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Laurie Matthew ist eine der wichtigsten Kämpferinnen gegen Kindesmissbrauch in Großbritannien. Doch nur wenige, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wissen, was sie selbst durchgemacht hat. In diesem Buch nimmt Laurie ihre Leserinnen und Leser mit in ihre Kindheit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Von ihren Eltern vernachlässigt und ungeliebt, klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der ihr Liebe und Aufmerksamkeit zukommen ließ: ihren Onkel Andrew. Die Sechsjährige konnte nicht ahnen, dass er sie systematisch darauf vorbereitete, sexuell missbraucht zu werden - nicht nur von ihm selbst, sondern später auch von einem ganzen Netzwerk von Pädophilen. Jahrelang schrie das Mädchen auf jede erdenkliche Weise um Hilfe. Doch sie war auf sich allein gestellt - und entwickelte eine unvorstellbare Stärke, um sich und anderen zu helfen.
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2018
Laurie Matthew ist eine der wichtigsten Kämpferinnen gegen Kindesmissbrauch in Großbritannien. Doch nur wenige, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen, wissen, was sie selbst durchgemacht hat. In diesem Buch nimmt Laurie ihre Leserinnen und Leser mit in ihre Kindheit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Von ihren Eltern vernachlässigt und ungeliebt, klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der ihr Liebe und Aufmerksamkeit zukommen ließ: ihren Onkel Andrew. Die Sechsjährige konnte nicht ahnen, dass er sie systematisch darauf vorbereitete, sexuell missbraucht zu werden – nicht nur von ihm selbst, sondern später auch von einem ganzen Netzwerk von Pädophilen. Jahrelang schrie das Mädchen auf jede erdenkliche Weise um Hilfe. Doch sie war auf sich allein gestellt – und entwickelte eine unvorstellbare Stärke, um sich und anderen zu helfen.
Laurie Matthew, Jahrgang 1953, ist eine international anerkannte Kämpferin gegen Kindesmissbrauch und –misshandlung. Sie hat mehrere Organisationen gegründet, um Menschen zu helfen, aus Missbrauchssituationen auszubrechen und ihre schlimmen Erfahrungen zu verarbeiten. Außerdem hat sie einige Bücher zu dem Thema geschrieben. Sie und ihre Organisationen wurden immer wieder mit Preisen ausgezeichnet. Die Autorin lebt heute nach langen Jahren in London wieder in ihrer Geburtsstadt Dundee in Schottland.
Laurie Matthew
BRAVES KLEINES MÄDCHEN
Ein krimineller Onkel. Eine gleichgültige Mutter. Ein kleines Mädchen, das auf Gerechtigkeit wartet
Aus dem Englischen von Sabine Schäfer
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2012 Laurie Matthew with Linda Watson-Brown
Originalausgabe: »Groomed«
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2018/2024 by Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Covergestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.deunter Verwendung eines Motives © shutterstock: Dmytro Zinkevych
eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-5895-7
luebbe.de
lesejury.de
Zwei sehr wichtigen Menschen in meinem Leben gewidmet:Meiner kleinen Schwester Sharron, die immer versucht hat, es zu erzählen. Und meiner jüngsten Tochter Jerricah, die mir sagte, ich solle es endlich tun.
Die Gedichte am Anfang eines jeden Kapitels hat Laurie während der Jahre ihres Missbrauchs geschrieben. Sie besitzt die Originale und hat sie genau so übertragen, wie sie sie während dieser schrecklichen Jahre geschrieben hat.
Mein Name ist Laurie Matthew, und ich werde Ihnen Dinge erzählen, die ich noch nie jemandem erzählt habe.
Wenn Sie meine Geschichte lesen – eine Geschichte, die ich bewusst viele Jahre lang verschwiegen habe, aus Gründen, die sehr bald offensichtlich sein werden –, werden Sie sie nicht glauben wollen. Das weiß ich. Ich weiß es, weil ich jeden Tag meines Lebens bei meiner Arbeit mit schrecklichen Geschichten zu tun habe, über furchtbare Dinge, die Kindern angetan werden und die niemand glauben will. Warum sollte es mit dieser anders sein?
Tatsächlich werden Sie diese Geschichte sogar noch weniger glauben können. Es wird Zeiten geben, zu denen die Leser sie so fantastisch, so unwahrscheinlich finden werden, dass sie sich fragen, wie jemand darauf kommen konnte, solche Dinge zu tun. Doch so war es.
Ich arbeite an einem gewöhnlichen Ort, aber ich habe jeden Tag mit ungewöhnlichen Menschen zu tun. Diese Geschichte beginnt mit dem Gewöhnlichen – aber das wird nicht lange so bleiben.
Vor einigen Jahren habe ich eine Hilfsorganisation für die Überlebenden von Kindesmissbrauch gegründet. Die Hilfsorganisation ist gewachsen und hat sich entwickelt, doch eine Sache ist gleich geblieben: Von einem Tag zum anderen weiß ich nie, was ich zu erwarten habe. Die Menschen jedoch, die durch unsere Tür kommen – Mädchen, Jungen, Frauen, Männer, Mütter, Väter, Ärzte, Rechtsanwälte, Suchtkranke, Lehrer, alle möglichen Leute – haben alle eins gemeinsam: Sie haben nicht aufgegeben. Und für einige von ihnen ist das eine unglaubliche Leistung. Ausnahmslos war die Reise, die sie hinter sich haben, lang und schrecklich, und sie geht immer noch weiter. Sie wird jeden Tag ihres Lebens weitergehen, sogar wenn sie glückliche Tage haben, gute Tage, Tage, von denen sie dachten, sie würden sie nie wieder erleben. Ich bin eine von diesen Überlebenden, obwohl das vielen von ihnen nicht klar ist. Es ist nicht meine Aufgabe, ihnen meine Geschichte zu erzählen. Ich bin da, um zuzuhören, nicht, um zu reden.
Ich mag keine Aufmerksamkeit. Ich bin gerne ruhig, halte mich im Hintergrund. Ich werde jedoch alles in meiner Macht Stehende tun, um den Menschen zu helfen, die zu mir kommen, und für sie werde ich aus meiner Komfortzone herauskommen. Ich werde reden. Ich werde diejenige sein, die aufsteht und Reden hält. Ich werde Aufmerksamkeit auf mich ziehen. Ich bin in der Lage, es zu tun, wenn es für jemand anderen oder eine gute Sache ist, aber ich mag es nicht, und ich habe es gewiss vorher noch nie für mich selbst getan. Also müssen die Leser Geduld mit mir haben. Das hier fällt mir nicht leicht, aber ich tue es aus einem bestimmten Grund.
Jeden Tag sitze ich in meinem Büro – im Hintergrund ist immer ein Wasserkocher an, ein Telefon klingelt, ständig kommt jemand vorbei, um um etwas zu bitten, mit jemandem zu plaudern oder um sich bloß die Chinchillas anzusehen, die wir halten. Die Tränen werden oft versteckt, das Lachen nicht. Wir sind ein freundlicher Haufen, das hoffe ich jedenfalls. Wir helfen, wir hören zu. Manchmal sagen wir nichts, weil das genau das ist, was gebraucht wird.
Ich mache diesen Job jetzt seit so vielen Jahren. Ich habe Dienstleistungen eingerichtet und Gruppen aufgebaut. Ich rede mit Politikern und Lehrern. Ich sage als Zeugin aus und leite Schulungsprogramme. Ich kann mich kaum noch an all die Länder erinnern, die ich besucht habe, all die Menschen, die ich getroffen habe.
Natürlich gibt es Dinge, die mir im Gedächtnis bleiben, und jener Tag vor sechs Jahren wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Ich saß in demselben Büro, das ich gerade erwähnt habe, und wie jeden Nachmittag, war der Wasserkocher an und die Telefone klingelten. Ich nahm die örtliche Zeitung in die Hand und sah mir die Schlagzeile an. Ein weiterer Kinderschänder, eine weitere Geschichte von einer zerstörten Kindheit und verlorener Unschuld.
Dieses Mal schrie die Schlagzeile nach Gerechtigkeit – es war ein weiter zurückliegender Fall von zwei kleinen Mädchen, die von einem Familienmitglied missbraucht worden waren, die jedoch endlich das Wort ergriffen und für ein wenig Gerechtigkeit gesorgt hatten.
Der Mann, der für diese scheußlichen Verbrechen über viele, viele Jahre verantwortlich war, war nichts Besonderes. Er war alt, ein Rentner. Es war nichts Bemerkenswertes an ihm. Nach meiner Erfahrung ist das selten der Fall.
Als ich mir weiter die Geschichte ansah, erschien sie mir sehr vertraut. Ich hatte das alles schon so viele Male gehört. Ich war daran gewöhnt. Ich war es gewöhnt, dass die Kinderschänder wie alle anderen aussahen. Ich war an die Tatsache gewöhnt, dass sie normale Jobs, normale Leben hatten und man sie oft für aufrechte Bürger hielt. An all das war ich gewöhnt.
Woran ich nicht gewöhnt war, war die Tatsache, dass es dieses Mal mein Name war, der in der Zeitung stand.
Ich war diejenige, die als das Opfer identifiziert wurde.
Es war mein Onkel, der verurteilt worden war.
Dieses Mal war es meine Geschichte.
Ich hatte mein Leben dem Versuch gewidmet, etwas zu bewegen, anderen zu helfen, die diese furchtbare Erfahrung gemacht haben. Aber ich hatte nie darüber gesprochen, was ich erlebt hatte.
Dieses Mal war es anders.
Dieses Mal ging es um mich.
Es ist mir egal, wenn du schreist und mir wehtust.Ich werde niemals für dich weinen.Die Tränen, die ich innerlich weine, sind die meinen.Dort verstecke ich mich vor dir.
Ich wurde in eine sehr gewöhnliche Umgebung hineingeboren. Natürlich würde das, was in den 1950er Jahren in der Welt der Arbeiterklasse von Dundee »gewöhnlich« war, heutzutage als ausgesprochene Armut gelten. Unser Haus war klein und feucht, und die Fenster klapperten. An ihrer Innenseite lief Wasser hinunter und sammelte sich auf den hölzernen Fensterbrettern. Wir hatten Außentoiletten, keine Straßenlaternen und die einzige Beheizung kam von einem Kohlenfeuer. Die Feuerstelle hatte einen Vorsprung für den Wasserkessel, der über das Feuer geschoben werden konnte, mit einem Kohleneimer aus Blech daneben und einem Blechbehälter für den Schürhaken, einer Zange, einer kleinen Bürste und einer Schaufel, um die Feuerstelle zu reinigen. Wir wuschen uns mit Karbolseife, und es gab keine Zahnbürsten. Doppelverglasung war etwas, von dem niemand von uns je etwas gehört hatte, und im Winter konnte man sich nur warm halten, wenn man Schichten von kratzigen Decken um sich wickelte. Es gab keine Telefone, kein Fernsehen. Auf den Böden lagen keine Teppiche, und die Möblierung war gelinde gesagt karg.
Im vorderen Raum befanden sich eine tiefe Spüle, ein Holztisch mit Holzstühlen und ein Sideboard voller Krimskrams. Auf dem Boden lag Linoleum, und in der Bettnische stand ein Bett. Hinter der Vordertür befand sich eine kleine dunkle Eingangshalle, die den Münzstromzähler beherbergte. Es gab einen weiteren Raum, ein Hinterzimmer, in das überhaupt kein Licht fiel, es sei denn, das elektrische Licht wurde angeknipst. Kindern war es auf jeden Fall nie erlaubt, das Licht anzumachen, da es zu viel Geld kostete. Dieses Hinterzimmer beherbergte die Singer-Nähmaschine auf einem schwarzen Gestell, eine Holzkommode für Kleidung und einen Schrank, in dem sich die gesamte Bettwäsche befand. Eine Matratze auf dem Boden wurde zum »Hau dich hin«, meinem Bett. Sie wurde am Morgen zusammengeklappt, um Platz zu schaffen, und der Boden war dann nackt. Die Wände im Vorderzimmer waren in einem Rosaton gestrichen, mit fliegenden Enten darauf, einem Spiegel und diversen Bildern. Das Hinterzimmer war sehr schäbig – die Wände bedeckte hauchdünnes Schrankpapier – und es roch durchdringend nach Feuchtigkeit.
Im Winter hatten wir nicht einmal Handschuhe – doch die Kinder wickelten ihre Hände in Lumpen oder Socken, um die Kälte abzuhalten. Ich kannte niemanden, der mehr als eine Garnitur Kleidung und Schuhe hatte. Abgelegte Kleidung zu tragen, war üblich, und selbst die Sonntagssachen stammten oft aus zweiter Hand. Die meisten Frauen strickten, was aber nicht bedeutete, dass sie besonders gut darin waren! Selbst kleinen Kindern wurde beigebracht, wie man flickte oder stopfte, und auch das führte oft zu wirklich ungepflegter und heruntergekommener Kleidung. Tatsächlich wurden alle Kinder, egal wie alt sie waren, ermutigt, ja eigentlich wurde es von ihnen erwartet, im Haushalt zu helfen. Darunter konnte das Waschen der Kartoffeln (sie wurden nie geschält, da dies eine Verschwendung gewesen wäre) fallen, das Reinigen und Anzünden des Feuers, das Kleinschneiden von Zeitungspapier, damit es als Klopapier benutzt werden konnte, und viele andere kleine Dinge, die täglich anfielen. Es gab weder Waschmaschinen noch Mikrowellen oder Toaster. Tatsächlich war es, da der Toast am Feuer geröstet wurde, eine der Aufgaben, die oft den Kindern übertragen wurden, die schwarzen Stellen abzukratzen. Das Ganze stank, aufgrund des Gestanks des Kohlenfeuers, der alles durchdrang – aber alle rochen gleich.
Die Skyline sah damals auch völlig anders aus. Es gab keine Fernsehantennen, keine Telefonleitungen (weil es in den Häusern der armen Leute keine Telefone gab), keine Satellitenschüsseln – keine Anzeichen der sogenannten »Zivilisation«, die die heutige Gesellschaft für selbstverständlich erachtet.
Das war die Welt, in die ich hineingeboren wurde. Als ich kam, hatten meine Eltern bereits ein Kind, einen Jungen, der vierzehn Monate älter war als ich. Er war der Grund, warum sie überhaupt geheiratet hatten. Das musste mir niemand erzählen, da ich, sobald ich zählen konnte, und wusste, wie lange Babys ausgetragen wurden, auch wusste, dass George weniger als neun Monate, nachdem sie geheiratet hatten, geboren worden war.
Unsere Wohnung befand sich im Zentrum von Dundee, einer größeren Stadt eine Stunde nördlich von Edinburgh, traditionell bekannt für die Juteherstellung und den Schiffbau. Das war vor einer Ewigkeit. Heute ist Dundee im Aufwind. Millionen von Pfund werden in die Stadt gepumpt. Ein neues Victoria-und-Albert-Museum ist in Planung, und das Hafenviertel entwickelt sich so schnell, dass sogar im Gespräch ist, dort in zwanzig Jahren ein Guggenheim-Museum zu bauen.
Damals, als ich ein kleines Mädchen war, war es ganz anders; es gab sehr wenig Verkehr, also bestand keine Notwendigkeit, die Verkehrsregeln zu lernen. Im Stadtzentrum gab es mehr Autos als weiter draußen in den Vororten und ländlichen Gegenden, aber nicht wirklich viele. Alle Autos hatten dieselbe Farbe: schwarz. Ich erinnere mich daran, dass sie vorne große Kühlergrille hatten und Blinker, die an der Seite herauskamen, wie kleine Flaggen. Auch Straßenbahnen gab es noch in Dundee, als ich jung war, und sie machten den größten Teil des Verkehrs aus, zusammen mit Rädern, Lastwagen und Bussen. Die Leute, die Autos besaßen, hatten keine Probleme mit dem Parken, da sie ihre Fahrzeuge abstellen konnten, wo immer sie wollten, ohne Angst vor Halteverboten oder Parkuhren haben zu müssen. Diese Dinge gab es einfach nicht. Die Busse waren grün und hatten harte Plastiksitze und keine Türen. Es war kalt, wenn man in ihnen saß und auch ziemlich unsicher. Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften gab es noch keine; man setzte jedes Mal sein Leben aufs Spiel, wenn man in einen Doppeldecker stieg!
Es gab viele kleine Läden, alle unterschiedlich, und die Situation war Welten entfernt von heute, da jede Hauptgeschäftsstraße gleich aussieht und voll von großen Handelsketten ist (obwohl wir einen Woolworth hatten). Die meisten Läden hatten eine herunterziehbare Markise, damit die Kunden bei Regen trocken blieben, während sie sich die Auslagen im Fenster ansahen. Es gab Textilgeschäfte, Schlachter, Eisenwarenhändler, Obst- und Gemüseläden. Keiner von ihnen gab Plastiktüten aus. Wenn man zum Beispiel Kartoffeln wollte, wurden sie ausgewogen (in Pfund, nicht in Kilo) und direkt in die Einkaufstasche oder den Korb gekippt. Es gab keine verarbeiteten Lebensmittel, also mussten die Grundzutaten gekauft und in Mahlzeiten verwandelt werden. Die Läden verkauften Dinge aus großen Fässern heraus, wie etwa zerbrochene Kekse, Mehl und Haferflocken. Es gab keine Musikberieselung, alles, was man hörte, war Klatsch.
In der Mitte der Straßen standen Marktstände, und sogenannte »Fahrende« verkauften Sachen aus Körben. Es gab einen dieser Märkte in der Stadtmitte, wo unsere Familie viel von ihrer Kleidung herbekam. Es war altes Zeug, aber es wurde auseinandergenommen und aufgeribbelt, um neu gestrickt und wieder zu »neuen« Kleidungsstücken zusammengenäht zu werden.
Alle rauchten – sogar in den Läden. Meine Eltern rauchten beide; keiner hatte eine Ahnung von den Gesundheitsrisiken. Die Leute schienen immer einen Glimmstängel in der Hand oder im Mund zu haben, egal, was sie taten, oder ob Babys oder Kinder in der Nähe oder sie sogar selbst schwanger waren.
Eigentlich stank alles nach irgendetwas. Die Hauptgerüche während des Tages waren die vom Waschraum, der nach hinten raus lag. Der Waschraum für alle Mietshäuser befand sich hinter unserem Haus, also war es immer laut und hektisch. Die Gestankmischung, die von ihm ausging, bestand aus Karbolseife, Dampf und Schweiß. Es war dort immer geschäftig, da Frauen und Kinder dort Wäsche wuschen. Manchmal wurden die Kinder, nachdem die Kleidung gewaschen war, für eine flüchtige Säuberung ebenfalls in das dreckige Wasser gesteckt. Ich denke, dass sie schmutziger herauskamen, als sie hineinstiegen.
Es gab zwei Außentoiletten, die sich eine Menge Leute teilen mussten. Die gesamte Wohneinheit bestand aus etwa zehn Familien, und sie hatten alle Kinder, also müssen sich mindestens vierzig Leute diese zwei Toiletten geteilt haben, was ziemlich widerlich war. Die Frauen wechselten sich damit ab, sie zu putzen, aber es gab nicht die Reinigungsprodukte, die wir heute haben. Da war ein Spülkasten hoch oben an der Wand, mit einer Metallkette, an der man zog, um zu spülen, und eine hohe Toilette mit einem Holzsitz, die für Kinder ziemlich schwer zu benutzen war. Die Wände waren aus Backstein, und es gab kein Waschbecken. Toilettenpapier war nichts anderes als klein geschnittenes Zeitungspapier, das man jedes Mal mitnahm; nicht einmal das konnte man dort lassen, da die Gefahr bestand, dass es jemand klaute. In der Nacht benutzten die Leute einen Nachttopf, weil es draußen keine Beleuchtung gab und keine Taschenlampen; wer hätte es riskieren wollen, in den frühen Morgenstunden dort hinauszugehen?
Ich kann mich wirklich nicht mehr an die Nachbarn erinnern, abgesehen von der Tante und dem Onkel, die in der nächsten Wohneinheit lebten, aber es waren immer Leute da. Das Mietshaus hatte keinen sicheren Eingang, also war der Hinterhof offen für alle und auch für Wind und Wetter. Meiner Mutter war es wichtig, den Schein zu wahren, daher färbte sie unsere vordere Türschwelle immer mit einer rotbraunen Farbe, um sie vornehm aussehen zu lassen. Außerdem schrubbte sie jeden Teil des Hinterhofs, den sie erreichen konnte.
Die Straße war lang und breit, und hatte Läden auf der gegenüberliegenden Seite. Etwa fünfundvierzig Meter von uns entfernt befand sich ein Bauhof, wo mein Vater als Maurer arbeitete. Es war eine geschäftige Straße, aber eher bevölkert von Menschen, als von Autos. Wir waren nahe genug am Fluss Tay, um manchmal das Meer zu riechen, und der Lärm von Möwen war alltäglich.
Es war ungewöhnlich, draußen einen Mann zu sehen, der keinen Hut trug, oder eine Frau ohne Hut oder Kopftuch, das in Dreiecksform gebunden wurde. Die Jungen trugen kurze Hosen, und die Mädchen trugen Kleider und hatten Bänder im Haar. Man hatte kaum eine Wahl, aber niemand dachte sich etwas dabei; es war einfach so.
Ich teilte mein Schlafzimmer mit meinem Bruder George, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er wurde mit einem Lungenproblem geboren und zog sich dann Diphtherie zu; außerdem wurde bei ihm ein Wirbelsäulenleiden diagnostiziert. Er war ein Fremder für mich. Das Krankenhaus war etwa vierzig Meilen entfernt, und es war für Leute aus der Arbeiterklasse wie uns, unmöglich zu erreichen. Obwohl mein Dad Auto fahren konnte, tat er das nur bei der Arbeit; wir hatten kein Auto, also gingen sie George nicht allzu oft besuchen.
Ich wusste sehr wenig darüber, was mit George los war. In diesen Tagen wurden Kinder nicht wirklich in Familiendiskussionen einbezogen. Um einen herum gingen Dinge vor, aber man musste versuchen, die Punkte selbst zu einem Bild zu verbinden. Das alte Sprichwort, Kinder werden gesehen, aber nicht gehört, war so ziemlich die Regel. Daher habe ich wenig Erinnerungen an George. Ich dachte tatsächlich, er lebe im Krankenhaus und es sei ungewöhnlich, wenn er zu Hause war, statt andersherum. Ich kannte nichts anderes, so war meine Welt einfach. Ich lebte einfach mein Leben, mit einem Bruder, der selten da war, und manchmal mit dem Onkel und der Tante von nebenan und ihren Kindern.
Meine Familie besaß nicht viel, aber so ging es allen um uns herum. Es gab keinen Urlaub, keine Ausflüge in den Park, an den Strand oder ins Kino. Die einzigen »Spielzeuge«, die ich hatte, waren von der Straße aufgelesene Steine, oder Holz- oder Kohlestücke, die von Lastwagen oder Karren gefallen waren. Ich erinnere mich, wie ich im Regen in der Gosse mit Steinen, Holz und Papierfetzen spielte, um zu sehen, was schwimmen würde.
Die Gegend, in der wir lebten, war dunkel; es gab keine Straßenlaternen und kein Licht an den Häusern, und der Rauch aus den Schornsteinen färbte alles schwarz, einschließlich der Bäume. Es war arm, karg und trist. Die Leute waren ernst, müde von der Arbeit und neigten dazu, nicht mit ihren Kindern zu spielen oder die Kinder auch nur zu ermutigen, mit anderen Kindern zu spielen. Wenn man dabei erwischt wurde, wie man herumsaß, fand immer jemand eine Aufgabe für einen. Selbst alte Leute, die an einem schönen Tag auf der Straße saßen, zerrten einen zu sich, um Erbsen zu schälen oder sie legten einem einen Strang Wolle über den Arm, damit sie sie zu einem Ball aufwickeln konnten.
Dad war Bauarbeiter, aber Mum hatte eigentlich nie einen richtigen Beruf, was zum Teil auf die Krankheit meines Bruders zurückzuführen war, zum Teil auch auf die Zeit und auf die Tatsache, dass sie »nicht das Temperament dafür« hatte, wie sie es ausdrückte. Sie arbeitete gelegentlich in Läden und putzte Büros. Ich weiß, dass sie irgendwann auch Näherin war und Flickarbeiten annahm, aber es gab nicht einen bestimmten Beruf, bei dem sie blieb. Wenn ich daran zurückdenke, welche Art von Mensch sie war, vermute ich, dass sich dieses »Temperament« auf mehr Menschen als nur mich auswirkte, obwohl ich vermutlich diejenige war, auf die es sich am meisten auswirkte.
Mums Laune war der Maßstab, an dem ich damals den größten Teil meines Lebens maß. Zu sagen, sie habe ein hitziges Temperament gehabt, wäre eine Untertreibung. Eines Tages, als ich noch ziemlich klein war, versuchte sie, mir zu zeigen, wie man strickt. Ich hatte echte Schwierigkeiten, es hinzubekommen, aber ich war ja auch erst vier.
»Gott, bist du dumm«, blaffte sie, während sie mir mit ihrer Hand einen Klaps an die Seite meines Kopfes verpasste.
Das ging eine ganze Zeit so. Ich versuchte es weiter – aber ich konnte es einfach nicht. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass ich noch zu klein war, nicht gut im Stricken oder ob ich solche Angst davor hatte, wie sie reagieren würde, dass ich mich nicht entspannen konnte, aber ich weiß, dass ihre Wut, jedes Mal, wenn ich es nicht schaffte, eine Masche aufzunehmen, und mit jeder fallen gelassenen Masche, immer mehr hochkochte.
Dasselbe passierte, als sie versuchte, mir einfaches Nähen beizubringen. Ich stach die Nadel aus Versehen in meinen Finger und blutete auf das Stickmustertuch.
»Gibt es irgendwas, das du richtig machen kannst?«, brüllte sie. »Ich weiß nicht, warum ich mir die Mühe mache. Du bist nutzlos – warst es immer und wirst es immer sein.«
Meine Kindheit war weit davon entfernt, romantisch und rosig zu sein. Ich wusste, dass wir sozial ziemlich benachteiligt waren, aber ich wusste auch, dass die meisten unserer Nachbarn es ebenfalls waren. Sie kleideten sich auf dieselbe Art, aßen dieselben Dinge, und sie kamen von Woche zu Woche gerade so über die Runden, manchmal von Tag zu Tag. Niemand hatte Luxus oder viel Geld, mit dem er um sich werfen konnte. Alle schienen in Läden, Fabriken oder auf Baustellen zu arbeiten, selbst wenn es nur ein paar Stunden hier und dort waren, oder für sehr wenig Geld. Es wurde als sehr peinlich empfunden, arbeitslos zu sein, besonders bei Männern, und die Leute redeten über sie und bezeichneten sie als »Hausmänner« und Ähnliches. Doch trotz der vielen Gemeinsamkeiten mit anderen Haushalten hatte ich immer das Gefühl, anders zu sein, und dieses Anderssein rührte nicht von einem Mangel an materiellen Dingen her. Unser Haus lag in einer Gegend, in der alle nah beieinander lebten, daher konnte man immer sehen, wie andere Familien lebten und ihre Verwandten behandelten. Ich beobachtete, wie andere aufgezogen wurden, und es hatte nichts mit meiner eigenen Erfahrung gemein. Ich sah, wie sie umarmt wurden, und ich fragte mich, warum das bei mir nicht der Fall war. Ich sah, wie ihre Mütter ihnen einen kleinen Klaps gaben, weil sie frech waren, aber ihnen nicht vor Wut beinahe das Kinn brachen, wie meine Mutter. Wenn sie einen Streit hatten, sah ich wie, die Mütter ihre Kinder gleich danach knuddelten, als würden sie es bedauern, sie disziplinieren zu müssen. Sie wischten ihnen den Dreck aus dem Gesicht und gingen mit ihnen hinein, um zu Abend zu essen. Wenn ein Kind hinfiel oder in einen Kampf geriet, kam gewöhnlich ein Elternteil heraus und holte es oder stritt sich mit jedem Nachbarn, der versuchte, es zu disziplinieren.
Insgesamt kümmerten sich damals die Leute um ihre eigenen Angelegenheiten. Kinder gehörten den Eltern, und keiner mischte sich ein. Es war eine andere Zeit, als Eltern ihr Kind auf der Straße schlagen konnten und es auch taten, ohne dass irgendjemand etwas sagte oder unternahm. Heutzutage tun sie es hinter verschlossenen Türen. Bei manchen Eltern gab es jedoch auch eine Art Stammesbesitzdenken, welches es ihnen erlaubte, ihr eigenes Kind windelweich zu prügeln, es sie aber nicht akzeptieren lassen konnte, dass irgendjemand anders etwas über es sagte.
Bei mir war das nicht so. Sogar im Alter von drei Jahren saß ich auf dem Bürgersteig, und mir graute vor dem Gedanken, zurück nach Hause gehen zu müssen. Die Erwachsenen haben mich bestimmt gesehen, aber sie mischten sich, aufgrund dieses ungeschriebenen Gesetzes der Arbeiterklasse in den 1950ern, dass man sich raushielt, nicht ein. Von diesem Augenblick in meinem Leben an lernte ich, andere Leute zu beobachten, und es war etwas, was ich nie aufgegeben habe. Ich tue es bis heute. Immer wenn ich das Gefühl habe, nicht ganz zu wissen, wie ich mich verhalten oder reagieren soll, studiere ich andere. Ich studiere »normale« Menschen, um Hinweise zu bekommen, und ich versuche zu tun, was sie tun, da ich nie so wie andere Kinder in der Lage war, zu lernen, wie man sich in der Gesellschaft verhält.
Ich fühlte mich immer als Außenseiterin. Ich war immer hungrig und ein bisschen elend. Es war gängige Praxis (nicht nur für mich), ein Kind zur Strafe ohne Abendessen ins Bett zu schicken. Lebensmittel waren allgemein knapp, und man war dankbar für das, was einem gegeben wurde. Ich habe hungrig zu sein nie als etwas Falsches angesehen. Es war einfach so. Kinder waren in der Hackordnung ganz unten, und der Vater und Ernährer bekam fraglos das beste Essen. Kinder bekamen damals kaum Frühstück, Abendessen, Tee, Liebe oder Unterstützung. Vielleicht im Notfall mal zwei Dinge von der Liste!
Ich war kein Kind, das lächelte; tatsächlich gibt es kein einziges Foto von mir, auf dem ich auch nur den Hauch eines Grinsens zeige. Und war das ein Wunder? Mein Leben war furchtbar, ich wusste das damals, und ich weiß es heute, wenn ich mit dem Bewusstsein einer Erwachsenen zurückblicke. Wenn kleine Kinder lächeln, ist es meistens, weil sie auf jemanden reagieren, der sie anlächelt, aber das ist in meinem Leben nicht oft vorgekommen.
Mum schien unfähig zu sein, mir gegenüber Liebe zu zeigen, und sie war nicht die Einzige. Meine Oma von Dads Seite starrte mich immer mit einem absolut hasserfüllten Blick an. Sie machte immer wieder deutlich, dass ich diejenige hätte sein sollen, die im Krankenhaus lag, und nicht mein schöner Bruder, wie sie George nannte. Als ich noch sehr klein war, verstand ich das nicht, im Laufe der Zeit wurden mir oft Bemerkungen an den Kopf geworfen, ich sei gesund und wohlauf, während George leide und anfällig sei.
Eines Tages sagte meine Mum, wobei sie mich mit kaltem Blick ansah: »Du hättest es sein sollen, bei Gott, du hättest es sein sollen«, während sie mit Oma Matthew über George sprach.
Diese Bemerkung meiner Mutter wurde oft wiederholt. Vielleicht hätten sie, wenn ich nicht geboren worden wäre, mehr Geld gehabt und wären in der Lage gewesen, George öfter zu besuchen? Vielleicht ging es nur darum, dass er ein Junge und der Erstgeborene war, und doch war es das Mädchen, das fit und gesund war? Ich war diejenige, auf die sie all ihre Wut richten konnten, wenn sie an Georges Krankheit dachten, daher war ich wohl eine Art Sündenbock. Tatsächlich war ihre Abneigung gegen mich das Einzige, was meine Mum und meine Oma gemeinsam hatten. Oma war Protestantin und Mum in der anglikanischen Kirche – was damals in den Augen von schottischen Angehörigen der Arbeiterklasse so gut wie katholisch war. Sie waren sich nie über irgendetwas einig, außer über ihre Liebe zu George und ihre Abneigung gegen mich.
Ich habe keine Ahnung, warum sie so dachten. Dass ich von den beiden Frauen, die mich hätten vergöttern sollen, so gehasst wurde, war in meinen Augen ein Beweis dafür, dass ich unwürdig war, geliebt zu werden. Mütter und Großmütter lieben kleine Mädchen doch automatisch, oder? Ich dachte, das würden sie tun. Ich dachte, das sollten sie tun. Ich sah es überall um mich herum, aber nichts davon traf auf mich zu. Angesichts der Tatsache, dass keine von beiden so empfand, musste das bedeuten, dass es meine Schuld war, folgerte ich.
Oma Matthew kniff und schubste mich. Sie tat es nicht einmal heimlich; sie schubste und verletzte mich ganz offen vor anderen. Ich sah, wie liebevoll sie mit meinem Cousin umging, der in der nächsten Wohneinheit lebte. Er war älter als ich, und wenn sie zu Besuch kam, umarmte sie ihn zur Begrüßung. Warum empfand niemand mir gegenüber Liebe?, fragte ich mich.
Jedes Mal, wenn wir in ihr Haus kamen, stupste meine Mum mich an und sagte: »Gib deiner Oma einen Kuss.«
»Sieh sie dir an, sieh dir an, wie langsam sie ist, die verdammte Idiotin«, sagte meine Oma, wenn ich zu ihr ging. »Halt sie mir vom Leib!«, sagte sie schaudernd, wenn ich mich hinabbeugte, um sie auf die Wange zu küssen. »Mach schon, schaff mir diese fette Idiotin aus dem Blickfeld!«, kreischte sie und schob mich weg.
Ich weinte nie angesichts dieser Worte – ich war ein sehr stoisches Kind, doch mein Mangel an Tränen gab ihnen noch mehr Munition.
»Reagiert sie auch mal?«, sagte meine Oma dann. »Ich denke, sie ist langsam – man bekommt nicht mal eine verdammte Träne aus ihr heraus.«
Wenn ich etwas gesagt hätte, hätte Mum mich sowieso geschlagen. Man musste damals die Erwachsenen respektieren; keine Widerworte geben, sprechen, wenn man angesprochen wurde und all diese Regeln, egal, was der Erwachsene tat oder sagte. Weinen funktioniert sowieso nur, wenn jemand genug Zuneigung hat, um es zu bemerken. Ich lernte schon sehr früh, dass es zwecklos war.
Meine Mum drohte immer, mir »einen Grund zum Heulen zu geben«. Sie beschimpfte mich und zeigte mir nie auch nur einen Hauch von Zuneigung. Sie ignorierte mich nicht nur, sie gab sich alle erdenkliche Mühe, mir zu zeigen, wie sehr sie mich verabscheute. Ich war nicht nur unsichtbar für sie, sie sah mich an, als wäre ich etwas Ekelhaftes. Jedes Mal, wenn George aus dem Krankenhaus nach Hause kam, überschüttete sie ihn mit Liebe und Aufmerksamkeit, und machte, indem sie es andauernd sagte, der ganzen Familie klar, dass er ihr Liebling war – ich konnte einfach nicht mit ihm konkurrieren. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen war; ich akzeptierte es einfach. Ich war nicht mein Bruder, ich war ein schlechter Ersatz. Ich habe versucht, herauszufinden, wie ein Kleinkind so einen Hass in Erwachsenen hervorrufen kann, und ich finde einfach keine Antwort darauf. Wenn ich älter gewesen wäre und mich schlecht benommen hätte, dann hätten sie vielleicht eine Entschuldigung gehabt, aber wie kann man jemanden so behandeln, der kaum älter ist als ein Baby? Was konnte ich getan haben, dass sie mich so verabscheuten?
Eines Tages, als ich drei war, schenkte mir Oma Matthew einen Kinderwagen. Es war ein echter Kinderwagen, für ein echtes Baby, nicht für eine Puppe, und es wurde ein Riesentheater um ihre Großzügigkeit gemacht. Er war in Wirklichkeit in sehr schlechtem Zustand und reif für die Müllhalde, aber er wurde mir präsentiert, als wäre er aus Gold, und es wurde von mir erwartet, ganz schrecklich dankbar dafür zu sein.
»Sieh dir das an, Lorraine!«, sagte meine Mum. »Sieh dir das an! Bist du nicht ein glückliches kleines Mädchen – oh, das ist wunderbar, ganz wunderbar!«
Alle stimmten ihr zu. Sie sagten alle, wie viel Glück ich hätte und wie großzügig Oma Matthew sei. Ich hatte das Gefühl, etwas völlig anderes vor Augen zu haben – er war furchtbar! Vielleicht hätte ich aber doch dankbar sein sollen, da er das Einzige war, was sie mir, soweit ich mich erinnern kann, abgesehen von blauen Flecken, jemals geschenkt hat. Man erwartete von mir, dass ich mich vor Freude überschlug. Mir wurde gesagt, was ich für ein Glück habe, dieses nützliche Gerät durch die Straßen von Dundee schieben zu dürfen. Es war nicht nur die erste und einzige Sache, die Oma Matthew mir jemals schenkte, es war, soweit ich mich erinnere, die erste Sache, die ich überhaupt jemals geschenkt bekam. Doch sie erschien mir nicht besonders wundervoll. Sie kam von jemandem, der mich hasste, und den ich infolgedessen auch hasste. Es war kein hübscher kleiner Wagen für Puppen – und ich hatte sowieso keine Puppen, die ich hätte hineinlegen können. Nachdem alle Oma gesagt hatten, sie sei die großzügigste Frau der Welt und ich das glücklichste Mädchen in der Straße, wurde das große, unförmige Ding nach draußen gebracht, und die Tür wurde hinter mir geschlossen. Ich war drei Jahre alt und hatte einen riesigen Silver-Cross-Kinderwagen mit Federgestell vor mir. Ich wusste genau, was zu tun war. Kleine Triumphe sollten meine Methode werden, mit dem unfairen Blatt umzugehen, das mir das Leben ausgeteilt hatte, und das sollte mein erster sein. Ich würde zurückschlagen und ich würde dafür sorgen, dass alle erfuhren, was ich von Oma Matthew und ihrem Geschenk hielt.
Die Straßen waren geschäftig, obwohl es nicht viele Autos gab, zum Teil wegen der Pferde, die immer noch hin und her liefen und Lieferungen für Milchmänner, Kohlenlieferanten und Lumpensammler machten. Ich ging ein paar Straßen weiter – wir wohnten sehr nah bei meiner Oma – und verbrachte Stunden damit, den verdammten Kinderwagen mit jedem bisschen Dreck zu füllen, den ich in die Finger bekommen konnte. Ich holte den Schmutz aus der Gosse und den Schlamm aus jedem Winkel und jeder Ritze, und packte den Silver Cross so voll, wie ich konnte. Ich wusste, dass Oma Matthew mich hasste, aber ich hasste sie auch, und das würde meine Art sein, ihr und allen anderen zu zeigen, was ich von der alten Hexe hielt. Ich erinnerte mich daran, dass Dad auf einer Baustelle in der Nähe unserer Wohnung gearbeitet hatte, daher schob ich den inzwischen unglaublich schweren Kinderwagen dorthin, um noch mehr Schutt zu holen. Dort gab es jede Menge davon.
Als ich fertig war, trat ich einen Schritt zurück und betrachtete mein Werk. Während ich beschäftigt war, waren viele Leute vorbeigegangen und mussten sich gefragt haben, was ich im Schilde führte. Keiner fragte. Ich sah ein paar von ihnen über das kleine Mädchen mit dem großen Projekt lächeln, aber ich denke nicht, dass sie auch nur für eine Sekunde darauf gekommen waren, was ich wirklich beabsichtigte. Zweifellos dachten die Vorbeigehenden, es sei süß oder kess, so ein winziges Ding zu sehen, das Dreck in einen schmutzigen alten Kinderwagen lud.
Für ein kleines Mädchen war das eine ziemliche Leistung. Ich kann mich tatsächlich noch daran erinnern, wie stolz ich darauf war. Es war ein glorreicher Moment. Ich wies die Sache zurück, die sie mir geschenkt hatte, und die ich vor allem deshalb nicht wollte, weil so ein Theater darum gemacht worden war. Ich schaffte es irgendwie, ihn zurück zu ihrem Haus zu bekommen, teilweise schiebend, teilweise zerrend, und ging sogar rückwärts, wenn es sein musste. Ich klingelte an ihrer Tür und wartete. Als sie mich dort mit ihrem völlig ruinierten Geschenk stehen sah, war ihr Gesicht wie vom Donner gerührt. Der Kinderwagen blieb auf der Straße. Sie schlug mich nicht, aber sie fluchte, brüllte und renkte mir fast den Arm aus, als sie mich wegzerrte. Ich denke, sie war so wütend, dass sie mich getötet hätte, wenn sie mich geschlagen hätte. Es war ein ziemlich beängstigender Moment, aber auch machtvoll für mich, weil ich diese Reaktion selbst hervorgerufen hatte. So oft wurden mir Dinge angetan – ich wurde geschlagen, angebrüllt oder man ließ mich hungern –, aber dieses Mal hatte ich diese Reaktion hervorgerufen, und das an sich war schon ein Grund, stolz zu sein.
Alle anderen waren inzwischen zurück nach Hause gegangen, da ich so lange beschäftigt gewesen war, also zerrte sie mich schimpfend zurück zu meiner Mum. Ich wurde in jeder möglichen Weise beschimpft, ein undankbarer Besen, ein schreckliches kleines Mädchen genannt, aber es war mir egal. Keiner zuckte mit der Wimper, als ich geschlagen wurde; viele von unseren Nachbarn sahen ihre Reaktion, aber um ehrlich zu sein, dachten sie vermutlich, ich verdiente es – nach so einer »schrecklichen« Sache. Danach wurde der ganzen Familie – und allen anderen, die bereit waren zuzuhören – davon erzählt, und es wurde benutzt, um zu beweisen, dass ich ein böses Kind war.
Doch ich wusste, dass sie mir den Kinderwagen nicht geschenkt hatte, weil sie mich mochte, ich ihr wichtig war oder sie mich liebte. Ich wusste, dass sie nichts von diesen Dingen für mich empfand, also wollte ich überhaupt nichts mit ihr zu tun haben. Natürlich bekam ich eine Tracht Prügel, aber ich war immer noch sehr zufrieden mit mir.
»Du bist so ein böses kleines Mädchen!«, brüllte Mum, als sie mich verhaute. »Du bist böse! Du bist undankbar! Du bist eine völlige Platzverschwendung! Ich habe keine Ahnung, was ich mit dir machen soll – du bist so eine Last für mich, Lorraine. Wirklich – was habe ich getan, um dich zu verdienen?« Das war einer ihrer Lieblingssätze, wie auch der folgende, den sie oft sagte: »Ich werde die Schlechtigkeit aus dir herausprügeln, Gott helfe mir. Ich wünschte, du wärst nie geboren worden!«
An jedem beliebigen Tag wurde mir gesagt, ich sei furchtbar, sie hasse mich und sie wünsche, ich wäre nie geboren worden. Die einzige Sache, an der ich mich festhalten konnte, war, dass sie ausnahmsweise mal nicht die Einzigen waren, die verletzten; ich hatte sie auch verletzt. Dieses Mal waren es meine Taten, die sie plagten.
Ich wusste es damals noch nicht, aber die Symbolik dessen, was ich mit dem Kinderwagen getan hatte, war sehr wichtig für mich. Ich war so lange und grundlos geschlagen worden (nicht, dass irgendein Grund das jemals rechtfertigen würde), dass ich Gewalttätigkeit und ein völliges Fehlen von positiven Gefühlen von meiner Mutter praktisch erwartete. Auf diese Weise zeigte ich ihnen im Kleinen, dass sie von mir nicht erwarten konnten, so zu reagieren, wie sie es wollten. Sie behandelten mich so schlecht und doch nahmen sie an, ich würde von einem bedeutungslosen, schäbigen Geschenk entzückt sein, wenn alles, was es mir sagte, war, dass ich wertlos war. Ich hasste den Druck, der auf mich ausgeübt wurde, in einer bestimmten Art zu reagieren, obwohl es völlig verlogen von mir gewesen wäre, das zu tun. Also rebellierte ich. Und es war ein Schock für sie.
Mums alltägliche Einstellung mir gegenüber wurde noch verschlimmert durch die meiner Oma, und durch Dads Kälte. Er war immer distanziert, er beschäftigte sich eigentlich nie wirklich mit anderen. Ich weiß nicht, warum das so war. Er arbeitete, er hatte ein bisschen Spaß mit anderen Leuten, wenn er in den Pub ging oder zu den Buchmachern, und ich weiß, dass er und Mum es manchmal genossen, Zeit miteinander zu verbringen. Sie liebten es, zu tanzen, und gingen aus, wenn sie konnten, glücklich und fröhlich. Sie mochten ihren Gesellschaftstanz, waren beide Sänger und kombinierten die beiden Hobbys oft, indem sie irgendwohin gingen, wo sie einen Abend lang tanzen und singen konnten. Sie waren auch für ihre Gesangskünste bekannt. Damals schafften sich die Menschen ihre eigene Unterhaltung – alle Musik in Pubs und Clubs war live, also gab es immer einen Ort für sie, an dem sie singen konnten. Dad zog dann seinen besten Sonntagsanzug an, und Mum machte sich fein, mit perfektem Make-up, Schmuck, einem kleinen Hut und glänzenden Tanzschuhen mit hohen Absätzen. Die Tanzclubs, in die sie gingen, machten sie immer glücklich, und später in ihrem Leben wurden sie auch Mitglieder in Arbeiterclubs.
Sie hatten eine stürmische Ehe, hauptsächlich wegen Mums Launen, doch erstaunlicherweise blieben sie bis zu ihrem Tod viele Jahre später zusammen. Meine Mum war auch ihm gegenüber gewalttätig, aber er schlug nie zurück. Dad versetzte sie in Rage, bis sie anfing, Dinge nach ihm zu werfen und herumzuschreien. Sie zerbrach ihre neuen Teller auf seinem Kopf, warf sein Essen nach ihm. Sie beschimpfte und demütigte ihn. Er verschwand dann und kam mit Blumen zurück, sie versöhnten sich und es ging eine Weile gut, dann begann der Teufelskreis von vorne. Er kaufte ihr Geschenke und sie zeigte ihm offen ihre Liebe, kochte romantische Abendessen, tanzte mit ihm zu Radiomusik und wirkte insgesamt ziemlich zufrieden – für eine Weile. Als ich um die drei war, kauften sie ein aufziehbares Grammofon und spielten Schallplatten ab, während sie im Zimmer herumtanzten. Sie standen auf Elvis, Sinatra, die Everly Brothers und Al Jolson. Also waren sie beide durchaus in der Lage, glücklich zu sein.
Als ich viel älter war, identifizierte ich mich in vielerlei Hinsicht mit meinem Vater, aber als ich klein war, war er nur ein weiterer Erwachsener, der emotional verkümmert war. Dad richtete seine gesamte Konzentration auf meine Mutter. Mir gegenüber war er distanziert. Er schien einfach nicht in der Lage oder willens zu sein, sich mit mir zu beschäftigen. Er spielte oder knuddelte nie mit mir. Er warf mich nie in die Luft oder wirbelte mich herum. Wenn Mum darüber schimpfte, dass ich böse oder frech sei, nahm er das einfach so hin. Er forderte sie nie heraus. Er fragte sich nie, warum sie dachte, eine Dreijährige benehme sich so oder auch nur, ob das überhaupt möglich war. Wenn sie ihm sagte, sie habe einen schrecklichen Tag mit mir gehabt, ich sei faul, trotzig und mürrisch gewesen oder er müsse mich bestrafen, tat er es. Wenn sie ihm sagte, er solle mich schlagen, tat er es.
