Bruno, der Messdiener - Bruno Hoenig - E-Book

Bruno, der Messdiener E-Book

Bruno Hoenig

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Beschreibung

Bruno wächst als Kind in die römisch-katholische Kirche hinein. Besonders intensiv sind seine Erfahrungen mit der Kirche als Messdiener, von 1956 bis 1966. Warum wurde er Messdiener? Wie kam er mit der Glaubenslehre zurecht? Was hielten andersdenkende Jugendliche von seinen Glaubensvorstellungen? Wie wirkte sich seine katholische Erziehung auf sein Verhalten gegenüber Mädchen aus? Mit sexuellem Missbrauch wurde Bruno als Jugendlicher nicht konfrontiert. Und wie hält er es heute, ein halbes Jahrhundert später, mit Religion und Kirche? In unterhaltsamer und zugespitzter Form setzt sich Bruno mit der römisch-katholischen Kirche auseinander und hinterfragt dabei die Erziehung zur Religion. Die autobiografische Erzählung will zu einer Debatte über Kirche und Religion anregen.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Gewidmet:

Meiner Mutter, Brigitte Hoenig (1921-2016)

Zum Autor:

Bruno Hoenig, Jahrgang 1948, ist immer noch römisch-katholisch. Er war 10 Jahre Messdiener und 9 Jahre Schüler eines katholischen Gymnasiums, das von Jesuiten geleitet wurde. Außerdem war er Jugendvertreter im Pfarrgemeinderat.

Er studierte Sport und Geschichte und hat von 1976 bis 2011 als Lehrer im Hamburger Schuldienst gearbeitet.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebtes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Nachwort

Anmerkungen [A]

Vorwort

Religionen sind in den letzten Jahrzehnten immer häufiger in den Mittelpunkt öffentlicher Diskussionen gerückt. Oft durch negative Schlagzeilen, wenn über Anschläge religiöser Fanatiker und über Terroristen mit religiösem Hintergrund berichtet wurde. Oder wenn es um Opfer sexueller Gewalt durch geistliche Täter ging. Und wenn Regierungschefs sich bei der Durchsetzung ihrer Interessen auf Heilige Schriften berufen haben.

Religionen sind deshalb für viele Menschen der Quell des Bösen. Für andere sind sie Hüter von Moral und Anstand, die dem Leben erst einen Sinn geben.

Über den Wert und Nutzen von Religionen lässt sich streiten.

Ob Religionen das friedliche Zusammenleben von Menschen eher fördern oder eher gefährden, hängt letztlich vom Bewusstsein des einzelnen Mitglieds einer Religionsgemeinschaft ab. Wie es seine Religion begreift und mit ihr umgeht.

Der individuelle Umgang mit einer Religion wird meistens schon ab dem frühesten Kindesalter erlernt. Und Prägungen in der Kindheit lassen sich nicht so leicht abschütteln.

Auf der Erde gibt es eine Vielzahl von Religionsgemeinschaften. Die mitgliederstärkste von ihnen ist die römisch-katholische Kirche. Und in diese bin ich hineingewachsen, nicht ganz ohne Folgen.

Das wurde mir wieder einmal bewusst, als ich vor einiger Zeit einen katholischen Gottesdienst besuchte. Ich ertappte mich dabei, wie ich das Glaubensbekenntnis aus Gewohnheit mitsprach. Bei einigen Textstellen geriet ich ins Stocken. Denn das Glaubensbekenntnis verlangt dem Bekennenden einiges ab: den Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes, die Geburt Jesu durch die Jungfrau Maria und seine Auferstehung nach dem Tod. Spätestens bei dem Satz »Ich glaube an die heilige katholische Kirche« stellte ich das Sprechen ein. Glaubte ich das wirklich?

Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend wurden wach und ich beschloss, mich mit meiner religiösen Erziehung und der römisch-katholischen Glaubenslehre noch einmal etwas intensiver auseinander zu setzen.

Besonders prägend für meine katholische Sozialisation war die Zeit als Messdiener: von 1956 bis 1966, von meinem achten bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr.

Um diese Zeit geht es im Folgenden, aber mit einem Unterschied zur Vergangenheit: Bruno hat, wie er hier dargestellt wird, keine Scheu nachzufragen, wenn er etwas in der katholischen Kirche nicht versteht oder Zweifel hat. Das war in dieser Zeit für einen jungen Messdiener absolut unüblich, da das Bewusstsein und der Mut für offene und kritische Fragen in der Regel fehlten. Die Jahrzehnte später formulierten Fragen holen nach, was Bruno als junger Ministrant versäumt hat.

Vorab: Ich bin als Messdiener nie sexuell belästigt oder missbraucht worden. Das war für mich zum Glück kein Thema und ich wurde damit auch nicht indirekt konfrontiert.

Warum ich mich dann mit diesem Thema beschäftigen würde, wenn ich nicht traumatisiert worden sei, fragte mich ein Freund, als ich von meinem Schreibvorhaben erzählte. Ich sagte ihm, dass meine Haltung zur katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten zunehmend distanzierter und kritischer geworden, ich aber immer noch Mitglied der katholischen Kirche sei, auch diesem ambivalenten Verhalten wolle ich nachgehen. »Was, du bist immer noch katholisch?«, staunte der Freund, »warum das denn?« Die Beantwortung dieser Frage fiel mir nicht leicht. Ich merkte, wie ich nach Erklärungen suchte und ertappte mich dabei, wie ich um die Frage herumredete und in Zeiten meiner Kindheit landete.

Auch dieses Gespräch bewog mich, mein Verhältnis zur Kirche zu überprüfen.

Da ich glaube, dass außer mir noch andere Menschen in ähnlicher Weise religiös erzogen worden sind, möchte ich meine Erfahrungen publik machen.

Um ein wenig Distanz zu meiner katholischen Erziehung herzustellen, habe ich bei der Darstellung meiner Zeit als Messdiener auf die Ich-Form verzichtet.

Ziel des Buches ist es nicht, mit Theologen über den wahren Gott und die Bibel als Gottes Wort wetteifern zu wollen. Da hat sich schon so mancher – auch große Geist – abgemüht.

Mir geht es vielmehr darum, mein Hineinwachsen in die römisch-katholische Kirche darzustellen und im Nachhinein meine Zweifel und meine Skepsis gegenüber der Kirche deutlich zu machen, in der ich immerhin zehn Jahre als Messdiener fungiert habe. Während dieser Zeit bin ich sehr häufig mit dem Begriff der »Sünde« konfrontiert worden. Von früher Kindheit an wuchs ich mit Schuldgefühlen auf. Möglicherweise haben andere Menschen, die auch religiös erzogen worden sind, gleiche oder ähnliche Erfahrungen gemacht.

Gleichzeitig wollte ich mich etwas mehr mit der Geschichte des Christentums befassen, die in der Kirche meiner Wahrnehmung nach gerne verdrängt wird.

Das Buch könnte ein Anlass sein, Gespräche über Glaubensvorstellungen und Religionen in Gang zu bringen.

Wenn sich möglichst viele Menschen kritisch mit ihrer Religion auseinandersetzen würden, könnte das vielleicht die Zahl religiöser Fanatiker verringern und den Frieden auf der Welt ein bisschen sicherer machen. Und Regierungen in aller Welt könnten dann Religionen nicht mehr so einfach für ihre politischen Ziele instrumentalisieren.

Das Hinterfragen religiöser Gewohnheiten und sogenannter »heiliger Schriften« könnte auch dazu beitragen, den Umgang mit der eigenen Religion zu relativieren und Gebote aus einer kritischen Distanz zu betrachten.

Sämtliche Namen, auch die der beiden erwähnten Gemeinden, sind fiktiv. Authentisch sind lediglich die Namen der katholischen Gymnasien in Hamburg.

Anmerkungen sind mit Zahlen in eckigen Klammern gekennzeichnet und werden im Anhang erklärt. Mit »Kirche« ist vor allem die Amtskirche der römisch-katholischen Kirche gemeint und nicht die Gesamtheit aller Katholiken.

Erstes Kapitel

„Bruno, du willst doch bestimmt auch gerne Messdiener werden?«, fragte der Pfarrer von Sankt Jakob in Oberlengsfeld, einer kleinen hessischen Dorfgemeinde unweit von Bad Hersfeld.

Bevor Bruno zustimmte, zögerte er für den Bruchteil einer Sekunde, was Hochwürden nicht verborgen blieb.

»Hörst du gerade das Läuten der Glocken?« vergewisserte sich der Geistliche, denn das Dröhnen der gusseisernen Kirchenglocken war eigentlich nicht zu überhören. Bruno nickte.

»Es gibt nichts Schöneres auf der Welt als Gott zu dienen, mein Junge! Das Läuten der Glocken erinnert uns stets an unsere Pflichten gegenüber unserem Herrgott!«

»Ja, Hochwürden«, stimmte der Achtjährige artig zu und dachte dabei an seine beiden älteren Brüder, die bereits Messdiener waren. Und von ihnen wusste er, dass das Amt des Messdieners nicht nur mit Ansehen und Ehre verbunden war, sondern auch mit Verzicht und Opfern, wie zum Beispiel frühem Aufstehen an Sonn- und Feiertagen, nüchtern zum Gottesdienst erscheinen und lateinische Messgebete auswendig lernen.

Aber warum hätte Bruno »nein« sagen sollen, wenn seine Eltern und der Herr Pfarrer wollten, dass er Messdiener würde? Waren nicht alle Verwandten mächtig stolz auf ihn gewesen, als er vor wenigen Wochen die Erste Heilige Kommunion empfangen hatte?

Bruno konnte nicht anders als nicken. Vor den Osterferien 1956 war er gerade in die dritte Klasse versetzt worden. Einfache Bücher konnte er schon gut lesen und das kleine Einmaleins beherrschte er sicher. Darauf war er sehr stolz.

«Wann fängt der Unterricht für die Messdiener denn an?«, erkundigte sich Bruno.

»Nächsten Mittwoch um 17 Uhr«, erwiderte Hochwürden und lächelte zufrieden in sich hinein.

Der Unterricht für die Messdiener begann pünktlich und sehr zielgerichtet. »Beim Confiteor, dem Schuldbekenntnis aller deiner Sünden, musst du als Messdiener zu Beginn der Heiligen Messe kniend deinen Oberkörper deutlich neigen und mit der rechten Hand drei Mal auf deine Brust klopfen, wobei du laut und vernehmbar »mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa« sagst! Die Gemeinde muss das sehen und hören können«, erklärte der Herr Pfarrer.

»Und was heißt das?«

»Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld«, übersetzte Hochwürden und fügte hinzu: »Du bekennst vor Gott deine Schuld als sündiger Mensch. Übersetzt aus dem Lateinischen heißt es wörtlich im Confiteor: ›Ich bekenne Gott, dem Allmächtigen, der seligen, allzeit reinen Jungfrau Maria, dem heiligen Erzengel Michael, dem heiligen Johannes dem Täufer, den heiligen Aposteln Petrus und Paulus, allen Heiligen und Dir, Vater, dass ich viel gesündigt habe, in Gedanken, Worten und Werken: durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine übergroße Schuld. Darum bitte ich die selige, allzeit reine Jungfrau Maria, den heiligen Erzengel Michael, den heiligen Johannes den Täufer, die heiligen Apostel Petrus und Paulus, alle Heiligen und Dich, Vater, für mich zu beten bei Gott, unserem Herrn‹.«

Bruno guckte den Geistlichen erstaunt an. Soviel Schuld, fand er, hatte er eigentlich noch gar nicht auf sich geladen. Selbstverständlich hatte er hin und wieder versäumt, das Nachtgebet zu sprechen, weil er einfach zu müde gewesen war. Es kam auch vor, dass er seine kleine Schwester geärgert und ein Stückchen Schokolade aus dem Küchenschrank stibitzt hatte. Oder dass er seinen Eltern nicht immer sofort gehorcht hatte. Gelegentlich hatte er auch die Hausaufgaben für die Schule nicht vollständig gemacht.

Ein »mea culpa«, auch ohne sich an die Brust zu klopfen, hätte dafür gereicht, dachte Bruno. Aber das behielt er für sich. Denn Widerspruch schätzte Hochwürden nicht.

Dies hatte Bruno schon beim Kommunionunterricht wenige Monate zuvor erlebt, als er nachfragte, ob es wirklich so sei, dass durch die Wandlung im Gottesdienst die Oblate zum Leib Christi werde und der Wein zum Blut Christi. Blut sehe doch ganz anders aus als Wein.

»Bruno, beim Abendmahl wird Jesus Christus gegenwärtig durch die heilige Wandlung. Brot und Wein verwandeln sich in ihrem Wesen.«

»Wie geht das denn?«, staunte Bruno.

»Das ist die Lehre von der Transsubstantiation«, erklärte der Herr Pfarrer.

Überzeugt war Bruno nicht, eher ratlos. Er blickte den Geistlichen verständnislos an. Deshalb fügte Hochwürden hinzu: »Für Gott ist nichts unmöglich!«

Seit diesem Tag wurde Bruno beim Herrn Pfarrer unter der Rubrik »schwieriger« Messdiener geführt. Als »schwierig« galten alle, die aus Sicht von Hochwürden unnötige oder dumme Fragen stellten und sich schwertaten, traditionelle Formen der Liturgie zu verstehen.

Zuhause angekommen fragte Bruno seine Mutter, was es mit der Lehre von der Transsubstantiation auf sich habe.

»Noch nie gehört«, sagte sie kopfschüttelnd.

»Das kann nicht sein!« Auf Brunos Gesicht zeichnete sich ungläubiges Staunen ab. »Du bist doch jeden Sonntag dabei. Es geht um die Wandlung im Gottesdienst.«

»Ach so, sag das doch gleich! Diesen lateinischen Begriff dafür habe ich noch nie gehört. Da musst du Opa Willi fragen, der weiß bestimmt etwas darüber!«

Brunos Großvater väterlicherseits war ein Unikum, ein wandelndes Lexikon. Was er einmal gelesen oder gehört hatte, saugte er auf wie ein Schwamm. »Weiß ich nicht« kam selten über seine Lippen.

Willi lächelte, als er mit der Frage konfrontiert wurde. Für einen kurzen Moment wirkte er belustigt aufgrund des ungewöhnlichen Fachbegriffs aus dem Mund eines Achtjährigen.

Dann schimpfte er: »Typisch klerikal! Wenn es unverständlich wird, sich hinter ´nem Dogma verschanzen. 1215 wurde diese Lehre im 4. Laterankonzil zum Dogma erhoben. [A1]

Nach dieser Lehre ist es so, dass im Gottesdienst durch göttliche Macht Wein und Brot in das Blut und den Leib Christi umgewandelt werden, Brot und Wein aber trotzdem in ihrer Form bestehen bleiben.«

»Das verstehe ich nicht«, sagte Bruno.

»Ich auch nicht«, gab Willi zu und schob die Begründung hinterher: »Für mich sind das Symbole. Sie sollen eine Erinnerung an das Vorbild Jesus und das letzte Abendmahl mit seinen Jüngern sein.«

»Und warum erzählt mir der Herr Pfarrer das nicht so?«

»Weil diese Erklärung nach katholischer Lehre eben nicht ausreicht. An die Glaubenssätze der Amtskirche, auch Dogmen genannt, muss sich Hochwürden schon halten. Sonst fliegt er aus der Kirche. Aber wahrscheinlich glaubt er es selbst.«

Bruno reichte es fürs Erste.

Dass die Kirche so rigoros mit ihrem Personal umspringen würde, hätte er nicht gedacht. Hinzu kam: Es gab nicht nur ein Dogma in der katholischen Kirche, sondern über zweihundert, wie zum Beispiel die Himmelfahrt Marias, Marias unbefleckte Empfängnis und die Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubensfragen, um nur drei zu nennen. [A2]

Im Unterricht für die Messdiener lernte Bruno mit drei anderen Achtjährigen, wie man ein Messgewand anzieht, wie man dem Geistlichen beim Zelebrieren der heiligen Messe durch Handreichungen hilft, wie man Fackeln oder Kerzen trägt, wie man richtig mit der Schelle umgeht, wie man die Kollekte einsammelt und vieles mehr. Und selbstverständlich das Aufsagen von Messgebeten auf Latein. Die Heilige Messe, der katholische Gottesdienst, wurde damals noch auf Latein gelesen. Nur die Lesungen und das Evangelium erfolgten auf Deutsch. [A3]

In der Dorfgemeinde gab es außer Bruno und seinen beiden Brüdern noch fünf weitere Messdiener, selbstverständlich alles Jungen. Mädchen durften damals nicht Messdiener werden. Ihnen war der Zutritt zu diesem Amt verwehrt. Das wurde auch nicht in Frage gestellt, es war eben so. Brauchtum und Traditionen wurden sorgsam gepflegt und kaum hinterfragt.

Als Messdiener eingesetzt wurde Bruno zum ersten Mal Pfingsten 1956.

Der Pfingstsonntag in jenem Jahr war ein strahlend blauer und sehr heißer Sommertag. Um 10 Uhr war ein feierliches Hochamt angesetzt, bei dem Bruno und sein Bruder Heinz als Messdiener eingeteilt waren. Beide hatten nicht gefrühstückt, weil man drei Stunden vor dem Empfang der Kommunion nüchtern bleiben musste. Um 7 Uhr hatten sie deshalb nicht aufstehen wollen. Bald nach dem Eingangslied forderte der Herr Pfarrer Bruno auf, Weihrauchkörner auf die glühenden Kohlen im Inneren des Weihrauchfasses zu geben, was mittels eines kleinen Silberlöffels geschah. Die silberne Schale mit Weihrauch durfte Bruno tragen. Hochwürden verlangte an diesem Tag vier gehäufte Löffel Weihrauch statt der üblichen zwei. Die Folge: Der gesamte Altarraum war nach kurzer Zeit von einer dichten duftenden Rauchwolke durchflutet und mitten drin in den Weihrauchschwaden stand Bruno.

Während Hochwürden die von Weihrauch durchdrungene Luft begierig einsog, kämpfte Bruno schon nach wenigen Minuten mit ersten Anzeichen von Übelkeit.

Dann folgte die Predigt. Während dieser mussten die Messdiener stehen, so war es in St. Jakob üblich.

Der Herr Pfarrer holte aus und berichtete über die Anfänge der Kirche, während Bruno mehr und mehr das Bedürfnis nach frischer Luft und einem knusprigen Brötchen, das dick mit Pflaumenmarmelade belegt war, verspürte.

Als Hochwürden nach etwa zwanzig Minuten in seiner Predigt endlich bei Paulus, dem die Gründung der christlichen Kirche zugeordnet wird, angelangt war, passierte es: Bruno wurde schwarz vor Augen. Die Beine versagten ihren Dienst. Er sackte vor dem Altar ohnmächtig zusammen und fiel wie ein nasser Sack zu Boden. Dabei stieß er mit dem Kopf auf eine Altarstufe.

Als er die Augen ein wenig später aufschlug, sah er, wie Schwester Hildegard ihm frische Luft in der Sakristei zufächelte. Sie lächelte nachsichtig und erklärte: »Nur ein kleiner Schwächeanfall, das geht vorüber!« Dann reichte sie ihm ein Glas Wasser und danach ein Brötchen, das dick mit Butter beschmiert war, leider ohne Marmelade.

Um die Beule an der Stirn etwas zu kühlen, bekam Bruno einen feuchten Waschlappen zum Kühlen in die Hand gedrückt. Seine Funktion als Messdiener war für diesen Tag beendet.

Etwas Gutes brachte Brunos Ohnmacht doch noch mit sich. Die Messdiener durften fortan während der Predigt sitzen. Bruno war sich ziemlich sicher, dass diese nicht unwesentliche Reform – aus Sicht der Messdiener – dem Drängen von Schwester Hildegard zu verdanken war, die es sicherlich vorzog, dem Gottesdienst durchgehend in Andacht beizuwohnen statt mittendrin Erste Hilfe leisten zu müssen.

Nur wenige Wochen nach diesem Vorfall wirkte der Herr Pfarrer von Sankt Jakob sehr angespannt. Das lag dieses Mal nicht an Bruno, sondern an der unmittelbar bevorstehenden Firmung, die in der Gemeinde stattfinden sollte. Und zu diesem Zweck hatte der Herr Erzbischof von Fulda sein Erscheinen angekündigt.

Thema der Messdienerstunde vor dem Besuch des Bischofs war deshalb unter anderem auch: «Wie lautet die offizielle Ansprache für den hohen Würdenträger durch die Gemeindemitglieder?«

Der Herr Pfarrer verlangte absolutes Silentium, um die Anrede bedeutungsvoll vortragen zu können. »Sie lautet: Seine Exzellenz, hochwürdigster Herr Bischof!« Dabei schaute er jeden einzelnen der neun Messdiener scharf an.

»Habt ihr das kapiert?«

»Jawohl Hochwürden«, schallte es ihm entgegen.

Selbstverständlich wurde in dieser Stunde auch geübt, was jeder einzelne Messdiener bei dem Festgottesdienst zu tun hatte. Bruno sollte bei der Wandlung, dem Höhepunkt der heiligen Messe, schellen.

Dann war es so weit: Seine Exzellenz erschien zur Firmung in einer großen schweren Limousine, gesteuert von seinem Chauffeur. Begleitet wurde seine Exzellenz von seinem persönlichen Sekretär, einem jungen Kaplan.

»Die Firmung ist ein sichtbares Zeichen der Orientierung bei der Suche nach Lebenszielen. Ihre Gnadenwirkungen sind: Festigung des Glaubens und Glaubensbewährung im Leben. Und ihr Firmlinge bekennt heute feierlich eure Zugehörigkeit zur heiligen katholischen Kirche und zum wahren Glauben«, sagte der Herr Bischof am Beginn der feierlichen Zeremonie zur Begrüßung mit großer Freude und überschwänglicher Herzlichkeit. Und dann begann der eigentliche Festgottesdienst – wieder mit Weihrauch. Zum Glück nahm seine Exzellenz nur zwei Löffel. Luft zum Atmen blieb also noch und Zeit für einige Beobachtungen. Der Herr Bischof war eher von kleiner Statur, dafür aber mit einem ansehnlichen Bauchumfang ausgestattet. Auf Bruno machte er einen sehr frommen Eindruck, weil er die Hände mit größtmöglicher Sorgfalt und Andacht gefaltet hielt. Finger und Daumen lagen eng gestreckt nebeneinander und zeigten senkrecht nach oben. In kerzengerader Haltung schritt der Herr Erzbischof dermaßen erhaben und würdevoll um den Altar, dass Bruno zwischenzeitlich meinte, es mit einem Heiligen zu tun zu haben. Die Insignien seines Amtes – Mütze, Stab, Ring und Brustkreuz – trug er mit sehr viel Würde und unverkennbarem Stolz. Ihm war bewusst, dass die Augen aller Kirchenbesucher auf ihn gerichtet waren, was ihn keineswegs zu stören schien. Offensichtlich genoss er das Zelebrieren des Hochamtes.

Die Predigt dauerte fast eine halbe Stunde. Seine Exzellenz wollte den Jugendlichen eben einiges mitgeben für ihren weiteren Lebensweg. Obwohl Bruno sich noch so anstrengte, er verstand längst nicht alles. Es ging um die Erbsünde und die Notwendigkeit der Taufe, das Leiden und Sterben Christi und eben die Firmung, die ein ganz wichtiges Sakrament sei und der Vermehrung der heiligmachenden Gnade diene. Nur wer im Glauben fest bleibe, schaffe die Voraussetzung, in den Himmel zu gelangen und die Herrlichkeit Gottes sehen zu dürfen, erklärte der Herr Bischof. Die Firmlinge seien nun Streiter Christi und sollten furchtlos ihren Glauben bekennen.

Bruno beschränkte sich während der weit ausholenden Predigt darauf zu zählen, wie häufig »Gott« vorkam. Es war genau zwölfmal. Und Jesus, sein Sohn, sowie der Heilige Geist tauchten jeweils siebenmal auf. Die Dreifaltigkeit Gottes wurde mit zahlreichen Bibelstellen belegt. Bruno schwirrte der Kopf. Obwohl er sich noch so mühte, er verstand den Sinn vieler Bibelzitate nicht. Und er begriff nicht, wie er sich den dreifaltigen Gott vorzustellen hatte. Seine Exzellenz dagegen vermittelte den Zuhörern den Eindruck, über Gott genauestens Bescheid zu wissen. Er sprach über Gott, als kenne er ihn seit langem persönlich, und das in allen Lebenslagen.

Niemand in der Kirche schien traurig zu sein, als die Predigt mit einem nicht zu überhörenden »Amen« endete.