Krautkiller - Michael Gerwien - E-Book

Krautkiller E-Book

Michael Gerwien

3,9

Beschreibung

Die halbe Küchenmannschaft des herrlich gelegenen Chiemgauer Seehofs in Bad Endorf wird auf grausame Weise umgebracht. Hotelchefin Maria Hochfellner beauftragt den Exkommissar und jetzigen Privatdetektiv Max Raintaler mit der Aufklärung des mehr als rätselhaften Falls. Das passt gut, denn sein Freund, Hauptkommissar Franz Wurmdobler befindet sich ausgerechnet hier auf Diät-Kur. Beide stürzen sich beherzt in den Fall mit vielen Verdächtigen und wenig brauchbaren Spuren.

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Michael Gerwien

Krautkiller

Ein Fall für Exkommissar Max Raintaler

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Mirjam Hecht

E-Book: Benjamin Arnold

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung der Fotos von:

© kikujungboy / Fotolia.com

© dragi52 / Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4616-0

Danksagung

Sakrischen Dank an Lilli und Patrick und vor allem an Claudia Senghaas

1. Kapitel

»Hilfe! Hilfe! Der Peter! Der Peter! Hilfe!« Die hübsche polnische Beiköchin des Chiemgauer Seehofs, Tanja Dimitrowsky, stürmte laut schreiend und wild gestikulierend aus dem Vorratsraum im Keller, der nur zwei Ecken weit von der Sauna entfernt lag. Dabei lief sie dem Exkommissar und jetzigen Privatdetektiv Max Raintaler und seinem Freund und Exkollegen Hauptkommissar Franz Wurmdobler direkt in die Arme.

Es war Montag früh. Beide hatten gerade ihren dritten Saunagang beendet und waren in Badehosen und weißen Hotelbademänteln auf dem Weg zum Hallenbad, das sich ebenfalls hier unten im Keller befand. Das Hotel war mit seinen 40 Zimmern nicht gerade groß, dafür aber sehr gepflegt, und überall im Haus herrschte eine sehr freundliche, familiäre Atmosphäre.

»Hoppala«, rief Franz, als Tanja gegen ihn und Max prallte. »Was ist denn passiert, junge Frau?« Er zog den Gürtel seines Bademantels enger und sah sie neugierig an.

»Genau. Und wer ist denn dieser Peter?«, erkundigte sich Max freundlich lächelnd.

»Der Peter ist … ist unser … unser Chefkoch, Peter Sollner«, stammelte sie aufgeregt, während sie fahrig ihre langen blonden Haare hinter die Ohren zurückstrich. »Er sitzt im Vorratsraum und rührt sich nicht.« Sie war leichenblass, stöhnte laut auf. Tränen stiegen ihr in die hellblauen Augen.

»Vielleicht schläft er ja. Obwohl … es ist gleich halb neun. Da sollte ein Koch eigentlich wach sein, wegen der ersten Vorbereitungen fürs Mittagessen.« Der kurz geratene, übergewichtige Franz nickte ihr aufmunternd zu. Der Schweiß lief ihm aus allen Poren. Sein Kopf hatte die Farbe einer gut gereiften Tomate. Er war immer noch völlig überhitzt.

»Oder er meditiert«, fügte der große durchtrainierte Max gutgelaunt hinzu.

Er hatte Franz vorhin ausdrücklich vor dem dritten Mal Sauna gewarnt, weil er die schlechte Kondition seines alten Freundes kannte. Aber Franz wollte wie so oft nicht auf ihn hören. Selber schuld, wenn es ihn gleich zerreißt, sagte sich Max jetzt und wandte sich wieder der attraktiven Tanja zu.

»Peter und meditieren, niemals. Nein. Ich glaube, es ist etwas Schlimmes passiert. Er bewegt sich wirklich nicht mehr. Gar nicht mehr.«

»Sie meinen, er ist tot? Wie heißen Sie denn?« Max zog überrascht die Brauen hoch. Ein toter Koch im Vorratsraum. Was mochte da wohl passiert sein? Waren ihm seine eigenen Vorräte nicht bekommen?

»Ich bin Tanja. Kann sein, dass Peter tot ist. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist er auch nur ohnmächtig.« Sie schaute hilflos von einem zum anderen.

»Was ist denn passiert? Ist er umgekippt? Ein Anfall?« Franz sah sie mit großen Augen an.

»Ich weiß es nicht. Ich kam in den Vorratsraum, um Salat zu holen, da habe ich ihn mit dem Kopf auf dem Tisch daliegen gesehen. Er hat sich nicht gerührt. Auch als ich ihn an der Schulter geschüttelt habe.«

»Ja, dann rufen Sie doch einen Krankenwagen. Oder einen Ihrer Ärzte vom Haus.« Franz wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

»Wollte ich ja gerade.«

»Na dann schnell. Auf geht’s. Aber gehen Sie nicht aus dem Haus, bis die Sache geklärt ist.«

»Gut, mache ich.« Sie nickte gehorsam, obgleich sie gar nicht wissen konnte, dass sie es hier mit zwei altgedienten Kriminalern zu tun hatte. Aber sie war es einfach gewohnt, zu gehorchen. Bereits in ihrer Kindheit hatte sie immer getan, was man ihr gesagt hatte. Später im Erwachsenenleben erst recht. Und für eine Ausländerin hier in Deutschland war Gehorsam besonders zwingend. Einmal gegenüber den Behörden und ihren Handlangern. Und dann natürlich gegenüber den Vorgesetzten im Beruf. Vorausgesetzt man wollte seinen Job behalten.

»Wo ist denn dieser Vorratsraum?«, wollte Max noch von ihr wissen, bevor sie sich auf den Weg machte.

»Da vorne ums Eck den Flur entlang und ganz hinten rechts.« Sie zeigte im Rückwärtsgehen auf den Gang, der neben der Treppe links abzweigte. Dann drehte sie sich blitzschnell um, spurtete zur Treppe vor und lief, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, nach oben, wo sich die Rezeption und der Speisesaal befanden.

Franz war vor vier Wochen angereist, um etwas gegen sein Übergewicht zu tun. Nicht ganz freiwillig. Sein Arzt hatte es ihm zum wiederholten Mal dringend angeraten, zumal der pummelige Kripobeamte auch noch regelmäßig einige Biere wegschluckte und rauchte wie ein Schlot. Da ihm der Mediziner diesmal dringlicher als sonst ins Gewissen geredet hatte, war er, gleich, als er wieder zu Hause war, an seinen PC gegangen und hatte eine Diätkur bei seiner Kasse beantragt, die ihm letztlich auch gewährt wurde.

»Willst du dich da wirklich einmischen? Die Rettung kommt doch sowieso gleich. Und Ärzte für die Kurgäste haben die hier auch im Haus.« Er blickte fragend in Max’ sonnengebräuntes unrasiertes Antlitz.

»Logisch.«

»Also ich hab im Moment wirklich null Bock auf so was. Mir reicht schon der Stress mit dem mageren Essen und der andauernden Turnerei hier.« Franz schüttelte energisch den Kopf. »Herrje, Max, ich dachte, wenn du und Moni schon mit Sandra zu Besuch kommen, genießen wir hier alle wenigstens in meiner letzten Diätwoche ein bisschen das Leben.«

»Das machen wir auch, versprochen. Ich will ja bloß mal nachschauen, was mit diesem Koch los ist.« Max konnte nicht anders. Sein Schnüfflerinstinkt war geweckt. Außerdem konnte es gut sein, dass sich diese Tanja geirrt hatte und der Koch noch am Leben war. Dann musste ihm auf jeden Fall so schnell wie möglich jemand helfen. »Du kannst ja schon mal in das hübsche kleine Hallenbad vorgehen. Ich komme so bald wie möglich nach.«

»Du wirst lachen, das mache ich glatt.« Franz nickte ihm mit einer knappen Kopfbewegung zu und marschierte los.

Franzi ist der Koch anscheinend echt scheißegal, dachte Max. Das hätte es zu früheren Zeiten nicht gegeben. Ja mei, wir werden halt alle nicht jünger. Oder hat er den Ernst der Lage vor lauter Schwitzen nicht wahrgenommen? Kann natürlich auch sein.

Er rannte den Flur, den Tanja ihnen gezeigt hatte, hinunter und trat in den letzten Raum auf der rechten Seite ein. Da saß er, der Koch. Regungslos vornüber gebeugt an einem kleinen Tischchen neben zwei deckenhohen Wandregalen, in denen sich etliche Gemüse- und Obstkisten stapelten. Sein Gesicht war in den riesigen Teller voller Sauerkraut vor ihm gesunken.

Max beugte sich zu ihm hinunter, prüfte seinen Puls, horchte nach seinem Atem. Nichts. So wie es aussah, war der Mann in der weißen Jacke definitiv mausetot. Würgemale, Beulen oder Blut waren nicht zu sehen. Altersschwäche? Schmarrn, dafür war er viel zu jung. Vielleicht gerade einmal 40. Also vielleicht ein Hirnschlag oder ein Herzinfarkt. Oder er hatte sich an seinem Sauerkraut verschluckt und war daran erstickt. Aber wäre er in diesem Fall so ruhig an seinem Tisch sitzen geblieben? Eher weniger. Merkwürdig. Vielleicht hatte ihm aber auch jemand das Genick gebrochen und dann aus irgendeinem speziellen Grund sein Gesicht in den Teller gelegt. Rache könnte zum Beispiel ein Motiv dafür sein.

Der blonde Münchner Exkommissar richtete sich auf und sah sich im Raum nach verdächtigen Spuren um. Nichts deutete auf einen Kampf hin.

»Was machen Sie hier?« Der weiß gekleidete dunkelhaarige Mediziner, der wie aus dem Nichts in der Tür stand, blaffte Max unfreundlich an.

»Ihre Arbeit, Herr Doktor«, blaffte Max genauso unfreundlich zurück. »Raintaler, mein Name. Exkommissar aus München.«

»Das ist einer der beiden Männer, denen ich vorhin Bescheid gesagt habe«, meldete sich Tanja zu Wort, die gerade neben dem Arzt auftauchte.

»Ach so. Entschuldigen Sie, Herr Kommissar. Ich wusste nicht … Mein Name ist Müller. Ich bin hier im Haus als Kurarzt tätig. Und? Lebt er noch?«

»Soweit ich es beurteilen kann, nein.« Max machte Dr. Müller nicht darauf aufmerksam, dass er sich ihm als Exkommissar und nicht als Kommissar vorgestellt hatte. Warum genau er das tat, wusste er nicht. Es geschah eher intuitiv. Er hoffte wohl unterschwellig, dass ihm der Titel Kommissar nützlich dabei sein konnte, mehr über den Toten zu erfahren. Wer hatte schon großen Respekt vor einem Exbeamten oder einem Privatdetektiv. »Aber überzeugen Sie sich selbst, Herr Müller. Sie sind schließlich vom Fach.« Max trat einen Schritt zurück, um den Weg zum Koch freizumachen.

»Sieht ganz so aus, als wäre er erstickt«, meinte Müller, nachdem er Peter Sollner eingehender untersucht hatte. »Er ist schon eine Weile lang tot. Um die 10 bis 12 Stunden, schätze ich.«

»Erstickt? An seinem Kraut?«

»Kann gut sein.«

»Da schau her, Sachen gibt’s.« Ist ihm also doch sein eigenes Sauerkraut zum Verhängnis geworden, dachte Max. Zu viel Gemüse schadet der Gesundheit. Wusste ich’s doch schon immer.

»Es könnte allerdings auch sein, dass man es ihm mit Gewalt in den Schlund gestopft hat«, meinte der schlanke, fast schon magere Müller noch. »Die kleinen Risse in seinen Lippen lassen möglicherweise darauf schließen. Aber sicher bin ich mir da nicht, genau wie beim exakten Todeszeitpunkt. Der Polizeiarzt und der Rechtsmediziner können dazu sicher mehr sagen.«

»Ein Krautkiller also. Na ja. Reichlich unschön.« Max war mit einem Mal hellwach. »Er muss sein Opfer irgendwie bedroht haben«, dachte er laut. »Vielleicht mit einer Waffe. Das würde auch erklären, warum der Koch so ruhig sitzen geblieben ist, während er am Ersticken war.«

»Ja. Das würde es wohl.« Müller, der wie Tanja unfreiwillig zugehört hatte, nickte.

»Dann sollte jemand schnellstens die Polizei verständigen. Am besten gleich die hiesige Mordkommission.« Max blickte sachlich von einem zum anderen.

Tanja reagierte als Erste. »Ich gehe hoch und rufe von der Rezeption aus an.« Sprach’s und verschwand auf der Stelle.

»Warten Sie hier, bis die Herrschaften da sind?« Max sah Müller fragend an.

»Mach ich, Herr Kommissar.«

»Gut, dann gehe ich jetzt erst mal auf mein Zimmer und ziehe mir etwas an. Ich komme später noch mal vorbei, falls die hiesige Kripo Fragen an mich hat.« Max wollte liebend gerne wissen, wie sich die Sache hier weiter entwickelte. Aber es klang besser, die Vermutung in den Raum zu stellen, dass jemand etwas von ihm wollte, als umgekehrt. Nicht dass ihm am Ende noch jemand übertriebene Neugier unterstellte. Oder gar ungefragte Einmischung in die Arbeit der örtlichen Behörden.

»Ist gut.« Der Kurarzt setzte sich auf den freien Stuhl neben dem Toten. Er schüttelte langsam den Kopf. »Ein lebenslustiger und fröhlicher Mensch war er, der Peter Sollner. Er hat gelegentlich ein bisschen zu ausschweifend gelebt, aber an und für sich war er schwer in Ordnung.«

»Haben Sie ihn gut gekannt?«, erkundigte sich Max.

»Geht so. Nicht besonders. Aber in einer Einrichtung wie dieser hier läuft man sich zwangsläufig immer wieder über den Weg.«

»Aha. Na dann, bis später.«

»Bis später, Herr Kommissar.«

Beim Hinausgehen fiel Max ein längliches Metallrohr, das neben der Tür an der Wand lehnte, auf. Da schau her. Hat man mit so etwas früher nicht die Gänse gemästet?, überlegte er kurz. »Das Mastrohr hier sollten Sie der Kripo zeigen, falls ich nicht rechtzeitig zurück bin, Herr Doktor. Vielleicht hat es der Täter benützt, um Sollner zu füttern.«

»Mach ich.«

»Aber nicht anfassen.«

»Nein. Äh, aber warum?«

»Wegen der Fingerabdrücke, Sie wissen schon.« Moment mal, Raintaler. War der Täter wirklich so blöd und hat sein Tatwerkzeug hier stehen gelassen? Und dann noch mit seinen Fingerabdrücken darauf? Kaum zu glauben. Aber möglich ist alles. Irgendeinen Fehler macht jeder Täter. Weißt du doch. Ist schließlich nicht dein erster Mordfall.

»Na gut, ich fasse nichts an.« Müller lächelte verbindlich.

Während Max nachdenklich die Treppe hinaufstieg, kam ihm Franz entgegen.

»Und? Was ist mit ihm?«, fragte er flüsternd, sobald sie auf gleicher Höhe waren.

»Er ist tot.« Max sprach ebenfalls leise. Es musste vorerst ja niemand sonst von der Sache erfahren.

»Weißt du schon, wie es passiert ist?« Franz kratzte sich nachdenklich am kahlen Kopf.

»Auf einmal so interessiert?« Max grinste flüchtig. Den guten Franzi hat wohl doch noch die Neugier gepackt, dachte er. Hätte mich auch gewundert, wenn nicht. Einmal Kriminaler immer Kriminaler. Diätkur hin, Diätkur her. So ist das nun mal.

»Sicher, Max. Nach der Sauna war mir einfach zu heiß zum Denken. Auch noch im Hallenbad. Da bin ich in den Außenpool oben gegangen, und während ich mich abkühlte, wurde mir mein albernes Benehmen von vorhin klar.« Franz grinste schief zurück.

»Also doch noch Hauptkommissar mit Leib und Seele?«

»Logisch. Gelegentlich zumindest.«

»Gott sei Dank. Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Also gut, Franzi. Er lag in einem riesigen Teller voller Sauerkraut. Wurde möglicherweise erstickt.«

»Mit Sauerkraut?«

»Schaut so aus.«

»Herrje. Ich weiß schon, warum ich kein Gemüse mag.«

»Ich auch. Ist ungesund.«

»Nicht nur ungesund, sogar tödlich, wie du siehst.«

»Stimmt.«

»Du glaubst ja nicht, was ich hier in den letzten Wochen alles essen musste. Brokkoli, Blumenkohl, Rosenkohl, Weißkraut, gelbe Rüben, Erbsen, und am allerschlimmsten ist der riesige Salat jeden Tag. Rohkost mit Salatblättern, Gurken, Tomaten und Gemüsezeug wie Sellerie und Fenchel. Garniert mit einem halben Pfund Frühlingszwiebeln. Mir wird schon ganz schlecht, wenn ich bloß daran denke.« Franz schüttelte sich.

»Du hast mein volles Mitleid, alter Freund. Das ist ja nicht auszuhalten. Und die haben dir nicht mal einen einzigen Schweinsbraten mit Knödeln serviert?« Max musste innerlich grinsen.

»Nein, stell dir vor. Unglaublich, oder?«

Franz’ empörter Gesichtsausdruck brachte das Fass zum Überlaufen. Max lachte laut auf.

»Das wundert mich wirklich sehr bei einer Diätkur«, keuchte er, während er sich trotz der ernsten allgemeinen Lage vor Gackern den Bauch hielt.

»Na ja. Stimmt schon. Egal, was soll’s?« Franz wischte ärgerlich mit der Hand durch die Luft.

»Ich geh aufs Zimmer und zieh mich an. Du auch?« Max hatte sich wieder im Griff. Schließlich hatte er gerade einen Toten entdeckt. Das war alles andere als lustig. Er sah seinen alten Freund und Exkollegen neugierig an.

»Logisch. Hat jemand wegen dem Koch die hiesige Kripo gerufen?«

»Ja, diese Tanja.«

»Sehr gut. Ob sie etwas mit seinem Tod zu tun hat? Oder hat sie ihn wirklich nur gefunden?«

»Der Arzt meinte, Sollner wäre ungefähr seit gestern Abend zwischen halb neun und halb elf tot.«

»Aha. Dann hat sie es vorhin zumindest nicht getan.«

»Wäre auch reichlich blöd, wenn sie ihn in der Nacht umbringt und dann am nächsten Vormittag zum Tatort geht, auf dem Rückweg Alarm schlägt und so tut, als wäre sie geschockt.«

»Stimmt. Zu umständlich. Andererseits könnte es auch ein sehr geschicktes Ablenkungsmanöver von ihr sein.«

»Du meinst, dass sie davon ausgeht, dass man denkt, dass der Täter niemals dieselbe Person sein kann, die das Opfer auffindet. Das wäre dann aber schon wirklich sehr sehr geschickt. Traust du ihr das zu? So schlau sah sie doch gar nicht aus.« Max zog seinen Bademantel über der Brust zusammen.

»Ist ja gut, Max. Man spekuliert ja bloß. Schauen wir noch mal in den Vorratsraum runter, wenn die von der Kripo da sind?«

»Logisch. Schließlich geht es um einen Mord. Die hiesigen Kriminaler sind sicher froh über die Unterstützung durch zwei ausgebuffte Großstadtcops.«

»Aber danach machen wir gleich wieder Urlaub, okay.«

»Selbstredend, Franzi. Vielleicht finden wir dort unten auch ein Schnitzel für dich. Oder einen schönen Schinken.«

»Sehr witzig. Verarschen kann ich mich selber. Außerdem sind wir nicht zwei ausgebuffte Großstadtcops.«

»So? Was denn dann?«

»Ein ausgebuffter Großstadtcop und ein Exkommissar.«

»Ach so, ja. Stimmt.«

»Eben.«

2. Kapitel

Als Max das große Doppelzimmer betrat, das er gemeinsam mit seiner hübschen schwarzhaarigen Freundin Monika in der zweiten Etage bewohnte, begrüßte sie ihn nur flüchtig. Dann starrte sie wieder gebannt auf den Flachbildschirm, der an der Wand gegenüber dem Fußende ihres Bettes über einem dunklen Holztischchen befestigt war.

»Was schaust du denn Spannendes?«, erkundigte sich Max, während er seinen Bademantel auszog, um unter die Dusche zu gehen.

»Neue Krimiserie«, erwiderte die Thalkirchner Kneipenwirtin knapp.

»So früh am Tag Krimis? Die Welt wird echt immer verrückter.« Er verschwand kopfschüttelnd im Badezimmer.

»Und hat der Kommissar seinen Täter schon erwischt?«, fragte er, als er eine halbe Stunde später splitternackt wieder im Zimmer stand.

»Kommissarin.«

Der Fernseher war aus. Monika lag auf dem Bett und schaute nur grinsend an die Decke.

»Aha. Also hat die Kommissarin ihren Täter erwischt?«

»Ja.«

»Bleibt das jetzt den ganzen Tag so?«

»Was?«

»Dein Telegrammstil?«

»Wieso?« Sie grinste ein Stück breiter.

»Du könntest ja vielleicht mal wieder einen ganzen Satz bilden. So wie sonst. Oder hast du heimlich irgendein Gelübde abgelegt?« Er legte sich zu ihr.

»Nein.«

»Aha.«

Sie lachte laut.

»Du willst mich verarschen, stimmt’s?«, wollte er wissen.

»Stimmt.«

»Aber wieso?«

»Mir war gerade danach.« Sie blickte ihm lang und tief in die stahlblauen Augen.

Er kannte diesen Blick nur zu genau. Ach so ist das, dachte er. Sie hat sich mit ihrer Blödelei in Stimmung gebracht. Das mache doch sonst nur ich. Na dann, nichts wie ran, Raintaler. Nutze die Gunst der Stunde. Wer weiß, wann es das nächste Mal wieder so weit ist.

Nachdem sie erschöpft nebeneinander in den Laken lagen, fiel Max auf einmal siedend heiß der Tote im Vorratsraum wieder ein. Wie hatte er ihn nur vergessen können? Verdrängung? Wahrscheinlich. Er sprang auf, duschte erneut und stand keine drei Minuten später wieder im Zimmer.

»So hektisch auf einmal? Was ist denn mit dir los?«, fragte sie verwundert.

»Moni, ich muss noch mal kurz weg«, erklärte er ihr, während er eilig seine schwarzen Jeans und ein kurzärmliges weißes Sommerhemd überzog. »Franzi und ich haben einen Termin mit den örtlichen Behörden.«

»Habt ihr was angestellt?«

»Nein.« Habt ihr was angestellt? Ging’s noch? Immerzu vermutet sie gleich das Schlimmste. Ich bin doch kein Kleinkind, Herrschaftszeiten noch mal.

»Ist was passiert?«

»Nein.«

»Verarschst du mich jetzt auch?«

»Ja.«

»Na gut, hast gewonnen. Ich bin wieder normal, okay?«

»Okay.«

Sie lachten beide kurz über ihre Albernheit.

Seit sie gestern Abend hier im Hotel angekommen waren, hatte sich bei Monika schlagartig entspannte Urlaubsstimmung eingestellt. Wie immer, wenn sie zusammen wegfuhren. Genial. Im Urlaub bekam Max das von ihr, was er am liebsten dauerhaft gehabt hätte: ihre ganze Zuneigung und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Anders als in München, wo sie sehr beschäftigt und viel ohne ihn unterwegs war. Na ja. Ehrlich gesagt war das bei ihm auch nicht viel anders. Aber letztlich hätte er doch immer wieder öfter Zeit für sie gehabt als sie für ihn. Egal. Jetzt war auf jeden Fall Urlaub, und sie hatten beide Zeit.

»Also gut, Moni. Es ist so. Im Keller liegt ein Koch im Vorratsraum. Ich habe ihn dort vorhin mit dem Gesicht in einem riesigen Teller voller Sauerkraut aufgefunden. Mausetot. Kann sein, dass er ermordet wurde.«

»Und wir haben Sex, obwohl du gerade von einem Toten kommst? Warum hast du es denn nicht gleich gesagt? Lässt dich so was inzwischen total kalt?« Sie zog erstaunt die Brauen hoch.

»Ich kannte ihn ja nicht näher.« Max zuckte unschuldig dreinblickend die Achseln.

»Unglaublich. Diese Kripozeit hat dich total verrohen lassen. Früher warst du ganz anders.« Sie schüttelte empört den Kopf.

»Mag sein. Trotzdem muss ich da jetzt runter. Wie gesagt, es handelt sich möglicherweise um Mord.« Was regt sie sich denn auf? Ich wollte sie halt nicht mit dem Thema belästigen. Soll sie doch froh sein. Oder hat sie recht? Bin ich wirklich schon total gefühllos dem Leid anderer gegenüber? Ich denke es ja manchmal schon selbst.

Wunder wäre es keins gewesen nach gut 20 Jahren Dienst bei der Münchner Kripo. Da hatte er etliche Leichen zu Gesicht bekommen. Gebrochene Gliedmaßen oder zertrümmerte Schädel waren dabei noch die harmloseren Varianten. Viele von ihnen hatten längst nicht mehr so intakt ausgeschaut wie der Koch da unten im Vorratsraum.

»Alles klar. Nicht mal im Urlaub hat man seine Ruhe.« Monika wurde laut. »Immer nur deine verflixten Fälle. Es ist doch wie verhext.«

»Aber zu Hause hast du doch selbst immer so viel zu tun«, widersprach Max vehement. »Da bist du jedes Mal froh, wenn ich einen Fall zu lösen habe. Dann musst du dich nicht andauernd um mich kümmern. Das sagst du doch selbst immer wieder.«

»Habe ich gesagt, stimmt. Aber jetzt ist Urlaub.« Sie klang wie eine Mutter, die geduldig ihr kleines Kind dazu ermahnt, links und rechts zu schauen, bevor es über die Straße geht. »Und Urlaub ist Urlaub, Max. Verdammt noch mal. Ich wollte heute Nachmittag mit dir einen Ausflug machen bei dem herrlichen Wetter. Ich hab mich schon so darauf gefreut.«

»Machen wir auch. Keine Angst. Ich bin garantiert in spätestens einer halben Stunde zurück.«

Sein Blick verriet ihr eindeutig, dass er wohl eher nicht in einer halben Stunde zurück sein würde. Bestimmt würden sich Franz und er übergründlich in die Ermittlungen der ortsansässigen Polizei einmischen. Es wäre schließlich nicht das erste Mal.

»Wer’s glaubt, wird selig.« Sie lachte spöttisch.

»Doch, Moni. In einer halben Stunde kannst du voll und ganz über mich verfügen. Ich schwöre es.«

»Klar, Max. Du schwörst es. Wie schon tausendmal vorher.« Sie schüttelte genervt den Kopf.

»Aber diesmal stimmt es wirklich.« Er machte Dackelaugen.

»Dass ich nicht lache. Ich bin dann auf jeden Fall später mit Sandra zum Kaffeetrinken im Ort. Ihr könnt ja nachkommen, wenn ihr der hiesigen Kripo genug auf die Nerven gegangen seid. Falls es euch überhaupt interessiert, mit uns etwas zu unternehmen.« Sie ging gar nicht weiter auf seine leichtfertigen Versprechungen ein, da sie wusste, dass es sinnlos war. Stattdessen stand sie ruckartig auf und patschte beleidigt ins Bad, um sich zu duschen. Auf ihrem Weg dorthin würdigte sie ihn keines Blickes mehr.

»Logisch interessiert es uns, Moni!«, rief er ihr noch hinterher, während sie die Tür hinter sich zuzog. »Falls ich es wirklich nicht pünktlich in einer halben Stunde schaffen sollte, was ich nicht glaube, kommen wir auf jeden Fall nach. Versprochen. Ehrenwort.«

Schon seltsam, dachte er noch. Sie nimmt sich immerzu alle Freiheiten raus, wie sie gerade Lust hat. Aber wenn ich einmal einer Sache nachgehe, die mich brennend interessiert, zickt sie rum. Verstehe einer diese Frau. Ich jedenfalls nicht.

3. Kapitel

Gerade als Max und Franz den Vorratsraum betreten wollten, kamen ihnen von dort zwei kräftige Männer mit einem grauen Plastiksarg in den Händen entgegen.

»Ihr seid aber schnell«, rief Max erstaunt aus, während sie sich grußlos an Franzi und ihm vorbeidrängten.

»Was kann ich für Sie tun, meine Herren?« Ein blasser blonder Jüngling im dunklen Geschäftsanzug stellte sich ihnen in den Weg.

»Ich habe den Toten vorhin tot aufgefunden«, erwiderte Max. »Raintaler ist mein Name. Und das hier ist mein Exkollege bei der Münchner Kripo, Hauptkommissar Wurmdobler.« Er zeigte auf Franz.

»Kripo aus der Stadt? Aha. Schön für Sie. Aber hier sind wir zuständig.« Der kurzhaarige Bursche im dunklen Anzug grinste arrogant. Er hielt es offenbar nicht einmal für nötig, ihnen seinen Namen zu verraten.

»Das wissen wir. Wir wollten Sie auch gar nicht weiter bei der Arbeit stören. Aber interessiert es Sie denn gar nicht, was ich auszusagen habe?« Max grinste nicht.

»Nein, äh, doch.« Der junge Mann kratzte sich nachdenklich am Kopf. »Moment, ich hol den Chef.«

Zwei Minuten später war er mit einem älteren Herrn an seiner Seite zurück. Er trug ebenfalls einen Anzug über seinem respektablen Bauch. Die wenigen mittellangen Haare, die auf seinem Kopf verblieben waren, hatte er stramm nach hinten gekämmt. Hinter seiner goldumrandeten Brille ließen sich misstrauisch dreinblickende braune Augen erkennen. Die dicken Tränensäcke darunter ließen den geübten Betrachter darauf schließen, dass er nach Feierabend gerne das eine oder andere Glas Bier stemmte.

»Sie haben den Toten also gefunden?«, fragte er Max, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.

»Nein, entdeckt hat ihn eine Köchin aus dem Haus. Sie heißt Tanja. Ich war kurz nach ihr vor Ort und habe festgestellt, dass er tot war. Aber erst mal grüß Gott.« Max war nicht jemand, der Benimmkurse besuchte oder großen Wert auf übertriebene Etikette legte. Aber einen gewissen Grundrespekt sollte man seinem Gegenüber schon angedeihen lassen. So viel Zeit musste einfach sein, auch wenn die in unserer heutigen Welt immer knapper zu werden schien. Genauso wie gutes Benehmen.

»Äh, ach so, ja. Grüß Gott, die Herren. Hauptkommissar Berger, Kripo Traunstein.« Berger nickte ihnen knapp zu. »Und?«, wandte er sich dann an Max.

»Was und?« Max zog die Brauen hoch.

»Ist Ihnen etwas aufgefallen?« Berger sah ihn einigermaßen neugierig an.

»Wollen Sie gar nicht wissen, wer wir sind?« Wie ist der denn drauf? Alzheimer? Hat er gestern gesoffen? Oder ist ihm alles egal?

»Wieso?«

»Unsere Namen.«

»Ach so, ja. Also?«

»Was also?«

»Wer sind Sie?«

»Das hier ist Hauptkommissar Wurmdobler von der Münchner Kripo.« Max zeigte erneut auf Franz. »Und mein Name ist Max Raintaler. Ich bin ein Exkollege von Herrn Wurmdobler.«

Sie schüttelten sich die Hände.

»Ich heiße Leitner. Bin Herrn Bergers Assistent«, stellte sich der junge Mann neben Berger bei der Gelegenheit auch gleich noch vor.

»Na, dann hätten wir das ja geklärt«, brummte Berger.

»Wieso haben Sie den Toten denn so schnell abtransportieren lassen? War die Spurensuche schon beendet?« Max blickte Leitners Chef fragend ins Gesicht.

»Wozu sollten wir hier nach Spuren suchen?«, blaffte Berger grantig. »Die Sachlage ist eindeutig. Der Mann hat zu viel Sauerkraut gegessen, hat sich verschluckt und ist daran erstickt. Wahrscheinlich hat er zu schnell und zu gierig geschlungen. Was ich bei rohem Kraut allerdings wirklich nicht nachvollziehen kann.«

Franz nickte verständnisvoll.

»Aber wenn man erstickt, bleibt man doch nicht seelenruhig sitzen und legt dann gemütlich seinen Kopf in einen Sauerkrautteller«, protestierte Max.

»Warum nicht? Unser Polizeiarzt hat diese Möglichkeit ebenfalls eingeräumt.« Berger lächelte überheblich.

Bestimmt hasst er es einfach, von Münchner Kollegen bei seiner Arbeit gestört zu werden, sagte sich Max. Aber das ist mir gerade egal wie sonst noch was. Hier geht es um die Sache. Und die stinkt ganz offensichtlich.

»Das ist doch totaler Schwachsinn. Hat Ihr Polizeiarzt die Risse im Mund des Toten nicht bemerkt? Die lassen recht deutlich auf Gewalteinwirkung schließen.«

»Haben Sie im Mund des Toten Risse festgestellt, Herr Maier?«, rief Berger über seine rechte Schulter hinweg in den Vorratsraum hinein.

»Ja, so etwas kommt normalerweise von einer harten Brezn. Oder von einem scharfkantigen Weißbrot. Nichts Besonderes«, tönte es zurück.

»Nichts Besonderes? Und wenn die Verletzungen von einer Art Mästschlauch oder -rohr stammen, das dem Toten gewaltsam in den Schlund eingeführt wurde?« Max schüttelte ungläubig den Kopf. Es sah ganz so aus, als wollte hier nur jeder schauen, dass er möglichst schnell wieder nach Hause kam.

»Woher wissen Sie das mit den Rissen im Mund eigentlich, Herr Raintaler?« Berger setzte ein hochoffizielles Gesicht auf.

»Der Hausarzt des Hotels hier, der vorhin da war, hat mich darauf aufmerksam gemacht.«

»Soso. Hat er das?«

»Ja. Hat er.«

»Eine Nachforschung wäre die Sache mit dem gewaltsamen Mästen auf jeden Fall wert«, mischte sich Franz mit erhobenem Zeigefinger ins Gespräch. »Wenn Sie mich fragen.«

»Aha. Meinen Sie? Ich sage Ihnen jetzt mal was, meine Herren. Das hier war eindeutig ein Unfall. Ein selbst herbeigeführter Erstickungstod aus Gier, und Schluss. Außerdem ist es nicht Ihr Zuständigkeitsbereich, sondern unserer. Stimmt’s oder habe ich recht?« Berger sah langsam von einem zum anderen.

»Logisch haben Sie recht, Herr Berger. Wir wollten ja bloß helfen.« Max schüttelte den Kopf über so viel betriebsblinde Selbstgerechtigkeit. Wahrscheinlich steht dieser alte Dackel kurz vor der Pension und will einfach keinen Ärger mehr haben, dachte er. Aber das letzte Wort in der Angelegenheit war noch nicht gesprochen. So viel war sicher. »Im Eck neben der Tür müsste so ein Rohr aus Metall stehen. Lassen Sie es doch wenigstens im Labor untersuchen.«

»Ach, das hat der Täter wohl hier stehen gelassen? Und seine Fingerabdrücke sind sicher auch noch drauf? Geh, jetzt hören Sie aber endgültig auf, Herr Raintaler.« Berger grinste verächtlich. »Ich hab ja schon viele Deppen in meiner Laufbahn erlebt, aber so blöd war noch keiner, dass er die Tatwaffe neben dem Opfer zurücklässt. Außer, er war in Panik. Aber nach Panik schaut das alles hier beim besten Willen nicht aus.«

»Na gut, mag sein«, erwiderte Max. »Bleibt aber immer noch die Frage, warum der Koch während des Erstickens so brav sitzen geblieben ist.«

»Vielleicht wollte er sich kurz ausruhen. Kann doch alles sein.« Berger grinste selbstgefällig seinen jungen Assistenten an. Der grinste selbstgefällig zurück.

»Ausruhen? Vom Ersticken? Na ja. Ich weiß nicht.« Max schüttelte genervt den Kopf. Vergiss es, Raintaler, die Herren hier wollen offenbar keine große Sache aus dem toten Koch machen. Fragte sich nur, warum. Hingen sie vielleicht selbst in der Sache mit drinnen? »Nehmen Sie das Metallrohr neben der Tür doch wenigstens mit, Herr Berger. Vielleicht wurde der Täter ja gestört und hat es in der Hektik hier vergessen.«

»Geh, Herr Raintaler. Hören Sie doch endlich mit Ihren wilden Spekulationen auf.« Berger bückte sich, packte das Rohr am obersten Ende und hob es hoch. »Das Ding schaut eher aus wie ein Stück von einem Abflussrohr. So etwas liegt hier überall in den Kellern herum. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass wir keine Spuren darauf finden werden.«

»Woher wollen Sie das denn so genau wissen? Oder wollen Sie am Ende gar keine Spuren darauf finden?« Jetzt war Max an der Reihe, misstrauisch dreinzuschauen.

»Werden Sie nicht unverschämt, Mann. Das sagt mir meine Berufserfahrung, dass da keine Spuren drauf sind. Außerdem, wie hätte der Täter den Koch denn in Schach halten sollen, während er ihn mit Kraut vollstopfte? Etwa mit Drohungen? Wenn der Bub nicht brav aufisst, gibt es morgen kein schönes Wetter? Fesseln am Toten sind jedenfalls keine zu entdecken. Auch eindeutige Spuren, dass er gefesselt war, haben sich nicht gefunden.«

»Mit einer Waffe?«, wandte Max ein.

»Sie glauben ernsthaft, dass einer so lange frisst, bis er stirbt, bloß weil man ihm eine Waffe an den Kopf hält?«

»Warum nicht?« Max merkte, dass es nun er selbst war, der sich auf spekulatives Glatteis begab. Dennoch machte er keinen Rückzieher.

»Weil das nicht geht. Außerdem, in einer Hand die Waffe und in der anderen das Mästrohr? Wer stopft denn da das Kraut von oben ins Rohr? In diesem Fall müssten es ja zwei Täter gewesen sein.«

»Ja und? Warum denn nicht?«

»Weil das alles ein völliger Schmarrn ist. Schauen Sie das Rohr doch bloß einmal genau an. Das ist doch viel zu dünn, um Sauerkraut durchzudrücken.«

»Das sagen Sie.«

»Ja, das sage ich.« Bergers Blick wurde abweisend. So wie es aussah, war das Gespräch für ihn an dieser Stelle beendet.

»Sie können es aber doch zumindest mal auf Kraut-, Speichel- und Blutspuren des Toten untersuchen lassen«, fügte Max noch hinzu. »Was wäre denn so schlimm daran. So groß ist der Aufwand dabei nun auch wieder nicht.«

»Na gut, wir werden sehen. Und jetzt lassen Sie uns bitte unsere Arbeit machen, meine Herren. Falls wir Unterstützung aus der Landeshauptstadt brauchen sollten, fordern wir sie offiziell an.« Berger nickte ihnen knapp zu. Dann drehte er sich brüsk um und verschwand samt seinem blassen Assistenten wieder im Vorratsraum.

»Hab ich’s dir nicht gesagt? Gemüse ist tödlich. So oder so.« Franz drehte sich ebenfalls um und ging den Flur in Richtung Treppe zurück.

Max trottete nachdenklich hinter ihm her. »Wieso sollte sich ein Koch in seinen Vorratsraum setzen und heimlich Kraut in sich reinschaufeln, bis er erstickt?«, fragte er, nachdem er Franz eingeholt hatte. »Das macht doch nicht den geringsten Sinn, Franzi.«

»Muss alles immer Sinn machen?«

Sie stiegen nebeneinander die mit Teppichboden belegten Stufen zum Empfangsraum hinauf.

»Na ja. Nein. Doch. Irgendwie schon. Zumindest wenn es um Logik geht.«

»Mein Gott, es kann so oder so gewesen sein. Allwissend sind wir auch nicht, Max.«

»Und wenn der Koch doch gefesselt war? Zum Beispiel mit Klebeband. Und danach hat der Täter das Klebeband entfernt, um alles wie einen Unfall aussehen zu lassen?«

»Kann sein. Muss aber nicht sein.« Franz zuckte die Achseln.

»Ich sage Berger auf jeden Fall noch, dass Sie wenigstens die Füße und Hände des Toten noch mal genau nach Klebstoffresten untersuchen sollen.« Max wollte sich umdrehen und zurücklaufen. Franz hielt in fest.

»Lass ihn jetzt lieber in Ruhe. Du hast doch gesehen, wie genervt er von uns war. Du kannst ihn ja später auf dem Revier anrufen. Außerdem solltest du nicht vergessen, dass wir hier zu viert Urlaub machen.«

»Okay, hast recht.« Max blickte auf seine Uhr. »Herrje. Eine Dreiviertelstunde vorbei. Moni bringt mich um. Ich wollte doch pünktlich zurück sein. Bestimmt ist sie schon mit Sandra unterwegs in den Ort.«

»Na, dann nichts wie hinterher. Noch einen Toten brauchen wir im Moment nicht.«

4. Kapitel

»Schon herrlich, unsere Berge.« Monika zeigte auf die Umrisse der mächtigen Alpennordkette, die südlich von ihnen ins strahlende Blau des Himmels hineinragte. »Am liebsten würde ich auf der Stelle irgendwo da hinaufsteigen.«

»Ist doch kein Problem, Moni«, erwiderte Sandra. »Das machen wir einfach.«

Sie waren gemeinsam auf dem Weg in die Ortsmitte von Bad Endorf. Auf den üppigen Wiesen um sie herum blühten die Blumen in voller Pracht. Die Bäume trugen Blätter in satten Grüntönen. Bienen, Hummeln, Käfer und Fliegen summten eilig vorbei. Die Luft roch nach Sommer.

»Meinst du?«

»Logisch. Wir haben die ganze Woche Zeit. Wir können zum Beispiel an den Königssee fahren oder ein Stück weit den Watzmann hinaufsteigen. Oder wir besteigen die Kampenwand. Jetzt im Juni sind die Bedingungen ideal. Ich sag nur: Urlaub.«

»Hoffentlich erinnert sich Max auch ganz schnell wieder daran.« Monika seufzte kurz genervt auf. »Bei der Kampenwandtour müssten wir deinen Franzi allerdings im Hotel lassen«, fuhr sie dann grinsend fort.

»Wieso?«

»Kennst du nicht den Spruch ›Ich ging gern auf die Kampenwand, wenn ich mit meiner Wampen kannt‹?«

»Mein Gott, bist du böse. Der arme Franzi. Wo er doch mindestens 500 Gramm abgenommen hat in seinen drei Wochen knallharter Diätkur.« Sandra tätschelte ihren eigenen flachen durchtrainierten Bauch.

Dann prusteten beide laut los vor Lachen. Wäre Franz gerade bei ihnen gewesen, hätte er wie bereits einige Mal zuvor zu seinem Leidwesen feststellen müssen, dass, wer den Schaden hatte, nicht für den Spott zu sorgen brauchte.

»Aber im Ernst«, meinte Monika, sobald sie wieder reden konnte. »Ich mache mir wirklich Sorgen, dass uns Max mit seinem blinden Arbeitseifer den ganzen schönen Urlaub hier versaut.«

»Aber geh, Moni.« Sandra winkte ab. »Er und Franzi machen sich ein bisschen wichtig wegen dem Toten im Keller, Großstadtsheriffs und so, und dann sind sie wieder ganz normal. Du wirst schon sehen. Max reißt sich doch sonst auch kein Bein aus.«

Sie klang so zuversichtlich, dass Monika fast geneigt war, ihr zu glauben, obwohl sie Max besser kannte. Bestimmt würde er so schnell nicht aufgeben, wenn im Keller des Hotels tatsächlich ein Mord geschehen war. Seine manchmal fast schon provozierende Faulheit im Privatleben war eine Sache. Seine berufsbedingte Neugier als Exkommissar und Privatdetektiv eine ganz andere.

»Warten wir’s ab, Sandra.« Monika versuchte, alle unguten Gedanken abzuschütteln. »Aber jetzt freu ich mich sowieso erst mal auf einen Cappuccino und ein schönes großes Stück Kuchen mit Sahne.« Voller Vorfreude rieb sie sich die Hände.

»Nicht nur du. Ich hab die letzte Woche fast nichts gegessen, damit ich unseren Aufenthalt hier in vollen Zügen genießen kann.«

Sandra lachte fröhlich. Zu Hause war sie das glatte Gegenteil von Franz. Sie trank keinen Alkohol, trieb Sport, tanzte Tango und achtete auf ihre Ernährung, was ihr zur Belohnung den durchtrainierten attraktiven Körper einer 30-Jährigen bescherte. Zusammen mit ihren schulterlangen brünetten Haaren, ihren großen grünen Augen, ihrem hübschen Gesicht und ihren von den Schuhen bis zum Blazer stets modischen Outfits verkörperte sie so die nahezu perfekte moderne Frau um die 50.

»Ich sag’s ja immer«, entgegnete ihr Monika, die mit ihren 47 Lenzen ein Jahr jünger als Sandra war. »Auch Sportler müssen essen.«

Sie war nicht die Spur weniger schlank als Sandra, und in puncto Aussehen stand sie ihr mit ihren langen schwarzen Locken und den geheimnisvollen tiefblauen Augen in nichts nach. Allerdings aß sie auch zu Hause in München gern und viel, und Bier und Wein trank sie ebenfalls. Aber da sie täglich eine Stunde zum Joggen ging und noch dazu am Abend in ihrer eigenen kleinen Kneipe in der Nähe des Tierparks arbeitete, setzte sich auch bei ihr kein überflüssiges Fett an den Hüften fest.

Die zwei Bullen und ihre Superhasen hatte Josef Stirner, ein alter Freund von Max und Franz, sie einmal alle vier begrüßt, als sie zu ihm nach Hause zum Essen kamen. Alle hatten gelacht, weil seine Bemerkung punktgenau ins Schwarze getroffen hatte. Viele im Bekanntenkreis hatten anfänglich vor allem über Sandras und Franz’ ungleiche Erscheinungen gestaunt. Oft genug auch hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Doch Sandra versicherte ihren so liebend gerne über alles und jeden tratschenden Freundinnen stets, dass auch kleine glatzköpfige Männer mit Übergewicht durchaus ihre Qualitäten hätten. Was hätte sie auch sonst sagen sollen. Herrje, sie liebte ihren Franz halt nun einmal. Mit all seinen Fehlern. Und er liebte sie. So einfach war das.

»Schau mal, Moni. Das dort hat eine große Terrasse mit Blick auf die Berge. Da gehen wir hin.« Sandra zeigte auf ein großes Café am rechten Straßenrand, an dessen Tischen im Freien nur noch wenige Plätze frei waren.

»Ich bin dabei. Wo viele Leute sind, kann es nicht schlecht sein. Alte Wirtshausweisheit.« Monika gab grinsend die erfahrene Gastronomin.

»Gilt das auch für Cafés?«

»Vor allem für Cafés, Sandra.«

»Echt?«

»Echt.«

Kichernd betraten sie die Terrasse und fanden einen freien Tisch mit Sonnenschirm an der Südseite. Sie setzten sich beide so, dass sie Blick auf die Berge hatten.

»Meinst du, wir sollen zwei schattige Plätze für unsere Schnüffler freihalten?«, fragte Sandra, nachdem sie Kaffee und Kuchen bestellt hatten.

»Wir machen es so: Solange nichts Besseres kommt, halten wir für sie frei.« Monika lachte erneut.

»Geniale Idee.« Sandra stimmte in das ausgelassene Gelächter ihrer Freundin ein.

Herrliches Wetter, tolle Aussicht, Urlaub, Kaffee und Kuchen. Wer da schlechte Laune hatte, war wirklich selbst schuld.

Wenig später trafen zwei riesige Stücke Erdbeerkuchen mit Sahne und der Kaffee ein. Die freundliche Kellnerin im Dirndl stellte alles vor ihnen ab und wünschte guten Appetit.

»Wahnsinn, sind das Portionen. Da wird ja eine ganze Kompanie davon satt.« Monika machte große Augen. Das schien selbst für sie zu viel des Guten zu sein. Obwohl. Erst einmal langsam anfangen. Alles Weitere würde sich zeigen.

»Unglaublich.« Sandra war nur schlecht zu verstehen, weil sie bereits den Mund voll hatte. »Bei uns in München bekommst du gerade mal die Hälfte.«

»Und bezahlst das Doppelte.«

»Mindestens.«

»Schau mal.« Monika zeigte mit dem Kopf auf einen sehr beleibten Herrn in kurzen karierten Hosen und einem zeltähnlichen leuchtendgrünen Polohemd. Seine schwarzen Haare standen wie eine wildgewordene Bürste in die Luft. »Der Riese mit dem roten Gesicht da hinten verschlingt schon das dritte Stück Sahnetorte, seit wir da sind. Jedes Mal, wenn er bestellt, brüllt er die Kellnerin an, als hätte sie sein Haus niedergebrannt. Ich glaube, der hat einen sauberen Vogel.«

»Ja mei. So eine Diätkur geht ans Nervenkostüm. Da schreit der Körper förmlich nach Zucker. Hätte er lieber mal vorher auf seine Ernährung geachtet.«

»Dann wären seine Nerven okay?«

»Genau. Weil er keine Diät machen müsste.«

»Weiß nicht. Aber vielleicht hast du recht. Er macht hier wohl wirklich eine Diätkur, obwohl er gerade so unglaubliche Mengen rein schlichtet. Mir fällt gerade ein, dass ich ihn heute Morgen am Frühstückstisch bei uns im Kurhotel gesehen habe. Sie haben ihm nur einen Orangensaft und ein Stück trockenen Toast hingestellt. Er hat beides blitzschnell mit reiner Todesverachtung in sich reingestopft. Richtig wütend hat er dabei ausgesehen. Als würde er jemanden umbringen wollen. So wie jetzt.«

»Deswegen schau ich eben, dass ich erst gar nicht dick werde. So spar ich mir das mühsame Abnehmen. Das ist doch die reinste Höllenqual. Da muss man ja zum Psycho werden.« Sandra schmatzte unbekümmert weiter.

»Und Psychos werden wollen wir wirklich nicht.« Monika grinste in sich hinein. Sie begann ebenfalls zu essen.

»Na ganz toll. Unsereins kasteit sich drei Wochen lang bei Wasser, Gemüse und Obst, und die Damen verdrücken die herrlichsten Kalorienbomben, als gäbe es kein Morgen.« Franz stand vor ihnen, seinen Blick neidvoll auf ihre halbleeren Teller gerichtet. Er schwitzte.

»Komm zu uns in den Schatten, Franzi. Es ist heiß heute. Bestimmt hat es jetzt schon an die 30 Grad.« Sandra zeigte auf den Stuhl neben ihrem.

»Aber nur, wenn ich auch Kuchen bekomme.«