auf einen Beistelltisch legte. Die anderen Alchemisten traten zu ihm und verschränkten die Hände vor dem Bauch. Er musste der Hierophant sein, begriff ich. Das meiste, was die Alchemisten taten, wurzelte durchaus in Wissenschaft, aber einige Aufgaben verlangten doch auch göttlichen Beistand. Schließlich fußte unsere Kernmission, die Menschheit zu schützen, auf dem Glauben, dass Vampire etwas Unnatürliches seien und gegen Gottes Plan verstießen. Deshalb arbeiteten Hierophanten – unsere Priester – Seite an Seite mit unseren Wissenschaftlern.

»O Herr«, intonierte er und schloss die Augen. »Segne diese Elixiere. Entferne den Makel des Bösen, den sie tragen, auf dass ihre lebenspendende Macht rein zu uns, deinen Dienern, durchscheine.«

Er öffnete die Aktentasche und entnahm ihr vier kleine Phiolen mit einer dunkelroten Flüssigkeit. Die Etiketten auf den Fläschchen konnte ich nicht lesen. Mit ruhiger Hand und geübtem Blick goss Barnes aus jeder Phiole eine genau bemessene Menge in eine größere Flasche. Anschließend holte er ein winziges Päckchen Pulver hervor und ließ es zu der roten Flüssigkeit in die Flasche rieseln. Ich spürte ein Kribbeln in der Luft, und der Inhalt der Flasche färbte sich golden. Er gab die Flasche an Horowitz weiter, der mit einer Nadel bereitstand. Alle entspannten sich, da der zeremonielle Teil der Angelegenheit abgeschlossen war.

Ich drehte mich gehorsam zur Seite, so dass die Wange mit meiner Tätowierung nach oben zeigte. Einen Augenblick später fiel Horowitz’ Schatten über mich. »Es wird ein wenig brennen, aber dies ist nicht vergleichbar mit dem Brennen, das sie spürten, als Sie Ihre erste Tätowierung erhalten haben. Es ist nur eine Auffrischung«, erklärte er freundlich.

»Ich weiß«, antwortete ich. Ich war schon früher neu tätowiert worden. »Danke.«

Die Nadel durchstach meine Haut, und ich gab mein Bestes, nicht zusammenzuzucken. Es brannte tatsächlich, aber – wie Horowitz gesagt hatte – er stach keine neue Tätowierung. Er injizierte lediglich kleine Mengen der Tinte in meine bereits existierende Tätowierung und frischte deren Kraft auf. Ich wertete dies als ein gutes Zeichen. Zoe mochte noch nicht ganz außer Gefahr sein, aber gewiss würden sie sich nicht die Mühe machen, mich neu zu tätowieren, wenn sie mich einfach nur in ein Umerziehungslager schicken wollten.

»Können Sie uns, während wir warten, kurz ins Bild setzen, was los ist?«, fragte mein Vater. »Mir hat man nur gesagt, dass Sie ein Mädchen im Teenageralter brauchen.« So, wie er es sagte, klang das nach einer austauschbaren Rolle. Ich kämpfte eine Welle der Wut auf meinen Vater nieder. Das war also alles, was wir für ihn bedeuteten.

»Wir haben ein Problem«, hörte ich Stanton sagen. Jetzt würde ich endlich Antworten bekommen. »Mit den Moroi.«

Ich stieß einen kleinen Seufzer der Erleichterung aus. Besser sie als die Strigoi. Jedes Problem, vor dem die Alchemisten standen, drehte sich um eine der beiden Vampirrassen, und ich würde jederzeit die lebende, nicht mörderische davon vorziehen. Bisweilen wirkten die Moroi sogar beinah menschlich (obwohl ich das niemandem hier auf die Nase binden würde) und lebten und starben wie wir. Strigoi dagegen waren eine verdrehte Laune der Natur. Es waren Untote, mörderische Vampire. Ein Moroi wurde zum Strigoi, wenn er jemandes Blut trank und sein Opfer dadurch tötete. Und jeder konnte zum Strigoi werden, wenn ein anderer Strigoi ihn zwang, sein Blut zu trinken. Ein Problem mit den Strigoi endete für gewöhnlich mit Toten.

Alle möglichen Szenarien gingen mir durch den Kopf, während ich überlegte, welches Problem die Alchemisten heute Nacht auf den Plan gerufen haben mochte: ein Mensch, der jemanden mit Reißzähnen bemerkt hatte, ein Spender, der entkommen und sich an die Öffentlichkeit gewendet hatte, ein Moroi, der von menschlichen Ärzten behandelt worden war … Das waren die Probleme, mit denen wir Alchemisten es meistens zu tun hatten, solche, mit denen ich umzugehen gelernt hatte und die ich mühelos vertuschen konnte. Warum sie für irgendeines dieser Probleme »ein Mädchen im Teenageralter« brauchten, war mir jedoch ein Rätsel.

»Sie wissen, dass sie im vergangenen Monat … dieses Mädchen zur Königin gewählt haben«, sagte Barnes. Ich konnte praktisch sehen, wie er die Augen verdrehte.

Alle im Raum murmelten eine Bestätigung. Natürlich wussten sie darüber Bescheid. Die Alchemisten widmeten den politischen Vorgängen bei den Moroi große Aufmerksamkeit. Es war entscheidend zu wissen, was die Vampire taten, um ihre Existenz vor dem Rest der Menschheit geheim zu halten – und um den Rest der Menschheit vor ihnen zu schützen. Das war unsere Aufgabe: unsere Mitmenschen zu schützen. Studiere deinen Feind– dies wurde bei uns sehr ernst genommen. Das Mädchen, das die Moroi zur Königin gewählt hatten, Vasilisa Dragomir, war achtzehn Jahre alt, genau wie ich.

»Verkrampfen Sie sich nicht«, sagte Horowitz sanft.

Mir war gar nicht aufgefallen, dass ich mich verkrampft hatte. Ich versuchte, mich zu entspannen, aber bei dem Gedanken an Vasilisa Dragomir musste ich an Rose Hathaway denken. Beklommen fragte ich mich, ob ich vielleicht nicht so schnell hätte annehmen sollen, dass meine Schwierigkeiten vorüber waren. Barmherzigerweise setzte Barnes die Geschichte einfach fort, ohne meine indirekte Verbindung zu der Mädchenkönigin und ihren Verbündeten zu erwähnen.

»Nun, so schockierend das für uns ist, es muss für einige ihrer eigenen Leute genauso schockierend gewesen sein. Es gab viele Proteste und Widerstand. Noch hat niemand einen Überfall auf die kleine Dragomir versucht, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass sie so gut bewacht wird. Ihre Feinde haben sich daher anscheinend für einen Umweg entschieden: ihre Schwester.«

»Jill«, sagte ich, bevor ich mich selbst daran hindern konnte. Horowitz schnalzte mit der Zunge, weil ich mich bewegt hatte, und ich bedauerte sofort, die Aufmerksamkeit auf mich und meine Kenntnisse der Moroi gelenkt zu haben. Dennoch blitzte vor meinem inneren Auge ein Bild von Jill Mastrano auf, hochgewachsen und so aufreizend schlank wie alle Moroi, mit großen, hellgrünen Augen, die immerzu nervös wirkten. Und sie hatte einen guten Grund dafür, nervös zu sein. Mit fünfzehn Jahren hatte Jill herausgefunden, dass sie Vasilisas uneheliche Schwester war, was sie zum einzigen weiteren Mitglied der königlichen Familie der Dragomirs machte. Auch sie hatte mit in dem Schlamassel gesteckt, in den ich mich in diesem Sommer hineinmanövriert hatte.

»Sie kennen ihre Gesetze«, fuhr Stanton fort, nachdem einen Moment lang verlegenes Schweigen geherrscht hatte. Ihr Tonfall vermittelte, was wir alle von den Gesetzen der Moroi hielten. Ein gewählter Monarch? Es ergab keinen Sinn, aber was konnte man sonst schon von solchen unnatürlichen Wesen wie Vampiren erwarten? »Und Vasilisa braucht ein Familienmitglied, um ihren Thron zu halten. Daher haben ihre Feinde beschlossen, ihre Familie loszuwerden, wenn sie die Königin selbst nicht loswerden können.«

Ein kalter Schauder überlief mich angesichts der unausgesprochenen Bedeutung dieser Worte, und wieder machte ich eine Bemerkung, ohne nachzudenken: »Ist Jill etwas zugestoßen?« Diesmal hatte ich zumindest einen Moment gewählt, in dem Horowitz gerade seine Nadel wieder auffüllte, so dass keine Gefahr bestand, die Tätowierung zu vermasseln.

Ich biss mir auf die Unterlippe, damit ich nicht noch etwas anderes sagte, und stellte mir den Tadel in den Augen meines Vaters vor. Sorge um einen Moroi zu zeigen, das war das Letzte, was ich angesichts meines ungewissen Status tun sollte. Ich hatte keine starke Bindung zu Jill, aber der Gedanke, dass jemand eine Fünfzehnjährige ermorden wollte – Zoe war im gleichen Alter –, erschreckte mich, ganz gleich, zu welcher Rasse sie gehörte.

»Das ist es, was unklar ist«, meinte Stanton. »Sie wurde überfallen, so viel wissen wir, aber wir können nicht feststellen, ob sie irgendwelche echten Verletzungen davongetragen hat. Wie dem auch sei, jetzt geht es ihr gut, aber der Anschlag hat sich bei Hof ereignet, was darauf schließen lässt, dass es einen hochrangigen Verräter gibt.«

Barnes schnaubte angewidert. »Was kann man schon erwarten? Es ist mir ein Rätsel, wie es ihrer lächerlichen Rasse gelingen konnte, überhaupt so lange zu überleben, ohne einander zu zerfleischen.«

Zustimmendes Gemurmel wurde laut. »Aber lächerlich oder nicht, wir können nicht zulassen, dass sie einen Bürgerkrieg führen«, sprach Stanton weiter. »Einige Moroi haben aus Protest etwas unternommen, und zwar genug, um damit die Aufmerksamkeit menschlicher Medien zu erregen. Das können wir nicht zulassen. Wir brauchen eine stabile Moroi-Regierung, und das bedeutet, dass wir die Sicherheit des Mädchens gewährleisten müssen. Vielleicht können sie einander nicht vertrauen, aber uns können sie schon vertrauen.«

Es hatte keinen Sinn, darauf hinzuweisen, dass die Moroi den Alchemisten nicht wirklich vertrauten. Aber da wir kein Interesse daran hatten, dass die Moroi-Monarchin oder ihre Familie umkam, nahm ich an, dass wir dadurch vertrauenswürdiger waren als manche anderen.

»Wir müssen das Mädchen verschwinden lassen«, warf Michaelson ein. »Zumindest bis die Moroi das Gesetz außer Kraft setzen können, das Vasilisas Regentschaft angreifbar macht. Es ist im Moment nicht ungefährlich, Jill Mastrano bei ihren Leuten zu verstecken, daher müssen wir sie unter Menschen verbergen.« Verachtung triefte aus seinen Worten. »Aber es ist von höchster Wichtigkeit, dass sie außerdem vor denMenschen verborgen bleibt. Unsere Rasse darf nicht wissen, dass ihre existiert.«

»Nach einer Beratung mit den Wächtern haben wir uns für einen Ort entschieden, den wir alle für sicher halten – sowohl vor Moroi als auch vor Strigoi«, erklärte Stanton. »Um jedoch zu gewährleisten, dass sie – und jene, die bei ihr sind – unentdeckt bleiben, brauchen wir Alchemisten, die sich einzig um ihre Bedürfnisse kümmern, sollten Komplikationen eintreten.«

Mein Vater lachte spöttisch. »Das ist eine Verschwendung unserer Ressourcen, ganz zu schweigen davon, dass es für die Person, die bei ihr bleiben muss, unerträglich ist.«

Ich hatte in Hinsicht auf das Kommende ein schlechtes Gefühl.

»An diesem Punkt kommt Sydney ins Spiel«, erwiderte Stanton. »Sie soll eine der Alchemisten sein, die Jillian in ihr Versteck begleiten.«

»Was?«, rief mein Vater aus. »Das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Warum nicht?« Stanton sprach ruhig und gelassen. »Sie sind ungefähr gleichaltrig, also wird es keinen Verdacht erregen, wenn sie zusammen sind. Und Sydney kennt das Mädchen bereits. Gewiss wird es nicht so unerträglich für sie sein wie vielleicht für andere Alchemisten.«

Das Unausgesprochene, das darin lag, war laut und deutlich. Ich war nicht frei von meiner Vergangenheit, noch nicht. Horowitz hielt inne und hob die Nadel, was mir Gelegenheit zum Sprechen verschaffte. Meine Gedanken überschlugen sich. Irgendeine Reaktion wurde jetzt von mir erwartet. Ich wollte nicht so klingen, als rege mich der Plan allzu sehr auf. Ich musste meinen guten Namen unter den Alchemisten wiederherstellen und meine Bereitschaft zeigen, Befehle zu befolgen. Danach wollte ich auch nicht so klingen, als fühlte ich mich mit Vampiren oder ihren halb menschlichen Gegenstücken, den Dhampiren, allzu wohl.

»Es macht niemals Spaß, Zeit mit ihnen zu verbringen«, formulierte ich bedächtig, wobei ich meinen Tonfall kühl und hochmütig hielt. »Dabei spielt es keine Rolle, wie oft man es tut. Aber ich werde machen, was notwendig ist, um uns – und alle anderen – zu beschützen.« Ich brauchte nicht zu erklären, dass ich mit alle anderen die Menschen meinte.

»Da, sehen Sie, Jared?« Barnes klang erfreut über meine Antwort. »Ihre Tochter kennt ihre Pflichten. Wir haben bereits eine Anzahl von Arrangements getroffen, damit alles glatt über die Bühne geht, und gewiss würden wir sie nicht allein hinschicken – insbesondere, da das Moroi-Mädchen auch nicht allein sein wird.«

»Was meinen Sie damit?« Mein Vater klang immer noch nicht besonders glücklich, und ich fragte mich, was ihn am meisten aufregte. Glaubte er denn wirklich, ich könnte in Gefahr sein? Oder machte er sich einfach Sorgen, dass meine Loyalität noch weiter ins Wanken geriete, wenn ich mehr Zeit mit den Moroi verbrachte? »Wie viele von ihnen kommen mit?«

»Sie schicken einen Dhampir«, erklärte Michaelson. »Einen von ihren Wächtern – womit ich wirklich kein Problem habe. Der Ort, den wir ausgewählt haben, sollte frei von Strigoi sein. Andernfalls ist es besser, wenn sie gegen diese Ungeheuer kämpfen und nicht wir.« Die Wächter waren speziell ausgebildete Dhampire, die als Bodyguards dienten.

»Bitte sehr«, sagte Horowitz zu mir und trat zurück. »Sie können sich wieder hinsetzen.«

Ich gehorchte und widerstand dem Drang, meine Wange zu berühren. Das Einzige, was ich von seiner Arbeit spürte, war das Brennen der Nadel, aber ich wusste, dass jetzt mächtige Magie in mir arbeitete, eine Magie, die mir ein übermenschliches Immunsystem schenken und mich daran hindern würde, mit gewöhnlichen Menschen über Vampirangelegenheiten zu sprechen. Ich versuchte, nicht an den anderen Teil zu denken, darüber, woher diese Magie kam. Die Tätowierungen waren ein notwendiges Übel.

Die anderen standen noch immer herum und beachteten mich nicht – na ja, bis auf Zoe. Sie wirkte nach wie vor verwirrt und verängstigt und warf mir immer wieder nervöse Blicke zu.

»Es könnte auch ein weiterer Moroi mitkommen«, fuhr Stanton fort. »Ehrlich, ich weiß nicht so recht, warum, aber sie haben nachdrücklich darauf bestanden, dass er Mastrano begleitet. Wir haben ihnen erklärt, dass es besser sei, wenn wir möglichst wenige Leute verstecken müssen, aber … also gut, sie halten es anscheinend für notwendig und haben gesagt, sie würden Vorkehrungen treffen, dass er ebenfalls dort wäre. Ich glaube, es ist irgendein Ivashkov. Unwesentlich.«

»Wo ist dort?«, hakte mein Vater nach. »Wohin wollen Sie sie überhaupt schicken?«

Eine exzellente Frage. Ich hatte ebenfalls darüber nachgedacht. Mein erster Vollzeitjob bei den Alchemisten hatte mich um die halbe Welt geschickt, nach Russland. Wenn die Alchemisten erpicht darauf waren, Jill zu verstecken, so ließ sich unmöglich sagen, an welchen fernen Ort sie das Mädchen schicken würden. Für einen Moment wagte ich zu hoffen, dass wir vielleicht in meiner Traumstadt landen würden: Rom. Legendäre Kunstwerke und italienisches Essen klangen nach einem guten Ausgleich für Papierkram und Vampire.

»Palm Springs«, sagte Barnes.

»Palm Springs?«, wiederholte ich. Das war es nicht, was ich erwartet hatte. Wenn ich an Palm Springs dachte, fielen mir Filmstars und Golfplätze ein. Nicht direkt ein römischer Urlaub, aber auch nicht die Arktis.

Ein kleines, schiefes Lächeln umspielte Stantons Lippen. »Es liegt in der Wüste und hat eine Menge Sonnenlicht. Für Strigoi nicht im Geringsten erstrebenswert.«

»Wäre es nicht auch für Moroi wenig erstrebenswert?«, fragte ich. Moroi fingen zwar in der Sonne nicht Feuer wie Strigoi, aber wenn sie der Sonne übermäßig ausgesetzt waren, wurden sie trotzdem schwach und krank.

»Na, ja«, gab Stanton zu. »Aber ein wenig Unbehagen ist die Sicherheit schon wert, die der Ort bietet. Solange die Moroi die meiste Zeit im Haus verbringen, wird es kein Problem sein. Außerdem wird es andere Moroi daran hindern, ebenfalls dorthin zu gehen und …«

Das Geräusch einer Autotür, die draußen vor dem Fenster geöffnet und wieder zugeschlagen wurde, erregte allgemeine Aufmerksamkeit. »Ah«, meinte Michaelson. »Das sind die anderen. Ich werde sie hereinlassen.«

Er schlüpfte aus dem Arbeitszimmer und ging vermutlich zur Haustür, um die Person, die soeben eingetroffen war, einzulassen. Sekunden später, als Michaelson zu uns zurückkehrte, hörte ich eine neue Stimme sprechen.

»Nun, Dad hat es nicht geschafft, also hat er einfach mich geschickt«, erklärte der Neuankömmling.

Die Tür zum Arbeitszimmer wurde geöffnet, und mir blieb das Herz stehen.

Nein, dachte ich. Jeder, nur nicht er.

»Jared«, sagte der Mann, als er meinen Vater erblickte. »Schön, Sie wiederzusehen.«

Mein Vater, der mich die ganze Nacht kaum eines Blickes gewürdigt hatte, lächelte tatsächlich. »Keith! Ich habe mich schon gefragt, wie es Ihnen ergangen sein mag.« Die beiden Männer schüttelten einander die Hand, und eine Woge des Abscheus stieg in mir auf.

»Das ist Keith Darnell«, stellte ihn Michaelson den anderen vor.

»Tom Darnells Sohn?«, fragte Barnes beeindruckt. Tom Darnell war einer der legendären Anführer der Alchemisten.

»Derselbe«, sagte Keith wohlgelaunt. Er war ungefähr fünf Jahre älter als ich und hatte blondes Haar, das eine Schattierung heller war als meins. Ich wusste, dass ihn eine Menge Mädchen attraktiv fanden. Ich? Ich fand ihn abscheulich. Er war so ziemlich die letzte Person, die ich hier zu sehen erwartet hatte.

»Und ich glaube, Sie kennen die Schwestern Sage«, fügte Michaelson hinzu.

Keith richtete den Blick seiner blauen Augen zuerst auf Zoe, Augen, die sich in ihrer Farbe ein ganz klein wenig voneinander unterschieden. Ein Auge, das aus Glas gefertigt war, starrte ins Leere und bewegte sich überhaupt nicht. Das andere zwinkerte ihr zu, während sein Grinsen breiter wurde.

Er kann immer noch zwinkern, dachte ich zornig. Dieses aufreizende, dumme, herablassende Zwinkern! Aber andererseits, warum sollte er nicht zwinkern? Wir hatten alle von dem Unfall gehört, den er in diesem Jahr erlitten hatte, einem Unfall, der ihn ein Auge gekostet hatte. Er hatte zwar trotzdem mit einem gesunden Auge überlebt, aber irgendwie hatte ich gedacht, der Verlust eines Auges würde diesem ärgerlichen Zwinkern ein Ende setzen.

»Die kleine Zoe! Schau an, schon erwachsen«, sagte er voller Zuneigung. Ich bin kein gewalttätiger Mensch, ganz sicher nicht, aber plötzlich wollte ich ihn dafür schlagen, dass er meine Schwester so ansah.

Sie brachte ein Lächeln für ihn zustande, offenkundig erleichtert, hier ein vertrautes Gesicht zu sehen. Als Keith sich jedoch zu mir umdrehte, lösten sich Charme und Freundlichkeit in Luft auf. Das Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit.

Der brennende, schwarze Hass, der sich in mir aufbaute, war so überwältigend, dass ich einen Moment brauchte, um irgendeine Antwort zu formulieren. »Hallo, Keith«, entgegnete ich steif.

Keith versuchte nicht einmal, meine erzwungene Höflichkeit nachzuahmen. Er drehte sich sofort zu den älteren Alchemisten um. »Was tut sie hier?«

»Wir wissen, dass Sie Zoe angefragt haben«, erwiderte Stanton gelassen, »aber nach einigem Nachdenken sind wir zu dem Schluss gekommen, dass es doch das Beste wäre, wenn Sydney diese Rolle übernehmen würde. Ihre Erfahrungen zählen weitaus mehr als eventuelle Bedenken wegen ihrer Taten in der Vergangenheit.«

»Nein«, protestierte Keith schnell und richtete diese stählernen, blauen Augen wieder auf mich. »Sie kann auf keinen Fall mitkommen. Auf keinen Fall werde ich einem Vampirliebchen trauen. Sie wird die ganze Mission doch bloß vermasseln. Wir nehmen ihre Schwester.«

KAPITEL 2

Einige sogen scharf die Luft ein, zweifellos, weil Keith den Ausdruck Vampirliebchen verwendet hatte. Keins der beiden Worte war für sich genommen allzu schrecklich, aber zusammengefügt … nun ja, sie repräsentierten eine Idee, die so ziemlich allem zuwiderlief, wofür die Alchemisten standen. Wir kämpften, um Menschen vor Vampiren zu beschützen. Mit diesen Kreaturen unter einer Decke zu stecken war so ziemlich das Abscheulichste, was man einem von uns vorwerfen konnte. Selbst bei ihren Befragungen waren die anderen Alchemisten in ihrer Wortwahl sehr vorsichtig gewesen.

Keith’ Ausdrucksweise war beinah obszön gewesen. Horowitz wirkte um meinetwillen wütend und öffnete den Mund, wie um etwas gleichermaßen Schneidendes zu erwidern. Nach einem schnellen Blick auf Zoe und mich schien er sich jedoch zu besinnen und wahrte Stillschweigen. Michaelson hingegen konnte sich nicht bezähmen und murmelte: »Beschütze uns alle.« Er machte ein Zeichen gegen das Böse.

Doch es war nicht Keith’ Verleumdung, die mich wirklich bestürzte (obwohl mich gewiss ein Schauder überlief). Vielmehr war es Stantons frühere beiläufige Bemerkung. Wir wissen, dass Sie Zoe angefragt haben.

Keith hatte also für diesen Auftrag Zoe angefragt? Meine Entschlossenheit, sie aus der Sache herauszuhalten, wuchs rapide an. Bei der Vorstellung, dass sie mit ihm gehen könnte, ballte ich unwillkürlich die Fäuste. Alle hier mochten Keith Darnell für einen Musterknaben halten, aber ich wusste es besser. Kein Mädchen – geschweige denn meine Schwester – sollte mit ihm allein gelassen werden.

»Keith«, begann Stanton, eine sanfte Warnung in der Stimme. »Ich respektiere Ihre Gefühle, aber Sie sind nicht in der Position, diese Forderung zu stellen.«

Er errötete. »Ich bin in Palm Springs stationiert! Ich habe jedes Recht vorzuschreiben, was auf meinem Territorium geschieht.«

»Ich kann durchaus verstehen, warum Sie so empfinden«, bemerkte mein Vater. Unglaublich. Wenn Zoe und ich die Autoritäten so in Frage gestellt hätten, wie Keith es gerade getan hatte, hätte unser Vater nicht gezögert, uns unsere Rechte zu erklären – oder vielmehr, er hätte uns erläutert, dass wir keine hatten. Keith hatte einen Sommer bei meiner Familie verbracht junge Alchemisten taten das manchmal während der Ausbildung, und mein Vater hatte sich angewöhnt, ihn wie den Sohn zu betrachten, den er nie gehabt hatte. Schon damals hatte er bei Keith und uns immer mit zweierlei Maß gemessen. Zeit und Entfernung hatten daran offenbar nichts geändert.

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