Isarhaie - Michael Gerwien - E-Book + Hörbuch

Isarhaie E-Book

Michael Gerwien

4,8

Beschreibung

Der Münchner Exkommissar Max Raintaler stolpert auf dem Nachhauseweg vom Griechen in Untergiesing über die Beine einer auf dem Boden liegenden, toten Frau. Offenbar wurde sie erstochen. Max ruft per Handy seinen alten Freund bei der Kripo zur Hilfe. Am nächsten Morgen wacht er in einer Gefängniszelle auf und weiß nicht mehr, wie er dort hingekommen ist. Wieder auf freiem Fuß nimmt Max die Ermittlungen auf, die ihn in die höchsten Kreise der Stadt führen …

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Michael Gerwien

Isarhaie

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2012 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Werner Heiber - Fotolia.com

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Sakrischen Dank an Peppo, Lilli, Patrick und vor allem an Claudia Senghaas.

1

»Ja, Herrschaftszeiten. Musst du hier so saublöd im Weg herumliegen?« Der Münchner Exkommissar Max Raintaler blickte ärgerlich auf die mit einer schwarzen Jeans bekleideten Beine, die vor ihm aus der Dunkelheit einer Garageneinfahrt in den schwach beleuchteten Gehsteig hineinragten. Viel hätte nicht gefehlt und er wäre geradewegs darüber gestolpert. »Schlaf deinen Rausch halt daheim aus, wie andere Leute auch«, schimpfte er weiter.

Seit einer guten Viertelstunde befand er sich nun schon auf dem Heimweg vom immer gut besuchten Griechen mit dem kleinen Biergarten in Untergiesing, gleich nördlich der Bahnunterführung hinter dem Hans-Mielich-Platz. Anneliese, die beste Freundin seiner Teilzeitfreundin Monika, hatte ihn und Monika dorthin eingeladen, um mit ihnen ihren endlich bestandenen Führerschein zu feiern. Fünf lange Jahre endloser Fahrstunden waren letztlich doch noch von Erfolg gekrönt worden. Wie viele Fahrlehrer Anneliese dabei genau verschlissen hatte, verriet sie nicht. Frauen hätten eben ihre Geheimnisse, hatte sie nur lachend auf Max’ diesbezügliche Frage geantwortet. Monika hatte gleichzeitig ihren vorletzten Urlaubstag gefeiert. Am Dienstag würde sie nach zwei Wochen Erholung auf Balkonien ihre kleine Kneipe in Thalkirchen wieder öffnen.

Ein wunderschöner Sonntagabend im August war es gewesen, mit gutem Essen und viel Gelächter, und so wie es sich für einen Besuch beim Griechen gehörte, hatte es natürlich auch etwas zu Trinken gegeben. Bier, Wein und Ouzo. Max hatte etwas mehr Ouzo als seine Begleiterinnen gehabt, soweit er sich erinnern konnte. Seitdem er sich um eins von ihnen in Richtung seines Bettes verabschiedet hatte, während sie noch ein paar weiterführende Lokale in der Innenstadt besuchen wollten, schwankte und stolperte er sogar über die winzigsten Steine und hielt sich nur mit großer Mühe aufrecht. Die ausgestreckten Beine auf dem Boden, die ihm nun auch noch kurz vor der Parkanlage beim Isarufer in die Quere kamen, erschienen ihm wie ein schier unüberwindbares Hindernis. Was sollte er tun? Wenn er drüberstieg, könnte er mit den Füßen an ihnen hängen bleiben. Wählte er den Weg außen herum, könnte er aufgrund der Fliehkräfte, die in der Kurve, die er dazu machen müsste, auf ihn einwirkten, sein Gleichgewicht verlieren. Beide Möglichkeiten würden mit hoher Wahrscheinlichkeit dazu führen, dass er stürzte und sich verletzte. Also blieb er erst einmal so gut es ging stehen, wo er stand und ließ sich die Sache durch den Kopf gehen. Dabei fiel sein Blick auf den vom Halbdunkel der Einfahrt verborgenen Oberkörper der Person, die zu seinen Füßen lag. »Komisch, wieso schnarcht der eigentlich nicht«, fragte er sich halblaut. »Normalerweise schnarchen die Penner, die hier herumliegen, doch wie die Dings, äh … die Holzfäller.«

Er beugte sich schwankend ein Stückweit hinab, um das Gesicht seines liegenden Gegenübers besser erkennen zu können. Als das kein befriedigendes Ergebnis erbrachte, beugte er sich noch etwas weiter hinunter, was er, im Nachhinein betrachtet, besser nicht getan hätte. Denn da die Untergiesinger Luft, wie auch überall sonst auf der Welt, keine Balken hatte, an denen er sich hätte festhalten können, verlor er dabei unweigerlich das Gleichgewicht und stürzte Kopf voraus und Hände nach hinten wie ein überdimensionaler Geier im Sturzflug zu Boden. Genau auf den Körper unter ihm.

»Hoppala, bitte um Entschuldigung!«, murmelte er gleich nach der weichen Landung erschrocken. Eilig stützte er sich irgendwo ab, um sich wieder aufzurichten. Dabei fiel ihm auf, dass die Brust, die er unter seiner rechten Hand spürte, eine weibliche sein musste. Neugierig blickte er ins Gesicht seines Hindernisses, das zum größten Teil von einem dichten Schopf roter Haare verborgen war, wie er jetzt aus der Nähe erkennen konnte, und fand seine Vermutung bestätigt. Er lag auf einer Frau.

»Verdammt, was ist denn das?«, fluchte er laut. »Die blutet ja wie ein Schwein … da am Hals. Ja, die Hölle! Und atmen tut sie auch nicht. Ja, Herrschaftszeiten, die ist doch … Dings … äh … tot, Raintaler, oder?«

Er kauerte sich neben sie und horchte an ihrem Mund und an ihrer Brust. Kein Atem, kein Herzschlag, nichts. Die Frau war zweifellos tot. Er bemerkte die riesige dunkle Blutlache, in der sie lag.

Ja, so eine Scheiße, dachte er immer schneller atmend. Und jetzt habe ich mich auch noch total mit ihrem Blut vollgesaut. Was mach ich denn bloß? Heimgehen? Um Hilfe rufen? Erst mal warten? Den Franzi anrufen? Den Franzi anrufen, was sonst. Genau. Das wird das Beste sein. Der Gedanke an seinen alten Freund und Exkollegen bei der Kripo beruhigte ihn wieder etwas. Der Franzi soll seine Polizeikräfte anrollen lassen, und dann sollen die sich um alles kümmern. Jawohl. Ich bin viel zu besoffen, um das hier zu regeln … Viel zu betrunken. Eben.

Ächzend ließ er sich auf sein Hinterteil plumpsen, kramte mit seinen blutverklebten Händen umständlich sein Handy aus der Hosentasche und drückte Franz’ Nummer.

»Max, was gibt’s?«, meldete der sich kurz darauf mit ärgerlichem Tonfall. »Hast du schon mal auf die Uhr geschaut? Es ist halb zwei. Ich liege seit zwei Stunden im Bett. Im Gegensatz zu dir blutjungem Frühpensionär muss ich morgen früh in die Arbeit.«

»Tut mir leid, Franzi. Sauleid! Ehrlich. Ich weiß, es ist spät. Wahrscheinlich sogar sehr spät oder so … keine Ahnung … echt keine Ahnung, Franzi, aber … äh … ich sitze hier mit einem Bombenrausch neben einer Dings, äh … einer Toten.«

»Was? Willst du mich verarschen?«

»Nein. Ich schwöre dir, ich will dich garantiert nicht verarschen. Ich war mit Moni und Annie beim Griechen, und jetzt bin ich hier auf dem Heimweg über eine Leiche gestolpert. Du musst unbedingt kommen. Ich bin total blau, und die Tote ist total tot. Saublöd, echt.«

»Kein Schmarrn? Ehrlich? Nicht einer deiner üblichen Witze?«

»Kein Schmarrn. Die ist mausetot. Ich bin hier kurz vor den Grünanlagen bei der Isar. In der kleinen Straße, die von der Schule zum Dings … äh … na, sag schon … zum … äh … Mittleren Ring führt. Ja, genau so ist es. Zum Mittleren Ring führt sie, die Straße. Nicht weit von der … äh … Brüdermühlbrücke. Okay? Kommst du?«

»Na gut. Ich komme mit den Kollegen, Max. Rühr dich nicht vom Fleck.«

Sie legten auf. Max steckte sein Handy wieder ein und rutschte ein paar Meter weit von der Leiche weg, zu dem Gebüsch neben der Einfahrt hin. Die ganze Sache wurde ihm unheimlich. Was, wenn der Täter noch in der Nähe war und ihn hier so besoffen und wehrlos, wie er war, vorfand? Der könnte ihn doch wie einen fetten, langsamen Käfer totschlagen, wenn er wollte. Während seines Platzwechsels stach ihn etwas in seinen rechten Handballen. »Scheiße, autsch!«, fluchte er erneut und zog eine winzige Metallnadel mit einem kleinen Button daran aus seiner Haut. Verwundert betrachtete er die glänzende Aufschrift ›SSG‹ darauf. Was sollte das denn heißen? ›Saufen-und-schlafen-Gesellschaft‹? Ja, so ein Schmarrn. Egal. Mitnehmen konnte man das Ding ja mal. Konnte man immer gebrauchen so was. Er verstaute das Corpus Delicti in seiner Geldbörse bei den Münzen und wartete auf Franz.

Keine drei Minuten später näherte sich ein Streifenwagen. Gott sei Dank, Franzi ist da, freute er sich. Das ging aber schnell. Ich habe doch gerade erst mit ihm gesprochen. Ist er geflogen? Oder ist es doch schon länger her, dass ich ihn angerufen habe? Habe ich ihn überhaupt angerufen? Scheiße. Egal, der fliegende Franz kann mich auf jeden Fall später heimfahren. Mit dem Gehen ist es wirklich schwierig heute. Haben die mir am Ende was ins Bier getan beim Griechen? Ich komm ja überhaupt nicht mehr hoch. Als der Wagen auf seiner Höhe war, begann er vom Boden aus zu winken.

»Hier bin ich Leute! Hier unten!«, rief er ihnen lallend zu.

Doch die Polizisten fuhren vorbei.

»Scheiße! Die Deppen haben uns nicht gesehen«, informierte er die Tote in der Einfahrt daraufhin und ließ erschöpft den Kopf hängen. Dann hörte er erneut, wie sich ein Auto und Stimmen näherten.

»Na, also, Sepp. Ich hatte doch recht. Da sitzt einer.«

»Ist ja gut, Hans. Wahrscheinlich hat er einen Rausch und ruht sich ein bisserl aus.«

Offensichtlich hatten die beiden Beamten gewendet. Sie stellten ihren Wagen am Straßenrand ab, stiegen aus und kamen auf Max, der wie festgeklebt auf dem Boden saß, zu.

»Hallo! Da seid ihr ja endlich, Leute. Wo ist der Franzi? Die Dings, äh … die Leiche liegt gleich da drüben!«, begrüßte er sie dämlich grinsend, während er auf die Garageneinfahrt deutete.

»Franzi haben wir keinen. Was sagen Sie da? Eine Leiche?« Der junge Streifenbeamte Hans Wieser legte die Hand an den Knauf seiner Dienstwaffe. Sein Körper straffte sich. Was grinst der Bursche dann so blöd?, fragte er sich. Waren Leichen etwas besonders Lustiges? Oder war er so besoffen? Oder sollte ihnen hier etwa ein Schwerverbrecher ins Netz gegangen sein? Ein Mörder? Das wäre ja was gewesen. Sein erster Schwerverbrecher gleich in den ersten zehn Dienstmonaten. Manche Kollegen mussten jahrelang auf so eine Gelegenheit warten. Das war ja richtig geil. Wie im Actionfilm. Nur echt.

»Grüß Gott, erst einmal, der Herr. Schaffen wir den Heimweg nicht mehr?« Sepp, der ganz im Gegensatz zu seinem unerfahrenen Beifahrer kurz vor der Rente stand, hatte sich breitbeinig vor Max aufgebaut und sah abwartend auf ihn hinunter.

»Ich bin der Max. Und ich warte hier auf mein Franzilein. Bin ganz schön Dings, äh … blau, Jungs. Besoffen. Ouzo und noch mal Ouzo und noch mal Ouzo und noch mal, ha, ha, und Bier, ei, ei, ei … Glaube ich zumindest. Versteht ihr? Das versteht ihr doch. Ihr seht so … saugut aus in euren Jacken. Echt, Mann.« Der normalerweise sehr sportliche und sehr präzise denkende Exkommissar machte im Moment alles andere als einen sportlichen und präzise denkenden Eindruck. »Bin vorhin auf die tote Frau da drüben in der Garageneinfahrt draufgefallen, und jetzt kann ich nicht mehr aufstehen. Klebe sozusagen fest, ha, ha, ha.«

»Dann bleiben Sie doch einfach hier bei mir sitzen, Max, bis sich mein Kollege Ihre sogenannte Tote genauer angeschaut hat«, ordnete Sepp an. »Wahrscheinlich ist es seine eigene Frau, und sie ist genauso besoffen wie er«, raunte er Hans danach zu, der daraufhin bestätigend mit dem Kopf nickend gleich mal zu der Toten hinüberging.

»Jawohl, Herr General. Wird gemacht. Ohne Widerrede. Ohne eine klitzekleine Widerrede … auf jeden Fall«, erwiderte Max. Er ließ sein Kinn auf die Brust sinken, da ihn gerade eine unwiderstehliche Müdigkeit übermannte.

»Sepp! Die rührt sich wirklich nicht mehr!«, rief Hans kurz darauf. »Außerdem ist hier überall Blut. Sieht ganz so aus, als hätte sie jemand abgestochen. Wahnsinn, ein echter Mord schätze ich mal.«

»Alles klar, Hans!«, entgegnete ihm Sepp. »Fass bloß nichts an und komm gleich wieder her zu uns. Das ist ein Fall für die Kripo.«

»Kripo? Ist mein Franzi endlich da? Franzilein!« Max hob ruckartig den Kopf. Er riss die Augen auf und blickte verwirrt um sich.

»Hier ist keine Kripo, Max, und auch kein Franzilein. Wie heißen Sie eigentlich richtig?«

»Maximilian. Max ist bloß ein Dings, äh … Kurzer … nein, Schmarrn, äh … Abkürzung. Genau.«

»Ach, tatsächlich? Und der werte Nachname?« Sepp musste grinsen, ohne es zu wollen.

»Raintaler. Max Raintaler heiße ich. Oder? Doch, doch. Max Raintaler. Der lustige Max aus Thalkirchen, genau der bin ich.« Er lachte kurz keckernd auf, um seine Lustigkeit unter Beweis zu stellen. Was habe ich eigentlich gerade gesagt?, fragte er sich. Keine Ahnung. Verdammt, was ist nur mit meiner Birne los? Scheiße, bin ich voll.

»Und hat der Herr Raintaler vielleicht auch einen Ausweis bei sich.«

»Logisch. Aber der Franzi kommt sowieso gleich. Mein lieber guter alter Franzi. Der kann euch auch sagen, wer ich bin. Exkommissar Max Raintaler, Kripo München. Heute Privatdetektiv, Musiker und Sportler. Jawohl, das bin ich. Und der lustige Max.«

»Ja, da schau her. Ein ehemaliger Kollege sind Sie also. Dann darf ich uns auch mal kurz vorstellen.« Sepp zeigte immer noch grinsend auf sich und Hans. »Wir sind Clint Eastwood und Sylvester Stallone. Lustig was?«

»Ja … sehr lustig, echt!« Max lachte erneut.

»Machen Sie schon Mann. Geben Sie Ihren Ausweis her, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Aber ein bisschen plötzlich.« Hans Wieser hatte unvermittelt seine Waffe gezogen und richtete sie auf Max. Seine Stimme klang dabei mindestens genauso gnadenlos wie die von Clint Eastwood in ›Dirty Harry‹.

»Hans! Das ist total übertrieben.«

»Was ist total übertrieben?« Der Jungbulle blickte für eine Millisekunde zu seinem Kollegen hinüber, dann richtete er seinen Fokus wieder auf Max, der im Moment gar nichts mehr verstand. Noch verwirrter als gerade eben, starrte er mit offenem Mund von einem zum anderen.

»Die Waffe. Tu sie weg!« Sepp trat neben seinen Kollegen und herrschte ihn ungeduldig an.

»Niemals. Das ist ein Schwerverbrecher. Der ist bestimmt selbst bewaffnet.« Hans trat von einem Bein auf das andere und leckte sich nervös die Lippen.

»Polizeioberwachtmeister Wieser. Auf der Stelle stecken Sie die Waffe wieder ein. Sonst kriegen Sie ein Disziplinarverfahren an den Hals, das sich gewaschen hat. Hamma uns? Ja, spinnst denn du jetzt komplett, Burschi? Wir sind doch hier nicht bei ›Police Academy‹.«

»Und was, wenn er uns dann erschießt?« Hans hielt seine Waffe nach wie vor im Anschlag.

»Wie soll der uns denn erschießen, du Depp. Der kann ja vor lauter Rausch nicht mal stehen. Und Pistole hat er auch keine. Bist du blind und blöd auf einmal oder was?« Sepp zog nun ebenfalls seine Dienstwaffe aus dem Halfter und hielt sie seinem Kollegen an die Schläfe. »Wumme runter, Hans!«, wiederholte er. »Sofort und auf der Stelle!« Seine Stimme klang dabei mindestens genauso gnadenlos wie die von Sylvester Stallone in ›Rambo II‹, wenn er erklärt, dass man, um den Krieg zu überleben, selbst zum Krieg werden muss.

»Ich kann euch meinen Ausweis gern geben. Es muss deswegen niemand sterben«, meinte Max kleinlaut, der vor lauter Schreck kurzfristig wieder etwas nüchterner wurde. »Hier, bitte.« Er hielt Sepp seine Brieftasche hin. »Im hinteren Fach bei den Visitenkarten ist mein Ausweis. Und Hauptkommissar Wurmdobler wird auch gleich hier sein. Den habe ich gerade am Dings, äh … Telefon verständigt. Wegen der Toten. Ich habe sie hier, so wie sie daliegt, aufgefunden. Ehrlich. Ich bringe keine Leute um.«

»Natürlich.« Hans Wieser lachte höhnisch auf.

»Genau. Ich suche lieber ihre Mörder. Und außerdem bin ich ja auch der lustige Max. Und ein Lustiger bringt keine Leute um. Stimmt’s nicht?«

»Was, Sie kennen den Franz Wurmdobler?«, staunte Sepp. »Ein guter Mann. Mit dem habe ich auch schon mal zusammengearbeitet. Da ging es um einen üblen Baubetrug mit Mord und so weiter.«

»Der Franzi war mein Kollege bei der Kripo. Und wir sind Dings, äh … Freunde. Wir kennen uns, äh … seit dem Kindergarten. Wir waren immer der ernste Franzi und der lustige Max. Oder war es umgekehrt? Keine Ahnung.«

»Ja, aber warum sagen Sie das denn nicht gleich, Herr Raintaler.« Sepp lächelte erleichtert.

»Habe ich doch. Aber Sie … äh … wollten mir ja nicht Dings, äh … zuhören, Sie kleiner Lauser, Sie.«

»Also, was ist hier passiert? Erzählen Sie mal. Und du tu endlich deine Pistole weg, Hans. Sonst hau ich dir eine aufs Maul, das dir dein Gesicht zwischen den Ohren rausfällt.« Sepp steckte seine eigene Waffe zurück ins Halfter. Und auch Hans folgte endlich seiner Aufforderung. Zähneknirschend und leise vor sich hin motzend zwar, aber er folgte.

»Also, es war so«, begann Max, während er den Zeigefinger hob. »Ich war beim Griechen am Bahndamm vorn. Sie wissen schon das kleine … Dings, äh na … Lokal mit der, äh … Garageneinfahrt als … Bierdings, äh …«

»Biergarten?« Sepp sah ihn fragend an.

»Biergarten, genau. Dankeschön, Herr Wachtmeister. Ich habe im Moment ein paar Schwierigkeiten mit meinem Dings, äh … Kopf.«

»Ja mei, das geht uns doch allen ab und zu so. Das kleine griechische Lokal beim Bahndamm kenne ich gut. Der Wirt gibt gern mal einen Ouzo aus, und lustig zugehen tut es da auch. Lauter nette Leute da. Stimmt’s, Hans?«

»Stimmt.«

»Na ja. Und mir hat er heute auch einige Ouzos ausgegeben, weil ich der lustige Max bin«, fuhr Max mit schwerer Zunge fort. »Deshalb wollte ich heim … glaube ich jedenfalls. Wissen tu ich es nicht so genau. Meine Freundin ist mit ihrer Freundin noch in die Stadt gegangen … also, glaube ich … Und wie ich hier entlang komme, liegen mir auf einmal diese Beine da drüben im Weg. Also … das ist jetzt echt sicher. Und als ich genauer hinschauen will, wer es ist, falle ich voll nach vorn auf sie drauf. Ja, und das war’s. Glaube ich.«

»Ach so, daher kommt das Blut auf ihrem rechten Arm und auf der Hand. Sie sind ein bisschen gestolpert. Stimmt’s, lustiger Max?« Hans Wieser grinste höhnisch. Offensichtlich glaubte er kein Wort von dem, was er gerade gehört hatte.

»Stimmt genau.« Max war momentan immun gegen Ironie. Er verstand sie nicht einmal. »Und dann habe ich mich aufgesetzt und meinen lieben Franzi angerufen, und der hat gesagt, dass er kommt. Glaube ich … Ich bin mir nicht so ganz sicher. Vielleicht habe ich alles auch bloß geträumt. Scheißkopf! Als wäre Nebel drin. Aber als ihr vorbeigefahren seid, dachte ich dann, dass es mein Franzi ist. So war das. Also … ziemlich sicher, äh … auf jeden Fall. Vielleicht.«

»Na also, Herr Raintaler. Da hat sich doch schon einiges aufgeklärt.« Sepp lächelte zurückhaltend. Er schien Max zu glauben. Auch das mit dem Blut. Zumindest sah es so aus, als wäre er nicht von vornherein gegen ihn eingestellt, wie sein übereifriger Kollege. »Dann warten wir jetzt nur noch kurz zusammen auf den Herrn Wurmdobler, und dann soll er den Fall übernehmen. Das hier ist schließlich Sache der Kripo, so wie es aussieht. Sehen Sie, so einfach kann alles sein. Hier bitte, Ihre Papiere zurück. Ich habe mir alles notiert.«

»Danke … Mann! Super.« Max nahm debil vor sich hin grinsend seine Brieftasche entgegen, stopfte sie in die rechte hintere Tasche seiner Jeans und schloss danach erschöpft die Augen. Herrschaftszeiten, in was für einen Schlamassel bin ich da bloß hineingeraten?, haderte er mit sich selbst. Hoffentlich ist Franzi bald da, sonst tun mir die zwei Volldeppen noch was an. Denen ist alles zuzutrauen. Was muss ich auch so viel Ouzo saufen? Das schadet doch sowieso bloß der Dings … äh … der Leber. Aber geschmeckt hat es schon. Oder? Kann mich nicht mehr dran erinnern. Ja, leck mich doch am Arsch, bin ich besoffen. Der Wahnsinn. Aber echt. Der absolute Wahnsinn. Auf jeden Fall.

2

»Aufwachen, Max! Hey, Max, wach endlich auf! Ja, wird’s bald, du alte Rauschkugel.«

»Franzi? Franzilein?« Max blickte mit flatternden Lidern in das runde Gesicht seines untersetzten glatzköpfigen Exkollegen.

»Max. Was machst du bloß für Sachen?«

»Ouzo, Franzi. Bloß ein paar beschissene Ouzos zu viel.« Er beugte sich zur Seite und beförderte lautstark und ohne Vorwarnung einen Teil des angesprochenen Anisgetränkes samt Essensbeilage und Bier auf den Gehsteig.

»So ist’s gut. Immer raus mit dem Dreck«, lobte ihn Franz und tätschelte freundschaftlich seine Schulter. »Na komm. Steh erst mal auf und setz dich in meinen Wagen. Oder leg dich am besten hinten rein und schlaf weiter. Das mit dem Verhör können wir später auch noch machen.«

»Verhör? Was für ein Verhör, Franzi?« Max, dem nur noch unglaublich schlecht war, versuchte mit aller Konzentration, die ihm noch zur Verfügung stand, seine Gedanken zu ordnen. Umsonst.

»Ein ganz normales Verhör. Was glaubst du denn? Schließlich bist du von zwei Streifenbeamten blutüberströmt neben einer Leiche aufgefunden worden.«

»Aha. Ach so … Stimmt ja. Aber ich habe dir doch am Dings, äh … Telefon gesagt, was los war. Oder haben wir gar nicht telefoniert?«

»Doch wir haben. Meine Herren, hast du einen Rausch!« Franz schüttelte den Kopf. »Ich glaube dir natürlich, dass du an der Sache hier unschuldig bist. Die Rechtsmedizin wird das morgen auch auf jeden Fall bestätigen, nehme ich an. Todeszeitpunkt und so, du weißt schon. Und deine Aussage, die du den beiden Streifenbeamten gegenüber gemacht hast, haben wir auch. Aber mitnehmen und verhören muss ich dich leider trotzdem. Das schreibt der Gesetzgeber vor. Das weißt du doch selbst.«

»Na gut, Franzi. Ist mir alles recht. Aber erst will ich schlafen. Mir geht es momentan wirklich nicht so, äh … gut.« Max beförderte eine weitere lauwarme Ladung Essen, Bier und Ouzo aus seinem Magen in die laue Nacht hinaus.

»Logisch. Kotz dich in aller Ruhe aus. Dann bring ich dich zum Wagen rüber. Und dann bekommst du eine schöne Zelle und eine gemütliche Pritsche auf dem Revier.«

»Eine Zelle? Willst du mich etwa verhaften?« Max schielte erstaunt zu Franz hinauf. Der spinnt wohl, dachte er.

»Schmarrn, Max. Aber so wie du beieinander bist, kann ich dich unmöglich allein nach Hause lassen. Oder willst du lieber ins Krankenhaus?« Franz wusste natürlich, dass er seinen Freund auf keinen Fall laufen lassen durfte, solange das mit der Tatzeit nicht geklärt war. Schließlich war Max so betrunken, dass er ohne Weiteres in den Tod der rothaarigen Frau hätte verwickelt sein können. Vielleicht sogar, ohne es selbst zu wissen. Da musste unbedingt erst mal Klarheit rein. Auch im Sinne von Max. Ganz besonders im Sinne von Max.

»Nein, auf keinen Fall. Im Krankenhaus gibt es diese, diese Dinger, äh … diese Viren, die einen umbringen. Das mit der Zelle geht schon klar, Franzi. Alles bestens. Ich bin wirklich sehr, sehr Dings, äh … müde.«

Nachdem Max seinen Magen wieder einigermaßen im Griff hatte, packte ihn der kleine dicke Franz unter den Armen und zog ihn hoch. Dann schleppte er ihn zu seinem Dienstfahrzeug hinüber und verstaute ihn auf der Rückbank. Sobald Max dort lag, begann er laut zu schnarchen.

Wie hat denn der überhaupt noch mit mir telefonieren können in seinem Zustand?, fragte sich Franz. So dicht habe ich ihn ja schon lange nicht mehr erlebt. Wie vergiftet. Ob sie ihm etwas ins Bier getan haben beim Griechen? Geh, Schmarrn. Überall sonst, aber doch nicht bei unserem kleinen Griechen. Auf keinen Fall. Das sind anständige Leute dort. Und wenn es jemand war, der sich an seinen Tisch geschlichen und ihm zum Beispiel heimlich ein paar K.-o.-Tropfen ins Bier gegeben hat? Aber den hätte man doch gesehen, oder? Ich muss Moni und Annie später unbedingt auch noch befragen, nicht nur Max. Und einen Doktor lass ich gleich auf dem Revier nach ihm schauen. Auf jeden Fall.

»Alle mal herhören, Leute«, wandte er sich an seine Kollegen und die Spurensicherung. »Ich fahre mit unserem Zeugen ins Revier. Ich will, dass ihr hier jedes Steinchen auf dem Gehsteig und jeden Grashalm auf dem Rasen neben der Einfahrt umdreht und überprüft. Ich nehme die Sache sehr persönlich. Alles klar?«

»Geht klar, Chef«, erwiderte Kriminalkommissar Bernd Müller, den sie in Kollegenkreisen wegen seiner teils überharten Verhörmethoden am Rande der Legalität auch den ›scharfen Bernd‹ nannten.

»Also, dann, bis später im Büro.« Franz stieg ein. Dann drehte er den Schlüssel seines dunkelblauen BMWs um und trat aufs Gaspedal.

Während sie die Sonnenstraße Richtung Stachus entlang fuhren, hörte er auf einmal ein lautes Geräusch von der Rückbank. Gleich darauf kehrte wieder Ruhe ein. Max hatte erneut erbrochen. Der ätzende Geruch, der von nun an wohl für sehr lange Zeit nicht wieder aus den Polstern verschwinden würde, stieg unbarmherzig in Franz’ Nase. Hektisch öffnete er alle Fenster und legte einen Zahn zu. Endlich in der Tiefgarage des Präsidiums angelangt, öffnete er sämtliche Türen, zog Max aus dem Wagen und machte sich daran, die gröbsten Spuren von dessen Hinterlassenschaft unter Zuhilfenahme einer großen Küchenrolle aus dem Kofferraum zu beseitigen.

»Na, warte, Bursche. Das kostet dich ein paar Hunderter. So viel ist sicher«, schimpfte er unterdessen mit zornesrotem Gesicht in Max’ Richtung, der zwei Meter weiter auf dem Boden saß und seinem Exkollegen mit wirrem Blick zusah. »Ich lass mir doch nicht in den Wagen kotzen. Auch nicht von meinem besten Freund. Warum hast du denn nichts gesagt? Dann hätte ich doch sofort angehalten.«

»War ich das, Franzilein?«

»Wer sonst. Und mit deinem blöden Franzilein darfst du gleich wieder aufhören. Verdammte Scheiße, so eine elende Sauerei.« Wutschnaubend riss Franz erneut ein paar Zellstofftücher von der Küchenrolle ab und säuberte die Tür damit.

»Aber ich bin doch betrunken, Franzilein. Es tut mir so leid. Alles tut mir leid. Mir tut es sogar total leid, dass es mich gibt. Ehrlich.« Der lustige Max ließ traurig seinen Kopf hängen.

»Halt einfach die Klappe, Max. Und warte, bis ich fertig bin. Okay?«

»Okay. Logisch. Auf jeden Fall. Ich bin still. Wie ein Mäuschen. Ein klitzekleines süßes Mäuschen.«

»Dann sei’s auch, Herrschaft noch mal.«

»Alles klar, ich bin still. Ehrlich. Kein Wort mehr. Ich schweige wie ein Mönch.«

»Schnauze!«

»Jawohl, Franzilein. Ich halte meine Schnauze und schau dir nur bei deiner Arbeit zu. Du machst das echt prima. Wirklich gut, Franzilein.« Max blickte bewundernd zu seinem Freund und Exkollegen auf. Er lächelte dabei wie ein wohlmeinender Großvater.

Wenn ich ihn hier unten erschieße, in den Kofferraum packe, mit ihm zur Isar rüberfahre und ihn hineinwerfe, werden sie mich dann des Mordes verdächtigen?, fragte sich Franz, während er weiter das Innere seines Autos abwischte. Bestimmt. Weil ich mit ihm hergefahren bin. Aber was, wenn ich sage, dass er mir abgehauen ist? Hm, das wird man mir auch nicht abnehmen, weil er zu besoffen zum Gehen ist. Ja, zefix aber auch. Muss ich ihn halt doch in die Ausnüchterungszelle raufschaffen. Kotzt der blöde Sack mir doch glatt meinen schönen Dienstwagen voll. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Aber wirklich.

Er wischte die Rückbank samt Boden und Tür so gut es ging sauber und warf die benutzten Papiertücher in den Müllcontainer, der zehn Meter entfernt an der Wand stand.

»Später wird die Kiste professionell gereinigt. Rate mal, wer das bezahlt«, wandte er sich dann an Max, der in regungslosem Dämmerzustand im Schneidersitz auf dem öl- und gummiverschmutzten Betonboden kauerte.

»Ich, Franzilein?«

»Genau, Max. Das bezahlst du. Wer so viel saufen kann, dass ihm derart schlecht wird, der hat auch bestimmt genug Geld für eine gründliche Autoreinigung. Richtig?«

»Richtig. Ich bin an allem schuld. Auch an der Finanzkrise.« Max hörte sich an wie ein buddhistischer Mönch bei der Meditation.

»Warum denn an der Finanzkrise?«

»Warum nicht? Irgendwer muss ja daran schuld sein.«

»Stimmt auch wieder. Und jetzt Schluss mit dem Schmarrn. Ich bring dich erst mal in deine Koje. Dann schläfst du deinen Rausch aus, und morgen sehen wir weiter.«

3

»Sag mal, was war den vorhin mit Max los, Moni? So besoffen habe ich den ja noch nie erlebt.« Anneliese im lässigen, sandfarbenen Overall von Michalsky blickte ihrer besten Freundin im kurzen Schwarzen von Patrizia Pepe neugierig über den Rand ihres Champagnerglases hinweg in die leuchtend blauen Augen.

»Keine Ahnung. Ich habe mich auch gewundert«, erwiderte Monika kopfschüttelnd. »So viel hat er doch gar nicht getrunken. Vier Bier und drei oder vier Ouzos. Normalerweise verträgt er das, ohne mit der Wimper zu zucken. Na gut, einen kleinen Schwips hat er dann schon, aber doch keinen solchen Bombenrausch wie vorhin. Ich habe schon ein ganz schlechtes Gewissen, weil wir ihn allein nach Hause gehen ließen.«

»Vielleicht ist er ja krank?«, erwiderte Anneliese, ohne auf die Sache mit dem schlechten Gewissen einzugehen. Sie war schon immer der Meinung, dass ausgewachsene Mannsbilder für sich selbst verantwortlich waren und damit basta.

»Wie krank?«

»Na ja, ein Virus, ein Infekt. Das kann doch sein. Da ist man total fertig, und vertragen tut man auch nichts mehr.«

»Ich weiß nicht. Dann hätte er doch was gesagt. Oder zumindest Fieber gehabt.« Monika blickte nachdenklich auf die kleinen Gasperlen, die vom Boden ihres Glases an die Oberfläche stiegen. Gasperlenspiel statt Glasperlenspiel, dachte sie mit einem flüchtigen Lächeln.

»Schon komisch.«

»Aber wirklich.«

»Wollen die Damen tanzen?« Ein fescher junger Mann im maßgeschneiderten dunklen Anzug mit ebenso dunklen, glattgekämmten Haaren stand wie aus dem Nichts nebst feschem Freund vor ihrem runden Stehtischchen und strahlte sie mit einem charmanten, blendend weißen Lächeln an.

Ja, holla. Die Jungs hier in der ›High Society Bar‹ werden echt immer noch besser, registrierte Anneliese. Sie und Monika gingen an ihren gemeinsamen Frauenabenden seit Jahren immer wieder gern auch in den kleinen exklusiven Club in der Münchner Innenstadt. Hier konnte man sich wenigstens schick anziehen und fühlte sich deswegen nicht gleich overdressed. Schauspieler, Prominenz und das große Geld gaben sich vor allem am Wochenende ein buntes Stelldichein. Angenehme Abende bis in den frühen Morgen, ohne großes Discogetöse oder sonstiges Remmidemmi waren die Folge.

»Tanzen? Warum nicht. Was meinst du, Moni?« Anneliese umspielte mit den Fingern ihr Champagnerglas und warf mit einer behutsamen Kopfbewegung die Haare ihres vorgestern bei Vidal Sassoon frischgestylten blonden Pagenkopfes nach hinten.

»Im Moment nicht. Ich mach mir gerade zu viel Gedanken um Max.« Monika trank einen Schluck und lächelte den beiden dunkelhaarigen Kavalieren freundlich ablehnend zu.

»Ach, komm. Hab dich nicht so. Max weiß sich schon zu helfen. Er ist erwachsen. Oder etwa nicht?« Anneliese bedachte sie mit einem langen auffordernden Blick.

»Na gut. Hast recht. Lass uns tanzen. Soll er halt nichts trinken, wenn er es nicht verträgt.«

»Eben.«

Sie reichten ihren galanten Verehrern die Hände und ließen sich von ihnen zur Tanzfläche führen. Eine Salsa wurde gespielt. Gott sei Dank was Schwungvolles, dachte Monika. Hoffentlich haut es mich mit meinen neuen High Heels nicht um. Zum Tanzen taugen die normalerweise nicht so gut.

Oh, là, là, sagte sich Anneliese, Gott sei Dank was Erotisches. Dass ich doch immer wieder auf diese südländischen Typen abfahre. Da kann man wohl nichts machen. Ist halt nun mal so. Wahrscheinlich liegt es in meinen Genen.

»Hey, Finger weg! Was soll denn das?«, beschwerte sich Monika bei ihrem Tanzpartner, kurz nachdem sie losgelegt hatten. Sie schob seine Hand von ihrem Po weg.

»Nun sei doch nicht so zickig, Mädchen. Die Salsa ist nun mal ein erotischer Tanz. Da wird immer ein bisschen gefummelt«, erwiderte er mit einem strahlend weißen Macholächeln und packte erneut zu.

»Geht’s Ihnen zu gut?« Monika befreite sich aus seinem Griff und schlug dem aufdringlichen Burschen mit der flachen Hand ins Gesicht. »So etwas Unverschämtes ist mir hier drinnen noch nie passiert!«, rief sie dem Ober, der gerade in der Nähe stand, empört zu, während sie im Eiltempo zu ihrem Tisch zurückstapfte.

Ihr Galan, sein Freund und Anneliese blieben mit offenem Mund stehen, wo sie gerade waren. Dann stürmte Anneliese ihrer Freundin hinterher. »Was hat der Kerl dir getan, Moni? Sag schon«, wollte sie wissen, als sie ebenfalls bei ihrem kleinen Bistrotischchen angelangt war.

»Er hat mir an den Hintern gefasst.« Monika schnaubte vor Wut.

»Na ja …«, wollte Anneliese sie beschwichtigen.

»Nichts da ›na ja‹, Annie. Ich hasse es, wenn mich fremde Typen einfach so betatschen. Das ist widerlich!«

»Hast ja recht. Die zwei sehen zwar gut aus, aber in der Birne scheinen sie nicht viel zu haben. Eigentlich ist es das erste Mal, dass uns hier drinnen solche Hohlköpfe begegnen. Ach, du Scheiße, jetzt kommen sie auch noch her.« Anneliese stieß Monika ihren Ellenbogen in die Rippen und zeigte auf ihre zwei geschniegelten Tanzbären, die gerade mit lässigen Schritten im Anmarsch waren. Einziger Unterschied zu vorhin: Sie lächelten dabei nicht mehr charmant.

»Sag mal, spinnst du total, Alte, mir einfach eine runterzuhauen!« Monikas Extanzpartner baute sich direkt vor ihr auf. Ihre Fingerabdrücke leuchteten immer noch rot auf seiner linken Wange. Sein kleinerer Freund trat neben ihn. Wohl zur Verstärkung.

»Was soll das jetzt?«, blaffte ihn Anneliese an, die wiederum ihrer Freundin zur Seite stand. Ihre Augen funkelten zornig. »Haben Sie immer noch nicht genug?«

»Wann ich genug habe, entscheide ich immer noch selbst, blöde Fotze«, erwiderte er in Richtung Anneliese. Dabei fixierte er Monika mit einem Blick, den er wohl für unglaublich gefährlich hielt.

»Sie glauben anscheinend ernsthaft, dass uns Ihr schlechtes Benehmen in irgendeiner Form Angst macht, was? Schleicht euch, Burschen, aber ganz schnell. Sonst gibt’s gleich noch eine aufs Maul. Hamma uns?«, fauchte Monika unbeeindruckt.

»Hilfe! Herr, Ober! Wir werden belästigt«, rief Anneliese in Richtung Tresen. Doch der Barmann tat so, als hätte er nichts gehört, und begann damit, Gläser zu waschen. »Hast du das gesehen, Moni? Der schaut einfach weg. Ein Skandal. Hilfe! Warum hilft uns denn niemand?«

Kein Ober und keiner der anwesenden, sogenannten vornehmen Gäste nahm Notiz von den beiden hysterischen Weibern, die man zwar schon ab und zu hier gesehen hatte, die aber auf keinen Fall dazugehörten. Wenn man hier dazugehören wollte, musste man schon einen Fernsehsender besitzen oder eine Baufirma oder eine bekannte Berühmtheit sein oder zumindest Stadtrat. Aber zwei aufgetakelte kleine Vorstadtmiezen. Lächerlich. Die Burschen bei ihnen drüben würden schon wissen, warum sie ihnen den Kopf zurechtrücken wollten. Schließlich war die eine gerade sogar handgreiflich geworden.

»Passt schon, Annie. Alles feige Wichser. Mit den zwei Gipsköpfen hier werden wir locker allein fertig.« Monika streifte ihre roten High Heels ab, nahm die Jiu-Jitsu-Grundstellung ein, die sie jahrelang bis zum Erreichen des schwarzen Gürtels eingeübt hatte, und sah ihre beiden Angreifer abwechselnd auffordernd an. »Na, kommt schon Jungs. Greift schon an. Eure Blicke betteln ja förmlich nach Prügel.«

»Das brauchst du mir nicht zweimal zu sagen«, erwiderte der Größere von beiden. Er holte zum Schlag aus, doch ehe er sich’s versah, lag er auf dem Boden. Monika kniete über ihm und hielt ihn mit einem für ihn äußerst unangenehmen Handgelenkhebel in Schach.

»Wie war das?«, tönte sie höhnisch. »Du wolltest dich bei mir entschuldigen. Nur zu.« Sie verdrehte seine Hand noch mehr, bis er vor Schmerzen aufschrie.

»Lass los, du Fotze. Ich bring dich um.«

»Ach, wirklich? Und wie willst du das anstellen?« Sie drehte erneut etwas weiter. »Und du rührst dich nicht von der Stelle«, wandte sie sich währenddessen an seinen kleineren Freund, der die Szenerie ungläubig beobachtete. »Sonst breche ich deinem Kumpel die Hand und dir danach den Arm. Ist das klar?«

»Ist klar. Kein Problem. Ich entschuldige mich auch, wenn Sie das wollen.« Er blickte abwechselnd untertänig lächelnd von Monika zu Anneliese.

»Dein sauberer Freund hier soll sich entschuldigen«, erklärte ihm Monika. Sie ließ ihr rechtes Knie in den Brustkorb ihres Gegners krachen, der daraufhin erneut laut aufschrie.

»Okay. Ich entschuldige mich, Fotze«, haspelte er. »Aber hör endlich auf. Du brichst mir ja noch den ganzen Arm.«

»Ich entschuldige mich, Madame, heißt es.« Monika drückte ihr Knie noch etwas fester zwischen seine Rippen.

»Ja, ja. Ich entschuldige mich, Madame.«

»So etwas wird nicht wieder vorkommen.«

»Von mir aus. So etwas wird nicht wieder vorkommen. Aber jetzt lass mich endlich los.«

»Wie heißt das Zauberwort mit den fünf Buchstaben?«

»Bitte?«

»Na gut.« Monika löste ihren Griff und stand auf. »Sonst noch Probleme?«, erkundigte sie sich bei den beiden, während sie wieder in ihre Schuhe schlüpfte.

»Nein. Auf keinen Fall. Wir sind sozusagen schon weg«, erwiderte der Kleinere von beiden. Er half seinem Kollegen auf die Beine, dann trollten sie sich eilig Richtung Ausgang.

»Gehen wir auch, Rambo?«, fragte Anneliese grinsend. »Ich habe keine große Lust, länger in einem Scheißladen zu bleiben, in dem Frauen nicht mal geholfen wird, wenn sie lebensgefährlich bedroht werden.«

»Ich auch nicht. Lass uns aber noch zehn Minuten warten, bis die zwei Idioten das Weite gesucht und gefunden haben.«

»Okay. Trinken wir unsere Flasche leer und dann nichts wie raus hier. Herrje, wenn du nicht so gut kämpfen könntest, hätten wir gerade ganz schön alt ausgesehen.« Annelieses Blick drückte nichts als reine Bewunderung aus.

»Das stimmt allerdings!« Monika krönte ihren Triumph mit einem stolzen Lächeln. »Das jahrelange Jiu-Jitsu-Training lohnt sich doch immer wieder.«

»Wenn wir das Max erzählen, will er bestimmt gleich morgen Abend noch mal mit uns hierher kommen, um unter dem Personal aufzuräumen. Bestimmt will er sehen, ob die auch so feige sind, wenn es um ihre eigene Haut geht.«

»Aber da dürfen wir vorher auf keinen Fall zum Griechen. Sonst kommen wir mit ihm nicht weit.« Monika lachte laut auf.

Anneliese stimmte ein. Dann tranken sie jede einen großen Schluck aus ihren Champagnergläsern.

»Guten Abend, die Damen. Mein Name ist Dorer. Ich bin der Geschäftsführer hier.« Ein großer, leicht übergewichtiger dunkelhaariger Bayer in bodenlanger dunkelbrauner Lederhose und weißem Trachtenhemd unter einer exklusiven Filzjacke ohne Ärmel hatte sich neben sie gestellt. An den Füßen trug er mit kleinen bunten Glasperlen geschmückte Indianermokassins. Er blickte sie ohne das geringste Lächeln in seinem glattrasierten Gesicht an.

»Ach, Herr Dorer. Das passt ja wunderbar«, erwiderte Anneliese mit spitzem Ton. »Werden eigentlich täglich Frauen in Ihrem sogenannten Etablissement hier angegriffen? Und hilft denen dann auch niemand? Eine schöne Wirtschaft habt ihr hier beieinander. Ja, pfui Teufel.«

»Meine Damen, ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen zu diskutieren, sondern, um Sie zu bitten, mein Lokal zu verlassen. Und zwar auf der Stelle. Wir lieben hier keine unangenehmen Zwischenfälle. Der Champagner geht aufs Haus.« Seine Miene blieb während dieser für die beiden Freundinnen völlig überraschenden Ansage absolut regungslos.

»Was?«, kam es von Monika und Anneliese unisono. Sie starrten ungläubig in seine Richtung.

»Sie wollen uns rauswerfen, weil wir angegriffen wurden? Sind Sie noch ganz dicht?« Monika hatte sich als Erste wieder im Griff. Kopfschüttelnd blickte sie von Dorer zu Anneliese und zurück. Der muss wahnsinnig sein, dachte sie. Anders ist das Ganze gar nicht möglich. Sieht man schon daran, wie er sich anzieht. »Warum hat uns denn niemand geholfen, als die Burschen uns angegriffen haben? Wollen Sie uns das vielleicht mal erklären?«

»Bitte gehen Sie, meine Damen. Sonst rufe ich die Polizei.«

»Jetzt wird’s mir aber zu bunt.« Anneliese konnte nicht mehr an sich halten. »Ich glaub, ich bin im falschen Film. Sind denn hier alle total verrückt geworden? Rufen Sie doch die Polizei, Sie Blödmann. Dann werden wir schon sehen, wer hier wegen unterlassener Hilfeleistung vor den Kadi geschleppt wird. Also los!«

Sie und Monika sahen sich an und wussten nur, dass hier heute Abend etwas Ungeheuerliches ablief. Das alles war nichts als eine ganz üble Verschwörung gegen sie, bei der nun endgültig alles außer Kontrolle zu geraten schien.

»Was soll das Ganze, Herr Dorer? Die beiden jungen Männer haben uns belästigt, und daraufhin haben wir uns gewehrt. Was soll daran falsch sein?« Monika versuchte es noch einmal in ruhigerem Tonfall.

»Nichts ist daran falsch, gnädige Frau, denke ich zumindest. Aber wir wollen hier keine prügelnden Gäste. Ich wiederhole es noch einmal: Bitte gehen Sie – oder ich rufe die Polizei.« Er stand vor ihnen wie eine Kastanie im Biergarten. Riesig und unerschütterlich. Und höchst selbstgerecht sah er dabei obendrein aus. Ein richtiger eingebildeter Depp halt, wie aus dem Bilderbuch.

»Wissen Sie was, guter Mann? Sie dürfen uns mal gern haben. In zehn Minuten gehen wir. Aber vorher trinken wir unser Getränk noch aus. Da können Sie sich auf Ihren Holzkopf stellen und mit den Füßen wackeln, solange Sie wollen. Wenn Sie meinen, deshalb die Polizei holen zu müssen, dann steht Ihnen das frei. Sie haben ja einen ausgewachsenen Vogel. Auf Wiederschauen.« Anneliese drehte dem Barbesitzer ihren Rücken zu und schenkte ihre Gläser noch mal voll.

»Wie Sie wünschen, meine Damen.« Dorer holte ungerührt ein silberfarbenes aufklappbares Handy aus der Innentasche seiner Jacke. »Ja, Polizei? Heribert Dorer hier, von der ›High Society Bar‹, gleich beim Vierjahreszeiten«, sprach er kurz darauf hinein. »Ja genau, Richtung Marienplatz. Wir haben hier zwei Randalierer, die das Lokal trotz mehrmaliger Aufforderung nicht verlassen wollen. Würden Sie bitte eine Streife vorbeischicken? Dankeschön. Auf Wiederhören.« Er steckte sein Telefon wieder ein und blieb regungslos neben Anneliese und Monika stehen.

4

»Wache! Wache! Hier ist abgesperrt. Ja, spinn ich denn? Was ist den hier los? Wache!« Max hielt sich den Kopf vor Schmerzen. Wieso saß er in einer Zelle? »Hey! Hört mich denn niemand? Ja, Herrschaftszeiten noch mal. Lasst mich sofort hier raus, ihr Wahnsinnigen!«

Nichts. Keine Reaktion. Er schlurfte von der grauen Stahltür zu seiner Pritsche zurück und streckte sich stöhnend darauf aus. Was war nur geschehen? Er konnte sich nicht im Mindesten daran erinnern, wie er hierhergekommen war, und an den gestrigen Abend auch nicht. Er war mit Monika und Anneliese beim Griechen gewesen, so viel drang noch zu seinem Bewusstsein durch. Dass er Kalamari vom Grill mit Tsatsiki gegessen hatte, wusste er auch. Aber wie es nach dem zweiten Bier weitergegangen war, wollte ihm ums Verrecken nicht mehr einfallen. Nach zwei Bier einen Vollrausch? Da stimmte doch was nicht. Ich vertrage doch normalerweise locker das Dreifache, sagte er sich.

Sein Handy ließ das Lied vom Tod ertönen. Gott sei Dank. Wenigstens das Telefon hatten sie ihm gelassen. Er sah auf die Uhr. Kurz vor neun. Wer mochte das sein? Er ging ran.

»Max! Du glaubst nicht, was Anneliese und mir passiert ist.« Monikas Stimme strotzte vor Empörung.

»Aha!« Was sollte er sonst sagen?

»Stell dir vor, sie haben uns aus der ›High Society Bar‹ rausgeworfen.«

»Ich mag den Scheißladen sowieso nicht«, erwiderte er. Seine Kopfschmerzen waren nahezu unerträglich. »Habe ihn noch nie gemocht. Die haben so einen arroganten Sack als Chef. Nicht mein Fall. Was ist daran so schlimm?«

»Schlimm ist, dass die ganze Sache völlig ungerechtfertigt war, und dass uns zwei übereifrige Streifenbeamte auch noch mit aufs Revier genommen haben, wo wir bis um drei Uhr morgens unsere Aussage machen mussten. Gott sei Dank gaben sie uns recht, und Gott sei Dank muss ich heute nicht arbeiten, weil Montag ist und meine kleine Kneipe Ruhetag hat. Aber trotzdem, Max …« Sie keuchte vor Wut.

»Das findest du also schlimm, Moni?«

»Ja, natürlich. Dir ist das natürlich wieder egal. Stimmt’s?«

»Wie kommst du darauf?«

»So halt.«

»Aha.«

»Eben.« Sie schnaufte ärgerlich auf.

»Soll ich dir mal sagen, was wirklich schlimm ist?«

»Nur zu. Ich bin ganz Ohr.« Monika konnte einen unglaublich zickigen Tonfall an den Tag legen, wenn sie wollte.