Mörderische Leichtigkeit - Peter Pachel - E-Book

Mörderische Leichtigkeit E-Book

Peter Pachel

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Beschreibung

Manos Tsipouras, Betreiber zahlreicher Motorrad-Verleihstationen auf den Kykladen, blickt optimistisch auf das bevorstehende Sommergeschäft. Als jedoch eine Reihe tragischer Unfälle zu Beginn der Urlaubssaison die Inseln erschüttern, gerät er zunehmend unter Druck. Ablenkung findet er in dem Flirt mit der deutschen Touristin Nicole Kramer, die er über eine Dating-Plattform kennengelernt hat. Doch die traute Zweisamkeit wird jäh beendet, als die junge Frau im Büro seiner Firma das Foto einer seit mehreren Jahren vermissten Freundin entdeckt. Filippos Panos und sein Team werden eingeschaltet und die Spurensuche führt ihn diesmal von seiner Heimatinsel Paros auf die zauberhafte Nachbarinsel Sifnos.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Peter Pachel

Mörderische Leichtigkeit

Ägäis-Krimi Bd. 4

Paros-Krimi

Für alle Langzeit-Griechenland-Begeisterten und alle, die es werden wollen.

Keine Begegnung ist zufällig – sie hat immer ein Ziel!

Gudrun Zydek (*1944), deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin und Aphoristikerin

Handlungen, alle agierenden Personen und Namen der Lokalitäten und Unternehmen sind frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit realen Personen ist rein zufällig.

VASSILIS KOSTAKIDIS

Apollonia, Sifnos, Westliche Kykladen, Juni 2021

Vassilis Kostakidis schwang beide Beine auf seinen vollgestopften Schreibtisch und lehnte sich entspannt zurück. Lechzend schnupperte er an einer Portion Pastizio, die ihm seine Frau Stella soeben in die kleine Polizeidienststelle in Apollonia gebracht hatte. Das Haus der beiden lag nur unweit seines Arbeitsplatzes, und sobald es die Zeit erlaubte, fuhr der Polizist in seiner Mittagspause nach Hause. Immer jedoch, wenn Stella etwas vorhatte, brachte sie ihm sein Mittagessen kurzerhand ins Büro. Während er heißhungrig den Nudelauflauf aß, lauschte er gespannt dem lokalen Radiosender. Nachdem die griechische Regierung am 14. Mai das Land für Touristen wieder ohne verpflichtende Quarantänezeiten geöffnet hatte, präsentierte man täglich erste Erfahrungsberichte aus bekannten Urlaubsregionen in den Medien. Vassilis hoffte, dass auch auf seiner Heimatinsel Sifnos die bevorstehende Urlaubssaison wieder etwas mehr Geld in die Kassen spülen würde. Erste positive Anzeichen dafür glaubte er bei seinen Routinefahrten über die Insel schon beobachten zu können. Schon kurz nach dem Neustart der touristischen Saison waren ihm zahlreiche Fremde begegnet, zumeist, wenn eine der Fähren aus Piräus kommend in Kamares anlegte. Auch sein alter Schulfreund Jannis Plastaros war guter Dinge und sprach von einem guten Start nach Monaten des Stillstands. Er musste es wissen, schließlich betrieb er den größten Auto- und Motorradverleih auf der Insel. Es war eine Zweigstelle der FreeDrive Company mit Hauptsitz auf der Insel Paros. Das Unternehmen war eines der größten Geschäfte seiner Art auf den Kykladen und hatte auf fast allen Inseln eine Niederlassung.

Vassilis öffnete die Tür und ein Fenster seines spartanischen Büros und sorgte so für etwas Durchzug, um den Essensgeruch zu vertreiben. Es war heiß, und die Sonne stand fast senkrecht auf dem bescheidenen Gebäude seiner Dienststelle, das gerade noch in der Hauptstadt von Sifnos, Apollonia, nur gute 200 Meter von der Ortsgrenze nach Artemonas entfernt, lag. Die beiden Ortschaften gingen quasi ineinander über. Um sich die Beine zu vertreten, ging er kurz hinaus unter die weiße Pergola vor dem Eingang, wo er seinen Dienstwagen abgestellt hatte. Eine wuchtige Kiefer neben dem Gebäude, die die Pergola noch überragte, spendete zum Glück weiteren Schatten. Ein kurzer Gruß galt dem Fahrer des lokalen Krankenwagens, der auf der gegenüberliegenden Seite vor der Sanitätsstation parkte. Er erinnerte sich an ein paar Einsätze der vergangenen Monate. Meist waren es ältere Bewohner der Insel, die zur ärztlichen Versorgung nach Athen gebracht werden mussten. In allen Fällen war es viel zu spät gewesen, wie sich schnell herausstellte, da niemand die Gefahr des unsichtbaren Feindes richtig erkannt hatte. Drei Todesfälle waren auf Sifnos in diesem Winter zu beklagen gewesen, darunter eine alte Tante von Vassilis. Ein bitteres Ergebnis, und in allen Fällen wurde das heimtückische Virus als Todesursache ausgemacht. Lange hatte man die Warnungen der Behörden ignoriert; diese ersten Opfer hatten zu einem Umdenken in der Bevölkerung gesorgt. So auch bei dem Polizisten, der Corona zunächst nur in den großen Metropolen vermutete. Mittlerweile wusste er mehr und befürchtete, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei war. Vassilis betrachtete den neuerlichen Anstieg des Fremdenverkehrs daher mit gemischten Gefühlen. Einerseits brauchten die Leute das Geld aus den Einnahmen des Tourismus, auf der anderen Seite brachte der Reiseverkehr mit zahlreichen Fremden aus der ganzen Welt aber auch das Virus auf ihre beschauliche Heimatinsel. Vorsicht ist das Gebot der Stunde, empfahl er seit dem Tod seiner geliebten Tante immer wieder seinen Mitbürgern.

Der Polizist schaute auf seine Uhr und schlenderte zurück ins Büro an seinen Schreibtisch. Fast wäre er einem mittäglichen Nickerchen erlegen, als sein Telefon ihn unsanft in die Wirklichkeit zurückholte. Eine aufgeregte Frauenstimme berichtete in englischer Sprache von einem Unfall. Vassilis war schlagartig wach.

»Bewahren Sie Ruhe! Wo genau befinden Sie sich?«, redete er auf die Frau besänftigend ein. »Sie sagten auf der Straße von Kamares nach Apollonia? Und wo genau dort?« Die Straße war lang, vom Hafen in Kamares aus waren es fast fünf Kilometer bis zur Hauptstadt der Insel.

»Warten Sie, hier ist ein Schild«, hörte er die Frau in den Hörer rufen und vernahm Schritte, bevor sie keuchend weitersprach. »Es ist an der Abzweigung, die zur Agia Varvara führt. Dort in der Kurve ist es passiert.«

Damit konnte der Polizist etwas anfangen. Von der besagten Stelle war es nicht mehr weit bis zum Ortseingang von Apollonia. »Gibt es Verletzte?«, fragte Vassilis professionell.

»Ja! Es sind zwei Personen, ein Mann und eine Frau. Der Mann rührt sich nicht. Bitte kommen Sie schnell. Das Motorrad ist in den Graben gestürzt«, flehte die Frau hilflos. Der Polizist war aufgesprungen und griff nach seinem Autoschlüssel. Noch während seines Telefonats lief er hinaus und rief nach dem Sanitäter. Er würde den Krankenwagen sofort zur Unfallstelle schicken.

»Ich komme so schnell ich kann. Bleiben Sie, wo sie sind, und Hilfe ist bereits unterwegs«, sagte er und legte auf. Nach einem kurzen Wortwechsel war der Fahrer des Krankenwagens im Bilde.

»Das geht ja gut los. Schon der zweite Unfall in zehn Tagen«, stöhnte der Sanitäter, während er sich für einen Einsatz startklar machte. Umgehend wählte er die Nummer eines Arztes, der auf der Insel zu Hausbesuchen aufgebrochen war.

Vassilis traf noch vor der Ambulanz am Unfallort ein. Die Anruferin, die vorher bei der Verletzten kniete, stand auf, als sie das Polizeifahrzeug erkannte, und ging an den Straßenrand. Sie winkte hektisch, um ihm zu zeigen, wo genau die Unfallstelle war. Vassilis parkte seinen Wagen neben einer noch im Bau befindlichen Bushaltestelle, sprang aus dem Fahrzeug und lief zu der kreidebleichen Frau hinüber.

Noch bevor der Polizist sich um den Unfall kümmern konnte, entschuldigte sie sich eilig, dass sie nicht weiter bei der Verletzten bleiben könne, da sie ihre Kinder abholen müsse. Vassilis nickte, notierte ihren Namen und Telefonnummer und bat sie, später auf der Polizeistation vorbeizukommen, um ihre Aussage zu protokollieren.

Aufmerksam schaute er sich um. Die Straße vom Hafenort Kamares nach Apollonia führte durch eine terrassenförmige Landschaft, die mit steilen Felswänden gesäumt war. Künstlich angelegte Betonmauern schützten an einigen Stellen vor Steinschlag, Häuser gab es hier kaum. Die Strecke war recht kurvenreich und stieg stetig bergan. Genau an der Unfallstelle war sie jedoch abschüssig und mündete in einer scharfen Linkskurve. Der Polizist tippte auf überhöhte Geschwindigkeit. Kein Einzelfall, wie er aus seiner langjährigen Erfahrung wusste. Man musste sich nur auf dem Dorffriedhof umschauen, wo in den vergangenen Jahren mehrere junge Männer nach Motorradrennen bestattet worden waren.

Mit schnellen Schritten ging er hinüber zu der Frau, die apathisch auf dem Boden saß; ihr Gesicht war blutüberströmt, ein Helm lag vor ihr im Gras. Sie war aber bei Bewusstsein und antwortete auf seine Fragen. Er erkundigte sich, ob er sie alleine lassen könne, bis die Ambulanz käme, und nach einem vorsichtigen Nicken konzentrierte sich der Polizist auf ihren Begleiter, der bäuchlings weiter unten im Graben lag. Er war gut drei Meter in ein ausgetrocknetes Flussbett gestürzt, welches glücklicherweise nur im Winter häufig Wasser führte. Schnell hangelte er sich hinunter in die Senke und stülpte sich zuerst seinen Mundschutz und ein paar Gummihandschuhe über, bevor er sich dem Verunglückten zuwandte.

Die Ambulanz war soeben eingetroffen. Vassilis wartete auf den Sanitäter, der schon zu ihm hinunterkletterte. Der Verletzte schien bewusstlos zu sein und trug noch seinen Integralhelm. Von seinen Erste-Hilfe-Kursen wusste er, dass bewusstlosen Motorradfahrern unbedingt der Helm abgenommen werden muss, da ansonsten ein Erstickungstod droht. Doch das sollte besser der erfahrene Sanitäter vornehmen, damit gegebenenfalls schnell eine Beatmung durchgeführt werden konnte.

»Können Sie mich hören?«, fragte Stelios, der Sanitäter, kniete sich neben den Mann und wartete auf eine Antwort. Dieser zeigte jedoch keinerlei Reaktion.

»Wir müssen ihn umdrehen, aber ganz vorsichtig«, bat er Vassilis um Hilfe. Behutsam ergriffen sie den Zweiradfahrer an der Seite und rollten ihn zu zweit auf den Rücken.

»Er hat keinen Puls mehr, wir müssen schleunigst den Helm entfernen!« Während der Sanitäter den Helmverschluss öffnete und seitlich beide Hände zwischen Helm und Kopf schob, wies er Vassilis an, den Kopf des Unfallopfers zu stabilisieren. »Ich halte den Kopf, versuch du den Helm ganz langsam wegzuziehen«, sprach er ganz ruhig, während er den Kopf- und Halsbereich des Verletzten so gut es ging fixierte.

Vassilis war nicht ganz so gelassen, versuchte aber, die Ruhe zu bewahren. Die Dringlichkeit war ihm bewusst, und er hoffte inständig, dass ihre Hilfe nicht zu spät kam. Kleine Schweißperlen säumten seine Stirn, als er Stück für Stück den klobigen Helm nach hinten zog.

Ein schmerzerfülltes Wimmern drang an sein Ohr. Die vom Unfall traumatisierte Frau war an den Grabenrand gerobbt und stierte angsterfüllt zu ihnen hinunter.

Der Mund des Unfallopfers war schon zu sehen. Jetzt waren es nur noch wenige Zentimeter, bis der Kopf völlig frei war. Stelios nickte auffordernd, den Helm gänzlich abzuziehen, eine Hand fest im Nacken des Mannes platziert. Dann kam die Ernüchterung. Zwei leblose Augen, in denen der Schreck der letzten Sekunden festgeschrieben stand, blickten ins Leere.

»Da kommt jede Hilfe zu spät«, sagte Stelios und schloss die Lider des Toten. »Wahrscheinlich Genickbruch.« Er warf einen letzten Blick auf den Motorradfahrer, bevor er zu der Beifahrerin hochkletterte, um diese zu versorgen. Vassilis folgte ihm, um zu helfen.

Die Frau war zur Seite gekippt und lag wimmernd auf dem Boden. Nachdem sie ihr ein Beruhigungsmittel verabreicht hatten, legten sie die Frau auf eine Bahre. Dabei schlug sie mehrfach um sich und stammelte verzweifelt einen Namen. Vermutlich wollte sie auf ihren toten Begleiter aufmerksam machen oder etwas über seinen Zustand wissen. Aber weder Stelios noch Vassilis konnten sich mit ihr verständigen.

Auf schnellstem Wege machte sich Stelios daran, die Frau zur Krankenstation zu bringen, wo der Inselarzt in Kürze eintreffen würde, um sie weiteren Untersuchungen zu unterziehen und sie zu behandeln.

Vassilis blieb erschöpft am Unfallort zurück. In nur wenigen Minuten hatte sich seine behäbige Mittagspause in einen Albtraum verwandelt. Erst jetzt bemerkte er die Schaulustigen, die an die Unfallstelle herangetreten waren, um den Toten zu begaffen. Einige zückten bereits ihre Handys für Fotos. Angewidert eilte er schnell zu seinem Fahrzeug und holte eine Decke, um sie über dem Opfer auszubreiten. Resolut wies er die Gaffer oben am Straßenrand an, wenigstens einen Mindestabstand einzuhalten und die Fotoaufnahmen zu unterlassen, bevor er wieder zu dem Toten hinunterkletterte.

Gedanklich ging er schon die Checkliste durch, was er jetzt zu erledigen hatte. Mit der Aufnahme des Unfallgeschehens würde er beginnen. Er hoffte, dass er die verletzte Beifahrerin später noch befragen konnte. Noch einmal widmete er sich dem Toten und suchte in der Jacke des Mannes nach eventuellen Papieren. Es handelte sich um einen jungen Franzosen, wie er schnell aus den Dokumenten entnehmen konnte. Ein zusammengefalteter Mietvertrag, ausgestellt von FreeDrive, steckte zusätzlich in der Jackentasche.

Anschließend zückte er sein Handy und begann, die Unfallstelle aus unterschiedlichen Perspektiven zu fotografieren. Ein Unfallbericht, auf dem er eine Skizze des Geschehens eintragen konnte, sowie ein Maßband halfen ihm dabei, die jeweiligen Entfernungen korrekt zu erfassen. Vassilis war geübt in der Erstellung von Unfallberichten. Trotzdem setzten ihm Unfälle mit tödlichem Ausgang immer wieder aufs Neue zu. Nachdem er die wesentlichen Daten erfasst hatte, trat er näher an die Unglücksmaschine heran, einen Großstadtroller der Marke KYM, wie er sofort erkennen konnte.

Es folgten zwei Anrufe: Der erste galt einem Bestatter, der den Leichnam abholen sollte, der zweite seinem Freund Jannis Plastaros.

»Wir haben einen schweren Unfall. Es gibt einen Toten«, kam er ohne Umschweife zur Sache. »Es ist ein Motorrad von dir. Bitte komm umgehend zur Unfallstelle.« Er gab Jannis den Standort durch. Ein lautes Fluchen war die postwendende Antwort.

Kurz überlegte Vassilis, die Bezirksregierung in Ermoupoli zu informieren, entschied sich dann aber dagegen. Die Sachlage war für ihn eindeutig: Das würden die Behördenvertreter dort sicher genauso sehen. Der Fahrer der Maschine, ein Roller der größeren Bauart, musste die Kontrolle auf der abschüssigen Straße verloren haben, hatte die Linkskurve verfehlt und war geradeaus in das Flussbett gestürzt. Seine Beifahrerin hatte wohl Glück im Unglück gehabt; sie schien vorher vom Zweirad geschleudert worden zu sein, analysierte der Polizeibeamte scharf. Auch das Motorrad lag unweit des Unfallopfers im Graben. So würde er es in seinen Unfallbericht aufnehmen, den er an die Bezirksregierung schicken musste.

»Verdammt! Das ist der zweite schwere Unfall in nur zehn Tagen. Was machen die Leute nur …«, stöhnte sein Freund, der inzwischen eingetroffen war und ängstlich den zugedeckten Leichnam betrachtete. »Der Mann hatte doch jahrelange Motorraderfahrung; er hat mir Bilder seiner eigenen Maschine gezeigt«, stammelte er fassungslos. Anhand des Kennzeichens erinnerte er sich an den Franzosen, denn die Anzahl der Urlauber zu dieser Jahreszeit war noch recht überschaubar.

»Wenn der mit einem Affentempo hier runter ist …«, Vassilis schaute kurz auf, »dann nützt dir auch die beste Erfahrung nichts. Ein Roller mit den kleineren Reifen verhält sich anders als ein Motorrad, und viele unterschätzen die schlechten Straßenverhältnisse mit ihren unzähligen Schlaglöchern und Kurven. – Ich brauche wie immer das Wartungsprotokoll der Unglücksmaschine.« Vassilis holte den Mietvertrag aus seiner Tasche und übergab ihn seinem Freund.

»Weiß ich doch, der Roller ist erst knapp zwei Jahre alt und war in einem Top-Zustand«, murmelte Jannis zerknirscht, rutschte den Abhang mehr hinunter, als dass er kletterte, und kniete sich neben das Zweirad. Am Zustand des Vehikels hegte Vassilis keinen Zweifel. FreeDrive war bekannt für seine besonderen Sicherheitsstandards und die gut gepflegten Mietfahrzeuge. Das konnte man vielfach in unzähligen Rezensionen im Internet nachlesen. Jeden Winter erfolgte eine sorgfältige Revision der gesamten Flotte und ein Austausch aller Verschleiß- und beschädigten Teile. Trotzdem brauchte Vassilis den Bericht für sein Unfallprotokoll.

Das Schlagen einer Autotür ließ die beiden Männer aufhorchen. Der Bestatter war mit einem seiner Angestellten angekommen. Schnell schnappten sich die beiden einen Leichensack und kletterten hinunter an die Unfallstelle. Vassilis baute sich noch einmal vor den Zuschauern auf, um diese endgültig zum Weiterfahren aufzufordern. Mit Argusaugen überwachte er, bis auch der Letzte verschwunden war. Dann stieg er ebenfalls wieder zur Unfallstelle hinab.

Vassilis musste die beiden Bestatter vertrösten. Bevor der Inselarzt den Tod nicht offiziell festgestellt hatte, konnte er den Leichnam nicht freigeben. Der Arzt wollte sofort nach der Erstversorgung der Beifahrerin zu dem Toten kommen.

Jannis hatte sich nur kurz ablenken lassen. Zu sehr war er mit der Begutachtung des verunglückten Rollers beschäftigt. Eine Seite der vorderen Schutzverkleidung war stark eingedrückt. Das musste beim Sturz in den Graben passiert sein. Mehrfach kroch er in gebückter Haltung um das Zweirad herum. Dabei konzentrierte er sich auf die beiden Bremshebel am Lenker. Einer davon war durch den Fall in den Graben abgerissen worden. Vassilis war jetzt auch näher an den Roller herangetreten, denn die Akribie, mit der Jannis den Roller unter die Lupe nahm, irritierte ihn.

»Ist dir etwas Ungewöhnliches aufgefallen?«, riss er den Motorradverleiher aus seinen Betrachtungen.

»Nein, nein … nur …«, Jannis zögerte, »… zwei schwere Unfälle in so kurzer Zeit machen mir extrem zu schaffen«, murmelte er bedrückt. Vassilis wusste, dass sein langjähriger Freund sich jeden Unfall mit einem seiner Mietfahrzeuge sehr zu Herzen nahm.

Bevor er noch antworten konnte, sah er den Inselarzt bereits die Böschung nach unten kraxeln.

»Noch so jung«, stellte dieser lakonisch fest, während er mit seinen Routineuntersuchungen begann und wie Vassilis zu dem Ergebnis kam, dass das Opfer einem Genickbruch erlegen war. Dem Abtransport des Toten stand nun nichts mehr im Wege. Den Papierkram würden beide später auf der Dienststelle erledigen.

Zurück blieb das Unfallfahrzeug, das nur unter Zuhilfenahme einer Seilwinde, die Jannis auf seinem Pick-up hatte, aus dem Graben auf die Straße gezogen werden konnte. Zu zweit verluden sie mühsam den Roller auf der Ladefläche, um ihn zurück in die Werkstatt zu transportieren. Als Jannis das Vorderrad des Zweirads mit einem Spanngurt festzurrte, warf er einen genaueren Blick darauf. Es wirkte unbeschädigt. Ein von der Seite streifender Sonnenstrahl auf die Bremsscheibe machte ihn jedoch stutzig. Kaum erkennbar zog sich ein feiner Riss durch die gelöcherte Metallscheibe. Mit den Fingerkuppen konnte man eine winzige Unebenheit ertasten. Für den Polizisten war klar: Das musste durch den heftigen Aufprall beim Sturz in das Flussbett verursacht worden sein.

Nicole Kramer

Düsseldorf, Juni 2021

Gespannt öffnete Nicole Kramer aus Düsseldorf ihre Dating-App und scrollte durch die neuesten Einträge in ihrer Besucherliste. Dabei traf sie bereits eine erste Auswahl und trennte die Spreu vom Weizen. Wenn ihr das Profilfoto nicht auf Anhieb zusagte, löschte sie den Eintrag sofort. Für diese Entscheidung genügten nur wenige Sekunden, und so fielen bereits viele Besucher dieser Hürde zum Opfer. Heute wurde sie angenehm überrascht, die Ausbeute sah vielversprechend aus. Sie würde sich wohl etwas mehr Zeit nehmen müssen, um die Herren genauer zu prüfen. Die detaillierte Betrachtung für die engere Auswahl würde sie sich für später aufsparen, denn bis dahin würden bestimmt noch ein paar weitere Besucher hinzukommen.

Schon seit einiger Zeit war sie auf SmartDate unterwegs und hatte sich nach anfänglichen Hemmungen mittlerweile mit den Spielregeln vertraut gemacht. Dem Irrglauben, hier die große Liebe zu finden, war sie glücklicherweise nie erlegen, denn sie stand fest mit beiden Beinen im Leben. Aber für etwas Spaß gab es keine bessere Möglichkeit. Und darum ging es der lebenslustigen Düsseldorferin auch. Lange hatte sie überlegt, wie sie sich mit einem passenden Profilnamen richtig präsentieren könnte. Ihr Bekanntenkreis hatte ihr dann weitergeholfen. Seitdem war sie als PowerBirdy auf der Plattform angemeldet, ein Name, der ihrer Meinung nach ihr Naturell ziemlich gut beschrieb. Ein bunter Vogel mit blondem Haarschopf und viel Energie – so wurde sie oft von ihren Freundinnen vorgestellt. Und schließlich sollten sie es ja am besten wissen.

Tatsächlich passte der Profilname sehr gut zu der sechsunddreißigjährigen Frau, die man durchaus als rheinische Frohnatur bezeichnen konnte. Sie war neugierig auf das Leben, hatte einen guten Job und eine gehörige Portion Humor. Sie wusste genau, was sie wollte, und nach dem Ende einer langjährigen Beziehung entdeckte sie gerade wieder neue Freiheiten im Leben. SmartDate gehörte definitiv dazu. Es war eine einfache und diskrete Möglichkeit, jemanden kennenzulernen, vorausgesetzt man hielt sich an gewisse Regeln.

Nicole hatte sich diese Erkenntnisse in vielen fröhlichen Runden mit ihrer Mädels-Clique erarbeitet, wobei einige Singles in der lustigen Runde ihr voraus waren. Nach ein paar Flaschen Wein hatten sie oft ihre Erfahrungen zum Besten gegeben. Nicole hatte lustige, aber auch tragische Geschichten gehört. Die wichtigste Erkenntnis für sie war, die ganze Sache nicht zu ernst zu nehmen und immer vorsichtig zu sein. Aber wenn sie nicht als alte Jungfer enden wollte, musste sie gewisse Kompromisse eingehen. Einen Partner auf konventionelle Weise kennenzulernen, erforderte zu viel Zeit, die sie einfach nicht hatte. Also wagte sie sich langsam an die Dating-App heran und optimierte nach und nach ihr Profil. Dann kam die Vollbremsung namens Corona. Im ersten Jahr der Pandemie hatte Nicole alle Aktivitäten komplett eingestellt, aber jetzt unternahm sie wieder mehr. Dank vieler Schnelltests und der umfangreichen Impfkampagne war wieder einiges möglich. No Risk, No Fun, ein Spruch, der ihr oft über die Lippen kam und der auch auf den Umgang mit Corona zutraf.

Nicole legte ihr Smartphone beiseite und seufzte zufrieden. In den nächsten vier Wochen würde sie genug Zeit haben, ihr Profil noch einmal zu überarbeiten. Vier Wochen freie Zeit ohne Job und ohne Druck – langsam wurde ihr bewusst, dass sie sich in einer neuen Situation befand. Eine vierwöchige Auszeit war eine Bedingung für ihren Neustart gewesen, der neue Arbeitgeber hatte dem sofort zugestimmt. Es handelte sich um einen Konkurrenten ihrer alten Firma, der lange um sie geworben hatte.

Nicole jauchzte, als ihr Blick durch das Schlafzimmer wanderte. Es herrschte Chaos, wenn sie die wild verstreuten Klamotten betrachtete, die sie zunächst wahllos auf ihr Bett geworfen hatte, um sie für ihre bevorstehende Urlaubsreise zu packen. Ein extra für die Reise gekaufter Koffer, den sie wie einen Rucksack auf den Rücken schnallen konnte, stand bereit und musste nur noch gepackt werden. Zuvor musste jedoch die Entscheidung für die richtige Kleiderwahl getroffen werden, was eine schwierige Aufgabe war. Auf dieser Reise würde sie viel unterwegs sein, im Gegensatz zu ihren früheren Urlauben. Daher sah die Packliste für diese Tour anders aus als für nur ein einzelnes Reiseziel. Sie wollte noch einmal wie früher Inselhopping machen, ohne Verpflichtungen und ohne Begleitung, wie sie es nach ihrem Abitur vor gut zwanzig Jahren schon einmal gemacht hatte. Sie freute sich seit Wochen wie ein kleines Kind auf seine Geburtstagsfeier.

Nicole begann damit, den riesigen Haufen Kleidung in zwei Stapel zu sortieren und legte die aussortierten Sachen direkt wieder in ihren Kleiderschrank zurück. Diese Vorgehensweise hatte sich bewährt. Nach und nach kristallisierte sich der passende Inhalt für den Koffer heraus. Im letzten Schritt musste die Auswahl nur noch auf das zulässige Gewicht von 23 kg reduziert werden, eine viel größere Herausforderung für die fröhliche Düsseldorferin.

Nach gut einer Stunde kritischer Betrachtung war alles gepackt. Ihr Flug nach Athen war für den nächsten Tag gebucht. Von dort aus ging es am späten Nachmittag weiter nach Paros, wo sie zunächst ein paar Tage zum Akklimatisieren verbringen würde. Anschließend war eine Weiterreise nach Sifnos geplant, die ersten Stationen ihres vierwöchigen Aufenthalts. Danach würde sie sich treiben lassen und die vielfältige Inselwelt der Ägäis erkunden. Sie verstaute die notwendigen Reiseunterlagen in einer Klarsichthülle. Für ihren Aufenthalt auf Paros hatte sie bereits eine Unterkunft vorgebucht.

Als sie die Dokumente durchblätterte, wurde ihre Urlaubsfreude für einen Moment getrübt. Auch wenn sie den Gedanken immer wieder verdrängte, das spurlose Verschwinden einer ihrer Freundinnen vor drei Jahren würde sie auf diese Reise nach Griechenland begleiten. Es war ein fürchterliches Kapitel in ihrem privaten Bekanntenkreis, das sie alle lange beschäftigt hatte. Stefanie Albers, von allen nur Steffi genannt, war damals auch zu einem Trip in die Ägäis aufgebrochen und danach nie wieder aufgetaucht. Es hatte lange gedauert, bis das Thema allmählich aus dem Mittelpunkt ihrer regelmäßigen Treffen geriet. Die Clique hatte zahlreiche Aktionen gemeinsam mit der Polizei gestartet, aber alle Versuche, den letzten Aufenthaltsort von Steffi ausfindig zu machen, waren gescheitert. Die Ermittlungen waren zwar nicht eingestellt, aber sie ruhten, wie die zuständige Polizeibehörde in Düsseldorf erklärte. Solange es keine neuen Erkenntnisse gab, waren ihnen die Hände gebunden.

Nicole lenkte sich ab, indem sie sich ein paar Ein­drücke der beiden Inseln in Erinnerung rief, die sie sich in den letzten Tagen auf YouTube angeschaut hatte. Sie würde sich ihre Vorfreude nicht nehmen lassen, auch wenn der Verlust ihrer ehemaligen Freundin in Verbindung mit Griechenland mitschwang. Mit Steffi war schon immer eine gewisse Geheimniskrämerei verbunden gewesen. Eine Frau, die sich nie vollkommen in die Karten hatte blicken lassen und dadurch für ihr Umfeld interessant, aber auch unnahbar schien. Anhand ihrer letzten Urlaubsposts in den sozialen Medien konnte man den Verlauf ihrer Reise rekonstruieren. Man wusste also, dass sie auf Santorini, Naxos und Paros war. In Parikia, der Hauptstadt von Paros, verlor sich dann jedoch ihre Spur. Sie war zuletzt dort im Hafengelände mit ihrem Reiserucksack auf dem Rücken gesehen worden. Bei der Auswertung alter Webcam-Aufnahmen im Hafen von Paros wurde sie eindeutig identifiziert. Ob sie mit einer der großen Fähren oder mit einer Privatyacht zu einer anderen Insel weitergereist war, konnte nie geklärt werden.

Schon wieder ertappte sich Nicole bei einer Rückblende, das musste unbedingt aufhören! Sie brauchte dringend diese Auszeit, nicht nur wegen der Corona-Misere, sondern auch, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Ihre neue Stelle würde ihr in der Anfangszeit viel Energie abverlangen.

Ein letzter Check bestätigte ihr, dass sie gut auf die Reise vorbereitet war. Alle Dokumente lagen bereit, inklusive des negativen Ergebnisses eines PCR-Tests. Nur das digitale Covid-Zertifikat für die Einreise nach Griechenland fehlte noch. Pünktlich gegen Mitternacht würde man ihr den QR-Code per E-Mail senden, wie sie von anderen Griechenland-Reisenden wusste. Es war praktisch in letzter Sekunde. Sie hoffte, dass sie sich darauf verlassen konnte.

Entspannt rückte sie sich ein Kissen auf ihrem Bett zurecht, lehnte sich zurück und rief erneut die Besucherliste von SmartDate auf. Neben ihr lag die Kopie ihrer selbst angefertigten Excel-Tabelle, die sie als ihre Entscheidungshilfe bezeichnete. In der obersten Zeile des DIN-A4-Blattes waren einige Kriterien wie Alter, erster Eindruck, Figur sowie weitere für sie wichtige Merkmale eingetragen. Jede Eigenschaft war mit einer Punktzahl versehen. Falls sich mehrere interessante Kandidaten herauskristallisierten, hatte sich diese Vorgehensweise bewährt. Demjenigen, der bei der Auswertung des Bogens die höchste Punktzahl erreichte, stellte Nicole eine Kontaktaufnahme in Aussicht. Wie vermutet waren noch zwei weitere Profilbesucher zu PowerBirdy hinzugekommen.

Neugierig betrachtete sie das erste Profil: Ein dunkelhaariger Mitvierziger strahlte ihr äußerst selbstbewusst entgegen. In seinem Lächeln lag etwas Provokantes, fast Forderndes. In Nicoles Unterbewusstsein gingen verschiedene Schubladen auf. Sie mochte diese Draufgängertypen, bei denen man schon den nächsten Flirt im Blick erkennen konnte. Dieser Mann gehörte eindeutig dazu. Nur der aufgestellte Kragen seines Poloshirts turnte sie völlig ab. Der Profiltext des Mannes bestätigte ihre spontane Einschätzung. Er redete nicht um den heißen Brei herum. Verheiratet und auf der Suche nach anonymen Abenteuern machte er keinen Hehl aus dem Grund seiner Avancen. Wahrscheinlich würde der Typ irgendwo im Mittelfeld ihrer Auswertung landen.

Sie öffnete das Profil von Besucher Nummer zwei. Auch er trug ein Poloshirt und posierte auf einer frisch geputzten Harley. Sie schätzte den Mann auf mindestens fünfzig; er war einen Tick zu alt, wie sie befand. Außerdem störte sie die sonnengegerbte Gesichtsfarbe des Fremden. Irgendwie sah das unnatürlich aus, und es fehlte ihr ein Stück Normalität. Mit einem Klick löschte sie das Profil. Vor ihr waren noch fünf weitere Interessenten.

Ein leichter Schauer rieselte über ihren Rücken, als sie in dem verbliebenen Besucherpool zwei Profile aus Griechenland entdeckte. Gestern hatte sie in ihrem Account den Aufenthaltsort für kurze Zeit auf Paros umgestellt, und daraufhin mussten die beiden sie kontaktiert haben. Das war ein Test gewesen, und es schien zu funktionieren, triumphierte sie. Bisher hatte sie SmartDate nur in Deutschland genutzt, jetzt wusste sie, dass sie auch in Hellas darauf zählen konnte. So gänzlich alleine wollte sie die vier Wochen nämlich nicht verbringen. Aufgeregt widmete sie sich den beiden Griechen, während ihre Fantasie schon die ersten Purzelbäume schlug.

Filippos Panos

Parikia, Paros, Südliche Kykladen, Juni 2021

Filippos Panos blickte mit Sorgen auf die bevorstehende Urlaubssaison. Nach nunmehr fast fünfzehn Monaten im Corona-Modus deuteten die ersten Zahlen des griechischen Touristikministeriums auf einen stark steigenden Besucherstrom hin. Für den Leiter der Polizeistation in Parikia, der Inselhauptstadt von Paros, gab es keinen Grund zur Freude. Hatte er mit seinem kleinen Team im letzten Sommer genug damit zu tun, die hiesige Bevölkerung auf die Gefahren des Virus hinzuweisen und die Umsetzung der von der Regierung beschlossenen Maßnahmen zu überwachen, kamen jetzt noch die zahlreichen Besucher aus aller Welt erschwerend hinzu. Besonders die vielen Franzosen, die seit gut zwei Wochen auf Paros einfielen wie die Heuschrecken, bereiteten ihm zunehmend Kopfzerbrechen. Als hätten sie fluchtartig ihr Land verlassen, strömten schon jetzt zu Beginn der Hauptferienzeit Scharen aus Frankreich über die Insel. Auch wenn die sommerlichen Temperaturen für ein wenig Entspannung sorgten, war die Pandemie noch nicht vorbei und keiner konnte voraussagen, wie sich die Einreise der ganzen Fremden auf das Infektionsgeschehen auswirken würde. Zwecks besserer Überwachung war zum Glück eine wesentlich engere Zusammenarbeit mit den Hafenämtern vereinbart worden. Nur so war sichergestellt, dass die wachsende Anzahl der Passagiere auf den Fähren schon bei der Anreise einer Kontrolle unterzogen werden konnte. Sein Team wäre überhaupt nicht in der Lage, die ganzen Prüfungen der Reisedokumente durchzuführen. Das würde kein leichter Sommer werden, zumal ihre täglichen Routinearbeiten selbstverständlich auch erledigt werden mussten. Er hoffte inständig, dass nicht noch ein Einsatz außerhalb seiner Wahlheimat Paros auf ihn zukommen würde. In seiner Funktion als Mitglied des Sondereinsatzkommandos für Verbrechen auf den kleineren Inseln musste er ständig damit rechnen. Und wenn es denn so kommen sollte, könnte er auch nichts daran ändern. So konzentrierte sich der junge Kommissar auf seinen Rechner und öffnete die Seite mit der Webcam im Hafen.

Vor wenigen Minuten erst hatte eine Blue Star aus Piräus kommend ihre Heckklappe ausgefahren. Der große Pulk an Reisenden, die von der Fähre strömten, unterstrich seine Befürchtungen. Auch wenn die Polizeistation nur wenige Meter vom Anleger entfernt war, beobachtete Filippos das Geschehen über die im Hafengelände installierte Kamera. Für den Kommissar war es eine gute Gelegenheit, sich anhand des Passagieraufkommens einen ersten Eindruck über den Besucherstrom zu verschaffen. Gut, dass es diese Technik gab, auch wenn sich immer wieder vereinzelte Bürger über die heimlichen Beobachtungen aus der Vogelperspektive beschwerten. Die meisten bekamen es gar nicht mit. Viele dieser Webcams übertrugen nur noch einen Live­stream. Aber je nach Standort wurden weiterhin, zwecks behördlicher Auswertungen, die Daten eines definierten Zeitraums gespeichert.

Filippos hatte eine zwiespältige Meinung zu den Aufnahmen. Einerseits war er ein Befürworter des Datenschutzes, aber manch eine abgespeicherte Aufzeichnung hatte in der Vergangenheit durchaus bei der Aufklärung von Verbrechen geholfen. Gerade wenn es um die An- und Abreise von Passagieren ging, waren die in Häfen installierten Kameras oft eine große Hilfe, um zur Fahndung ausgeschriebene Personen ausfindig zu machen. Auch bei der Suche nach Vermissten wurden die Videos vielfach eingesetzt. Er erinnerte sich an einen Fall vor drei Jahren, als man auf Paros fieberhaft nach einer verschwundenen Deutschen gesucht hatte. Auf einer der Aufnahmen war sie schließlich aufgetaucht. Wo sie danach allerdings abgeblieben war, konnte nie ermittelt werden. Seine Dienststelle war nur am Rande mit eingebunden gewesen, da die Vermisste vorher noch auf anderen Inseln unterwegs war. Ermoupoli hatte federführend die Untersuchungen geleitet und Filippos letzter Stand war, dass nach Monaten intensiver Nachforschungen die Suche schließlich eingestellt worden war. Seitdem hatte er nichts mehr von dem Fall gehört.

Er stand auf und öffnete die Fenster. Es war kurz vor Mittag und die Sonne stand fast senkrecht am leuchtend blauen griechischen Himmel. Schritte im Flur näherten sich seinem Büro.

»Wenn das so weitergeht, werde ich mich noch zu einem Französischkurs anmelden«, sagte Katharina, die frühere Leiterin der Polizeistation. Sie stand an seiner Tür und hielt einen Ausdruck der neuesten Urlauberstatistik in der Hand. Die Bezirksregierung in Ermoupoli musste sie soeben geschickt haben. »Der Freiheitsdrang der Franzosen scheint besonders groß zu sein, wenn ich mir die Zahlen anschaue. Die Leute wollen raus, nach Monaten des Eingesperrtseins. Ich kann das nachvollziehen, und für unsere Wirtschaft kann das nur gut sein«, sagte sie und legte die Veröffentlichung auf den Schreibtisch ihres Chefs.

»Solange sie sich an die Regeln halten …« Filippos überflog die Daten, die für ihn nichts Neues zeigten. Über den starken Zuwachs an Reisenden aus Frankreich wurde bereits mehrfach in der Presse berichtet.

»Mit dem Französischkurs – das fände ich gut, dann kommst du mit auf Streife«, lachte er. »Man braucht ja nur durchs Städtchen laufen, da hört man, wo die Leute herkommen. Gibt es sonst noch etwas?« Er wartete auf weitere Mitteilungen seiner Stellvertreterin.

»Soweit ist alles ruhig, bis auf einen Unfall, zu dem Konstantinos schon vor zwei Stunden gerufen wurde. Ich habe Manos schon informiert.«

»Wissen wir schon mehr?« Filippos hob den Kopf. Erst letzte Woche hatten sie einen schweren Unfall bearbeitet.

»Nur, dass es ein Motorradunfall ist. Manos ist ebenfalls schon zur Unfallstelle unterwegs.«

»Gut! Ich werde Konstantinos anrufen und später mit Manos reden.« Er machte sich eine Notiz. Wahrscheinlich würde er sogar persönlich bei ihm vorbeifahren, eine gute Gelegenheit, ein paar kleinere Mängel an seinem Motorrad zu reklamieren, das er vor zwei Wochen zum Austesten erhalten hatte. Seit gut einer Woche legte der Kommissar die Strecke von seinem Haus in Naoussa bis hin zu seiner Dienststelle mit einem Motorrad zurück, das er bei Manos Tsipouras günstig gebraucht kaufen wollte. Eine Anschaffung, die er schon länger plante und nun endlich in die Tat umsetzen wollte. Das Angebot von Tsipouras war verlockend, auch wenn er den Preis, den Manos ihm erst nach den Testfahrten nennen wollte, noch nicht kannte. Jeweils nach dem Ende der Feriensaison sortierte der Motorradverleiher regelmäßig viele seiner Fahrzeuge und Zweiräder aus und bot diese zunächst auf der Insel an. Und die Insulaner nutzten die Gelegenheit, so auch der Kommissar, der im Sommer das Motorrad seinem Dienstwagen vorzog. Filippos war sich sicher, dass er mit einem guten Deal rechnen konnte.

Manos Tsipouras war kein Unbekannter auf der Insel. Schon sehr früh, Ende der siebziger Jahre, hatte sein Vater das Potenzial für einen Fahrzeugverleih zunächst auf Paros, später auf weiteren Inseln der Kykladen erkannt. Der überwiegende Teil der Urlauber kam mit dem Flieger oder per Fähre. Mit dem eigenen Auto kamen eigentlich nur Festlandgriechen und ein paar ausländische Besucher, die Häuser auf den Inseln besaßen und länger blieben. Viele buchten schon im Voraus einen fahrbaren Untersatz; das hatte die Geschäftsidee von Manos’ Vater sehr schnell zum Erfolg werden lassen. Schon in jungen Jahren hatte er sich mit seinen ehrgeizigen Expansionsplänen die Vorreiterschaft in den Urlaubsregionen gesichert. Mittlerweile befand sich das Unternehmen in der zweiten Generation und war einer der größten Auto- und Motorradverleiher seiner Art mit Niederlassungen auf fast allen für den Tourismus bekannten Inseln. Manos war in die Fußstapfen seines Vaters getreten, nachdem er zuvor ein Wirtschaftsstudium in Athen absolviert hatte. Er führte den Laden völlig anders als sein Vater, der ein hemdsärmeliger Automechaniker war und selbst viel Hand an seine Fahrzeuge gelegt hatte. Manos dagegen machte sich nicht mehr die Hände schmutzig, dafür gab es schließlich Angestellte. Zunehmender Wettbewerbsdruck musste gemanagt werden, und der Vierzigjährige konzentrierte sich auf die Modernisierung, Expansion und Sicherung seiner Marktanteile. Hinter dem Erfolg des Managers steckte viel Fleiß, aber ohne seinen ehrgeizigen Charakter und ein gutes Gespür für sein Geschäft wäre er nie dort angekommen, wo er jetzt war. Selbst einige herbe Tiefschläge in seinem Privatleben konnten dem Geschäftsmann augenscheinlich nichts anhaben. Im Gegenteil, nach einer kurzen Phase tiefer Depressionen hatten die Schicksalsschläge dazu beigetragen, dass sich der Schwerpunkt seines Lebens noch mehr in Richtung seines Unternehmens verschoben hatte. Den Tod seines Vaters in hohem Alter hatte er gut verkraftet, doch der frühe Tod seiner Ehefrau vor vier Jahren war nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Kinder hatte er keine, und nach einer tiefen Trauerphase bestand sein Leben nur noch aus seinem Lebenswerk. Und das hieß FreeDrive.

Der junge Kommissar kannte den Geschäftsmann schon seit seinem Dienstantritt bei der Polizei in Parikia, nachdem ihn seine frühere Chefin Katharina Waldmann auf die Insel geholt hatte. Die zahlreichen Verkehrsunfälle, besonders während der Hauptreisezeit, hatten sie immer wieder zusammengeführt. Am Ende jeder Saison trafen sie sich, um eine eigene Auswertung aller Unfälle mit Mietfahrzeugen und Motorrädern von FreeDrive zu erstellen. Dabei lag ihr Augenmerk besonders auf den Schadensfällen, die sie der Versicherung melden mussten. Es waren ungefähr 100 bis 120 pro Jahr. Leider waren auch immer wieder einige wenige Todesfälle zu beklagen. Die griechische Regierung wiederum bezog ihre Zahlen aus den Statistiken der Versicherungen. Bagatellschäden wurden von ihnen nicht zusätzlich beachtet, im Gegensatz zu Manos und ihm.

Anhand ihrer Analysen wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Unfallbrennpunkte auf der Insel entschärft, und Manos Tsipouras war stolz darauf, durch sein Mitwirken zu einer sinkenden Unfallstatistik beigetragen zu haben. In einem gemeinsamen Bericht wurden die Ergebnisse jeweils im bekannten Inselmagazin Paros Online veröffentlicht.

FreeDrive war eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen suchte, wären da nicht in den zurückliegenden Monaten dunkle Wolken in dem erfolgsverwöhnten Unternehmen aufgezogen. Eine große Investition im Herbst 2019 war abrupt durch die Corona-Welle ausgebremst worden, und das bereitete dem Manager seitdem ziemliche Bauchschmerzen. Zwei neue Filialen waren im Winter des Jahres für das Sommergeschäft aus dem Boden gestampft worden, bestückt mit den allerneuesten Modellen aus der Zweirad-Branche. Dafür hatte Manos einen großzügigen Kredit aufgenommen. Den Komplettausfall einer ganzen Saison hätte sich zu diesem Zeitpunkt niemand vorstellen können, aber Corona hatte ihn eines Besseren belehrt. Ein herber Dämpfer für den umtriebigen Geschäftsmann, nicht nur finanziell, sondern auch für seine Psyche. Der Knick in seiner Erfolgskurve nagte sehr an seinem Ego, und er war nächtelang damit beschäftigt, wie er die ausgebliebenen Umsätze kompensieren konnte. Er war sogar so weit gegangen, sich einen Berater zu leisten, dessen Aussagen ihm aber nur das bestätigten, was er ohnehin schon wusste: Nur über ein effizientes Einsparungsprogramm wäre er in der Lage, die angespannte Kostenstruktur wieder in den Griff zu bekommen. Nun hatte er es schwarz auf weiß, und einige Punkte des von der Beraterfirma erarbeiteten Konzepts waren bereits umgesetzt. Das Personal in allen Niederlassungen stand als erstes auf dem Prüfstand, bei ausbleibenden Urlaubern brauchte man nur eine Notbesetzung. Manos hatte jedem einzelnen die Notlage persönlich erklärt. Bei der Beschaffung von Neufahrzeugen führte er harte Nachverhandlungen durch, die er sich als Premiumkunde durchaus leisten konnte, obwohl er bereits großzügige Konditionen hatte. Zum Glück war die gesamte Flotte gekauft, denn von den Knebelverträgen der Leasingfirmen hielt Tsipouras nicht viel. Neue Verleiher, die dieses Geschäftsmodell bevorzugten, mussten ihre monatlichen Gebühren zahlen, auch in schlechten Zeiten. Dank seiner gezielten Vorgehensweise gelang es ihm, ein erhebliches Einsparpotenzial zu realisieren. Auch alle Lieferanten wurden einer genauesten Prüfung unterzogen. Selbst in Zeiten der Krise bewies Tsipouras ein strukturiertes Vorgehen, was dem ganzen Unternehmen in dieser schwierigen Phase zugutekam. Das waren alles Erkenntnisse, die er aus seinem Wirtschaftsstudium kannte und die er auch ohne externe Hilfe so angepackt hätte.

Eine Feststellung der Unternehmensberater jedoch hatte ihn bis ins Mark getroffen. Völlig unvorbereitet hatten sie ihn mit den möglichen Folgen einer sich anbahnenden Energiewende konfrontiert. Es wäre höchste Zeit zum Umdenken, um auch für die Zukunft gerüstet zu sein. Man hatte ihm dringend die Inanspruchnahme eines Dienstleistungsunternehmens ans Herz gelegt. Tsipouras hatte es zunächst nicht verstanden, dann aber dämmerte ihm, worauf sie anspielten. Seitdem schlief er nachts noch schlechter. Beraterfirmen waren gemeint, die ihm beim Umbau seines Unternehmens helfen sollten. Diese waren längst bei ihm vorstellig geworden, telefonisch oder per E-Mail, bislang war er jedoch auf ihre hartnäckigen Angebote nie eingegangen.

Auch Filippos wusste von den Sorgen des Verleihers, so wie er während seiner täglichen Arbeit zwangsläufig mit den Nöten aller Betriebe konfrontiert wurde, die mit dem Tourismus ihren Lebensunterhalt bestritten. In diesem Sommer, in dem Corona im Hintergrund lauerte, zeichnete sich zumindest im Moment ein wenig Entspannung ab. Manos hatte ihm gegenüber bestätigt, dass er sogar zwischenzeitlich Mietfahrzeuge aus einem Zentrallager in Athen nachgeordert hatte, da die ersten zwei Wochen im Juni auf einen vielversprechenden Sommer hoffen ließen. Und doch hatte die Zahl der Fahrzeuge bei Weitem nicht die des Juni 2019 erreicht. Manos hatte dem Kommissar die Zahlen gezeigt, als sie über seine Misere gesprochen hatten. Umso mehr ärgerte es Filippos, dass sie trotz der wesentlich geringeren Mietfahrzeuge auf den Straßen der Insel in so kurzer Zeit schon wieder einen schweren Unfall verzeichnen mussten. Besorgt wählte er die Nummer von Konstantinos; er wollte wissen, wie es zu dem Unglück gekommen war.

Kevin Thompson

MobileVison, Hannover, Juni 2021

Kevin Thompson inspizierte jeden Winkel seines neuen Büros genauestens und verspürte eine gewisse Genugtuung. Alles war nach seinen Wünschen umgesetzt worden. Ein Glück, dass er bis zuletzt hart geblieben war und auf seine exklusiven Einrichtungswünsche gepocht hatte. Selbst als die Geschäftsleitung seines neuen Arbeitgebers ihm schon den Abbruch der Vertragsverhandlungen signalisiert hatte, war er stur geblieben. Soweit war es dann doch nicht gekommen. Sie wollten ihn unbedingt haben, sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht. Die in grellen Farben glänzenden Stahlschränke einer edlen Büroeinrichtungsfirma waren auf seiner Wunschliste genauso gewesen wie der sündhaft teure Schreibtisch einer italienischen Designermarke. Dabei war es Thompson gar nicht so sehr um das Interieur selbst gegangen, viel wichtiger war für ihn, in den hartnäckigen Verhandlungen seine Forderungen durchzusetzen. Er würde ohnehin kaum in Deutschland sein, für seine neue Aufgabe in den Diensten der MobileVision. Aber wenn er denn in Hannover verweilen sollte, würde er sich am noblen Ambiente erfreuen können. Auch bei seinen Gehaltsvorstellungen waren ihm die Herren aus der Chefetage weitestgehend entgegengekommen. Die Headhunterfirma hatte ihren Job zu seiner vollsten Zufriedenheit erledigt. Sein Name war in der Branche bekannt, und Fachwissen gepaart mit reichlich Auslandserfahrung kostete halt. MobileVision würde die Gegenleistung von ihm schnell einfordern, da war er sich absolut sicher.

Gute zwei Monate waren vergangen, nachdem ihn der Personalberater das erste Mal kontaktiert und ihm das lukra­tive Angebot unterbreitet hatte. Angefangen als Energieberater, war Thompson die Karriereleiter bei einem großen Energieversorgungsunternehmen kontinuierlich emporgeklettert. Nachdem sich die Auswirkungen der Energiewende immer deutlicher herauskristallisierten und sich abzeichnete, welche Dimension die Elektromobilität in Zukunft einnehmen würde, war er in eine neu dafür geschaffene Abteilung gewechselt. Als Mann der ersten Stunde war er schon nach wenigen Monaten in die Position des Abteilungsleiters aufgestiegen. Ein schier unendliches Potenzial versprach rosige Zeiten, wenn im Zuge der nächsten Jahrzehnte der überwiegende Teil der Verbrenner-Fahrzeuge elektrifiziert werden musste.

Nicht nur sein damaliger Arbeitgeber hatte dieses Segment für sich entdeckt, und neben den klassischen Energieversorgern schossen Beraterfirmen wie Pilze aus dem Boden. So war Kevin Thompson auch schnell von einer niederländischen Unternehmensberatung abgeworben worden, für die er danach fast drei Jahre in ganz Europa unterwegs war und viel Erfahrung im Vertrieb gesammelt hatte. Und nun fing er bei MobileVision an, dem Marktführer in der Branche, mit weitaus mehr Möglichkeiten und einem Topgehalt. Besonders in den Ballungsgebieten, wo überwiegend Wohnanlagen vorzufinden waren, wurde kompetente Beratung händeringend gesucht. Die Nachfrage nach Ladesäulen in Tiefgaragen war nur ein Beispiel für die neue grüne Welle, die durchs Land schwappte und viele Hausbesitzer vor enorme Herausforderungen stellte.

Es war die Zeit des Aufbruchs in ein neues Energiezeitalter, und MobileVision war ganz vorne mit dabei. Einer der großen Dienstleister der Branche, der aber mehr das europäische Auslandsgeschäft im Auge hatte. Ein internationaler Konzern, der seinen Hauptsitz in Deutschland eingerichtet hatte. Hannover war dabei nicht willkürlich als Standort ausgewählt worden; die Nähe zu Wolfsburg und damit zu einem der größten Automobilkonzerne der Welt war entscheidend gewesen. Wolfsburg selbst war dem Unternehmen zu unattraktiv vorgekommen. Schließlich suchten sie internationale Top-Leute aus der ganzen Welt, und da erschien ihnen Hannover als der geeignetere Standort.

Kevin Thompson sollte das Geschäft in Südosteuropa aufbauen, mit Schwerpunkt Griechenland. Eine kleine Insel in der südöstlichen Ägäis, von der die meisten bis dato noch nie gehört hatten, spielte dabei eine maßgebliche Rolle. Astypalea hieß das Eiland, welches sich der Auto-Konzern gemeinsam mit der griechischen Regierung ausgesucht hatte, um ein einzigartiges Modellprojekt ins Leben zu rufen. Die knapp 100 Quadratkilometer kleine Insel zwischen den Kykladen und den Dodekanes sollte Geschichte schreiben und eine zukunftsträchtige Rolle übernehmen. In einer nie dagewesenen Anstrengung war geplant, das aktuelle Verkehrssystem der Insel auf E-Fahrzeuge und regenerative Energien umzustellen. Astypalea sollte zu einer Modellinsel für klimaneutrale Mobilität werden, und nach den Vorstellungen der Akteure nicht nur für Griechenland.

In einem Pilotprojekt in Form einer öffentlich-privaten Zusammenarbeit, der sogenannten Public/Private-Partnership, planten der Automobilhersteller und die griechische Regierung, Astypalea innerhalb von fünf Jahren zu einer nachhaltigen Insel umzubauen. Das ganze Eiland sollte quasi ein einziges Versuchslabor werden, unter wissenschaftlicher Begleitung. Das ehrgeizige Projekt wurde vom griechischen Premierminister und den Managern des Konzerns entsprechend pressewirksam in Szene gesetzt. Corona hatte die Unterzeichnung der Verträge etwas verzögert; in diesem Sommer war endlich der Startschuss gefallen. Griechenland, dessen Wirtschaft wie kein anderes Land in Europa vom Tourismus abhing, erhoffte sich von dem Pilotprojekt einen Wettbewerbsvorteil in einer sich wandelnden Welt. Durch besondere Anstrengungen im Klimaschutz versprach man sich eine Ausrichtung hin zu mehr nachhaltigem Tourismus. Ein kluger Ansatz und ein riesiger Imagegewinn für Griechenland, denn die Hellenen waren nicht gerade dafür bekannt, sich wirklich für den Umweltschutz stark zu machen. Viele Reisende, die auf den griechischen Inseln ihren Urlaub verbrachten, beklagten sich häufig über wilde Müllkippen, einen ausufernden Verbrauch von Plastik jeglicher Art und die Vielzahl lärmender Zweiräder, ganz besonders in der Zeit von Juni bis Oktober.

MobileVision hatte das Konzept ausgiebig studiert und aufwändige Berechnungen durchgeführt. Ein Wechsel vom Benzin- zum Elektromotor, nur auf den bekanntesten Inseln der Kykladen, würde ihnen für die folgenden Jahre genügend Umsatz bescheren. Kevin Thompson sollte dieses Geschäft vorantreiben und bei seinen Auslandseinsätzen von einem Büro in Athen agieren. Von der griechischen Hauptstadt aus war er flexibel und konnte schnell zu den Inseln fliegen, auf denen im Sommer der Tourismus florierte. Auch Astypalea verfügte über einen kleinen Flughafen und war von Athen aus mit dem Flieger zu erreichen.

Thompson schaltete seinen nagelneuen Laptop ein. Vor ihm lag, noch verpackt, ein Smart-Phone der neuesten Generation. Bis auf das technische Equipment befand sich nichts auf seinem Schreibtisch. Ein Klopfen an der Bürotür ließ ihn aufblicken.

»Herr Thompson, ich hoffe, Sie sind zufrieden mit Ihrem neuen Büro?«, fragte seine Assistentin und steckte ihren blondgelockten Kopf zur Tür herein. Sie wirkte etwas unschlüssig. Thompson winkte sie herein und musterte die junge Frau. Sie hatten zwar schon häufiger telefoniert, und bei seiner Einstellung war sie ihm sogar vorgestellt worden. Jetzt hatte er jedoch erstmals die Gelegenheit, Cris Meyer wirklich kennenzulernen.

»Kommen Sie, trinken wir gemeinsam einen Kaffee?«, sagte er und zeigte auf einen Stuhl. Anschließend stolzierte er galant zu der nagelneuen Kaffeemaschine.

»Ristretto, oder haben Sie einen besonderen Wunsch?«, fragte Thompson und wedelte mit den verschiedenen bunten Kapselsorten.

»Passt schon, aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, erwiderte Cris Meyer forsch. Sie hatte sich persönlich um die Umsetzung von Thompsons Wünschen gekümmert, und der Manager spürte, dass sie ein Feedback einforderte.

»Ja, danke für Ihren Einsatz. Es ist alles soweit da, bis … vielleicht fehlt noch etwas Farbe an der Wand«, lachte er und deutete auf eine freie weiße Fläche über den Stahlschränken, während die Kaffeemaschine brummend zwei Espressotässchen befüllte.