Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente - Constanze Mozart - E-Book

Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente E-Book

Constanze Mozart

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Beschreibung

Die gesammelten Aufzeichnungen von Mozarts Ehefrau in einem Band: Inhalt: Vorwort Quellen und Abkürzungen Konstanze Mozart Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente Anhänge Zeitgenössische Berichte über Konstanze Die Ältesten Erwähnungen W.A. Mozarts Zu Mozarts Tod Vier Briefe von Franz Wolfgang Xaver Mozart in Podkamién an seinen Bruder Karl Mozart in Mailand Nachrichten über die Familie Weber Register Beilagen Bildanhang

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente 1782 bis 1842

Constanze Mozart

Inhalt:

Constanze Mozart – Lexikalische Biografie

Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente 1782 bis 1842

Vorwort

Frau Konstanze Mozart-Nissen

Quellen und Abkürzungen

Konstanze Mozart - Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente

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Anhänge

I - Zeitgenössische Berichte über Konstanze

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II - Die Ältesten Erwähnungen W.A. Mozarts

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III - Zu Mozarts Tod

1

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5

IV - Vier Briefe von Franz Wolfgang Xaver Mozart in Podkamién an seinen Bruder Karl Mozart in Mailand

1

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4

V - Nachrichten über die Familie Weber

Bildanhang

Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente, Constanze Mozart

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com

Constanze Mozart – Lexikalische Biografie

Ehefrau von Wolfgang Amadeus Mozart und die Kusine von Carl Maria von Weber, geboren am5. Januar 1762 in Zell im Wiesental, verstorben am 6. März 1842 in Salzburg Constanze Mozart war die dritte von vier Töchtern von Franz Fridolin Weber und Maria Cäcilia Cordula Stamm. Die Familie lebte in Mannheim, wo der Vater Bassist und Kopist am Theater war und die zweitälteste Schwester Aloisia Koloratursopranistin. Dort lernten sich Mozart und Constanze Weber 1777 kennen. Mozart verliebte sich aber zunächst in ihre Schwester Aloisia. 1781 traf Mozart die inzwischen nach Wien übersiedelte Familie Weber wieder. Aloisia hatte zwischenzeitlich Joseph Lange geheiratet. In Wien wohnte Mozart eine Zeit lang bei den Webers, musste jedoch „wegen des Geredes der Leute“ die Wohnung wechseln. Am 4. August 1782 heirateten die beiden ohne Aufgebot und ohne elterliche Genehmigung. Nach Mozarts Briefen zu urteilen, war es eine glückliche Ehe. Sie habe ihm die Inspiration gegeben, die er für seine Kompositionen brauchte. Mehrere Werke sind für sie geschrieben, darunter die Sopranpartie der Großen c-Moll-Messe, die sie bei der Uraufführung in der Salzburger Peterskirche singen sollte. Sie begleitete ihn auch auf den meisten seiner Reisen. Während ihrer Ehe mit Mozart war Constanze in acht Jahren sechsmal schwanger, was ihre Kräfte derart auslaugte, dass sie immer wieder ans Bett gefesselt war. Von den Kindern Raimund Leopold (1783), Carl Thomas (1784), Johann Leopold (1786), Theresia (1787), Anna (1789) und Franz Xaver Wolfgang (1791) starben vier, außer Carl Thomas und Franz Xaver Wolfgang, als Säuglinge. Belastet war sie zudem durch häufige Umzüge und die Geldknappheit der letzten Jahre. Nach W. A. Mozarts Tod 1791 stand Constanze alleine mit ihren beiden Kindern und Mozarts Schulden da. Um sich und die Kinder durchzubringen, veranstaltete sie gemeinsam mit ihrer Schwester Aloisia mehrere Benefizkonzerte und 1795/96 eine Konzertreise mit Mozarts Werken. Die Kinder brachte sie auf das Landgut Villa Bertramka bei Prag des befreundeten Ehepaares Josepha und Franz Xaver Duschek. Die noch vorhandenen Autographen Mozarts verkaufte sie nicht sofort, sondern erst zur Jahreswende 1799/1800 an den Offenbacher Musikverleger Johann Anton André. Zehn Jahre später, 1809, heiratete Constanze in Preßburg Georg Nikolaus Nissen, einen dänischen Legationssekretär und Diplomaten, mit dem sie 1810 nach Kopenhagen übersiedelte. Zwischen 1820 und 1824 bereiste das Ehepaar Deutschland, bevor es im August 1824 nach Salzburg zog. Spätestens hier begann sie gemeinsam mit ihrem Mann die Arbeit zu einer der ersten Biografien über W. A. Mozart. Nissen starb 1826. Constanze gab die Biografie 1828 heraus. Begraben ist Constanze im Familiengrab der Mozarts auf dem St. Sebastiansfriedhof in Salzburg.

Der Text ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar; zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein. Im Gesamten ist der Text zu finden unter http://de.wikipedia.org/wiki/Constanze_Mozart.

Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente 1782 bis 1842

Vorwort

Nachdem es mir vor zwei Jahren vergönnt war, aus den reichen handschriftlichen Schätzen des Salzburger Mozarteums die

Reise-Aufzeichnungen Leopold Mozarts

1763–1771

in Faksimile herauszugeben und damit eine wichtige Quelle zur Jugendgeschichte W.A. Mozarts endlich aller Welt zugänglich zu machen, folgen hier die

Briefe und Aufzeichnungen der Frau Konstanze Mozart

aus der Zeit von 1782–1842,

soweit sie erhalten und zugänglich sind. Die Originale ruhen zum größeren Teile im Mozarteum; etliche sind verstreut, meist in Privatbesitz. Gern hätte ich die dreißig bis vierzig Geschäftsbriefe hinzugefügt, die Konstanze an die Musikalienverleger Breitkopf Härtel in Leipzig in den Jahren 1798 ff. und 1826 ff. gerichtet hat, aber die Firma legt Wert darauf, daß diese Briefe einmal gesondert – wann, wissen die Götter! – gedruckt werden. Ebensowenig war die Verwaltung des Heyerschen Musikhistorischen Museums in Köln zu bewegen, mir ihre Konstanze Mozart- zu überlassen. Daran ist nichts zu ändern, und schließlich genügen auch die hier vereinten Dokumente, um sich ein einheitliches Bild von der Frau zu machen, die durch ihre Verbindung mit dem Meister seinem Lebensgange die entscheidende Richtung gegeben hat. Einen Zweck an sich haben derlei Publikationen nur in seltenen Fällen; sie geschehen im Sinne der höheren Forderung: die Materialien zur Biographie führender Männer müssen lückenlos vereint in Buchform vorliegen. Daß dies bei Wolfgang Amade Mozart so ungeheuerlich spät geschieht, lag vor allem an dem langjährigen Sekretär und Archivar des Mozarteums, Johannes Evangelist Engl (1835–1921), dem beschränktesten Kopfe, dem ich in meinem erlebnisreichen Leben je begegnet bin. Er verschloß die von ihm gehüteten Dokumente grundsätzlich jedem Mozartforscher; und jede Zeile, die dieser Mann in seinem miserablen Provinzdeutsch geschrieben hat, strotzt von Irrtum oder Irreführung. Dies muß einmal geradeheraus gesagt werden, denn nirgends in der Welt ist die Heuchelei und Scharlatanerie größer als im sogenannten Mozartkult zu Salzburg, der mit Mozarts Geist nichts zu tun hat. Wer sich davon überzeugen will, besuche die Salzachstadt während der Festspielzeit, d.h. im Monat August, wenn die internationalen Musik- und Literaturjobber aus Berlin und Wien dort ihr Unwesen treiben.

Ich hoffe in zwei, drei Jahren als dritte und letzte Quellensammlung alle Briefe zu vereinen, die sich von Karl Mozart (1784–1858) und Wolfgang Xaver Mozart (1791–1844) erhalten haben.

Gleichzeitig mit der vorliegenden Konstanze Mozart-Monographie erscheint der Neudruck meiner seit 1919 vergriffenen großen Mozart-Biographie (im Insel-Verlage zu Leipzig; Erstausgabe 1913), durchgesehen, ergänzt, bereichert und von unnötig gewordener Polemik befreit.

Im vorliegenden Buche kommt Konstanze Mozart-Nissen, soweit es möglich war, ungekürzt zu Wort. Um das Verständnis, zumal ausländischen Lesern – Mozart gehört der Welt! – nicht unnötig zu erschweren, ist die Interpunktion ergänzt, wo sie in der Urschrift mangelhaft ist. Auch in Konstanzens Schreibweise der Wörter ist eine gewisse Einheitlichkeit gebracht. Nur, wo ihre Un-Orthographie ihren Bildungsgrad kennzeichnet – mit den Fremdwörtern z.B. hat sie zeitlebens auf gespanntem Fuße gestanden – war eine Verbesserung nicht gut möglich.

Konstanzens Charakterbild wird fortan für jeden feststehen, der die hier vereinten Dokumente studiert, unabhängig von der allzustark durch Otto Jahn (1813–1869) beeinflußten Tradition. Als ich meine eben erwähnte Mozart-Biographie schrieb, kannte ich diese Materialien leider noch nicht, und so habe ich inzwischen meine Meinung über Frau Konstanze erheblich zu ihren Gunsten ändern müssen, was ich gern eingestehe. Man hat ihr unrecht getan. Eine bedeutende Frau war sie nicht. Sie gehört gewiß nicht in die Reihe strahlender Gestalten, die in ihrer Gemeinschaft mit einem homme supérieur, als Freundin, Geliebte oder Gattin, den Beruf erkennen. In den zehn Jahren, da Konstanze neben Wolfgang Amade dahinschritt, gehörte Mozart – nach Arthur Schopenhauers bekannter Einteilung – nicht zu denen, die etwas vorstellen. Er besaß weder Geld, Rang noch Würden; kurz, er imponierte dem Spießbürger nicht – und Konstanze hatte ein ander Maß nicht zur Verfügung. Er hat sein Leben, so armselig es äußerlich war, nicht tragisch genommen. Der Wirklichkeit, dem Leben der Anderen, dem Kampfe mit der Mittelmäßigkeit war er nicht gewachsen; darum begnügte er sich, das Glück der holden Stunde zu genießen. Seine noch junge Frau ahmte seinem Beispiele nach. So haben sie sich beide sozusagen um nichts gekümmert. Im Grunde aber ist Konstanze immer die gleiche geblieben: als Mademoiselle Weber, als Frau Musikus Mozart, als Frau Etatsrätin v. Nissen. Sie pflegte sich den Umständen, ihrem Führer und dessen Maximen, triebmäßig und echt weiblich, anzupassen. Und als sie im Alter von 63 Jahren zum zweitenmal Witwe ward, zeigen sich in ihrer nunmehrigen Selbständigkeit ihre Haupteigenschaften, durch die lange Lebenserfahrung vielleicht etwas geläutert, ganz deutlich: Wirtschaftlichkeit, ungemeine Hochachtung vor der Konvenienz, Anhänglichkeit, Familiensinn – und tüchtige Selbstliebe. Ihre spaßige Bigotterie ist wohl schon Altersschwäche. Kleinlich, eitel, habgierig, abergläubisch und klatschhaft war sie sicherlich; alles in allem ein primitives, lebenslustiges, gutmütiges Geschöpf. Eines darf nicht vergessen werden: ihren beiden Söhnen war sie eine gar treffliche Mutter.

Dem Kuratorium des Mozarteums danke ich verbindlichst, insbesondere dem Bibliothekar des Mozarteums, Herrn Friedrich Frischenschlager. Dem ausgezeichneten Mozartforscher, dem Ritter Rudolf Lewicki, dem unermüdlichen Vorkämpfer in Sachen Mozarts, verstorben in Wien am 8. Februar 1921, vermag ich meinen herzlichen Dank nur nachzurufen. Es ist in hohem Maße bedauerlich, daß die von ihm begründeten und geleiteten Mozarteums-Mitteilungen (1918–1921) mit ihm dahingegangen sind.

Dresden, am Geburtstage Mozarts 1922

Dr. Arthur Schurig

Frau Konstanze Mozart-Nissen

1763–1842

De mortuis nil nisi vere

Zum ersten Male in seinem Leben dem Drill und Joch der väterlichen Allmacht enthoben, nur unter der Obhut seiner Mutter, die zu allem Ja und Amen sagen mußte, war Wolfgang Amade Mozart am 30. Oktober 1777 in Mannheim angekommen. Er stand in seinem zweiundzwanzigsten Jahre, war ein junger Meister des Klaviers und, wenn auch noch nicht vor der Welt, ein vielversprechender Kompositeur. Leopold Mozart, der Vater, dessen Hoffnungen darin gipfelten, seinen einzigen Sohn in einer der zahlreichen Hofkapellen jener Zeit fest angestellt und daneben als Modegröße der Oper zu sehen, hatte ihn auf die Wanderschaft ziehen lassen, weil er sah, daß sein Wolfgang in Salzburg am allerschwersten Wurzel faßte. Im Gegensatz zu sich, dem Pedanten und Konvenienzmenschen, war ihm der Sohn trotz aller Bemühung nicht ganz so geraten, wie er ihn gewollt. Wolfgang war ein loser Vogel, sobald man ihm die Käfigtür öffnete. Pflichtarbeit vernachlässigte er; zu Schabernak allezeit aufgelegt, stieß er würdevolle Herren öfters vor den Kopf. Dazu seine schlimme, scharfe Zunge! Und gar die Frauenzimmer! So schmerzlich es dem eitlen Papa Mozart war, im engherzigen Salzburg kam der Sohn nie und nimmer in das rechte Renommee. Und der Erzbischof Hieronymus von Colloredo war ein allzu erfahrener Menschenkenner, als daß er nicht längst dahintergekommen wäre, daß ihm die Mozarts, Vater und Sohn, nur widerwillig und störrisch dienten.

In München, wo sich W.A. Mozart vom 24. September bis zum 11. Oktober 1777 aufgehalten hatte, war nichts zu machen gewesen. Derselbe Mißerfolg harrte des jungen Musikers schließlich am Hofe Karl Theodors. Am 10. Dezember erhielt Mozart durch den Intendanten Grafen v. Savioli den endgültigen Bescheid, eine Ablehnung. Trotzdem blieben Mutter und Sohn den Winter in Mannheim; sie verließen es erst am 14. März 1778, um ihr Glück nunmehr in Paris – wiederum erfolglos – zu suchen.

Am 17. Januar 1778 schreibt Wolfgang an seinen Vater: "Künftigen Mittwoch [den 21.] werde ich auf etliche Tage nach Kirchheimbolanden [im Pfälzer Bergland] zu der Prinzessin von Oranien gehen. Man hat mir hier so viel Gutes von ihr gesprochen, daß ich mich endlich entschlossen habe. Ein holländischer Offizier [de la Pottrie], der mein guter Freund ist, ist von ihr entsetzlich ausgescholten worden, daß er mich, als er hinüber kam, ihr das Neujahr anzuwünschen, nicht mitgebracht habe. Auf das Wenigste bekomme ich dort acht Louisdor; denn weil sie eine außerordentliche Liebhaberin vom Singen ist, so habe ich vier Arien1 abschreiben lassen; und eine Sinfonie2 werde ich ihr auch geben, denn sie hat ein ganz niedliches Orchester und gibt alle Tage Akademien. Die Kopiatur von den Arien wird mich nicht viel kosten, denn die hat mir ein gewisser Herr Weber, der mit mir hinüber gehen wird, abgeschrieben. Dieser hat eine Tochter, die vortrefflich singt und eine schöne reine Stimme hat und erst fünfzehn [richtiger siebzehn!] Jahre alt ist. Es geht ihr nichts als die Aktion ab; dann kann sie auf jedem Theater die Primadonna machen. Ihr Vater ist ein grundehrlicher deutscher Mann, der seine Kinder gut erzieht. Und dies ist eben die Ursache, warum das Mädel hier verfolgt wird. Er hat sechs Kinder: fünf Mädel und einen Sohn. Er hat sich mit Frau und Kindern vierzehn Jahre mit 200 Gulden begnügen müssen, und weil er seinem Dienste allezeit gut vorgestanden und dem Kurfürsten eine sehr geschickte Sängerin gestellt hat, so hat er nun – ganze 400 Gulden. Meine Arie von der de Amicis mit den entsetzlichen Passagen3 singt sie vortrefflich; sie wird diese auch zu Kirchheimbolanden singen."

Der im Briefe erwähnte Notenkopist Weber war der Bassist und Souffleur am Mannheimer Hoftheater: Fridolin Weber. Er stand im fünfundvierzigsten Lebensjahre, war ein gebildeter musikalischer Mann, aber eine unruhige unstete Natur. Was ihn bewogen hatte, 1764 seine Amtmannsstelle in Zell im Wiesenthal (im Schwarzwalde) aufzugeben, um ein Sänger dritter Klasse zu werden, liegt im Dunkel. Vermutlich lockte ihn der Lorbeer der Bühne. Glück irgendwelcher Art war ihm nicht beschieden. Seit 1756 mit einer Mannheimerin verheiratet, die sozusagen Haare auf den Zähnen hatte, spielte er schlecht und recht die Rolle des kinderreichen, armen, vielgeplagten Familienvaters. In seinem Haushalt herrschte die typische Künstlerwirtschaft voller Unordnung, Not und Schulden. Mozart schildert uns das Milieu später gelegentlich recht drastisch. So schreibt er am 15. Dezember 1781: "Ich habe in keiner Familie solche Ungleichheit der Gemüter angetroffen wie in dieser. Die älteste [der vier Töchter: Josepha] ist eine faule, grobe, falsche Person, die es dick hinter den Ohren hat. Die Langin [Aloysia] ist eine falsche, schlechtdenkende Kokette. Die Jüngste [Sophie] ist noch zu jung, um etwas sein zu können; ist nichts als ein gutes, aber zu leichtsinniges Geschöpf. Gott möge sie vor Verführung bewahren!" Von der Frau Weber – sie hieß Cäcilia und war eine geborene Stamm – berichtet er am 10. April 1782: "Sie trinkt gerne, und zwar mehr, als eine Frau trinken sollte; doch besoffen habe ich sie noch nicht gesehen. Da müßte ich lügen!"

Es mag um den 10. Januar 1778 gewesen sein, als Mozart die Webers kennen lernte. Eben noch hatte er für Rosa Cannabich geschwärmt; jetzt war er bis über die Ohren in die siebzehnjährige Aloysia Weber verliebt. Offenbar begünstigte Frau Cäcilie die Annäherung des jungen Musikanten. Mannheim war eine leichtsinnige, sittenlose Stadt.

Die Mutter Mozart ahnte von vornherein nichts Ersprießliches von dieser Liebesgeschichte. Am 4. Februar schreibt sie insgeheim folgendes Nachwort zu einem Schreiben ihres Sohnes an Leopold Mozart: "Aus diesem Briefe wirst Du ersehen haben, daß wenn der Wolfgang eine neue Bekanntschaft macht, er gleich Gut und Blut für solche Leute geben möchte. Mir ist die Gesellschaft mit dem Wendling und Ramm niemals recht gewesen, allein ich habe keine Einwendung machen dürfen, und mir ist niemals geglaubt worden. Sobald er aber mit den Weberischen bekannt geworden, so hat er gleich seinen Sinn geändert. Mit einem Worte: bei andern Leuten ist er lieber als bei mir. Ich mache ihm in einem und andern, was mir nicht gefällt, Einwendungen, und das ist ihm nicht recht. Die Reise mit dem Wendling4 nach Paris finde ich gar nicht ratsam ..."

Die musikalische Bettelfahrt nach Kirchheimbolanden brachte den drei Unternehmern nicht viel ein. Mozarts Bericht hierüber lautet: "Die Mamsell Weber sang in allem dreizehnmal und spielte zweimal Klavier, denn sie spielt gar nicht schlecht. Was mich am meisten wundert: daß sie so gut Noten liest. Stellen Sie sich vor, sie hat meine schweren Sonaten langsam, aber ohne eine Note zu fehlen, prima vista gespielt. Ich hab in allem zwölfmal gespielt und einmal auf Begehren in der Lutherischen Kirche auf der Orgel, und habe der Fürstin mit vier Sinfonien aufgewartet und nicht mehr als sieben Louisdor, nb. in Silbergeld, bekommen, und meine liebe arme Weberin fünf. Das hätte ich mir wahrhaftig nicht vorgestellt. Auf viel habe ich mir niemals Hoffnung gemacht, aber auf das wenigste ein jedes acht. Basta! Wir haben nichts dabei verloren. Ich habe noch 42 Gulden Profit und das unaussprechliche Vergnügen, mit grundehrlichen und christlichen Leuten in Bekanntschaft gekommen zu sein. Mir ist leid genug, daß ich sie nicht schon lange kenne."

Im nämlichen Briefe gesteht Mozart: "Ich habe diese bedrückte Familie so lieb, daß ich nichts mehr wünsche als daß ich sie glücklich machen könnte; und vielleicht kann ich es auch. Mein Rat ist, daß sie nach Italien gehen sollten. Da wollte ich Sie also bitten, daß Sie (je eher, je lieber!) an unsern guten Freund Lugiati [in Verona] schreiben möchten und sich erkundigen, wieviel und was das meiste ist, was man einer Primadonna in Verona gibt. Je mehr, je besser; herab kann man allezeit. Vielleicht könnte man auch die ascensa in Venedig bekommen. Für ihr Singen stehe ich mit meinem Leben, daß sie mir gewiß Ehre macht. Sie hat schon die kurze Zeit von mir viel profitiert, und was wird sie erst bis dahin profitieren! Wegen der Aktion ist mir auch nicht bang. Wenn das geschieht, so werden wir – Mr. Weber, seine zwei Töchter [Josepha und Aloysia] und ich – die Ehre haben, meinen lieben Papa und meine liebe Schwester im Durchreisen [nach Italien] auf vierzehn Tage zu besuchen ..."

Leopold Mozart vermeinte, der Schlag rühre ihn, als er die Utopie seines Sohnes las. Sofort setzte er sich hin und schrieb einen geharnischten Warnungsbrief. Wolfgang inzwischen lebte nur für die Geliebte. Er schreibt sein erstes Liebeslied: die berühmte Arie aus Metastasios Olympiade: "Non sò d'onde viene quel terero affetto ...", deren Text in deutscher Übertragung lautet:

Nicht weiß ich, woher mir

Dies zärtliche Fühlen,

Im Busen dies fremde

Bangen und Wühlen,

Das jähe sich schlich

In die Adern mir ein.

Im Herzen zu wecken

Dies süße Erschrecken,

Genüget,

So dünkt mich,

Nicht Mitleid allein.

Die Ur-Niederschrift dieser Komposition (Köchel Nr. 294) trägt das Datum: 24. Februar 1778. Mozart schreibt vier Tage später dazu: "Ich nahm mir vor, [diese Arie] akkurat für die Weberin zu machen. Es ist ein Andante sostenuto (vorher ein kleines Rezitativ), in der Mitte der andere Teil, nel seno à destarmi, dann wieder das sostenuto. Als ich sie fertig hatte, da sagte ich zur Mlle. Weber: Lernen Sie diese Arie von sich selbst! Singen Sie sie nach ihrem Gusto! Dann lassen Sie mir sie hören, und ich will Ihnen hernach aufrichtig sagen, was mir gefällt und was mir nicht gefällt. – Nach zwei Tagen kam ich hin, und da sang sie mirs und akkompagnierte sich selbst. Da habe ich aber gestehen müssen, daß sie es akkurat so gesungen hat, wie ich es gewünscht habe und wie ich es ihr habe lernen wollen. Das ist nun ihre beste Arie, die sie hat. Mit dieser macht sie sich gewiß überall Ehre, wo sie hinkommt ..."

Am 12. Februar 1778 befiehlt Leopold Mozart: "Fort mit Dir nach Paris – und das bald!" Damit war das Mannheimer Liebesidyll vernichtet. Den Abschied hat Wolfgang Mozart selber geschildert, in seinem ersten Pariser Briefe an den Vater: "Die Weberin [Aloysia] hat aus gutem Herzen ein Paar Tätzeln [Handkrausen] aus Filet gestrickt und mir zum Andenken und zu einer schwachen Erkenntlichkeit verehrt. Er [Fridolin Weber] hat mir, was ich gebraucht habe, umsonst abgeschrieben und Notenpapier gegeben, und hat mir die Komödien von Molière (weil er gewußt hat, daß ich sie noch niemals gelesen) geschenkt. Und wie er mit meiner Mama allein war, sagte er: Jetzt reist halt unser bester Freund weg, unser Wohltäter! – Den Tag, ehe ich weggereist bin, haben sie mich noch beim Abendessen haben wollen. Weil ich aber zu Haus hab sein müssen, so hat es nicht sein können. Doch habe ich ihnen zwei Stunden bis zum Abendessen noch schenken müssen. Da haben sie nicht aufgehört sich zu bedanken. Wie ich wegging, da weinten sie alle. Er ging mit mir die Treppe hinab, blieb unter der Haustüre stehen, bis ich um die Ecke war, und rief mir noch nach: Adieu!"

Von den Briefen, die Mozart an Fridolin und Aloysia aus Paris geschrieben hat, sind nur je einer erhalten5. Sie spiegeln die Ehrlichkeit seiner Freundschaft und Liebe in jeder Zeile.

In Paris starb Mozarts Mutter, am 3. Juli 1778. Der Vater fürchtete, Wolfgang sei, allein auf sich gestellt, dem Pariser Leben nicht gewachsen. Der Baron v. Grimm bestärkte ihn in dieser Meinung, und so ward der junge Mozart veranlaßt, der Weltstadt wieder den Rücken zu kehren. Es ist zwecklos, Betrachtungen anzustellen, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn Mozart in Paris es gewagt hätte, sich allein durchzuringen. Untergegangen wäre er sicherlich nicht, und sein ganzes Leben hätte eine andere Richtung genommen. Daß man ihn unter falschen Vorspiegelungen zurück in das ihm verhaßte Salzburg lockte, hat kein Glück gebracht, weder dem Vater noch dem Sohne. Das Schicksal hatte anderes vor als Wolfgang Mozart zur Lokalgröße der Bischofsstadt zu machen. Durch seine Abkehr von Vaterstadt und Elternhaus ward er der Welt gegeben.

Am ersten Weihnachtstage 1778 trifft er wieder in München ein. Gewiß ist sein erster Gang durch die Stadt der zur Familie Weber gewesen. Aloysia war seit dem Herbst mit 600 Gulden Gehalt an der Münchner Hofoper engagiert; Fridolin Weber mit 400 Gulden, wohl wiederum als Souffleur. Die junge Sängerin hatte inzwischen andere Freunde gefunden, die ihr mehr vom Leben boten als der noch immer brotlose Musikant. Als sie ihn im roten Frack sah, dessen goldene Knöpfe Mozart zum Zeichen seiner Trauer um die verstorbene Mutter schwarz umflort hatte, verspottete sie ihn in seiner Musikerlivree. Da ermannte sich Wolfgang, setzte sich tiefverletzt ans Klavier und trällerte, sich begleitend, vernehmlich: "Leck mir das Mensch am A ...., das mich nicht will!"6

Der künstlerische Ausdruck seiner Klage hallt der Nachwelt aus der in Paris begonnenen Arie: "Io non chiedo, eterni ..." (Köchel Nr. 316), die Mozart am 8. Januar 1779 in München vollendete. Er befand sich in verzweifelter Stimmung; arm und verlassen, wie er war, blieb ihm nichts übrig als in die doppelte Sklaverei von Salzburg, in die seines Vaters und eines ihm widerlichen Amtes, zurückzukehren. Am 15. oder 16. Januar stellt er sich in der Tat wieder ein. Die Aufführung des "Idomeneo" führt ihn dann abermals nach München. Am 6. November 1780 mittags trifft er ein. Die Uraufführung seiner Oper findet am 29. Januar 1781 statt.

Die Familie Weber hatte München Ende September 1779 wieder verlassen. Aloysia hatte den derzeitigen österreichischen Kriegsminister, den Grafen Andreas Hadik7, kennengelernt. Durch seine Gönnerschaft ward sie als Primadonna an der Wiener Hofoper engagiert. Am 23. Oktober starb Fridolin Weber, unerwartet, an einem Schlaganfall. Die Familie wohnte damals am Kohlmarkt Nr. 1179 (heute Nr. 7). Mozart erwähnt den Vorfall später in seinem Briefe vom 9. Juni 1781 mit den gehässigen Worten: "Dieses Mädchen [Aloysia] saß ihren Eltern auf dem Hals, als sie noch nichts verdienen konnte. Kaum kam die Zeit, wo sie sich gegen ihre Eltern dankbar bezeigen konnte – notabene: der Vater starb, noch ehe sie einen Kreuzer hier [in Wien] eingenommen! – so verließ sie ihre arme Mutter, hängte sich an einen Komödianten [Joseph Lange], heiratete ihn, und die Mutter hat nicht so viel von ihr!"

Diese Heirat fand am 31. Oktober 1780 in Wien statt. Joseph Lange war seit dem 14. März 1779 Witwer. Seine erste Frau war (seit 1775) die junge schöne Sängerin Anna Maria Schindler (geboren 1757 zu Wien)8 gewesen. Er selbst, ein begabter und vielseitiger Mann, stand in seinem 29. Lebensjahre. Er war Schauspieler und Maler. Mozart hat später, in den Jahren 1782–1787, enge Freundschaft mit ihm gehalten. Er war durchaus kein "Komödiant" im schlechten Sinne. Mozart war, wie wir wissen, oft sehr voreilig und bösartig in seinem Urteil über Menschen, die ihm irgendwie mißfielen. Lange hat eine Selbstbiographie (Wien 1808) hinterlassen, die seinen Lebensgang schildert.

Charakteristisch für Frau Cäcilie Weber (Langes und alsbald Mozarts Schwiegermutter) ist folgender Umstand. Beim Tode von Fridolin Weber hatte die Hoftheaterdirektion 900 Gulden Vorschuß an Aloysia Weber (deren Engagement offenbar noch nicht begonnen hatte) gezahlt. Von dieser Summe hatte die Familie Weber gelebt, bis es der Mutter gelang, sich ihr Brot durch Zimmervermieten zu verdienen. Den Vorschuß mußte der Bräutigam an das Theater zurückzahlen, ehe er die mütterliche Einwilligung zur Heirat bekam. Außerdem mußte er sich in rechtsgiltiger Form verpflichten, der Mutter ein lebenslängliches Jahresgeld von 700 Gulden zu zahlen. Lange hat diese Verpflichtung, selbst nachdem seine Ehe mit Aloysia auseinandergegangen war, eingehalten.

Am 16. März 1781 kam der junge Mozart, auf den strengen Befehl des Erzbischofs, von München nach Wien, ohne Salzburg zu berühren. Am 9. Mai reichte er sein Abschiedsgesuch ein, und am 8. Juni erfolgte der unwiderrufliche Bruch zwischen ihm und Hieronymus. Mozart war bereits am 2. Mai zu den Weberischen gezogen, die seit Dezember 1780 im Auge Gottes, am Peter (heute Nr. 11) hausten. Damit beginnt Konstanze Weber ihre Rolle in Mozarts Leben zu spielen.

Wolfgang schließt seine Mitteilung von dem entscheidenden Ereignisse mit den Worten: "Ich will nichts mehr von Salzburg wissen. Ich hasse den Erzbischof bis zur Raserei. Schreiben Sie nur: abzugeben auf dem Peter im Auge Gottes im 2. Stock. Geben Sie mir Ihr Vergnügen bald zu erkennen, denn nur dieses fehlt noch zu meinem jetzigen Glücke."

Leider ist Leopolds Antwort samt der Erkenntnis seines Vergnügens uns nicht erhalten. Konstanze hat dieses für die Weberischen wohl wenig schmeichelhafte Dokument aus der Welt geschafft. Alle Briefe des Vaters Mozart an seinen Sohn vom 12. Januar 1781 ab bis zu seinem Tode am 28. Mai 1787 sind vernichtet. Daß sich Wolfgang in die Atmosphäre der Familie Weber begeben hatte, war ihm unerträglich. Er wußte, wie leicht sein zur Unselbständigkeit erzogener Sohn jedwedem systematischen Einflusse erlag.

"Bis ich nicht ein gutes, wohlfeiles und gelegenes Logis ausfindig mache, gehe ich da [aus dem Auge Gottes] nicht weg", schreibt Wolfgang seinem Vater am 13. Juli 1781. "Und da muß ich der guten Frau [Weber] etwas vorlügen, denn ich habe wahrlich keine Ursache, wegzugehen ..." Zwölf Tage später berichtet er: "Mon très cher Père! Ich sage noch einmal, daß ich längst im Sinne gehabt, ein anderes Logis zu nehmen, und das nur wegen dem Geschwätz der Leute; und mir ists leid, daß ich es wegen einer albernen Plauderei, woran kein wahres Wort ist, zu tun gezwungen bin. Weil ich bei ihnen [den Weberischen] wohne, so heirate ich die Tochter! Von Verliebtsein war gar die Rede nicht (über das sind sie hinausgesprungen!) sondern: ich logiere mich ins Haus – und heirate! Wenn ich mein Lebtag nicht ans Heiraten gedacht habe, so ist es gewiß jetzt. Denn (ich wünsche mir zwar nichts weniger als eine reiche Frau!) wenn ich je wirklich durch Heirat mein Glück machen sollte, so könnte ich [jetzt] unmöglich [damit] aufwarten, weil ich ganz andere Dinge im Kopf habe. Gott hat mir mein Talent nicht gegeben, damit ich es an eine Frau hänge und damit mein junges Leben in Untätigkeit dahinlebe. Ich fange erst an zu leben und soll mir es selber verbittern? Ich habe gewiß nichts gegen den Ehestand, aber für mich wäre er dermalen ein Übel. Nun, da ist kein anderes Mittel: ich muß, wenn es schon nicht wahr ist, wenigstens den Schein vermeiden, obwohl der Schein auf nichts anderm beruht als – daß ich da wohne. Denn wer nicht ins Haus kommt, der kann nicht einmal sagen, daß ich mit ihr [Aloysia]9 soviel Umgang habe wie mit allen andern Geschöpfen Gottes; denn die Kinder gehen selten aus, nirgends als in die Komödie, und da gehe ich niemals mit, weil ich meistens nicht zu Hause bin zur Komödienstunde. Ein paarmal waren wir im Prater, und da war die Mutter auch mit, und da ich im Hause bin, konnte ich es nicht abschlagen, mitzugehen. Und damals hörte ich noch keine solche Narrens reden. Da muß ich aber noch sagen, daß ich nichts als meinen Teil zahlen durfte. Und da die Mutter solche Reden selber gehört und auch von mir aus weiß, so muß ich sagen, daß sie selbst nicht mehr will, daß wir zusammen wohin gehen, und mir selber geraten [hat], woanders hinzuziehen, um fernere Verdrießlichkeiten zu vermeiden; denn sie sagt, sie möchte nicht unschuldiger Weise an meinem Unglück schuld sein ..... Ich werde freilich leicht ein schöneres Zimmer bekommen, aber die Commodité und so freundliche und gefällige Leute schwerlich. Ich will auch nicht sagen, daß ich mit der schon verheirateten Mademoiselle [Aloysia] trotzig sei und nichts rede; aber verliebt bin ich auch nicht. Ich narriere und mache Spaß mit ihr, wenn es mir die Zeit zuläßt, – und das ist nur abends, wenn ich zu Hause soupiere; denn morgens schreibe ich in meinem Zimmer, und nachmittags bin ich selten zu Hause – und also sonst weiter nichts! Wenn ich alle die heiraten müßte, mit denen ich gespaßt habe, so müßte ich leicht zweihundert Frauen haben!"

Höchstwahrscheinlich hat Wolfgang damals tatsächlich noch nicht an eine Heirat mit Konstanze Weber gedacht. Schon aber erkennt man die intrigante Hand der Frau Cäcilie Weber. Von ihren vier Töchtern taugten die beiden jüngeren, Konstanze und Sophie, nicht zum Theater. Zum mindesten fehlten die Mittel, sie zu Sängerinnen ausbilden zu lassen. Es galt also, sie, je eher je lieber, an den Mann zu bringen. Um das tändelnde Paar zu unglücklich Verliebten zu machen, heuchelte sie alsbald mütterlichen Widerstand. Ohne es zu wollen, half ihr Vater Leopold dabei, indem auch er den Geist der Rebellion in seinem Sohne reizte. Er forderte von ihm, er solle sich von den Weberischen trennen. So vereinte sich alles gegen seine ursprünglich harmlose Liebelei: die Mutter, der Vater, der Stadtklatsch. Schließlich gab Mozart dem Drängen und Drohen seines Vaters nach. Am 5. September 1781 vermeldete er ihm: "Ich schreibe Ihnen nun in meinem neuen Zimmer: Auf dem Graben Nr. 1175 [heute Nr. 8] im dritten Stock ...."

Da die drei jüngeren Schwestern Josepha, Konstanze und Sophie noch nicht großjährig waren, hatte das zuständige Oberhofmarschallamt einen Vormund eingesetzt, den Rechnungsrevisor am k.k. Nationaltheater Johann Thorwart (1737–1813)10, einen energischen, rücksichtslosen Mann, der sich in seinem Strebertum vom Lakaien zu einer einflußreichen Stellung heraufgearbeitet hatte; er war die rechte Hand des Hoftheaterdirektors, des Oberstkämmerers Fürsten Franz v. Orsini-Rosenberg (1723–1796). Diesem Thorwart gebührt der zweifelhafte Ruhm, Frau Cäcilie Weber in ihrem unseligen Plane, Wolfgang Mozart zur Ehe mit ihrer Tochter Konstanze zu nötigen, erfolgreichen Beistand geleistet zu haben.

Am 15. Dezember 1781 gesteht Mozart seinem Vater seine Heiratsabsicht. Er schreibt: "Liebster Vater, Sie fordern von mir die Erklärung der Worte, die ich zu Ende meines letzten Briefes geschrieben habe. O wie gern hätte ich Ihnen längst mein Herz eröffnet ..... Mein Bestreben ist, etwas wenig Gewisses zu haben – dann läßt es sich mit der Hilfe des Unsicheren ganz gut hier leben – und dann zu heiraten! Sie erschrecken vor diesem Gedanken; ich bitte Sie aber, liebster bester Vater, hören Sie mich an! Die Natur spricht in mir so laut wie in jedem Andern und vielleicht lauter als in manchem großen starken Lümmel. Ich kann unmöglich so leben wie die meisten dermaligen jungen Leute .... Ich weiß wohl, daß diese Ursache, so stark sie immer ist, doch nicht erheblich genug ist: wohl aber mein Temperament, das mehr zum ruhigen und häuslichen Leben als zum Lärmen geneigt ist. Ich, der von Jugend auf niemals gewohnt war, auf meine Sachen, Wäsche, Kleidung usw. acht zu haben, kann mir nichts nötigeres denken als eine Frau .... Ein lediger Mensch lebt in meinen Augen nur halb. Ich hab halt solche Augen; ich kann nicht dafür! Ich habe es genug überlegt und bedacht; ich muß doch immer so denken. Nun aber, wer ist der Gegenstand meiner Liebe? Erschrecken Sie auch da nicht, ich bitte Sie! – Doch nicht eine Weberische? – Ja, eine Weberische! Aber nicht Josepha, nicht Sophie, sondern Konstanza, die mittelste. Die mittelste, meine gute liebe Konstanze, die Martyrerin darunter und eben deswegen vielleicht die gutherzigste, geschickteste und mit einem Worte: die beste darunter. Die nimmt sich um alles im Hause an – und kann doch nichts recht tun. O mein bester Vater, ich könnte ganze Bogen voll schreiben, wenn ich Ihnen alle die Auftritte beschreiben sollte, die mit uns beiden in diesem Hause vorgegangen sind .... Sie ist nicht hässlich, aber auch nichts weniger als schön. Ihre ganze Schönheit besteht in zwei kleinen schwarzen Augen und in einem schönen Wachstum. Sie hat keinen Witz, aber gesunden Menschenverstand genug, um ihre Pflichten als Frau und Mutter erfüllen zu können. Sie ist nicht zum Aufwand geneigt. Das ist grundfalsch; im Gegenteil, sie ist gewohnt, schlicht gekleidet zu sein. Denn das Wenige, was die Mutter ihren Kindern hat tun können, hat sie den zwei andern [Josepha und Aloysia] getan, ihr aber niemals. Das ist wahr, daß sie gern nett und reinlich, aber nicht proper [d.h. elegant] gekleidet wäre. Und das meiste, was ein Frauenzimmer braucht, kann sie sich selber machen; und sie frisiert sich auch alle Tage selber. [Sie] versteht Hauswirtschaft, hat das beste Herz von der Welt. Ich liebe sie und sie liebt mich von Herzen. Sagen Sie mir, ob ich mir eine bessere Frau wünschen könnte? – Das muß ich Ihnen noch sagen, daß damals, als ich [den Salzburger Dienst] quittierte, die Liebe noch nicht war, sondern erst durch ihre zärtliche Sorge und Bedienung (als ich im Hause wohnte) geboren wurde ...."

Die Gründe, die der junge Mozart vorbringt, um seine Heiratsabsicht zu motivieren, sind nüchtern, flügellahm, spießerlich. Schon im nächsten Briefe (22. Dezember) gesteht er dem Vater, daß man ihn gezwungen hatte, ein Schriftstück zu unterzeichnen, er verpflichte sich "in Zeit von drei Jahren die Mademoiselle Konstanze Weber zu ehelichen", andernfalls ihr "ein Jahrgeld von 300 Gulden" zu zahlen.

Dieses – es sei denn, Mozart wäre der Verführer der Geliebten gewesen – recht üble Dokument war ihm vom Vormund Thorwart vorgelegt worden, offenbar im Einvernehmen oder gar auf Anstiften der Frau Cäcilie Weber. Mozart setzt seinem Geständnis hinzu: "Ich konnte ja nichts Leichteres in der Welt [unter]schreiben, denn ich wusste, daß es zu der Bezahlung dieser 300 Gulden niemals kommen wird, weil ich sie niemals verlassen werde; und sollte ich so unglücklich sein, meine Gedanken verändern zu können, so würde ich recht froh sein, wenn ich mich mit 300 Gulden davon befreien könnte. Und die Konstanze, wie ich sie kenne, würde zu stolz sein, um sich verkaufen zu lassen. Was tat aber das himmlische Mädchen, als der Vormund weg war? Sie begehrte von der Mutter die Schrift, sagte zu mir: Lieber Mozart, ich brauche keine schriftliche Versicherung von Ihnen. Ich glaube Ihren Worten so! – und zerriß die Schrift. Dieser Zug machte mir meine liebe Konstanze noch werter ...."

Diese tragikomische Szene ist von den Biographen Mozarts verschieden beurteilt worden. War Konstanze, die damals siebzehnjährige, im Bunde mit Mutter und Vormund?

Leopold Mozart behauptete, einer der damaligen Freunde Wolfgangs, Peter Winter (1754–1825), ein Mannheimer, seit 1778 Hofkapellmeister in München, der wohl vorübergehend in Wien gewesen war, habe ihm über das angeblich schon stadtbekannte Liebespaar die bedenklichsten Dinge berichtet. Wolfgang erwiderte dem Vater, Winter sei "in seiner Lebensart ein Vieh und in seiner übrigen Aufführung und in allen Handlungen ein Kind" und überdies des Abbé Vogler wegen "immer sein größter Feind". Er halte es daher unter seiner Würde, auf die "infamen Hundsföttereien" näher einzugehen.

Leopold Mozart war außer sich vor Entrüstung, Sorge und Enttäuschung. Er wetterte, die "Madame Weber" müsse "in Eisen geschlagen" werden, "die Gasse kehren und am Halse eine Tafel tragen mit der Aufschrift: Verführerin der Jugend!" Wolfgang tat alles mögliche, um den Vater zu beschwichtigen und um die Schwester für sich und die Geliebte zu gewinnen. Am 23. März schickte er dem Vater eine Dose und ein paar Uhrbändl. Auf der Dose war ein Gemälde, das eine englische Geschichte darstellte. Marianne bekam zwei Hauben nach der neuesten Wiener Mode; beide waren, wie er schreibt: Arbeit von den Händen meiner lieben Konstanze! Sie empfiehlt sich dem Vater gehorsamst und küßt ihm die Hände und umarmt die Schwester auf das Freundschaftlichste und bittet um Vergebung, wenn die Hauben nicht zum Allerbesten ausgefallen seien. Dann schickt Konstanze der Schwester ein Kreuzel und ein Herzel mit dem Pfeil, wozu Wolfgang schreibt: "Ich soll sie [Konstanze] gleichwohl entschuldigen, sie sei ein armes Mädchen, habe nichts vom Besten, und meine Schwester soll den guten Willen für das Werk ansehen. Die Kreuzel ist von keinem großen Wert, aber die Hauptmode in Wien. Das Herzel mit dem Pfeil aber ist dem Herzel mit dem Pfeil meiner Schwester mehr anpassend – und wird also besser gefallen." Offenbar liebte Marianne Mozart derlei Sentimentalitäten.

Am 20. April 1782 "nimmt sich Konstanze endlich die Courage, dem Triebe ihres Herzens zu folgen" – wie Mozart Mariannen erklärt – und ihr einen Brief zu schreiben. (Abgedruckt als Nr. 1 auf S. 3 dieses Buches.) Die Danksagungen der Schwester sind uns nicht erhalten; gewiß waren sie sehr kühl gehalten. Marianne Mozart (1751–1829) ist der Geliebten und späteren Frau ihres angeblich geliebten Bruders von Anfang an nicht herzlich entgegengekommen. Sie war ein engherziges Wesen, kleinlich und selbstsüchtig, wohl auch damals bereits verbittert, weil sie keinen Mann gefunden hatte. Um sich zu versorgen, hat sie 1784 als Dreiunddreißigjährige geheiratet, den Hofrat und Amtsrichter Johann Baptist von Berchtold zu Sonnenburg (1736 bis 1801), einen verlebten und vertroddelten Witwer.

Wolfgangs Liebschaft blieb auch innerlich nicht unangefochten. Wir besitzen aus jener Zeit, der Brautzeit sozusagen, einen einzigen Brief Mozarts an Konstanze vom 29. April 1782. Ein spöttischer Zufall hat ihn der Nachwelt erhalten. Er sei hier eingefügt:

Liebste beste Freundin!

Diesen Namen werden Sie mir ja doch noch wohl erlauben, daß ich ihn Ihnen geben darf? So sehr werden Sie mich doch nicht hassen, daß ich nicht mehr Ihr Freund sein darf und Sie nicht mehr meine Freundin sein werden? Und wenn Sie es auch nicht mehr sein wollen, so können Sie es mir doch nicht verbieten, gut für Sie, meine Freundin, zu denken, wie ich es nun schon gewohnt sind. Überlegen Sie wohl, was Sie heute zu mir gesagt haben! Sie haben mir (ohngeachtet aller meiner Bitten) dreimal den Korb gegeben und mir gerade ins Gesicht gesagt, daß Sie mit mir gar nichts mehr zu tun haben wollten. Ich, dem es nicht so gleichgiltig ist wie Ihnen, den geliebten Gegenstand zu verlieren, bin nicht so hitzig, unüberlegt und unvernünftig, den Korb anzunehmen. Zu diesem Schritt liebe ich Sie zu sehr.