Bonfire Heart - Eva-Maria Sammer-Smetana - E-Book

Bonfire Heart E-Book

Eva-Maria Sammer-Smetana

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Beschreibung

Die Autorin dieses Buches kam mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt. Mangels geeigneter Operationsverfahren gaben ihr die Kinderkardiologen nur wenige Monate Zeit. Doch der Überlebenswille der jungen Österreicherin ist immens. Zahllose Klinikaufenthalte und 17 Jahre später scheint so etwas wie Normalität in den Alltag des Teenagers eingekehrt zu sein, da bringt ein unerwarteter Zwischenfall sie dem Tode näher als jemals zuvor. Als sie nach Wochen aus einem künstlichen Tiefschlaf erwacht, kann sie weder sprechen noch sich bewegen – ihr Körper funktioniert nur noch mithilfe von Maschinen. In ihrer bislang ausweglosesten Situation entscheidet sich die junge Frau, erneut um ihr Leben zu kämpfen und erobert sich ihre Unabhängigkeit und Selbstbestimmung Stück für Stück zurück. Ein beeindruckend authentischer Erfahrungsbericht, der tiefes Verständnis weckt für das Erleben von Menschen mit einer Erkrankung, die für die Umwelt nicht offensichtlich ist.

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Seitenzahl: 401

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Zuvor ein Blick zurück
Die Zeit heilt nicht alle Wunden
Warte nicht auf morgen, lebe!
Wenn die Zeit dich verändert
In der Hitze des Gefechts
Verdrängen heißt nicht vergessen
Mit offenen Karten
Wie alles begann
Was, wenn es kein Morgen mehr gibt?
Man lebt nur zweimal
Vanessa
Im Karussell der Fantasie
Be happy, be healthy
Eine Frage der Motivation
Kein Fortschritt ohne Rückschritte
Achterbahn der Gefühle
Neues altes Leben
Alles auf Anfang
Geteiltes Leid ist doppeltes Leid
Alles wird gut
Drei Tage Regen
Carpe diem!
Der schönste Tag in meinem Leben

Eva-Maria Sammer-Smetana

Bonfire Heart

Mein Traum ist nicht genug

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 Laudatio Verlag, Frankfurt am Main

Lektorat: Andreas Grunau, Franziska Jentsch

Umschlagzeichnungen: Stefanie Hödlmoser

Foto Umschlagrückseite: Andre Kratzer

ISBN 9783941275782

www.laudatio-verlag.de

Besuchen Sie auch die Facebookseite zum Buch:

https://www.facebook.com/Bonfire.Heart.Mein.Traum

Kontakt zur Autorin:

[email protected]

Für Tom

Zuvor ein Blick zurück

Erst kürzlich las ich in einem Artikel von einer deutschen Studie über Menschen mit Herzfehlern. Sie besagt, dass statistisch gesehen mittlerweile fast jedes hundertste Baby mit einer angeborenen Herzerkrankung zur Welt kommt. Dabei handelt es sich oft um sogenannte Mischformen. Jede dieser Formen unterscheidet sich in ihrer Ausprägung und in ihrem Verlauf von den anderen. Dies bedeutet auch, dass es keine einheitliche Operationstechnik oder Behandlung gibt. Eines haben wir jedoch alle gemeinsam: Die Krankheit begleitet uns meist ein ganzes Leben lang.

In meiner Kindheit gab es noch nicht wirklich viele Herzpatienten, die das Erwachsenenalter erreichten. Ich selbst hatte ursprünglich eine Lebenserwartung von weniger als zwei Jahren. Inzwischen bin ich fast dreißig und führe ein weitestgehend uneingeschränktes Leben. In der Vergangenheit hätte ich mir oft eine positive Prognose für meine Zukunft gewünscht. Doch leider endeten die meisten Kontrolluntersuchungen mit wenig Hoffnung auf eine Besserung meines Gesundheitszustandes. Aufgrund meiner problematischen Ausgangssituation waren mehrfache Eingriffe nötig. Ich gehöre allerdings nicht zu den Patienten, bei denen Operationen komplikationslos und einfach verliefen. Eigentlich könnte man sogar sagen, dass ich geradezu ein Paradebeispiel für einen schwierigen Verlauf darstelle. Im Rückblick auf die letzten Jahre kann ich es selbst kaum glauben. Wer hätte das vor mehr als einem Jahrzehnt erwartet?

Niemand glaubte damals auch nur eine Sekunde daran, dass ich die kommenden Wochen oder Monate überleben würde.

Wenn ich heute an meine Kindheit zurückdenke, erscheint mir manches irgendwie sehr unwirklich, obwohl ich ganz genau weiß, was passiert ist. Als ich elf Jahre alt war, gab es Ärzte, die meinen Eltern sogar dazu rieten, mich wieder mit nach Hause zu nehmen und sterben zu lassen. Sie meinten, die kommenden zwölf Monate würde ich keinesfalls überleben. Ich kann mich noch gut an diese Situation erinnern. Als ich nach einem Herzkatheter aus der Narkose erwachte, saß neben meinen Eltern auch einer der behandelnden Ärzte. Sie unterhielten sich über das Ergebnis der Untersuchung und darüber, dass manche Mediziner von der geplanten Operation mittlerweile eher abraten würden. Von einer Verbesserung meiner Lebensqualität war nun gar nicht mehr die Rede. Im Gegenteil. Der behandelnde Arzt prognostizierte mir sogar eine mehr als nur begrenzte Lebenserwartung. Von nicht einmal mehr einem Jahr, das mir noch bleiben würde, sprach er plötzlich. Mein Herz würde immer schwächer werden und irgendwann ganz aufhören zu schlagen. In mehreren Gesprächen hatten mir meine Eltern zuvor versichert, dass dieser Eingriff mein Leben wesentlich verbessern würde. Selbstverständlich glaubte ich ihnen. Nicht wissend, dass diese Aussage des Kinderkardiologen auch ihnen neu war und sie seine Worte genauso schockierten wie mich, wurde ich natürlich unglaublich wütend auf die beiden. Das Gefühl, übergangen zu werden, ist eines der schlimmsten, die ich kenne. Gerade wenn es dabei um das eigene Leben geht. Heute sehe ich einige Dinge anders als früher. Meine Eltern mussten sich zum einen voll und ganz auf die Kompetenz der Mediziner verlassen, zum anderen waren letztendlich sie diejenigen, welche eine Entscheidung treffen mussten. Im Alter von zwölf Jahren fand die geplante Operation doch noch statt und ich kann aus heutiger Sicht sagen, dass dies der richtige Entschluss war.

Meiner Familie bin ich immer noch unglaublich dankbar dafür, dass sie mich bei der Wahl der gesundheitlichen Maßnahmen so gut es ging mit einbezogen hat. Inzwischen bin ich, was das Treffen von Entscheidungen angeht, auf mich alleine gestellt. Erst mit Ende zwanzig weiß ich, wie schwer es ist, das „Richtige“ zu tun. Woher soll man denn auch wissen, was das „Richtige“ ist? Oft wird einem erst im Nachhinein bewusst, wie falsch eine Handlung eigentlich war. Doch dann kann man sie meist nicht wieder ungeschehen machen. Der Entschluss, etwas zu tun oder doch besser zu lassen, kann einem von niemandem abgenommen werden. Mit den Konsequenzen, die unser Handeln nach sich zieht, muss jeder von uns leben. Ich kann mir heute kaum vorstellen, wie schlimm diese Situation für meine Eltern gewesen sein mag. Würde es mir nun wesentlich schlechter gehen, als es Gott sei Dank der Fall ist, oder hätte ich die Operationen erst gar nicht überlebt, müssten meine Mutter und mein Vater mit den Folgen ihrer Entscheidung genauso zurechtkommen. Glücklicherweise kann ich sagen, dass mein Leben, auch wenn es sehr lange nicht danach aussah, einen wirklich positiven Verlauf genommen hat. Trotz wenig hoffnungsvoller Diagnosen und vieler Anzeichen für ein vermeintlich kurzes Leben.

Ich würde mir heute mehr denn je wünschen, dass sich Ärzte ihrer überaus großen Verantwortung öfter bewusst wären. Eine persönliche Meinung in ein ärztliches Gespräch mit einfließen zu lassen, finde ich mehr als unpassend. In meinem ganzen Leben habe ich einen einzigen Arzt gefragt, was er an meiner Stelle tun würde. Bei diesem Gespräch ging es darum, die Komplettierung (den noch ausstehenden Teil der letzten Operation) durchzuführen oder alles beim jetzigen Stand der Dinge zu belassen. Dieser Professor hat mich fast sechzehn Jahre lang begleitet und mir immer wieder gezeigt, dass ich mich auf ihn wirklich verlassen kann. Mein Vertrauen hat sich, nach meinem Befinden, ein einziger Arzt verdient. Nur einer von Hunderten Medizinern, welche mich in meinem gesamten Leben schon untersucht haben.

Rückblickend betrachtet hatten die Ärzte damals glücklicherweise unrecht. Ich habe die Operation, welche zweifelsohne mehr als riskant war, überlebt. Genauso wie die acht darauffolgenden Eingriffe. Das war vor mehr als fünfzehn Jahren. Manche dieser Herren Doktoren, die mich im Laufe der Jahre untersuchten und behandelten, möchte ich gerne wieder einmal treffen. Heute würde ich ihnen sagen, dass, abgesehen davon, dass sie mit ihren Prognosen gänzlich falsch lagen, mir nichts Besseres in meinem Leben passieren konnte, als die Aussicht auf eine sehr begrenzte Lebenszeit.

Wenn man gar nicht erst damit rechnet, alt zu werden, kann man jeden Tag, der einem bleibt, wesentlich bewusster nutzen. Dies klingt jetzt sehr theatralisch, aber was ich damit sagen will ist, wie achtlos wir oft Tage oder Wochen verschwenden, in dem Glauben, wir hätten noch ewig Zeit. Irgendwann wird uns dennoch bewusst, dass dies reiner Irrglaube war. Und dann? Wir beginnen uns zu fragen, was wir mit unserer noch verbleibenden Zeit anfangen wollen. Oder wie wir diese wenigen Wochen oder Monate noch voll auskosten könnten. Doch weshalb muss uns diese Tatsache erst deutlich gemacht werden, ehe wir beginnen zu leben? Warum leben wir nicht einfach jetzt? Denn dazu und zu nichts anderem ist das Leben doch da. Dessen muss auch ich mir immer wieder aufs Neue bewusst werden.

Auch wenn wir die negativen Erfahrungen in unserem Leben niemals vergessen werden, so wird es uns irgendwann dennoch gelingen, einen Weg zu finden, damit umzugehen und all die schönen Seiten unseres Lebens wieder genießen zu können.

Gib deinen Träumen die Chance,

wahr zu werden

New York, 26. Dezember

Es ist eine klirrend kalte Dezembernacht. Der eisige Wind weht mir entgegen. Ich ziehe den Reißverschluss meiner Daunenjacke ganz nach oben und schmiege mich fest in meinen warmen, weichen Schal. Der Winter war zwar noch nie meine Jahreszeit, dennoch genieße ich diesen unglaublich schönen Augenblick und bin einfach nur glücklich. Vor mir erstreckt sich der Hudson River in seiner vollen Größe und strahlt in all seinen Facetten. Die glanzvolle Beleuchtung der Stadt, die niemals schläft, spiegelt sich im Wasser. Unzählige Lichter tanzen auf den kleinen, vom Wind aufgepeitschten Wellen. New Yorks Skyline wirkt wie ein riesiges, leuchtendes Billboard.

Plötzlich kommt mir alles so unwirklich vor. Es erscheint mir fast so, als würde es sich hierbei um einen dieser Tagträume handeln, die ich früher oft hatte und welche ich mir in allen noch so kleinen Details ausmalte. Vor einigen Jahren war es hauptsächlich die Hoffnung auf ein eigenständiges und weitestgehend uneingeschränktes Leben, die mir über Monate hinweg in den schlimmsten Augenblicken Trost spendete. In Zeiten, in denen es mir besonders schlecht ging, half mir meine Fantasie, gerade diese ausweglos erscheinende Situation zu überstehen.

In solchen Momenten versuchte ich, mir mein Leben nach dem Klinikaufenthalt vorzustellen. Zu dem damaligen Zeitpunkt glaubte allerdings so gut wie niemand daran, mich teilweise sogar mit eingeschlossen, dass ich eines Tages so besondere Ereignisse wie diese noch erleben würde. Oft versuchte ich mich in meiner Fantasie, sogar stundenlang aus meinem Krankenbett heraus, in weit entfernte Länder zu träumen. Mit jeder Faser meines Körpers konnte ich dann die Sonne, das Meer und den warmen Sommerwind spüren. In meiner Vorstellung habe ich viele fremde Länder bereist, Sprachen gelernt und auch wieder mit dem Reiten begonnen. Das Schöne an der eigenen Vorstellungskraft ist ihre Grenzenlosigkeit. Dafür benötigt man nichts weiter als ein wenig Kreativität. Jederzeit kann man sich an ferne Plätze begeben oder neuen Abenteuern und Herausforderungen stellen. Eine bessere Motivation als den innigen Wunsch, diese Dinge eines Tages auch in der Wirklichkeit erleben zu wollen, könnte ich mir gar nicht vorstellen. Wenn ich heute auf meine Vergangenheit zurückblicke, wird mir erstmals bewusst, wie unglaublich viel ich in meinem Leben schon erreicht habe, trotz oder vielleicht gerade wegen meiner Herzerkrankung.

Ich nehme einen tiefen Atemzug, um auch ganz sicher zu gehen, dass alles, was jetzt gerade passiert, real ist. Tatsächlich! Eine tiefe Zufriedenheit macht sich in mir breit. Völlig in Gedanken versunken habe ich alles um mich herum vergessen. Erst jetzt bemerke ich, wie kalt mir geworden ist. Die Kombination aus einem langen Flug und erheblichem Schlafmangel macht sich langsam bemerkbar. Meine Zehen spüre ich schon fast nicht mehr und meine Finger sind eiskalt.

Ich war so vertieft, dass mir die Fähre, welche vor mir am Hudson River vorbeizog, nicht auffiel.

„Was ist denn los? Wir haben dich überall gesucht. Es ist bitterkalt und unser Wassertaxi ist jetzt weg. Ist dir eigentlich klar, dass wir jetzt zu Fuß gehen können? Heute kommt keine Fähre mehr, das war die letzte!“

Völlig aufgelöst braust meine Freundin auf mich zu. Sie ist ganz zerzaust und ihre Laune befindet sich, so wie die New Yorker Temperaturen, unter dem Gefrierpunkt. Ihre schulterlangen braunen Haare flattern im Wind. Sie reibt sich hastig ihre Hände, um sich warm zu halten.

„Es tut mir wirklich leid“, versuche ich, mich bei ihr zu entschuldigen. „Ich dachte, ihr wolltet noch Fotos machen? Deshalb habe ich solange ...“, fahre ich fort, doch Sophia unterbricht mich, um die Wartezeit in der eisigen Kälte nicht noch länger hinauszuzögern.

„Nur dass du es weißt, der nächste Latte mit Bagel geht auf dich!“

„Natürlich“, willige ich unverzüglich ein.

Sie formt ihre Lippen zu einem Schmollmund und zeigt auf das einzige Lokal in der Nähe.

„Wir gehen dort hinein, um uns aufzuwärmen, und anschließend rufen wir uns ein Cab. Mir ist nämlich eiskalt.“

Ich erkläre mich einverstanden und wir machen uns sogleich auf den Weg zu einem kleinen Restaurant direkt am River. Langsam spüre ich nicht einmal mehr meine Hände. Nun ist auch mir die Lust auf weitere Spaziergänge vergangen. Ich versuche, meine Finger zu bewegen, doch auch dies hilft nur bedingt gegen die Unterkühlung. Eine heiße Dusche wäre jetzt genau das Richtige, aber darauf werde ich wohl noch etwas warten müssen.

Wir betreten das von uns angepeilte Lokal. Ebenso schnell verlassen wir es aber auch wieder, als uns die adrett gekleidete Dame, im dunkelgrauen Kostüm mit passendem Louis-Vuitton-Tuch und sehr eleganten Schuhen mit dezentem Absatz, freundlich mitteilt, dass es sich hier um eine geschlossene Gesellschaft handle und sie uns deshalb leider keinen Tisch anbieten könne.

Neben dem Restaurant entdecke ich ein kleines Zelt. Es ist zwar keine wirkliche Alternative zu einem beheizten Raum, dennoch begeben wir uns in das leerstehende Plastikzelt, um uns zumindest vor dem Wind zu schützen. Soeben fällt mir auf, dass Wolfgang und Dominik schon längst hätten zurückkehren sollen.

„Wo sind denn unsere Jungs?“, erkundige ich mich bei meiner Freundin.

„Die kommen sicher gleich. Nick meinte vorhin, er wolle noch einige Fotos von der Brooklyn Bridge schießen.“ Sie zuckt mit den Schultern, schüttelt den Kopf und fügt hinzu: „Das ist wieder typisch Dominik.”

Ich muss schmunzeln und kann mir einen Kommentar dazu nicht verkneifen: „Was sich liebt, das neckt sich!“

„Nein, wirklich nicht!“, entgegnet mir Sophia schockiert und fügt hinzu: „Und wenn er der letzte Mann auf dem Planeten wäre ... Nein! Nein!“

Die beiden sind einfach köstlich, besser als jedes Kabarett.

„Warum bist du so wählerisch? Du hast an jedem Mann etwas auszusetzen. Existiert dein Traumprinz überhaupt?“, versuche ich noch einmal nachzuhaken.

„Ich weiß es nicht. Am liebsten hätte ich jemanden, der ein bisschen so ist wie dein Freund. Nur eben ...“, sie zögert und blickt durch das durchsichtige Zelt hinaus auf den Hudson.

Ich versuche erneut nachzufragen: „Nur eben ... was?“

In diesem Moment betreten auch Wolfgang und Dominik das kleine Zelt und unterbrechen unser Gespräch. Ohne Umschweife versuchen mir die beiden ein schlechtes Gewissen wegen der verpassten Fähre einzureden, wobei sie es zumindest mit Humor nehmen. Sophia hat ihren Plan mit dem Taxi mittlerweile aufgegeben, da wir vier wenig motiviert sind, weiterhin draußen herumzulaufen, um eines der raren New Yorker Taxis zu erhaschen, die auf dieser Seite des Flusses unterwegs sind. Sie versucht indessen, eine befreundete New Yorkerin auf deren Handy zu erreichen, damit sie uns abholen kommt. Ihre Freundin Sherly erklärt sich bereit, uns bis zum Bahnhof zu bringen. Nach weiteren vierzig Minuten befinden wir uns wieder auf der „richtigen“ Seite des Hudson Rivers.

In der New Yorker Bahn, die uns nun endlich nach South Orange bringt, setze ich mich dicht neben Wolfgang. Er legt seinen Arm auf meine Schulter und zieht mich behutsam an sich. Ich spüre, wie er mir einen Kuss auf meine Stirn drückt. Nach und nach kehrt auch das Gefühl in meinen Zehen- und Fingerspitzen wieder zurück.

Vor mir entdecke ich unsere Fahrkarte, welche in der dafür vorgesehenen Halterung klemmt. Darauf lese ich das heutige Datum. Wir haben heute den 26. Dezember. In genau einem Monat werde ich achtundzwanzig. Unglaublich, ich werde alt. Wenn man bedenkt, dass ich ursprünglich eine Lebenserwartung von nicht mal zwei Jahren hatte, bin ich, objektiv betrachtet, wirklich alt. Am 26.01. werde ich mein „Ablaufdatum“ schon um ganze sechsundzwanzig Jahre überschritten haben.

Kopfschüttelnd richte ich meinen Blick aus dem Fenster des Zuges. Große Bauwerke und alte Brückenpfeiler ziehen draußen vorbei. Ich kann es noch gar nicht richtig fassen. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Als Sophia im Frühling beschloss, nach Amerika zu ziehen, dachte ich noch nicht daran, schon in ein paar Monaten selbst in die USA zu reisen. Sie bat uns zwar, ihr so bald wie möglich einen Besuch abzustatten, doch aufgrund meiner letzten Abiturprüfungen und Wolfgangs Arbeit schien das zu diesem Zeitpunkt so gut wie ausgeschlossen. Im Juli organisierten wir dann eine Abschiedsfeier für meine Freundin. Nachdem sie schon einige Wochen in ihrer neuen Heimat verbracht hatte, sprach ich mit Sophia erstmals darüber, dass Wolfgang und ich ihre Einladung gerne annehmen und für ein paar Tage zu ihr kommen wollen. Jetzt ist es Dezember und ich befinde mich tatsächlich hier in New York. Da Sophia die Feiertage alleine verbringen würde, entschieden wir uns letztendlich für diesen Zeitraum, um sie zu besuchen.

Dabei fällt mir ein, dass meine Eltern und ich vor einigen Jahren beschlossen, einmal gemeinsam in die USA zu reisen. Die beiden waren damals auf der Suche nach einer Möglichkeit, mich trotz meiner krankheitsbedingten Situation zum Lernen zu motivieren. Allerdings konnte ich aus gesundheitlichen Gründen bei Weitem nicht so viel Zeit in der Schule verbringen wie meine Mitschüler. Deshalb verpasste ich auch einen Großteil des Unterrichts. Da der Stoff, den ich nachzuholen hatte, aber immer mehr wurde, verlor ich zunehmend das Interesse am Lernen. Aus eigener Erfahrung kann ich nur allen Eltern raten, ihre Kinder während eines längeren Aufenthaltes zu Hause oder in einer Klinik mit Privatunterricht auf dem Laufenden zu halten.

Ich hatte damals leider nicht die Gelegenheit, den Unterrichtsstoff mithilfe eines Lehrers aufarbeiten zu können. Aus diesem Grund versuchten meine Eltern nahezu alles, damit ich mich selbst um die Bewältigung des versäumten Unterrichts bemühte. Ihre Strategie sah vor, dass ich am Ende des Schuljahres für meine harte Arbeit belohnt werden sollte. Ich hatte also einen Wunsch frei. Einen richtig großen. Als ich mir überlegte, was ich mir wünschen würde, fiel mir ein, wie zwei Schulkameraden in letzter Zeit vom Besuch im Disneyland erzählten und wie toll es dort gewesen sei. Meine Belohnung, so haben wir damals abgemacht, sollte also eine Reise nach Amerika sein. Genauer gesagt wollten wir eines Tages gemeinsam nach Florida fliegen. Natürlich nur unter der Bedingung, dass sich meine Noten wesentlich verbessern würden. Bei der darauffolgenden Zeugnisverteilung war ich wohl eine der glücklichsten Viertklässlerinnen überhaupt. Über Monate hinweg habe ich gelernt, geübt und mich mehr als jemals zuvor angestrengt. Ich freute mich so sehr auf den Amerika-Trip, dass mir der viele Stoff gar nicht mehr so unüberwindbar vorkam. Das Ergebnis meiner vielen zusätzlichen Lerneinheiten war schließlich das beste Zeugnis während meiner gesamten Pflichtschulzeit. Durch den Motivationsschub mauserte ich mich plötzlich zu einer Einser-Schülerin. Die Reise in die Vereinigten Staaten konnte also kommen.

Bis heute haben wir es allerdings aufgrund meiner lange Zeit äußerst unstabilen gesundheitlichen Situation nicht geschafft, diese Reise tatsächlich gemeinsam anzutreten. Stattdessen hole ich jetzt endlich meine Traumreise, auf die ich mich seit Jahren freue, mit dem Menschen, den ich über alles liebe, nach. Es ist zwar nicht Florida oder das Disneyland, dennoch kann ich es kaum glauben, dass mein Wunsch nun endlich in Erfüllung gegangen ist. Ich habe vielleicht noch nicht allzu viel von New York sehen können außer einer atemberaubenden Kulisse, doch ich bin voller Vorfreude, was die nächsten Tage mit sich bringen werden und welche unglaublich tollen Dinge uns hier noch erwarten. Man spricht schließlich nicht umsonst vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Die Gebäude, welche sich neben der Strecke befinden, werden zunehmend kleiner und die unzähligen Lichter der Stadt verblassen allmählich. Wir entfernen uns immer mehr von der Millionenmetropole. Bald wird der Zug in der Vorstadt eintreffen. Vor lauter Müdigkeit kann ich mich kaum noch wach halten. Mit geschlossenen Augen schmiege ich mich an die Schulter von Wolfgang. Die letzten Minuten unserer Fahrt verbringe ich schlafend.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden

New Jersey, 27. Dezember

Es ist 07:20 Uhr Ortszeit. Ich setze mich zu Sophia an den Frühstückstisch. Die dunklen Küchenmöbel passen perfekt zur ockergelben Wandfarbe. Auf dem großzügigen ovalen Tisch steht ein kleiner Plastikweihnachtsbaum. Er ist mit bunten Süßigkeiten und kleinen batteriegespeisten Lämpchen behangen. Das ganze Haus riecht nach frischem Kaffee und aufgebackenen Brötchen. Auf einem Loungesessel, der sich neben dem Esstisch befindet, stapeln sich weitere Überreste von Weihnachten. Die Spitze des Berges aus gebrauchtem Geschenkpapier und bunten Bändern besteht aus rotem und grünem Seidenpapier, in dem gestern noch unsere Mitbringsel für Sophia eingepackt waren.

„Sorry“, begrüßt mich meine Freundin, während sie an ihrem Orangensaft nippt.

Sie scheint mich erst jetzt bemerkt zu haben und wendet sich von ihrer Zeitschrift ab und mir zu. „Ich wollte euch nicht wecken.“

„Du hast uns nicht geweckt. Wir sind schon einige Zeit wach. Meine Mama hatte schon ein paarmal versucht, uns zu erreichen. Wolfgang rief sie deshalb gleich heute Morgen um halb sechs zurück. Sie hat sich schon Sorgen gemacht, da wir uns gestern Abend nicht mehr gemeldet hatten“, antworte ich und füge hinzu: „Was hast du denn für heute geplant?“

Sie grinst mich an. „Hm! Ich glaube, du lädst mich zu Starbucks ein und dann gehen wir shoppen. Was hältst du davon?“

Vor mir steht ein Glas. Während ich mir etwas von dem Saft einschenke, der auf dem Tisch steht, antworte ich ihr: „Na klar. Ich gehe sehr gerne mit dir einkaufen, aber wir haben da ein kleines Problem. Besser gesagt, haben wir sogar zwei davon.“

„Du meinst Nick und Wolfgang? Das ist kein Problem“, kontert sie rasch. „Ich habe gestern schon mit Dominik darüber gesprochen, dass wir zwei heute bummeln gehen wollen. Die beiden Jungs sollen sich am besten mit der Kamera auf den Weg durch die Stadt machen. Dann sind sie den ganzen Tag über beschäftigt.“

Anschließend steht sie auf und verlässt den Raum. Ihr zu Beginn lauter Schritt verblasst immer mehr.

Aus größerer Entfernung höre ich sie rufen: „Nicki, steh auf, wir fahren gleich in die City!“

„Ich heiße nicht Nicki, merk dir das endlich!“, brüllt Dominik aus dem Gästezimmer.

Ich nehme mir indessen einen Schluck von meinem kalten und unnatürlich grell gefärbten Orangensaft und muss dabei erneut über die beiden schmunzeln.

„Hallo, Schatz!“, begrüßt mich Wolfgang, der gerade aus der Dusche gekommen ist.

Ich lächle ihn an und spitze meine Lippen. Langsam schreitet er zu mir herüber. Er beugt sich nach vorne und gibt mir einen Kuss. Dominik steht plötzlich neben uns und will wissen, ob wir fertig seien.

„Guten Morgen, der Herr“, begrüße ich ihn erst mal.

Er grinst mich an und fragt: „Was ist jetzt? Können wir los?“

Ich muss lachen, Nick sieht aus wie ein echter Paparazzo. Sein Cappy sitzt leicht schräg. Über seiner Winterjacke baumelt eine Spiegelreflexkamera. Das restliche Equipment hat er in seinem eigens dafür vorgesehenen Rucksack verstaut.

Sophia kommt mit ihren Sneakers in der Hand zurück in die Küche und setzt sich erneut zu mir an den Tisch. Wir vier beschließen letztendlich, den nächsten Zug nach New York City zu nehmen. Am Bahnhof angekommen sehen wir, dass es bis zur Ankunft der Bahn noch gut zwanzig Minuten dauern wird. Genügend Zeit also, um noch rasch in Sophias „Lieblings-Starbucks“ zu gehen. Mit vier verschiedenen Sorten „Coffee to go“ und neun Bagels mit Frischkäse machen wir uns schließlich auf den Weg zum Bahnsteig. Dieser ist nur über eine steile Treppe zu erreichen. Zweiundzwanzig Stufen später bin ich völlig außer Atem. Von meinem Gefühl ausgehend würde ich sagen, dass es heute sogar noch kälter ist als gestern.

Wolfgang sieht mich an und nimmt mir wortlos meine Tasche ab. In der oberen Wartehalle angekommen, setze ich mich zu Sophia und Dominik auf die Bank.

„Geht‘s wieder, Schatz?“, fragt mein Freund.

Ich nicke und versuche mich auf meine Atmung zu konzentrieren.

„Wolfgang? Ist das wegen ihrem Herzen?“, will Nick von ihm wissen.

Dieser wiederum versucht gekonnt, die ganze Sache so kurz wie möglich zu erklären: „Das ist nicht so schlimm. Es ist heute ziemlich kalt, dann fällt ihr das Atmen etwas schwerer, aber sonst geht‘s ihr super. Stimmt’s, Schatz?“

Noch immer etwas keuchend gebe ich ihm kopfnickend recht. Nett, dass man mich nicht selbst fragt, wie es mir geht. Aber im Moment könnte ich sowieso nicht antworten. Noch immer versuche ich, meine Kurzatmigkeit unter Kontrolle zu bringen. Nach und nach wird es besser. Ich atme nur noch mit vorgehaltenem Schal ein und aus, damit die Luft, die durch meine Nase in die Bronchien und die Lunge dringt, nicht mehr so kalt ist. Dadurch spüre ich kein Ziehen mehr beim Atmen. Nach wenigen Schlucken vom Caramel-Latte erwärmt sich mein Körper auch langsam wieder von innen. Manchmal, wenn ich nicht rasch genug reagiere, dringt sehr kalte Luft in meine Atemwege ein und meine Gefäße ziehen sich zusammen. Dadurch bekomme ich weniger Sauerstoff in meine Lungenflügel als sonst. Dies führt dann schnell zu Kurzatmigkeit.

Mittlerweile ist auch unser Zug eingetroffen. Insgeheim hoffe ich, dass unser Waggon beheizt ist. Ansonsten könnte die nächste halbe Stunde ganz schön lang und unangenehm werden. Um wieder zu Kräften zu kommen, benötige ich lediglich Wärme und kurzzeitige Ruhe. Doch leider ist das nicht immer und überall möglich. Nachdem wir in den Zug eingestiegen sind und uns schon mal nach freien Sitzplätzen umsehen, bemerke ich die wohltuende Wärme, die aus den Schlitzen von der Decke kommt. Gott sei Dank. Erleichtert atme ich auf. Dominik und Wolfgang entdecken zwei freie Bänke nebeneinander. Wolfgang setzt sich sofort auf die rechte Seite und Nick nimmt auf der linken Bank Platz. Ich geselle mich zu meinem Freund. Sophia bleibt nun nur noch der Sitz neben Dominik übrig.

Erneut kann sie sich eine spitze Bemerkung nicht verkneifen: „Rutsch rüber, Nicki!“

Obwohl oder gerade weil meiner Freundin bewusst ist, wie ungern Nick diesen Spitznamen hört, versucht sie ihn aufs Neue, etwas aus der Reserve zu locken, und dies scheint ihr auch dieses Mal zu gelingen. Widerwillig und ein wenig schnaubend vor Wut setzt sich Dominik schließlich auf den Fensterplatz und lässt Sophia neben sich sitzen.

New York City, 27. Dezember

Nach weiteren zwanzig Minuten im beheizten Waggon sieht die Welt für mich schon wieder ganz anders aus. Mit vollem Elan stürzen wir vier uns in das New Yorker Stadtleben. Dominik hat sich zwischenzeitlich wieder beruhigt und besteht nun auf eine geführte Tour mit Sophia. Deshalb beschließen Wolfgang und ich, währenddessen einige Souvenirs zu besorgen.

Es ist nun kurz vor 14:00 Uhr. Wie vereinbart finden wir uns in einer Filiale der Bank of America ein. Unsere Freunde wirken erschöpft.

„Was ist denn los? Wo wart ihr denn?“, erkundige ich mich.

Begleitet von einem heftigen Augenrollen gibt mir Sophia zu verstehen, dass sie in den letzten drei Stunden sicher drei Kilometer quer durch New York marschiert seien.

Ich gebe zu, im Gegensatz zu den beiden hielten wir uns eher in den Kaufhäusern in der näheren Umgebung auf. Dennoch kann ich mit Stolz behaupten, in derselben Zeit eine nicht wesentlich geringere Strecke zurückgelegt zu haben. Fast zwei Stunden verbrachten wir alleine bei Macy‘s. Eigentlich verfügt dieses riesige Kaufhaus neben einer Vielzahl von Aufzügen auch über mehrere Rolltreppen. Allerdings waren einige von ihnen aufgrund von Überlastung ausgefallen. Vor den Liften bildeten sich dementsprechend lange Warteschlangen. Wir entschlossen uns deshalb, auch auf den Lift zu verzichten und die Treppen zu nehmen. Bei zehn Etagen und einer Gesamtfläche von 198.500 m² legt man schon eine beachtliche Strecke zurück. Anschließend waren wir noch bei Victoria‘s Secret, im Disney Store und in der M&M‘s World.

Während ich meine Freundin so ansehe, wird mir klar, dass sie ganz dringend einen Kaffee braucht. Ich nehme Sophia an der Hand und begebe mich mit ihr Richtung Haupteingang der Bank. Sogleich drehe ich mich noch kurz um und werfe meinem Freund einen Kuss zu.

„Bis später! Wir treffen uns dann am Times Square. Wann genau, wissen wir noch nicht.“

Sophia fügt noch hinzu: „Hab mein Handy mit. Wir rufen an!“

Dominik ist so versunken in seinen Stadtplan, sodass er erst gar nicht wahrnimmt, wie wir uns von den beiden verabschieden.

„Wohin gehen wir denn jetzt?“, fragt mich Sophia.

„Starbucks“, antworte ich ihr.

Sie beginnt zu strahlen. Ihre Augen leuchten.

Ich schüttle den Kopf und muss laut lachen.

„Unsere kleine Süchtlerin.“

„Warum Süchtlerin?“, fragt sie mich.

„Weil ich außer dir niemanden kenne, der sich so sehr freut, wenn er die Worte Kaffee oder Starbucks hört.“

Sophia nickt und lächelt mich an.

Dann sagt sie etwas wehmütig: „Wenn ich wieder in Österreich bin, werden mir die herrlichen Kaffeekreationen von Starbucks mit Sicherheit am allermeisten fehlen.“

Kurze Zeit später betreten wir einen kleinen Coffee Shop. Bei einer sehr temperamentvollen Südamerikanerin mit kräftiger Stimme ordert meine Freundin zunächst einen Mokka-Vanilla-Creme-Latte. Ich entscheide mich auf Sophias Empfehlung hin für ein „Christmas special“ mit einer Caramel-Creme. Die Dame in Starbucks-Uniform schnappt sich zwei Becher und passende Deckel. Mit einem schwarzen Stift malt sie kleine Kreuze auf Plastikdeckel und Becher. Anschließend will sie noch unsere Namen wissen. Diese vermerkt sie ebenfalls auf den Pappbechern. Wir bezahlen noch rasch für unsere Kalorienbomben und nehmen die heißen Getränke, die so herrlich nach Vanille und Karamell duften, entgegen. Neben der Eingangstür entdecke ich einen kleinen, freien Tisch. Ich zeige darauf und wir beschließen uns zu setzen. An der Wand gegenüber erblicke ich ein Poster mit einem alten Kaffeehaus darauf. Unter der Zeichnung befindet sich eine Jahreszahl, die ich nicht genau erkennen kann, und daneben steht in großen Buchstaben „Vienna“.

„Schau mal!“, mache ich meine Freundin auf das Bild aufmerksam. „Du musst auf deinen Kaffee nicht verzichten. In Wien gibt‘s auch eines deiner heiß geliebten Starbucks-Cafés.“ Sie schmunzelt.

„Sag mal ...“, beginnt Sophia zögerlich. „Wie ist es dir eigentlich auf dem Flug hierher gegangen?“

Ich verstehe zunächst ihre Frage nicht und hake nach: „Was meinst du damit?”

„Ich meine ...“, versucht sie sich erneut an das Thema heranzutasten, „wegen deinem Herz und dem Höhenunterschied und so ...“

Langsam beginne ich zu begreifen und erläutere ihr, dass der Flug zwar anstrengend war, dies aber nichts mit meiner Erkrankung zu tun hatte. Wir waren fast vierundzwanzig Stunden unterwegs, bis wir endlich in New Jersey ankamen, und im Flugzeug blies ständig kalte Luft aus der Klimaanlage. Das war mein eigentliches Problem. Über sieben Stunden hindurch einem kühlenden Gebläse ausgesetzt zu sein, ist nicht gerade förderlich für mich. Davon abgesehen war das Fliegen aber kein Problem für meine Gesundheit. Im Gegenteil, ich kann mir sehr gut vorstellen, in Zukunft häufiger Fernstrecken zu fliegen.

Vielleicht ist nun die Zeit gekommen, um meine Träume, die ich früher hatte, zu verwirklichen. Ich verfüge endlich über die nötige Energie, um all diese Dinge auch realisieren zu können. Allerdings lag meine persönliche Messlatte für einen „guten“ Tag schon immer um einiges niedriger als bei einem völlig Gesunden. Es gibt zwar auch heute noch hin und wieder Momente oder Tage, an denen es mir schlechter geht, doch im Großen und Ganzen habe ich mittlerweile eine Lebensqualität erlangt, von der ich vor einigen Jahren nur träumen konnte. Diese Tatsache gibt mir Kraft, auch weiterhin an meiner körperlichen Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit zu arbeiten. An Tagen, an denen ich eher zu Kurzatmigkeit neige, versuche ich unnötige Wege zu vermeiden, um einer zusätzlichen körperlichen Beanspruchung zu entgehen. Doch diese „Hänger“ hat jeder Mensch hin und wieder einmal. Ich kenne niemanden, der sich immer topfit fühlt und vor Energie nur so strotzt. Mit der Zeit begriff ich, dass dies eine wichtige Tatsache ist, welche ich lernen musste. Lange glaubte ich, nur mir geht es gesundheitlich bedingt ab und zu schlecht, während sich andere Menschen immer bester Gesundheit erfreuen. Dass dies nicht so ist und ich inzwischen in vielen Situationen mit den meisten gesunden Menschen ohne Weiteres mithalten kann, wird mir immer häufiger bewusst.

Sophia und ich beschließen, unseren kleinen Plausch zu beenden und uns wieder auf den Weg zu machen. Die Sonne scheint und die Temperaturen sind mittlerweile schon fast frühlingshaft. Es ist ein wunderschöner Tag in einer tollen Stadt. Gemütlich schlendern wir an kleinen und großen Geschäften vorbei und sehen uns die bunt dekorierten Auslagen an. Meine Freundin bleibt auf einmal stehen und zeigt auf einen Shop auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

„Schau, dort drüben ist der Laden, den wir im Internet entdeckt haben!“

Sie wirkt richtig euphorisch. Dann schnappt sie sich meine Hand und wir überqueren die Straße. Vor dem Geschäft bleiben wir stehen. Sophia öffnet die Tür und wir betreten eine Welt voller unglaublich schöner weißer Kleider. Bei dieser riesigen Auswahl weiß man nicht so recht, wo man überhaupt anfangen soll. Mein Blick fällt auf eine grau-weiße Tafel mit der Aufschrift „White by Vera Wang”.

„Wow! Das ist einfach der absolute Wahnsinn“, versuche ich meine Eindrücke irgendwie in Worte zu fassen. Ich bin richtig überwältigt von so vielen atemberaubenden Kleidern.

Auf einmal stürmt meine Freundin Sophia auf eine der Vera-Wang-Kostbarkeiten zu, welche mitten im Raum ausgestellt sind und meint: „Dieses Brautkleid würde sogar mir gefallen. Da könnte ich mir das mit dem Heiraten doch noch einmal überlegen. Gibt es hier auch Männer zum Mitnehmen?“

Ich lächle sie an und schreite ebenfalls zu den traumhaften Kleidern der weltberühmten Designerin hinüber. Ein aufwendig gearbeitetes Hochzeitskleid mit unendlich vielen Lagen Tüll und darauf drapierten Strasssteinchen sticht mir dabei ins Auge. Ein wahrhafter Traum von einem Kleid. Als ich dann das Preisschild entdecke, entwickelt sich der Traum ganz schnell zum Alptraum. Über 10.000 USD soll das Märchenkleid kosten.

Plötzlich steht meine Freundin neben mir und fordert mich auf: „Das sieht echt toll aus. Los, probier es doch mal an!“

„In meinem ganzen Leben werde ich mir das nicht leisten können. Hast du gesehen, wie teuer das ist?“, entgegne ich ihrem Vorschlag.

Sie dreht das kleine Schildchen um und versteht langsam, was ich ihr sagen will. Dennoch lässt sie nicht locker und besteht auf eine Anprobe. In der Hoffnung, das teure Stück nicht zu beschädigen, gebe ich ihrem Wunsch nach und erkundige mich bei einer Verkäuferin nach der Größe. Eine kleine, kräftige Afroamerikanerin erscheint kurze Zeit später mit einem weißen langen Kleidersack.

„Your size zero“, ruft sie mir entgegen.

Sophia lacht und meint: „Oh, size zero, wie bei den Models.“

Vorsichtig nehme ich die Kostbarkeit aus Stoff und Steinchen an mich und begebe mich damit in die Umkleidekabine. Noch einen kurzen Blick in den riesigen Spiegel geworfen, stolziere ich auch schon durch den Spalt zwischen den roten Samtvorhängen hinaus.

„Es ist einfach unglaublich, als wäre es für dich gemacht“, meint Sophia, als sie mich sieht, und schmilzt dabei fast dahin.

„Ich weiß“, gebe ich ihr recht. „Es ist einfach traumhaft, dennoch kann ich es mir nicht leisten.“

Nach meinem kurzen Ausflug ins Land der Reichen und Schönen beschließe ich, mich wieder auf den Boden der Realität zurückzubegeben und dieses teure Stück Stoff auszuziehen. Sophia und ich sehen uns noch eine Weile bei den Kleidern um, die sich schon eher in meiner Preisklasse befinden. Doch wie das im Leben eben so ist, wenn man das Perfekte gefunden hat, gibt man sich mit etwas anderem nicht mehr so leicht zufrieden. Ein wenig wehmütig verlassen wir schließlich das Geschäft, in dem sich mein absolutes Traumkleid befindet.

Wir schlendern die 6th Avenue entlang bis hinunter zur 25th Street. Da wir uns hier ja in New York befinden, verwundert es mich nicht wirklich, auch an dieser Ecke wieder einmal auf ein weiteres Mitglied der Starbucks-Kette zu stoßen. Mit Sophia an meiner Seite versteht es sich von selbst, dass wir gleich dieses Café betreten werden. Während sich meine Freundin am Ende der Warteschlange anstellt, um uns etwas zu bestellen, steuere ich einen freien Tisch in der hinteren Ecke des Lokals an. Als ich mich setze, bemerke ich ein kleines Mädchen, welches mit seiner Mutter gegenüber von mir Platz genommen hat. Hier drinnen ist es, im Gegensatz zu den meisten anderen Geschäften in Amerika, sehr warm. Das Kind zieht sich seine Mütze vom Kopf. Dabei fallen die blonden, langen Haare wie kleine weiße Federn auf die dunkle Winterjacke. Die Kleine möchte nun auch noch ihren Parka und den dicken Pulli ausziehen, doch ihre Mama scheint dagegen zu sein. Es ist wirklich extrem warm hier drin. Auch ich pelle mich aus meinem Wintermantel und hänge ihn über den freien Sessel neben mir. Dieses Mädchen hat völlig recht, es ist viel zu frühlingshaft für eine Kleidung, wie man sie vielleicht in Sibirien benötigen würde. Die Sonne scheint und es kommt einem fast vor wie an einem milden Tag im April. Ich werfe einen Blick in Richtung Kasse, um zu sehen, ob meine Freundin Sophia schon unsere Bestellung erhalten hat, doch ich kann sie nirgendwo entdecken.

Plötzlich höre ich, wie die Mutter der Kleinen neben mir zu schimpfen beginnt. Verwundert sehe ich zu ihr hinüber. Sie ermahnt ihre Tochter abermals und verlässt dann den Tisch. Kurz blicke ich ihr hinterher und schaue dann wieder zu dem blonden Mädchen. Die Kleine sieht aus wie ein Engel. Ein Engel in einem Sumoringer-Kostüm. Als mich das Kind bemerkt, lächle ich es an. Im selben Moment beginnt auch das kleine Mädchen zu lachen. Ich muss schmunzeln. Wenn ich dieses zierliche Wesen so betrachte, erinnert es mich irgendwie ein bisschen an mich, als ich klein war. Seine Erscheinung vermittelt einen so zarten und zerbrechlichen Eindruck, fast so, als wäre es aus Glas. Den Beschreibungen meiner Eltern zufolge dürfte ich im Kindergartenalter ein ähnliches Bild bei den meisten Menschen hinterlassen haben.

Als das Mädchen schließlich versucht, seinen Pulli auszuziehen, reißt es dabei das darunter befindliche T-Shirt mit hoch. Der gesamte Brustkorb des Kindes wird dadurch sichtbar. Als ich die große längliche Narbe entdecke, welche sich fast über den gesamten kleinen Oberkörper erstreckt, stockt mir der Atem. Der Eingriff muss erst vor Kurzem stattgefunden haben, da die Wunde noch stark gerötet ist. Dieses Kind wurde offensichtlich, genauso wie auch ich, am offenen Herzen operiert. Reflexartig wandert meine linke Hand zu meinem Brustbein. Plötzlich bemerkt die Kleine, dass ich ihre Narbe gesehen habe und zieht blitzschnell ihr Shirt nach unten. Es ist ihr offensichtlich unangenehm. Dann lächle ich sie abermals an und beginne, die obersten drei Knöpfe meiner Bluse zu öffnen. Ich ziehe die Knopfleisten etwas auseinander, damit sie auch einen Teil meiner Narbe sehen kann.

Dabei sage ich zu ihr: „I promise that one day everything‘s going to be alright.“

Mit einem Mal kehrt auch das Strahlen zurück in ihr hübsches kleines Gesicht.

Sie nickt heftig mit dem Kopf und meint: „I know!“

Während ich meine Bluse wieder zuknöpfe, bemerke ich, wie sich meine Augen mit Tränen füllen. Hastig versuche ich sie wegzuwischen. Nun erscheint auch Sophia mit einem Tablett in ihren Händen.

„Das hat ja ewig gedauert“, beklagt sie sich über die lange Wartezeit. „Was ist denn los, weinst du?“, fragt sie mich, nachdem sie meine tränenden Augen bemerkt hat.

„Nein“, antworte ich ein wenig schroff, „ich hab nur was im Auge.“

„Na dann“, versucht sie, nicht weiter darauf einzugehen, und setzt sich auf den freien Stuhl, der sich neben mir befindet.

„Können wir den Kaffee unterwegs trinken?“, erkundige ich mich bei meiner Freundin.

„Von mir aus“, willigt diese achselzuckend ein.

Ich schnappe mir meinen Mantel und erhebe mich. Auf dem Weg hinaus verabschiede ich mich noch von dem Mädchen. Ich gehe zum Tisch der Kleinen und streiche über ihr helles Haar.

„Goodbye, little Princess.“

Sie blickt zu mir hoch und verabschiedet sich auch von mir: „Bye.“

Als ich weitergehen will, fragt sie mich plötzlich: „Is everything alright with you?“

Mich noch einmal ihr zuwendend sehe ich ihren hoffnungsvollen Blick.

Ich seufze und versichere ihr: „Yes, it is!“

Bevor mir erneut die Tränen kommen, winke ich ihr noch ein letztes Mal zu. Noch immer bis über beide Ohren strahlend winkt sie zurück. Ich wende mich ab und verlasse das Café. Sophia scheint die Welt nicht mehr zu verstehen, denn sie will unverzüglich von mir wissen, was da gerade eben passiert sei. Doch da ich einfach keine Worte dafür finde, ignoriere ich sie.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr und bemerke, dass wir fast den ganzen Nachmittag in einer einzigen Straße verbracht haben. Kurzerhand beschließen wir, uns auf den Weg zum Times Square zu machen. Sophia zückt ihr Mobiltelefon, um Wolfgang eine Nachricht zu schicken. Die restliche Strecke bis zu unserem Treffpunkt verbringen wir schweigend. Meine Freundin scheint immer noch ein wenig verwirrt wegen meines Verhaltens zu sein. Ich würde ihr gerne erzählen, was da eben passiert ist, doch ich kann es einfach nicht. Dazu müsste ich sehr weit ausholen, um ihr die Dimension der vorherigen Begegnung annähernd begreifbar machen zu können, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das überhaupt möchte.

Warte nicht auf morgen, lebe!

New Jersey, 27. Dezember

Es ist bereits nach zwanzig Uhr. Wir vier haben uns in der Küche versammelt, um gemeinsam das Abendessen vorzubereiten. Wolfgang und Dominik ist die Stille zwischen Sophia und mir nicht entgangen.

Nick gibt deshalb sein Bestes, um uns etwas aufzuheitern: „He, Mädels, darf ich euch bitten, mit etwas mehr Liebe zu kochen? Nicht, dass unser Essen noch Schaden nimmt an euren bad vibrations. Ihr solltet euch schön langsam wieder etwas entspannen. Man kann doch über alles reden. Also, setzt euch hin und sprecht noch mal über alles. Was haltet ihr davon?“

Dann legt er uns beiden je eine Hand auf die Schulter und grinst bis über beide Ohren. Ich kann mir das Lachen kaum verkneifen, dennoch komme ich seinem Wunsch, mich mit Sophia zu unterhalten, nicht nach. Diese ignoriert ihn ebenfalls.

Seufzend wendet sich Dominik schließlich von uns ab und fügt heftig kopfschüttelnd hinzu: „War nicht erst vor drei Tagen Weihnachten? Wo bleibt dann bitte der weihnachtliche Frieden? Versteh einer die Frauen.“

Indessen umarmt mich Wolfgang und fragt, ob ich mich mit ihm unterhalten möchte. Schweigend versuche ich einem Gespräch zu entgehen. Abermals kommen mir die Tränen. Ich lege das Küchenmesser, mit dem ich zuvor Paprika klein schnitt, zur Seite. Auf der Theke stehen ein paar saubere Tassen, welche Sophia zuvor aus dem Geschirrspüler herausgenommen hatte. Offensichtlich vergaß sie anschließend, die Schalen wieder in den Schrank zu räumen. Neben der Theke befindet sich ein Wasseraufbereiter. Ich schnappe mir einen der Kaffeebecher, drehe den kleinen Plastikhebel in Richtung der roten Markierung und fülle die Tasse mit heißem Wasser. Aus der unteren Schublade des antiken Schranks, welcher sich unter dem Küchenfenster befindet, nehme ich mir einen Teebeutel und etwas Zucker. Schweigend verlasse ich den Raum und setze mich in die gemütlich anmutende Hollywoodschaukel im Wintergarten.

Unzählige Dinge schwirren in meinem Kopf herum, sodass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen kann. Auf einmal sehe ich das kleine blonde Mädchen wieder vor mir. Es scheint so, als würden Vergangenheit und Gegenwart plötzlich miteinander verschmelzen. Ein einziges Wirrwarr an Bildern durchflutet mein Gehirn. Viele Situationen von früher tauchen auf einmal in meiner Fantasie auf. Geschehnisse, welche ich schon längst vergessen oder verdrängt hatte, fallen mir mit einem Schlag wieder ein. Operationen, Krankenhausaufenthalte, die Befreiung vom Sportunterricht, Klassenausflüge mit persönlicher Betreuung, unzählige Tage, die ich krank zu Hause verbrachte, während andere Kinder draußen spielten und sich austobten. Wäre mein Leben anders verlaufen, wenn mir früher jemand gesagt hätte, dass das alles irgendwann besser wird? Ich weiß es nicht. Vonseiten der Ärzte hieß es immer nur, wie schlecht es mir ginge und wie gering meine Lebenserwartung sei.

Die Begegnung vorhin im Café hat mich auch an die Beziehung zwischen meiner Mutter und mir erinnert. Wie oft habe ich Sätze gehört wie: „Pass auf, du könntest dich verletzen. Zieh dich wärmer an, sonst wirst du wieder krank. Nein, du darfst dort nicht hingehen, wer weiß, was dir da alles passieren kann.“ Oh mein Gott! Jetzt habe ich doch tatsächlich angefangen zu weinen. Ich komme mir so blöd vor. Mittlerweile ist das alles eine halbe Ewigkeit her und trotzdem gelingt es mir noch immer nicht, mit meiner Vergangenheit vollständig abzuschließen. Tränen kullern über meine Wangen. Sofort versuche ich, sie mit den Handkanten wegzuwischen. Doch es kommen immer mehr.

Erst jetzt bemerke ich, dass sich Wolfgang in der Zwischenzeit zu mir gesellt hat. Er stellt sich direkt vor mich hin und bückt sich zu mir herunter, um mir einen Kuss zu geben.

„Was ist denn los?“, erkundigt er sich.

Doch ich schüttle bloß den Kopf. Mir fehlen einfach noch immer die Worte. Ohne weiter nachzuhaken, setzt er sich neben mich und drückt mich fest an sich. Es kommt mir allmählich so vor, als wäre ich mir heute Nachmittag in gewisser Weise selbst begegnet. Das Mädchen war höchstens fünf Jahre alt. Doch für ihr junges Leben hat sie mit Sicherheit schon mehr ertragen müssen, als sich die meisten erwachsenen Menschen jemals vorstellen können. Ob sie wohl die gleichen Ängste durchlebt wie ich in ihrem Alter?

Als ich selbst noch den Kindergarten besuchte, kannte ich keinen Erwachsenen mit einer Narbe, die so aussah wie meine. Deshalb ging ich auch lange Zeit davon aus, dass ich sterben würde, noch bevor ich das Erwachsenenalter erreiche. Auch wenn meine Eltern lange Zeit versuchten, die Gespräche zwischen ihnen und den Ärzten von mir fernzuhalten, bekam ich dennoch mehr von all dem mit, als sie vielleicht ahnten. Heute wünschte ich mir, die beiden hätten mit mir schon von klein auf offen über die geplanten Untersuchungen und Operationen gesprochen. Erst sehr viel später begannen sie damit, mich in gesundheitlichen Fragen mit einzubeziehen. Sie wollten warten, bis ich alt genug sei, um zu verstehen, worüber sie sich mit den Ärzten unterhielten.

Meine Angst wurde allerdings durch mein Unwissen nur noch größer. Oft habe ich nächtelang geweint, da ich mich so sehr vor dem Einschlafen fürchtete. Ich glaubte damals, wenn ich meine Augen schließe, werde ich irgendwann nicht wieder aufwachen. Im Kindergarten und der Schule fühlte ich mich aufgrund des Schlafmangels häufig kraftlos und erschöpft. Einmal wurde ich deshalb sogar zu einer Kinderpsychologin überwiesen, da die Mediziner im Krankenhaus der Meinung waren, ich würde unter Panikattacken leiden. Der Behandlungsraum der Psychologin war allerdings schon Grund genug, um eine Panikattacke auszulösen. Er wirkte so beängstigend winzig und dunkel auf mich. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob es dort überhaupt ein Fenster gab. Zu allem Überfluss hat mir diese schrullige alte Psychologin sehr eigenartige Fragen gestellt. So etwas wie: „Was machst du, wenn du vom Wohnzimmer in die Küche gehst?“ Mittlerweile bin ich über zwanzig und weiß noch immer keine Antwort auf diese absurde Frage. Zum damaligen Zeitpunkt war ich gerade mal sieben Jahre alt. Diese Therapie hatte mein Leben und den Alltag nicht wirklich verändert, abgesehen natürlich von der Tatsache, dass ich nach diesen Sitzungen sogar selbst daran glaubte, unter einer Störung zu leiden. All diese Dinge wären mir vielleicht erspart geblieben, hätte ich als Kind einen Erwachsenen gekannt, der mir von seinem angeborenen Herzfehler erzählt hätte. Doch möglicherweise konnte ich dem kleinen Mädchen heute dabei helfen, nicht den Mut zu verlieren und für seine Träume zu kämpfen.

Im selben Moment bemerke ich, wie auf einmal alles aus mir herausbricht: „Was ist mit all meinen Träumen passiert? Mit den exotischen Plätzen und den Fremdsprachen? Und was ist mit dem Reiten? Oder mit meinem Studium? Was ist mit all diesen Dingen?“

Völlig im Unklaren darüber, was ich ihm damit eigentlich zu sagen versuche, sieht mich mein Freund auf einmal ein wenig ratlos an.

„Wovon sprichst du denn überhaupt, und was hat das alles mit heute Nachmittag zu tun?“

Noch immer schluchzend versuche ich verzweifelt, mein Verhalten zu erklären: „Ich hab von so vielen Dingen geträumt. Früher dachte ich, wenn ich nur fest genug daran glaube, dass ich später einmal viel Schönes erleben werde, würde all dies auch in Erfüllung gehen. Umso schlechter es mir im Krankenhaus ging, desto schöner und bunter war meine Vorstellung von all dem, was ich mir für meine Zukunft wünschte. Die Hoffnung, meine Träume später in die Realität umsetzen zu können, gab mir die Kraft weiterzumachen, auch wenn ich oftmals nicht einmal mehr wusste, wofür überhaupt. Verstehst du?“

Natürlich kann er es nicht verstehen. Wie denn auch? Im Gegensatz zu mir konnte mein Freund sein ganzes Leben lang all die Dinge tun, die er wollte, ohne sie sich erst vorstellen zu müssen. Er durfte jeden Sport ausüben und an jedem Schulausflug teilnehmen. Doch plötzlich beginnt Wolfgang zu überlegen.

„Weißt du, Schatz ...“, meint er ein wenig zögerlich, „ich versteh dich gerade nicht. Warum solltest du das denn nicht können? Tu, was auch immer du dir gewünscht hast zu tun.“

„Was willst du damit sagen?“, hake ich nach.

„Wer hält dich denn davon ab?“

Schulterzuckend antworte ich ihm: „Ich weiß es nicht, vermutlich habe ich einfach nur Angst.”

Dann fällt mir das Mädchen wieder ein und ich erzähle ihm, was vorhin im Café passiert ist.