Brummschädel - Michael Gerwien - E-Book

Brummschädel E-Book

Michael Gerwien

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Beschreibung

Ein Geschäftsmann erwacht morgens neben seinem Bett im Hotelzimmer. Er hat keinerlei Erinnerung mehr an die Ereignisse der letzten Nacht und sein Kollege, mit dem er letzte Nacht noch in der Hotelbar gesessen hat, ist spurlos verschwunden. Parallel dazu wird der Münchner Exkommissar und jetzige Privatdetektiv Max Raintaler zu einem Tatort am Isarufer gerufen. Nördlich der Museumsinsel liegen mitten in der Stadt die Leichen zweier junger Russinnen. Besteht ein Zusammenhang zwischen den beiden Ereignissen?

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Michael Gerwien

Brummschädel

Ein Fall für Exkommissar Max Raintaler

Impressum

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag: Krautkiller (2015), Jack Bänger (2014, E-Book Only), Andechser Tod (2014), Wer mordet schon am Chiemsee? (2014), Alpentod (2014), Mordswiesn (2013), Raintaler ermittelt (2013), Isarhaie (2013), Isarblues (2012), Isarbrodeln (2011), Alpengrollen (2011)

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2015

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © bogopicture – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4776-1

Widmung

Lieben Dank an Patrick und Lilli und vor allem an Claudia Senghaas

1. Kapitel

»Scheiße, Thomas. Ich bin alt.« Gernot Stehburg stellte sein Glas auf dem Tresen der halb vollen Bar im Hotel Schwarzer Adler ab. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom üppigen grauen Schnauzbart.

»Blödsinn. Man ist immer nur so alt, wie man sich fühlt.« Thomas Franke, Gernots kurzhaariger blonder Kollege bei der EasyMoney GmbH, einer erfolgreichen Münchner Anlageberatungsfirma, schüttelte entschieden den Kopf.

Big Boss Josef Schüttner hatte sie alle beide bereits zum vierten Mal von der Dortmunder Filiale hierher in den Münchner Hauptsitz beordert. Drei Tage lang, bis Freitagabend. Zum Gedankenaustausch der Führungskräfte. Think big – think positive nannte sich das Ganze. Für die beiden Nordrhein-Westfalen war der Aufenthalt eine willkommene Abwechslung zum Alltag in ihrer Heimat. Großzügige Spesen und das modern eingerichtete Vier-Sterne-Hotel in der Stadtmitte inbegriffen. Gott sei Dank dauerten die Meetings in der Firma nie lange und sie hatten danach genügend Zeit, die Annehmlichkeiten, die München bot, mitzunehmen. So auch heute, an diesem heißen Mittwoch, dem 13. September. Bereits seit 16 Uhr genossen sie hier in der schicken Hotelbar ihren Feierabend bei ein paar kühlen Bierchen.

»Sag ich doch. Gefühlt bin ich sogar uralt.«

»Du bist gerade mal 58. Da ist man nicht uralt.« Thomas gab dem schlaksigen schwarzhaarigen Barkeeper Handzeichen für zwei weitere große Pils. Sieben davon hatten sie in den letzten zwei Stunden bereits getrunken.

»Du hast doch keine Ahnung, Jungspund.« Gernot grinste schief. Kleine Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn angesiedelt. Die Spätsommerhitze machte ihm schon den ganzen Tag lang zu schaffen. Vor allem weil er übers letzte Jahr locker sieben Kilo zugenommen hatte. Der dunkelblaue Geschäftsanzug, den er anhatte, war ihm dementsprechend zu eng und eindeutig zu warm. Mit geübtem Griff lockerte er seine rot-weiß gestreifte Krawatte.

»Jungspund? Mit 54? Wenn du meinst. Warum nicht. Bin ich eben ein Jungspund. Aber wenn ich mit meinen gerade mal vier Jahren weniger, als du sie auf dem Buckel hast, einer bin, bist du auch einer.« Thomas, der letztes Jahr beim Dortmunder Stadtmarathon den sehr ehrenwerten 40. Platz von über 3.000 Teilnehmern belegt hatte, blickte Gernot geradewegs in die Augen.

»Nichts da. Ich bin alt und dabei bleibt es.« Gernot schlug mit der flachen Hand auf das blank polierte dunkle Holz vor ihnen. »Du bist jung geblieben, weil du so viel Sport machst. Ich gehe doch höchstens mal im Stadtpark spazieren, wenn’s hoch kommt.«

»Und was ist mit Tennis und Surfen? Ist das etwa nichts?«

»Mach ich inzwischen doch viel zu selten.«

»Ist irgendwas mit Magda?«

»Warum? Was sollte mit ihr sein?« Gernot zog verwundert die buschigen Brauen nach oben.

»Immer wenn du Streit mit ihr hast, kommst du mit deinen seltsamen Theorien daher.« Thomas nickte dem Barkeeper dankbar zu, der gerade die zwei frisch gezapften Bier und ein Schälchen mit Nüssen und Salzgebäck vor sie hinstellte.

»Was bitte ist seltsam an der realistischen Erkenntnis, dass man die besten Jahre hinter sich gelassen hat?« Gernot schüttelte genervt den Kopf.

Er mochte Thomas, der genau wie er verheiratet war. Nur glücklicher, wie es schien. Halt. Stimmte nicht ganz. Es konnte ebenso gut nicht so sein. Thomas ließ sich nie sehr ausführlich über sein Privatleben aus. Aber wie auch immer, sie sprachen gelegentlich dennoch über persönliche Dinge. Die zwanghaft positiven Sichtweisen seines langjährigen Arbeitskollegen gingen Gernot dabei allerdings manchmal gehörig auf die Nerven. Anscheinend hatte Thomas ein Problem damit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Der Mensch wurde nun mal alt und die letzten Jahre seines Lebens waren sicherlich kein Vergnügen. Nur ein kompletter Narr würde das abstreiten.

»Lass uns lieber noch einen Schluck trinken. Vielleicht wird deine Laune dann besser.« Thomas hob sein Glas.

»Ich habe keine schlechte Laune.« Gernot hob ebenfalls sein Glas.

»Ach nein?«

»Nein. Auf keinen Fall habe ich schlechte Laune. Wer alt ist, hat keine schlechte Laune. Auch keine gute. Wer alt ist, hat gar keine Laune mehr. Weil es sich nicht mehr lohnt, Launen zu haben. Verstehst du, Thomas?« Gernot ließ eine Weile lang resigniert den Kopf hängen. Dann sah er seinem Gegenüber erneut in die wachen, forschenden Augen. »Verstehst du?«, wiederholte er.

»Willst du etwa sagen, dass du dich nicht mal mehr über deine Weihnachtsprämie freuen kannst?«

»Nicht mal mehr über die.« Gernot fuhr sich durch die wenigen grauen Haare, die ihm von seiner einstigen dunklen Lockenpracht geblieben waren. Thomas hat noch keine beginnende Glatze, stellte er dabei bestimmt zum 500. Mal in den letzten Jahren fest. Das Schicksal meint es nicht gut mit dir, Gernot Stehburg. Bald fallen dir sicher auch noch die Zähne aus. Die Steaks und Schnitzel dieser Welt sagen dir ade. Dafür darfst du Suppe schlürfen. Lustlos trank er den ersten Schluck von seinem neuen Bier.

Er fragte sich, wann er die umfassende Perspektivlosigkeit, die ihn gerade wieder vollständig im Griff hatte, zum ersten Mal bei sich festgestellt hatte. Es war ziemlich lange her. Ja, ja. Doch, doch. Genau betrachtet befand er sich trotz großer beruflicher Erfolge bestimmt seit gut fünf Jahren in einem unentwegten Kampf gegen das trübe Gift in seiner Seele, das ihn zunehmend innerlich erstarren ließ.

Du gehörst zum alten Eisen, wirst immer fetter und hässlicher, die jungen Dinger schauen dich nicht mehr an, keiner hat echtes Interesse an dir, du funktionierst nur noch wie ein Roboter. Zu Anfang hatte er sich noch gegen die Flut von negativen Gedanken, die ihn tagtäglich heimsuchte, aufgebäumt, hatte mit Joggen und Tennisspielen begonnen, alle möglichen und unmöglichen homöopathischen Mittelchen geschluckt. Sogar eine Psychotherapie hatte er mitgemacht. Doch all seine Bemühungen hatten ihn im Laufe der Zeit nur noch mehr auf sich selbst und das Gefühl endloser Leere in seinem Inneren zurückgeworfen. Etliche Male hatte er mit dem Gedanken gespielt, seinem Leben ein schnelles Ende zu bereiten, den Firmenwagen mit 200 gegen eine Wand zu fahren oder irgendwo aus dem Fenster zu springen. Aber im letzten Moment hatte ihm jedes Mal der Mut dazu gefehlt.

Niemand außer ihm selbst wusste davon. Nicht einmal Thomas, den er gut kannte. Für einen Arbeitskollegen sogar sehr gut. Obwohl ihm andererseits völlig klar war, dass Kollegen niemals echte Freunde werden konnten, sondern im Grunde genommen nichts als Konkurrenten beim Kampf um den großen Kuchen waren. Seiner Frau Magda verriet er erst recht nichts über seine gelegentliche Todessehnsucht. Sie hätte ihn nicht verstanden, hätte ihn höchstens dazu aufgefordert, sich gefälligst zusammenzureißen oder sich wirklich umzubringen, wenn er unbedingt meine, dass er das tun wolle. Nur wenn schon, dann bitte schnell und vor allem diskret. Alter Industrieadel eben. In ihrer Familie gab es keine Probleme. Sie wurden gelöst oder verschwiegen.

»So kenne ich dich gar nicht, alter Freund. Bist du sicher, dass nichts mit Magda ist?« Thomas legte ihm kameradschaftlich die Hand auf die Schulter.

»Ganz sicher.«

»Hast du Schulden? Alkoholprobleme? Eine nervige Affäre?«

»Was?« Gernot riss erstaunt die Augen auf. Ärgerlich schob er Thomas’ Hand beiseite. »Wie kommst du denn darauf?« Wollte da etwa jemand an seinem Stuhl sägen? Welchen Grund könnte es dafür geben? Er war Thomas’ direkter Vorgesetzter, hatte das aber nie großartig heraushängen lassen. Hatte seinen Kollegen immer nur fair behandelt. Sollte der ihm das nun danken, indem er ihn als leichtsinnigen Versager abstempelte? Wusste die Firmenleitung am Ende bereits davon?

»Keine Ahnung. Irgendwas muss dich ja so fertigmachen.« Thomas zuckte die Achseln. »Man ist doch nicht wegen nichts so schlecht drauf.«

»Wegen nichts oder wegen allem. Was macht das für einen Unterschied?« Gernot schüttelte langsam den Kopf. Sein Blick schweifte über die bunten Etiketten der Schnapsflaschen hinter der Bar. Bestimmt hatte er ein Burnout. Zu viel Stress. Vielleicht sollte er mal eine längere Auszeit nehmen. Asien wäre nicht schlecht. Ein halbes Jahr Thailand zum Beispiel. Gutes Essen, Sonne, Meer, Massagen am Strand und nur freundliche Gesichter um einen herum. Das wäre es doch. Obwohl, wie sollte er dort Geld verdienen? Er hatte zwar einiges auf der hohen Kante. Für ein sorgenfreies Leben bis zum Ende genügte es aber längst nicht.

»Herrje, Gernot. Lass dich doch nicht so hängen. Soll ich uns zwei hübsche kleine Bräute besorgen? Schampus und ab aufs Zimmer? Bisher hat sich deine Laune dabei immer schnell gebessert. Sehr schnell sogar, würde ich meinen.« Thomas grinste anzüglich.

»Deine aber auch. Bräute, sagst du? Nutten etwa?« Gernot zog halbwegs interessiert die Brauen hoch. »Ist was mit Lisbeth?«

»Was hat das mit Lisbeth zu tun? Die ist zu Hause und freut sich an ihrem Leben. Nein, keine Nutten. Ich kenne hier jemanden eher privat. Natascha heißt sie. Sie begleitet dich überallhin, wo du willst.«

»Eine Hostess? Das sind doch nur extrateure Nutten.«

»Na und? Herrje, nun tu doch nicht so, als wäre es das erste Mal.«

»Ich hab keine Lust mehr, für Sex zu bezahlen.«

»Stimmt schon. Ist bescheuert«, räumte Thomas ein. »Aber sie gibt dir nicht das Gefühl, dass sie es gegen Bezahlung tut.«

»Echt?«

»Ja.«

»Verstehe. Wo kommt sie her?«

»Russland. Sie ist echt nett und unglaublich hübsch. Ich ruf sie an. Sie soll mit einer Freundin oder mit ihrer kleinen Schwester vorbeikommen.« Thomas nahm sein Handy aus der Innentasche seiner Anzugjacke.

»Woher kennst du eigentlich auf einmal eine Russin? Warum weiß ich nichts davon?« Wollte ihm Thomas etwa eine Falle stellen? Sollte er heimlich in einer prekären Situation gefilmt oder fotografiert werden, und anschließend erpresste ihn Thomas? Oder war er selbst langsam total paranoid? Er trank schnell einen Schluck Bier, um seine unguten Gedanken zu verscheuchen.

»Jeder von uns hat so seine kleinen Geheimnisse. Oder etwa nicht?« Thomas grinste vielsagend.

»Stimmt schon. Kann sein.« Gernot nickte langsam. »Na gut, ruf sie an. Vergiss aber nicht, dass wir morgen um zehn unseren Termin in der Zentrale haben.« Er wusste, dass er gerade wieder den Chef herauskehrte. Half aber nichts. Einer musste schließlich vernünftig bleiben. Auch wenn dieser eine bereits uralt war und nicht mehr viel vom Leben zu erwarten hatte.

»Ist dir unsere Arbeit also doch noch wichtig?«

»Man hat schließlich Verantwortung.« Gernot lächelte flüchtig.

»Na also, alter Freund. So gefällst du mir schon viel besser. Und keine Angst. Wir haben es noch nicht mal halb sieben. Wird schon nicht zu spät werden.« Thomas lachte laut.

»Hat sie wirklich eine kleine Schwester?«

»Vielleicht auch zwei. Keine Ahnung. Bin gleich wieder da.« Thomas eilte auf die Straße hinaus.

Er will wohl nicht, dass ihm jemand zuhört, dachte Gernot kopfschüttelnd. Anscheinend ist noch nicht bis zu ihm durchgedrungen, dass inzwischen jedes Telefonat überall auf der Welt abgehört wird. Big Brother beobachtet uns nur? Das ist längst ein alter Hut. Bestimmt wissen sie sogar in China, wie oft der Nachtportier hier im HotelSchwarzer Adler auf die Toilette geht, und irgendwer in Kalifornien hält es dann in einer Auswertungsliste fest, die der amerikanischen Regierung wichtige Aufschlüsse über die Pinkelgewohnheiten von Hotelangestellten gibt. Oder spricht Thomas am Ende über etwas, das speziell ich nicht hören darf? Ach was, Schwachsinn. Hör mit deiner Paranoia auf. Warum sollte er das denn tun?

2. Kapitel

»Max?«

»Was gibt’s, Moni?«

»Telefon, Franzi ist dran.«

»Moment, bin gleich fertig.«

Der sportliche blonde Exkommissar Max Raintaler spülte seine Blutdrucktablette mit einem Schluck Wasser aus dem Hahn hinunter, öffnete die Badezimmertür und betrat in nichts als seinen schwarzen Boxershorts die Küche seiner langjährigen Freundin Monika.

Die attraktive dunkelhaarige Wirtin wohnte seit Jahren hier über ihrer kleinen Kneipe in Thalkirchen, in der Max sie immer gerne auf ein Bier besuchte, ihr aber gelegentlich auch bei der Arbeit half. So wie gestern, weswegen er der Einfachheit halber gleich bei ihr übernachtet hatte.

»Danke.« Er nahm den Hörer, den sie ihm mit ausgestrecktem Arm hinhielt, flink entgegen.

»Servus, Max. Zeit wird’s.« Hauptkommissar Franz Wurmdobler klang bei Weitem nicht so gut gelaunt wie gewöhnlich.

»Servus, Franzi. Man wird an einem ganz normalen Donnerstagmorgen wohl noch duschen dürfen. Was gibt’s?« Max passte sich dem reichlich pampigen Tonfall seines alten Schulfreundes und Exkollegen bei der Kripo umgehend an.

»Wir haben zwei Leichen. Wahrscheinlich Mord.«

»Na und? Du bist bei der Mordkommission. Schon vergessen?«

»Kriminaldauerdienst.«

»Na gut, KDD. Ist dir langweilig?« Max musste grinsen. Wenn er so weitermachte, würde er Franz garantiert auf die Palme bringen. Selbst schuld. Was machte ihn der Depp auch so unfreundlich an. Noch dazu am frühen Morgen.

»Nein.« Franz sprach nach wie vor mit Grabesstimme.

»Aha. Was willst du dann?« Was war denn heute bloß mit dem kleinen dicken Glatzkopf los? Er ging nicht einmal auf einen blöden Spruch ein. So kannte Max ihn gar nicht. Es musste etwas sehr Ernstes sein, weswegen er anrief. Wahrscheinlich hatte ihn seine Frau Sandra auf Diät gesetzt oder sie hatte ihm das Biertrinken verboten. Gut getan hätte es ihm allemal bei seinem enormen Kugelbauch.

»Du kannst mir helfen.«

»Bei den beiden Leichen?« Aha. Daher wehte der Wind.

»Ja.«

»Und wie?«

»Komm so schnell du kannst zum Stauwehr unterhalb vom Deutschen Museum. Die Sandbank im Norden der Praterinsel, gleich unter der kleinen Brücke. Alles Weitere dort.«

»Habt ihr zu wenige Leute?«

»Zwei haben Urlaub und der scharfe Bernd musste überraschend ins Krankenhaus.« Franz stöhnte genervt. Seinem ungeduldigen Tonfall nach schien er es eilig zu haben.

»Was fehlt ihm denn?« Max hatte alle Zeit der Welt. Er kannte Hauptkommissar Bernd Müller, den alle wegen seiner überharten Verhörmethoden den scharfen Bernd nannten, und er wollte wissen, was mit ihm los war. Punkt. Immerhin hatten Bernd, Franz und er selbst jahrelang dasselbe Büro geteilt.

»Er wurde angeschossen, als wir zwei Dealer am Hauptbahnhof geschnappt haben.«

»Was? Warum weiß ich nichts davon?« Max zog verblüfft die Stirn kraus. »Schlimm?«

»Nein. Gott sei Dank nur ein Streifschuss. Aber schlimm genug. Ist erst heute Nacht passiert, sonst hätte ich es dir natürlich längst gesagt.«

»Schöne Scheiße. Na gut. Gegen Bezahlung?«

»Was? Wie?«

»Arbeite ich gegen Bezahlung?«

»Ach so. Ja, sicher. Ich kriege dich als Berater oder so im Budget unter.«

»Gut, bis gleich.«

Sie legten auf.

»Es gab zwei Tote. Wahrscheinlich Mord. Franzi braucht mich als Berater«, klärte Max Monika auf, die ihn erwartungsvoll aus ihren verschlafenen tiefblauen Augen ansah.

»Also wird es nichts mit unserem Ausflug an den Starnberger See«, stellte sie fest. »Immer dasselbe.« Sie schüttelte genervt ihre prächtige schwarze Lockenmähne.

»Immer dasselbe stimmt wohl nicht ganz, Moni«, erwiderte er leicht gereizt. »Arbeit geht vor. Das haben wir so ausgemacht, wenn du dich daran erinnerst.« Was regte sie sich denn so auf? Sonst schimpfte sie immer, dass er zu wenig Geld verdiente, und kaum hatte er die Chance, an eine schöne Summe zu kommen, passte ihr das auch wieder nicht. Verstehe einer die Frauen, Herrschaftszeiten.

»Ja, ja, hast ja recht. Trotzdem Mist. Ich hab mich halt schon darauf gefreut. Andauernd nur in der Kneipe stehen ist auch kein Paradies auf Erden.« Sie ließ enttäuscht den Kopf hängen.

»Außerdem bekomme ich sowieso einen Schnupfen, glaube ich.« Er schniefte demonstrativ. »Ruf doch Anneliese an. Vielleicht mag sie mitkommen. Zeit hat sie doch auf jeden Fall, unsere First Lady.«

Max spielte allzu gerne immer wieder darauf an, dass die in seinen Augen stinkfaule und verwöhnte Anneliese nur eine einzige große Leistung in ihrem Leben vollbracht hatte: Sie hatte ihrem Exmann bei der Scheidung kräftig die Hosen ausgezogen. Seitdem lebte die attraktive Blondine fast schon unanständig reich im schönsten Wohlstand.

Was er überhaupt wolle, ihm ginge es doch ähnlich, mochte ihm mancher an dieser Stelle vorwerfen. Schließlich befand er sich selbst im Ruhestand. Aber zum einen tat er das nicht freiwillig, weil man ihn von ganz oben her genötigt hatte, seinen Beruf als Hauptkommissar aufzugeben. Zum anderen verdiente er fleißig dazu. Er hatte vor zwei Jahren eine Detektei aufgebaut, die inzwischen sogar recht gut lief. Mit Neid hatte seine kritische Haltung Monikas bester Freundin gegenüber also natürlich nichts zu tun. Höchstens ein kleines bisschen vielleicht. Ein ganz kleines bisschen. Also fast gar nicht. Sozusagen.

»Deinen angeblichen Schnupfen nehme ich dir zwar nicht ab. Aber Annie anrufen ist eine gute Idee. Mädels haben eh mehr Spaß zusammen. Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen?« Sie nahm Max das Telefon aus der Hand und wählte sogleich Annelieses Nummer. »Annie? Servus. Moni hier. Hast du Lust mit mir an den Starnberger See zu fahren?«

»Baden? Gute Idee, Moni. Das Wetter passt. Holst du mich ab?«

»In einer halben Stunde?«

»Okay.«

Sie legten auf.

»Haut hin.« Sie lächelte Max erleichtert an. »Servus, viel Glück bei der Mordaufklärung.«

»Darf ich mich, bevor du mich hinauskomplimentierst, vielleicht noch anziehen?« Er bedachte sie mit einem vorwurfsvollen Blick aus seinen stahlblauen Ermittleraugen.

»Darfst du.« Sie grinste nur.

»Alles klar.«

Kopfschüttelnd und darüber vor sich hin schimpfend, wie wenig Respekt einem von den Mitmenschen entgegengebracht wurde, vor allem von denen, die einem nahe waren, tappte er barfuß und halb nackt, wie er war, ins Schlafzimmer hinüber. Dort streifte er sein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift Anton aus Tirol über, zog seine schwarze Jeans an, schlüpfte in seine Socken und stieg in seine schwarzen Cowboystiefel. Anschließend kehrte er zu ihr in die Küche zurück.

»Fertig?« Sie grinste erneut.

»Ja.«

»Also dann, noch mal Servus. Jetzt darf ich doch, oder?« Sie lachte.

»Ja. Brauchst gar nicht so blöd zu lachen. Man wirft Leute nicht in der Unterhose aus der Wohnung. Vor allem nicht, wenn man sie seit einer Ewigkeit kennt.«

Da war er wieder, sein über ihre lange gemeinsame Zeit vortrefflich eingeübter, vorwurfsvoller Blick. Seit dem Studium kannten sie sich nun. Das mussten mehr als 20 Jahre sein. Er fand, dass er sich für seine 54 Lenze ganz gut gehalten hatte. Doch, doch. Auf jeden Fall. Sie sowieso. Erstens war sie gute sechs Jahre jünger als er, und zweitens schien sie ohnehin nicht zu altern. Er hatte sie oft gefragt, wo sie ihr geheimes Wundermittel versteckt hielt. Aber sie wollte einfach nicht damit herausrücken.

»Armer Max. War die schwarzhaarige Frau wieder so böse zu dir«, verspottete sie ihn jetzt.

»Verarsch mich ruhig weiter.«

»Aber ich mach doch bloß Gaudi.«

»Ehrlich?«

»Ganz ehrlich.« Sie nickte mit feierlicher Miene.

»Na gut. Servus, Moni. Ich wünsch dir trotz deiner Bosheit viel Spaß beim Baden.« Er gab ihr einen Abschiedskuss auf die Wange, nahm seine schwarze Lederjacke vom Garderobehaken und trampelte über die schmale alte Stiege in den mit dunklem Holz getäfelten Schankraum hinab, wo sich der gemeinsame Eingang zu Wohnung und kleiner Kneipe befand.

Draußen öffnete er seinen neuen roten Kangoo, setzte sich hinters Steuer und startete den Motor. Während der Fahrt musste er an das Müsli denken, dass er vor Franz’ Anruf bei Monika gegessen hatte. Er hasste Müsli und sie wusste das genau. Trotzdem tischte sie es ihm immer wieder zum Frühstück auf. Ungeachtet seiner leisen Proteste. Sie war und blieb der unumstößlichen Meinung, dass jemand, der so ungesund lebte wie er, wenigstens gesund frühstücken müsse.

Er nahm ihre diesbezügliche Bevormundung nun schon seit einigen Wochen mit buddhistischer Gelassenheit hin, obwohl die Stimme in seinem Inneren, die frühmorgens nach Wurst, Eiern, Käse, Schinken, Butter und Marmelade rief, in letzter Zeit immer lauter wurde. Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, würde er sich selbst ein opulentes Frühstück mitbringen, wenn er bei ihr schlief. Mit allen Schikanen, vielleicht sogar mit Fisch oder Weißwürsten, und ihr »tolles« Müsli würde er ins Klo schütten. Einfach so. Schwuppdiwupp. Jawohl, das würde er tun. Garantiert. Eines Tages bestimmt.

Das wäre doch gelacht, wenn er nicht wenigstens frühstücken durfte, was er wollte. Seiner Meinung nach machte er ohnehin zu viele Konzessionen in ihrer Beziehung. Man nehme beispielsweise bloß einmal die Tatsache, dass sie sich grundsätzlich nur dann trafen, wenn sie das wollte. Hatte sie keine Lust, gab es kein Zusammensein. Das Biertrinken wollte sie ihm auch andauernd verbieten. Wie Sandra ihrem Franz. Schaffte sie aber nicht. Genau wie Sandra. Würden sie alle beide auch in Zukunft nicht schaffen. Bestimmt nicht. Er grinste, halbwegs wieder mit dem Schicksal versöhnt, in sich hinein.

Keine halbe Stunde später parkte er auf der Museumsinsel gleich bei der kleinen Brücke, die Franz am Telefon erwähnt hatte.

3. Kapitel

»Thomas?« Gernot lag auf dem Rücken. Er öffnete langsam die Augen. »Bist du da?«

Er drehte seinen Kopf nach rechts und stellte fest, dass Tausende von winzigen Staubpartikeln den Fußboden bedeckten. 20 Zentimeter darüber erkannte er die Matratze eines Bettes auf ihrem Lattenrost. Von unten. War das sein Bett? Hatte er auf dem blanken Parkett daneben übernachtet? Was war geschehen? Wo verdammt noch mal war Thomas? Er drehte den Kopf auf die andere Seite. Nichts. Nur die weiß gestrichene Wand vor seinem Gesicht. Eine Fliege kletterte gerade etwas oberhalb seiner Blickrichtung daran empor.

Unter den pochenden Schmerzen in seinen Schläfen laut aufstöhnend erhob er sich und blickte sich um. Aha. Er befand sich tatsächlich in seinem Hotelzimmer. Die Sonne schien. Also war es Tag. Anzughose und Hemd hatte er an, seine Socken ebenfalls. Die dunkelblauen, die ihm Magda letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt hatte. So weit hatte alles seine Richtigkeit. Aber war wirklich alles gut? Gestern hatte es hier ganz anders ausgesehen. Adrett, sauber und aufgeräumt, wie es sich für ein Münchner Hotelzimmer der oberen Preisklasse normalerweise gehörte. Doch nun lagen überall Bettwäsche, Essensreste und Kleidungsstücke von ihm verstreut. Es roch nach Erbrochenem.

»Thomas! Verdammt noch mal, wo bist du denn?« Er stolperte quer durch den Raum zur offenen Balkontür hinüber. Nichts. Keine Spur von seinem Arbeitskollegen.

Herrje, sie schienen wirklich ausgiebig gefeiert zu haben. War Thomas in seinem eigenen Zimmer? Natürlich. Wo sonst. Er suchte nach seinem Handy, fand es schließlich auf dem Kopfkissen und sah auf dem Display nach der Uhrzeit. Kurz nach neun. Wenn sie sich beeilten, würden sie es gerade noch pünktlich zu ihrem Meeting in die Zentrale schaffen. Er wählte Thomas’ Nummer. Gleich darauf ertönte Dreadlock Holiday von 10cc aus dem Badezimmer.

So schnell er konnte, stolperte er hinüber. Er fand Thomas’ Anzugjacke nass in der Wanne liegend. Sie roch, als hätte jemand darüber erbrochen und uriniert. Er nahm sie hoch, um das lautstark musizierende Telefon herauszunehmen. Angewidert fischte er es mit den Fingerspitzen aus der Innentasche, ließ die versaute Jacke in die Badewanne zurückfallen, wischte seine Hände und Thomas’ Handy eilig an einem der vielen weißen Handtücher ab und drückte auf den kleinen grünen Hörer.

»Stehburg, Apparat Franke«, meldete er sich nach mehrmaligem Räuspern mit rauer Stimme.

Als niemand antwortete, blickte er verwirrt auf das Display, um festzustellen, dass seine eigene Nummer darauf stand.

»Herrgott noch mal, was bin ich bloß für ein dämlicher Volltrottel«, tadelte er sich selbst lautstark. »Was hat seine Jacke eigentlich in meinem Zimmer verloren? War er hier oder habe ich sie mitgenommen? Wenn ich mich doch nur an irgendetwas erinnern könnte. Mannomann, was für eine ausgemachte Scheiße.«

Schnell legte er wieder auf und steckte beide Handys ein. Auf dem Weg zurück ins Zimmer entdeckte er sich selbst in dem mannshohen Spiegel neben dem Waschbecken. Er blieb erschrocken stehen. Um Himmels willen. Das war doch nicht möglich. Sollte er das etwa sein? Es sah ganz so aus. Leider. Die riesigen Lippenstiftherzen auf seinen Wangen ließen sich mit einem nassen Handtuch wegwischen. Aber die ungelenken Buchstaben unter seinem Haaransatz blieben. Egal wie kräftig er mit Wasser und Seife darüberrieb.

Nicht zu fassen. Wer tat denn so etwas? Das gab es doch gar nicht. Welcher Vollidiot hatte ihm da »Geil« auf die Stirn tätowiert? Auch noch mit knallroter Tinte. Verdammter Mist. Er würde nie wieder ohne Mütze unter die Leute gehen können. Ließ sich so etwas auch wieder entfernen? Hoffentlich. Sonst wäre er ein für alle Mal erledigt. In der Arbeit würde niemand Verständnis für einen derart derben Scherz haben. Magda und ihre Familie erst recht nicht.

Was war letzte Nacht nur losgewesen? Er konnte sich an so gut wie nichts mehr erinnern. Sie waren in der Hotelbar gesessen und hatten über das Altern philosophiert. Das wusste er noch. Dass Thomas um halb sieben zum Telefonieren auf die Straße gegangen war, um zwei Russinnen klarzumachen, war ihm ebenfalls noch gegenwärtig. Auch dass er kurze Zeit später wieder hereingekommen war und gemeint hatte, dass die Mädels sich tierisch darauf freuen würden, mit ihnen zu feiern.

Anschließend hatte Thomas gleich noch zwei doppelte Wodka bestellt. Aber dann? Was war dann geschehen? Klarer Fall von Filmriss. Hatte ihnen vielleicht jemand etwas in ihre Drinks gekippt? K.-o.-Tropfen zum Beispiel? Herrje. Spät dran, kein Thomas in Sicht, eine Fahne wie eine ganze Brauerei und eine schweinische Tätowierung auf der Stirn. Das würde Ärger in der Zentrale geben. Garantiert.

Schnell trat er auf den Flur hinaus. Er klopfte an Thomas’ Tür direkt gegenüber. Nichts. Leise vor sich hin fluchend kehrte er in sein Zimmer zurück. Von dort aus rief er bei der EasyMoney GmbH an.

»Stehburg hier. Guten Tag, Frau Maurer. Sagen Sie, das Meeting der Führungsebene heute, das findet doch pünktlich um zehn statt?«

»Genau, Herr Stehburg. Daran hat sich nichts geändert.« Die Stimme der Chefsekretärin klang neutral wie immer.

»Aha, ja sehr gut. Super. Äh, es gibt da im Moment bloß ein klitzekleines Problem.«

»Und das wäre?« Eleonore Maurer hörte sich auf einmal unwillig an. Sie schien eindeutig etwas gegen Probleme am frühen Vormittag zu haben, seien sie auch noch so klitzeklein.

»Der Kollege Franke ist mir abhandengekommen, sozusagen.« Richtig lauernd klingt sie, die blöde Kuh, dachte er. Wie eine strafende Lehrerin, wenn der böse Bub seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Wer ist sie denn groß? Nichts als eine alberne kleine Sekretärin. Na gut, Chefsekretärin oder Assistentin, wie es heute heißt, damit sie sich noch mehr auf sich einbilden kann. Und wenn schon. Die Maurer bringt sicher kein Geld in die Firma. Das machen glasklar von Anfang an nur wir von der Kundenberatung. Wir telefonieren und gehen nach draußen und machen die Verträge mit den vielen hirnlosen Schäfchen, die ohne großes Risiko möglichst schnell reich werden wollen. Eine wie die Mauerer gäbe es doch gar nicht, wenn wir nicht wären, verdammt noch mal. Arrogant tun, das können sie, diese aufgestylten Zicken. Und beim Chef schleimen. Sonst nichts. Zum Kotzen, Herrgott noch mal.

»Wie meinen?«

»Kollege Franke ist spurlos verschwunden.«

»Spurlos verschwunden? Wie soll das denn gehen?«

»Wenn ich es wüsste, wären wir beide gerade ein gutes Stück schlauer.« Gernot wischte sich den Schweiß von der tätowierten Stirn. Mist, verdammter. Am Ende durfte er für seinen partysüchtigen Kollegen auch noch den Kopf hinhalten. Scheiß Alkohol.

»Aber Sie kommen doch?«

»Selbstverständlich, Frau Maurer. Und natürlich versuche ich den Kollegen Franke noch aufzutreiben.«

»Gut, Herr Stehburg«, erwiderte sie knapp. »Ich sage Herrn Schüttner Bescheid.«

»Alles klar. Bis später.«

»Ja.« Sie legte grußlos auf.

Dämliche Schlampe. Gernot atmete tief durch. Dann räumte er das Zimmer auf, so gut es ging, zog seine Sachen aus, warf sie zu Thomas’ verschmutzter Jacke in die Badewanne und stellte sich nebendran unter die Dusche. Er würde dem Zimmermädchen, bevor er ging, hinterlassen, dass die Kleidungsstücke in der Badewanne in die Reinigung mussten. Dafür waren diese jungen Dinger aus aller Herren Länder schließlich da. Er schmunzelte kurz, als er sich daran erinnerte, dass sich gelegentlich etwas mehr mit einer von ihnen ergeben hatte. Natürlich gegen ein großzügiges Trinkgeld. Da durfte man als Mann nicht geizig sein. Erst recht, wenn man die 50 überschritten hatte. In Hamburg hatte er einmal was mit einer echt wunderschönen Südamerikanerin gehabt. Mit Magda war der Sex noch nie so genial gewesen wie mit ihr. Aber jetzt Schluss damit. Dafür war im Moment wirklich keine Zeit.

Einigermaßen wohlriechend und wach im Kopf kehrte er ins Zimmer zurück. Er zog im Eiltempo seinen Ersatzanzug an. Gott sei Dank hatte er ihn, entgegen seinem ersten Impuls, dass eine Geschäftsmontur vollauf genügen würde, daheim doch noch eingepackt. Musste so etwas wie Intuition gewesen sein.

Herrje, wo sollte er denn noch nach Thomas suchen? In seinem Zimmer war er auf jeden Fall nicht. Moment mal. Der Frühstücksraum. Wie hatte er den bloß vergessen können? Bestimmt saß Thomas längst in aller Seelenruhe an ihrem Fenstertisch und ließ sich seinen Kaffee schmecken, während er sich hier oben die größten Sorgen machte.

»Du wirst wirklich alt, Gernot Stehburg«, murmelte er kopfschüttelnd. »Nichts wie hin.«

Auf jeden Fall würde er aber auch noch einmal gegenüber klopfen. Zur Sicherheit. Vielleicht hatte ihn Thomas vorhin nur nicht gehört. Das wäre auch kein Wunder gewesen, selbst wenn er nur die Hälfte von Gernots Kater gehabt hätte.

Er nahm seinen Aktenkoffer vom Tisch, öffnete die Tür und trat erneut auf den Flur hinaus. Keine Sekunde später kehrte er hektisch ins Zimmer zurück. Verdammt. Die Tätowierung. Er brauchte dringend eine Mütze. Blitzschnell durchwühlte er sein Gepäck. Auch die Sachen im Kleiderschrank. Nichts aufzutreiben. Mist. Wer packte auch eine Mütze ein bei fast 30 Grad im Schatten? Aber Moment mal. So könnte es gehen. Behelfsmäßig würde es ein Schlips tun, den er sich um die Stirn wickelte. Wenigstens bis er im nächsten Laden war, um sich eine geeignetere Kopfbedeckung zu organisieren. Man würde ihn zwar sicher für reichlich exzentrisch, wenn nicht gar für völlig bescheuert halten. Aber Hauptsache, niemand sah die leuchtenden Buchstaben über seinen Augen. Diese Blamage wäre weitaus größer gewesen.

Minuten später trat der berühmte Vietnamveteran John Rambo in der Lobby des Hotels Schwarzer Adler aus dem Aufzug. Zunächst sah er im Frühstücksraum nach Thomas. Nichts. Er kehrte in die Lobby zurück und näherte sich eilig dem Empfangstresen. Der grauhaarige Angestellte dahinter schien sich nicht sicher zu sein, wie er reagieren sollte. Zuerst grinste er hinter vorgehaltener Hand. Dann blickte er Gernot ernst ins Gesicht, ganz so als wäre es völlig normal, dass Gäste im dunklen Anzug mit einem taubenblauen Schlips um den Kopf vor ihm auftauchten.

»Guten Morgen«, sagte Gernot. »Stehburg mein Name. Zimmer 35. Sagen Sie bitte, haben Sie meinen Kollegen, den Herrn Franke aus Zimmer 36 heute Morgen schon gesehen?« Auch er tat so, als wäre nichts Besonderes an seiner Erscheinung.

»Ich glaube nicht, Herr Stehburg. Jemand mit einer Krawatte um den Kopf wäre mir bestimmt aufgefallen.« Der Mann mit dem akribisch geteilten Seitenscheitel lächelte zurückhaltend.

»Er trägt keine Krawatte um den Kopf. Glaube ich zumindest.« Gernot räusperte sich. »Das äh, hier … ist bloß eine alberne Wette.« Er zeigte auf seinen Kopf.

»Ach so. Aha.« Der Hotelangestellte grinste nun doch ausgiebig. Sein ohnehin sehr breiter Mund schien sich dabei bis zu den Ohren hinaufzuziehen. Kermit, der Frosch ließ grüßen. Er drehte sich zu dem langen Schlüsselbord hinter sich um. »Aber der Schlüssel von Zimmer 36 ist leider nicht da. Hat Herr Franke heute Nacht sicher bei uns übernachtet?«

»Natürlich«, erwiderte Gernot bestimmt. »Nehme ich zumindest an«, räumte er Sekunden darauf ein. »Herrje, ist das alles blöd.«

»Tut mir leid, dass ich Ihnen diesbezüglich nicht helfen kann, Herr Stehburg. Aber ich sehe gerade, dass der Nachtportier ein Kuvert in Ihr Fach gelegt hat.« Er reichte Gernot einen braunen schreibmaschinenblattgroßen Umschlag.

»Danke.« Gernot nahm ihn mit schnellem Griff entgegen.

»Auf Wiedersehen, Herr Stehburg. Und einen schönen Tag.« Der Empfangsherr nickte ihm freundlich zu.

»Danke. Bis heute Abend.« Gernot drehte sich um und ging zielstrebig auf den Ausgang zu.

Draußen riss er den Umschlag, der mit seinem Namen versehen war, auf, versicherte sich mit einem kurzen Rundumblick, dass ihn niemand beobachtete, und nahm ein großes Blatt Papier heraus. Ein Farbfoto von ihm und Thomas war darauf. Zwei sehr hübsche junge Mädchen, die er nicht kannte, konnte man ebenfalls sehen. Blond und nackt. Gernot und Thomas waren auch nackt. Bis auf die Nylonstrümpfe mit den Strapsen an ihren Beinen und die knallgelben Highheels an ihren Füßen. Alle vier waren in eindeutigen Positionen miteinander beschäftigt. Im Hintergrund war ein Baumstamm zu erkennen. Es musste irgendwo draußen aufgenommen worden sein. Nachts.

So wie es aussah, war Gernot nicht der Einzige mit einer Tätowierung auf der Stirn. Thomas hatte genau die Gleiche. Nur war dessen »Geil« viel schöner geschrieben als das Gekrakel auf Gernots Stirn. Fast schon ein Kunstwerk. Wieder mal typisch. Selbst im freien Fall Richtung Vorhof zur Hölle machten die anderen eine bessere Figur.

4. Kapitel

»Was habt ihr?« Max näherte sich Franz und seinen Leuten, die auf der kleinen, im frühen Sonnenlicht glitzernden Sandbank unter der Fußgängerbrücke standen.

Der kleine dicke Hauptkommissar hatte die Beine seiner dunkelbraunen Cordhose bis zu den Knien hochgekrempelt. Darüber trug er ein grün-weiß gestreiftes Polohemd. Seine ebenfalls dunkelbraune Cordjacke hatte er fein säuberlich an einen Ast am Ufer gehängt. Seine schwarzen Halbschuhe und seine braunen Socken hatte er anbehalten.

»Schau selbst.« Franz deutete mit dem Kinn auf die zwei leblosen nackten Frauenkörper, die zu seinen Füßen lagen. »Servus übrigens. Wie geht’s?«

»Servus, Franzi. Passt schon. Schnupfen.« Max blieb neben seinem alten Freund und Exkollegen stehen. »Wieso hast du eigentlich die Hosenbeine hochgekrempelt?«

»Damit sie nicht nass werden. Sandra hat die Hose gestern erst gewaschen.«

»Aber nass werden heißt doch nicht schmutzig werden.«

»Nein, aber ist auch egal.« Franz winkte genervt ab. »Ich hab sie jetzt halt oben. Was dagegen?«

»Schmarrn. Ist doch deine Hose.« Max schüttelte den Kopf. »Und die Schuhe und die Socken dürfen nass werden?«

»Ja.«

»Aha.« Na gut, wenn das so war, dann war es so. Schrullis aller Länder vereinigt euch. Max’ Blick wanderte über die beiden Opfer. »Ertrunken?« Er strich sich nachdenklich über seinen stacheligen Dreitagesbart.

»Der Doktor meint Nein. Den Verletzungen nach sieht es eher so aus, als hätte jemand der einen zu lange den Mund zugehalten. Sie ist erstickt. Der anderen schlug anscheinend jemand den Schädel ein. Sie könnte aber auch unglücklich gestürzt sein.«

»Aber wenn die eine erstickt wurde, brachte man die andere doch bestimmt ebenfalls um. Alles andere wäre unlogisch.«

»Kann sein. Muss aber wie gesagt nicht sein. Ich gehe allerdings auch in beiden Fällen eher von Mord aus.«

»Wurden sie hier getötet?« Max zog fragend die Brauen hoch.

»Nein, sie wurden hier angeschwemmt.« Franz schüttelte langsam den unbehaarten Kopf. »Jemand muss sie weiter oben ins Wasser geworfen haben.«

»Von der Museumsbrücke aus?«

»Wohl eher von der Staustufe da drüben aus.« Franz zeigte auf das Wehr südwestlich von ihnen. »Der Strömung nach.«

»Schade drum. Sie waren verdammt hübsch.«

»Ja.« Franz presste die Lippen zusammen.

»Kanntest du sie etwa?« Max hatte seinen alten Freund bisher selten so beeindruckt an einem Tatort stehen sehen. Es wäre zwar ein Riesenzufall gewesen, wenn Franz die beiden gekannt hätte, aber möglich war alles. Wer jahrelang bei der Kripo gearbeitet hatte, wusste das.

»Ja.« Franz nickte. »Anja Karlowa und Natascha Iwanowna, zwei wirklich nette Russinnen. Sie lebten seit fünf Jahren in München. Gleich bei mir ums Eck ist doch diese kleine Bar.«

»Kenne ich. Wir waren schon zwei- oder dreimal gemeinsam drin, wenn mich nicht alles täuscht. Sehr feuchtfröhlich.«

Franz nickte erneut. »Viermal waren wir bisher gemeinsam drin, um genau zu sein. Alleine war ich schon öfter dort.«

»Und die beiden hier auch?«

»Genau. Die beiden hier auch.« Franz ließ langsam den Kopf sinken. »Natascha ist die, die erstickt wurde.«

»Schöne Scheiße.« Max tätschelte ihm kameradschaftlich die Schulter. Er wird mir doch nicht zu heulen anfangen, dachte er. Aber wenigstens ist jetzt klar, warum er am Telefon so komisch war.

»Das kannst du laut sagen.« Franz heulte nicht. Aber seine Stimme zitterte weinerlich. »Die beiden waren wirklich sehr nett. Beste Freundinnen, wie man so sagt. Immer fröhlich, immer lustig, und fleißig waren sie auch. Sie haben hier studiert.«

»Hier in München?« Max zog erstaunt die Brauen hoch.

»Na sicher. BWL.«

»Alle beide?«

»Ja. Im vierten Semester.«

»Kann man das in Russland nicht studieren?«

»Doch, natürlich. Denke ich zumindest. Aber sie wollten beide unbedingt weg von zu Hause. Die Welt kennenlernen.«

»Die Welt? In München?«

»Schaut so aus.«

»Auf was für Ideen die Leute kommen.« Max schüttelte den Kopf. Wenn sie nach New York oder Paris gegangen wären, hätte er das verstanden, auch Berlin oder Wien wären noch eine Option gewesen. Aber das schicke Millionendorf München? Hier war doch höchstens einmal im Jahr richtig etwas los. Beim Oktoberfest, das für diesmal bereits seit gut drei Wochen vorbei war. Ansonsten herrschte spießige Langeweile und tote Hose bis auf die japanischen Touristen, die sich die Stadt anschauen wollten. Ihm selbst kam das nur gelegen. Er liebte es, seine Ruhe zu haben. Außerdem kannte er genügend Orte, an denen es noch urmünchnerisch zuging. Zwei junge Mädchen auf der Suche nach der großen weiten Welt waren hier jedoch garantiert am falschen Platz. Und jetzt waren sie auch noch tot. Herrschaftszeiten, wer schrieb eigentlich das Drehbuch zu dem ganzen Schmarrn, der tagtäglich passierte? »Weißt du noch mehr über sie?«

»Noch mehr?« Franz blickte ihn fragend an.

»Freunde, Verwandte, Feinde, Ärger, was weiß ich.«

»Ach so. Nein. Vielleicht fällt mir später noch etwas dazu ein. Muss mal in Ruhe darüber nachdenken.«

»Tu das. Haben wir sonst irgendwelche Hinweise? Waren Anrufe oder Fotos auf den Handys?«

»Handys fanden wir keine. Auch keine Kleider, Handtaschen oder Papiere. Im Moment wissen wir nur das, was ich schon gesagt habe.«

»Was für ein Glück für uns, dass du sie gekannt hast. Sonst würden wir sicher lange Zeit nicht wissen, wer sie waren. Gibt es außer den festgestellten Verletzungen noch weitere Spuren von Gewalteinwirkung? Wurden sie vergewaltigt?«

»Kann man noch nicht genau sagen, meint der Dok. Da muss er sie erst auf dem Tisch gehabt haben.«

»Oh Mann, so eine Scheiße. Beide blond, beide bildhübsch, beide tot. Habt ihr die Angehörigen verständigt?«

»Noch nicht. Wir sind dabei, sie ausfindig zu machen.«

»Gehen wir einen Kaffee trinken?«

»Gute Idee, Max. Wenn ich die beiden noch länger anschauen muss, werde ich trübsinnig.«

»Also los, komm schon!«

Franz schnappte sich seine Jacke. Dann spazierten sie über die kleine Fußgängerbrücke hinüber ins Café im Müller’schen Volksbad. Dort war es nie besonders voll und sie konnten ungestört über den Fall reden.

»Weißt du, wo die beiden wohnten?«, fragte Max, nachdem sie bei der jungen Kellnerin mit dem wippenden Pferdeschwanz, die den Betrieb hier drinnen anscheinend ganz alleine aufrechthielt, Cappuccino bestellt hatten.

»In einer Wohngemeinschaft, glaube ich. Irgendwo am Harras.«

»Lässt sich das nicht genauer herausfinden? Dann wüssten wir vielleicht auch, was sie gestern gemacht haben.« Max schüttelte unmerklich den Kopf. Warum kam Franz eigentlich nicht von selbst darauf, diesbezüglich nachzuhaken? Er war doch Profi. Der Tod der beiden schien ihn wirklich schwer mitzunehmen.

»Logisch. Mensch, warum komme ich eigentlich nicht selbst darauf? Ich ruf gleich mal im Büro an.« Franz fischte sein Handy aus der Hosentasche.

Während er telefonierte, blickte sich Max in dem überraschenderweise doch sehr gut besuchten Café des ersten öffentlichen Hallenbades Münchens um. Wirklich nett eingerichtet, dachte er. Nicht gerade überladen, trotzdem gemütlich. Darüber hinaus war die Kellnerin nicht nur jung, sondern auch noch verdammt hübsch. Vielleicht sollte er in Zukunft öfter mal herkommen. Von Thalkirchen aus war es ein Katzensprung.

Draußen brannte die Herbstsonne noch einmal kräftig auf die weißen Kies- und Sandbänke der Isar herunter. Seit Mitte August war ihr Licht von Tag zu Tag schwächer geworden, und obendrein ging sie früher unter als im Sommer. Das Jahr neigte sich langsam, aber sicher seinem Ende zu. So viel stand fest. Abends war es oft nicht mehr warm genug, um draußen zu sitzen. Die Adventszeit ließ sich bereits aus weiter Ferne erahnen. Glühwein, Lebkuchen und Spekulatius. Und nasskaltes Wetter, grau in grau. Ekelhaft. Das Wetter natürlich, nicht der Glühwein und die Süßigkeiten. Die waren als Seelenwärmer immer willkommen. Zur Not sogar bereits jetzt im Herbst.

»Ich habe die Adresse. Der Mieter heißt Ludwig Reichert.« Franz legte auf. Er steckte sein Handy wieder ein.

»Wunderbar. Lass uns hinfahren.«

»Aber unseren Cappuccino trinken wir vorher schon noch.« Franz deutete mit dem Kinn auf die Kellnerin, die sich ihrem Tisch mit einem kleinen Tablett näherte.

»Logisch. So viel Zeit muss sein.« Max war sich völlig im Klaren darüber, dass man einen gemütlichen Bayern wie Franz Wurmdobler nicht hetzte. Er selbst ließ es ja auch gerne langsam angehen. Was aber nicht hieß, dass er die Arbeit scheute, wie Monika gelegentlich meinte. Ganz im Gegenteil. Wenn er eine Sache anfing, brachte er sie auch zu Ende. Mal schneller, mal langsamer. Aber immer konsequent.