Brüder - Jo Fickle - E-Book

Brüder E-Book

Jo Fickle

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Beschreibung

Der Autor beschreibt das sehr unterschiedliche Leben von 3 Brüdern. Größtenteils zusammen aufgewachsen und mit gemeinsamen Eltern haben sich die Geschwister alle in eine andere Richtung entwickelt. Kunst und Kultur hatte der eine im Sinn, Reichtum und Ausschweifungen der andere. Den dritten Halunken hatte der Autor schon in seinem ersten Buch "Snapshots" beschrieben.

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Seitenzahl: 176

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Inhalt

Vorwort

Micha

Jobs

Autos

Wohnungen

Partner

Hobbies

Urlaub und Reisen

Martin

Jobs

Autos

Wohnungen

Partner

Hobbies

Urlaub und Reisen

About unsere Eltern

Schlusswort

Vorwort

Brüder. Vertraut und fremd. Man sagt: Freunde sucht man sich aus, Familie hat man. Das suggeriert ja, dass Familie und Freunde was Unterschiedliches sind. Und das stimmt auch. Da ist dieses: „Blut ist dicker, als Wasser“ aber wahr ist auch: Man macht üblicherweise mehr mit Freunden, als mit der Familie oder den Brüdern.

Klar, als wir klein waren, haben wir oft zusammengehockt, aber spätestens als das andere Geschlecht eine Rolle spielte, ging jeder seiner eigenen Wege.

So auch bei uns.

Aus den Augen verloren haben wir uns eigentlich nie, es gab nur engere und nicht so enge Phasen.

Trotzdem ist mir aufgefallen, dass ich über das Leben meiner Brüder wenig weiß. In meiner Autobiografie habe ich immerhin fast 400 Seiten zusammenbekommen und hier sind es nur wenige.

Vieles fehlt natürlich und manches wird falsch sein, aber es sind MEINE Erinnerungen.

Micha

Michael ist mein ältester Bruder. Er wurde als Zwilling mit unserem Bruder Hartmut in Kiel geboren. Kiel war eine Zwischenstation meiner Eltern. Sie waren aus Königsberg geflohen (meine Mutter) und aus der russischen Kriegsgefangenschaft dorthin gekommen.

In Kiel hatte der Großvater eine Kirchengemeinde und das Pfarrhaus im Knooper Weg war die erste Adresse von Michael. Unser Bruder Hartmut war schon bei seiner Geburt zu schwach und hat nur ein paar Tage gelebt.

Aber der „Stammhalter“ war wohlauf und erlebte seine ersten Tage in Kiel, bevor unser Vater dann 1952 nach Düsseldorf übersiedelte. Er war während des Krieges in Gerresheim und Erkrath gewesen und hatte sich irgendwie in die Stadt und die Rheinische Lebensart verliebt, daher der Umzug. Ein Zwist mit seinem Vater kann auch Grund gewesen sein. Henry war Musiker und spielte in Etablissements, die nicht zu der christlichen Einstellung seines Vaters passten.

Ich habe keine Ahnung, was Micha so in der Wohnung in der Königsallee gemacht hat, aber es war mit Sicherheit nicht einfach.

Wohnraum in Düsseldorf war nach dem Krieg sehr knapp und wurde hoch gehandelt. Die Wohnung in der Königsallee 104 war im 4. Stock Altbau und war eigentlich der notdürftig ausgebaute Dachboden des Hauses. Es gab ein kleines Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und eine Küche. Dazu kam ein vorher als Hühnerstall genutzter Raum, in den man erst mal eine Türe einbauen musste. Das war das Kinderzimmer. Die schrägen Wände in der Küche waren nicht verkleidet, man sah von unten unter die Dachschindeln. Und eine Toilette gab es nur auf halber Treppe und die wurde mit mehreren anderen Mietparteien geteilt. Alles war sehr sehr basic.

Henry hatte die Wohnung vermittelt bekommen und hat dafür auch eine Vermittlungsgebühr und eine Abstandszahlung leisten müssen. Beides war viel zu hoch gewesen, aber die Neuankömmlinge wurden gnadenlos abgezockt.

Das alles geschah aber, bevor ich am 30.3.53 im Evangelischen Krankenhaus am Fürstenwall geboren wurde.

Der Großvater kam extra aus Kiel angereist und hat mich in der damals neu aufgebauten Friedenskirche in der Florastraße getauft. Eigentlich ganz interessant, dass ich heute im gleichen Stadtteil wohne, in dem auch das Krankenhaus und die Kirche liegen. Aber das gehört nicht hierher.

Und so bin ich dann im April 53 auch in die Königsallee übergesiedelt und Micha war nicht mehr alleine. Der erste Stunt, der überliefert wurde, war die Geschichte mit dem Wäschekorb.

Der Wäschekorb war in der ersten Phase meines Lebens mein Bett. Da waren irgendwelche Kissen und Decken drin, in denen ich meinen Tag verbrachte, wenn man mich nicht im Kinderwagen durch die Gegend schob. Und natürlich habe ich auch darin meine Nächte verbracht.

Sowas muss für einen 2-3-jährigen unglaublich attraktiv gewesen sein und so kam es auch, dass mein neugieriger Bruder da gerne mal reinschauen wollte. Also hielt er sich am Rand fest und zog sich etwas hoch, um hineinschauen zu können. Und dann passierte, was passieren musste: der Korb kippte und ich stürzte mehrere 100m aus dem Korb auf den Boden.

Alle waren natürlich völlig geschockt (was, wenn der Kleine auf den Kopf gefallen ist??) und ich denke, Micha hat mächtig Ärger bekommen.

Unser Verhältnis aber blieb gut. Als ich dann älter wurde und rudimentär sprechen konnte, freundeten wir uns an. Ich hatte in der Zeit einen Teddy-Bären, den ich Micky nannte. Es war ein typischer Baby-Bär: abgelutscht, schmutzig, ein Auge fehlte, überall abgewetztes Fell.

Aber ich liebte ihn. Und Micky war ein Held, der immer unglaubliche Abenteuer erlebte. Und es ist überliefert, dass ich, als der Kleinere, meinem großen Bruder Geschichten von Micky erzählt habe. Und der hat sie wohl begeistert gehört.

Als ich dann so 3-4 Jahre alt war (Micha ist 1 ½ Jahre älter) waren wir oft alleine. Die Eltern gingen ab und zu in die alte Badeanstalt an der Grünstraße, um da zu baden. Also baden, und nicht schwimmen. Das gab es damals. Kleine Räume mit Badewannen und natürlich auch Duschen. Die wenigsten hatten nach dem Krieg warmes Wasser zuhause und so ging man in die Badeanstalt.

Wir Kinder wurden zuhause in einer alten Zinkwanne gebadet. Auf dem Gasherd wurde warmes Wasser bereitet und das dann, zusammen mit kaltem Wasser in die Wanne gekippt. Und da wurden wir dann erst zusammen, und dann hinterher nacheinander, gebadet.

Wenn aber die Eltern in der Badeanstalt waren oder auch woanders, waren wir alleine zuhause. Natürlich hatten wir viel Angst, wenn da irgendwelche Geräusche waren. Aber wir haben auch zusammen gespielt.

Wir hatten Spielzeugautos, Bauklötze, Stofftiere und irgendwie waren alle Gegenstände für uns mit unserer Phantasie Spielzeuge.

Wenn wir mal mussten, hatten wir einen Pisspott und da hinein machten wie „Klein“ und „Groß“. Und dieser Pisspott war auch Spielzeug. Ich kann mich erinnern, dass wir da mit einer abgebrochenen Leiter von einem Feuerwehrauto begeistert drin rumgerührt haben. Ein schönes Spiel.

Spannend war auch der Kohleofen. Den (kalten) Ofen haben wir auch mehrfach ausgeräumt und Ruß und Restkohle im Zimmer verteilt. Irgendwie haben wir uns die Zeit vertrieben.

Wir haben auch ‚draußen‘ gespielt. Unser Revier war ein Teil der Königsallee, die Talstraße und die Adersstraße. Auf einem Platz an der Hüttenstraße stand ein Gemüsewagen. Die Besitzer hatten einen Sohn, Arno. Arno war ein gutes Jahr älter als Micha und ich und lebte an uns seine Aggressionen aus. Jedes Mal, wenn wir ihn trafen, gab es Tritte, Boxhiebe oder Ohrfeigen. Selbst zu zweit konnten wir nichts gegen ihn ausrichten. Und so waren wir dann wirklich froh, als Arno eines Tages von einem durchfahrenden Auto erwischt wurde. Er hat das nicht überlebt und wir waren wirklich froh!

Sonntags gingen wir immer in die Sonntagsschule. Das war irgendeine Sekte, die in der Jahnstraße Räume hatten und die ein Angebot für Kinder gemacht haben. Was wir damals da gelernt haben: keine Ahnung. Wir mussten da hingehen, weil unseren Eltern an unserer christlichen Erziehung viel lag. Es kann aber auch sein, weil sie nach ausgedehnten Feiern in der damaligen „Toni-Bar“ ihren Rausch ausschlafen mussten.

Wir waren öfters alleine und für mich war es immer ganz gut, meinen Bruder bei mir zu haben. Ihm wird es nicht anders ergangen sein. Manchmal hat aber auch Marlies auf uns aufgepasst. Marlies war die Tochter der Nachbarn, die auf dem gleichen Flur lebten. Ich erinnere mich, wie Marlies mal zu meiner Mutter sagte: Sie müssen mich jetzt siezen! Ich bin 16. Daraus schließe ich, dass sie damals wohl 15 Jahre alt war, als sie auf uns aufpasste. Ich kann gar nicht sagen, ob das meine Erinnerung ist oder ob ich sie von Micha habe und nun zu meiner gemacht habe: Pulle Pulle!

Demnach war Pulle Pulle ein Spiel, das wir mit ihr gespielt haben und das im Wesentlichen darin bestand, dass wir sie ‚unten‘ angefasst haben. Auf der Königsallee war immer was los!

Wir haben auch immer Brötchen, Zigaretten und die Bild-Zeitung für Ida gekauft. Unten im Haus war der Laden von Herrn Siegen, da bekamen wir Zigaretten und die Zeitung (damals kostete die noch 10 PF). Und die Zigaretten haben wir, je nach Finanzlage der Mutter, einzeln gekauft. Overstolz war es am Anfang, hinterher dann Ernte23.

Wir machten das ganz gerne, ungern hingegen gingen wir in den Keller, nach unseren Informationen waren da Ratten drin, die Kinder anfielen und natürlich auch Mörder. Man darf nicht vergessen, dass in der Zeit Heinrich Pommerenke sein Unwesen trieb und Peter Kürten oder Haarmann waren auch nicht so lange her. Und der Keller war sehr dunkel und schmutzig von der ganzen Kohle, die hier gelagert wurde. Ein übler Ort.

Wen wundert es da, dass wir beiden, wahrscheinlich 4- und 5-jährig, zum belebteren Teil der Königsallee gegangen sind. Denn da waren die Radschläger. Die hatten wir beobachtet und gesehen, wie die relativ leicht an Geld gekommen waren.

Die schlugen ihr Rad vor Geschäftsleuten und Touristen und streckten denen dann die schmutzigen Hände entgegen: „Hässe ma n‘en Penning? „ (Hast du mal einen Pfennig?).

Natürlich spekulierte man eher auf ein 10-Pfenig-Stück, aber irgendwas musste man ja sagen. Und so suchten wir uns auch einen Platz und versuchten unser Glück.

Dieses Geschäftsmodell funktioniert aber besser, wenn man wirklich Radschlagen kann. Die edlen Spender sind nur bereit, die Kohle rauszurücken, wenn ihnen echte Artistik geboten wird. Das, was wir machten, war aber noch nicht mal niedlich. Wir waren also langfristig gezwungen, einen ehrbaren Beruf zu ergreifen.

Dann wurde Micha 6 und kam zur Schule. Ich fand das sehr spannend und freute mich darauf, dass ich auch bald dran sein würde. Micha aber ging in die Grundschule an der Kirchfeldstraße, in der im 2. Weltkrieg eine Außenstelle eines KZ gewesen war,

Und dann kam irgendwann das Jahr 1958 mit 2 großen Ereignissen: Micha fuhr zu seiner Patentante Inge nach Gelnhausen (zwischen Frankfurt und Fulda) und besuchte die da für ein paar Wochen. Und ich machte mit Ida (Henry war in Schweden) den Umzug in die Lessingstraße.

Die Eltern hatten einen Wohnberechtigungsschein, der bewirkte, dass sie vordringlich eine Wohnung vermittelt bekamen. Und sie hatten sich in eine Warteliste eintragen lassen und eines Tages kam ein Brief mit 2 Adressen, die sich Ida ansehen durfte. Wir fuhren mit ihrer Freundin Gisela zur ersten Adresse: Lessingstraße 2! Das war ein fast fertiger Neubau eines 5-geschossigen Eckhauses. Ein Neubau!! Helle Räume, ein Bad in der Wohnung, eine richtige Küche und sogar einen Balkon.

Die andere Wohnung sah sich Ida gar nicht mehr an. Ich sehe sie noch im Badezimmer auf dem Badewannenrand sitzen, rauchend und mit Gisela über ein Leben in diesem Paradies redend.

Es sollte kein Paradies werden, der nahe Puff und der Bahnhof bewirkten, dass die Gegend nicht so toll war. Überdies war Oberbilk ein Arbeiterviertel mit vielen Kneipen, vielen Betrunkenen und vielen Schlägereien.

Der nahe Bahnhof und vor allem die ca. 80m entfernte Eisenbahntrasse machten auch den Balkon unbenutzbar. Es war sehr laut und der Ruß der Dampflokomotiven ließ sich auf der zum Trocknen aufgehängten Wäsche nieder. Wo wohl die andere Wohnung gewesen wäre?

Nun waren wir also in Oberbilk und Micha wurde umgeschult auf die Schule an der Helmholzstraße. Das war nicht weit von unserer Wohnung entfernt und ca. 1 Jahr später folgte ich ihm.

Nun waren wir zusammen auf einer Schule. Micha war ein ruhiger Schüler und kam ganz gut durch. Ich hatte aber irgendwie Hummeln im Hintern und ging keinem Konflikt aus dem Weg. Auf dem Heimweg gab es öfter mal Rangeleien und ich hätte mir Hilfe erhofft, aber Micha hatte andere Stundenpläne, so hatte ich keine Vorteile davon, dass er auf die gleiche Schule ging.

Diese Rangeleien sind heute fast nicht mehr denkbar. Es wurde gerungen und geknufft (nicht geboxt). Es ging immer darum, den anderen auf den Boden zu zwingen und sich dann, im besten Falle, mit den Knien auf seine Oberarme zu setzen. Kein richtiges Boxen, kein Treten, niemals ins Gesicht schlagen – anders als heute.

Neben der Schule gab es aber auch noch ein anderes Leben.

Unsere Eltern hatten schon sehr früh einen Schrebergarten in Grafenberg. Es war ein recht großer Garten mit Rasenflächen, Beeten mit Obst und Gemüse und Obstbäumen. Dazu gab es ein Gartenhaus aus Stein mit einer Stube und einer Gerätekammer. Ein Plumpsklo krönte den Komfort.

Für uns Kinder war das toll. Wir konnten im Garten spielen (Sandkasten und Schaukel, später eine Tischtennisplatte) aber auch draußen. Die Lenaustraße war damals eine Sackgasse, die am Eingang der Reizensteinkaserne endete und dementsprechend schwach war der Verkehr. Das gab uns Raum für ausgedehnte Schlachten zwischen einem Cowboy und einem Indianer. Und wenn wir nicht gekämpft haben, haben wir die Gegend erkundet.

Und da gab es viel zu sehen und zu tun. Natürlich haben wir auch kleine Steine auf die Straßenbahnschienen gelegt und uns gefreut, wenn die wie eine Pistolenkugel wegflogen. Und dann haben wir es auch mal mit Geldmünzen probiert, die dann (Kupferpfennige) ziemlich plattgedrückt wurden. Damals durfte man auch noch Feuer machen, und wenn Henry dann mal wieder irgendwas anzündete, waren wir natürlich immer dabei.

Aber wir konnten nicht immer spielen, sondern wir mussten auch helfen. Und das waren immer doofe Arbeiten wie Unkrautjäten oder sowas. Es gab dann irgendwann auch mal Geld dafür, aber darauf hätten wir lieber verzichtet.

Im Garten gab es auch einen Arno. Ich hatte ja oben über den üblen Typen berichtet, der uns öfters mal verprügelt hatte, im Garten übernahm diese Rolle ein Schäferhund namens Arno. Er gehörte zu einem Garten, der 5-6 Grundstücke weiter hinten lag und bewachte sein Heim. Das bedeutete, dass er wie eine Kanonenkugel auf das Tor zugeschossen kam, wenn man da mal vorbeiging. Und dann bellte er wie verrückt. Manchmal war auch das Tor nicht richtig zu, dann hatte man ein Problem. Ich bin von ihm 2– 3-mal gebissen worden, Micha wahrscheinlich auch. Mich hat das nachhaltig traumatisiert, ich habe heute noch Angst vor Hunden, Micha hat das besser weggesteckt.

Schrödingers Garten: einerseits waren wir froh, da unbeschwert spielen zu können, aber andererseits nervte unser Vater ziemlich mit Verboten und Beschäftigungsansätzen.

Wir hatten aber auch noch andere Spielplätze. In unserer Kindheit gab es unzählige Trümmergrundstücke und viele davon waren nicht kindersicher eingezäunt. Da sind wir dann natürlich reingekrabbelt und haben in den Trümmern und in den teilweise noch erhaltenen Kellern gespielt. Das war immer sehr spannend und gruselig. Es war stockdunkel und man wusste nie, was man da fand. Manchmal waren es „Penner“, die da wohnten oder schliefen, mal waren es die übelriechenden Hinterlassenschaften, mal war es einfach Müll und fast immer Mäuse und Ratten. Ich kann mich noch gut an ein riesiges Grundstück an der Grünstraße erinnern, wo wir oft waren.

Unser Revier ging locker bis zur Königsallee, bis zum Worringer Platz, bis zum Stadtbad an der Kettwiger Straße und bis zum Volksgarten. Und natürlich lockte auch das Kaufhaus Defaka mit seiner Spielwarenabteilung und generell die sehr bunte Graf-Adolf-Straße. Unser Standard-Spielplatz war der Lessingplatz. Der bestand aus 2 Teilen: einem großen Spielplatz mit vielen Geräten (darunter ein großes und ein kleines Karussell und ein großes Planschbecken, das im Sommer mit Wasser gefüllt wurde) und aus einem kleinen Park. Dazwischen war ein kleiner Unterstand und das Büro des Parkwächters. Der Lessingplatz war Treffpunkt der Kinder und auch der jugendlichen Rocker. Ich bringe den Spielplatz in Verbindung mit schönen Stunden und mit vielen Prügeleien. Die Gegend war nicht sooo toll.

Aber wir brauchten keine Spielplätze. Wir hatten ja den nahen Bahnhof. Das war toll. Natürlich waren wir von den Dampfloks begeistert und diese Geschäftigkeit auf dem großen Gelände war einfach toll. Wo soll ich da anfangen? Vorne am Eingang waren erst mal die Wartesäle der 1. und der 2. Klasse. In die 1. Klasse sind wir natürlich nicht gekommen, aber in der 2. haben wir uns oft rumgetrieben und Pommes gekauft.

Von hier aus gab es auch einen spannenden unterirdischen Gang, der an den Wasch. Und Duschräumen für die Reisenden vorbeiführte und an einer ganz anderen Stelle des Bahnhofes, sehr weit entfernt von den Wartesälen, wieder zum Tageslicht führte.

Vorne war dann auch die Empfangshalle. Die war durch eine lange Schalter- und Sperrenreihe getrennt von dem Teil, wo es zu den Gleisen und Bahnsteigen ging. Durch diese Sperre kam man nur mit einer Fahr- oder einer speziellen Bahnsteigkarte. Letztere konnte man für 10 Pfennige in einem Automaten ziehen, sie war für Leute gedacht, die Angehörige vom Zug direkt abholen wollten. Und so kamen wir auf die Bahnsteige und ganz nah ran an die Züge. DAS war ein toller Spielplatz.

Aber es ging noch besser. Unten im Ost-Ausgang gab es ein Kino. Das Ali-Kino war billig (50 Pfennige) und man konnte da so lange drinbleiben, wie man wollte. So konnten Reisende sich die Zeit vertreiben, wenn sie auf einen Anschluss-Zug warten mussten.

Hier lief in Dauerschleife die ‚Fox tönende Wochenschau‘ mit Nachrichten aus aller Welt.

Nur unterbrochen durch Dick-und-Doof Filme. Wir waren natürlich wegen der Komödianten da, die Wochenschau interessierte uns nicht wirklich. Aber es war generell toll, irgendwas auf der Leinwand zu sehen. Wir haben da glückliche Stunden verbracht.

Auch gewisse Männer hatten da eine gute Zeit. Entweder masturbierten sie still vor sich hin oder sie versuchten auch oft, uns dabei anzufassen. Das waren dann die weniger guten Zeiten.

Solche Kinos gibt es heute nicht mehr in Düsseldorf. Es gibt wohl noch ein paar alte Programmkinos, die es in die heutige Zeit geschafft haben, z.B. das Metropol, das Bambi oder das Bali. In der Altstadt am Karlsplatz gab es damals auch noch die Kurbelkiste, die in einem alten Bunker untergebracht war – auch sehr gruselig.

Aber der Bahnhof bot noch mehr. Was wohl? Eisenbahn fahren! Das reizte uns natürlich auch. Und so haben wir eines Tages herausgefunden, dass man mit dem Zug nach Gerresheim fahren konnte. Das kostete damals wahrscheinlich kaum mehr als eine Mark, also genau unser Budget. Und so nahmen wir eines Tages mal allen Mut zusammen und fuhren nach Gerresheim. Herrlich!

Wir sind da nicht großartig geblieben, was sollten wir denn da tun? Also haben wir nur gecheckt, wo der Zug zurück abging und sind dann mit der nächsten Bahn wieder nach Düsseldorf HBF zurückgefahren. Unsere Mutter ahnte nichts von unseren Reisen, denn so richtig sicher war es im Bahnhofsumfeld für kleine Jungs nicht. Wir machten das 2-3 – Mal mit großer Freude bis wir aus ungestillter Sehnsucht nach der großen weiten Welt eine spontane Idee entwickelten.

Als der Zug in Gerresheim hielt, stiegen wir nicht aus. Wir wollten wissen, was nach Gerresheim kam. Ging es da überhaupt noch weiter? Musste ja, die anderen fuhren ja auch weiter. Und so blieben wir im Zug. Und fuhren (gefühlt) stundenlang weiter.

Gerresheim war zumindest noch ein Stadtteil von Düsseldorf im Außenbezirk, aber nun passierten wir die Stadtgrenze und fuhren in die große weite Welt. Endlich stoppte der Zug. „Erkrath“ stand da auf dem Schild. WOW! Was für ein Abenteuer.

Jetzt standen wir da, weit weg von zuhause und hatten in unseren Taschen eine Rückfahrkarte Düsseldorf-Gerresheim-Düsseldorf und wahrscheinlich in Summe noch 30 oder 40 Pfennige. Jetzt hatten wir Stress. Wahrscheinlich haben wir geweint und Leute um Hilfe gebeten. Und irgendjemand war dann so lieb und hat uns (ohne Gegenleistung) eine Fahrkarte nach Gerresheim gekauft, so dass wir dann mit unserer vorhandenen Karte legal weiter nach Hause fahren konnten. Eine spannende Reise!

Wir konnten immer ganz normal über die vorhandenen Straßen zum Bahnhof gehen, wenn wir Züge sehen wollten, aber es gab auch eine kleine Mauer an der Eisenstraße. Die war gerade so hoch, dass wir da raufklettern konnten und dann ging es noch eine Böschung hoch, und schon waren wir an den Gleisen. Wenn man da entlangging, waren es nur 200m und man war nicht nur am Bahnhof, sondern auch schon, ohne eine Bahnsteigkarte zu kaufen, auf dem Bahnsteig!

Chappeau!

Klar, ungefährlich war das nicht, aber schließlich waren wir junge Helden wie Sigurd oder Nick. Es gab damals kleine Heftchen, so schmal wie ein Scheckbuch, und da wurde von dem aufregenden Leben der beiden erzählt. Sigurd war ein edler Ritter, der immer mit Ach und Krach seine Abenteuer bestand und Nick war Weltraumpilot. Auch ein cooler Job. Wir erkannten uns in ihm wieder.

Neben diesem Mäuerchen kam noch ein kleiner Schrottplatz und dahinter die riesigen Stahlwerke. Auf dem Schrottplatz sind wir auch das eine oder andere Mal eingebrochen, weil es da immer interessante Dinge zu betrachten gab.

Und später, als Micha in der Schule Schwarzpulver durchgenommen hatte, haben wir an diesem Schrottplatz auch ernsthafte Sprengungen vorgenommen. Salpeter, Schwefel und Holzkohle brauchte man. Dazu einen Behälter und eine Zündschnur. Wir waren talentierte Bombenbauer. Ich habe dann später auch gerne Reagenzgläser verwendet und die in Sandhaufen gesteckt. Dass da neben dem Sand auch feine Glassplitter durch die Luft sausen – das hatte ich damals nicht bedacht.

Aber wir waren als Kinder in der Lessingstraße nicht alleine. Dazu muss man berücksichtigen, dass wir damals auf der Grenze zwischen Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder waren. Unsere Eltern hatten ja buchstäblich nichts, als sie in Düsseldorf ankamen und so ging es vielen Menschen. Man musste sich ein kleines Stückchen Wohlstand mühevoll erarbeiten.

Uns ging es verhältnismäßig gut, aber Selbstverständlichkeiten wie ein Auto, ein Fernseher oder ein Telefon hatten wir anfangs nicht.