Brennender Sommer - Peter Pachel - E-Book

Brennender Sommer E-Book

Peter Pachel

0,0

Beschreibung

Für Filippos Panos, den neuen Polizeichef von Paros, beginnt der Dienst mit dem Fund einer Leiche. Der Tote gehörte zu einer Gruppe von Freunden, die auf der Insel gemeinsam ihre 30-jährige Freundschaft feiern wollten. Erste Ermittlungen deuten auf einen Unfall hin, bis ein zweites Opfer die Clique in Angst und Schrecken versetzt. Misstrauen, Neid und verdrängte Gefühle brechen auf, während eine Spur in jenen unbeschwerten Sommer im Jahre 1988 führt.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Peter Pachel
Brennender Sommer
Ägäis-Krimi
Griechenland-Krimi

Inhaltsverzeichnis

Brennender Sommer

Widmung

Frank Burger

Filippos Panos

Sylvia Kerner

Sophia Petridis

Filippos Panos

Alex Gräfe

Sophia Petridis

Sven Lindner

Filippos Panos

Pension Christianos

Filippos Panos

Sophia Petridis

Pension Christianos

Filippos Panos

Pension Christianos

Filippos Panos

Sophia Petridis

Pension Christianos

Filippos Panos

Pension Christianos

Filippos Panos

Sophia Petridis

Pension Christianos

Katharina Waldmann

Pension Christianos

Filippos Panos

Pension Christianos

Frank Burger

Sophia Petridis

Sven Lindner

Filippos Panos

Pension Christianos

Filippos Panos

Frank Burger

Filippos Panos

Spyros und Konstantinos

Katharina Waldmann

Xenia

Katharina Waldmann

Xenia

Katharina Waldmann

Xenia

Katharina Waldmann

Filippos Panos

Personen und Lokales

Impressum

Orientierungsmarken

Cover

Für alle Langzeit-Griechenland-Begeisterten und alle, die es werden wollen.
Solange man trinken kann, läßt sich’s noch glücklich sein.
Johann Wolfgang von Goethe
Handlungen, alle agierenden Personen und Namen der Lokalitäten und Unternehmen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist rein zufällig.

Frank Burger

Berlin, März 2018
Frank spürte, wie ihm der Schweiß seinen Körper hinunterlief. Sein Gesicht brannte von der griechischen Sonne, die er in den vergangenen Tagen zur Genüge abbekommen hatte. Die Ekstase der auch in dieser Nacht ausufernden Strandparty trieb ihm zusätzlich die Röte ins Gesicht. Er stöhnte, wollte etwas sagen, aber aus seinem Mund drang nur ein unverständliches Krächzen. Kurz kam er zu sich, schlug seine Augen auf, bemerkte das Poltern seines Herzens und fiel zurück in den Traum, der ihn schon die dritte Nacht in Folge nicht zur Ruhe kommen ließ. Er fühlte die Kühle des feuchten Sandes unter seinen nackten Füßen, mit denen er seit Stunden im Takt der dröhnenden Musik umherstampfte. Die Pet Shop Boys hämmerten You are always on my mind durch die knarrende Lautsprecherbox, untermalt durch die brodelnde Brandung der auslaufenden Dünung. Immer wieder suchten seine Augen Lisa, die engumschlungen mit ihm getanzt, sich aber plötzlich losgerissen hatte und zu Alex gelaufen war.
Aufgewühlt warf er sich auf die andere Seite seines Bettes. Ihm war furchtbar heiß, obwohl es kühl war in seiner beengten Wohnung im Herzen von Berlin.
In der nächsten Sekunde sah er sie im Schein des niederbrennenden Strandfeuers, ihre Köpfe eng aneinandergeschmiegt, sie küssten sich. Verdammt! Diese Nacht würde er wieder das Nachsehen haben. Ein wütendes Wimmern entfuhr ihm. »Fuck you, Alex«, schrie er in Richtung der nachtschwarzen See gewandt, seine aufsteigenden Tränen unterdrückend.
In seinem Unterbewusstsein erschien ihm Sylvia, die halb im Wasser stand und ihm aufmunternd zuzwinkerte. Ihm kam es vor, als wäre es erst gestern gewesen.
Sie wirkte beruhigend auf ihn. Für einen Moment hielt er inne, sein Herzschlag beruhigte sich. Sylvia, die Psychologiestudentin aus Wien, die ganz anders war als Lisa. Die Bilder verschwammen, weitere Personen aus jenem Sommer 1988 tauchten auf. Er schrie im Schlaf, wollte, dass es vorbei ist, doch da standen sie, seine ehemaligen Freunde, unverkennbar in ihrer jugendlichen Leichtigkeit. Sven, der athletische Sunnyboy, braungebrannt, wie er ihm zulächelte, neben ihm Jannis, den sie alle in ihr Herz geschlossen hatten.
Die Clique starrte ihn an. Er wollte weglaufen, ganz weit weg. Doch irgendetwas hielt ihn zurück. Er wimmerte im Schlaf, japste nach Luft, aber es gab kein Entrinnen. Mit seinen Armen wirbelte er durch das zerwühlte Bettzeug.
»Lisa«, stammelte er unverständlich. Mit einem Ruck war er hellwach. Keuchend öffnete er seine Augen, lag schweißnass auf der Matratze und versuchte sich zu sammeln. Wie aus dem Nichts war alles wieder da, fast dreißig Jahre hatte er es verdrängt. Diese schreckliche Geschichte mit Lisa damals. In dieser Nacht hatte sich die ausgelassene Urlaubsstimmung in einen Albtraum verwandelt. Traumatisiert waren sie wenige Tage danach nach Hause zurückgekehrt. Die Lust auf unbeschwerte Ferien war ihnen vergangen. Der Kontakt zueinander war nach und nach abgeebbt. Bei den wenigen Telefonaten, die noch folgten, hatten sie vermieden, über Lisa zu sprechen, als wollten sie die verhängnisvolle Nacht in der Bucht auf Paros aus ihrem Leben streichen.
Frank quälte sich aus seinem Bett, seine Kehle war wie ausgedörrt. Er lief in die Küche, um sich eine Flasche Wasser zu holen. Unverzüglich streiften seine Augen den Brief, der schon seit ein paar Tagen auf seinem Küchentisch lag. Er war der Auslöser seiner Träume. Er musste sich dringend zurückmelden, so wie es in der Einladung beschrieben war.

Filippos Panos

Parikia, Paros, Südliche Ägäis, 3 Monate später, Juni 2018
Filippos Panos drückte Irini zum Abschied einen Kuss auf die Wange und schlich sich aus der Wohnung, darauf bedacht, seinen Sohn Dimitri nicht zu wecken. Er hatte keine Lust an diesem Morgen, sich auf nicht endende Diskussionen einzulassen, warum er nicht mit in die Polizeistation nach Parikia fahren durfte. Der kleine Racker war mit seinen fast drei Jahren beharrlich und ließ nicht locker, wenn es darum ging, seinen Willen durchzusetzen. Irini hatte später immer alle Hände voll zu tun, seine Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken. Auch wenn Dimitri noch nicht alle Zusammenhänge verstand, war ihm bewusst, dass sein Vater eine wichtige Aufgabe auf der beliebten Kykladeninsel zu erledigen hatte. Er erzählte das überschwänglich allen Freunden in seiner Spielgruppe. Vieles hatte er von seiner Mutter aufgeschnappt, die immer noch mit Stolz die neue Rolle ihres Mannes zum Besten gab. Vor knapp zwei Jahren hatte Filippos die Leitung der Polizeidienststelle in Parikia übernommen.
Es hatte einige Zeit gedauert, bis er seine neue Aufgabe in seiner vollen Funktion ausüben konnte. Es war ein hartes Stück Arbeit, gleichermaßen für Katharina, seiner langjährigen Chefin, wie auch für Filippos. Nach und nach hatte die erfahrene Kriminal-Hauptkommissarin die Zügel gelockert und Filippos freie Hand gelassen. Stück für Stück hatten sie ihre Rollen getauscht. Jetzt war Filippos ihr Chef und sie stand ihm als geschätzte Beraterin und Freundin in brenzligen Situationen mit Rat und Tat zur Seite.
Auch seine Frau Irini war der Meinung, an dem Gelingen dieses Projekts einen erheblichen Beitrag geleistet zu haben. Ohne eine tatkräftige Frau im Rücken könne kein Mann erfolgreich seinen Job machen, so ihre Worte. In der Tat war ihr Interesse an Filippos’ Arbeit, seitdem er die Führung übernommen hatte, gestiegen. Ihre Neugier an der kriminalistischen Arbeit ihres Mannes brachte den Kommissar manchmal in Bedrängnis. Er musste aufpassen, nicht zu viel preiszugeben, wenn es um sensible Ermittlungen ging. Als wäre ein unentdecktes Potential mit einem Schlag freigesetzt worden, beurteilte Filippos ihren Tatendrang, an der Aufklärung von Straftaten mitwirken zu wollen. Mittlerweile hatten die beiden einen gesunden Weg gefunden und Irini, als eine von der Insel, konnte manch hilfreichen Hinweis zusteuern. Auch in Filippos’ Team war Irinis Eifer aufgefallen und Xenia, die zweite Frau in seiner Truppe, hatte ihr den Spitznamen Miss Marple verpasst. Irini verbuchte das als Erfolg und belohnte die Mannschaft regelmäßig mit selbstgemachten Spezialitäten. Als Frau des Chefs war das für sie eine Selbstverständlichkeit.
Die Bezirksregierung in Ermoupoli hatte den Führungswechsel mit Skepsis verfolgt. Es war ein Ansporn für das erfahrene Kriminalisten-Duo, diesen Veränderungsprozess erfolgreich zu Ende zu bringen. Zugestimmt hatten die hohen Herren aus der Behörde nur, nachdem der routinierte Kriminalbeamte zugesagt hatte, zwanzig Prozent seiner Arbeitszeit für eine neu ins Leben gerufene Sondereinsatztruppe zur Verfügung zu stellen. Diese hatte man im Athener Polizeipräsidium gegründet, um bei zunehmenden Einsätzen auf den kleineren Inseln Unterstützung aus der Zentrale anbieten zu können. Filippos, der vor seinem Wechsel nach Paros mehrere Jahre in der Mordkommission in Athen gearbeitet hatte, gehörte neben weiteren Kollegen zu diesem Team.
Katharina passte diese Maßnahme nicht. Sofort nach Bekanntwerden hatte sie ihre Bedenken schriftlich eingereicht. Schließlich musste sie in der Polizeistation in Parikia schon länger mit einem Mann weniger auskommen. Ihre Befürchtung war, dass sie wieder stärkerer Arbeitsbelastung ausgesetzt sein würde. Mit äußerster Hartnäckigkeit kämpfte sie seitdem um eine weitere Stelle.
Zum Glück war der Wechsel reibungslos verlaufen. Wenn sie auch nie darüber gesprochen hatten, kannten beide das Erfolgsrezept ihrer gemeinsamen Arbeit. Ohne die Vertrautheit, die sie pflegten, wäre das ehrgeizige Projekt wahrscheinlich gescheitert.
Inzwischen fühlte sich jeder wohl in seiner neuen Funktion und das Team, bestehend aus Konstantinos, Spyros und Xenia, stand hinter ihm. Katharina musste lernen, mit der geringeren Verantwortung umzugehen, was ihr anfangs schwergefallen war. Dawid, der Mann an ihrer Seite, hatte es eingefordert. Jetzt in der zweiten Reihe genoss sie die neu gewonnene Freiheit.
Nun war zum Glück auch Filippos’ gewohnte Lockerheit zurück, die zu Beginn etwas auf der Strecke geblieben war. Selbstverständlich war er morgens der Erste in der Dienststelle. Meist sogar vor Xenia, der seit vielen Jahren die Leitung des Sekretariats oblag. An diesem Morgen begrüßte sie ihn mit einer ungewohnt ernsten Miene und einem frisch zubereiteten Kaffee Metrio.
»Gut, dass du kommst«, erklärte sie und stellte ihm die Tasse Kaffee auf den Schreibtisch.
»Was gibt’s so früh?« Filippos überlegte, ob er gestern etwas Wichtiges vergessen hatte.
»Ein Unfall! Mich hat gerade der Anruf erreicht. Es muss auf der Strecke von Marpissa nach Drios passiert sein.« Xenia griff nach einem Zettel und reichte ihn ihrem Chef.
»Gibt es Personenschäden und …«, er überflog die wenigen Zeilen,»… hast du die Ambulanz informiert?«
»Ist wohl nicht mehr nötig, es muss furchtbar aussehen.«
Filippos hob seine Augenbrauen. »Erzähl!«
»Ein Taxifahrer hat ihn gefunden. Ein Mann liegt im Straßengraben, muss überfahren worden sein.« Xenia verzog angewidert ihren Mund.
»Was ist mit dem Mann? Ist er tot?«
»So berichtete es der Taxifahrer. Der Arme war vollkommen fertig. Ich habe ihm gesagt, dass er auf dich warten soll.«
Filippos nickte. »Was ist mit dem Fahrer des Unfallfahrzeugs?«
»Von einem Auto keine Spur. Der muss geflüchtet sein.«
Filippos’ Miene verfinsterte sich, während er sein Handy zückte. »Ich werde Konstantinos zur Unfallstelle bestellen und ruf du Dr. Spanopoulos an. Ein Arzt muss den Tod bestätigen.«
»Jawohl Herr Oberlehrer, aber das weiß ich. Ich bin schon länger bei der Polizei.« Xenia schüttelte ungläubig ihren Kopf. »Spanopoulos ist schon auf dem Weg.«
Seitdem Filippos die Leitung der Dienststelle übernommen hatte, war Xenia wesentlich forscher geworden. Eine neue Allianz zwischen ihr und Katharina hatte sich positiv entwickelt und die beiden Frauen waren enger zusammengerückt. So band Katharina ihre Kollegin öfter mit in ihre kriminalistische Arbeit ein, im Gegensatz zu früher. Als sie noch die Chefin gewesen war, hatte sie sich die Sekretärin eher auf Distanz gehalten. Für den neuen Polizeichef war das nicht immer ganz einfach, mittlerweile wusste er das Damen-Duett aber durchaus zu schätzen.
»Gut so«, antwortete er und griff nach seinem Autoschlüssel. Auf Spanopoulos, den erfahrenen Inselarzt, war Verlass. Mit seinen 68 Jahren war er immer noch im Dienst und, wenn die Polizei seine Hilfe benötigte, stets zur Stelle.
Der Ruf ging durch, Konstantinos war auf dem Weg nach Parikia, als Filippos ihn zur Unfallstelle beorderte. Filippos folgte mit einem der neuen Dienstfahrzeuge, die sie bekommen hatten. Die Bezirksregierung in Ermoupoli hatte sich für ein Modell der Marke KIA entschieden. Er schaltete sein Blaulicht ein, um schneller aus der Stadt herauszukommen, vermied es jedoch, die Sirene einzusetzen. Zügig legte er die Strecke bis nach Naoussa zurück und bog auf die Umgehungsstraße in Richtung Marpissa. Als er den Abzweig nach Drios erreichte, drosselte er die Geschwindigkeit. Schon von Weitem konnte er die Fahrzeugkolonne am Unfallort erkennen.
Ein graues Taxi parkte neben den Fahrzeugen von Konstantinos sowie Dr. Spanopoulos. Der junge Polizist holte gerade ein Absperrband aus dem Kofferraum, Spanopoulos hielt Schaulustige davon ab, zu nahe an den Leichnam zu gelangen. Filippos parkte am Straßenrand und sprang aus dem Fahrzeug.
»Der muss sofort tot gewesen sein«, begrüßte ihn der Arzt. »Volle Breitseite, sieht schlimm aus.«
Er deutete auf den Graben neben der Fahrbahndecke. Dort glänzte eine circa zweimal ein Meter große Kältefolie, die der Mediziner über den Toten ausgebreitet hatte. Filippos zögerte nicht lange, stieg hinunter und hob die goldfarbene Folie etwas an. Es war kein schöner Anblick, sodass er sich zwingen musste hinzusehen. Der gesamte Kopf war nur noch eine breiige, blutige Masse, dazwischen stachen grau-schwarz die Haare des Mannes hervor. Bruchstücke einer zersplitterten Brille steckten in dem übel zugerichteten Gesicht.
»Wissen wir schon, wer es ist?« Filippos hob die Folie weiter an. Ein Arm hing nur noch an ein paar Sehnen, der ganze Oberkörper schien zerschmettert zu sein.
»Wir haben zumindest einen Namen.« Konstantinos war neben seinen Chef getreten. Seine Hände steckten in Gummihandschuhen, in der rechten Hand hielt er eine Geldbörse, darin befanden sich Kreditkarten und ein Führerschein.
»Xenia soll prüfen, ob man den Mann als vermisst gemeldet hat«, erwiderte Filippos und zu Spanopoulos gewandt sagte er: »Wie lange ist der Mann schon tot?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Genau kann ich es nicht bestimmen, aber die Totenstarre ist bereits stark ausgeprägt. Ich schätze, der Mann wurde vor acht bis neun Stunden überfahren.«
Filippos schaute auf seine Uhr, es war kurz vor acht in der Früh. »Das bedeutet gegen Mitternacht. Was hat er um diese Zeit hier gemacht?« Die Unfallstelle lag einige hundert Meter hinter dem Abzweig nach Drios. Auf der gesamten Strecke bis zum Ortseingang gab es nur ein paar verstreute Häuser.
»Vielleicht war er auf dem Heimweg und hat in Drios gewohnt«, gab Konstantinos zu bedenken.
»Auch das soll Xenia prüfen.« Filippos zückte eine Kamera und begann, den Unfallort von allen Seiten zu fotografieren. »Merkwürdig, es gibt keinerlei Bremsspuren«, stellte er erstaunt fest, während er die Straße ablief. »Ich sehe keine Straßenbeleuchtung in der Nähe. Das heißt, es muss ziemlich dunkel gewesen sein.« Er streifte sich auch ein Paar Gummihandschuhe über und bückte sich nach einem Stück Kunststoff. »Sieht nach einem zersplitterten Blinklicht aus.« Er betrachtete das orangefarbene Fragment aus der Nähe. Das circa zwei mal drei Zentimeter messende Bruchstück zeigte eine Seriennummer, die jedoch nicht vollständig war. Außerdem waren an einer scharfkantigen Ecke Reste der Lackierung zu erkennen.
»Der Aufprall muss enorm gewesen sein, so wie der Tote ausschaut«, bemerkte Konstantinos und begann akribisch, die Straße nach weiteren Spuren abzusuchen. Winzige Scherben lagen verstreut im Straßengraben.
»Die Plastikteile müssen in die KTU nach Athen. Die sollen ermitteln, von welchem Fahrzeug sie stammen.«
Der Polizist holte einen Plastikbeutel aus seinem Kofferraum, in dem er sie verstaute.
»Die müssen heute noch raus. Wenn wir den Fahrzeugtyp kennen, können wir gezielt nach dem Unfallwagen fahnden«, bemerkte Konstantinos zutreffend.
»Nicht nur die Plastiksplitter. Der Tote muss auch in die Gerichtsmedizin«, ergänzte Filippos scharf. »So sind die Vorschriften bei Tod durch Fremdeinwirkung. Es handelt sich um Fahrerflucht.«
Konstantinos nickte zustimmend, auch er kannte die Regeln.
Mittlerweile hatte sich von beiden Seiten eine lange Schlange von Fahrzeugen gebildet. Ungeduldig warteten die Fahrer auf die Freigabe der Straße. Die beiden Polizisten ließen sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Erst nachdem sie mehrfach den Streckenabschnitt abgeschritten waren, gaben sie den Verkehr wieder frei. Spanopoulos kümmerte sich um den Abtransport der Leiche. Sie sollte auf sofortigem Weg zum Flughafen gebracht werden. Die Polizeibeamten würden sich um den Flug nach Athen kümmern.
»Wie kann ich ein Unfallopfer einfach so im Straßengraben liegen lassen?« Filippos stellte die Frage.
»Vielleicht war Alkohol im Spiel? Das wäre nicht der erste Fall von Fahrerflucht, bei dem der Verursacher stark betrunken war.« Konstantions zählte ein paar Fälle aus den vergangenen Jahren auf. Bis auf wenige Ausnahmen war es ihnen immer gelungen, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Er war sich sicher, dass es ihnen auch diesmal gelingen würde, den Fahrer des Unfallfahrzeugs dingfest zu machen.

Sylvia Kerner

Wien, März 2018
Sylvia atmete tief durch, ihre letzte Patientin für den heutigen Tag hatte sie soeben verabschiedet. Es war ein hoffnungsloser Fall von schwerer Alkoholsucht. Die Anzahl der Rückfälle konnte sie nicht mehr zählen. Es war die Frau eines angesehenen Kommunalpolitikers. Die Sitzungen mit ihr hinterließen bei Sylvia stets ein Gefühl von Ohnmacht, da sie trotz der vielen Gespräche keine positive Entwicklung erkennen konnte. Schon mehrere Jahre suchte die Frau Hilfe bei ihr, immer dann, wenn ihr Trinkverhalten eine nicht mehr zu kontrollierende Dynamik angenommen hatte und die Reißleine gezogen werden musste. Sylvia war der rettende Anker und sie verdiente gutes Geld damit. Aber die Hilflosigkeit der Patientin gegenüber, genau zu wissen, dass sie wieder rückfällig werden würde, machte sie traurig.
Nachdenklich klappte sie ihren Laptop zu und verschloss den Stahlschrank mit den Krankenakten. Unmittelbar kreisten ihre Gedanken zurück zu dem Brief, den sie vor drei Tagen in ihrem Postkasten gefunden hatte. Ohne eine Ankündigung war er bei ihr eingetrudelt, völlig überraschend. Sie hatte zwei Tage darüber gegrübelt, wie sie reagieren sollte. Gestern Abend hatte sie sich schließlich dagegen entschieden, die Einladung anzunehmen und ihn zerknüllt in den Papierkorb geschmissen. Jetzt kippte sie den ganzen Inhalt des Drahtkorbes auf den Parkettboden, suchte nervös nach dem Schriftstück und strich es glatt. Sylvia hatte ihre Meinung geändert. Die Neugier in ihr hatte die Oberhand gewonnen. Schon ihr Beruf forderte es ein, dieser Einladung nachzugehen.
Bereits in der Mittagspause war es ihr gelungen, die Telefonnummer von Alex ausfindig zu machen. Svens Nummer hatte sie in ihrem abgegriffenen Notizbuch gefunden. Ob sie noch stimmte, wusste sie nicht. Was wohl aus den Personen ihrer ehemaligen Griechenland-Clique geworden war? Alleine das herauszufinden, trieb ihre Spannung enorm in die Höhe. Das seit einer Woche extrem schlechte Wetter in ihrer Heimatstadt hatte zusätzlich ihren Entschluss beflügelt, einem Wiedersehen nach dreißig Jahren auf der beliebten griechischen Insel zuzustimmen.
Ob Lisas Mutter auch kommen würde? Eine Ulrike Wagner, den Namen hatte sie noch im Kopf. Ob sie überhaupt noch lebte? Wohl kaum, sie war 1988 schon über fünfzig und gesundheitlich stark angeschlagen gewesen.
Augenblicklich hatte sie das Gesicht der verzweifelten Frau vor Augen, die zur Beerdigung ihrer Tochter nach Paros angereist war. Ein fürchterlicher Tag, den sie nie vergessen würde. Sie hatte sich oft gefragt, warum man Lisa nicht nach Deutschland überführt hatte. Aber dazu fehlten der alleinerziehenden Mutter wohl die finanziellen Mittel. Wie gelähmt war die gesamte Clique zur Trauerfeier erschienen, nachdem die Polizei kein Fremdverschulden hatte feststellen können und als Todesursache exzessiven Alkohol- und Drogenkonsum bescheinigt hatte.
Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn, wenn sie an die stundenlangen Verhöre zurückdachte in dem kargen Büro in Parikia, in denen die extra aus Athen zugezogenen Beamten versucht hatten, die Nacht zu rekonstruieren.
Traumatisiert waren sie abgereist, ohne jegliches Bestreben, diese dramatische Nacht am Monastiri Strand gemeinsam aufzuarbeiten. Sie selbst hatte es wenigstens versucht, mit Ansätzen aus den ersten Semestern ihres Psychologiestudiums. Die Ablehnung der übrigen Mitglieder war jedoch zu groß gewesen, zu stark war das Erlebte noch präsent. Nur mit Sven hatte sie Wochen später darüber geredet. Er war der Einzige, mit dem sie nach ihrer Rückkehr noch mehrfach telefoniert hatte, aber mittlerweile waren fast dreißig Jahre vergangen.
Sylvia griff nach einem Stück Papier und notierte die Telefonnummern ihrer ehemaligen Freunde, hinter Frank setzte sie ein Fragezeichen. Es kribbelte in ihr, als sie versuchte, sich die einzelnen Gesichter in Erinnerung zu rufen, dabei kam ihr ein Gedanke.
In einem alten Schuhkarton verwahrte sie Bilder der vergangenen Jahre auf, aufgenommen zu Zeiten, in denen es noch keine Digitalkameras gab. Darunter mussten auch welche aus dem Sommer 1988 vergraben sein, von jenem Paros-Aufenthalt mit der Clique, die sich zufällig gefunden und unbeschwerte Wochen miteinander verbracht hatte. In den ersten Tagen ihrer Zusammenkunft wohnten sie verstreut in verschiedenen Privatzimmern. Nach und nach waren sie in die einfache Pension umgezogen, um möglichst viel Zeit gemeinsam verbringen zu können. Dort hatten sie auch zum ersten Mal die griechische Küche schätzen gelernt, als die Pensionswirtin abends für alle gekocht hatte.
Plötzlich verspürte Sylvia ein unbändiges Verlangen, in die verdrängten Erinnerungen einzutauchen.
Mit dem Brief in der Hand ging sie in ihre Wohnung, die direkt neben ihrer Praxis lag. Hier wohnte und arbeitete sie bereits seit 19 Jahren. Die Wohnung samt Praxis lag im 14. Bezirk. Hier fühlte sie sich wohl und Sylvia konnte von sich behaupten, ihre innere Mitte gefunden zu haben. Es gab einen festen Mann in ihrem Leben, nach vielen Jahren mit häufig wechselnden Partnern. Auch wenn sie es vorgezogen hatten, getrennte Wohnungen zu behalten, sprach sie von einer funktionierenden Beziehung.
Sylvia holte eine kleine Trittleiter aus ihrer Abstellkammer, um an das Sammelsurium auf ihrem Kleiderschrank zu gelangen. Im Laufe der Jahre hatte sich dort allerlei Krimskrams angesammelt, sodass es höchste Zeit wurde, gründlich aufzuräumen. Sie streckte ihren Arm weit nach hinten und zog den verstaubten Karton mit der Fotosammlung hervor. Ihr Herz pochte, als sie ihn mit in ihr Wohnzimmer nahm. Ein wohliges Gefühl ergriff sie, wenn sie an die wilden Nächte auf Paros zurückdachte. Besonders an diesen attraktiven Griechen, der von Anfang an immer mit dabei gewesen war, erinnerte sie sich gerne. Mehrfach hatten sie Sex gehabt, auch wenn sie später erkennen musste, dass er es mehr auf Lisa abgesehen hatte, so wie alle Männer in der Clique. Bis auf einen.
Sven machte sich nichts aus der bezaubernden Düsseldorferin, die im Handumdrehen jeden Mann um den Verstand brachte. Erst später hatte sie erfahren, warum. Er stand halt nicht auf Frauen. Wie unbekümmert ihr diese Wochen auf Paros in jenem Sommer vorkamen. Sehnsucht kam auf bei den zurückfliegenden Gedanken. Angestrengt versuchte sie, sich den Namen des Griechen ins Gedächtnis zu rufen, der die Clique mit Spirituosen versorgt hatte, aber er fiel ihr beim besten Willen nicht ein. In großen Plastikflaschen hatte er das Gesöff mit an den Strand gebracht. Abends versammelten sich alle in der Bucht nahe Naoussa und er pries den hochprozentigen Trunk als griechischen Grappa an. Lisa hatte ihn mitgebracht. Sie verweilte bereits einige Wochen auf Paros, als sich die Truppe zusammenfand, und war mit ihm deswegen sehr vertraut. Sein Vater betrieb auf einer Nachbarinsel eine Brennerei, die neben anderen Inseln auch Paros mit hochprozentigen Getränken versorgte. Eine unerschöpfliche Quelle, die sie damals mit ihren schmalen Geldbeuteln gerne angezapft hatten. Das Zeug hatte es in sich.
Ungern erinnerte sie sich an den Vollrausch. Zwei Tage hatte es gedauert, bis sie diesen Blackout überwunden hatte. Danach war sie umsichtiger mit dem klaren Brand umgegangen, dem Rest der Clique schienen die Nachwirkungen des Trunks weniger ausgemacht zu haben. Viel Alkohol war im Spiel gewesen, fast jeden Abend, wenn sie bei Sonnenuntergang zum Strand aufgebrochen und bis zum Morgengrauen gefeiert hatten. Völlig losgelöst hatten sie Party gemacht, oft bis es hell wurde, ohne auch nur einen Gedanken an den nächsten Tag zu verschwenden. In Sylvias Kopf erschienen viele bunte Bilder, die sie drei Jahrzehnte ausgeblendet hatte. Fast konnte sie das Rauschen der Brandung hören. Dass auch Drogen konsumiert wurden, war ihr verborgen geblieben, obwohl sie sich öfter über Lisas exzessives Verhalten gewundert hatte.
Sie glaubte damals, es wäre dem intensiven Zuspruch des Soumas zuzuschreiben, wie der griechische Grappa auf Paros genannt wurde. Die Polizei hatte sie alle mit den Drogen konfrontiert, nachdem sie bei Lisa den Stoff gefunden hatten und bei jedem von ihnen eine Durchsuchung ihrer Zimmer veranlasst. In Lisas Zimmer war man auf weitere Drogen gestoßen, damit stand die Todesursache für die Polizisten schnell fest.
Immer wieder hatte Sylvia sich gefragt, warum ihr nichts aufgefallen war. Sie war die Älteste und Reifste in der Clique gewesen und wurde öfter wegen ihrer analytischen Art von ihren Freunden aufgezogen. Besonders ihr griechischer Freund erwischte sie gerne, wenn sie zu später Stunde mehr zur Beobachterin der ausschweifenden Partys wurde.
»You think too much – Du denkst zu viel«, hatte er sie angelacht, meist mit einem Glas Souma in der Hand. »Enjoy your life and don’t think about tomorrow – Genieße dein Leben und denke nicht an morgen.«
Als wäre es erst gestern gewesen, erinnerte sie sich an seine sanften, dunklen, braunen Augen und sein pechschwarzes Haar. Und jetzt fiel ihr auch sein Name wieder ein. Jannis hieß er. Jannis, der Mann mit dem Souma.

Sophia Petridis

Naxos, Südliche Ägäis, Juni 2018
Sophia Petridis sortierte die Post, so wie sie es jeden Morgen tat und bildete drei kleine Stapel. Die erste Ablage galt den eingegangenen Rechnungen, die zweite war für Bestellungen gedacht und die letzte Sammlung für alles Sonstige, was heute noch in Papierform verschickt wurde. Das Prozedere hatte sie von ihrem Mann übernommen, der meistens die Post entgegennahm und sie seiner Frau zur weiteren Bearbeitung auf den Schreibtisch legte. Die schriftlichen Aufträge waren in den letzten Jahren zurückgegangen, da die meisten ihrer Kunden ihre Bedarfsanforderungen mittlerweile per Mail verschickten. Diese hatte sie schon in aller Früh erfasst.
Erfreulicherweise waren die Kundeneingänge in den letzten vier Wochen angestiegen. Die Hauptferiensaison stand kurz vor der Tür und die zahlreichen Restaurants hatten schon geöffnet und füllten ihre Spirituosenlager auf. Die lange Durststrecke des Winters war vorbei, der Versand war auf das Sommergeschäft vorbereitet.
Es war heiß an diesem Tag und Sophia hatte die Fenster ihres vollgestopften Büros weit aufgerissen. Aus dem noch kühlen Innenhof ihres kleinen Familienbetriebs strömte eine frische Brise in den Raum und verwirbelte die abgestandene Luft des Vortages. Ihr Arbeitsplatz lag direkt neben der Probierstube, in der fein sortiert nach ansteigendem Alkoholgehalt die Flaschen ihrer aktuellen Produktion zur Verkostung bereitstanden. Ab zehn Uhr musste sie mit ersten Touristen rechnen, die sich den Traditionsbetrieb genauer ansehen wollten. Seitdem sie in vielen Reiseführern erwähnt wurden, war der Besucherstrom stetig gewachsen. Bis auf wenige Ausnahmen nahmen fast alle Gäste eine Flasche ihrer Brände oder Liköre mit zurück in ihre Heimat. Ein willkommenes Mitbringsel, um sich nach dem Urlaub das ein oder andere Erlebnis bei einem kleinen Schnäpschen wieder in Erinnerung zu rufen.
Während der Sommermonate, wenn genügend Urlauber auf der Kykladeninsel ihre Ferien verbrachten, hatten sie täglich geöffnet und Sophia kümmerte sich persönlich um die eintreffenden Besucher.
Der mittlerweile in der vierten Generation bestehende Betrieb liegt mitten in Chalki, einem Dorf, welches sich im Zentrum der Tragéa befindet, jener mit zahlreichen Olivenhainen bepflanzten Hochebene im Herzen von Naxos. Dies ist eine Landschaft, die gerne von Wanderern besucht wird und wegen ihrer zerklüfteten Gegend an Kreta erinnert. Eine Besonderheit dieses Dörfchens sind seine gut erhaltenen, neoklassizistischen Häuser, noch aus Zeiten der venezianischen Herrschaft auf Naxos. Die vielfach liebevoll renovierten Anwesen haben mit den sonst typisch weißgetünchten Gebäuden auf den Kykladen nicht viel gemein. Man kann es als ein reizvolles Dorf bezeichnen, welches sich seine Schönheit erhalten hat und sogar einmal die Hautstadt der Insel war.
Sophia lugte auf ihre Uhr und hoffte, dass heute nicht zu viele Gäste erscheinen würden. Bis auf zwei Angestellte, die sich um das Lager kümmerten, war sie alleine und hatte noch einiges zu erledigen, bevor sie den Laden für Fremde öffnen würde. Für die fröhliche, schwarzhaarige Griechin war der Kontakt zu Menschen aus allen Ländern in den Sommermonaten eine willkommene Abwechslung. Ihre Englischkenntnisse hatte sie dafür schon vor Jahren aufgefrischt und ihr Fachwissen war enorm. Im Herbst und im Winter waren fast nur Einheimische im Ort anzutreffen.
Aufgewachsen in Chalki hatte sie den Herstellungsprozess der einzelnen Spirituosen von Klein auf miterlebt und sich schon als Kind, meist nach der Schule, in der Manufaktur ein paar Drachmen verdient. Hier hatte sie auch ihren späteren Mann kennengelernt. Der Verkaufsschlager des Ladens war seit jeher ein Likör, der aus den Blättern des Zitronat-Zitronenbaums, selten auch als Zedratbaum bezeichnet, hergestellte Kitron. Dieser war nachweislich schon vor zwei Jahrhunderten auf der Insel produziert worden. Im Laufe der Zeit waren weitere Brände dazugekommen, die in den Kneipen und Restaurants der umliegenden Inseln, aber auch im Export ihre Abnehmer fanden. Ab Oktober bis Februar startete jedes Jahr die Ernte der Blätter des Zitronat-Zitronenbaums. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, da neben dem starken Wind und dem häufigen Regen zu dieser Jahreszeit auch noch die spitzen Dornen des Baumes eine Ernte erheblich erschwerten.
Wesentlich einfacher stellte sich da die Destillation des aus der vorhergegangenen Weinernte gewonnenen Tresters dar, dessen Resultat auf den Kykladen bei keiner Mahlzeit fehlen durfte. Ein Raki, auf Paros auch Souma genannt, gehörte in jeden Haushalt und fast alle Bewohner auf den Inseln, die ihren eigenen Wein anbauten, brachten nach der Pressung ihren Trester zu einer zugelassenen Kazani. Jenen Destillen, die eine Lizenz zur Schnapsherstellung besaßen. Mit einem großen Fest wurde im Kreise der Dorfbewohner die hochprozentige Ausbeute gefeiert, um später stolz den eigenen Schnaps mit nach Hause zu nehmen. Wollte man den Brand etwas veredeln, erfolgte eine zweite Destillation, die als Tsipouro verkauft wurde. Auf Kreta wird diese Variante als Tsikoudia bezeichnet.
Sophia verließ ihr Büro, brachte noch ein paar Gläser in die Probierstube und legte ihre Broschüren auf den Tisch. Da es fast zehn Uhr war, schloss sie die blaue Eingangstür auf, bereit, den ersten neugierigen Touristen die Kunst der Schnapsbrennerei näherzubringen. Inzwischen war das Routine für die Chefin. Die Führungen durch den Betrieb übernahm sie selbst, die Verkostung mit den dazu passenden Geschichten überließ sie ihrem Mann. Heute würde sie allerdings den Umtrunk übernehmen müssen. Ihr Gatte war schon seit Tagen auf einer Auslieferungstour und würde noch zwei weitere Tage bleiben, wie er ihr am gestrigen Abend telefonisch mitgeteilt hatte. Sophia hatte sich gewundert.
Länger als zwei Nächte blieb er selten weg, meistens nur, wenn er Auslieferungen auf dem Festland zu erledigen hatte. Diesmal war er lediglich nach Paros geschippert, ein Klacks und in 45 Minuten mit der Fähre zu schaffen. Daher war es ihr im ersten Moment seltsam vorgekommen. Er wolle ein paar neue Hotels abfahren, hatte er ihr als Begründung genannt und schnell ihre Verwunderung zerstreut. Ab Juli, mit dem Start in die Hauptferienzeit, war an solche Aktionen nicht mehr zu denken. Da wurde sein voller Einsatz im Betrieb erwartet.
Sophia betrachtete sich ein letztes Mal im Spiegel, frisierte ihre schwarze Mähne und korrigierte ihr Make-up. Sie war sehr darauf bedacht, nicht wie ein altes Mütterchen auf ihre Kunden zu wirken. Vielmehr lag ihr der moderne Auftritt einer Geschäftsfrau am Herzen, auch wenn es nur eine kleine Manufaktur war. Sie war stolz auf ihren kleinen Familienbetrieb und das verkörperte sie mit ihrem gesamten Auftreten. Für eine Frau Anfang fünfzig sah sie blendend aus.
Seitdem der Tourismus in Griechenland wieder boomte, kamen Menschen aus der ganzen Welt in das beschauliche Dorf. Ein Grund mehr für sie, einen fortschrittlichen Eindruck bei den Besuchern zu hinterlassen. In ihrem Kopf spielte sie eine Verkostung durch, rief sich ein paar Geschichten ihres Mannes in Erinnerung, da bemerkte sie die fehlenden Preislisten. Diese waren gerade überarbeitet und aus der Druckerei frisch angeliefert worden. Ein Karton stand ungeöffnet auf ihrem Schreibtisch.
Flink lief sie zurück und riss die Verpackung auf, dabei fielen ein paar Dokumente von ihrem Sekretär auf den Fußboden. Sophia bückte sich, um die Papiere zurück auf das Pult zu legen, als sie innehielt. Zwischen den Schriftstücken, die sich wild zerstreut auf dem Boden verteilt hatten, befand sich eine Klarsichthülle mit Versandadressen. Ein hellblauer Briefumschlag war aus der Hülle herausgerutscht und wirkte wie ein Fremdkörper zwischen den übrigen Standardbelegen. Intuitiv griff sie nach dem Umschlag, wollte trotz ihrer Eile wissen, was es mit dem Brief auf sich hatte.
Auf der Vorderseite bemerkte sie einen Adressaufkleber mit dem Namen ihres Mannes. Neugierig fingerte sie das Schriftstück aus dem geöffneten Umschlag. Sie strich den Din-A4-Bogen glatt und überflog mehrfach den Inhalt. Es war eine Einladung, ganz eindeutig. Der Brief musste schon vor einiger Zeit bei ihnen eingetroffen sein. Ein knapper Text in englischer Sprache, darunter ein Foto mit mehreren jungen Leuten drauf. Ihr verunsicherter Blick richtete sich auf einen Kalender, die Einladung war auf diese Woche datiert. Ihr Gehirn rotierte. Warum hatte ihr Mann ihr nichts davon erzählt? Irritiert wählte sie seine Handynummer, doch der Anruf landete auf seiner Mailbox.
Just in diesem Moment betraten die ersten Touristen ihren Betrieb.

Filippos Panos

Parikia, Paros, Juni 2018
Filippos war, gleich nachdem die Leiche zum Flughafen transportiert worden war, zurück in die Dienststelle nach Parikia gefahren, Konstantinos blieb noch vor Ort. Er sollte sich bei den wenigen Häusern rund um die Unfallstelle umhören. Vielleicht war jemandem in der Nacht etwas aufgefallen, was zur Aufklärung des Unfalls beitragen konnte.
Katharina erwartete ihren Chef bereits mit ernster Miene.
»Und? War es wirklich so schlimm?«, begrüßte sie ihn. Xenia hatte sie schon in den morgendlichen Einsatz eingeweiht.
»Kein schöner Anblick, und das auf nüchternen Magen.« Er ging in die Küche und schenkte sich einen Kaffee ein.
»Verstehe! Unfallopfer sind immer scheußlich. Gibt es Zeugen? Xenia sprach von Unfallflucht.« Die Sekretärin nickte.
»Bisher nicht, aber Konstantinos hört sich um. Viele Gebäude gibt es auf der Strecke nicht, aber wir wollen nichts unversucht lassen, dieses Schwein zu fassen.« Er nahm einen kräftigen Schluck von seinem Kaffee.
»Ich habe mit dem Namen, den du mir gegeben hast, bei der Telefonauskunft gesucht, leider Fehlanzeige«, meldete sich Xenia zu Wort. »Weder in Parikia noch in Drios gibt es zu dem Namen einen Eintrag. Da werde ich umfangreicher suchen müssen.«
»Drios war meine erste Idee, weil der Mann zu Fuß unterwegs war. Wo wollte er hin zu dieser Zeit?« Filippos schaute fragend in die Runde. »Vielleicht bringt Konstantinos etwas Licht ins Dunkel, wenn er mit den Anliegern gesprochen hat.« Er gähnte.
»Was ist mit Spuren am Unfallort?«, wollte die Kommissarin wissen.
»Bis auf ein paar Splitter, wahrscheinlich von einem zerbrochenen Blinker, haben wir nichts gefunden.« Der Kriminalbeamte hielt den Beutel mit den Kunststoffteilen in die Höhe.
»Die müssen schnellstens nach Athen in die KTU, damit wir wissen, nach welchem Fahrzeugtyp wir suchen müssen.«
»Wird gleich erledigt.« Xenia griff nach der Tüte und legte sie auf ihren Schreibtisch.
»Spyros soll sie umgehend zum Flughafen bringen«, überlegte sie laut und wählte seine Nummer.
»Und ruf die ›Neue‹ besser vorher an, damit sie vorbereitet ist. Neben den Beweisstücken bekommt sie auch noch eine Leiche. Ansonsten gibt es wieder Theater. Der Tote wartet schon auf seinen Abflug.«
Die Kommissarin grinste, sie wusste sofort, von wem er sprach.
»Wird nicht deine neue Freundin … diese Kinka?«, fragte sie provozierend.
»Bestimmt nicht! Mit Angeliki war das schön unkompliziert. Musste die sich unbedingt in einen Holländer verlieben?«
»Das muss ich wohl auf meine Kappe nehmen. Aber wo die Liebe so hinfällt …«, war Katharinas Kommentar. Sie hatte die frühere Chefin der Athener Gerichtsmedizin mit ihrem späteren Lebenspartner, einem Kriminalbeamten aus Holland, zusammengebracht. »Aber wir werden uns wohl mit der ›Neuen‹, wie du sie nennst, arrangieren müssen.«
»Ist diese Kinka wirklich so furchtbar?«, wollte Xenia wissen. »Du hast doch sonst keine Probleme mit Frauen? Ich erinnere mich an Zeiten, da hast du jedem weiblichen Wesen im Handumdrehen den Kopf verdreht.« Sie blinzelte ihm lasziv zu.
»Absolut nicht mein Beuteraster und die Zeiten sind lange vorbei.« Er schüttelte seinen Kopf. »Die ist halt anders. Sie will für alles einen schriftlichen Antrag haben und ihre Art gefällt mir überhaupt nicht.« Filippos verzog verächtlich seinen Mund.
Die Kommissarin ersparte sich einen Kommentar, auch sie vermisste die langjährige Zusammenarbeit mit der erfahrenen Medizinerin. Nachdem ihre Freundin und ehemalige Kollegin Angeliki ihren Job gekündigt und nach Holland umgezogen war, hatte Kinka die Abteilung übernommen. Eine resolute, ehrgeizige Frau, die sich mit ihren jungen Jahren noch behaupten musste. Fast zwei Jahre war das nun schon her. Zum Glück hatten sie mit der Abteilung in Athen immer nur zu tun, wenn es Schwerverbrechen aufzuklären gab. Das kam nicht so häufig vor. Einen ersten Eindruck hatten sie von ihr bekommen, als Angeliki die Kollegin kurz vor ihrem Abschied nach Paros geschickt hatte, um bei den Untersuchungen zu einem Mord an einem Arbeiter aus dem Kraftwerk mitzuhelfen. Dieser erste Auftritt hatte sich bei dem jungen Polizeichef eingeprägt.
»Die Kleine hat es nicht einfach. Sie ist ein schweres Erbe angetreten und glaube mir, ich weiß, wovon ich rede.« Katharina nahm sie in Schutz. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie nach ihrer Ausbildung bei der Athener Mordkommission angefangen hatte und in der ersten Zeit belächelt wurde. »Das braucht Jahre, bis du dir als Frau in diesem Apparat Respekt verschafft hast. Leider hat sich daran nichts geändert.«
»Da brauchst du dir bei ihr keine Sorgen machen, nach ihrem ersten Einsatz bei uns im Spätsommer 2016. Schon ihr Outfit machte einem Angst.«
»Wie? Erzähl!« Xenia war furchtbar neugierig. Sie hatte die Frau noch nicht persönlich kennengelernt.
»Unzählige Tattoos, grauselige Motive und kurzgeschorene Haare, von den Piercings ganz zu schweigen. Schwarzer Gürtel in Karate und passionierte Triathletin. Sie bewegt sich wie ein Raubtier auf Beutezug.« Filippos ließ an der neuen Kollegin kein gutes Haar.
»Ich wusste gar nicht, dass du so intolerant sein kannst. Das ist die neue, junge Generation. Schluss jetzt mit dem Gemecker«, beendete Katharina die Diskussion. »Ich werde Kinka anrufen und ihr unser Anliegen schildern. Auch wenn sie nicht deinem typischen Frauenbild entspricht, wir müssen mit ihr klarkommen. Wir sind auf die Hilfe aus Athen angewiesen.«
Filippos stimmte mürrisch zu, war aber froh, dass Katharina das Gespräch übernehmen wollte.
Wenig später war Athen informiert und ein Platz in einer Nachmittagsmaschine für das Unfallopfer reserviert. Nach Zusendung eines Auftragsformulars an die Rechtsmedizin stand einer Untersuchung nichts mehr im Weg. Die Kommissarin wusste ihre frühere Position als Chefin der Mordkommission geschickt einzusetzen, Kinka hatte ihr einen Obduktionsbericht sowie die Ergebnisse zu dem zerbrochenen Blinker innerhalb der nächsten zwei Tage zugesichert.
»Jetzt müssen wir schleunigst wissen, wo der Tote gewohnt hat, damit wir die Angehörigen informieren können.« Filippos war zu Xenia ins Büro getreten. In der Hand hielt er den Kunststoffbeutel mit der Geldbörse des Unfallopfers. »Vielleicht haben wir hier noch Hinweise, wo der Mann zuhause war«, sondierte er die zahlreichen Kreditkartenschlitze nach versteckten Informationen. Am Unfallort hatte Konstantinos zunächst nur nach dem Namen des Mannes gesucht. »Da hätte ich auch früher draufkommen können«, erklärte er und fummelte eine abgegriffene Visitenkarte aus einem der Fächer. Xenia schaute ihm dabei gespannt über die Schulter.
»Das sieht doch vielversprechend aus. Der Tote scheint der Inhaber dieses Geschäftes zu sein.« Er überreichte die Karte seiner Kollegin. »Der Name passt zum Führerschein und wir haben eine Adresse.« Xenia nickte stumm und gab ihm die Visitenkarte zurück.
»Das musst du aber selber regeln«, sagte sie entschlossen. »Im Überbringen von Todesnachrichten bin ich ganz schlecht.« Schon bei dem Gedanken daran begann ihr Magen zu revoltieren.
»Ich werde mich gleich darum kümmern.« Filippos stöhnte auf. Auch für ihn war das jedes Mal eine extrem belastende Angelegenheit.
»Der Betrieb ist auf Naxos. Hoffentlich erreiche ich dort jemanden. Lieber würde ich persönlich vorbeifahren, aber dazu haben wir keine Zeit. Wir brauchen zunächst Gewissheit.«
Mit Herzklopfen zog er sich in sein Büro zurück, vor ihm die vermeintliche Visitenkarte des Unfallopfers.
Er machte einen tiefen Seufzer und wählte die Nummer.

Alex Gräfe

Hamburg, März 2018
Alex hasste die Enge seiner Zweizimmerwohnung, in der seit einem halben Jahr lebte. Er war die letzten Jahre Größeres gewohnt gewesen, aber nach der Scheidung hatte ihm seine Ex klar zu verstehen gegeben, dass er das gemeinsame Haus schnellstens zu verlassen hatte. Rückendeckung bekam sie dabei von ihrem Vater, der ihnen nach der Heirat mit einer großzügigen Geldsumme erst die Möglichkeit für dieses Einfamilienhaus geboten hatte. Ihm blieben zwei Wochen Zeit, sich um eine neue Bleibe zu kümmern, eine nahezu unmögliche Herausforderung bei dem knappen Wohnungsangebot in Hamburg. Er hatte es selbst verbockt und nachdem seine Frau hinter die langjährige Affäre mit seiner Sekretärin gekommen war, hatte sie alle Register gezogen. Es war nicht sein erster Fehltritt gewesen in den vielen Jahren seiner Ehe. Jetzt wohnte er beschränkt auf lediglich 60 Quadratmetern und selbst die Miete für die bescheidene Wohnung lag schon über seinem Budget. Er verdiente zwar nicht schlecht als Vertriebsingenieur in einer großen Firma, aber seine beiden Kinder befanden sich noch mitten im Studium und da war finanzielle Unterstützung angesagt. Seine Ex hatte ihm das ohne Umschweife klargemacht.
Ein einziger Lichtblick in der verfahrenen Situation war sein Sexualleben, das seit seinem Auszug um einiges bunter geworden war. Je länger er jedoch darüber nachdachte, kamen ihm Zweifel, ob das tatsächlich der Weg war, den er für den Rest seines Lebens gehen wollte. Allerdings war es jetzt zu spät für Reue. Umso erfreulicher hatte er die Einladung begrüßt, die vor ein paar Tagen bei ihm eingegangen war.
Viele schöne Erinnerungen schwirrten ihm fortan durch den Kopf, von jenem Sommer Ende der Achtziger in Griechenland mit Sex, Drugs und Rock ’n’ Roll. Und natürlich Lisa, mit der er rückwirkend betrachtet den besten Sex in seinem Leben gehabt hatte. Wäre da nicht dieses furchtbare Erwachen gewesen nach einer unvergesslichen Nacht am Strand auf Paros. Tagelang war keiner imstande gewesen, einen klaren Gedanken zu fassen. Sie wollten nur noch weg nach diesem schrecklichen Erlebnis. Aber die Polizei hatte ihnen untersagt, die Insel zu verlassen, bis man einen genauen Ablauf der besagten Nacht skizziert hatte. Zusammen mit Sven, einem ehemaligen Kommilitonen, den er in diesem Sommer von einer anderen Seite kennengelernt hatte, war er abgereist. Was wohl aus ihm geworden war?
Sie wohnten zu jener Zeit im selben Studentenwohnheim und kannten sich von einigen Partys. Auf einer dieser Zusammenkünfte war auch der gemeinsame Trip nach Griechenland besiegelt worden. Alex musste schmunzeln bei dem Gedanken, wie naiv er damals gewesen war. Dass Sven sich von dem Urlaub mit ihm mehr versprochen hatte, war ihm erst später klar geworden. Es musste eine herbe Enttäuschung für ihn gewesen sein.
Nach ihrer Rückkehr traf man sich immer seltener, man sah sich zwangsläufig hin und wieder in der Uni, aber Sven war kurze Zeit später nach Köln umgezogen. Seitdem hatten sie sich aus den Augen verloren.