Briefwechsel 1905-1937 - Anton Kippenberg - E-Book

Briefwechsel 1905-1937 E-Book

Anton Kippenberg

0,0
49,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Im Jahr 1905 übernahm Anton Kippenberg die Leitung des Insel Verlags und begann mit einer wesentlichen Ausweitung des bisherigen Programms. Stefan Zweig, dessen Bücher ab 1906 »bei der Insel« erschienen, wurde bald zu einem der wichtigsten Berater des Hauses. Seinem Drängen verdanken sich die Gründung der Insel-Bücherei im Jahr 1912 und das Projekt der Bibliotheca mundi, in der Werke der Weltliteratur in ihren Originalsprachen verlegt wurden. Neben zahlreichen weiteren angedachten, ausgeführten, erfolgreichen und auch missglückten Projekten entstand Zweigs eigenes umfassendes Werk, das zu den meistverkauften der politisch turbulenten Zwischenkriegszeit gehört. Die bestens erprobte Zusammenarbeit endete nach beinahe drei Jahrzehnten mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. 1934 verließ der erfolgreiche jüdische Autor Stefan Zweig den Verlag nach öffentlichen Auseinandersetzungen, zwei Jahre später wurde der Vertrieb seiner Bücher in Deutschland endgültig verboten.
Die hier erstmals publizierten rund 600 Briefe aus der Korrespondenz zwischen Anton Kippenberg und Stefan Zweig sind eine literarische und literaturhistorische Sensation. Zum ersten Mal lässt sich verfolgen, wie im intensiven Zusammenspiel zwischen Verleger und Autor nicht nur ein Werk, sondern ein Verlagsprogramm entsteht. Zudem wird eindrucksvoll deutlich, wie sich darüber auch eine persönliche Freundschaft entwickelte.
Im Jahre 1905 übernahm Anton Kippenberg die Leitung des Insel Verlags. Er begann sofort mit einer Ausweitung des Programms, dabei stützte er sich als Berater auf Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal und Stefan Zweig. Zweig, der sich selbst als kosmopolitischen Literaten verstand, wurde zu seinem eifrigsten Ratgeber: Seinem Drängen verdankt sich die Gründung der Insel Bücherei im Jahre 1912. Er unterbreitete Kippenberg stetig und häufig Vorschläge für Übersetzungen, er wollte die autokratische Insel mittels Büchern der Weltliteratur demokratisieren. Dieser Versuch einer Aufklärung der Leserschaft scheiterte endgültig in den ersten Jahren des „Dritten Reiches“ – Zweig schied aus dem Insel Verlag aus.

Die hier erstmals publizierten 800 Briefe aus der Korrespondenz zwischen Anton Kippenberg und Stefan Zweig sind eine literarische und literaturhistorische Sensation. Zum ersten Mal läßt sich verfolgen, wie im Zusammenspiel eines Verlegers und eines Autors ein Verlagsprogramm entsteht, wie Erfolge gemacht werden, wie Rivalitäten zwischen den Autoren zu vermeiden sind.

Diese Korrespondenz spiegelt mit der Konfrontation des deutsch-nationalen Kippenberg und des weltliterarisch orientierten Zweig das Panorama der deutschen Kultur in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wider.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 1427

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Titel

Anton Kippenberg Stefan Zweig

Briefwechsel 1905-1937

Ausgewählt von Oliver Matuschek und Klemens Renoldner

Herausgegeben und kommentiert von Oliver Matuschek unter Mitwirkung von Klemens Renoldner

Insel Verlag

Zur optimalen Darstellung dieses eBook wird empfohlen, in den Einstellungen Verlagsschrift auszuwählen.

Die Wiedergabe von Gestaltungselementen, Farbigkeit sowie von Trennungen und Seitenumbrüchen ist abhängig vom jeweiligen Lesegerät und kann vom Verlag nicht beeinflusst werden.

Um Fehlermeldungen auf den Lesegeräten zu vermeiden werden inaktive Hyperlinks deaktiviert.

eBook Insel Verlag Berlin 2022

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2022.

© Insel Verlag Anton Kippenberg GmbH & Co. KG, Berlin, 2022

Für Inhalte von Webseiten Dritter, auf die in diesem Werk verwiesen wird, ist stets der jeweilige Anbieter oder Betreiber verantwortlich, wir übernehmen dafür keine Gewähr. Rechtswidrige Inhalte waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar.

Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

Umschlagabbildung: Anton Kippenberg und Stefan Zweig, 1930, Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach

eISBN 978-3-458-79820-0

www.suhrkamp.de

Übersicht

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Informationen zum Buch

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Briefwechsel

Prolog

Korrespondenz 1905-1937

1905

1906

1907

1908

1909

1910

1911

1912

1913

1914

1915

1916

1917

1918

1919

1920

1921

1922

1923

1924

1925

1926

1927

1928

1929

1930

1931

1932

1933

1934

1935

1936

1937

Epilog

Anhang

Ergänzende Briefe und Dokumente

Texte Stefan Zweigs über Anton Kippenberg und den Insel-Verlag

Wille zur Universalität

Die Insel …

Bericht über ein Goethe-Museum. Der Katalog der Sammlung Kippenberg

Anton Kippenberg gewidmet

Korrespondenz mit den Erben Stefan Zweigs

Nachwort

Editorische Notiz

Dank

Standorte der Korrespondenzstücke und Dokumente

Verzeichnis der Siglen und Quellen

Literatur

Bildnachweis

Register der erwähnten Werke Stefan Zweigs

Personenregister

Bildteil

Fußnoten

Informationen zum Buch

Briefwechsel

Prolog

[1]  Stefan Zweig an den Insel-Verlag,1 Berlin, 4. Juni 1902[Poststempel]

[Postkarte]

Sehr geehrter Herr,

ich möchte bitten, mir das in Ihrem Verlage erschienene Buch von Rudolf Kassner: »Der Tod und die Maske«2 zur baldigen Recension in der »Neuen Hamburger Zeitung« frdl. übersenden zu wollen. Wollten Sie mir in Hinkunft auch Ihre sonstigen Erscheinungen zustellen, so verpflichte ich mich gern, sie in hervorragenden Tageszeitungen, für die ich arbeite, zu besprechen. Hochachtungsvoll

Stefan Zweig

Berlin S. ‌W. 46 Bernburgerstrasse 203

1Diese Postkarte ist das erste bekannte Schreiben des 1881 in Wien geborenen Studenten Stefan Zweig an den Insel Verlag – in damaliger Eigenschreibweise meist »Insel-Verlag«. Dieser war im Oktober 1901 aus der zwei Jahre zuvor von Alfred Walter Heymel, Rudolf Alexander Schröder und Otto Julius Bierbaum im Berliner Verlag Schuster & Loeffler begründeten Literatur- und Kunstzeitschrift Die Insel hervorgegangen. Der in Leipzig ansässige Verlag wurde bis zu dessen Tod im Februar 1905 vom Buchhändler und Verleger Rudolf von Poellnitz als geschäftsführendem Gesellschafter geleitet. Zweigs späterer Korrespondenzpartner, der 1874 in Bremen geborene und zunächst als Buchhändler und Verlagskaufmann ausgebildete Anton Kippenberg, hatte sein Studium der Germanistik in Leipzig 1901 mit einer Dissertation über Die Sage vom Herzog von Luxemburg abgeschlossen. Er war, als Zweig diese Postkarte abschickte, Prokurist des Verlags Wilhelm Engelmann in Leipzig und wechselte erst 1905 zum Insel-Verlag.

2Rudolf Kassner: Der Tod und die Maske. Gleichnisse, Insel-Verlag, 1902.

3Stefan Zweig hielt sich seit Anfang April 1902 in Berlin auf, um dort sein im Herbst 1900 in Wien begonnenes Studium der Philosophie und Literaturgeschichte fortzusetzen. Er hatte 1901 den Gedichtband Silberne Saiten im Verlag Schuster & Loeffler in Berlin und Leipzig veröffentlicht und Buchbesprechungen für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen verfasst, in denen auch einzelne seiner lyrischen Werke gedruckt worden waren. Nun bemühte er sich von Berlin aus um weitere Kontakte zu deutschen Verlagen.

[2]  Stefan Zweig an den Insel-Verlag, Wien, 13. September 1902[Poststempel]

[Postkarte]

Sehr geehrter Herr,

ich möchte bitten, mir die in Ihrem w[erten]. Verlage erschienenen »Altitalienischen Novellen« (2 Bd)1 freundlichst zur Recension übermitteln zu wollen. Die Belegexemplare meiner Besprechung in der »Neuen Hamburger Zeitung«2 über den von mir seinerzeit erbetenen Kassner sind Ihnen wohl von der Zeitung aus zugegangen. Ergebenst

Stefan Zweig

Wien I Rathhausstr 173

1Altitaliänische Novellen. Ausgewählt und übersetzt von Paul Ernst, Insel-Verlag, 1902.

2Die Rezension war am 5. Juli 1902 mit weiteren Buchbesprechungen Stefan Zweigs unter seinem Autorenkürzel »st. z–g.« in der Abendausgabe der Neuen Hamburger Zeitung, o. ‌S., gedruckt worden.

3Obwohl Stefan Zweig während seines Studiums, das er nach einem Semester in Berlin in seiner Geburtsstadt Wien fortsetzte, eigene Studentenzimmer anmietete, benutzte er für seine Korrespondenz die Anschrift seiner Eltern Ida und Moriz Zweig in der Rathausstraße im 1. Stadtbezirk.Bis zum Jahr 1905 sind keine weiteren Schreiben an den Verlag oder von dort an ihn bekannt.

Korrespondenz 1905-1937

1905

[3]  Stefan Zweig an den Insel-Verlag, Wien, 13. Dezember 1905

Wien, I. Rathhausstrasse 171

Sehr geehrter Herr,2

ich möchte mir gestatten, an den Insel-Verlag mit einem Vorschlage heranzutreten. Ich kenne genau Ihre Verlagswerke und infolgedessen Ihre Bemühungen, das Erlesenste der Litteratur in erlesener Form darzubieten, selbst wenn es nicht dem breiten Publicum entgegenkommt.

So will ich einen alten Plan von mir Ihnen heute vorlegen und ich glaube, er wird Ihre Zustimmung finden. Es handelt sich um Dantes Vita nuova, die wunderbare Geschichte seiner Liebe mit allen den eingestreuten Sonnetten und Canzonen. Von der »Divina commedia« haben wir 23 Übertragungen wechselnden Wertes, von der Vita nuova nicht eine, die künstlerisch ernst zu nehmen wäre. Nun läge es in meiner Absicht, – gemäss etwa Rosettis in vielen Tausenden verbreiteten Übertragung »The new life«3 – für Deutschland eine Nachdichtung des »Neuen Lebens« zu schaffen (und bei Nachdichtungen darf ich mich wohl auf die Urteile berufen, die mir mein »Verhaeren«-Buch4 eingetragen hat.) Ich dächte an einen dichterisch nicht allzu sklavisch übertragenen Band, ausgestattet von einem Gotiker (etwa Melchior Lechter oder A. de Karolis, der die italienischen Ausgaben d'Annunzios' schmückte),5 eine luxurieuse, wenn auch nicht allzu kostspielige Ausgabe. Doch dies ist ja jetzt noch verfrüht, da mir Ihre Zustimmung fehlt.

Ich dächte, mehrere Monate der Arbeit zu widmen, sie aber dennoch rechtzeitig für Weihnachten abzuliefern, wäre auch bereit, vor Abschluss des Vertrages ein Capitel zur Probe zu übertragen. Dass ich als Honorar ein Equivalent für diese ganz ungewöhnlich schwere Aufgabe und für eine mehrmonatliche Mühe fordere, soll Sie nur überzeugen, dass ich nicht an eine gewöhnliche Übertragung, sondern an eine definitive deutsche Ausgabe denke.

Ihrer freundlichen Äusserung entgegensehend in Ergebenheit

Dr. Stefan Zweig

Wien, 13. Dezember 1905.

1Nach dem Ende seines Studiums, das er im Sommer 1904 mit der Dissertation Die Philosophie des Hippolyte Taine abgeschlossen hatte, lebte Stefan Zweig bis zum Frühjahr 1907 wieder in der Wohnung seiner Eltern.

2Möglicherweise war dieser Brief, dessen Kuvert mit der Anschrift nicht erhalten geblieben ist, bereits direkt an Anton Kippenberg gerichtet, der im selben Jahr in die Leitung des Insel-Verlags eingetreten war. Als Carl Ernst Poeschel 1906 aus der Geschäftsleitung und als Gesellschafter aus dem Verlag ausschied, wurde Kippenberg alleiniger Geschäftsführer. Im Vorjahr hatte er die gebürtige Hamburgerin Katharina von Düring geheiratet, die bald als Herausgeberin, Lektorin und zeitweilig auch als Stellvertreterin ihres Mannes in der Verlagsleitung arbeitete.

3Die unter dem Titel The New Life erschienene Übertragung von La vita nuova durch Dante Gabriel Rossetti war ab 1897 in verschiedenen Ausgaben in den USA und in Großbritannien publiziert worden.

4Émile Verhaeren: Ausgewählte Gedichte, in Nachdichtung von Stefan Zweig, Berlin, Schuster & Loeffler, 1904.

5Adolfo de Carolis hatte eine ganze Reihe von Werken Gabriele D'Annunzios im Verlag Fratelli Treves in Mailand illustriert und gestaltet.

[4]  Insel-Verlag an Stefan Zweig, [Leipzig], 30. Dezember 1905

30. Dez. 05

Herrn

Dr. Stefan Zweig,

Wien I.

Rathausstr. 17.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Bitte, empfangen Sie den Ausdruck unseres verbindlichsten Dankes für Ihren freundlichen Brief vom 13. ds. Mts., dessen Beantwortung uns leider erst heute möglich ist.

Wir gestehen, dass uns Ihre Absicht, die Übertragung von Dantes »Vita nuova« zu bringen, sehr sympathisch ist, und bitten Sie, uns Ihre Bedingungen, die Sie uns stellen würden, bekannt zu geben. Wir werden später auf die Angelegenheit zurückkommen und dann auch von Ihrem liebenswürdigen Anerbieten, uns eine Probeübertragung vorzulegen, gern Gebrauch machen.

Inzwischen begrüssen wir Sie

in vorzüglicher Hochachtung

[Insel-Verlag]

1906

[5]  Stefan Zweig an den Insel-Verlag, Wien, 2. Januar 1906

Wien 2. Januar [1906]1

Sehr geehrter Herr,

die Nachricht, dass mein Plan, eine deutsche Ausgabe der »Vita nuova« zu bieten, Ihnen sympathisch ist, macht mich froh. Ich wäre wirklich zufrieden, könnte ich diese Idee, der zu dienen mir eine edle Arbeit wäre, in der schönen und liebevollen Weise verwirklichen, die Sie Ihren Büchern angedeihen lassen, und Sie können versichert sein, dass Sie bei mir stets das grösste Entgegenkommen finden würden.

Die »Vita nuova« stellt ein splendid gedrucktes Buch von über hundert Seiten mit mehr als dreissig Gedichten (unter Weglassung der den künstlerischen Eindruck störenden scholastischen Erklärungen zu jedem Gedichte) dar. Ich denke mir dasselbe in allersorgfältigster, dichterisch farbiger Prosa übertragen vor, die Sonnette in der Form des sogenannten falschen Sonnettes (4 Reime in den ersten 8 Zeilen, statt der 2 Reime, denn bei der Reimarmut der deutschen Sprache drängt die Übertragung in richtigen Sonnetten – die ja möglich ist, wie eben alles möglich ist – den sprachlichen Ausdruck in leere Clichés hinein, vergl. die matte Übertragung in Reclams Universalbibliothek.2 Das sogenannte falsche Sonnett wahrt die Form, das Gefäss und den Inhalt gleicherweise und gestattet eine innigere Anschmiegung ans Original bei grösserer dichterisch-sprachlicher Potenz). Für die Canzonen denke ich mir eine leichte Färbung im Tone deutscher Minnesänger, überhaupt im ganzen ein ganz unmerkliches Bemühen nach archaistischer Patina, um die zeitliche Note der »Vita nuova« zu erinnern.

Ich würde sehr viel Mühe daran wenden, denn es ist mir nicht um eine Übertragung, sondern um die definitive Übertragung zu tun. Ich will alle Versuche abschneiden, etwa wie es Rossetti in England tat. Bis März nun fesselt mich im wesentlichen eine grössere eigene Arbeit.3 Dann will ich ausschliesslich dieser Übertragung die vier Monate April, Mai, Juni, Juli zuwenden und würde das Werk zu diesem Termin abliefern, so dass ein Erscheinen des Buches im Herbstanfang möglich ist. Mein Honoraranspruch ist tausend Mark bei Abtretung sämtlicher Rechte an Ihren Verlag. Ich weiss nicht, wie Sie über diesen Anspruch denken: ich bemesse ihn nicht so sehr nach meiner Arbeit – denn diese Arbeit wird mir Freude sein –, sondern nach dem Werte, den mir meine Zeit darstellt, und ich kann drei bis vier Monate nicht geringer bemessen. Eine Probearbeit liefere ich Ihnen gern, lege Ihnen überdies eine eigene Dichtung bei, die zu der Weihnachtsbeilage der »Neuen Freien Presse« erschien4 und Ihnen mein Anpassungsvermögen an Dantes Versformen zeigen möge.

Es wäre nur mein Wunsch, wenn Ihnen die Proben zusagen – möglichst bald einen vertragsgemässen Abschluss unserer Verpflichtung zu haben. Ich stelle keinerlei Vorschussansprüche; wenn ich nur um eine rechtzeitige Abmachung bitte, so ist es, weil ich von März an in England – oder Italien – leben werde und mir Material sowie persönliche Dispositionen gern früher erledigen möchte. (Ich möchte z. ‌B. gerne bei meiner Übertragung auf die Prosa eventueller Übersetzungen aus dem 16. u. 17. Jahrhundert zurückgreifen, um, wie gesagt, das Historische der Liebesdichtung unmerklich zu betonen.)

Allerdings – die Einzelheiten scheinen mir vorläufig belanglos, denn trotz meiner Proben muss Ihre Entscheidung immerhin auf dem Vertrauen zu meinen künstlerischen Fähigkeiten und dem Schalten meines Geschmackes beruhen. In das Buchhändlerische würde ich mir meinerseits keine Einmengung gestatten: ob Sie das Buch vorerst zu einer luxurieusen Ausgabe oder gleich nach dem Vorbilde der englischen Ausgaben in einer Ihrer eleganten Volksausgaben ausgeben würden, das überlasse ich Ihrem – nicht so sehr geschäftlichen, als künstlerisch erprobten – Sinne. Hoffentlich ist es nicht das Finanzielle, das meine Absicht bei Ihnen unmöglich macht.

Ihrer Antwort gewärtig bleibe ich ergebenst

Stefan Zweig

Wien I, Rathhausstrasse 17

I Beilage5

1Im Original versehentlich »1905«.

2Das Neue Leben und die gesammelten lyrischen Gedichte von Dante Alighieri, in den Versmaßen der Urschrift ins Deutsche übertragen von Johanna Wege, Leipzig, Reclam, 1879.

3Zweig arbeitete an einer Tragödie, die er spätestens im April beendete. Anschließend reiste er bis zum August 1906 nach London und hatte sich für diesen Zeitraum offenbar die Nachdichtung von Dantes Werk vorgenommen, deren Veröffentlichung jedoch nicht zustande kam. Zweigs Drama erschien 1907 unter dem Titel Tersites. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen im Insel-Verlag.

4In seinem Gedicht Das Tal der Trauer hatte Zweig in Inhalt und Form auf das Werk Dantes Bezug genommen. Dem Abdruck in der Neuen Freien Presse vom 24. Dezember 1905, S. 72 und 77, ist als Motto ein Satz aus Kapitel XXIII von DantesLa vita nuova in der Originalsprache vorangestellt. Das Gedicht erschien 1906 auch in Die frühen Kränze, Zweigs erstem Buch im Insel-Verlag, auf den Seiten 63-73.

5Der ursprünglich beiliegende Zeitungsartikel ist nicht erhalten.

[6]  Insel-Verlag an Stefan Zweig, [Leipzig], 18. Januar 1906

18. Januar 06

Herrn

Dr. Stefan Zweig,

Wien

Sehr geehrter Herr Doktor!

Wir danken Ihnen bestens für Ihren geschätzten Brief vom 2. ds. M. Ihren Plan, die »Vita nuova« von Dante in deutscher Umdichtung herauszugeben, haben wir noch einmal auf das reiflichste erwogen, sind aber doch zu dem Entschluss gekommen, für unseren Verlag zunächst wenigstens davon abzusehen. Der Grund unserer Ablehnung liegt einzig und allein darin, dass wir zur Zeit mit so viel Unternehmungen beschäftigt sind – nicht weniger als zwanzig haben wir bereits für dieses Jahr fest in Aussicht genommen –, dass wir uns notgedrungen Beschränkung auferlegen müssen. Nur ungern lassen wir den Plan, der uns sehr sympathisch ist, fallen und möchten Sie, falls Sie keinen Ihnen zusagenden Verleger für das Buch finden, bitten, doch im nächsten Jahre noch einmal mit Ihrem Plane an uns heranzutreten. Wir würden dann gern sehen, ob es uns nicht doch noch möglich ist, das Buch in unserem Verlag erscheinen zu lassen.

Indem wir Ihnen für das in uns gesetzte Vertrauen unseren verbindlichsten Dank aussprechen, verbleiben wir

in vorzüglicher Hochachtung

sehr ergeben

[Insel-Verlag]

[7]  Stefan Zweig an den Insel-Verlag, Wien, 23. Januar 1906

Wien 23. Januar 1906

Sehr geehrter Herr,

Ihre Entscheidung bezüglich des Vorschlages, die »Vita nuova« zu übertragen, ist in meinen Händen und ich werde von Ihrer gütigen Aufforderung, ihn im nächsten Jahre zu erneuern, wahrscheinlich Gebrauch machen. Keinesfalls werde ich mich mit dem Plan an einen anderen Verleger wenden, denn mir war es bei meinem Vorschlag um eine durchaus künstlerische und keineswegs geschäftliche Ausgabe zu tun, und da weiss ich mir in Deutschland keinen anderen Verlag als den Ihren.

Ich möchte heute noch bitten, mir R. ‌M. Rilkes neues Versbuch1 zukommen zu lassen. Wollen Sie mir auch die Classikerausgaben senden, die Sie jetzt so schön begonnen haben,2 so können Sie auf Besprechung in grösseren Zeitungen stets rechnen.

Ihr sehr ergebener

Stefan Zweig

1Rainer Maria Rilke: Das Stundenbuch, Insel-Verlag, 1905, das Zweig unter der Überschrift Verse eines Gottsuchers in der Zeitschrift Die Nation vom 9. Juni 1906 auf S. 571-572 besprach.

2Gemeint sind die ersten Bände der umfangreich angelegten Großherzog Wilhelm Ernst-Ausgabe, hier vermutlich Friedrich Schiller: Dramatische Dichtungen, Band 1, aus dem Jahr 1905 sowie die ersten Teile der Werkausgabe Arthur Schopenhauers und der erste Band der Werke Johann Wolfgang von Goethes. Das Projekt war noch vor Anton Kippenbergs Eintritt in die Geschäftsführung auf Anregung Alfred Walter Heymels geplant worden und geht in seiner Konzeption vor allem auf Harry Graf Kessler zurück.

[8]  Insel-Verlag an Stefan Zweig, [Leipzig], 27. Januar 1906

27. Januar 06

Herrn

Dr. Stefan Zweig,

Wien.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Mit besonderer Freude haben wir aus Ihrem geschätzten Brief vom 23. Januar ersehen, dass Sie sich mit der Verwirklichung Ihres Planes, die »Vita nuova« zu übertragen, wahrscheinlich bis zum nächsten Jahr gedulden werden. Wir freuen uns aufrichtig dieses Entschlusses, denn wir haben nur schweren Herzens und durch den Ihnen mitgeteilten Grund veranlasst, davon Abstand genommen, das Buch jetzt in unserem Verlag erscheinen zu lassen. Wir werden es um so dankbarer begrüssen, wenn Sie sich im nächsten Jahre in dieser Angelegenheit wieder an uns wenden würden.

Gern entsprechen wir Ihrem Wunsche, Rilkes »Stundenbuch« und die bisher erschienenen Bände unserer Klassiker-Ausgabe zur Besprechung zu erhalten, und lassen Ihnen diese Bücher gleichzeitig durch Postpaket zugehen. Wir fügen unseren Almanach1 bei, an dessen Schluss Sie ein vollständiges Verzeichnis unserer Verlagswerke finden. Sollte Ihnen das eine oder andere unserer neueren Publikationen zum Zwecke einer Besprechung noch erwünscht sein, so bitten wir Sie, uns freundlichst davon in Kenntnis zu setzen.

In vorzüglicher Hochachtung

sehr ergeben

[Insel-Verlag]

1Mit dem Druck des Insel-Almanachs auf das Jahr 1906, Insel-Verlag, 1905, nahm Anton Kippenberg eine frühere Idee wieder auf, denn bereits 1899 war bei Schuster & Loeffler in Berlin der Almanach der Insel für 1900 erschienen, jedoch nicht als Reihe fortgesetzt worden. Neben einem Kalendarium enthielten die ab 1905 mit wenigen Ausnahmen jährlich erscheinenden Bände Textauszüge und Illustrationen aus der aktuellen Verlagsproduktion und ein Verzeichnis der lieferbaren Bücher. Ab dem Jahrgang 1909 wurde die Zusammenstellung der Almanache größtenteils von Katharina Kippenberg übernommen.

[9]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Berlin, 31. August 1906

z. ‌Zt. Berlin, 31. August 1906

Sehr verehrter Herr Doktor,

ich sende Ihnen noch heute meinen Versband »Die frühen Kränze«,1 um mir die Mitnahme nach Wien zu ersparen, und freue mich herzlich darauf, dass Sie ihn lesen werden. Es ist Lese aus sechs Jahren und, wie ich meine, sorgsam gesichtete. Fast alle Gedichte waren in den ersten Zeitschriften gedruckt und ich weiss, wie sehr ich auch durch die Verbreitung in Anthologien mir ein Publicum gewonnen habe. Selbst von dem Buche des Neunzehnjährigen (meinem ersten Versbuche, das ich längst schon hinter mich legte)2 nun nach 6 Jahren werden mit einer ganz merkwürdigen Regelmässigkeit jährlich ca. 3 Dutzend abgesetzt. So darf ich hoffen, dass auch dieses Buch, das eigentlich mein erstes ist (und das letzte Versbuch wieder für sechs oder zehn Jahre), selbst den Verleger nicht enttäuschen wird.

Ausstattungswünsche habe ich keine speziellen.* Ihre Bücher sind alle dermassen schön, dass ich mich gerne Ihrem bewährten Geschmacke anvertraue. Zweifarbendruck (Titel rot, Text schwarz) wäre zwar mein Ideal, aber das würde wohl den ins Auge gefassten Preis von 3 (resp. 5) Mark umstossen.3 Die Anordnung des Buches, die es organisch macht, möchte ich gerne wie im M[anus]c[ri]pte beibehalten sehen.

Wichtig hingegen wäre mir, dass es womöglich umgehend in Druck ginge. Für Verse sind die Monate October, November die günstigsten und die würde ich ungern versäumen. Deshalb wäre mir eine rasche Entscheidung lieb und meinerseits würde jede Verzögerung vermieden werden. Auflagehöhe dächte ich 700 (mit Rec[ensions]. Ex[emplaren]. und Autorenexemplaren 800) Exemplare, habe aber nichts gegen eine höhere Auflage von etwa 1000. Sie werden den Massstab da jedenfalls am besten finden.

Rimbaud gedenke ich bis spätestens Weihnachten erledigt zu haben.4 Ich hätte noch einen anderen Vorschlag in betreff eines Werkes von William Blake, dem englischen Painter-Poet, und hätte da Gelegenheit, von Methuen & Co die Clichés5 billig zu bekommen, aber das liegt mir und wohl auch Ihnen jedenfalls noch ferne. Nur möchte ich Sie bitten, wenn Sie je etwas mit William Blake planen (Diederichs bringt seine Verse6), mich zuvor zu verständigen: ich kann Ihnen da aufs beste zur Hand gehen, weil ich dem englischen Kreise seiner Verehrer, Artur Symons, W. ‌B. Yeats, Arch. G. ‌B. Russel persönlich sehr nahestehe.7

Bitte, teilen Sie mir Ihre Vorschläge gütigst nach Wien mit. Ich wäre sehr froh, in Ihrem Verlage erscheinen zu können, und hoffe Sie mit dem Buche nicht enttäuscht zu haben.

Mit ergebenen Grüssen

Dr. Stefan Zweig

Wien I, Rathhausstrasse 17

P. ‌S. Wenn Sie mir die frdl. notierten Bücher zusenden wollen, so will ich sie gerne (wenigstens den grösseren Teil) besprechen.

* etwa in der Art der Günderode oder Droste Hülshoff.8

1Gemeint ist hier das Manuskript, das 1906 unter diesem Titel als erstes Buch Stefan Zweigs im Insel-Verlag erschien.

2Stefan Zweig: Silberne Saiten, mit Illustrationen von Hugo Steiner-Prag, Berlin und Leipzig, Schuster & Loeffler, 1901.

3In der Erstausgabe wurden der von Marcus Behmer gestaltete Buchschmuck und die Titel gelbbraun, der übrige Text in Schwarz gedruckt.

4Zweig arbeitete an der Einleitung zum Band Leben und Dichtung von Arthur Rimbaud, der 1907 im Insel-Verlag erschien und von Karl Klammer unter seinem Pseudonym K. ‌L. Ammer übersetzt worden war.

5Im Londoner Verlag Methuen & Co wurden seit 1896 mehrere Werke William Blakes veröffentlicht, darunter 1903 auch die Illustrations of the Book of Job. Vermutlich sind die für den Druck der Abbildungen dieses Bandes notwendigen Klischees gemeint.

6Zweig bezieht sich auf das im folgenden Jahr publizierte Buch William BlakesDie Ethik der Fruchtbarkeit, zusammengestellt aus seinen Werken und Aufzeichnungen, übersetzt und eingeleitet von Otto Freiherrn von Taube, Jena, Diederichs, 1907.

7Stefan Zweig war ab Ende April 1906 für einige Monate in London gewesen und machte dort die Bekanntschaft des Herausgebers der literarischen Zeitschrift The Savoy, Arthur William Symons, der unter anderem Gedichte Émile Verhaerens ins Englische übertragen hatte. Über Symons hatte Zweig eine Einladung zu einem Leseabend des Dichters William Butler Yeats erhalten und in diesem Umfeld den Kunsthistoriker Archibald George Blomefield Russell kennengelernt. Dessen im Januar 1906 in der Edinburgh Review erschienenen Artikel The Visionary Art of William Blake übertrug Zweig unter dem Titel Die visionäre Kunst des William Blake, Leipzig, Zeitler, 1906, ins Deutsche. Noch in London erwarb er eine Originalzeichnung William Blakes mit einer Darstellung des King John, die seither gerahmt an exponierter Stelle in seiner Wohnung hing; Sammlung Zweig 2005, Kat.-Nr. 54.

8Bettina von Arnims Briefroman Die Günderode war 1904 in einer zweibändigen Taschenausgabe im Insel-Verlag erschienen. Dort war im selben Jahr auch Annette von Droste-HülshoffsDie Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westfalen herausgekommen. In beiden Fällen hatte Walter Tiemann den Einband und die Titelseiten gestaltet, die jeweils in Schwarz und Rot gedruckt wurden.

[10]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 4. September 1906

den 4. September 06.

Herrn

Dr. Stefan Zweig,

Wien.

Sehr verehrter Herr Doktor!

Haben Sie vielen Dank für die Übersendung des Manuskriptes der »Frühen Kränze«, die ich mit grosser Freude gelesen habe und die ich gern im Insel-Verlage herausgeben will. Für eine dem Inhalt entsprechende Ausstattung werde ich sorgen. Die Zeichnung des Titels denke ich Herrn Marcus Behmer zu übertragen und bitte Sie, mir freundlichst zu sagen, wie Sie darüber denken. Den Satz natürlich in Antiqua-Schrift, das Format etwa wie das der »Günderode«. Die Höhe der Auflage scheint mir mit 700 Exemplaren doch zu gering angesetzt zu sein, weil wir eine grosse Anzahl an Sortimenter verschicken müssen. Ich möchte Ihnen daher vorschlagen, dass wir 1000 plus 100 Frei- und Rezensions-Exemplare ins Auge fassen. Als Honorar erlaube ich mir, Ihnen 40 Pfg. für jedes verkaufte Exemplar (Abrechnung jährlich zur Ostermesse) vorzuschlagen. Wenn Sie mit diesen Bedingungen einverstanden sind, so übersenden wir Ihnen einen Vertrag und lassen den Satz sogleich beginnen.

Vielen Dank für Ihre Anregung betreffend William Blake, ich werde sie bestimmt im Auge behalten, bin aber augenblicklich durch eine grosse Reihe von Unternehmungen so in Anspruch genommen, dass ich mich ans Nächste halten muss.

Mit den verbindlichsten Grüssen

Ihr sehr ergebener

[Anton Kippenberg]

[11]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, o. ‌D.[Eingangsdatum: 7. September 1906]

Wien I

Rathhausstrasse 17

Sehr geehrter Herr Doktor,

herzlichen Dank für die rasche und gütige Erledigung. Ich freue mich sehr, mit Ihrem Verlage in Verbindung zu sein, und hoffe es nicht nur mit diesem einen Buche zu bleiben. Da ich wenig schreibe und Bücher fast ungern veröffentliche, hoffe ich auch in Zukunft bei Ihnen zu Gast sein zu dürfen, ohne zu häufig Sie in Anspruch zu nehmen.

Ich bin mit allen Ihren Vorschlägen glatt einverstanden, weil ich unbedingtes Vertrauen in Ihren Geschmack setze. Marcus Behmer ist ein mir sehr sympathischer Künstler, der Satzspiegel hat ganz meinen Beifall.

Ich möchte zu dem Vertrag auch um folgendes bitten, wenn 1000 Exemplare gedruckt werden, so wäre mir lieb, wenn Sie 150 Rec[ensions]. Ex[emplare]. statt 100 drucken würden, und zwar ca. 80 Ex. für die Zeitungen

20 Ex. für einzelne Kritiker, die ich nennen werde und die sich dafür interessieren werden (Benzmann, Bethge, Henri Albert, Schaukal ect)1

50 Ex (10 geb.) für mich. Das letzte erscheint Ihnen vielleicht übermässig, aber es ist nur zum Nutzen des Buches, denn die Exemplare gehen an mir befreundete Kritiker des Auslands und sind gewissermassen Rezensentenexemplare. Ich glaube, bei einem Gedichtbuch, das 1000 Ex. Auflage hat, ist die Presse doch von grosser Wichtigkeit und Sparsamkeit an Exemplare würde nicht von Nutzen sein.

Zweitens möchte ich bitten, mir mitzuteilen, zu welchem Preise ich selbst Exemplare meines Buches erwerben kann (ich brauche gewöhnlich über die Beleganzahl).

Zum dritten. Vielleicht teilen Sie mir den Preis mit, zu dem ich das Original der Marcus Behmer'schen Zeichnung erwerben könnte. Ich will mir die Originale meiner Bücher gerne sichern. –

Dies ist alles und – wie ich hoffe – nichts Bedeutsames, das Ihre Entschliessung beeinflussen wird. Ich freue mich sehr, dass das Buch sofort in Druck geht, so hat es die drei besten Monate October, November, Dezember ganz für sich. Nehmen Sie nochmals meinen besten Dank für die rasche und gütige Erledigung und seien Sie versichert, dass ich alles tun werde, um meinerseits dem Buche zu einem Erfolge zu verhelfen.

Ihr sehr ergebener

Stefan Zweig

P. ‌S.

Schröders »Elysium«, das mich merkwürdig ergriffen hat, zeige ich noch in den nächsten Tagen an.2

1Mit den hier genannten Kritikern hatte Zweig ganz unterschiedliche Vertreter dieses Faches als Empfänger seines Buches vorgesehen: den Lyriker Hans Benzmann kannte er bereits aus seiner Studienzeit in Berlin im Sommersemester 1902, Hans Bethge war vor allem für seine Nachdichtungen orientalischer Lyrik bekannt geworden, mit Henri Albert war ein französischer Germanist vertreten und Richard Schaukal schließlich gehörte zu den aufstrebenden Lyrikern und Übersetzern Österreichs. Mit Ausnahme Henri Alberts waren alle Autoren der Reihe Die Dichtung, die bei Schuster & Loeffler erschien und in der im Jahr 1905 auch Zweigs eigene Monographie Verlaine aufgelegt worden war. Albert hingegen arbeitete als Lektor beim Mercure de France, wo zahlreiche Werke des belgischen Dichters Émile Verhaeren gedruckt wurden, mit denen sich Zweig eingehend beschäftigte.

2Eine Rezension Zweigs von Rudolf Alexander SchrödersElysium. Ein Buch Gedichte, Insel-Verlag, 1906, konnte nicht ermittelt werden.

[12]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, 22. Oktober 1906[Poststempel]

[Postkarte]

Sehr geehrter Herr Doktor,

ich bin erstaunt, dass sich das Erscheinen meines Buches so sehr verzögert. Könnte ich nicht wenigstens meine 76 Exemplare haben?

Mit ergebenen Grüssen

Stefan Zweig

[13]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, o. ‌O., 13. November 1906

13. November 1906

Sehr verehrter Herr Doktor,

durch eine Verspätung sind die mir freundlichst übersandten 75 Exemplare1 [ ]2 heute erst zugekommen und ich beeile mich Ihnen zu sagen, wie sehr ich von der künstlerischen Ausstattung des Buches befriedigt bin. Es ist alles mit dem vom Insel-Verlag ja schon selbstverständlichen Feingefühl zusammengestellt und das Buch präsentiert sich in der sympathischesten Form. Ich wäre aufrichtig froh, wenn Sie Erfolg damit hätten, und zweifle auch nicht daran: ich weiss, dass meine Bücher bisher nie Sensation gemacht haben, aber ihren Weg still und vor allem dauernd gehen. Auch erhoffe ich mir nächste Saison viel von der Aufführung meiner Tragödie.3

Schade, dass es so spät kam! Ich empfinde die Zeit vor Weihnachten immer wie einen grossen Trog, in dem alles ertrinkt, besonders die letzten Tage. So wäre es mir lieb, wenn Sie die Ausgabe beschleunigten und vor allem die Versendung der 20 Exemplare an die genannten Autoren und die Rezensionsexemplare.

Die Rimbaud-Vorrede sende ich in kürzester Zeit. Ich will Ihnen dann auch mit einem anderen Vorschlag kommen, den ich für sehr glücklich halte. Aber jetzt im Monat vor Weihnachten haben Sie wohl der Arbeit genug und übergenug.

Ich bin herzlich froh, dass die Verlaine-Affaire in Frieden geordnet ist. Das Buch wird erst im Frühjahr von Schuster & Löffler ausgegeben4 werden und ich hätte sogar gerne Herrn Grafen Kalkreuth darin mit einer Probe vertreten gesehn.5

Hoffentlich sprechen jetzt bald die Kritiken und ich will mich freuen, wenn sie meinem Buche und Ihrem Verlage Ehre machen.

Ihr aufrichtig ergebener

Stefan Zweig

P. ‌S. Den Büchern war eine Rechnung beigefügt. Wünschen Sie deren sofortige Begleichung oder wollen Sie gütigst diese und eventuelle andere Bestellungen – ich hoffe, Sie verehren mir auch die bei Ihnen erschienenen Werke anderer Autoren zum Buchhändlerpreis – auf mein Conto schreiben, das ja durch Rimbaud ect. wohl noch Activa abfahren wird.

1Der Verlag hatte Zweig am 7. November 1906 insgesamt 76 Exemplare zugeschickt, davon 65 geheftete und 11 gebundene.

2Hier im Original versehentlich nochmal »mir«.

3Gemeint ist sein Theaterstück Tersites.

4Zweig hatte den von ihm bereits 1902 bei Schuster & Loeffler in Berlin und Leipzig herausgegebenen Band Gedichte von Paul Verlaine. Eine Anthologie der besten Übertragungen um einige Übersetzungen ergänzt und mit einer neuen Vorbemerkung versehen. Das Buch erschien in der zweiten, veränderten Auflage erst im Jahr 1907, um eine Konkurrenz zu einem vom Insel-Verlag bereits vorbereiteten und 1906 herausgebrachten Band mit Verlaine-Übersetzungen von Wolf Graf von Kalckreuth zu vermeiden. Eine dritte Auflage bei Schuster & Loeffler wurde 1911 ausgeliefert. Im Insel-Verlag erschienen, von Zweig herausgegeben, erst im Jahre 1922 Paul Verlaines Gesammelte Werke in zwei Bänden.

5Wolf Graf von Kalckreuth war vor allem durch seine Übertragungen französischer Lyrik bekannt geworden. Im Alter von 19 Jahren hatte er sich im Oktober 1906 das Leben genommen.

[14]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, 18. November 1906

[Telegramm]

kippenberg insel verlag leipzig kurzestrasze

gedichtbuch die fruehen kraenze soeben mit bauernfeld-preis tausend kronen ausgezeichnet, herzliche gruesse stefan zweig1

1Zweigs Angabe entspricht nicht vollständig den Tatsachen: Der nach dem österreichischen Schriftsteller Eduard von Bauernfeld benannte Preis war erstmals 1899 an Arthur Schnitzler vergeben worden und wurde seitdem in unregelmäßigen Abständen verliehen. Im Jahr 1906 vergab die Jury statt des eigentlichen Preises mehrere Ehrengaben, zu deren Empfängern auch Stefan Zweig gehörte.

[15]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 19. November 1906

19. ‌XI. ‌06.

Diktat.

Herrn

Dr. Stefan Zweig,

Wien.

Sehr verehrter Herr Zweig!

Mit grosser Freude erhielt ich gestern Ihr Telegramm, worin Sie mir mitteilen, dass die »Frühen Kränze« mit dem Bauernfeld-Preis ausgezeichnet worden sind. Ich spreche Ihnen dazu meine allerherzlichsten Glückwünsche aus. Auch für den Verlag ist ja diese Auszeichnung sehr wertvoll, nicht nur in Bezug auf den erhöhten Absatz, der ohne Zweifel dadurch hervorgerufen wird. Die Nachricht geht doch wohl durch die Presse? Anderenfalls würde ich dafür sorgen, dass das geschieht.1

Mit den verbindlichsten Grüssen

Ihr sehr ergebener

[Anton Kippenberg]

1Anton Kippenberg teilte Hugo von Hofmannsthal noch am selben Tag die vermeintliche Verleihung des Bauernfeldpreises an Stefan Zweig mit. In seinem Antwortschreiben vom 23. November 1906 nahm Hofmannsthal eine deutliche Klarstellung vor: »Was den sogenannten Bauernfeldpreis betrifft, so dürfte sich Ihnen die Bemessung dieser Thatsache durch die örtliche Distanz erschweren. Diese Stiftung hat sich im Geist einer ganz besonders albernen Wiener Kunstpolitik hinlänglich kompromittiert und überdies hat Herr Z. keineswegs den B. Preis bekommen, welcher gar nicht verliehen worden ist, sondern eine Ehrengabe daraus, welche bescheidene Auszeichnung er mit 8 anderen Individuen sechsten Ranges theilt. Es liegt also nicht einmal ein äußerlicher Anlaß vor, die Valeur dieses Literaten anders einzuschätzen.« Insel-Verlag/Hofmannsthal 1985, Nr. 111.

[16]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, 12. Dezember 1906

Wien, den 12. Dezember 1906

Sehr verehrter Herr Doktor,

gestatten Sie mir einige Zeilen. Es war mein fester Entschluss, die Versendung meines Buches mit allen Details ganz Ihrem Ermessen zu überlassen, und ich, denke nicht daran, irgendwie persönlich mich einzumengen. Sie kennen sicherlich die Technik des Buchhandels besser als ich, und was ich sagen möchte, ist nur eine Beobachtung.

Ich habe nämlich mein Buch im Einlauf der grossen Tagesblätter nicht vorgefunden. Bei der »Zeit« ist es durch das Feuilleton von m. n-r.1 (das Sie hoffentlich sahen) unnötig geworden, ebenso bei der »Neuen Freien Presse«, wo Franz Servaes2 demnächst schreibt. Es wäre mir aber lieb, wenn die »Frankfurter Zeitung«, das »Neue Wiener Tagblatt« ect. doch auch mit Exemplaren bedacht würden: ich halte das für absolut notwendig. Oder haben Sie die Absicht, die Rezensionsexemplare erst auszugeben, wenn der Weihnachtsrummel vorüber ist? Ich habe ohnehin immer das Gefühl, als sei das Buch zu knapp vor Weihnachten erschienen. Hoffentlich haben Hardens Worte etwas genützt und Sie sind mit dem Absatz nicht unzufrieden.3 Mir wäre es ungemein leid, Sie mit dem ersten Buche zu enttäuschen.

Die Rimbaud-Vorrede wird in den nächsten Tagen fertig. Für die Zusendung der Bücher aus Ihrem Verlag danke ich sehr und werde mich des einen und anderen (alle zu besprechen kann ich mich nie verpflichten, weil ich Bücher, die mir nicht gefallen, lieber nicht bespreche, statt sie zu vermöbeln) auf das eindringlichste annehmen.

Empfangen Sie die besten Grüsse Ihres sehr ergebenen

Stefan Zweig

Bitte bestimmt auch ein Exemplar an die »Österreichische Rundschau« zu senden, falls noch nicht geschehen.

1In der Wiener Zeitung Die Zeit war am 2. Dezember 1906 auf S. 4-5 der Beitrag Stefan Zweigs Gedichte als Rezension des Bandes Die frühen Kränze erschienen. Das Kürzel »m. n-r.« des auch von Zweig nicht namentlich genannten Autors steht möglicherweise für den Namen Martin Finder, der wiederum ein Pseudonym von Felix Salten war.

2Die Sammelbesprechung von Franz Servaes erschien am 23. Dezember 1906 unter der Überschrift Neue Lyrik in der Neuen Freien Presse, S. 33-36. Vergleicht man die von Zweig gegenüber dem Insel-Verlag in den vergangenen Monaten angesprochenen Themen mit den Schwerpunkten in Servaes' Artikel, so kann angenommen werden, dass sich Autor und Rezensent, die beide in Wien lebten und ohnehin miteinander in Kontakt standen, zuvor eingehend ausgetauscht hatten. Servaes schreibt in seinem Artikel: »›Die frühen Kränze‹ nennt Stephan Zweig seine kleine höchst aparte Sammlung. Markus Behmer hat dazu eine geistreiche Titelvignette gezeichnet, einen gefällig stilisierten Zweig, dessen Blütenstengel sich in leichter Arabeskenform zu Kränzen (griechisch: ›Stephanoi‹) runden – eine etwas tändelnde Wort- und Formspielerei, die diskret genug auftritt, um hingenommen zu werden.« Weiter heißt es: »Größere Freiheiten erlaubt sich unser Dichter im Terzinengesang vom ›Tal der Trauer‹. Ja, man darf hier getrost von Kühnheiten reden. Es kommen üppig-wilde Momente, es kommt kreischender Wahnsinn, es kommt fiebernde Wollust. Aber schützend ist der sternenbestickte Mantel Dante Alighieris darüber gebreitet, und nach allem Wust der Tollheit und des Aberwitzes werden wir sanft und sicher wieder emporgeleitet in ein Reich untadeliger Harmonien.«

3Nachdem Maximilian Harden in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Die Zukunft vom 17. November 1906, S. 271-274, bereits Zweigs Gedicht Der Verführer abgedruckt hatte, folgten in der Ausgabe vom 24. November auf S. 320 die beiden einleitenden Gedichte des Bandes Doch diesen Glanz verlangt es mich zu halten und Oft bange ich, vom Tal der Heiterkeit. In einer Anmerkung heißt es dazu: »Die frühen Kränze. Unter diesem Titel veröffentlicht […] der junge, soeben mit dem Bauernfeldpreis geehrte Dichter Stefan Zweig seine neuen Verse. Das Buch […] wirbt nicht um Freundschaft und erwirbt sie dennoch; es ist reich an Tönen und Rhythmen, Gedanken und Bildern. Und der Poet, durch dessen Adern ein sapphisch feines Feuer rieselt, hat die Dinge, von denen seine Seele träumte, so lange angeschaut, bis er dem Empfinden den persönlichsten Ausdruck fand.«

[17]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 17. Dezember 1906

17. ‌XII. ‌06.

Diktat.

Sehr verehrter Herr Doktor!

Für Ihren freundlichen Brief vom 12. ds. Mts. danke ich Ihnen bestens. Absichtlich hatte ich Ihr Buch in grösserem Umfange noch nicht an Zeitungen und Zeitschriften versandt, weil ich zunächst abwarten wollte, in welchen Blättern die Herren, an die wir direkt Exemplare versandt haben, das Buch besprechen würden. Ausserdem aber halte ich es nicht für gut, so kurz vor Weihnachten das Buch an die Zeitungen zu versenden. An die von Ihnen genannten werde ich, ebenso wie an einige andere, im neuen Jahre Exemplare schicken.

Mit dem Absatz darf ich übrigens recht zufrieden sein, und ich habe durchaus nicht das Gefühl, als ob das Buch zu spät für Weihnachten gekommen wäre: ich glaube, es ist gerade zur rechten Zeit erschienen. Hardens Worte haben unzweifelhaft auch geholfen. Auch die Ausstattung, über die ich viel Gutes gehört habe, kommt gewiss dem Absatz zu gute.

Mit den besten Grüssen und Wünschen für das Fest

Ihr aufrichtig ergebener

[Anton Kippenberg]

1907

[18]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 2. Januar 1907

2. ‌I. [07].1

Diktat.

Lieber Herr Doktor!

Heute nur eine Frage: Der junge Graf Kalckreuth, dessen Verlaine-Übersetzung wir kürzlich brachten,2 hat eine überaus gelungene Übersetzung der »Fleurs du mal«3 hinterlassen, die ich im Begriff bin, zum Druck zu geben. Schwierigkeit macht mir der Titel. Stefan George übersetzt »Die Blumen des Bösen«, was ich sehr wenig acceptable finde; ich dachte an »Die Giftblumen«. Würden Sie wohl die Freundlichkeit haben, mir darüber Ihre Meinung zu sagen oder mir eine sonstige Übersetzung vorzuschlagen? Ich finde, offen gesagt, keine Bessere.

Mit vielem Dank im voraus, besten Wünschen für das neue Jahr und verbindlichen Grüssen

Ihr sehr ergebener

[Anton Kippenberg]

1Im Original versehentlich »06«.

2Paul Verlaine: Ausgewählte Gedichte. Übertragen von Graf Wolf von Kalckreuth, Insel-Verlag, 1906.

3Charles Baudelaires Gedichtband Les Fleurs du mal war in einer ersten Ausgabe 1857 im Pariser Verlag Poulet-Malassis et De Broise erschienen.

[19]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, o. ‌D.[Eingangsdatum: 14. Januar 1907]

Wien I

Rathhausstrasse 17

Sehr verehrter Herr Doktor,

Ihr Brief erreichte mich erst heute über den Umweg Südtirol.1 Mit den »Fleurs du mal« ist das eine böse Sache. Ich dachte immer an »Die argen Blumen«, »Die verruchten Blumen«, »Giftblumen« (das zweite ist wohl das Beste), aber wenn man kühn ist und das Böse mit Satan identificiert, so käme man vielleicht mit »Die satanischen Blumen« dem Sinne B[audelaire]'s am nächsten. Übrigens sehe ich nichts dabei, sie – trotz George – wieder »Die Blumen des Bösen« zu nennen.2

Ich will mich nicht mit einem Rat zudrängen, aber ich meine, Sie werden überhaupt damit nicht viel Seide spinnen. Von meiner eigenen Übertragung (die teilweise sehr böse ist) schwimmen dank der Verramschung Seemann's 2000 Ex.* in Deutschland herum,3 George und die Ausgabe bei Bruns4 haben sich auch viel Platz genommen und dann – ist Kalckreuth wirklich so erstclassig? Eine unnummerierte Ausgabe wäre ja wohl das Beste.

Wenn Sie aber die französische Lyrik überhaupt complettieren wollen, so will ich Ihnen meinen eigenen alten Plan vorlegen. Eine Anthologie »Neufranzösische Lyrik« (seit Victor Hugo). Und zwar Übertragungen:

Victor Hugo (Leuthold, Geibel, Freiligrath ect. ect.)

Verlaine (Dehmel, Evers, Schlaf ect.)

Heredia (Schaukal)

Giraud (Hartleben)

Gustave Kahn (Bierbaum)

Lerberghe (Otto Hauser)

Mallarmé (Schaukal, K. ‌L. Ammer)

Rimbaud (K. ‌L. Ammer)

Verhaeren (Zweig)

Laforgue (Wiegler)

Maeterlink (K. ‌L. Ammer, Bronikowski)

u. ‌s. ‌f. Samain, Vielé-Griffin, Sully Prudhomme, Mendès, André Gide, Paul Fort von verschiedenen guten Übersetzern. Das ganze ein mittelstarker Band mit paar Holzschnittportraits Vallottons.5

Ich bin gerade im Vorschlagen und will Ihnen die andere Idee vortragen, die ich Ihnen schon ankündigte. Ein Buch, an dem zu verdienen wäre. Eine Anthologie »Deutsche Sonnette«. Und zwar 100 Sonnette seit Goethe bis heute, also Goethe, Novalis, Platen, Eichendorff, Keller, Hebbel, Saar, Heine, Liliencron, Dehmel bis Schröder. Damit wäre zum erstenmale der Beweis geliefert, dass auch Deutschland sein Sonnett hat. Und danach, dass typographisch das Sonnett einen Einheitsdruckspiegel darbietet, wäre da irgend eines jener kleinen Wunder der Ausstattung zu schaffen, wie sie der Inselverlag ja einzig hat. Ein veritables Geschenkbuch.

Natürlich keine Einleitung. Ich würde vielleicht gar nicht als Herausgeber zeichnen (habe auch nichts dagegen, wenn Sie die Idee von jemand anderem ausführen lassen). Ich hätte nur eine Freude, das Buch bei Ihnen erscheinen zu sehen. Es eilt selbstverständlich nicht, vielleicht kommen Sie einmal gelegentlich darauf zurück.

Das nur so gelegentlich. Glauben Sie ja nicht, ich will Ihren Verlag mit Büchern überschütten: ich merke nur so ein paar buchhändlerische Gedanken an, die mich freuen, wenn sie einmal zur Ausführung gelangen, und mich nicht bedrücken, wenn sie liegen bleiben. Ich werde Ihnen in diesem und dem nächsten Jahre von Eigenem nichts als mein Drama zur Prüfung vorlegen, sobald ich eine definitive Fassung mit dem Theater zu Berlin vereinbart habe. Doch das hat noch Zeit.

Ergebenst grüssend

Stefan Zweig

P. ‌S. Sollten die »Gespräche mit Goethe« bei Ihnen in zweiter Auflage erscheinen, so machen Sie bitte die Herausgeber darauf aufmerksam, dass Grillparzers Besuch (vgl. Tagebuch) wohl das Plastischeste ist, was über G[oethe]. geschrieben wurde, und das Fehlen dieses Gesprächs eine sichtbare Lücke.6

* jetzt, wie ich höre, zu 60 und 70 Pf.

1Zweig hatte sich von Mitte Dezember bis Weihnachten im Hotel Schloss Labers bei Meran aufgehalten.

2Trotz Anton Kippenbergs Zweifeln erschien Charles Baudelaires Buch 1907 im Insel-Verlag unter dem Titel Die Blumen des Bösen, in deutsche Verse übertragen von Wolf von Kalckreuth. Sechs Jahre zuvor waren bei Bondi in Berlin unter demselben Titel Stefan Georges Umdichtungen des Werkes veröffentlicht worden.

3Charles Baudelaire: Gedichte in Vers und Prosa. Übersetzt von Camill Hoffmann und Stefan Zweig, Leipzig, E. ‌A. Seemann, 1902. Zweig bezieht sich hier auf seine Übertragungen einiger Gedichte aus Les Fleurs du mal, die in diesem Band enthalten sind.

4Ab 1901 waren Charles Baudelaires Werke in einer mehrbändigen deutschen Ausgabe beim Verlag Bruns in Minden in Westfalen erschienen.

5In ganz ähnlicher Ausstattung und mit einem Porträt Paul Verlaines von Félix Vallotton war bereits 1902 der von Stefan Zweig herausgegebene Band Gedichte von Paul Verlaine. Eine Anthologie der besten Übertragungen bei Schuster & Loeffler in Berlin erschienen.

6Goethe im Gespräch. Ausgewählt, eingeleitet und herausgegeben von Franz Deibel und Friedrich Gundelfinger, Insel-Verlag, 1906. Der von Zweig vorgeschlagene Text ist auch in die dritte und vermehrte Auflage von 1907 nicht aufgenommen worden.

[20]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, o. ‌D.[Eingangsdatum: 10. Mai 1907]

Wien VIII, Kochgasse 81

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich habe ausserordentlich bedauert, Sie bei meiner Anwesenheit in Leipzig verfehlt zu haben. Ich hoffe, Sie sind bereits von Ihrer Urlaubs-Reise zurück,2 und so gestatte ich mir, wegen des bereits angekündigten Werkes die Verhandlungen zu eröffnen.

Es handelt sich um meine Tragödie »Tersithes«,3 die Ihnen heute im Manuskript zugeht. Meine Verhandlungen in Berlin mit dem königlichen Schauspielhause sind zu definitivem Abschluss gelangt4 und das Stück (dessen Theatervertrieb die Firma Felix Bloch Erben übernommen hat) wird im Dezember oder Januar, jedenfalls aber in der nächsten Saison in Szene gehen.

Selbstverständlich habe ich mit dem Buchverlag zunächst an Sie gedacht, da es mir lieb wäre, wenn alle meine Arbeiten bei Ihnen geeint erscheinen könnten. Ich erwarte mir selbstverständlich von diesem Buche einen bedeutend besseren Absatz wie von einem Gedichtbuche, da es doch die Aufführung an einer Berliner Hofbühne und an den anderen Theatern in den Mittelpunkt des Interesses stellt. Freilich muss ich dagegen Ihrerseits um die Liebenswürdigkeit bitten, das Buch, obzwar es erst im Dezember, also zur Première zur Ausgabe gelangen kann, schon früher, wenn auch ohne Übereilung, in Druck zu geben.

Betreffs der Höhe der Auflage habe ich folgende Vorschläge zu machen. 1000 Exemplare zum Verkauf, 50 für mich, 100 Exemplare auf minderem Papier und in billigster Ausstattung für den Bühnenvertrieb, 25 Luxus-Exemplare, wovon 5 für mich. Das Format denke ich mir etwas größer wie das der »Frühen Kränze« und für die Ausstattung habe ich einen Vorschlag, der mir äusserst glücklich scheint. Es sind Ihnen wohl die heute schon recht unbekannten, aber prachtvoll schönen Zeichnungen, des John Flaxmann zur »Ilias« bekannt, die »Insel« hat sogar in einem ihrer letzten Hefte ein paar, wenn auch schwächere reproduziert.5 Ich habe nun 6 Zeichnungen ins Auge gefasst, von denen 3 als Vollblätter zwischen den einzelnen Akten und 3 andere als Anfangsvignetten der einzelnen Akte Verwendung finden könnten, eventuell ein Vollblatt als Frontispice und drei Vignetten, also nur 4 Zeichnungen. Sie wissen, dass die Zeichnungen in einfachster Strichmanier gehalten sind, ihre Reproduktion daher soviel wie gar keine Kosten hervorruft, auch fällt das Künstlerhonorar ja zur Gänze fort. Für mein Empfinden wäre das Buch dann ausserordentlich vornehm ausgestattet und es käme noch im äussersten Falle eine Titelzeichnung in Betracht. Das zur Reproduktion notwendige Exemplar von Flaxmann's Zeichnungen stelle ich Ihnen gerne zur Verfügung.

Was den Preis des Buches anbelangt, so hoffe ich, dass er mit 3 Mark wird angesetzt werden können, und als Honorar wäre mir eine perzentuelle Beteiligung am erwünschtesten. Ich zweifle nicht, dass wir darin, wie bisher immer, zur Einigung gelangen werden.

Ich hoffe bald von Ihnen Antwort zu haben. Was den Termin der Drucklegung betrifft, so dränge ich durchaus nicht, lieb wäre es mir allerdings, wenn wir dazu den Monat Juni wählen könnten, in dem die Druckerei ja verhältnismässig weniger beschäftigt ist. Es wäre mir eine grosse Freude, [wenn] gerade dieses Buch, das ich für mein bestes halte und von dessen Erfolg ich mir viel verspreche, in schöner und würdiger Ausstattung unter Ihrer Fahne erscheinen könnte.

Ich habe mir in Leipzig persönlich den zweiten Band von »1001 Nacht«6 geholt und freue mich ausserordentlich über das Werk. Ich habe schon mit der »Neuen Freien Presse« verhandelt und werde demnächst dort ein Feuilleton darüber veröffentlichen, dessen Wirkung Sie ziemlich ausgiebig bis nach Leipzig hin verspüren dürften. Auf den Rimbaud freue ich mich ebenfalls sehr. Ich habe die Übertragungen des Leutnant Klammer7 gelesen und finde sie ganz hervorragend. Bei dieser Gelegenheit bestätige ich dankend den richtigen Empfang des Honorars.

Ich möchte nun bitten, mir noch 5 Exemplare meines Buches senden zu wollen und den Betrag auf meinem Konto gütigst zu vermerken. Ich verbleibe mit den herzlichsten Grüssen Ihr

sehr ergebener

Dr. Stefan Zweig

1Seit Ende Januar 1907 lebte Stefan Zweig in einer eigenen Wohnung im Haus Kochgasse 8 im VIII. Wiener Gemeindebezirk, der Josefstadt.

2Anton Kippenberg befand sich im Urlaub auf der Isle of Wight, als Stefan Zweig Mitte April 1907 für etwa eine Woche zu Verhandlungen mit Ludwig Barnay, dem Leiter des Königlichen Schauspielhauses, über die Uraufführung seines Dramas Tersites in Berlin gewesen war und auf dem Rückweg nach Wien auch Leipzig besucht hatte.

3Stefan Zweigs Schreibung variiert zwischen Thersites, Tersithes, Thersithes und Tersites. Der Insel-Verlag druckte das Stück 1907 unter dem Titel Tersites. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen.

4Die Uraufführung des Stückes in Berlin war zunächst noch für das Jahr 1907 vorgesehen, wurde dann jedoch mehrmals verschoben und fand erst im November 1908 statt.

5John Flaxman hatte Zeichnungen zur Ilias und zur Odyssee angefertigt, die von William Blake in Kupferstiche übertragen worden waren. Die von Zweig erwähnten Abbildungen finden sich in Die Insel, 1. Jg./Drittes Quartal/1900, Reproduktionen nach Umrissen zur Odyssee in Heft 7, S. 108-111, zur Ilias in Heft 8, S. 242-244, und zu Dantes Werken in Heft 9, S. 341-343.

6Die Erzählungen aus den Tausend und ein Nächten, zweiter Band der vollständigen deutschen Ausgabe in zwölf Bänden auf Grund der Burton'schen englischen Ausgabe, besorgt von Felix Paul Greve, Insel-Verlag, 1907.

7Gemeint ist Karl Anton Klammers Übersetzung der Texte zu Leben und Dichtung von Arthur Rimbaud, Insel-Verlag, 1907.

[21]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 10. Mai 1907

10. Mai 07.

Diktat.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Auch ich habe ausserordentlich bedauert, dass ich den mir freundlichst zugedachten Besuch in Leipzig verfehlt habe, hoffentlich wird Ihr Weg Sie bald einmal wieder über Leipzig führen. Mit bestem Dank bestätige ich Ihnen den Empfang Ihres Briefes und der Handschrift des »Tersithes«. Den Verlag auch dieses Buches will ich gern übernehmen und acceptiere die Vorschläge, die Sie hinsichtlich der Höhe der Auflage u. ‌s. ‌w. machen. Auch mit der Beigabe der Zeichnungen von Flaxmann bin ich gern einverstanden und bitte um freundliche Übersendung des Buches, damit ich mich entscheiden kann, was wir daraus nehmen.

Auch ich meine, dass der Preis nicht höher sein darf als M. 3,– für das geheftete Exemplar. Da aber die Herstellung des Buches durch die Abbildungen verhältnismässig teurer wird und ausserdem die Anzahl der Freiexemplare, die Sie wünschen, besonders hoch ist, so kann ich Ihnen für die erste Auflage leider kein grösseres Honorar als 30 Pfg. für jedes verkaufte Exemplar anbieten. Da aber bei weiteren Auflagen diese einmaligen Kosten in Fortfall kommen, so bin ich gern bereit, für diese die prozentuale Beteiligung auf 40 Pfg. pro Exemplar zu erhöhen.

Ich bitte Sie, mir freundlichst zu sagen, ob Sie mit diesen meinen Vorschlägen einverstanden sind, und werde Ihnen in diesem Falle einen Vertragsentwurf zusenden. Auch mir ist es ganz recht, wenn wir im Juni den Druck vornehmen, da die Druckereien jetzt wenig beschäftigt sind und Muße haben, den Druck recht sorgfältig und sauber auszuführen. Wir nehmen am besten wohl ein ähnliches Format wie das der »Frühen Kränze«, das Papier aber kann natürlich nicht so kostbar sein.

Sehr lieb ist mir das günstige Urteil, das Sie über unsere Ausgabe der »1001 Nacht« fällten, und die Aussicht, die Sie mir machen, einen Essay darüber aus Ihrer Feder in der »Neuen Freien Presse« veröffentlicht zu sehen; auch ich verspreche mir in ideeller und geschäftlicher Hinsicht eine starke Wirkung davon.

Der »Rimbaud« geht nun langsam vorwärts. Im Vertrauen gesagt: so vortrefflich ich die Versübersetzung des Herrn Klammer finde, so wenig gelungen scheint mir stilistisch an manchen Stellen das »Leben« zu sein.1 Es wimmelt darin von Gallicismen und ich habe Mühe, sie in wiederholten Revisionen alle zu tilgen.

Mit den herzlichsten Grüssen verbleibe ich, sehr verehrter Herr Zweig,

Ihr ergebenster

[Anton Kippenberg]

1Der Band enthält neben den Gedichten eine hier gemeinte Lebensbeschreibung Rimbauds in Klammers Übersetzung.

[22]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 22. Juni 1907

22. Juni 07.

Diktat.

Sehr verehrter Herr Doktor!

Sie haben mir eine grosse Freude gemacht durch die Übersendung Ihres ausgezeichneten Feuilletons über »1001 Nacht« in der »Freien Presse«, der Wirkung bin auch ich gewiss.1 Der dritte Band des Werkes ist soeben erschienen und folgt hier unter Kreuzband.2

Sie sehen allerdings richtig in meine Absichten hinein. Es liegt in meinem Plane, definitive Ausgaben der ausländischen Lyrik nach und nach zu schaffen, und wenn in dieser Beziehung auch alles bisherige nicht gelungen ist, so sind doch die besten Ansätze vorhanden. In diesem Rahmen würde ich Albert Samain gern bringen. Ich will gleich gestehen, dass ich ihn nicht kenne, aber es genügt mir, dass Sie ihn rühmen. Ich habe heute sogleich an den »Mercure de France« um das Autorisationsrecht geschrieben und teile Ihnen die Antwort mit. Herbst 1908 würde mir für das Erscheinen recht sein.

Der Plan der neuen französischen Lyrik wird damit weiter gefördert, in dieser Beziehung aber sind mir Bedenken, oder vielmehr ist mir ein anderer Gedanke gekommen, nämlich der, dass man eine Auslese in französischer Sprache mit Genehmigung der Verleger später veranstalten könnte. Dieser Band würde sich in einen ganz bestimmten Rahmen einfügen, darüber später einmal.

Die Korrekturen des »Tersites« werden Sie in der nächsten Zeit bekommen. Dass Mathowsky3 den Achill spielt, ist allerdings höchst wertvoll, ich gratuliere!

Mit den besten Grüssen

Ihr aufrichtig ergebener

[Anton Kippenberg]

b. ‌w.

P. ‌S.

Ist Ihnen vielleicht die Adresse des Herrn Robert Musil, der im Wiener Verlage den Knabenroman herausgegeben hat,4 bekannt; ich wäre Ihnen für freundliche Mitteilung sehr dankbar.

D[er]. U[nterzeichner].

1Zweigs Rezension Das Buch ›Tausendundeine Nacht‹ war in der Neuen Freien Presse vom 20. Juni 1907 auf S. 1-4 gedruckt worden.

2Preiswerte Versendungsform einer Drucksache.

3Gemeint ist Adalbert Matkowsky.

4Das Buch Die Verwirrungen des Zöglings Törleß von Robert Musil war 1906 im Wiener Verlag herausgekommen.

[23]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Rom, 5. Oktober 1907

[Postkarte]

Rom, 5. Oct. 1907

Sehr verehrter Herr Doktor,

ich erhalte hier einen Brief des Königl. Schauspielhauses um Exemplare meines Stückes, dessen Studium jetzt beginnen soll. Ich habe es an Sie gewiesen und bitte ihm die verlangte Anzahl, im Falle, dass es Schreibmasch. Vervielfältigung nicht doch vorziehen sollte, gütigst sofort ausfolgen zu wollen.

Ich bin hier ziemlich fleissig, diesmal ist's Prosa. Novellen, von denen zwei umfangreiche vollendet sind und die Sie (die eine in der »Neuen Rundschau«, die andere in der »N[euen]. Fr[eien]. Presse«) lesen werden.1 Ergebenst grüsst Ihr

Stefan Zweig

1Die Neue Rundschau druckte in der Ausgabe vom Mai 1908, S. 730-752, Zweigs Geschichte in der Dämmerung, und bereits am 25. Dezember 1907 veröffentlichte die Neue Freie Presse seine Novelle Die Gouvernante auf S. 47-51.

[24]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 15. Oktober 1907

15. ‌X. ‌07

Sehr verehrter Herr Doktor!

Anbei übersende ich Ihnen einen Auszug1 über den Verkauf der »Kränze« im vergangenen Geschäftsjahre. Wie Sie daraus ersehen werden, sind 235 Ex. abgesetzt, ein Erfolg, mit dem man gewiss sehr zufrieden sein darf. Da Ihre Bezüge einen grösseren Gegenposten bilden, so ergibt sich ein Saldo-Vortrag zu unseren Gunsten von M. 53.80, den ich zunächst habe vortragen lassen und bei der nächsten Abrechnung in Abzug bringen werde.

Mit den verbindlichsten Grüssen

Ihr sehr ergebener

[Anton Kippenberg]

1Dieser ist nicht erhalten.

[25]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Rom, 26. Oktober 1907

[Briefpapier: Hotel Pension Villa Ludovisi, Rom]

Bis 15. November 1907

Hotel Pension Villa Ludovisi

Via Emilia 18, Rome

26. October 1907

Sehr verehrter Herr Doktor,

ich danke Ihnen sehr für die freundlichen Worte anlässlich der Mitteilung des Conto-Auszuges. 235 Exempl. sind zwar nicht sonderlich viel, doch weiss ich, dass meine Bücher stets ruhig weiter gehen, selbst mein erstes Buch verkauft sich noch jährlich in 30-40 Exemplaren. In einem der nächsten Hefte der »Zukunft« wird ein Essay von Alb[erta]. von Puttkammer über die »Frühen Kränze« erscheinen,1 der seine Wirkung tun dürfte, ebenso wie der »Tersites«.

Ein Mittel wüsste ich noch, den Verkauf zu beschleunigen. Im allgemeinen liebe ich Prospekte, insbesondere wortreiche, nicht, aber ich möchte Ihnen einen Prospekt vorschlagen, der einen inneren logischen Sinn hat. Sie haben jetzt in Ihrem Verlag durch Hofmannsthal's, Rilke's, Schaukals und – verzeihen Sie die Überhebung – meine Gedichte eine Gruppe und vielleicht die wichtigste litterarische in Österreich vereinigt, die einen gemeinsamen Kreis hat. Würden Sie nun für uns vier einen gemeinsamen schönen Prospekt drucken, ihn allen Ihren lyrischen Werken beilegen wie den Wilde-Prospekt2 und überdies vielleicht noch der »Neuen Rundschau« und dem »Morgen«, so würden Sie erstlich eine schöne Darstellung Ihrer inneren Absichten geben, den Büchern eine starke Verbreitung und könnten – besonders für die Weihnachten – die Notwendigkeit den Buchhändlern aufzwingen, diese paar Bücher zu den Quadern jeder modernen lyrischen Bibliothek zu machen. Die Kosten des Prospects werden sich sicher durch den materiellen und moralischen Erfolg einer solchen Ankündigung decken.

Ich habe mich sehr der geschmackvollen Ausstattung des Rimbaud gefreut,3 dem ich viel Erfolg wünsche. Ich bitte Sie sehr, mir Rilkes neuestes Buch zu senden, ich werde es sicher ausführlich anzeigen.4

Haben Sie vielleicht einmal meinen alten Vorschlag »Neufranzösische Lyrik« (mit den Übertragungen der Besten in Deutschland) besonnen? Ich hätte noch immer Freude daran und glaube nach wie vor an das Gelingen dieses Buches.

Gelegentlich möchte ich Ihnen raten, falls Sie sich für Romane interessieren, sich »Les aventures de Tyl Uylenspiegel« kommen zu lassen, das Hauptwerk Charles de Costers (bei Lacomblez, Brüssel).5 Es ist eines der wenigst bekannten nationalen Werke der Weltliteratur, wohl auch schon frei.6 In einer gekürzten Ausgabe, der ich gern eine Einleitung schreiben möchte, wäre es ein Schmuckstück für jeden Verlag. Vielleicht sehen Sie sich es einmal gelegentlich an.

Zum »Ecce homo« wünsche ich Ihnen viel Glück. Sie haben damit wohl den »clou« des Jahres.7 Wie freu ich mich darauf! Ihr herzlich ergebener

Stefan Zweig

1Alberta von Puttkamers lobende Besprechung von Die frühen Kränze erschien in Die Zukunft, 28. Dezember 1907, S. 437-441.

2Der Insel-Verlag hatte im Sommer 1907 einen vierseitigen Prospekt drucken lassen, auf dessen Vorderseite die Bücher Oscar Wildes aufgelistet waren und dessen Innen- und Rückseiten einen ausführlichen erläuternden Text zu den Werken enthielten.

3Das von Zweig mit einer Einleitung versehene und von Walter Tiemann gestaltete Buch Leben und Dichtung von Arthur Rimbaud, Insel-Verlag, 1907.

4Rainer Maria Rilke: Neue Gedichte, Insel-Verlag, 1907.

5Charles de Coster: La légende et les aventures héroïques, joyeuses et glorieuses d'Ulenspiegel et de Lamme Goedzak au paysde[!] Flandreset ailleurs, Brüssel, P. Lacomblez, 1893.

6Nach dem damals geltenden Urheberrecht verfielen die Rechte an einem Werk 30 Jahre nach dem Tod des Autors. Charles de Coster war 1879 verstorben, so dass der freie Abdruck seiner Texte ab 1910 möglich war.

71908 erschien im Insel-Verlag Friedrich NietzschesEcce homo in der Gestaltung von Henry van de Velde in einer Auflage von 1250 Exemplaren.

1908

[26]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Wien, 27. Januar 1908

Wien VIII, Kochgasse 8

27. Januar [1908]1

Sehr verehrter Herr Doktor!

Ich werde soeben verständigt, dass die Première meiner Tragödie Tersites im Königl. Schauspielhaus auf Ende März festgesetzt ist. Vielleicht können die Exemplare jetzt bald fertiggestellt werden, um Mitte März für die Ausgabe bereit zu sein.

Ich erfahre auch, dass Sie eine neue Ausgabe Balzac's mit Einleitung Hofmannsthals vorbereiten.2 So wird Ihnen interessant sein zu erfahren, dass im Frühling von mir eine Aphorismenauslese Balzacs mit einer ausführlichen Einleitung bei Lutz erscheint,3 so dass das Interesse für Balzac eine Steigerung erfährt. Ich werde, sobald ich Näheres weiss, in der Vorrede (nur bei deren zuvorigem Abdruck) auf Ihre Ausgabe nachdrücklichst verweisen.4 Haben Sie schon die Übersetzer gewählt? Ich könnte Ihnen für ein Buch Herrn Philipp Frey-Friedmann in Wien sehr empfehlen, der für den Wiener Verlag die »Contes drolatiques« aufs beste übertragen hat.5

Über Ricarda Huch's Gedichte erscheint demnächst meine Recension.6 Ich sende sie Ihnen dann sofort zu.

Mit vielen Grüssen

Ihr sehr ergebener

Stefan Zweig

1Im Original versehentlich mit »1907« datiert.

2Die sechzehnbändige Ausgabe Balzac's menschliche Komödie kam zwischen 1908 und 1911 im Insel-Verlag heraus. Dem ersten Band, Ein Junggesellenheim, war eine Gesamteinleitung von Hugo von Hofmannsthal vorangestellt.

3Balzac. Sein Weltbild aus den Werken, bearbeitet von Stefan Zweig, Aus der Gedankenwelt großer Geister 11, Stuttgart, Lutz, 1908.

4In Stefan Zweigs Beitrag für Die Zukunft vom 11. Juli 1908, S. 53-62, und 18. Juli 1908, S. 100-111, ist ein entsprechender Hinweis nicht enthalten.

5Honoré de Balzac: Drollige Erzählungen, ins Deutsche übertragen von Philipp Frey, Wien, Wiener Verlag, 1905.

6Stefan Zweig: Ricarda Huchs ›Neue Gedichte‹. In: Neue Freie Presse, 1. März 1908, S. 32-33. Der Band war kurz zuvor im Insel-Verlag erschienen.

[27]  Anton Kippenberg an Stefan Zweig, [Leipzig], 17. Februar 1908

17. ‌2. ‌08.

Herrn Dr. Stefan Zweig, Wien

Sehr geehrter Herr Doktor!

Für Ihre Anregung, der Balzac-Ausgabe die Vorrede Balzacs zur »Comédie Humaine« voranzustellen, danke ich Ihnen bestens. Ich habe sogleich Herrn von Hofmannsthal darüber geschrieben und er hat mir heute geantwortet, dass diese Vorrede seine Einleitung durchaus nicht tangiere und dass er deren Aufnahme auch empföhle.1

Sie meinen doch gewiss das beifolgende Avant-Propos.2 Wenn ich ein gewisses Bedenken gegen dessen Aufnahme habe, dann ist es das, dass darin Werke auch aus der »Comédie Humaine« selbst genannt werden, die wir in unserer Ausgabe nicht bringen. Würde Ihnen das irgendwie bedenklich erscheinen? Und wenn ja, glauben Sie, dass man die Balzac-Vorrede kürzen dürfte? Das ist natürlich eine etwas heikle Frage und wenn Sie mir dieselbe beantworteten, so würde ich Ihnen dafür recht dankbar sein.

Mit herzlichen Grüssen

Ihr sehr ergebener

[Anton Kippenberg]

1Anton Kippenberg hatte in seinem Brief an Hugo von Hofmannsthal vom 12. Februar 1908 jedoch nicht erwähnt, dass der Vorschlag auf Stefan Zweig zurückging; vgl. Insel-Verlag/Hofmannsthal 1985, Nr. 212.

2Die Beilage fehlt, es handelte sich vermutlich um den Text der von Kippenberg und Hofmannsthal diskutierten Grande préface Balzacs, die als Vorrede zur Menschlichen Komödie mit in den 1908 erschienenen ersten Band, Ein Junggesellenheim, aufgenommen wurde.

[28]  Stefan Zweig an Anton Kippenberg, Meran, 16. März 1908

Schloss Labers bei Meran

16. ‌III. ‌1908

Sehr verehrter Herr Doktor,

ich komme mit einer leidigen Affaire. Man soll nichts mit Hoftheatern zu tun haben. Im letzten Moment hat durch eine Erkrankung mein Stück Tersites eine Verzögerung gegen Ende April zu erfahren.1