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An Biographien über Napoléon herrscht kein Mangel. Die neue umfangreiche Schilderung seines Lebens von Patrice Gueniffey unterscheidet sich fundamental von den bisherigen Darstellungen.
Sie rückt Bonaparte in den Zusammenhang der Moderne. Für Gueniffey ist diese historische Gestalt beispielhaft für die Neuzeit: Er repräsentiert jenen Typus, der seiner Meinung nach selbst die widrigsten Umstände bezwingen kann, vorausgesetzt, er hat die entsprechende Begabung, Energie und Tatkraft. Diese Vorstellung des modernen Menschen ist, wie diese Biographie für Bonaparte belegt, mit den historischen Gegebenheiten nicht vereinbar: Sie deckt hinter den Intention von Bonaparte die Selbstlogik unabhängiger Prozesse wie die Initiierung solcher angeblich historischen Abläufe die Spuren subjektiven Handelns auf.
Bonaparte zeigte sich in relativ kurzer Zeit in vielen, voneinander abweichenden, Rollen: er war unter anderem korsischer Patriot, (während der Französischen Revolution) Verfechter des Jakobinismus, Thermidorianer, ein »Feldherr«, er war Diplomat, Schöpfer eines neuen Rechts, republikanischer Diktator, Begründer einer Erbmonarchie: Die vorliegende Biographie widmet sich in aller Ausführlichkeit und Genauigkeit diesen Positionen: von der des jungen Napoléon bis zur Selbstermächtigung als Konsul auf Lebenszeit im Jahre 1802. Damit macht Patrice Gueniffey, verständlich, unterhaltsam, anhand neuer Forschungsergebnisse und überraschender Einblicke und Synthesen, nachvollziehbar, warum Bonaparte zu Napoléon wurde.Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1990
Veröffentlichungsjahr: 2017
Patrice Gueniffey
Bonaparte
1769-1802
Aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer, Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Suhrkamp
Für Antoine, Arnaud, Caroline, Philippe und Virginie
Einführung
Erster Teil Napoleon und Korsika 1769-1793
Kapitel 1 Eine italienische Familie in Korsika
Von Sarzana nach Ajaccio
Eine Honoratioren-Familie
Korsika, nur ein »geographischer Begriff«
Das Gesetz des Blutes
Die Paradoxien des Zeitalters der Aufklärung
Von Genua zu Frankreich
Kapitel 2 Eine französische Erziehung
Die Physiokraten in Korsika
Der Gefolgsmann der Franzosen
Die dunklen Jahre
Das Geheimnis des jähen Auftritts
Die Entdeckung des Kontinents
Die École militaire auf dem Champs-de-Mars
Ein Kind der Aufklärung
Kapitel 3 Französischer Offizier und korsischer Patriot
Gesellschaftlicher Schliff
Eine eigenartige Leidenschaft
Die Passion seiner Zeit: Die Liebe zum Ruhm
Die Last der Familie
Der Roman der Ursprünge
Kapitel 4 Revolutionär in Ajaccio
Entscheidung für Frankreich?
Die Rückkehr Paolis
Jakobiner in Valence
Ein gescheiterter »Putsch«
Napoleon in Paris
Kapitel 5 Verlorene Illusionen
Geburt einer Vendetta
Der Sardinienfeldzug
Lucien und das Dekret vom 2. April 1793
Napoleon macht einen Rückzieher
Die Ausweisung
Ende eines Traums
Zwischenhalt in Ajaccio
Der Kaiser und Korsika
Eine Warze auf Frankreichs Nase
Zweiter Teil Auftritt 1793-1796
Kapitel 6 Toulon
Unter dem Befehl von Carteaux
Der Plan des Hauptmanns Buonaparte
Die Belagerung von Toulon
Zweite Geburt
Ein Frühling in Nizza
Napoleon und Robespierre
Kapitel 7 Auf der Suche nach einer Zukunft
Ein General ohne Armee
Turin, Mailand, Wien: Entstehung eines Schlachtplanes
Der 13. Vendémiaire
Den Fuß im Steigbügel
Krieg und Frieden 1795
Kapitel 8 Das Glück
Von Eugénie zu Joséphine
Das Fest der Thermidorianer
Der Amour fou
Von Rose zu Joséphine
Dritter Teil Der Italienfeldzug 1796-1797
Kapitel 9 Bella Italia
Montenotte
Lodi
Mailand
Kapitel 10 Italienpolitik?
Italien 1796
Österreichische Gegenangriffe
Italien am Rand des Abgrunds
Die Politik der Tochterrepubliken
Kapitel 11 Auf dem Weg nach Wien
Arcole
Bonaparte und seine Armee
Die Erstürmung der Alpen
Kapitel 12 Mombello
Die Abwesende
Ein Sommer in der Lombardei
Der »König« von Mombello
Geschickte Propaganda?
Die Französische Revolution und ihre Helden
Ein neuer Held für das neue Jahrhundert
Kapitel 13 Hilfe für das Directoire
Bonaparte und der Papst
Warten auf Monk
Massaker in Verona, »Revolution« in Venedig
Der Vorfrieden von Leoben
Der 18. Fructidor
Kapitel 14 Campo Formio
Bonapartes Italien
Der Frieden von Campo Formio
Kontroversen um einen Vertrag
Kapitel 15 Pariser Zwischenspiel
Die Lehren aus dem Italienfeldzug
Die Zeremonie im Luxembourg
Die Eroberung des Institut de France
Vierter Teil Die Ägypten-Expedition 1798-1799
Kapitel 16 Der Weg nach Indien
England vernichten
Mission impossible?
Die Orientfrage
Bonaparte und der Orient
Entwurf einer Mittelmeer-Politik
Monge, Talleyrand und die anderen
Kapitel 17 Die Eroberung des Nils
Rendezvous in Toulon
Verwirrungen und Zögern
Auf in den Orient
Die Enttäuschung der Armee
Westliche Kriegsführung?
Von Rousseau zu Voltaire
Abukir
Kapitel 18 Ägypten regieren
Ägypten, ein zweites Italien?
Opportunistische Zustimmung und unüberwindliches Misstrauen
»In einem Klima, das nicht das unsere ist«
Die Unterdrückung: Ein »Zurückweichen der Zivilisation?«
Der Aufstand in Kairo
Erholungspausen
Kapitel 19 Jaffa
Der Angriff auf Syrien
Durchquerung des Sinai
Das Massaker
Der wundertätige General
Kapitel 20 Die Rückkehr aus dem Orient
Der Misserfolg von Akkon
Der Rückzug
Der Sieg von Abukir
Der Ruf des Schicksals?
Die Abreise
Fünfter Teil Das Überschreiten des Rubikon 1799
Kapitel 21 Die Verschwörung
Die Agonie des Directoire
Eine triumphale Rückkehr
Szenen einer Ehe
Die Gründe für einen Staatsstreich
Manöver, Vorbereitungen und Verhandlungen
Der Plan des Staatsstreichs
Letztes Gipfeltreffen
Kapitel 22 Brumaire
Der letzte Tag der Revolution
Im Angesicht der Volksvertreter
Das Ende des Directoire
Auf Messers Schneide
Parlamentarischer Epilog
Letzter Akt
Sechster Teil Ein König für die Revolution 1799-1802
Kapitel 23 Erster Konsul
Drei Konsuln und vier Minister
Diskrete Gegner, skeptische Anhänger
Der Entwurf einer Politik
Von Sieyès' Diktat zu Bonapartes Verfassung
Kapitel 24 Die ersten Schritte
»Die beiden Armlehnen des Sessels«
Zwei Verfassungen in einer
Die unzufriedenen Brumaire-Anhänger
Im Palast der Könige
Kapitel 25 Von den Tuilerien nach Marengo
Diplomatisches Intermezzo
Voraussetzung für den Krieg
Schwierige Anfänge
Das Ende der Kriege in der Vendée
Der Große Sankt Bernhard
Sieg oder Niederlage?
Kapitel 26 Werke und Tage
Spannungen, Zweifel und Intrigen
Musikalisches Intermezzo
Diener und Mitarbeiter
Ein aufgeklärter Despot?
Ein Abend in den Tuilerien
Kapitel 27 Die Wende von 1801
Die Rückkehr Frankreichs nach Amerika
Herrscher, aber noch kein Monarch
Die Zukunft in Fragen
Dem Frieden entgegen
Der Dolch des Brutus
Kapitel 28 Frieden mit der Kirche
Die Großprojekte des Ersten Konsuls
Eine heranreifende Gesellschaft
Das Erbe
Die Bedeutung einer Versöhnung
Erste Eckpunkte
Heikle Verhandlungen
Bonaparte nimmt die Sache in die Hand
Politische und militärische Rückschläge
Consalvi in Paris
Letzte Streitigkeiten
Kapitel 29 Die höchste Stufe
Die in Gesetze gegossene Revolution
Das Ende eines zehnjährigen Kriegs
Das letzte Gefecht der Opposition
Eine republikanische Krone
Die politischen Folgen des Friedens
Konsul auf Lebenszeit
Monarch ohne Titel
Karten
Bildteil
Bibliographie
Register
An jenem Tag im Jahr 1816 sprach Napoleon lange mit Las Cases über die Politik Englands und seine Heirat mit Marie-Louise. Plötzlich verstummte er und, als hätte er die Anwesenheit seines Gesprächspartners vergessen, stützte den Kopf in die Hand. Nach einer Weile richtete er sich auf und sagte: »Was für ein Roman doch mein Leben ist!«[1]1 Ein berühmter, oft zitierter Satz — und sehr zutreffend. Doch so romanhaft Napoleons Leben auch war, es scheint sich noch mehr für die Musik zu eignen. Als der Autor von Clockwork Orange, Anthony Burgess, einen Roman über Napoleon zu schreiben beschloss, gab er ihm den Titel Napoleonsymphonie2 und teilte den Roman sogar entsprechend den Sätzen jener Sinfonie auf, die Beethoven Buonaparte genannt hatte, bevor er sie später nach langem Zögern in Sinfonia eroica per festeggiare il sovvenire di un gran Uomo umbenannte.3 Die Spielanweisung zu Beginn des ersten Satzes gibt das Tempo dieses außergewöhnlichen Schicksals vor: Allegro con brio.
Manch einer wundert sich über die Vielzahl — das ist noch euphemistisch ausgedrückt — von Werken über Napoleon: Es sind mehrere Zehntausend, und die Liste wird jeden Tag länger. Doch man sollte sich eher über diese Verwunderung wundern, denn nie gab es in so kurzer Zeit eine solche Fülle unerhörter Ereignisse, gigantischer Umwälzungen und gewaltiger Erschütterungen, und vielleicht wird es dies auch nie wieder geben. Nur ein Vierteljahrhundert trennt den Beginn der Französischen Revolution — durch die Napoleon möglich und vielleicht sogar notwendig wurde, wie Nietzsche sagte4 — vom Ende des Kaiserreichs. Vom Zusammentreten der Generalstände bis zur Abdankung des Kaisers schreitet die Geschichte nicht voran, sie rennt. Napoleon durchquert sie wie ein Meteor: Zwischen seinem ersten Auftritt 1793 und dem 18. Brumaire liegen nur sechs Jahre, drei zwischen der Eroberung der Macht und der Proklamation des Konsulats auf Lebenszeit, zwei zwischen dieser und dem Beginn des Kaiserreichs.
Jacques Bainville schreibt:
Knapp zehn Jahre später kehrt Ludwig XVIII. zurück. […] Zehn Jahre, und dabei sind kaum zehn Jahre verstrichen, seit er aus der Dunkelheit auftauchte, nicht mehr als zehn Jahre, und schon ist alles zu Ende! […] Mit fünfundzwanzig Jahren noch ein kleiner Offizier, ist er mit fünfunddreißig wie durch ein Wunder Kaiser geworden. Die Zeit packt ihn an den Schultern und schiebt ihn vor sich her. Doch seine Tage sind gezählt. Schnell wie im Traum schwinden sie dahin, ausgefüllte Tage, fast ohne Ruhepausen, gleichsam begierig, rascher bei der Katastrophe anzulangen, und so voller grandioser Ereignisse, dass die eigentlich nur kurze Herrschaft ein Jahrhundert gedauert zu haben scheint.5
In dieser kurzen Zeitspanne hat Napoleon alle Rollen gespielt: die eines korsischen Patrioten, eines jakobinischen Revolutionärs (aber nicht allzu sehr), eines gemäßigten Republikaners (nicht lange), eines Thermidorianers (zugleich verteidigte er die Erinnerung an Robespierre), die Rolle eines Eroberers, Diplomaten, Gesetzgebers, »Held, Imperator, Mäzen«,6 eines republikanischen Diktators, Erbsouveräns, Königsmachers und -stürzers und 1815 sogar die eines konstitutionellen Monarchen (sofern man die während der Hundert Tage geschaffenen Institutionen ernst nimmt). Es liegt etwas Taschenspielerisches, auch Fregolihaftes darin. Je nach den Umständen wechselte er nicht nur die Rolle und das Kostüm, sondern auch den Namen, ja das Aussehen. Zunächst hatte er einen merkwürdigen Vornamen, dessen Schreibung und Aussprache zumindest unsicher waren: Nabulion, Napolione, Napoléon, Napulion? Wie auch immer, er entschied sich bald für seinen Familiennamen, den er von Buonaparte zu Bonaparte französisierte. In Italien behaupteten manche, dieser Name sei so wenig authentisch wie sein seltsamer Vorname. Er mochte sich Cousins aus San Gimignano erfinden, seine Höflinge mochten sich phantastische Stammbäume für ihn ausdenken, die Skeptiker behaupteten steif und fest, seine Vorfahren hätten nicht Buonaparte, sondern Malaparte geheißen. Zum Beweis führten sie seine Geschichte an: Mala-parte sei er sehr oft, Buona-parte höchst selten gewesen. Fabeln, gewiss, doch sie inspirierten viel später den jungen Curzio Suckert dazu, sich Malaparte zu nennen, vielleicht auf den Rat Pirandellos, der Interesse an sich überkreuzenden Biographien und Namen hatte.7 1804 wurde der zum Kaiser gekrönte Bonaparte wieder zu Napoleon. Da dieser Vorname nun den Begründer einer Dynastie bezeichnete — schließlich nannte man die Könige und Fürsten, die er schuf, »Napoleoniden« —, musste man ihm etwas von seiner Merkwürdigkeit nehmen. In Rom, wo man es sich nicht mit dem Vater des Konkordats verderben wollte, durchforstete man die Märtyrerlegenden, und da kein heiliger Napoleon zu finden war, stöberte man einen heiligen Neopolis oder Neapolis auf, dessen Existenz kaum weniger zweifelhaft war, doch der das Problem lösen konnte: War »Neapolis« nicht nah an »Napoleo« und »Napoleo« nicht nah an Napoleon? So erhielt der Kaiser einen Namenstag, der auf den 15. August festgelegt wurde. Es ist sein Geburtstag — und Mariä Himmelfahrt.8 Änderte Joséphine, die ihn immer Bonaparte genannt hatte, nun ihre Gewohnheit? Er jedenfalls unterzeichnete seine Briefe seither mit Np, Nap, Napo, Napole …
Michel Covin hat ein faszinierendes Werk9 über die Veränderungen seines Aussehens verfasst. Er erinnert an einen Satz von Bourrienne, Napoleons Sekretär: »Es gibt kein wirklich ähnliches Porträt des großen Mannes.« Das ist sicher fast generell bei Porträts der Fall. Einige sind nur etwas ähnlicher als andere; sie erfassen besser, was der Maler Antoine-Jean Gros »den Charakter der Physiognomie«10 nannte. Keines gibt das Gesicht Napoleons genau wieder. Ein auf die Darstellungen des Kaisers spezialisierter Historiker bemerkte das schon vor langer Zeit: »Die meisten Porträts von Bonaparte [später Napoleon] sind dem Mann mit den geheimnisvollen Gesichtszügen sehr unähnlich.«11 Die Fülle von Bildnissen ist daran nicht ganz unschuldig: Allein die Kupferstichsammlung der Bibliothèque Nationale in Paris besitzt mehr als fünftausend.12 So verschwimmen die Züge des Kaisers ein wenig, auch wenn man ihn stets auf den ersten Blick erkennt. Der konventionelle Charakter der meisten Porträts macht die Sache nicht besser. Die Kunst — Malerei wie Skulptur — machte sich schnell einen »Regierungsstil« zu eigen, der sich mehr darum bemühte, das Amt darzustellen als den Mann, der es ausübte.13 Sollte man deshalb den Werken seiner Zeit die späteren Darstellungen vorziehen, wie Michel Covin empfiehlt? Zugegeben, die großen Gemälde von Gérard, Isabey, David oder Ingres, die Bonaparte als Ersten Konsul oder Napoleon als Kaiser darstellen, können uns kaum die Begeisterung Hegels begreiflich machen, der, unter die Menge gemischt, »die Seele der Welt« an sich vorbeiziehen sah, oder die Goethes, der das Privileg eines Gespräches genoss. Also Delaroche statt David, Philippoteaux statt Ingres? Soll man glauben, dass in den Werken reiner Phantasie mehr Wahrheit liegt? Michel Covin hält viel von dem düsteren Porträt Saint Helena, The Last Phase, das James Sant Anfang des 20. Jahrhunderts malte. Was weiß man über das Aussehen Napoleons in seinem letzten Exil? Er hatte sich sehr verändert und zugenommen, er rasierte sich nicht mehr, Montholons Frau erwähnt sogar den »langen Bart«, mit dem er nicht wiederzuerkennen sei. Ganz anders als die frommen Bilder des Gefangenen auf Sankt Helena, der einen Hut trägt und über das traurige Schicksal des Sklaven Toby sinniert, stellt Sant ihn dar, wie es ihm die Lektüre der Berichte aus der Gefangenschaft nahelegt: ernst, traurig, niedergeschlagen, physisch und moralisch erschöpft. Obwohl es sich auf keine überprüfbaren Fakten stützt, ist das Porträt plausibel, ja wahrscheinlich. Wäre eine Photographie aussagekräftiger gewesen? Das ist ungewiss. Es gibt mehrere. Man sieht darauf einen Mann, der nicht Napoleon ist, sondern sein Bruder Jérôme, aufgenommen während des Zweiten Kaiserreichs kurz vor dessen Tod.14 Diese Daguerreotypien faszinierten Roland Barthes: »Ich sehe die Augen, die den Kaiser gesehen haben«, meinte er, als er sie betrachtete.15 Fast hätte er den Kaiser selbst darauf sehen können, so sehr gleicht Jérôme auf diesen Abzügen dem, was Napoleon vielleicht geworden wäre, wenn er ein so hohes Alter erreicht hätte. Das ist er, ohne jeden Zweifel. Deshalb sind die Photographien faszinierend. Zugleich sieht man darauf nur einen alten Mann, der Napoleon ähnelt.
Verzichten wir also darauf, ihn so sehen zu wollen, wie er wirklich war. Aus den unzähligen zeitgenössischen und späteren Porträts, zumindest den besten unter ihnen, setzt sich ein moralisches Porträt zusammen, dessen Changieren von der »geheimnisvollen Ungewissheit« zeugt, »die über dem Charakter des Mannes schwebt«.16 Die rasch hingeworfenen Profile von Gros und David oder auf den Medaillons von Gayrard und Vassalo, die Büste von Ceracchi, die Bleistiftskizzen von David und vor allem das Porträt, bei dem der Schöpfer des Schwurs der Horatier nur den Kopf vollendete, zeigen eher das Wesen Bonapartes als seine Physis. So erscheint Gros' Napoleon auf der Brücke von Arcole als »Symbol der individuellen Energie«, die bald darauf von der Romantik gefeiert wird,17 während Guérins Bonaparte besser als jedes andere Bild seine Unerbittlichkeit darstellt.18 Die Bewunderer des Kaisers werden sich für Gros entscheiden, die Gegner für Guérin.
Hören wir Taine:
Sehen wir uns nun das […] Bild Guérins an. Der Leib ist mager, die schmalen Schultern stecken in einer […] Uniform, der Hals wird von einer hohen, gewundenen Binde verdeckt, die Schläfen verbergen sich hinter dem langen, glatten, herabfallenden Haar. Nur das Antlitz bleibt sichtbar. Die Züge sind hart und infolge starker Gegensätze von Licht und Schatten auch schroff, die Wangen bis zum inneren Augenwinkel ausgehöhlt, die Oberbacken vorstehend, die Lippen sehnig, beweglich und zusammengepresst, die Augen groß, leuchtend, tiefliegend und von den breiten Augenbrauenbogen eingefasst. Das massive Kinn steht hervor, der starre, versteckte Blick ist durchbohrend wie die Spitze eines Degens, von der Nasenwurzel steigen zwei gerade Falten zur Stirne auf wie Gräben oder Furchen voll verhaltenen Zorns und strammen Willens. Fügen wir hinzu, was nur die Zeitgenossen sehen und hören konnten: die abgehackte Sprechweise, die kurzen, scharfen Handbewegungen, den prüfenden, gebieterischen Ton, und wir werden begreifen, dass die von ihm Angeredeten die Herrscherhand fühlten, die sich schwer auf sie legte, sie beugte und drückte, um sie nicht mehr loszulassen.19
Ist also Napoleon eher ein Name als ein Mensch? Gleicht er dem Helden in Simon Leys' Roman Der Tod Napoleons, dem sein Name und seine Geschichte entgleiten? Man erinnert sich an die Handlung: Der Kaiser ist von Sankt Helena geflohen, wo ein Doppelgänger seinen Platz einnimmt. Wenn er sich vorgestellt hatte, so triumphal empfangen zu werden wie bei seiner Rückkehr von Elba, hat er sich getäuscht. Wohl zieht er einige Blicke auf sich, aber wer sollte glauben, dass er dem echten Napoleon gegenübersteht? Ist der nicht Gefangener der Engländer? Und hört man nicht plötzlich von seinem Tod? Durch seinen zu frühen Tod verdirbt der Doppelgänger nicht nur Napoleons Pläne, er bringt ihn auch um sein Schicksal: »Von nun an hatte er ein postumes Schicksal. […] Und nun war es einem ruhmlosen Unteroffizier durch nichts als seinen ärgerlichen Tod auf einem öden Felsen am anderen Ende der Welt gelungen, ihm den großartigsten und am wenigsten erwarteten Rivalen in den Weg zu stellen, den man sich vorstellen konnte: ihn selbst! Schlimmer noch, Napoleon würde in Zukunft seinen Weg nicht nur gegen Napoleon bahnen müssen, sondern gegen einen überlebensgroßen Napoleon — gegen die Erinnerung an Napoleon!«20 Das war unmöglich, und Napoleon musste sich eines Besseren belehren lassen, als ihn eines Abends ein Mann, der ihn — als Einziger — erkannt hatte, zu einem Haus mit verriegelten Türen führte, wo er allen möglichen, mehr oder weniger ähnlichen Napoleons gegenüberstand, die befremdliche Reden hielten und sich merkwürdig verhielten. Er war nicht mehr Napoleon; er existierte fortan außerhalb seiner selbst.
Napoleon ist ein Mythos, eine Legende, besser gesagt, eine Epoche, die er so vollständig mit seinem Namen ausgefüllt hat, dass seine Zeit und er kaum voneinander getrennt werden können.21 Historiker haben daraus den Schluss gezogen, die Grenze zwischen Geschichte und Legende sei in seinem Fall so durchlässig, dass es unmöglich sei, eine Biographie Napoleons zu schreiben. Der Kaiser? Ein Gefäß, eine leere Form, eine Metapher für die Fragen oder Vorstellungen, denen sie nach und nach Gestalt verliehen hat.22 Die Idee von der Nichtexistenz Napoleons ist nicht neu.23 Schon in der Restaurationszeit hatte ein gewisser Jean-Baptiste Pérès, Bibliothekar in Agen, versichert, dieser Napoleon, von dem so viel geredet werde, sei eine Fiktion: »Er ist nur eine allegorische Figur; die personifizierte Sonne«, schrieb er.24 Als Beweis führte er Napoleons Namen an, den Vornamen der Mutter des Kaisers, die Zahl seiner Geschwister und die seiner Marschälle, alle Phasen seiner Geschichte … Lauter Hinweise und Zeichen, die Napoleon mit den Sonnenmythen verbänden. Aber Pérès meinte es nicht ernst, er wollte sich nur über die Anmaßung des Königs lustig machen. Hatte Ludwig XVIII. nicht 1814 seine ersten Verordnungen mit dem Datum »neunzehntes Jahr« seiner Herrschaft versehen, als wäre alles, was seit der Hinrichtung Ludwigs XVI. passiert war, nicht wirklich geschehen? Natürlich war es nicht Napoleon, der nicht existierte, sondern die angeblichen ersten neunzehn Jahre der »Herrschaft« Ludwigs XVIII.
Die Hypothese von der Nicht-Existenz Napoleons ist ein Paradox: Sie verhindert nicht, dass dieser Figur biographische Studien gewidmet werden. Für fast jede Episode dieses außergewöhnlichen Lebens gibt es so widersprüchliche Zeugnisse, dass man nicht nur an die Existenz von einem, sondern von zwei oder drei Bonapartes glauben müsste, »wenn wir bereit wären, alles zu glauben, was uns erzählt wird«, oder von keinem, »wenn wir nur glaubten, was mit Sicherheit authentisch ist«.25 Es versteht sich, dass jede Biographie Napoleons mehr oder weniger eine Geschichte seiner Herrschaft ist und umgekehrt. Dies gilt auch für die monumentalen Histoires du Consulat et de l'Empire von Thiers oder für Louis Madelin, sogar für den Napoleon von Georges Lefebvre, ein Buch, das ausdrücklich keine Biographie des Kaisers sein sollte.26 Unterscheidet sich der biographische Zugang nicht in vielen Fällen nur durch die den Lehrjahren Napoleons gewidmeten Kapitel? Die — verhältnismäßig — geringe Zahl von Biographien zeugt von Schwierigkeiten, die allerdings, das sollte man nicht vergessen, nicht spezifisch für Napoleon sind: Ist die Biographie eines Königs nicht zwangsläufig die Geschichte seines Reichs, zumindest in der Zeit seiner Herrschaft?27 Gewiss sind keiner anderen geschichtlichen Persönlichkeit so viele Biographien gewidmet worden wie Napoleon; aber verglichen mit den Werken über die Epoche ist ihre Zahl nicht hoch, so als wären viele Historiker vor den Fallstricken eines solchen Unternehmens zurückgeschreckt oder hätten sich letztlich nicht zwischen Napoleon und seiner Zeit entscheiden können.28 Heute sind sie noch seltener geworden, vor allem auf Französisch.29 Nicht weil die vorangehenden das Thema erschöpft hätten. Da jede Biographie zugleich Rekonstruktion und Interpretation ist, ist sie keine Gattung, die Wissen akkumuliert. Keine Biographie kann »endgültig« sein oder auf einen Schlag alle vergangene und künftige Arbeit zunichtemachen; was die Wahrheit eines Menschen angeht, ist nie das letzte Wort gesprochen. Die Biographien Napoleons sind seit einigen Jahrzehnten selten geworden, weil sowohl die Gattung als in diesem Fall auch das Sujet lange einen ziemlich schlechten Ruf hatten.
Man hat der Biographie vorgeworfen, allzu sehr mit der Literatur zu liebäugeln, der Phantasie zu viel Raum zu lassen, auf einer »Illusion« zu beruhen — dem Leben als Schicksal, als kontinuierlichem, zusammenhängendem und durchschaubarem Ganzem — und sich auf eine überholte Auffassung von Geschichte zu stützen, die die Wirkungskraft des menschlichen Willens und die Souveränität der Individuen überschätzt. Über diese »unreine Gattung«30 ist so viel geschrieben worden, dass es kaum lohnt, sich länger damit aufzuhalten. Die Ereignisse des tragischen 20. Jahrhunderts haben ohnehin die Illusionen zerstört, die es geprägt hatten. Sowohl die, dass die Geschichte zwingenden Gesetzen gehorche, als auch die, sie sei ausschließlich von gesellschaftlichen Kräften bestimmt. Eine eigenartige Epoche, bemerkt François Furet, in der »der historische Materialismus […] seinen größten Einfluss« in eben dem Moment »erreicht, da er am wenigsten zu erklären vermochte«. Denn »unter allen Erklärungsmodellen für die neuen Diktaturen des 20. Jahrhunderts ist das marxistische […] am wenigsten geeignet. Das Geheimnis dieser Regime kann nicht mit der Abhängigkeit von gesellschaftlichen Interessen erhellt werden [des Proletariats im Fall des Kommunismus, des Großkapitals im Fall des Nationalsozialismus], da es genau auf dem Gegenteil beruht, nämlich auf ihrer unglaublichen Unabhängigkeit von diesen Interessen, mag es sich nun um die der Bourgeoisie oder des Proletariats handeln.«31 In diesem Kontext, in dem der Einfluss von Interessen auf das Verhalten der Individuen überschätzt und die Wirkungskraft des individuellen Willens unterschätzt wurde, hat man der Sozialgeschichte größeres Erklärungsvermögen beigemessen als der Biographie, die als Erholung oder mehr oder weniger literarische Übung galt, in der rudimentär eine Art der Geschichtsschreibung überlebte, die bereits der Vergangenheit angehörte. Abgesehen vom Einfluss des Marxismus, liberaler Lehren oder der Vorliebe für kollektive Prozesse und langsame, unspektakuläre Veränderungen zeugt der Verlust der Würde der Biographie, der einige Jahrzehnte lang so spürbar war, auch von einer zunehmenden Neigung zur Demokratie. Schon Tocqueville wies darauf hin, dass diese, als sie auf die Herrschaft der Aristokratie folgte, die Geschichtsschreibung verändert hat. Das Verhältnis der einzelnen zu den allgemeinen Ursachen von Ereignissen habe sich umgekehrt: »Die Geschichtsschreiber, die in aristokratischen Zeitaltern arbeiten, machen gewöhnlich alle Geschehnisse vom persönlichen Willen und von der Laune großer Menschen abhängig«; in demokratischen Zeitaltern hingegen neigten sie umgekehrt dazu, selbst »alle kleinen privaten Geschehnisse« von »großen, allgemeinen Ursachen« abzuleiten. Die einen glaubten an die Individuen, die anderen an kollektive Kräfte, die einen an die »besondere Wirkung der Einzelmenschen«, die anderen an historische Notwendigkeit.32 Da die Biographie per definitionem keine Lehre der historischen Notwendigkeit sein kann, musste sie weichen, damit die Geschichtsschreibung sich von einer moralischen Untersuchung der Intentionen ihrer Akteure in eine Wissenschaft von den Ergebnissen ihres Wirkens wandeln konnte und zuweilen sogar zu einem »Bericht ohne Subjekt« wurde.33
Zwar ist die Biographie inzwischen wieder zu Rang und Namen gekommen, doch gilt dies keineswegs für Napoleon. Der Grund hierfür ist leicht zu erraten. Wenn die Geschichtsschreibung ihre vollendetste Form in der »Tilgung der großen historischen Persönlichkeiten«34 findet, wie Michelet sagte, dann zielte dies zuallererst auf Napoleon. Schließlich ist er die Verkörperung der Geschichte, wie die Aristokratie sie sah, für die die Hauptakteure im Vordergrund stehen und die Ereignisse zu bestimmen scheinen, auch wenn sie deren Konsequenzen nicht immer beherrschen. Ob Sieger oder Besiegte, ob allmächtige Helden oder Opfer »Fortunas«, zeugen sie stets von der Macht des Individuums. Der hagiographische Charakter einer ganzen Reihe von Büchern über Napoleon ist nur ein Vorwand. Letzten Endes hat Napoleon keinen Grund zu klagen; die Reihe seiner Historiographen übertrifft bei weitem die vieler anderer. Haben sich nicht Stendhal, Chateaubriand, Taine und sogar Nietzsche35 über seine Wiege gebeugt, wenn man so sagen darf? Nein, der wahre Grund ist, dass er eine suspekt gewordene Geschichte verkörpert. Nicht, dass man nicht versucht hätte, ihn zu ignorieren oder ihn zumindest weniger gegenwärtig, weniger sichtbar zu machen. So ging man nach und nach von einer Untersuchung des Kaisers zu der des Kaiserreichs über. Allerdings hat diese Richtung, die 1977 mit Napoléon von Jean Tulard einsetzte, ja früher schon viele wichtige Resultate erbracht. Man denke nur an die Forschungen von Louis Bergeron und Guy Chaussinand-Nogaret über die »Granitmassen« der Kaiserzeit36. Man begann, sich für Napoleons Mitarbeiter, seine Minister und Offiziere, seine Verbündeten und Feinde zu interessieren, und die Bedeutung dessen, was man an seinem Werk vernachlässigt hatte, neu zu bewerten, nicht mehr nur das zu betrachten, was zu seinem Ruhm beitrug, sondern auch, was seinen Glanz trüben konnte.37 Ob sie sich mit Politik, Verwaltung, Militär, Diplomatie, Geistes-, Rechts- oder Kulturgeschichte beschäftigen — es ist unmöglich, auch nur eine summarische Liste der Werke zu erstellen, die seither unser Wissen über die napleonische Epoche bereichert haben. Die Umgebung Napoleons, seine Mitarbeiter und Offiziere sind aus dem Schatten getreten; wir wissen mehr über die Institutionen und ihre Verfahren; die französische Gesellschaft ist wieder ins Licht gerückt, und die Historiker haben seit etwa dreißig Jahren zahlreiche »neue Wege«38 erforscht. Der Irrtum, sofern es einer war, bestand vielleicht darin, zu stark gegen eine vor allem biographische Tradition angehen zu wollen, die »einen schlechten Ruf« hatte und an einer ausgeprägten Neigung zur Hagiographie litt, und die neue Forschungsrichtung auf die Verdrängung der Gestalt des Kaisers zu gründen: Schluss zu machen mit der »Geschichte Napoleons« und endlich »die aller Menschen seiner Zeit« zu schreiben.39 Eine schwierige, vielleicht unmögliche Aufgabe. Wie in dem bezaubernden Film La Sentinelle endormie von Noël-Noël, den ich als Kind gesehen habe, ist der Kaiser überall präsent, selbst wenn man ihn nicht sieht.
Aurélien Lignereux schreibt:
Eine Geschichte der napoleonischen Zeit zu schreiben und dabei die Konzentration auf Napoleon zu vermeiden, wäre so, als würde man das literarische Experiment eines Georges Perec wiederholen — einen ganzen Roman ohne den Buchstaben e vorzulegen: dieses Verschwinden hätte das Verdienst, die Geschichtsschreibung zu entpersönlichen, ganz auf die dramatis personae zu verzichten, aber eine solche wirklich neue Geschichte, die mit allen Konventionen der klassischen Handlungstheorie bricht, wäre vermutlich vollkommen unverständlich.40
Ralph Waldo Emerson war wohl der Erste, der auf die Idee einer Geschichte der napoleonischen Zeit ohne Napoleon kam. Dieser, versichert er, sei nur dank den Tugenden und Lastern seiner Zeit groß gewesen. Er sei der Inbegriff eines Demokraten, der wahre Repräsentant des 19. Jahrhunderts. Wie das Bürgertum seiner Zeit habe er skrupellos und mit allen Mitteln nach Macht und Reichtum gestrebt, sei ein Realist und Materialist gewesen, der »alle Gefühle, die einem Menschen bei der Verfolgung dieser Ziele hinderlich werden können, […] beiseiteschob«, ein scharfsinniger und ungeheuer fleißiger »rechnender Arbeiter«,41 und zugleich ein Feind aller höheren Ideen und Gefühle, von niederer Gesinnung, vulgärem Geschmack und »gemeinen Manieren«.42 Napoleon? Ein Bourgeois, Zeuge einer mittelmäßigen Epoche, das Gegenteil eines Helden, Repräsentant der »gemeinen Leute« und daher ihr Idol.
Emerson? Ein Anti-Stendhalianer und Anti-Nietzscheaner, ein Napoleon wie »ein letzter Fingerzeig zum anderen Weg« — gegen Demokratie und Fortschritt gerichtet — erschien, »jener einzelnste und spätestgeborene Mensch, den es jemals gab, und in ihm das fleischgewordene Problem des vornehmen Ideals an sich«.43 Für Nietzsche also ein verspäteter Held, für Emerson der erste Mensch der Moderne. Zeugt er von einer sterbenden Welt? Oder von einer Welt, die im Entstehen begriffen ist? Sicher von beidem, denn Emerson selbst kommt nur mit Mühe mit den persönlichen Vorzügen zurecht, die, wie er einräumen muss, zwar die des durchschnittlichen Bürgers waren, die Napoleon aber in »überragendem Maße« besessen habe. Es ist nicht leicht, Napoleon unter Niveau zu beurteilen oder mit seiner Epoche zu verschmelzen und sich nicht um das zu kümmern, was an seiner Geschichte so unerhört ist. So sucht man vergeblich nach Vergleichbarem. Alexander? Vielleicht, aber der war Sohn eines Königs. Caesar? Der Sprössling einer Patrizierfamilie, und beide standen von vornherein im Zentrum der Welt, die sie erobern sollten. Ganz anders Napoleon, der von geringer Herkunft war, aus der Peripherie des Reiches stammte und dennoch dazu berufen war, sich nicht nur an dessen Spitze zu setzen, sondern auch eine Persönlichkeit zu werden, die weit mehr war als das, was sie schuf. Sein Werk allein erfasst ihn nicht. Die Frage ist, welche Beziehung zwischen Napoleons Politik, der Beendigung der Revolution durch die Institutionalisierung von deren Prinzipien und seiner Persönlichkeit besteht, die jenseits aller Normen liegt und im Grunde in keinem Verhältnis zu seiner Zeit stand. So fragt Whately:
»Wo ist […] die besondere Gelegenheit, wo der hinreichende Grund dafür, dass im 18. und 19. Jahrhundert eine Reihe beispielloser Ereignisse geschah? War Europa damals besonders schwach und in einem solchen Zustand der Barbarei, dass ein einzelner Mann so viele Eroberungen machen und ein so großes Reich schaffen konnte? Ganz im Gegenteil, es blühte, es war auf dem Höhepunkt seiner Stärke und Zivilisation. […] Wie wir es auch drehen und wenden, um die Umstände herauszufinden, die uns die Ereignisse dieser unglaublichen Geschichte erklären helfen, wir finden nichts, was ihre Unwahrscheinlichkeit nicht noch verstärkt.«44
Das Werk gehört zur Geschichte Frankreichs, auch wenn es in ganz Europa widerhallte, und sein Urheber etwas Universelles hat. Das ist übrigens einer der Gründe, warum Napoleon in keinem seiner Porträts ganz enthalten ist. Hier liegt die Grenze jedes biographischen Versuchs. »Man hat von Napoleon tausend psychologische, geistige und moralische Porträts entworfen, die zu ebenso vielen Urteilen über ihn führten«, sagt Bainville. »Aber irgendwie entwischt er immer um Haaresbreite den Druckseiten, in die man ihn einzuschließen versucht.«45 Das ist auch das Geheimnis der Faszination, die er immer noch ausübt, während die Welt, deren Geburtshelfer er war, sich schnell von uns entfernt und die gewandelte Mentalität sogar seinen Ruhm verdunkelt hat. Der Mythos ist geschrumpft: die großen militärischen Siege Napoleons sind nicht mehr so faszinierend wie zur Zeit Tolstois. Der Mythos erschöpft sich in dem Maß, wie die Leidenschaften, die ihn nährten, verlöschen: Ruhm, Heldentum und Krieg, wobei Letzterer lange als Erziehung zur Tugend betrachtet wurde. Der ganze Kriegszauber ist mit den Hekatomben des 20. Jahrhunderts gestorben. Etwas indessen spricht die moderne Phantasie noch immer an: der Glaube, den schon der junge Bonaparte besaß und den wir teilen oder zumindest gern teilen würden, dass nämlich unser Schicksal unserem Willen nicht widersteht. Bonaparte ist in gewisser Weise jedermanns Traum, und wahrscheinlich waren deshalb die Irrenhäuser voll von Verrückten, die sich für Napoleon hielten: den Mann ohne Ahnen und ohne Namen, der sich selbst allein durch Willen, Arbeit und Talent erschaffen hat. Er ist der Mann, der aus seinem Leben ein Schicksal gemacht, sogar dessen Ende gewählt hat, indem er 1815 aus Elba zurückkehrte, ohne dass irgendetwas diese Rückkehr gerechtfertigt hätte, um seiner Geschichte ein ihm gemäßes Ende zu setzen. Er ist der Mann, der sich zu unglaublichen Höhen aufgeschwungen und durch sein Genie alle bekannten Grenzen gesprengt hat. Kein Vorbild, sondern ein Traum. Darin, und das ist das Geheimnis der Faszination, die er noch immer ausübt, ist Napoleon eine Verkörperung des modernen Individuums. Dies ist das Thema dieses Buchs.
Die Napoleon-Geschichtsschreibung ist ein Schlachtfeld, das oft umgepflügt worden ist. Immer steht man in der Nachfolge von irgendjemandem. Die Frage ist nur, inwieweit man den großen Deutungssystemen folgt, die im 19. Jahrhundert entstanden sind und die ich kurz vorstellen will.
Hippolyte Taine war der entschiedenste Vertreter der Interpretation von Napoleons Geschichte als Abenteuer.46 Taine ordnet seine Interpretation um die Figur des Heros, dessen Wille jede Art von Notwendigkeit dominiert, bis er mit der Gesamtgeschichte der Epoche verschmilzt: Sie ist die Geschichte eines Individuums, beinahe die äußere Manifestation seines Charakters. Die Geschichte geht ganz in Psychologie auf. Taine sah in der napoleonischen Epoche ein Zwischenspiel im Lauf der Geschichte, einen bedeutungslosen Anachronismus ohne Ursprung und Nachwelt. Napoleon erschien ihm als Reinkarnation der Condottieri, als Räuber, der sich auf ein von zehn Jahren Revolution erschöpftes Frankreich stürzte und seine Beute ausweidete, um seinen Ehrgeiz zu befriedigen, sein Streben nach der »universellen Monarchie«. Die Geschichte der Zeit Napoleons ist für Taine nichts anderes als die Geschichte des maßlosen Egos Napoleons und seiner äußeren Entfaltung. Diese Interpretation enthält ein Stück Wahrheit, denn sie ist der Versuch, sich diese im Verhältnis zur postrevolutionären französischen Gesellschaft völlig ungewöhnliche, alle Grenzen sprengende Persönlichkeit vorzustellen. Taine leugnet übrigens nicht, dass es ein Erbe gibt: Napoleon hat Frankreich eine Verwaltung, eine Währung und Institutionen gegeben, die sein Gesicht für mehr als ein Jahrhundert prägten. Doch dieser nützliche, positive, zur Notwendigkeit gehörende Teil ist Taine zufolge gerade das, was am wenigsten von seiner Persönlichkeit geprägt ist. Was Napoleon an Nützlichem getan habe, hätten auch andere realisiert, nicht so schnell, nicht so gut, in vielleicht liberalerem Geist, aber es sei ihnen gelungen. Die Notwendigkeit in der Geschichte Napoleons folge der grundlegenden Entwicklung der französischen Geschichte, die zumindest seit Ludwig XIV. von Zentralisierung und Beschneidung der lokalen Freiheiten und der Macht der Corps intermédiaires zugunsten des Zentralstaates geprägt gewesen sei.
Was Napoleon heraushebt, was seine (in Taines Augen katastrophale) Größe ausmacht, ist nicht, dass er die absolute Monarchie und die Jakobiner ablöst, sondern dass er durch Kriege und Eroberungen einen Traum von der Beherrschung der Welt verfolgt, der weder mit der französischen Geschichte noch mit dem Geist einer modernen Gesellschaft in Einklang steht, sondern nur sein ganz persönlicher Traum ist.
Auf der Gegenseite ist von 1799 bis 1814 alles ein Werk der Notwendigkeit. Die Geschichte Napoleons ist ein Schicksalsdrama, die Tragödie des Willens im Kampf mit dem Schicksal. Während Taine einen Napoleon zeichnet, dessen Wille über die Dinge triumphiert, beschreibt Jacques Bainville später einen Napoleon, der einer unerschütterlichen Logik zum Opfer fällt, zugleich Erbe und Gefangener der Revolution und dazu verdammt ist, sich in einem Kreis zu drehen, aus dem er nicht ausbrechen konnte, das heißt, Europa zu zwingen, die französischen Annexionen anzuerkennen und einen, wie es hieß, »ruhmreichen Frieden« zu unterzeichnen, ohne die materiellen Mittel dazu zu haben. Wie sollte er ohne Marine England zwingen, einen den Interessen Frankreichs entsprechenden Frieden zu unterzeichnen? Dieses Problem suchte Napoleon vergeblich zu lösen. Er stellte sich sogar vor, die Eroberung der Herrschaft zu Lande könne durch die Kontinentalsperre die unmögliche Eroberung der Herrschaft zur See wettmachen, die ungeteilt England gehörte.Trotz der schier unglaublichen Heldentaten liegt in dieser Geschichte viel Monotonie: Kein noch so strahlender Sieg brachte ihn der Lösung des Problems auch nur einen Schritt näher. Am Ende schiebt man alles auf den am wenigsten freien aller zeitgenössischen Akteure. »Dieser absolute Herrscher wurde selbst von den Umständen beherrscht«, schrieb schon Mathieu Dumas in seinen Memoiren. »Es ist also nicht richtig, nicht gerecht, die gigantischen Expeditionen, die er tollkühn unternahm und die man vielleicht allzu streng tadelte, einzig einem blinden, wahnwitzigen Ehrgeiz zuzuschreiben. Dieses vielseitige, tiefgründige, nachdenkliche Genie, dieser tatkräftige Gesetzgeber und weitblickende Verwalter konnte sich gewiss nicht von einem Rausch der Phantasie hinreißen lassen.«47
Die liberale Interpretation setzt sich aus diesen beiden extremen Thesen zusammen: Sie verbindet Abenteuer und Notwendigkeit, aber in Wahrheit steht sie Taine näher als Bainville, denn für sie ist das innenpolitische Werk von der Notwendigkeit geprägt, der Krieg hingegen vom Geist des Abenteuers. Für die Liberalen konnte niemand die Verdienste und die Fehler Napoleons besser illustrieren als George Washington. Chateaubriand, der diesen Interpretationstypus gemeinsam mit Madame de Staël begründete, verglich Bonaparte zweimal auf sehr unterschiedliche Weise mit George Washington. Zum ersten Mal 1822, kurz nach dem Tod des Kaisers, in seiner Reise in Amerika,48 zum zweiten Mal in den Erinnerungen. Das erste Porträt ist eine Anklage gegen den skrupellosen Abenteurer, der Frankreich seinen Ambitionen geopfert habe, in der zweiten wird eine Deutung entwickelt, die schon Benjamin Constant in De l'esprit de la conquête et de l'usurpation vertrat: Zwar sei Napoleon als Abenteurer geendet, doch zuvor sei er ein Mann der Notwendigkeit, kurz, ein französischer Washington und zudem ein Genie gewesen. Zwischen 1800 und 1804 habe er wie Washington gewollt, was er in Übereinstimmung mit den Interessen und Bedürfnissen seiner Zeit habe wollen müssen. Von den Franzosen beauftragt, wegen der Zustimmung zum 18. Brumaire sogar von ihnen »erwählt«, habe er »eine ordentliche und mächtige Regierung geschaffen […], einen in vielen Ländern angenommenen Gesetzeskodex, Gerichtshöfe, Schulen, eine starke, aktive und intelligente Verwaltung«; überdies habe er »im Schoße des Chaos die Ordnung wiedererstehen« lassen und »die wütenden Demagogen in Schranken« gewiesen.49 Bonaparte war, wie Chateaubriand anerkennt, groß durch sein Werk, das ihn überleben sollte, und mehr noch durch seine persönlichen Vorzüge, dank denen er erreicht habe, was keiner vor ihm habe erreichen können. In seinem Genie habe er die Unterstützung gefunden, die er weder in Gesetzen noch in Traditionen habe finden können. Dank diesem Genie sei er ein Mann der Notwendigkeit geworden, habe sich aber auch schnell von jeglicher Abhängigkeit von den Interessen seiner Zeit befreit und seine Epoche in den Dienst seiner Wünsche gestellt, nachdem er sich selbst in den Dienst der Interessen seiner Epoche gestellt habe. Deshalb habe er ihr auch keine Gewalt antun müssen. Bonaparte sei die halb freiwillige, halb erzwungene Zustimmung der Franzosen zur Knechtschaft zu Hilfe gekommen. Um die Revolution zu beenden oder zumindest ihren Lauf aufzuhalten, sagte Madame de Staël, habe sich einer an die Stelle aller setzen müssen.50 Weder Chateaubriand noch Madame de Staël tappten in die Falle, in der sich so viele Liberale verfingen, angefangen mit Constant, die die Ergebnisse billigten und sich deshalb wünschten, sie wären mit Mitteln erreicht worden, die sie selbst unterschreiben konnten. Nein, entgegnet Chateaubriand, das Konsulat war nicht nur eine Epoche der Konsolidierung und des Aufbaus — eines modernen Staats —, sondern auch eine Epoche, in der die Gesellschaft zu »einem passiven Gehorsam« gezwungen, »die Menschheit in die Zeiten moralischer Entartung zurückgestoßen« und »die Charaktere […] verdorben« worden seien, was dem Abenteurer den Weg geebnet habe.51 Von da an bricht Napoleon in Bonaparte durch. Doch das napoleonische Epos ist nicht, wie Taine glaubte, nur die Manifestation des napoleonischen Ego. Die abenteuerliche Seite in Napoleons Karriere kam nicht von ungefähr. Auch wenn er völlig unabhängig von den Interessen der französischen Gesellschaft handelte, blieb er doch deren Repräsentant, jetzt aber der französischen Passionen, und zwar jener kollektiven Passion, in der die Liberalen des 19. Jahrhunderts einen nationalen Fluch sahen: in der Gleichgültigkeit gegenüber der Freiheit, der Zustimmung zum Despotismus, vorausgesetzt, die Gleichheit wurde gehätschelt und das Opfer der Freiheit mit Größe bezahlt.
Weder meine Entscheidung für eine Publikation in zwei Bänden noch die Festlegung der Zäsur auf 1802, als das Konsulat auf Lebenszeit proklamiert wurde,52 bedeutet, dass ich mich der liberalen Interpretation anschließe.
Im Gegensatz zu einer häufig im Hinblick auf Stendhals Vie de Napoléon geäußerten Idee kann der Biograph dem Schritt des Kaisers nicht folgen, das heißt sich in dessen Tempo vorwärtsbewegen. Die Biographie ist eine andere Gattung als das Porträt, das einen raschen Blick, eine sichere Hand, die Fähigkeit, zwischen Wesentlichem und Nebensächlichem zu unterscheiden, verlangt, um auf ein paar Seiten die Wahrheit einer Person festzuhalten. Die Biographie erfordert intensive präzise Arbeit, denn jedes Leben, selbst das Napoleons, für den Leben Handeln bedeutete, hat graue Phasen und Einförmigkeiten. Bei »aller strategischen Kritik«, sagte Clausewitz, sei es »immer die Hauptsache, sich genau auf den Standpunkt des Handelnden zu setzen«.53 Wie kann man »sich in die Verhältnisse hineindenken«, ohne sich in Details zu verlieren oder auf Umwege zu geraten? Wenn Napoleon in vielerlei Hinsicht als die Verkörperung des »großen Mannes« gelten kann, einer Figur, die in der politischen Geschichte des Abendlandes eine so zentrale Rolle gespielt hat, muss man zu verstehen suchen, was in seiner Persönlichkeit ihn dazu prädestinierte; die außergewöhnlichen Umstände beschreiben, die es ihm möglich machten; den Grad an Zustimmung der öffentlichen Meinung ermessen, ohne die er es nicht gekonnt hätte; die Eigenschaften bestimmen — rasche Erfassung der Lage, Klarsicht, Kühnheit —, dank denen er Bedingungen für sich nutzen konnte, die ihm keineswegs den Erfolg garantierten; schließlich den »einen einzigen Augenblick« herausfinden, auf den sich, wie Borges sagt, jedes »Schicksal, wie weitläufig und verschlungen es auch sein mag«, reduzieren lässt: »Den Augenblick, in dem der Mensch für immer weiß, wer er ist.«54
Ich habe 2004 mit der Arbeit an dieser Biographie begonnen. François Furet hatte mich aufgefordert, über Napoleon zu schreiben, und zu einer Untersuchung der Episode der Hundert Tage geraten, in der viele am Ende der Revolution noch offene Fragen wieder in den Vordergrund traten. Daher habe ich mit meinen Forschungen zu Napoleon am Ende angefangen, übrigens ohne das Projekt zu Ende zu bringen. Vielleicht hätte ich nicht weitergemacht, wenn Georges Liébert mir nicht etwas später vorgeschlagen hätte, eine Biographie Napoleons zu schreiben. Ohne ihn hätte dieser Bonaparte nie das Licht der Welt erblickt. Es ist mir eine Freude, seinen Namen und den von François Furet an den Anfang dieses Werks zu stellen, das ihnen so viel verdankt.
Erster Teil
Kapitel 1
Die Herkunft von Napoleons Familie war lange umstritten. Heute wissen wir, dass seine Vorfahren aus Sarzana stammten.1 In dieser zwischen der Toskana und Ligurien gelegenen Stadt gehörten sie seit dem 13. Jahrhundert zu den einflussreichen Familien und stellten Notare, Statthalter und Botschafter. War das Leben dort nach der Annexion Sarzanas durch die Republik Genua schwieriger geworden? Jedenfalls beschloss damals ein Buonaparte, sich in Korsika niederzulassen. Die Republik Genua hatte nicht die Absicht, die Insel zu kolonisieren, brauchte jedoch Offiziere und Verwaltungsbeamte vor Ort, und so gewährte sie ihren Untertanen Privilegien, wenn sie bereit waren, sich dort anzusiedeln. Um 1483 begab sich ein Giovanni Buonaparte nach Korsika, und sein Sohn Francesco, genannt »il Mauro di Sarzana«, ließ sich 1529 endgültig dort nieder.
Das Jahr der Ankunft der Buonapartes auf Korsika war nicht weniger umstritten als ihre Herkunft. Schon Taine schlug das Jahr 1529 vor, das heute gesichert ist. Für ihn erklärte sich so Napoleons Fremdheit in seiner Zeit, denn dieses Jahr war dem Zeitpunkt (1530) sehr nah, zu dem die mittelalterlichen italienischen Republiken ihre Unabhängigkeit verloren und »Privatkriege, politisches Abenteurertum und geglückte Ursurpationen« endeten:
Also gerade zu der Zeit, in welcher die Energie, der Ehrgeiz, die freie Kraft des Mittelalters in dem dahinsiechenden Mutterstamm abzunehmen begannen, löste sich ein kleiner Zweig von diesem Stamme los und fasste Wurzel auf einer Insel, die nicht weniger italienisch, aber fast noch barbarisch war, die Einrichtungen, Sitten und Leidenschaften des ersten Mittelalters bewahrt hatte und in einer gesellschaftlichen Atmosphäre lebte, die roh genug war, um die alte Urwüchsigkeit und Kraftfülle aufrechtzuerhalten.2
Da die Buonapartes zu der Zeit, als die Halbinsel in einen langen Schlaf verfiel, nach Korsika, das ländliche, noch ungezähmte Italien, ausgewandert waren, erschien Napoleon Taine als »großer Überlebender des 15. Jahrhunderts«. Der Geist der Renaissance habe durch Generationen von Buonapartes und Ramolinos — Napoleons Vorfahren mütterlicherseits3 — bis ins Zeitalter der Aufklärung überlebt und sei in Napoleon wiedergeboren worden. Doch eigentlich verließen die Buonapartes Sarzana nicht zugunsten einer wilden, von der italienischen Zivilisation unberührten Insel. Das Korsika, in dem sie sich niederließen, war nicht das Land der Berge und der Vendetta, sondern das der Städte, die von den Besatzungsmächten, erst Pisa und dann Genua, gegründet worden waren. Diese sogenannten Hoheitsplätze waren kleine italienische Enklaven entlang der Küsten. Hier war Italien, ein koloniales Italien, in dem die Nachkommen der ersten Einwanderer stolz auf ihre Herkunft waren und nicht mit den Eingeborenen verwechselt werden wollten. Muss man daraus schließen, dass es in Korsika zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen nebeneinander gab, eine italienische und eine korsische, die sehr ungleich auf die Küstenstädte und die Bergdörfer verteilt waren? Dieser Unterschied ist sicher kein Mythos, doch bei einer Insel mit so verschiedenen Gegebenheiten muss man differenzieren. Er gilt vermutlich für Bonifacio, eine Stadt, die lange für gebürtige Korsen verboten war, trifft jedoch weniger auf eine genuesische Kolonie wie Ajaccio zu, deren ursprünglich rein ligurische Einwohner sich schnell mit den Korsen aus dem Binnenland mischten.
Das Korsika der Hoheitsplätze, Ajaccio etwa, war kein Gegen-Korsika, sondern ein anderes Korsika: Es unterschied sich zwar von den Gemeinden im Innern der Insel, war aber keinesfalls eine ligurische Bastion. Wenn es einen Gegensatz gab, bestand er nicht zwischen Italienern und Eingeborenen, sondern zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Die Nachkommen der italienischen Siedler — von den gebürtigen Korsen als »Fremde« betrachtet, da sie nichts an die Dörfer band, die selbst für diejenigen die »Heimat« blieben, die sie verlassen und sich in der Stadt niedergelassen hatten — waren stolz, ja eifersüchtig bedacht auf ihre Herkunft vom Kontinent. Sie legten Wert auf Ruhm und Adel, doch waren sie deshalb der einheimischen Gesellschaft gegenüber nicht so fremd, wie die Korsen behaupteten und sie selbst meinten. Die Nachkommen der genuesischen Siedler waren nicht Korsikas »Pieds-noirs« im 18. Jahrhundert. Je weiter sie sich von ihrer italienischen Herkunft entfernten und sich durch Heirat immer stärker in die korsische Gesellschaft integrierten, desto wichtiger wurde ihnen jedoch ihre italienische Herkunft. So war es auch bei den Buonapartes. Aufgrund höchst zweifelhafter Titel4 behaupteten sie, mit dem genuesischen und toskanischen Adel verwandt zu sein, doch sie waren ebenso verwandt und verschwägert mit den Pietrasanta, Costa, Paraviccini und Bonelli, sämtlich Familien aus dem korsischen Binnenland. »Ich bin eher Italiener oder Toskaner als Korse«,5 sagte Napoleon später; doch er hätte wie Paul Valéry über sich sagen können, er sei eine »korsisch-italienische Mischung«6.
Von allen Genueser Kolonien war Ajaccio die schönste, darin stimmten alle Reisenden überein: »Drei fächerförmig verlaufende Straßen, von einer vierten geschnitten, ineinander verschachtelte, ganz verschiedene Häuser, die man von weitem zwischen den Kirchtürmen aufblitzen sieht, ein stiller Hafen, in dem ein paar Segel schlummern. Entlang der Küste, jenseits der Mauern, die Vorstadt […] und rundum das von Olivenhainen gekrönte Land mit Weinbergen und geometrischen Gärten.«7 In seinen Mauern lebten die kleinen Leute, Handwerker und Fischer, nicht zu vergessen ein ganzer Schwarm von Geistlichen; es wohnten auch wenige Bürger dort, die kärglich von ihren militärischen oder administrativen Ämtern im Dienst der Republik Genua lebten. In der Gesellschaft Ajaccios — Ende des 18. Jahrhunderts gab es dort etwas mehr als viertausend Einwohner — hatten die Buonapartes eine ehrenvolle Stellung, die bisweilen unterschätzt wird. Allzu oft werden die Lebensumstände der Familie nach der prekären Lage beurteilt, in die sie 1785 nach dem Tod von Charles Buonaparte geriet. Von da an musste sie sich stark einschränken, hatte jedoch vorher bessere Tage erlebt. Über ihr Vermögen ist wenig bekannt, aber man weiß, dass bei der Heirat von Charles und Letizia 1764 ihrer beider Mitgift fast vierzehntausend Livre betrug und das Paar 1775 drei Häuser in der Stadt, Ländereien, eine Mühle und einiges Vieh8 besaß. Diese brachten ihnen ein durchschnittliches Jahreseinkommen von über siebentausend Livre ein; Napoleon behauptete später, es seien eher zwölf- als siebentausend Livre gewesen.9 Ob es nun sieben- oder zwölftausend waren, ist unwichtig, wenn man weiß, dass in dieser Zeit das jährliche Einkommen eines Arbeiters nicht viel mehr als tausend Livre betrug. In einer Gesellschaft, in der die Vermögen ungleich verteilt waren, die Armen jedoch vielleicht etwas weniger arm und die Reichen sehr viel weniger reich waren als auf dem Kontinent, konnten die Buonapartes, auch wenn sie nicht zum kleinen Kreis der Großgrundbesitzer gehörten, ihre Stellung behaupten. Wo das Einkommen der Vermögendsten selten über zwanzigtausend Livre lag, war man mit siebentausend reich. Dies erschien nur im Verhältnis zu dem allgemein niedrigen Lebensstandard auf der Insel als Reichtum, wo selbst die Begüterten bescheiden lebten, ohne Luxus und Zurschaustellung. Dass bei einem Großteil des Handels nur in Sachleistungen bezahlt wurde, milderte die Ungleichheit der Vermögen.
Napoleon erinnert sich:
In meiner Familie galt das Prinzip, kein Geld auszugeben. Niemals Geld, außer für absolut unentbehrliche Dinge wie Kleidung, Möbel etc., aber nie für Essen, mit Ausnahme von Kaffee, Zucker und Reis, die nicht auf Korsika wuchsen. Alles andere lieferten die Felder. […] Am wichtigsten war, kein Geld auszugeben. Geld war sehr selten. Es war eine große Sache, mit Bargeld zu bezahlen.10
Den Grund für den früheren Wohlstand sah Napoleon in der Sparsamkeit seiner Vorfahren und einer günstigen Erbfolgeregelung, durch die alle Güter einer Familie zusammenblieben.11 Hinzu kam eine kluge Heiratspolitik. Die Buonapartes gehörten nicht nur wegen ihres Besitzes zu den Honoratioren, sondern auch wegen ihrer familiären Beziehungen auf dieser Insel, wo Macht sich weniger nach der Mitgift der Braut bemaß als nach der Zahl ihrer Verwandten, die bei Schwierigkeiten Hilfe leisten konnten. Die Cousins der Buonapartes in Bocognano, einem Bergdorf an der Straße nach Corte, dessen Einwohner in dem Ruf standen, besonders roh und diebisch zu sein, und auf Seiten Letizias die Vettern aus Bastelica waren so viel wert wie Felder und Herden. »Das waren schreckliche Leute, eine solche Verwandtschaft war eine große Macht auf der Insel.«12 Wenn man wie die Buonapartes an die dreißig Vettern vorweisen konnte, war das nicht wenig. Reichtum zeigte sich vor allem im politischen Einfluss und in der Macht, die einer Familie einen Platz an der Spitze der Gesellschaft sicherten. Die Konkurrenz war hart; bedeutende Kapitalinvestitionen waren nötig, allerdings eröffneten sich, wenn man Erfolg hatte, neue Gelegenheiten zur Geldvermehrung. Ländereien und Verwandtschaft verliehen Macht, und Macht mehrte wiederum den Reichtum. Wer den Ältestenrat der Gemeinde beherrschte, herrschte auch über deren Vermögen und nutzte es zugunsten seiner Verwandten, Freunde, Verbündeten und Klienten.
Jede Generation der Buonapartes, von Geronimo Ende des 16. Jahrhunderts bis zu Giuseppe Maria, dem 1763 verstorbenen Großvater Napoleons, hatte einen Vertreter unter den »Nobili anziani«, die die Stadt beherrschten. Bis der Vater Napoleons fast das gesamte Familienvermögen verlor, gehörten die Buonapartes durch Besitz, Ansehen und Einfluss zu den ersten Familien Ajaccios, auch wenn sie kaum über das Hinterland Ajaccios hinaus bekannt waren. So wird verständlich, warum Napoleon und seine Brüder in den ersten Jahren der Revolution nur eine untergeordnete Rolle spielten. Da das Einkommen der Familie in ein paar Jahren dahingeschmolzen war,13 verfügten sie nicht mehr über die für die Mitwirkung am politischen Leben nötigen Mittel, dank denen ihre Vorfahren seit über einem Jahrhundert eine beneidenswerte Stellung in der Gesellschaft eingenommen hatten.
Bis zur Zeit der Unabhängigkeit (1755-1769) waren die Buonapartes nicht anders als die anderen Honoratioren Ajaccios stets loyal gegenüber der Republik Genua und dem französischen König, wenn dieser zur Unterstützung seines genuesischen Verbündeten Truppen auf die Insel entsandte. Manche Historiker sprechen von Opportunismus, ja von »Kollaboration« und bezichtigen die Honoratioren der Hoheitsplätze, die ihnen von ihren Mitbürgern verliehene Autorität zugunsten der Interessen der Besatzungsmacht und ihrer eigenen missbraucht zu haben. Kein Zweifel, die gewählten Notabeln sorgten für ihre jeweiligen Clans. Es gibt jedoch keinen Grund, Mitgliedern der Führungselite Opportunismus vorzuwerfen, denn sie waren juristisch keine Bürger Korsikas, sondern Genuas und dienten ihrem Vaterland, wenn sie dem Dogen dienten. Sie blieben Genua auch bei Erfüllung ihrer Treuepflicht gegenüber dem französischen König loyal, wenn dieser auf Ersuchen der genuesischen Regierung eingriff. Man sollte die Unabhängigkeit der städtischen Institutionen von der Regierung in Genua nicht überschätzen, denn sie waren das Instrument, mit dem die Republik eine — freilich nicht allzu gründliche — Kontrolle über die Insel ausübte. Die lokalen Autoritäten verhielten sich von Standes wegen und aus Eigennutz loyal gegenüber Genua, dem sie ihre Privilegien und ihren Einfluss verdankten; ihre Ämter verpflichteten sie dazu, nicht so sehr Vertreter der Inselbevölkerung als vielmehr des Mutterlands zu sein. Der Vorwurf der Kollaboration geht von der Annahme aus, es habe eine korsische Identität gegeben. Diese war den Einwohnern der Hoheitsplätze jedoch fremd. Sie fühlten sich Korsika, dessen Söhne sie geworden waren, weniger nah als Italien, wo sie ihre Söhne erziehen ließen.
Der Vorwurf des »Verrats« beruht auf einem späteren Blick auf die Geschichte, in der Zeit nach der Eroberung durch Frankreich 1769, und ist weit entfernt von der Realität. Der junge Napoleon teilte freilich diese Sicht. In seinen Lettres sur la Corse schrieb er: »Die Geschichte Korsikas ist ein ständiger Kampf zwischen einem kleinen Volk, das frei sein will, und seinen Nachbarn, die es unterjochen wollen.«14 Dieses unvollendete Werk sei ein Heldenepos, der Mythos von einem korsischen Volk, das sich hinter seinen »Nationalhelden« versammelt und seine kollektive Identität im unermüdlichen Kampf des »irdenen gegen den eisernen Topf«15 ausgebildet habe. Gegen diese von der Aufklärung geprägte und seither von vielen anderen gehegte und gepflegte Vulgata der Geschichte Korsikas schrieb Franco Venturi, der Insel fehle eine eigene Geschichte, auf die sie sich auf der Suche nach Elementen einer gemeinsamen Identität hätte beziehen können.16 Verstehen wir uns recht: Nichts wäre so falsch wie das Bild eines von den Wirren der Geschichte unbehelligten Korsikas; im Gegenteil, es litt unter deren Wechselfällen. Von den Römern bis zu den Vandalen, von den Sarazenen bis zum Heiligen Stuhl, von den Pisanern bis zu den Aragoniern, von den Genuesen bis zu den Franzosen zog ganz Europa über die Insel hinweg. Wie hätte es auch anders sein können? Die Nähe »des übermächtigen Italiens«, nach dem Wort von Seneca,17 machte sie zur verlockenden und wegen ihrer Armut leichten Beute. Korsika konnte sich nicht selbst gehören, die Insel war aus strategischen Gründen Zankapfel der europäischen Mächte. Noch 1768, als manche vor der Eroberung dieses »Haufens nutzloser Felsen« warnten, die Frankreich zu viel kosten würde, antworteten die Befürworter der Eroberung, der Besitz der Insel werde Frankreich zur Vormachtstellung im Mittelmeerraum verhelfen.18 Aber Korsika war nicht immer Opfer des »Großen Spiels« der europäischen Staaten. Zweifellos hat es eine unglückliche Geschichte; doch die Korsen waren keineswegs stets passiv von stärkeren Mächten bedrängt. Sie waren auch Akteure, und nicht einmal die von der Aufklärung geprägte Legende konnte diesen Aspekt verbergen. Selbst Voltaire, nachdem er daran erinnert hatte, wie Korsika von den Großmächten erobert, verkauft und abgetreten worden war, musste den Schluss ziehen, dass die Korsen »durch eigene Schuld immer unterjocht waren«.19 Kämpfte Sinucello nicht im Dienst der Pisaner, denen er verpflichtet war, gegen die Genueser? Hatte Sambucuccio nicht der Republik Genua die Herrschaft über die Insel angetragen, um die Herrschaft Aragons abzuschütteln? War Vincentello d'Istria nicht dem König von Aragon lehenspflichtig? Und war Sampiero zwei Jahrhunderte nachdem Genua 1358 rechtmäßiger Besitzer Korsikas geworden war, nicht derjenige, der Frankreich auf die Insel brachte, um sie zu befreien? Sollte man diese Konstante in der Geschichte der Insel nur auf den Wunsch der Korsen zurückführen, sich in dem Bewusstsein, dass eine unabhängige Existenz für sie unmöglich war, an mächtige, berühmte Partner zu binden?20 Denkt man an die Art Partnerschaft, die zwischen dieser armen Insel und der Republik Genua zur Zeit ihres Glanzes oder dem Königreich Frankreich bestehen konnte, muss man über diese Hypothese eher lächeln. Als Matteo Buttafoco, der im Namen Paolis mit der französischen Regierung verhandelte, 1768 dem Herzog von Choiseul vorschlug, im Namen Frankreichs einen Bündnis- und Handelsvertrag zu unterzeichnen, erwiderte der Minister grob, die Korsen seien »noch nicht in der Lage, auf dieser Ebene mit Frankreich zu verhandeln«.21 Was für die Minister der Großmächte ein Ausdruck unangebrachter Anmaßung war, hatte die Korsen schon immer dazu motiviert, bei ihnen vorzusprechen. Vom Standpunkt der Eroberer aus ging es immer nur um die Unterwerfung der Insel im Tausch gegen die formelle Anerkennung einiger Rechte und Privilegien. Der Vertrag, den sie mit den Korsen schlossen, war im besten Fall ein Vertrag zwischen einem Lehnsherrn und seinem Vasallen. Auf Seiten der Korsen war die Enttäuschung dann so groß wie zuvor die Illusionen. Da sie nicht die Macht besaßen, Bedingungen zu stellen, war alles, was sie tun konnten — und darauf verzichteten sie nicht —, ein Joch abzuschütteln, indem sie es gegen ein anderes tauschten; sie konnten die Herren wechseln, aber nicht ohne Herren leben. Das halbe Jahrhundert der korsischen »Revolutionen«, das 1729 mit dem Bauernaufstand begann und 1769 mit der französischen Eroberung endete, war keine Ausnahme. Paoli glaubte so wenig wie seine Vorgänger an eine unabhängige Zukunft Korsikas, und als er dessen Souveränität proklamierte, zögerte er lange zwischen der »Protektion« Frankreichs und Englands.
Zudem waren es nie »die Korsen« oder »Korsika«, die diese oder jene Macht zu Hilfe riefen. Ein solcher Schritt hätte die Existenz eines Volks vorausgesetzt, das sich der Gemeinsamkeit seiner Interessen bewusst gewesen wäre. Doch die Insel war seit jeher in Anhänger verschiedener Mächte gespalten, und das ist der Hauptgrund für das Fehlen einer eigenen Geschichte, von dem Franco Venturi spricht. Die Geschichte Korsikas ist nicht korsisch, sie ist die Geschichte des Wettstreits europäischer Staaten, ausgetragen von aufrührerischen Gruppen vor Ort. Es gab keine »korsische«, keine »nationale« Partei, nicht einmal zur Zeit Paolis, sondern eine genuesische, eine französische, eine römische, eine spanische, eine venezianische, eine englische und sogar eine, die dem Malteserorden ergeben war. Die korsische Geschichte ist italienisch, französisch, spanisch oder englisch, aber nicht korsisch. Wenn die Korsen in die Vergangenheit zurückblickten, konnten sie in dieser Folge von Invasionen und Aufständen, Verschwörungen und Verrätereien keinerlei Einheit finden und sich auch keine stimmige Vorstellung davon machen.
Man könnte sich über den jahrhundertelangen Fortbestand dieser Spaltungen wundern und vielleicht noch mehr darüber, dass sich die Korsen nie ihrer selbst bewusst wurden. Immerhin war die fremde Besatzung — vor allem die genuesische — relativ milde. Wenn Korsika keine eigene Geschichte hatte, obwohl die Genueser Herren die Zügel schleifen ließen, so weil es nicht existierte. Von Korsika hätte man sagen können, was Metternich über Italien im 18. Jahrhundert sagte, das durch seine politische Zerstückelung zur Ohnmacht verdammt war: Es sei nur ein »geographischer Begriff«.22 Weiter nichts.
Die meisten Historiker führen als Grund für diese Situation tiefe Zerrissenheit und »stürmische Anarchie«23 an. Doch die Beendigung dieser Zerrissenheit hing nicht von etwas mehr Weisheit oder Sinn für das gemeinsame Interesse ab; sie war in die Geographie der Insel eingeschrieben, diese »von mehr oder weniger tiefen Tälern durchfurchte Ansammlung von Bergen«,24 wo die einzelnen Gemeinden autark in einer fast menschenleeren Umgebung lebten, einander umso fremder, als es keine oder nur sehr wenige Kommunikationswege gab. Hier war die fremde Herrschaft fern, ihre Gesetze waren unbekannt, zumindest kümmerte man sich nicht darum. Korsika hatte Herren, aber es lebte abseits unter einem zwingenden, uralten, beständigen Gesetz: dem des Blutes, das nicht nur denen Aufgaben und Pflichten auferlegte, die unter demselben Dach lebten, sondern auch allen — der »Verwandtschaft« —, die sich als Nachkommen eines selben Urahnen verstanden. Hier gab es keinen Begriff vom Individuum. Napoleon, Joseph und Lucien waren in den Augen Paolis das undifferenzierte Ganze der »Söhne von Charles«, standen in einer Ahnenreihe, deren Verdienste und Fehler sie übernahmen. In dieser Gesellschaft, in der nichts vergessen wurde, wo der Fehler eines Einzelnen auf seine Verwandten, Verbündeten, Klienten und Nachfahren zurückfiel, war kein Platz für irgendeine Art von Autonomie. In einer ausweglos geschlossenen Welt, in der der Hass, die Freundschaften und Leidenschaften des einen diejenigen aller waren, wo die Endogamie die Blutsbande noch verstärkte, wo selbst die Ahnen weiterlebten, war es unmöglich, man selbst zu sein. Die Solidarität galt nicht nur unter den Lebenden, sie erstreckte sich auch auf die Toten.25
Bei der abgeschlossenen geographischen Lage, der Armut, der Unwissenheit und dem Fehlen gebildeter Eliten waren die Familienstrukturen das Haupthindernis für die Herausbildung einer nationalen, ja auch nur kollektiven Identität. Wie sollte man die Idee einer Interessen- und Schicksalsgemeinschaft begreifen in einer Gesellschaft, in der »die Idee der Familie hoch über jeder anderen Auffassung von Gesellschaft oder Regierung« stand, wo das Familienoberhaupt der absolute Herrscher und die Solidarität mit Verwandten und Verbündeten absolut war und Vorrang vor allen moralischen Überlegungen hatte, wo Verpflichtungen auch die kommenden Generationen banden, Zerwürfnisse sich verewigten, wenn ihre Gründe längst vergessen waren, wo »die ewigen Fehden feindlicher Familien nur durch Waffenstillstände unterbrochen waren, man in vielen Dörfern nicht anders als in bewaffneten Scharen ausging und die Häuser mit Schießscharten versehen waren, als wären sie Festungen«.26 Nicht wenige Historiker Korsikas weigern sich, Gegebenheiten wie das Gesetz des Schweigens oder die Vendetta zu erwähnen, weil sie sie für Folklore halten, die in der Romantik in Mode kam. Zwar hat die zunehmende Integration Korsikas ins französische Königreich seit 1769 die Intensität der Gewalt dort allmählich, wenn auch sehr relativ, gemildert, doch das Geschehen in Colomba oder Matteo Falcone, im 19. Jahrhundert tatsächlich nur noch Folklore, war in den Jahrhunderten zuvor harte Realität gewesen. Zwischen 1683 und 1715 war die Vendetta für den Tod von fast neunundzwanzigtausend Personen verantwortlich, das sind über neunhundert pro Jahr, bei etwas mehr als einhunderttausend Einwohnern. Zwar trug die Art der Rechtsprechung Genuas auf der Insel kaum dazu bei, die gesellschaftlichen Beziehungen zu befrieden, aber die willkürlichen Urteile resultierten aus der Unmöglichkeit, Belastungszeugen zu finden, weil niemand, nicht einmal die Opfer, bereit waren, die Schuldigen zu verraten. Das alte Korsika zog das Unglück der Schande vor, Gesetzen zu gehorchen, nach denen Schuldige der Justiz auszuliefern waren. War nicht auch Napoleon stolz auf das Gesetz des Schweigens, das einem Korsen verbot, einen Vetter auszuliefern, was er auch verbrochen haben mochte? »Ein Korse glaubt, dass er seinen Vetter nicht im Stich lassen darf. Wenn er sagt ›Aber das ist mein Vetter, wie könnte ich ihn im Stich lassen?‹, glaubt er alles gesagt zu haben.«27 Daher halfen die Buonapartes, die sich für Frankreich entschieden hatten, dennoch ihrem Vetter Zampaglino, der nach der Eroberung in den Untergrund gegangen war und alle Franzosen umbrachte, die das Pech hatten, seinen Weg zu kreuzen. Bei allem Stolz auf diesen »Ehrenbanditen« von Cousin räumte Napoleon allerdings ein, dass der Schutz, den man Schuldigen im Namen der Blutsbande gewährte, unvereinbar sei mit einem »gut organisierten Land«28 und mit jedem Begriff von Vaterland, Staat und Unparteilichkeit der Justiz.
