Verhängnisvolles Erbe - Peter Pachel - E-Book

Verhängnisvolles Erbe E-Book

Peter Pachel

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Beschreibung

Eine Brandserie hält die Insel Paros in Atem, während eine junge Erbin auf der Suche nach ihrer Vergangenheit ist. Auf Paros klopft der Sommer an die Tür und die Insel ist bereit für die zahlreichen Besucher aus der ganzen Welt. Wäre da nicht eine unheimliche Brandserie, die die Betreiber hochpreisiger Luxusrestaurants in großen Aufruhr versetzt. Die Anschläge kommen zur Unzeit und die Gastroszene tobt. Filippos Panos und sein Team haben Mühe, bei ihren Ermittlungen die Zügel in der Hand zu halten. Derweil erfährt die junge deutsche Ärztin Laura Sander am Sterbebett ihrer Großmutter von einem verborgenen Kapitel im Leben der alten Dame. Unerwartet erbt Laura ein verfallenes Haus auf einer Insel in der Ägäis und begibt sich auf Spurensuche. Gerade auf Paros angekommen, geht eine weitere Taverne in Flammen auf, in unmittelbarer Nähe zu dem leerstehenden Anwesen. Brandreste stürzen auf das verwahrloste Grundstück und ungewollt gerät die Erbin ins Fadenkreuz der Polizeiarbeit, als man bei Aufräumarbeiten eine schreckliche Entdeckung macht.

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Seitenzahl: 365

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Peter Pachel

Verhängnisvolles Erbe

Ägäis-Krimi Bd. 5

Pachel, Peter : Verhängnisvolles Erbe. Ägäis-Krimi. Bd. 5.

Hamburg, edition krimi 2025

Originalausgabe 2025

ePub-eBook-ISBN 978-3-949961-22-9

Dieses Buch ist auch als Print erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

Print-ISBN: 978-3-949961-21-2

Lektorat: Edith Engelmann

Umschlaggestaltung: © edition krimi

Satz: © Sarah Schwerdtfeger, edition krimi

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://www.dnb.de abrufbar.

Der Verlag behält sich das Text- und Data-Mining nach § 44b UrhG vor, was hiermit Dritten ohne Zustimmung des Verlages untersagt ist.

Die edition krimi ist ein Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH,

Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

_______________________________

© edition krimi, Hamburg 2025

Alle Rechte vorbehalten.

https://www.edition-krimi.de

Inhalt

Paros, Mai 2022, Südliche Kykladen

Laura Sander, Bonn, zwei Wochen vorher

Filippos Panos, Parikia, Paros, Mai 2022

Konstantinos, Paros, Mai 2022

Laura Sander, Bonn, zwei Wochen vorher

Filippos Panos, Parikia, Paros, Mai 2022

Laura Sander, Bonn, zwei Wochen vorher

Filippos Panos, Parikia, Paros, Mai 2022

Stavros Kaffatos, Lefkes, Juni 2022

Laura Sander, Bonn, zwei Wochen vorher

Katharina Waldmann, Marpissa, Paros, Juni 2022

Konstantinos, Antiparos, Juni 2022

Laura Sander, Bonn, ­zwei Wochen vorher

Katharina Waldmann, Marpissa, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Bonn, Juni 2022

Konstantinos, Paros Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Manuel Koors, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Manuel Koors, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Katharina Waldmann, Marpissa, Paros, Juni 2021

Manuel Koors, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022, ein Tag zuvor

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Katharina Waldmann, Marpissa, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Spyros, Parikia, Paros, Juni 2022

Manuel Koors, Paros, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Manuel Koors, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Fischerboot, Küstenlinie von Tsimintiri, Antiparos, Juni 2022

Laura Sander, Paros, Juni 2022

Filippos Panos, Parikia, Paros, Juni 2022

Polizeidienststelle, Parikia, Paros, Juni 2022

Personen und Lokales

Rezepte (für 4 Personen)

Kichererbsen mit Möhren

Blätterteig mit Hack

Bauernsalat

Gyrosspieße auf Couscous-Salat

Auberginen-Taler (Melitzanokeftedes)

Zucchini Pie (Haroula Marpissa)

Griechischer Nusskuchen

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Impressum

Für alle Langzeit-Griechenland-Begeisterten und alle, die es werden wollen.

Erben heißt genießen, was man bekommt,

und vergessen, von wem.

© Paul Mommertz (*1930), deutscher Schriftsteller, Autor von Drehbüchern, Bühnenstücken und Hörspielen

Handlungen, alle agierenden Personen und Namen der Lokalitäten und Unternehmen sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist rein zufällig.

Paros, Mai 2022, Südliche Kykladen

Stavros Kaffatos schreckte hoch, als das schrille Klingeln seines Diensttelefons ihn unsanft aus dem Schlaf riss. Augenblicklich war er hellwach und schwang sich mit einem Satz aus dem Bett. Sein Blick streifte die Anzeige des Weckers; die Uhr zeigte kurz vor halb sechs am Morgen.

Noch während er ins Bad hastete, drückte er die Annahme­taste auf dem Handy; ein Anruf um diese Zeit bedeutete nichts Gutes. Ein knappes »Nai« bestätigte dem Anrufer, dass er bereit war und sich wie gewohnt in fünf Minuten am vereinbarten Treffpunkt einfinden würde.

Flink stieg er in seine Montur, die im Nachbarzimmer stets einsatzbereit auf ihn wartete. Mit dem Helm in der Hand zog er die Haustür hinter sich zu und lief die Auffahrt von seinem Haus hinunter. In der Ferne hörte er schon das heranfahrende Einsatzfahrzeug – ein Unimog und eines der drei größten Löschfahrzeuge hier am Ort, die bis zu zweitausend Liter Löschwasser aufnehmen konnten. Lefkes, das kleine Bergdorf im Zentrum von Paros, lag um diese Zeit noch völlig im Dunkeln. Behände stieg er auf den Beifahrersitz und wartete auf eine erste Erklärung, obwohl er schon eine vage Vermutung hatte.

Es war erst Anfang Mai und für einen Waldbrand, den sie in den Sommermonaten immer häufiger zu löschen hatten, eigentlich viel zu früh. Zu dieser Jahreszeit war der Boden nach einem regenreichen Winter noch relativ feucht. Seine Befürchtung war aber, dass die immer früher einsetzenden und länger andauernden Hitzeperioden in den Sommer­monaten in naher Zukunft zu weitaus mehr Einsätzen dieser Art führen könnten. Der Klimawandel machte sich auch auf seiner Insel immer stärker bemerkbar. Ein großes Thema, das mittlerweile in der Zentrale der Feuerwehr nahe Parikia mit zunehmender Sorge diskutiert wurde. Mit lediglich achtzehn festen Mitarbeitern im Winter und einundzwanzig während der Sommermonate wären sie überhaupt nicht in der Lage, größere Brände schnell und erfolgreich zu bekämpfen, zumal nicht nur Paros, sondern auch die Schwesterinsel Antiparos zu ihrem Verantwortungsbereich gehörten. Ohne den Verbund, den es unter den benachbarten Inseln gab, sähe es mit der Einsatzfähigkeit der Brandbekämpfer noch schlechter aus. So konnten sie von Naxos sowie von Syros jeweils einen Lösch-Helikopter anfordern, und wenn es ganz schlimm kam, standen auch Löschflugzeuge aus Athen zur Verfügung.

Der Grund ihres Einsatzes zu so früher Stunde musste eine andere Ursache haben als einen Waldbrand; und Stavros lag mit seiner Einschätzung richtig. »Es brennt mal wieder so ein Gourmettempel.« Der karge Kommentar seines Kollegen zeigte, dass auch er mit dem abrupten Ende der Nachtruhe zu kämpfen hatte. »Jetzt schon der dritte innerhalb der letzten vier Wochen.« Der Fahrer hatte die ­Umgehungsstraße des Dorfes erreicht und drückte kräftig auf die Tube. »Wenn das so weitergeht, verlieren wir bis zum Saisonstart noch zahlreiche Top-Restaurants auf der Insel«, merkte er nüchtern an.

Stavros nickte mürrisch. Die beiden zuvor schon abgebrannten Tavernen gehörten in der Tat zu den gehobenen Gastronomieangeboten auf Paros, die bei zahlungskräftigen Besuchern reichlich Anklang fanden. Und davon gab es immer mehr auf seiner Insel.

»Und wen hat’s diesmal erwischt?«

»Das Sipantos – auf halber Strecke von Naoussa nach Santa Maria. Der Laden brennt wohl lichterloh.«

Stavros wusste gleich, um welches Lokal es sich handelte. Es lag abseits der Bebauung direkt am Meer und hatte sich in den letzten Jahren im Ranking der Feinschmeckerszene ziemlich weit nach oben gearbeitet. »Auch einer dieser Nobelschuppen; sieht ziemlich teuer aus«, sagte er trocken, während sie die kurvenreiche Strecke von Lefkes Richtung Marmara zurücklegten.

»Ist leider die Entwicklung hier bei uns«, erwiderte der Fahrer. »Immer weniger bezahlbare Tavernen, dafür aber zunehmend Edelrestaurants. So wie bei den ganzen Läden im Herzen von Naoussa. Die Luxusmarken haben den Ort schon länger im Visier. Wo soll das nur hinführen?«

Stavros nickte erneut. Diese Veränderungen waren zu einem Dauerthema bei vielen Einheimischen geworden. Mit Sorge beobachteten viele Insulaner die Entfremdung, der sie scheinbar hilflos ausgeliefert waren. Der Fahrer bremste das Löschfahrzeug scharf ab und bog links auf die Straße nach Naoussa ein. Über Funk erhielten sie gerade die Nachricht, dass Kollegen bereits vor Ort eingetroffen waren.

»Dieser Feuerteufel muss jemand sein, der sich bestens auf der Insel auskennt. Wahrscheinlich stinkt ihm die ganze Situation hier. Alle abgebrannten Lokale waren gerade frisch renoviert und für die bevorstehende Saison hergerichtet worden«, wusste der Fahrer zu berichten. »Es ist, als ob jemand verhindern will, dass die Lokale diesen Sommer an den Start gehen.«

Ein erstes Morgenlicht durchbrach soeben den nachtschwarzen Himmel.

»Da kommen viele in Betracht, denen der gravierende Wandel auf unserer Insel nicht passt. Wenn dann noch die geplante Erweiterung des Flughafens fertig ist…« Sie hatten die Abzweigung nach Ambelas erreicht. Der Fahrer nahm die nächste Straße rechts Richtung Santa Maria, vorbei am Kraftwerk und entlang der Küste. Am Rand der staubigen Straße nach Filitzi erkannten sie zwei Kollegen, die mit einem Pick-up bereits am Straßenrand standen und den Untergrund sondierten. Laut ihrer Karte musste sich hier der nächstgelegene Hydrant zur Brandstelle befinden. Das gesamte Team der Feuerwehr bestand aus ortskundigen Mitarbeitern, die genau wussten, wo sie nach dem Deckel der Zapfstelle suchen mussten. Hier konnten sie bei Bedarf Nachschub an Süßwasser für ihren fünfhundert-Liter-Tank auf dem Pick-up besorgen. Meerwasser kam nur in ganz wenigen Ausnahmen zu Löschzwecken zum Einsatz. Der hohe Salzgehalt war zu korrosiv und würde die Pumpen und Ventile schädigen.

Der Fahrer winkte den beiden Männern zu und folgte dem Verlauf der Küstenstraße. Von hier waren es nur noch wenige Meter bis zum Tatort. Aus dem eingeschalteten Funkgerät hörten sie hektische Stimmen; jetzt nahm auch ihre Anspannung mit jedem Meter spürbar zu. Durch das geöffnete Seitenfenster des Einsatzfahrzeugs drang erstmals Brandgeruch. Stavros setzte sich seinen Schutzhelm auf. Nach der nächsten Kurve wurde das ganze Ausmaß des Feuers sichtbar. Ein zweiter Unimog parkte schon gegenüber dem Lokal an dem hölzernen Steg, der zum Restaurant gehörte.

Zwei ihrer Männer waren gerade damit beschäftigt, einen Löschwasser-Verteiler zu setzen. Ein Handzeichen wies den Fahrer an, wo er sein Einsatzfahrzeug abstellen sollte. Auf der gegenüberliegenden Seite eines Parkplatzes brachte er den Unimog zum Stillstand.

Stavros sprang sogleich aus dem Wagen und öffnete die seitlichen Rollläden; dahinter befand sich das gesamte technische Equipment. Gekonnt griff er nach einem der Schlauchtragekörbe; er funktionierte jetzt wie ein Uhrwerk. Der Fahrer folgte ihm, und in wenigen Minuten waren die Löschschläuche ausgerollt. Ein Routinevorgang, den sie in zahlreichen Übungen immer wieder durchgespielt hatten, damit es im Ernstfall schnell von der Hand ging. Im anbrechenden Morgen installierten sie noch fix die Strahlrohre, jene Schlauch-Armaturen, die eine gezielte Steuerung des Wasserzuflusses sicherstellen. Nun waren sie bereit, den Kampf gegen die Flammen aufzunehmen. Trotz der Kühle des jungen Tages war es heiß, und das Feuer flackerte ihnen gespenstisch entgegen. Als Nächstes warfen sie die Pumpe an, sodass sich in den Schläuchen Druck aufbaute. Die Strahlrohre fest im Griff, nahmen die beiden Männer gezielt die größten Brandherde ins Visier. Die Besatzung des zweiten Fahrzeugs arbeitete sich von der gegenüberliegenden Seite vor.

»Da wird nicht mehr viel zu retten sein«, schrie Stavros seinem Kumpel zu. Die Flammen loderten aus dem Lokal, hier hatte jemand richtig gute Arbeit geleistet.

Erst jetzt erblickte Stavros den Inselarzt Dr. ­Spanopoulos, der eindringlich auf einen Mann einredete und ihn nur mit äußerster Kraft davon abhalten konnte, zu dem brennenden Gebäude zu laufen. Mit Hilfe eines heraneilenden Feuerwehrmanns brachten sie den aufgebrachten Mann zum Sitzen. Es musste der Besitzer des Sipantos sein, glaubte sich Stavros zu erinnern. Nur nebenbei nahm er wahr, wie Spanopoulos seinen Arztkoffer öffnete und eine Spritze herausholte. Das lautstarke Palaver der drei Männer wurde überlagert durch das laute Zischen und Knacken des Feuers.

Erste Balken des Flachbaus gaben nach, das Dach drohte einzustürzen, das Bersten von Holz krachte wie Pistolenschüsse. Während der Inselarzt seine Spritze setzte, schrie der vermutliche Restaurant-Besitzer laut und zeigte wild gestikulierend auf die Überreste seines Betriebs. Dann wurde er ruhiger und sackte unter dem sanften Druck von Spanopoulos zu Boden.

Stavros glühte innerlich. Die Anspannung und die Hitze, die vom Brand ausging, waren fast unerträglich. Dazu ­gesellte sich eine böse Vorahnung, die ihn ergriffen hatte, als er die Reaktion des Besitzers sah. Nur mit Mühe hatten Arzt und Feuerwehrmann ihn davon abhalten können, ins Innere des Restaurants zu laufen. War das nur seiner Panik zuzuschreiben, oder gab es einen anderen Grund?

Eine heftige Explosion schreckte die Männer auf und ließ sie einige Meter zurückweichen; wahrscheinlich war eine der Gasflaschen in der Küche explodiert. Stavros fasste automatisch an seinen Helm und überprüfte den Sitz. Bei weiteren Explosionen mussten sie mit herumfliegenden Trümmerteilen rechnen. Langsam wagten sie sich wieder vor, als mit einem ächzenden Bersten ein Teil der Dach­konstruktion in sich zusammenbrach. Ein großer Verlust für den Restaurantbesitzer, für die Männer der Feuerwehr jedoch eine Gefahr weniger. Sie hatten das gesamte Gebäude bereits aufgegeben; jetzt galt es nur noch, den Schaden möglichst schnell einzugrenzen. Der massive Wassereinsatz zeigte erste Erfolge, und Meter für Meter kämpfte sich der Einsatztrupp zum Gebäude vor. Sicherheitshalber hatten alle Männer sich jetzt auch ihre Atemmasken angelegt. Ihr Hauptaugenmerk lag nun auf dem hinteren Teil des Geländes, wo sich ein Schuppen befand, der bislang noch unversehrt zu sein schien. Ein Vorratslager, in dem sie weitere Gasflaschen vermuteten. Stavros wusste, was er zu tun hatte, legte sein Strahlrohr zur Seite und eilte zum Unimog. Mit einem zusätzlichen Schlauchtragekorb kam er keuchend zurück. Eine Verlängerung, die ihnen die Möglichkeit bot, bis an den Holzschuppen vorzudringen. Mit gekonntem Handgriff setzte er die Kupplung zur ­Verlängerung, installierte am Ende das Strahlrohr und rannte über den Parkplatz, um von der Seite her das Lager zu kühlen.

Mittlerweile hatte sich der Tag aus dem Grau der Nacht befreit, und ein roter Feuerball der aufgehenden Sonne brachte die ganze Misere des Brandes noch deutlicher zum Vorschein. Dichter Rauch, der schon aus der Ferne sichtbar war, hatte einige Schaulustige, selbst zu so früher Stunde, zum Ort des Geschehens gelockt. Einer der Feuerwehrmänner bemühte sich, die Neugierigen in ihre Schranken zu weisen.

Nach weiteren dreißig Minuten massiven Wassereinsatzes zeichnete sich allmählich etwas Entspannung ab. Das Feuer flammte zwar immer wieder auf, aber die Situation war unter Kontrolle. Zum Glück gab es keine unmittelbare Bebauung im Umfeld des Restaurants, was ein Übergreifen der Flammen auf benachbarte Gebäude ermöglicht hätte.

Vorsichtig wagte sich der Einsatzleiter als Erster in den vorderen Teil des zerstörten Lokals. Das Feuer war zwar weitestgehend gelöscht, aber die immense Rauchentwicklung schränkte seine Sicht stark ein. Mit einer Brechstange in der Hand folgte ein Kollege. Vorsichtig arbeiteten sich die beiden auf der Suche nach verbliebenen Brandnestern weiter zu den hinteren Räumen des Sipantos vor, gefolgt von weiteren Einsatzkräften, die alles akribisch absuchten.

Plötzlich schrie einer der Männer auf und zeigte auf den verrauchten Boden. Unter den Trümmern verbrannten Inventars stachen die verkohlten Beine eines Menschen hervor.

Stavros, vom Schrei seines Kollegen aufgeschreckt, legte sofort sein Strahlrohr zur Seite und eilte zum Trümmerfeld, um zu sehen, wobei er helfen konnte. Das Brandopfer war ein schauriger Anblick. Hier gab es nichts mehr zu retten. Energisch packte er mit an, die Leiche freizulegen. Sein Bauchgefühl hatte ihn also nicht getäuscht; der Besitzer musste von dem Aufenthalt eines Menschen in seinem Restaurant gewusst haben.

Laura Sander, Bonn, zwei Wochen vorher

Laura Sander zog ihre OP-Haube vom Kopf, nahm den Mundschutz ab und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Dann streifte sie sich ihre Handschuhe ab, öffnete den medizinischen Wasserhahn und reinigte sich gründlich die Hände. Obwohl es nur ein Routineeingriff war, den sie nun schon mehrmals begleitet hatte, war ihr die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Das würde sich hoffentlich mit zunehmender Berufserfahrung legen. Die junge, dunkelhaarige Assistenzärztin befand sich mitten in ihrer Weiterbildung zur Fachärztin für Anästhesie und lernte, jeden Tag mit neuen Herausforderungen klarzukommen. Mit dem harten Alltag im Krankenhaus war sie bereits während ihres praktischen Jahres zur Genüge konfrontiert worden. Doch nun, während ihrer Fortbildung, trug sie bereits wesentlich mehr Verantwortung. Mit dem Start ihrer Facharztausbildung war die Schonzeit schlagartig beendet. Die ersten Monate hatten ihr einiges abverlangt. Auch wenn sie auf erfahrene Kollegen zurückgreifen konnte, ergaben sich immer wieder Situationen, in denen sie schlichtweg überfordert war. Eine ganz normale Entwicklung, die sich im Laufe der Zeit verbessern würde, lautete der lapidare Kommentar des leitenden Stationsarztes. Er forderte vom ersten Tag an vollen Einsatz. Bei der dünnen Personaldecke in der Klinik blieb ihr auch gar nichts anderes übrig.

Bislang hatte sie sich bewährt, und mit jeder Operation wurde sie ein Stück professioneller. Hastig trocknete sie sich ihre Hände ab und lief schnellen Schrittes in den Umkleidebereich, wo sie in einem Stahlschrank ihre persönlichen Sachen aufbewahrte. Aus ihrer Handtasche kramte sie ihr Handy hervor. Ein einziger Blick auf das Display genügte, um sie in Aufruhr zu versetzen. Es zeigte fünf entgangene Anrufe, immer dieselbe Nummer. Laura war klar, was das bedeutete, und sie hoffte, dass es noch nicht zu spät war. Der letzte Anruf war gerade einmal fünfzehn Minuten her; sie machte sich Hoffnung, doch noch rechtzeitig am Sterbebett ihrer geliebten Großmutter eintreffen zu können.

Mit der Palliativstation war sie schon vor Tagen so verblieben, dass man sie rechtzeitig informieren sollte, wenn es zu Ende ging. Dieser Zeitpunkt war wohl nun gekommen. Hastig zog sie sich um, informierte eine Kollegin und machte sich auf den Weg zum Parkplatz. Wenn es die Verkehrslage zuließ, wäre sie in gut zwanzig Minuten bei ihr. Während sie ihren Mini über das weitläufige Gelände des Universitätsklinikums steuerte, überschlugen sich ihre Gedanken. Eigentlich sollte sie vorbereitet sein auf diesen Abschied, der für immer und so furchtbar endgültig war. Der Tod hatte lange an der Tür geklopft, und ihre Großmutter war bereit für den letzten Gang. Zumindest hatte sie ihr diesen Eindruck mehrmals vermittelt. Immer dann, wenn Laura tottraurig an ihrem Bett gesessen und versucht hatte, ihr neue Hoffnung zu geben. Dabei war sie es selbst, die den Trost brauchte, denn mit dem Abschied wird sie ihre engste Vertraute verlieren. Die Person, die sie aufgezogen und auf das Leben vorbereitet hatte.

»Du wirst deinen Weg schon machen, auch ohne mich.« Die alte Frau hatte ihrer Enkelin stets Mut gemacht, als klar wurde, dass sie auf die letzte Etappe ihrer Lebensreise zuging. Etwas mehr als fünfundzwanzig Jahre waren sie ein gutes Team gewesen, seit Laura mit nicht einmal drei Jahren in die Obhut ihrer Großmutter kam. Ein Verkehrsunfall hatte ihre Eltern ganz plötzlich aus dem Leben gerissen; ein Ereignis, das nicht nur für das kleine Mädchen eine Änderung des Lebensplans bedeutete.

Mit einem Wink passierte sie den Einfahrtsbereich des Venusberges, wie der oberhalb Bonns gelegene Universitätskomplex genannt wurde. Von hier aus schlängelte sich die Straße hinunter zur ehemaligen Bundeshauptstadt; die Palliativklinik lag im angrenzenden Stadtteil Dottendorf. Es war nicht weit von ihrem Arbeitsplatz, weshalb sie ihre Großmutter gerade hier untergebracht hatte. Die Straße war frei, und je näher sie dem Krankenhaus kam, umso flatteriger wurde ihr Atem. Obgleich die junge Ärztin schon einige Menschen hatte sterben sehen, war es diesmal anders. Nicht, dass die fremden Schicksale sie nicht berührt hätten, doch diesmal spürte sie eine unendliche Traurigkeit bei dem Gedanken, von jetzt an völlig allein zu sein. An den Zustand der leeren Wohnung hatte sie sich in den vergangenen Wochen schon gewöhnen können, aber jetzt würde ihr der Kompass ­genommen ­werden. Den Fahrplan ihres weiteren Lebensweges, für dessen Grundlage ihre Großmutter zu einem großen Teil mit verantwortlich war, musste sie jetzt gänzlich selbst bestimmen.

Laura drückte die Taste für ein Parkticket, der zur Klinik gehörende Parkplatz war nur dürftig besetzt. Noch einmal holte sie tief Luft, stieg aus dem Wagen und hechtete zum Eingangsbereich. Kurz winkte sie dem Empfang zu; sie war bekannt in der Abteilung wegen ihrer regelmäßigen Besuche.

Mehrere Stufen gleichzeitig nehmend sprang sie die Treppe in den ersten Stock hinauf. Der allgegenwärtige Geruch von Desinfektionsmitteln schlug ihr wie eine Wand entgegen, die das Innere der Spezialklinik wie eine Wolke umhüllte. Mit rasendem Herzen stand sie schließlich vor der Zimmertür. Eine Krankenschwester nickte ihr aufmunternd zu. Laura nahm allen Mut zusammen, drückte leise die Türklinke herunter und wagte vorsichtig einen ersten Blick auf das Bett. Da lag ihre Großmutter, den Kopf zur Seite gedreht, in Erwartung eines letzten Besuchers. Das leise Röcheln des Atems ließ Laura erleichtert aufatmen; zumindest war sie noch rechtzeitig gekommen. Behutsam näherte sie sich der Sterbenden; der Kloß in ihrem Hals erstickte sie fast. Das gesamte technische Gerät, das während der letzten Tage das Leben der Frau begleitet hatte, war aus dem Zimmer entfernt worden. Auf dem fahrbaren Nachttisch stand ein großer Strauß mit frischen Blumen, der der trüben Stimmung des Abschieds etwas Farbe verlieh. Laura schob ihn vorsichtig zur Seite und tastete unter der Bettdecke nach der Hand ihrer Großmutter. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie einen leichten Gegendruck verspürte. Sie nahm also wahr, dass jemand neben ihr saß. Dann öffnete sie schwerfällig ihre Augen und blinzelte ihr zu, als wollte sie ihrer Enkelin selbst in den letzten Momenten ihres Lebens noch Mut machen. Lauras Atem stockte, und Tränen schossen ihr in die Augen. Viele Male hatte sie sich diesen unvermeidbaren Abschied vorgestellt, wollte mit aller Stärke ihrer Großmutter zur Seite stehen. Doch jetzt versagte ihre Strategie. Tapfer hielt sie dem Blick der alten Frau stand; die beiden schauten sich wortlos in die Augen. Die junge Ärztin spürte, wie der Blick ihrer scheidenden Großmutter ihre eigene Unsicherheit besänftigte. Ihre anfängliche Angst wich einer inneren Zufriedenheit, es noch früh genug geschafft zu haben. Tapfer lächelte sie ihre Großmutter an. Erst eine plötzlich aufkommende Unruhe, die die alte Frau ergriff, verunsicherte Laura wieder. Irgendetwas musste ihrer Großmutter noch auf dem Herzen liegen. Mit letzter Kraft hob sie ihren anderen Arm leicht an und deutete auf die Tür des seitlich stehenden Nachttischschränkchens. Stöhnend und nach Luft hechelnd hob sie ihren Kopf und forderte Laura auf, den Schrank zu öffnen. Dann sank sie entkräftet zurück auf ihr Kissen. Ihr Atem war flach, als sie vor Erschöpfung und kaum wahrnehmbar ihre spröden Lippen bewegte. Sie flüsterte etwas Unverständliches, sodass sich Laura ganz nah zu ihr hinunterbeugte. Dann glaubte sie zu verstehen.

»Mach was draus, du hast die Kraft dazu«, vernahm sie leise die letzten Worte. Noch einmal schauten sie sich in die Augen. Zärtlich streichelte sie die Wange ihrer Großmutter, dann folgte ein tiefer Seufzer und der Druck in ihrer Hand erschlaffte.

Filippos Panos, Parikia, Paros, Mai 2022

Inselkommissar Filippos Panos verspürte ein flaues Gefühl in seiner Magengegend auf der Fahrt zum Tatort. Und das lag nicht nur an der unchristlichen Uhrzeit, zu der man ihn an diesem Morgen aus dem Bett geklingelt hatte. Ein dritter Brandanschlag, erneut auf eines der hiesigen Nobelrestaurants, wird die ohnehin schon große Unruhe in der Gastroszene noch weiter verstärken. Die Nerven lagen bei vielen Gastwirten blank, und das zu Beginn einer Saison, in der man endlich wieder mit klingenden Kassen rechnen konnte. Die Corona-Regeln waren abgeschafft, und schon Anfang Mai verzeichnete die Insel einen stetigen Besucherzuwachs. Dieser Feuerteufel kam zur Unzeit; bis jetzt gab es keinerlei Anhaltspunkte, wer hinter den Anschlägen stecken könnte. Konstantinos, einer seiner Mitarbeiter, war federführend mit den Ermittlungen betraut und gerade damit beschäftigt, Parallelen der vergangenen zwei Brände zusammenzutragen. Nach dem dritten Feuer, jetzt sogar mit einem Toten, würde er die Polizeiarbeit wohl intensivieren müssen. Ihm graute schon vor der Schlagzeile, die wie ein Lauffeuer über Paros eilen würde. Und das zum Start der Ferienzeit.

Als er seinen Dienstwagen auf dem Parkplatz des Sipantos parkte, kam ihm der Brandmeister schon entgegengelaufen, in der Hand einen Helm und eine Atemmaske. »Sieht nicht schön aus. Muss wohl im Schlaf überrascht worden sein.« Er drehte sich um und machte Anstalten, zu den Ruinen des Restaurants zu gehen. Das Feuer war zwar inzwischen vollends gelöscht, aber der penetrante Geruch lag bleiern über dem gesamten Gelände.

»Wissen wir schon, um wen es sich handelt?« Filippos setzte sich den Helm auf.

»Der Besitzer ist noch nicht vernehmungsfähig. Spanopoulos hat ihm eine Beruhigungsspritze gegeben. Wir konnten ihn nur mit Mühe davon abhalten, in das brennende Gebäude zu laufen. Wahrscheinlich, um den Mann zu retten«, spekulierte der Feuerwehrmann. »Spanopoulos hat ihn nach Hause zu seiner Frau bringen lassen. Er hat einen richtigen Schock.«

Filippos nickte, zog sich die Atemmaske über und holte ein Paar Latexhandschuhe aus seiner Jackentasche. Sie hatten den ehemaligen Eingangsbereich des Restaurants erreicht; die Einsatztruppe hatte bis zum Fundort der Leiche das verbrannte Inventar notdürftig beiseite geräumt. Überall qualmte es noch, und ohne Schutzmaske wäre ein Betreten des Tatorts kaum möglich gewesen. Der Kommissar blieb dicht hinter dem Brandmeister, der ihn immer wieder auf Gefahrenquellen in der Brandruine hinwies.

Zuerst erkannte Filippos die unbekleideten Beine; zwei stark verkohlte Ledersandalen befanden sich neben der Leiche. Das Opfer lag auf dem Rücken, in einer typischen Fechterstellung, die häufig bei Tod durch Verbrennung vorzufinden ist. Die extreme Hitzeeinwirkung führt zu einer Kontraktion der Beugemuskulatur, wodurch die seltsam gekrümmte Stellung des Opfers entstand, die an einen Fechter erinnerte. Der Kommissar kannte dies bereits von früheren Brandopfern in Athen, noch aus der Zeit, als er in der Mordkommission in der Hauptstadt angestellt war. Die schwarzen Überreste einer kurzen Hose waren noch erkennbar, die Bekleidung am Oberkörper war vollständig verbrannt. Nur schwer zu ertragen war der Kopf des Opfers, der eine ausgedehnte Verkohlung aufwies. Die Haut war vollkommen abgelöst, Ohrmuscheln und Augen waren nur noch zu erahnen. Der Schädel war aufgrund der thermischen Einwirkung geöffnet, und auch im Halsbereich war die Haut großflächig abgelöst. Selbst die darunter befindliche Muskelschicht wies starke Verbrennungen auf.

Filippos zog sein Handy aus der Tasche und machte ein paar Fotos für die Kriminaltechniker in Athen. Auch wenn der Feuerwehrmann von einem tödlichen Unfall ausging, musste ein Fremdverschulden ausgeschlossen werden. Kinka, die Chefin der Gerichtsmedizin für die Athener Mordkommission, würde wohl nicht umhinkommen, sich der Leiche anzunehmen. Sie würde sicher schnell klären können, ob das Opfer noch gelebt hatte oder bereits vor dem Brand ums Leben gekommen war.

»Die Leiche muss in die Gerichtsmedizin.« Der Kommissar gab eine erste Stellungnahme ab. »Aber das sollen die Kollegen aus Athen entscheiden. Und die KTU muss sich den Tatort auch genauer ansehen. Dies ist der dritte Anschlag innerhalb weniger Wochen. Wir müssen alles unternehmen, um diesen Wahnsinn zu stoppen«, sagte er aufgebracht.

Der Mann von der Feuerwehr nickte nur stumm; was er jetzt zu tun hatte, war für ihn Routine. Er würde für die Absperrung der Brandruine sowie des Verbrennungsopfers sorgen. Bis zum Eintreffen der KTU durfte keiner den Tatort mehr betreten. Um den späteren Transport des Opfers in die Gerichtsmedizin würde sich Spanopoulos kümmern. Der Arzt saß wartend, ob er noch gebraucht wurde, in der Tür eines geöffneten Krankenwagens und unterhielt sich mit dem Fahrer. Sie waren gerade zurückgekommen, nachdem sie den Restaurantbesitzer zu Hause abgeliefert hatten und dieser einigermaßen stabil war. Mit der Überführung der Leiche nach Athen würde Spanopoulos warten müssen, bis sich die Kollegen aus Athen den Toten näher angeschaut hatten.

Filippos ging zu ihm hinüber.

»Kann vielleicht ein Angestellter gewesen sein, der schon länger hier gehaust hat«, meinte der Arzt, als der Kommissar ihn fragte, ob ihm etwas aufgefallen sei oder ob der Restaurantbesitzer etwas geäußert hätte. Filippos verzog verächtlich seinen Mund. Er kannte ähnliche Fälle, in denen in Restaurants behelfsmäßige Schlafstätten für das Service­personal eingerichtet wurden, weil diese sich bei ihrem kümmerlichen Lohn keine eigene Bleibe leisten konnten.

»Die Preise immer weiter hochschrauben und das Personal wird mit einem Hungerlohn abgespeist«, sagte er verärgert. Ob das in diesem Fall auch zutraf, wusste er nicht, aber das würde er schnell herausfinden.

»Kann ich den Restaurantbesitzer schon vernehmen?«, fragte Filippos.

Spanopoulos zuckte mit den Schultern: »Du kannst es auf alle Fälle probieren. Er ist vielleicht ein wenig schläfrig nach der Beruhigungsspritze. Und der Schock wird auch noch etwas nachwirken. Aber ja, fahre raus nach Santa Maria. Er hat dort eine Villa gemietet. Das ist das einzige Haus, das im Moment bewohnt ist in der Anlage. Das findest du schon.«

Filippos bedankte sich und machte sich auf den Weg. Für den Kommissar gab es an der Brandstelle im Moment nichts mehr zu tun, die weitere Koordination der Ermittlungen sollte Konstantinos übernehmen. Mit einem Anruf auf dem Weg nach Santa Maria informierte er seinen Kollegen über die neuesten Entwicklungen; dieser versprach, sich umgehend auf den Weg zur Brandstelle zu machen und Athen zu informieren. Wenn alles glatt lief, würde die KTU noch heute ihre Arbeit aufnehmen.

Der Kommissar steuerte seinen Wagen zum Haus des Wirts, wo dieser während der Saison wohnte. Der Hauptwohnsitz des Besitzers lag in Athen, wo er von Oktober bis April verweilte, wenn das Restaurant auf der Insel geschlossen war – so wie viele Gastronomen auf der Insel es auch handhabten.

Filippos kannte die Ferienhäuser in Santa Maria, die eigentlich nur während der High Season, von Mitte Juni bis Ende September, belebt waren. Während des übrigen Jahres glich das Gebiet einer Einöde. Unzählige teure, meist ungenutzte Edelvillen zahlreicher Investoren aus der ganzen Welt, die ihr Vermögen hier geparkt hatten, standen dann leer. Lediglich verschiedene Servicefirmen kümmerten sich um die verwaisten Häuser, um sie in Schuss zu halten.

»Welch’ eine verkehrte Welt!«, dachte Filippos, als er an den verlassenen Häusern vorbeifuhr. So viel ungenutztes Wohnpotential, und für die arbeitende Bevölkerung von außerhalb fanden sich keine bezahlbaren Unterkünfte mehr. Er fuhr jetzt nur noch im Schritttempo, bis er das richtige Gebäude gefunden hatte. Dort brannte Licht, und ein Wagen stand vor der Garage.

Ein Mann öffnete die Tür, als Filippos klingelte. Er sah übernächtigt aus und schien etwas unsicher auf den Füßen. Im Hintergrund erkannte Filippos eine Frau.

»Ich bin Kommissar Filippos Panos von der Polizeidienststelle in Parikia. Sind Sie…?«, setzte Filippos an und hielt seinen Ausweis hoch, als ihn der Mann auch schon unterbrach.

»Was ist mit Stelios?«, stammelte er verzweifelt. »Habt ihr ihn gefunden?« Er fasste den Kommissar an die Schulter und wartete ängstlich auf eine Antwort.

»Kommen Sie, gehen wir ins Haus.« Filippos schob ihn sanft in den Flur zurück. »Ich habe noch ein paar Fragen, und wer ist Stelios?«

»Ein neuer Mitarbeiter für die Sommersaison. Habt ihr ihn gefunden?« In seinen Augen stand die nackte Panik. Der Kommissar ging voraus in das kleine Wohnzimmer und drückte den Restaurantbesitzer in einen Sessel.

Erst dann berichtete er: »Wir haben unter den Trümmern eine Person gefunden. Sie ist leider tot. Verbrannt. Ob das Stelios ist, kann ich nicht sagen.« Der Kommissar ­beschrieb den Fundort der Leiche. Dann suchte er nach dem Foto, auf dem die verkohlten Ledersandalen zu erkennen waren, und zeigte es dem Mann. Ein Stöhnen entfuhr Kyriakos Poulissis, so der Name des Mannes, und er drehte sich schluchzend zur Seite.

»Ich brauche den vollständigen Namen und die Adresse des Angestellten. Was hat er in der Nacht in dem Lokal gemacht?«

»Er war neu, erst seit zwei Wochen bei mir im Lokal. Ein erfahrener Kellner, der schon viele Jahre im Sommer auf Paros gearbeitet hat. Eigentlich hatte er einen Vertrag in einem anderen neuen Lokal.« Der Wirt wischte sich träge die Tränen aus seinem Gesicht. »Aber angeblich ist er mit den Besitzern dort nicht klargekommen und hat bei mir angefragt. Ich hatte ihm zusammen mit einem anderen Mitarbeiter sogar eine Wohnung organisiert. Nach dem letzten Brand hat er sich aber freiwillig angeboten, im Restaurant zu übernachten. Ich fand es eine gute Idee.« Der Wirt fing erneut an zu schluchzen. »Ich hätte es nicht zulassen dürfen. Jetzt bin ich für seinen Tod mit verantwortlich.« Er stützte den Kopf in seine Hände und begann hemmungslos zu weinen. Der Kommissar ließ ihn eine Weile gewähren, dann stellte er die nächste Frage.

»Gab es denn irgendwelche Anzeichen dafür, dass man es auf ihr Lokal abgesehen hat?«

»Nein! Gab es nicht. Aber wir haben uns große Sorgen gemacht. Das Restaurant wird als TOP-Location in vielen Reiseführern erwähnt, und es liegt abgelegen. Da kann man sich nachts, ohne bemerkt zu werden, anschleichen. Stelios hat sich mit dem zweiten Kellner abgewechselt, das war die Idee der beiden. Zwei große Feuerlöscher hatte ich noch gekauft, für alle Fälle«, sagte er bitter. Filippos machte sich ein paar Notizen, während der Besitzer des Sipantos ihm die Namen der zwei Angestellten auf einen Zettel schrieb.

»Einer meiner Kollegen wird sich mit Ihnen noch ausführlicher unterhalten, er leitet die Ermittlungen der Brandserie und sucht gerade nach Parallelen. Bitte halten Sie sich dafür zur Verfügung.« Filippos verwies auf Konstantinos und reichte dem Mann dessen Handynummer. »Dort können Sie jederzeit anrufen, wenn Ihnen etwas einfällt, was für uns wichtig sein könnte. Ihr Lokal wird noch von einem Team der Spurensicherung untersucht. Wir haben einen Toten, und da ermittelt die Mordkommission«, stellte er klar. Bei dem Wort »Mordkommission« zuckte der Wirt unweigerlich zusammen.

Filippos’ Handy klingelte, und ein Anruf aus Athen bestätigte die Ankunft der Spurensicherung noch an diesem Nachmittag. Somit könnten erste Ergebnisse bereits am Abend vorliegen, unterrichtete er den Tavernenbesitzer von der weiteren Vorgehensweise.

Anschließend klappte er sein Notizbuch zu und steckte es ein. »Geht es Ihnen gut genug, dass ich Sie wieder allein lassen kann?«, fragte er noch.

Der Mann nickte und begleitete den Kommissar zur Tür. »Es geht schon,« antwortete er. »Ich übersteh’ das schon. Und ich bin ja nicht wirklich allein.«

Als er wieder in der Dienststelle eintraf, war der neuerliche Brand im Sipantos das beherrschende Thema. ­Katharina, seine Stellvertreterin, und Xenia, der die Leitung des Sekretariats oblag, standen in der Küche mit einem frisch zubereiteten Frappé in der Hand. Die Sekretärin machte sich sofort daran, auch für Filippos einen dieser Muntermacher zuzubereiten.

»Den kannst du sicherlich gut gebrauchen!« Sie löffelte den Kaffee, etwas Zucker und Eis in das Standgefäß des Mixers. Nach langen Jahren der Zusammenarbeit kannte sie die richtige Mischung für jeden Einzelnen im Team genau. Filippos liebte ihn métrio – halbsüß, mit etwas Zucker. Er nickte ihr lechzend zu.

»Konstantinos hat uns informiert. Er ist direkt losgefahren zum Tatort«, sagte sie, während der Mixer aufheulte.

»Und wisst ihr schon, um wen es sich bei dem Toten handelt?« Katharina schaltete sich in das Gespräch ein.

Der Kommissarin war die Brisanz dieses dritten Brandes bewusst. Als langjährige Chefin der Mordkommission in Athen – vor ihrem Wechsel nach Paros – war sie mit allen Details der Polizeiarbeit bestens vertraut. Neben den Ermittlungen zur Brandserie waren nun zusätzlich Untersuchungen zur Todesursache des Opfers gefragt. Eine sehr unerfreuliche Entwicklung, besonders zu Beginn der Ferienzeit.

»Ein Angestellter des Sipantos’ aus Athen. Kam wohl schon seit Jahren im Sommer zum Arbeiten nach Paros,« berichtete Filippos von dem Gespräch mit dem Restaurantbesitzer. »Kinka ist schon auf dem Weg. Der Besitzer des Sipantos’ hat mir zwar glaubwürdig versichert, dass der Mann freiwillig in dem Lokal übernachtet hat, aber sicher ist ­sicher. Die genaue Todesursache muss Athen uns liefern.« Filippos brachte die beiden Damen auf den aktuellen Stand.

»Schon krass! Drei Anschläge auf Edelschuppen. Für mich ist das eine klare Kampfansage an die ganze Entwicklung hier auf Paros. Und jetzt haben wir auch noch einen Toten…« Katharina spielte auf die gravierenden Veränderungen auf ihrer Insel an. Gerade in den letzten beiden Jahren war dieser Wandel immer stärker spürbar geworden. Nachdem der erste Rolexladen und zahlreiche exklusive Brillenketten Einzug in ehemalige lokale Gemüse- und Souvenirläden, insbesondere in Naoussa, gehalten haben, war auch dem letzten Dorfbewohner klar, wohin die Reise ging. »Der Jet-Set hat Paros schon länger entdeckt, und das ist vielen Parianern ein Dorn im Auge.« Eine Diskussion, die sie in der Dienststelle schon häufig geführt hatten, wobei es in der Vergangenheit meist um die Veränderungen in Naoussa ging. Mittlerweile waren Investoren auch in andere Regionen der Insel vorgedrungen.

»Widerstand gab es schon immer, und das hat die Insulaner gespalten. Aber Brandanschläge…? Das ist eine neue Dimension«, gab Filippos zu bedenken. »Wir müssen uns Zugang zur militanten Szene verschaffen. Im Netz gibt es mittlerweile einige Plattformen, die sich für den Erhalt des ›alten Paros‹ stark machen.« Schon nach dem zweiten Anschlag war er gemeinsam mit Konstantinos in die Tiefen des Internets eingetaucht, um eventuelle Hinweise zum Feuerteufel zu finden. Eine gute Idee, aber gleichzeitig ein schwieriges Unterfangen, denn weder hatten sie genügend Zeit für diese Recherchen, noch stand ihnen zusätzliches Personal in der Dienststelle für diese Aufgabe zur Verfügung. Hinzu kam der Druck aus der Bevölkerung, der enorm groß war, besonders aus dem Gastrobereich. Viele Restaurantbesitzer bangten um ihre Existenz, dieser dritte Anschlag würde die Gemüter weiter anheizen.

»Es gibt erste Anzeichen für eine Bürgerwehr, die auf eigene Faust Jagd auf die Brandstifter machen wollen«, warf Xenia ein. Einer ihrer guten Kontakte aus der Dorfgemeinschaft hatte es ihr gesteckt. »Die Treiber dieser Aktion sind mehrere Wirte vom kleinen Hafen. Sie befürchten, dass auch ihre Gourmettempel abgefackelt werden. Ihr Anführer ist Nikos Kremoudis.«

Filippos horchte auf; diese Information war neu für ihn. »Das halte ich für unwahrscheinlich, schon allein wegen der Lage ihrer Läden«, kommentierte er spontan. Kremoudis war der Chef des Barbaronia, das bekannt war als »das Restaurant auf Paros«. Eine Institution, die sich mitten im alten Hafen von Naoussa befand und seit Ende der Achtziger dort ihren Platz verteidigte – ein Restaurant der Schönen und Reichen, dessen Besitzer sehr früh das Potenzial für ein Luxusetablissement erkannt hatte. »Die Restaurants liegen alle mitten im Ort, da dürfte es schwerfallen, unbemerkt einen Brandanschlag zu verüben. Ich mache mir mehr Sorgen um die außerhalb der Ortschaften liegenden Betriebe.« Filippos sog am Strohhalm seines Frappé und nahm einen kräftigen Schluck.

Katharina nickte. »Wer weiß, vielleicht ist das auch ein Ablenkungsmanöver der Besitzer? Drei Konkurrenten liegen bereits in Schutt und Asche. Das wird ihnen selbst weitere Kunden zuführen.« Sie äußerte eine gewagte These. »Einigen von diesen Platzhirschen traue ich alles zu. Denen steht die Gier ins Gesicht geschrieben.« Sie machte aus ihrer Abneigung zu den Wirten im alten Hafen keinen Hehl.

Filippos verzog grübelnd seine Stirn. »Der Wettbewerb ist zwar knallhart, aber im Juli und August bekommt jeder von ihnen genug vom Kuchen ab, und das, obwohl die Preise mittlerweile jenseits von Gut und Böse liegen.« Er wusste von langen Wartelisten, wenn man nicht rechtzeitig eine Reservierung vornahm. »Ablenkungsmanöver? Das geht dann doch etwas zu weit.« Er bezweifelte die Verdächtigungen seiner Stellvertreterin. »Sie sind so satt, das haben sie nicht nötig. Ganz im Gegenteil, eine Brandserie würde ihnen eher schaden«, glaubte er. »Aber, man weiß ja nie. Auch in diese Richtung werden wir ermitteln und Kremoudis auf den Zahn fühlen.« Er machte sich eine Notiz.

Konstantinos, Paros, Mai 2022

Konstantinos war zum Tatort geeilt, nachdem ihn die Hiobsbotschaft seines Chefs erreicht hatte. Mit den Bildern der vergangenen zwei Brände im Kopf traf er an der Unglücksstelle ein. Auch diesmal war von dem verbrannten Gebäude so gut wie nichts mehr übrig. Bei den beiden vorangegangenen Fällen waren bei ihren Ermittlungen Reste von Plastikkanistern gefunden worden. Ein erster Hinweis, der auf den Einsatz von Brandbeschleunigern hindeutete. Jetzt hoffte er auf einen ähnlichen Fund in den Ruinen des noch rauchenden Sipantos. Seine erste Suche galt dem Leiter der Feuerwehr, mit dem er nach diesem dritten Brand nun noch enger zusammenarbeiten würde. Er fand ihn im Gespräch mit einem seiner Männer.

»Und? Gibt es schon eine Analyse des Fachmanns?«, rief er dem Einsatzleiter zu, der am Boden kniete und einen Aschehaufen aus nächster Nähe betrachtete.

»Ich bin zwar kein Spezialist, was die analytische Aufarbeitung von Bränden betrifft, aber eines ist sicher. Auch hier wurde mit Benzin oder mit einer anderen leicht entzündlichen Flüssigkeit nachgeholfen. Das Restaurant stand binnen Minuten in Flammen, da bedarf es eindeutig Hilfsmitteln.«

Er war sich absolut sicher.

»Meine Kollegen aus Athen sind schon unterwegs. Sie werden die Brandrückstände im kriminaltechnischen Labor in Athen untersuchen. Vielleicht finden sie Parallelen zu den Ascheresten des zweiten Anschlags.« Kinka und ihr Team von der KTU waren in den vorherigen Fällen nicht in die Ermittlungen eingebunden gewesen, aber während eines Telefonats nach dem zweiten Feueranschlag hatte sie darum gebeten, Ascheproben vom Tatort sicherzustellen. Konstantinos war froh, dass er ihrer Aufforderung gefolgt war. »Die haben wohl Methoden, wie man Brandbeschleuniger in den Rückständen noch nachweisen kann.« Für den Polizisten selbst blieb es schleierhaft, und er hatte es auch nicht ganz verstanden, was da gemacht wurde, nur so viel, dass es spezielle Analysenverfahren gab, mit deren Hilfe selbst geringste Spuren nach einem Brand noch ermittelt werden konnten. Verfahren, die sich Gaschromatographie und Massenspektrometrie nannten, hatte er sich nach dem Gespräch mit Kinka notiert. »Habt ihr schon nach Resten von verbrannten Plastikkanistern gesucht?«

Der Feuerwehrmann schüttelte verneinend den Kopf. »Nein! Natürlich nicht. Der Fund der Leiche hat alles andere überschattet. Wir sind angehalten worden, den inneren Brandbereich nicht mehr zu betreten, wegen der Spuren. Aber wir können uns von außen umschauen.« Er wies den Polizisten daraufhin, sich zunächst mit einem Helm und Sicherheitsschuhen auszustatten. Konstantinos nickte und begab sich zu seinem Fahrzeug. Im Kofferraum des Dienstwagens hielt er entsprechendes Equipment bereit.

Stavros Kaffatos sollte Konstantinos bei seiner Begehung rund um die Brandstätte begleiten, um mit seinem geschulten Blick eventuelle Gefahrenquellen frühzeitig zu erkennen. »Wir fangen am hinteren Teil des Gebäudes an«, schlug er sogleich vor und holte sich eine Schaufel aus einem der Einsatzfahrzeuge.