Wer mordet schon am Chiemsee? - Michael Gerwien - E-Book

Wer mordet schon am Chiemsee? E-Book

Michael Gerwien

4,7

Beschreibung

Ob im Strandbad am Chiemsee, in einer Hütte in den Bergen oder auf dem Weihnachtsmarkt, ob Mord, Betrug oder Diebstahl. Babs Bauer legt den kleinen und großen Gaunern das Handwerk. Da sie selbst keine Polizistin ist, sondern lediglich begeisterte Hobbydetektivin, tut sie das meistens als freie Assistentin ihres Bruders Sepp, einem gestandenen Hauptkommissar bei der Kripo Traunstein. Zwölf spannende Kurzkrimis in einer der schönsten Urlaubsregionen Bayerns, viele wertvolle Freizeittipps inbegriffen.

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Michael Gerwien

Wer mordet schon am Chiemsee?

12 kurze Krimis und 225 Freizeittipps

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75/20 95-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlagbild: © Ulrich Müller – Fotolia.com und

© by-studio – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4304-6

Im Strandbad

»Anscheinend habe ich wieder mal viel zu viel eingepackt.« Die mittelgroße, schmale Barbara Bauer blickte kopfschüttelnd auf den riesigen schwarzen Hartschalenkoffer zu ihren Füßen, den sie gerade ächzend und stöhnend vom Rücksitz ihres frisch aufgemotzten pinkfarbenen VW-Golf auf den Gehsteig gewuchtet hatte. »Egal, auf jeden Fall muss er ins Haus«, murmelte sie entschlossen.

»Wo bleibst du denn? Das Essen wird kalt.« Ihre Mutter Eva stand ungeduldig winkend in der Haustür. Die mollige Siebzigjährige trug wie immer ihren grau und weiß gestreiften Hauskittel, der ihr bis über die Knie reichte. Trotz des heißen Sommertages hatte sie ein weißes Kopftuch über den grauen Haaren. Sie war seit ein paar Jahren sehr empfindlich was Zugluft betraf. Ihre Füße steckten in vorne offenen, hellbraunen Pantoffeln mit kleinem Absatz.

»Gleich, Mama. Du siehst doch, dass ich schwer zu schleppen habe.« Das geht ja schon wieder gut los, dachte Barbara, die von allen nur Babs genannt wurde. Hoffentlich beruhigt sie sich bald wieder. Eigentlich wollte ich mich hier erholen.

Stress hatte sie in München gerade mehr als genug. Da musste sie nur an diesen dämlichen unfreundlichen Yuppie denken, der seit acht Wochen seine Bude gleich unter ihrer renovierte. Bis spät in die Nacht hinein. Er arbeite beim Fernsehen und habe erst spätabends Zeit, etwas an der Wohnung zu machen, hatte er zu ihr gesagt, als es ihr letzten Sonntag zu blöd geworden war und sie bei ihm geklingelt hatte. Außerdem habe er das Recht, Umbaumaßnahmen durchzuführen, wann und wie er wolle. Der Hausbesitzer habe ihm das ausdrücklich erlaubt. Eingebildeter Volldepp. Seine Wände mussten längst wie Emmentaler ausschauen, soviel wie er herumbohrte und hämmerte.

Sie wohnte seit ihrem Informatikstudium abwechselnd in München und am Chiemsee. Beides hatte Vor- und Nachteile. In der Stadt war mehr los. In ihrem großzügigen Elternhaus am Ortsrand von Übersee war dafür mehr Platz. Und hinter dem Haus der weitläufige Garten und die felsgekrönten Berge, sowie vorne der Blick auf den blau und grün schimmernden Chiemsee, das war schon einfach traumhaft.

Hier draußen konnte sie in aller Ruhe ihren liebsten Hobbys frönen: Im nahegelegenen Strandbad 1 schwimmen, durch die schattigen Auen und die faszinierende Bergwelt rundherum wandern, radeln, joggen, im Winter Skifahren und Langlaufen und vor allem Krimis lesen. Ob alt oder neu, ob regional oder überregional, ob furchteinflößend oder lustig, sie verschlang sie in rauen Mengen. Zu ihrem Glück ließ ihr Job als Programmiererin diese privilegierte Lebensweise mit zwei Wohnsitzen ohne Weiteres zu, da sie projektweise arbeitete und somit, sowohl zeitlich als auch örtlich, weitgehend unabhängig war.

»Soll ich dir helfen, Babs?«, erkundigte sich ihre Mutter halbherzig.

»Nein, lass nur, Mama. Das Ding ist viel zu schwer für dich.« Babs wusste genau, dass die Frage rein rhetorischer Natur gewesen war. Sie stellte den Koffer auf die Rollen und zog ihn, an den üppigen farbenfrohen Blumenbeeten seitlich des Weges vorbei, hinter sich her. Zu blöd, dass es von der Straße zum Haus hinüber auch noch leicht bergauf ging. Sie ächzte und stöhnte vor Anstrengung. Da half die ganze Kondition nichts, die sie sich seit Jahren im Fitnessstudio und beim Joggen an der Isar draufschaffte.

»Was musst du auch immer so viel Zeug mitschleppen.«

»Schon recht, Mama. Geh ruhig wieder rein. Ich komme gleich zum Essen ins Wohnzimmer.« Babs verdrehte ihre dunkelgrünen, temperamentvoll blitzenden Augen. Wieso konnten Mütter eigentlich, selbst wenn man bereits honorige 38 war, nicht mit ihrer Klugscheißerei aufhören? Weil man für sie ein Leben lang ein unmündiges Kind blieb? Es sah ganz danach aus.

»Stell den Koffer im Flur ab. Der Sepp soll ihn dir nachher in dein Zimmer hochtragen.«

»Ja, ja.«

Sepp war Babs’ zwei Jahre jüngerer Bruder. Schwarzes kurzgeschorenes Haar, dazu stahlblaue Augen und ein durchtrainierter Körper, um den er von Freunden, Bekannten und Fremden gleichermaßen beneidet wurde. Richtig hieß er Engelbert, nach seinem Großvater mütterlicherseits. Den Namen hatte er aber bereits als Kind wie die Pest gehasst und sich deshalb gleich in der ersten Klasse jedem, inklusive dem Lehrer, als Sepp vorgestellt. Nach seinem Großvater väterlicherseits. Seitdem wurde er von aller Welt auch so genannt. Nach einiger Zeit sogar von seiner Mutter, die ihn, sehr zu seinem Verdruss, anfangs immer noch stur bei seinem Taufnamen gerufen hatte. Skifahren, Segeln, Surfen, Rennradfahren, Tennis, Bergwandern, Canyoning, Eisklettern, Karate. Es gab wohl keine Sportart, in der er nicht zu Hause war. Das Geld für seine teilweise nicht gerade billigen Hobbys verdiente er als Hauptkommissar der Polizeiinspektion Traunstein, nicht weit von der Heilig Kreuz Kirche 2.

Nach dem Essen zog sich Babs auf ihrem Zimmer um. Natürlich hatte ihr Sepp vorher mit dem Koffer geholfen. Der begeisterte Junggeselle lebte zwar seit Jahren in seiner eigenen kleinen Zweizimmerwohnung in Traunstein, kam aber beinahe täglich zum Mittagessen zu den Eltern nach Hause. Bei der Mama schmeckte es halt immer noch am besten. Babs entschied sich für ein hellgraues T-Shirt zu ihren weißen Shorts, trug sorgfältig ihren knallroten Lieblingslippenstift auf, den sie täglich mindestens 20 Mal zur Hand nahm, steckte ihre langen brünetten Haare hoch, setzte ihr weißes Lieblingskäppi auf, packte ihren neuen schwarzen Bikini sowie den alten roten zum Wechseln ein, blickte kurz kritisch in den mannsgroßen Spiegel in der Tür ihres Kleiderschranks, befand für einigermaßen zufriedenstellend, was sie sah – es könnte natürlich immer alles noch besser sein –, stieg die Treppen hinunter, streifte im Flur ihre weißen Stoffturnschuhe über und eilte in die Garage gleich rechts neben der Haustür. Dort schnappte sie sich ihr altes, aber voll funktionstüchtiges Mountainbike und fuhr geradewegs durch die rund herum üppig blühende Landschaft zum See hinunter. Die ganze Autofahrt über hatte sie sich bereits auf die ersten erfrischenden Schwimmzüge in den kühlen Fluten des bayrischen Meeres gefreut. Was bei den heutigen 30 Grad Lufttemperatur und dem strahlenden Sonnenschein auch weiter kein Wunder war.

Babs war nicht auf nette oder oberflächliche Weise hübsch. Mit ihren eigenwilligen Gesichtszügen war sie eher das, was man landläufig eine klassische Naturschönheit nannte. Jedoch ohne dabei streng zu wirken. Die hohen Wangenknochen, die gerade Nase und ihre lebhaften Augen hatten, genauso wie ihre schlanke wohlproportionierte Figur, nicht den geringsten Makel an sich. Einige ihrer Verehrer waren der Meinung, dass ihre äußere Perfektion fast schon langweilig war. Andere wiederum, die im Laufe der Jahre ihren wachen Verstand und ihr großes Herz kennengelernt hatten, fanden sie einfach nur hinreißend.

Sie stellte ihr Fahrrad vor dem Strandbad ab und ging auf das Kassenhäuschen zu. Dabei fiel ihr ein, wie oft sie als Kind und vor allem als Jugendliche hier gewesen war. Sie und ihre Clique hatten die beste Zeit ihres Lebens gehabt, damals als sie noch das Ludwig-Thoma-Gymnasium in Prien 3, dem größten Ort direkt am Chiemsee, besuchte. Nachdem sie Eintritt bezahlt hatte, suchte sie sich einen schattigen Platz nicht weit vom Wasser und legte sich erst einmal gemütlich auf ihr großes buntes Badetuch.

»Hey, Babs. Auch mal wieder da?« Ihre alte Schulkameradin Sonja Kühnhauser stand wie aus dem Nichts neben ihr. Wie immer im angesagtesten Bikinimodell und mit der trendigsten Frisur auf dem Kopf, die für Geld zu haben war. Sonja fuhr dafür extra nach München, hatte sie Babs einmal anvertraut. Jeden einzelnen Euro wäre es ihr wert. Ihre Haare glänzten als platinblonder Pagenschnitt im gleißenden Sonnenlicht. Der Bikini war schwarz, da sich Kontraste gegenseitig nun einmal am besten zur Geltung brachten.

Letztes Jahr waren ihre Haare doch noch kastanienbraun und lang gewesen. Oder rot? Auf jeden Fall dunkler. Babs konnte sich nicht genau daran erinnern. »Schaut so aus, Sonja.«

»Und wie läuft es so in der Hauptstadt?«

»Alles bestens. Das Auftragsbuch ist voll.«

»Und?«

»Und was?« Babs zog fragend die Brauen hoch.

»Na, was wohl. Hast du endlich einen Freund?« Sonja sah sie erwartungsvoll an.

»Sag ich dir nicht.« Babs machte ein geheimnisvolles Gesicht.

Jedes mal war es dasselbe, wenn ihr Sonja begegnete. Für die schon zu Schulzeiten auffällige Schönheit aus Trostberg gab es nur ein Thema, das sie wirklich interessierte: Männer. Dass sie dabei immer wieder schwere Enttäuschungen hinnehmen musste, schien ihr weiter nichts auszumachen. Halt, Moment. Es gab doch noch ein Thema neben den Männern, das Sonja brennend interessierte: Geld.

Babs fand beides sterbenslangweilig. Männer waren meistens sowieso Schufte und den Liebeskummer nicht wert, den man wegen ihnen hatte, siehe Sonja, und Geld brauchte man, soviel man eben brauchte. Dank ihres gutbezahlten Jobs und weil sie sparsam lebte, hatte sie ihre Finanzen fest im Griff. Gut, sie gab manchen sauer verdienten Euro für ihren Dirndl-tick aus, hatte eine ansehnliche Sammlung davon in ihrem aus allen Nähten platzenden Kleiderschrank in der Münchner Wohnung, und besondere Schuhe liebte sie auch, und ihren Lieblingslippenstift brauchte sie, Rouge Coco von Chanel. Bei den Farben wechselte sie je nach Jahreszeit. Im Frühling und Sommer bevorzugte sie das kräftige Cambon oder Paradis, im Herbst und Winter ging sie gerne zu dezenteren helleren Tönen über. Aber ansonsten war sie wirklich genügsam. Doch, doch. Auf jeden Fall.

»Ach, komm schon, Babs.« So schnell wollte Sonja offensichtlich nicht aufgeben.

»Nein. Männer sind kein Thema. Gehst du mit ins Wasser? Ich brauche dringend eine Abkühlung.«

»Gerne. Kann ich meine Zigaretten und meinen Geldbeutel solange in deiner Badetasche lassen.«

»Logisch.«

Nachdem sie erfrischt zurückgekehrt waren, hatte sich Sonja in die BeachBar verabschiedet. Babs versprach ihr, bald nachzukommen. Sie wollte erst noch ein wenig in der Sonne liegen und entspannen. Außerdem hatte sie einen brandneuen Krimi dabei, den sie sich heute Morgen noch in ihrer liebsten Buchhandlung in München geholt hatte. Sie konnte es kaum erwarten, in die Geschichte einzutauchen.

Der neue Krimi war super. Spannend und witzig zugleich. Babs musste sich mit aller Gewalt davon losreißen, wenn sie Sonja noch in der BeachBar antreffen wollte. Die hatte vorhin nämlich gemeint, dass sie am späten Nachmittag ins Burgcafé in Marquartstein nicht weit von der Burg Marquartstein 4  zum Kaffee eingeladen war. Von einem sehr netten jungen Mann mit sehr viel Geld, der dort oben irgendwo in einem 4-Sterne-Hotel wohnte, wie sie Babs unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit anvertraut hatte. Warum nicht gleich 5-Sterne, wenn er so reich ist, hatte Babs erwidert und darauf nur ein schiefes Grinsen samt Achselzucken zur Antwort bekommen. Jetzt packte sie ihre Sachen in ihre Badetasche und machte sich auf den Weg.

Kurz darauf stapfte sie durch den weißen Sand der BeachBar. Rund um sie herum lagen und saßen die Badegäste in bequemen Liegestühlen und ließen es sich bei einem leckeren Drink gut gehen. In der Karibik sah das bestimmt nicht anders aus.

»Servus, Rudi«, begrüßte sie den Barkeeper mit den langen blonden Rastalocken, der gerade einer molligen älteren Dame im viel zu engen knallgelben Bikini zwei Caipirinhas über den mit Schilfmatten verkleideten Tresen reichte.

»Ja, die Babs. Auch mal wieder im Lande? Hamma denn scho wieder Sommer?« Rudi strahlte übers ganze sonnengebräunte Gesicht, während er sich ihr zuwandte.

Babs kannte ihn seit der Volksschule. Er hatte wie Sonja nie den Absprung aus der Gegend hier geschafft. Zu seinem Glück. Denn vor ein paar Jahren hatte er gemeinsam mit seinem alten Freund Bernie die BeachBar aufgezogen. Sehr erfolgreich. Sie musste ein Heidengeld abwerfen. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Der sportliche durchtrainierte Enddreißiger war der beste Beweis für den Wahrheitsgehalt des beliebten Sinnspruchs nach Johann Wolfgang von Goethe. Ganz offensichtlich tat ihm das Leben hier draußen am Chiemsee gut. Er sah auch immer noch gut aus mit seinen blendend weißen Zähnen und seinem hautengen roten Muskel-T-Shirt. Genauso gut wie früher, als alle Mädels aus dem Landkreis auf ihn abgefahren waren. Babs inklusive.

»Schaut so aus«, erwiderte sie. »Hast du Sonja gesehen? Wir wollten uns hier treffen?«

»Sie war gerade noch da. Mit dem Gerhard. Vielleicht musste sie mal wohin?« Rudi deutete in Richtung der Toiletten. »Bestimmt kommt sie gleich wieder. Was darf ich dir solange zu trinken anbieten, verehrte Frau Bauer?«

Seine offen dreinblickenden tiefblauen Augen hatten schon zur Abizeit für weiche Knie bei ihr gesorgt. Und gerade erging es ihr nicht anders. Schon eigenartig, dass man manche Dinge einfach nicht ablegte. Selbst wider besseres Wissen. Sie hatte einmal etwas mit ihm gehabt. Damals in grauer Vorzeit. Im romantischen Angesicht des Schlosses Herrenchiemsee 5 hatte er ihr an einem lauen Sommerabend ewige Liebe geschworen. Daraufhin hatte sie mit ihm eine heiße Nacht verbracht. Am nächsten Morgen hatte er etwas sehr Wichtiges zu tun gehabt und sich danach nicht mehr bei ihr blicken lassen. Zuerst war sie enttäuscht und wütend gewesen, später hatte sie die Nacht unter der Rubrik Lehrgeld abgehakt. Aber so ganz war die Sache für sie wohl immer noch nicht gegessen.

»Ein Campari Soda wäre super.« Sie lächelte verlegen. Herrschaftszeiten, reiß dich doch zusammen, blöde Kuh?, dachte sie. Am Ende kriegst du noch einen roten Kopf wegen diesem aufgemotzten Hosentaschencasanova.

»Sehr gern.« Rudi machte sich mit schnellen professionellen Bewegungen ans Einschenken.

»Sie war mit Gerhard hier, sagst du? Aber die sind doch längst nicht mehr zusammen.« Babs kannte Gerhard Maier auch seit der Schulzeit. Er war eine Klasse über ihnen und schon damals immer hinter Sonja hergewesen. Vor ein paar Jahren hatte sie sich dann breitschlagen lassen und sein Werben erhört. Doch schon ein halbes Jahr später hatte sie die Beziehung wieder beendet. Sie käme mit seiner bedächtigen biederen Art einfach nicht zurecht, hatte sie Babs damals erklärt.

»Alles halb so wild, Babs. In der letzten Zeit haben sie sich wieder ganz gut verstanden.«

»Aha. Und wo ist er jetzt?«

»Er wollte heim. Ist kurz vor Sonja gegangen.«

Wo sie nur bleibt, ging es Babs zehn Minuten später durch den Kopf. »Ich schau mal nach ihr«, teilte sie Rudi mit. »Passt du solange auf meinen Campari auf?«

Er nickte nur kurz in ihre Richtung. Dann schenkte er weiter Bier für die fünf tätowierten Jugendlichen in den klatschnassen Bermudashorts gleich neben ihr ein. Ihren abfälligen Sprüchen und ihrem lauten Gelächter nach, schienen sie sich gerade bestens über jemanden zu amüsieren, der nicht anwesend war.

»Der Depp. Immer macht er so einen Scheiß. Der lernt’s nie, der Vollpfosten«, vernahm Babs noch aus ihrer Richtung, während sie loseilte, um Sonja zu suchen. Wahrscheinlich hat sich einer von ihnen nicht getraut, ein Mädchen anzusprechen und jetzt verspotten sie ihn, dachte sie kopfschüttelnd. Immer dasselbe. Hinter dem Rücken über die anderen herziehen.

»Sonja? Bist du hier?« Sie schritt langsam die Türen in der Damentoilette ab. Die vorletzte war verschlossen. Babs klopfte an. »Sonja? Bist du da drin? Hörst du mich? Nichts. Sie klopfte noch einmal.

»Hier ist keine Sonja«, ertönte daraufhin eine kräftige Frauenstimme von innen. »Hier ist die Anneliese aus Köln. Und die würde jetzt wahnsinnig gerne weitermachen, Schätzchen. In aller Ruhe!«

»Oh, natürlich. Entschuldigung.« Babs errötete, machte auf dem Absatz kehrt und trat auf den Weg hinaus. »Wo kann sie bloß sein? Sie ist doch sonst immer so zuverlässig.«

Sie umrundete das Gebäude, durchsuchte auch die Gebüsche dahinter. Nichts. Beunruhigt ging sie immer weiter am Ufer entlang Richtung Nordwesten, rief immer wieder nach ihr und kam schließlich zu einer dichten Gebüschreihe weit ab vom Badetrubel. Dort stach ihr eine Sonnenbrille ins Auge. Sie lag direkt vor ihr auf dem Boden. Hatte die etwa jemand weggeworfen? Oder verloren? War das Sonjas? Vorhin hatte sie zumindest keine aufgehabt. Oder doch? Sie hob sie auf und steckte sie ein, würde das Ding nachher auf jeden Fall bei der Kasse abgeben. Wo war bloß Sonja?

Wenig später entdeckte sie zwei nackte zerkratzte Beine, versteckt unter den dornigen Ästen einer weitausladenden Heckenrose. Sie schrie erschrocken auf, schlug entsetzt die Hand vor den Mund, stand eine Weile lang wie betäubt da. Mein Gott, das war sie doch. Das war eindeutig Sonja. Wer sonst sollte die kleine Tätowierung von Donald Trumps Kopf über dem rechten Knöchel haben? Um Himmels Willen. Babs nahm sich ein Herz, schob die Dornen beiseite, kniete sich neben Sonjas bewegungslosen Körper und fühlte nach ihrem Puls. Nichts. So wie es aussah, lebte sie nicht mehr. Das durfte doch alles gar nicht wahr sein. Gerade vorhin hatte sie doch noch mit ihr gesprochen. Sie holte eilig ihr Handy aus ihrer Badetasche und wählte mit zitternden Fingern die Nummer ihres Bruders. Das hier war Sache der Kripo. Eindeutig.

»Sepp? Bist du’s?«, flüsterte sie hektisch. Niemand außer ihm durfte vorerst erfahren, was hier geschehen war. Der ansonsten entstehende Menschenauflauf würde nur sämtliche Spuren verwischen. Das wusste sie aus ihren Krimis. Außerdem mussten die Kinder hier im Strandbad nun wirklich keine Leiche sehen.

»Ja, Babs. Was gibt’s?«

»Ihr müsst sofort ins Strandbad nach Übersee kommen.« Ihre Stimme wackelte. Der Schock steckte ihr in allen Gliedern.

»Aber ich muss arbeiten.«

»Deswegen sollst du ja auch herkommen.«

»Wie …?«

»Hier liegt eine Leiche. Ein paar hundert Meter in nordwestlicher Richtung von der BeachBar entfernt.«

»Was? Geh, du verarschst mich doch.«

»Nein, Sepp. Es ist mein voller Ernst. Sonja Kühnhauser wurde umgebracht. Es sieht zumindest ganz danach aus.«

»Was? Sonja? Ehrlich?«

»Ich schwöre es dir. Kein Schmarrn. Bringt zur Sicherheit einen Notarzt mit.«

»Sowieso. Wir sind sofort da. Und du meinst, sie ist wirklich …?«

»Ja, meine ich.«

»Gut, bis gleich.«

Sie legte auf und wandte sich erneut ihrer am Boden liegenden Freundin zu. Jetzt bemerkte sie, dass Sonjas Gesicht merkwürdig verzerrt war. Ihre Augen standen weit offen. Kein Zweifel mehr, dass sie wirklich tot war. Ihre rechte Schläfe war blutverschmiert. Ihre neue Bikinihose lag neben ihr. Das Oberteil hatte ihr jemand um den Hals gewickelt.

Sieht so aus, als wäre sie damit erwürgt worden, ging es Babs durch den Kopf. Und vorher wurde sie niedergeschlagen und vergewaltigt. Welches kranke Schwein tat denn so etwas? War der Täter noch in der Nähe? Hoffentlich nicht. Sie blickte sich ängstlich um. Nichts. Gott sei Dank. Na warte. Egal wer es war, sie würde es herausfinden. Tränen stiegen ihr in die Augen. Sie weinte. Ausgerechnet Sonja. Auch wenn ihre Freundschaft nicht die allertiefste gewesen war, hatte sie in ihr doch eine ihrer letzten alten Bekannten hier draußen am Chiemsee gehabt. Was hatten sie früher nicht alles gemeinsam erlebt. Sie erinnerte sich an eine Bergtour mit Sonja auf den Watzmann 6. Nicht einfach dort hinauf, aber wunderschön. Sie hatten auf der Watzmannhütte übernachtet, dann waren sie am nächsten Morgen auf die 2.712 Meter hohe Schönfeldspitze gestiegen. Über den Schönfeldgraben und die Wimbachklamm 7 waren sie anschließend ins Tal zurückgekehrt. Sonja hatte sich dabei ausnahmsweise einmal keine Sorgen um ihre langen teuer lackierten Fingernägel oder ihre Frisur gemacht. Sie war tapfer mitgegangen. Ohne jegliches Gemecker oder Gezicke.

Nachdem Babs eine halbe Stunde lang bei Sonjas Leiche gewartet hatte, traf Sepp endlich mit seinen Leuten ein.

»Da hinten ist es.« Sie zeigte auf das Gebüsch, in das der leblose Körper hineingezerrt worden war. »Keine Ahnung, was passiert ist. Sie war vorhin noch bester Dinge. Wollte mit einem reichen Kerl Kaffee trinken gehen. Schrecklich.« Sie weinte erneut.

»Alles klar, Babs«, erwiderte ihr Bruder. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die sengende Hitze machte ihm in seinem Dienstanzug sauber zu schaffen. »Wir übernehmen das. Setz du dich an die Bar vor und trink erst mal was. Ich komme gleich nach. Hier hinten wird jetzt alles von der Spurensicherung abgesperrt.«

»Okay. Ach, das hier habe ich noch gefunden. Da vorne.« Sie reichte ihm die Sonnenbrille, die beim ersten Gebüsch auf dem Boden gelegen hatte.

»Warum hast du sie angefasst? Ich denke, du liest so viele Krimis.« Sepp schnaubte genervt. Immer diese Amateure.

»Ich fand sie vor Sonja. Dachte, dass sie ihr gehört oder dass sie jemand einfach verloren hat. Fingerabdrücke sind mir zu dem Zeitpunkt gar nicht in den Sinn gekommen. Ich hätte doch nie gedacht, dass Sonja …« Sie zuckte unschuldig mit den Achseln, brach abermals in Tränen aus.

»Verdammter Mist.« Sepp blickte betroffen auf den See hinaus. Natürlich hatte er Sonja, genau wie Babs, seit der Schule gekannt. Und jetzt hatte seine Schwester wahrscheinlich auch noch wichtige Spuren verwischt.

»Stimmt.« Sie schniefte. »Aber vielleicht finden eure Leute trotzdem noch Abdrücke darauf.«

»Hoffen wir’s.«

Sepp winkte einen der weißgekleideten Männer von der Spurensicherung herbei. Der packte die Brille in einen Plastikbeutel und verschloss ihn sorgfältig. Babs kramte währenddessen ein Papiertaschentuch aus ihrer Badetasche, schnäuzte kräftig hinein und machte sich auf zur BeachBar.

»Und? Hast du Sonja gefunden, Babs?« Rudi blickte sie neugierig an, während sie sich auf ihren Platz setzte.

Ihr Drink stand immer noch da. Er hatte also Wort gehalten und darauf aufgepasst.

»Habe ich.« Sie trank nachdenklich einen Schluck Campari. Im selben Moment verzog sie angewidert das Gesicht. »Pfui Teufel, warm! Hast du Eis?«

»Ich mach dir einen Neuen. Gib her.« Rudi nahm ihr das Glas aus der Hand, schüttete den Inhalt in die Spüle und stellte eine Minute später ein frisch gefülltes vor sie hin. »Und wo ist sie nun, die Sonja?«

»Sie ist … weg.«

»Wie weg?«

»Sie ist tot«, flüsterte Babs.

»Was?« Er starrte sie entgeistert an.

»Kein Wort zu irgendwem. Hörst du?«, zischte sie. »Sepp untersucht die Sache gerade.«

»Okay«, zischte er zurück. »Aber was ist ihr denn passiert?«

»Sie wurde mit ihrem Bikinioberteil erwürgt, so wie es aussieht.«

»Wirklich? Um Himmels Willen!« Rudis Stimme zitterte. Sein Gesicht sah auf einmal gar nicht mehr nach Sunnyboy aus.

»Reiß dich zusammen, Rudi. Was sollen denn deine anderen Gäste denken? Willst du, dass es hier einen Aufruhr gibt?«

»Okay, hast recht.«

»Mit wem außer Gerhard hat Babs noch geredet? Wie lange war sie schon hier? Wann genau ist sie zur Toilette gegangen? Ist dir sonst irgendwas aufgefallen? Fremde? Bekannte?« Babs stieß die Sätze im Stakkato eines Maschinengewehrs hervor. Die neugierige Hobbydetektivin in ihr hatte die Oberhand gewonnen.

»Moment mal, Frau Kommissarin. Hast du neuerdings etwa den Job deines Bruders übernommen?« Er hob erst abwehrend die Hände, dann kratzte er sich verwirrt am Kopf.

»Sagen wir mal so, ich helfe ihm. Ich tu’s für Sonja.«

»Aha. Na gut. Wahnsinn, die Sonja tot. Nicht zu fassen.« Rudi legte den Finger an den Mund. Er schien nachzudenken. Dann begann er langsam und stockend zu reden. »Pass auf. Sie … sie ist um kurz vor zwölf hierher an die Bar gekommen. Dann war sie … zwei oder dreimal im Wasser. Kurz bevor du gekommen bist, ist sie auf die Toilette gegangen. Sie hat vorher mit etlichen Leuten geredet. Aber außer dem Gerhard ist mir dabei niemand besonders aufgefallen.«

»Welche Liege war ihre? Sind ihre Sachen noch dort?«

»Nein, die hat sie mir vorhin gegeben, damit ich darauf aufpasse. Geld, Scheckkarten, Schlüssel. Sie hatte alles dabei.« Rudi zauberte Sonjas Handtasche unter dem Tresen hervor.

»Lass die Tasche lieber liegen, bis Sepp da ist. Fingerabdrücke und so, du weißt schon.« Babs machte eine beschwichtigende Geste.

»Weiß ich zwar nicht. Aber gut, ganz wie du willst, Miss Marple.« Er ließ die schwarze Umhängetasche mit den Strassverzierungen wieder verschwinden.

»Rudi, denk bitte noch mal ganz genau nach«, forderte sie ihren Jugendschwarm auf. »Mit wem hat Sonja geredet?«

Rudi überlegte erneut. »Mit mir, mit Gerhard und mit den Typen dahinten«, meinte er dann entschieden. »Das steht auf jeden Fall fest.« Er zeigte auf die Gruppe tätowierter junger Männer, die vorhin, als Babs losgegangen war, um Sonja zu suchen, neben ihr gestanden waren und gelacht hatten.

»Und Gerhard hast du danach nicht mehr gesehen?«

»Doch.« Rudi grinste flüchtig.

»Was ist daran so lustig? Vorhin hast du doch noch gesagt, er wäre nach Hause gegangen.« Wie konnte er nur so unsensibel sein und im Angesicht des Todes einer alten Freundin grinsen? Nur gut, dass Babs ihm damals nicht länger nachgelaufen war. Früher oder später hätte er sie zweifellos sowieso enttäuscht.

»Habe ich auch. Aber gerade kommt er wieder.« Er zeigte über ihre rechte Schulter hinweg.

Sie drehte sich um und erkannte Gerhards sommersprossiges Gesicht. Der lange rothaarige Schlacks mit den krausen Locken näherte sich ihnen mit weit ausgreifenden Schritten. Frisch rasiert und bieder gekleidet wie eh und je. Weiße Socken, hellbraune Sandalen, graue Shorts mit Bügelfalte, dunkelgrünes bis oben zugeknöpftes Polohemd. Es hätte ihm nur noch eine Fliege oder ein Schlips gefehlt.

»Servus, Babs«, rief er ihr schon von Weitem zu. »Auch mal wieder im Lande? Wie geht’s?«

»Im Moment nicht so gut«, erwiderte sie mit gedämpfter Stimme, sobald er bei ihnen angekommen war. Sie erhob sich von ihrem Barhocker und reichte ihm die Hand.

»Mir auch nicht. Habe andauernd Genickschmerzen. Der Doktor meint, dass es vom Rennradfahren kommt, weil sich bei der schlechten Haltung der Nacken verspannen würde.« Er legte zur Verdeutlichung seinen Kopf weit nach hinten. »Fährst du immer noch so gerne mit deinem Mountainbike in die Berge?«, wollte er wissen.

»Ab und zu.« Sie lächelte schief.

»Dann pass bloß auf dein Genick auf.«

»Okay.«

»Du bist so kurz angebunden. Ist irgendwas?« Er staunte sie neugierig an.

Könnte er vielleicht Sonja umgebracht haben?, fragte sie sich währenddessen. Blödsinn. Sonja hatte zwar ein paar Mal erzählt, dass er recht eifersüchtig gewesen war, als sie zusammen waren. Aber Gerhard brachte niemanden um. Dazu war er einfach nicht der Typ.

»Ja, Gerhard. Es ist etwas … mit Sonja.«

»Mit Sonja? Aber was ist denn mit ihr? Ich wollte gerade noch mal mit ihr ins Wasser. Der Termin mit meinem Kunden in Bad Reichenhall 8 hat sich verschoben. Angeblich musste er ins Krankenhaus.«

Gerhard war seit einigen Jahren der erfolgreichste Versicherungsmakler und Anlageberater der Gegend. Babs hatte immer vermutet, dass dies ein wichtiger Grund dafür gewesen war, dass sich Sonja überhaupt auf ihn eingelassen hatte. Und sie vermutete das auch jetzt noch.

»Termin? Rudi hat vorhin gemeint, du wärst längst nach Hause gefahren.« Sie blinzelte misstrauisch.

»Bin ich auch. Ich musste ja meine Unterlagen abholen und mich umziehen. Aber kaum war ich daheim hat dieser Wagner aus Bad Reichenhall angerufen und abgesagt. Und hier bin ich wieder. In ganzer Pracht und Größe.« Er breitete grinsend die Arme aus. »Also, was ist nun?« Er schaute forschend von einem zum anderen.

Rudi wandte sich ab, um einen Kunden am anderen Ende des Tresens zu bedienen.

»Sonja ist nicht mehr unter uns.« Sie legte behutsam ihre Hand auf seinen Arm.

»Guter Scherz. Leider nicht besonders witzig, Babs. Also, sag schon. Ist sie nach Hause gefahren?« Seine bisher freundlich offene Miene wurde ernst.

»Ja, wenn das nicht der Herr Anlageberater Maier persönlich ist.« Bevor Babs antworten konnte, stand auf einmal Sepp neben ihnen. »Läuft übrigens super mit deinem Aktientipp, alter Freund. Dank dir noch mal recht schön dafür. Du hast was gut bei mir.«

»Servus, Sepp«, erwiderte Gerhard. »Nichts zu danken. Was macht denn die Kripo am helllichten Tag im Strandbad? Sind euch die Leichen ausgegangen?« Er lachte hölzern.

»Ein Mord führt mich her.«

»Was? Tatsächlich?« Gerhard wurde schreckensbleich. »Aber es hat nichts mit Sonja zu tun. Oder?«

»Wie kommst du auf Sonja?« Sepp machte ein neugieriges Gesicht.

»Ich habe es ihm gerade angedeutet«, mischte sich Babs ein. »Gerhard war doch ihr Freund.«

»Exfreund, leider«, hauchte Gerhard tonlos. »Es stimmt also tatsächlich?« Er sah so aus, als würde er jeden Moment umkippen.

»Ja, Gerhard.« Babs holte ihm einen Barhocker und forderte ihn auf, sich zu setzen. Er nahm ihr Angebot schweigend an, schüttelte dabei immer wieder nur fassungslos und schockiert den Kopf, schaute mit leeren Augen geradeaus ins Nichts.

»Er war es nicht«, flüsterte Babs ihrem Bruder ins Ohr, nachdem sie beide ein paar Schritte zur Seite getreten waren, um Gerhard ein wenig Ruhe zu gönnen. »Der ist wirklich total erschrocken und erschüttert. Das kann man nicht spielen.«

»Das wird sich zeigen«, erwiderte Sepp. »Wer käme noch in Frage. Hast du eine Idee?«

»Genau weiß ich es auch nicht. Aber ich habe da so eine Vermutung.«

»Dann schieß los, Miss Marple.« Sepp kannte Babs’ Vorliebe für Kriminalgeschichten. Und er erinnerte sich, dass sie ihm auch bei früheren Fällen bereits einige wertvolle Tipps gegeben hatte, mit dem sehr zufriedenstellenden Ergebnis, dass er sich die daraus resultierenden Erfolge anschließend ans eigene Revers heften konnte.

»Schau dir mal diese Jungs an, die gerade bei Rudi an der Bar stehen und Bier holen.«

»Die mit den Tätowierungen.«

»Genau die. Vorhin waren sie nur zu fünft. Jetzt sind sie zu sechst. Einer von ihnen hat keine Sonnenbrille auf. Die anderen schon.«

»Du meinst …«

»… Es kann gut sein, dass es seine Sonnenbrille war, die ich in Sonjas Nähe gefunden habe. Jawohl.« Sie nickte entschlossen.

»Na gut. Das ist zwar bis jetzt kein Beweis dafür, dass er etwas mit Sonjas Tod zu tun hat. Vielleicht hat er seine Brille einfach nur verloren. Aber ich kann mich ja mal mit ihnen unterhalten.«

»Du?«

»Wir.« Er lächelte gutmütig.

»Na gut. Auf geht’s.« Sie grinste grimmig. Nehmt euch in Acht, Burschen. Babs Bauer hat eure Fährte aufgenommen.

»Servus, die Herren«, begann Sepp freundlich, sobald sie bei der Gruppe junger Männer angekommen waren.

»Servus!«, kam es nahezu unisono aus sechs gut befeuchteten, kräftigen Kehlen zurück.

»Seid ihr schon lange da?« Sepp versuchte es erst einmal auf die lockere unverfängliche Tour.

»Wer will das wissen?« Der größte und kräftigste von ihnen stellte sich aufrecht hin und ließ provozierend seine Muskeln spielen. Die anderen reihten sich geschlossen hinter ihm auf.

Na gut, dann musste es halt offiziell gehen.

»Hauptkommissar Josef Bauer, Kripo Traunstein.« Sepp zückte seinen Dienstausweis und hielt ihn vor ihre Nasen.

»Seit heute Vormittag sind wir hier. Warum?« Der offensichtliche Anführer zog fragend die Brauen hoch.

»Die Fragen stelle ich.« Sepp blieb ruhig.

»Und Antworten gibt’s nur, wenn du unsere Fragen auch beantwortest. Kapiert, Landbulle?«

»Wie heißen Sie?« Sepp ließ sich nicht beeindrucken.

»Das geht dich einen Scheißdreck an, Landei.«

»Genau, Dorfbulle! Pappnase! Arschloch«, kam es nun von den anderen.