Businessplan Mord - Monika Mansour - E-Book

Businessplan Mord E-Book

Monika Mansour

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Beschreibung

Monika Mansour war vieles in ihrem Leben: Augenoptikerin, Reisende, Betreiberin einer Whiskybar und Tätowiererin. Geschrieben hat sie indes schon immer. Als Kind, und später in der Freizeit. Ihr erstes - notabene unveröffentlichtes - Buch umfasste 800 Seiten. Ein Thriller. Kein Verlag war interessiert. Hier hätte ihre Geschichte als Autorin enden können. Was Monika Mansour auszeichnet, ist ihre Hartnäckigkeit. Nachdem das erste Buch allseitig von Verlagen abgelehnt wurde, begann sie unbeirrt ihr zweites, dieses Mal einen Krimi. "Jetzt erst recht", dachte sie und bildete sich autodidaktisch weiter. Sie erfuhr aus englischsprachiger Ratgeberliteratur - weil es auf Deutsch kaum Lernstoff gab und gibt - wie man aus einer Idee ein gutes Buch macht, das von Verlagen angenommen wird. Und sie hatte Erfolg! Monika Mansour veröffentlicht demnächst ihren vierten Krimi im Emonsverlag. "Was ich kann, können auch andere", dachte sich Monika Mansour weiter. Mit ihrem Buch "Businessplan Mord" lässt sie die Leserschaft einerseits am Leben und Alltag einer Krimiautorin teilhaben, andererseits gibt sie wertvolle Tipps, Anregungen, aber auch Mut, das eigene Buchprojekt umzusetzen. Ein Buch, das Monika Mansour damals nach den ersten Absagen auch gerne gelesen hätte.

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BUSINESSPLAN:MORD

ERFOLGREICH EINEN KRIMI SCHREIBEN

Monika Mansour

Dieses Buch wurde unterstützt durch:

Regionaler Förderfonds Kultur, Region Luzern West

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

1. Auflage

© 2017, Arisverlag

(Ein Unternehmen der Redaktionsbüro.ch GmbH)

Schützenhausstrasse 80

CH–8424 Embrach

www.arisverlag.ch | www.redaktionsbüro.ch

Coverfoto: © quälgeist/photocase.de

Umschlaggestaltung und Satz: Lynn Grevenitz, Kulturkonsulat,Hamburg, www.kulturkonsulat.com

Lektorat: Katrin Sutter/Red Pen Sprachdienstleistungen e.U

e-Book: mbassador GmbH, Luzern

ISBN: 978-3-9524654-1-7

INHALT

I Erfolgs-Strategie

#1 — Heute darf ich mich Autorin nennen

#2 — Wie ich zur Schreibtischmörderin wurde

#3 — Der lange Weg vom leeren Papier zum gedruckten Buch

#4 — Rückschläge und Kritik sind nicht tödlich

#5 — Das tägliche Produzieren von Träumen

#6 — Wie ich an meinen eigenen Worten wachse

#7 — Ich muss mehr können als nur schöne Sätze schreiben

#8 — Mein Geschäftsmodell für die Zukunft

II Business-Talk

#1 — Die Leidenschaft strukturieren

#2 — Inspiration und Startkapital besorgen

#3 — Den Plot für eine Heldenreise organisieren

#4 — Stil und Schreibtechnik nutzen

#5 — Mit Helden und Schurken zusammenarbeiten

#6 — Einen Krimi von A bis Z produzieren

#7 — Mit Konflikten und Spannungen die Figuren manipulieren

#8 — Das Manuskript einer Endkontrolle unterziehen

#9 — Wie Agenturen und Verlage die Bilanz aufwerten

III Anhang

Leitbilder, Strategien und Produktionsmittel

EINLEITUNG

Niemand hat mich auf das Leben als Autorin vorbereitet. Ich habe Bücher verschlungen über die Technik des Schreibens, aber was es bedeuten würde, tatsächlich als Autorin zu leben, das stand nirgends geschrieben. Ich kannte auch keine Autoren persönlich, die ich hätte fragen können.

Aufgewachsen bin ich ganz bodenständig als Bauerntochter, habe eine Lehre als Augenoptikerin gemacht, gearbeitet und wenn genügend Geld auf dem Konto war, bin ich auf Reisen gegangen. Mein Umfeld war weder akademisch gebildet noch künstlerisch tätig. Ganz normale Menschen eben.

Autoren aber waren für mich Halbgötter. Ich wollte zu ihnen gehören, selber schreiben. Das tat ich – und es ging schief. Ich erkannte, dass hinter guten Geschichten auch ganz viel Schreibtechnik und Wissen steckt. Ich begann mich dann autodidaktisch weiterzubilden, mehr über meine Figuren und den Aufbau der Handlung zu lernen, meine Fehler auszumerzen und einen Geschäftssinn zu entwickeln, um meine Bücher später auch verkaufen zu können.

Dieser Ratgeber soll Mut machen, all jenen, die vom Schreiben träumen und es versuchen wollen – oder bereits mittendrin stecken. Es soll aber auch eine unterhaltende Lektüre sein für alle, die neugierig sind und schon immer wissen wollten, wie eine Krimiautorin in ihrem stillen Kämmerlein so mordet.

Es gibt viele Schreibratgeber, mein Regal quillt über davon, die meisten sind jedoch auf Englisch. Dieses Buch ist ein Einstieg, in dem es aber nicht nur um Technik geht, sondern um das Leben und die Erfahrungen als Krimiautorin. Fehler machen ist okay, ich habe viel aus ihnen gelernt, doch man darf sich getrost einige Hindernisse aus dem Weg räumen.

Im ersten Teil «Erfolgs-Strategie» erzähle ich von meinen Stolpersteinen, wie ich sie hätte umgehen können auf dem langen Aufstieg zum Autorenolymp, der sich dann doch nur als Hügelchen herausgestellt hat, eingebettet in eine weite Landschaft aus Möglichkeiten, die einem im Leben zur Auswahl stehen. Aber von meinem Autorenhügelchen aus ist die Aussicht einfach grandios, versprochen!

Der zweite Teil «Business-Talk» ist ein Dialog. Was wolltest du schon immer über das Schreiben wissen? Was ist das Geheimnis hinter einem guten Krimi? Hier geht es um die Technik, den Stil, den Handlungsaufbau, die Charaktere, das Überarbeiten und letztlich auch um Business: Marketing, Verkauf und Buchhaltung gehören ebenso zum Leben eines Autors wie das Geschichtenerfinden. Denn egal ob Friseursalon, Bäckerei, IT-Beratungsfirma, Handelsbetrieb oder eben «Autorenwerkstatt», kein Unternehmen kann sich vor geschäftlichen Aufgaben drücken, will es erfolgreich sein. Doch keine Angst, ein Buchhaltungskurs ist in diesem Buch nicht inbegriffen, dafür gibt es andere Lektüren.

Es sei noch angemerkt, dass hier im Buch der Begriff Autor neutral zu verstehen ist und sowohl auf Autorinnen und Autoren zutrifft.

Im «Anhang» im dritten Teil finden sich Listen und Vorlagen, die ich über die Jahre entwickelt habe und die mir beim Entwerfen eines neuen Krimis helfen. Zudem findet sich dort eine Auflistung von Büchern, Software und Webseiten über das Schreiben, die ich empfehlen kann.

#1HEUTE DARF ICH MICH AUTORIN NENNEN

Im Herbst 2011 habe ich meine kleine Krimi-Schreibfirma gegründet. Ich habe als Erstes gleich Cem Cengiz eingestellt. Er ist mein Luzerner Ermittler in meinen vier bisher veröffentlichten Kriminalromanen. Bis heute ist Cem mein bester Freund, mein Seelenverwandter, mein Alter Ego, mein Bruder, mein Sohn, mein Traummann, meine größte Nervensäge, mein Stalker und mein Beschützer. Ihm ist der Erfolg meines Businessplans zu verdanken. Drei Jahre haben wir in meinem Kopf zusammen am ersten Fall gearbeitet, dann war Cem bereit, sich der Leserschaft zu präsentieren. Es fühlte sich an wie ein Börsengang. Von wegen abgebrühte Businessfrau, die ihr Unternehmensziel erreicht hat. Es war der 7. Oktober 2014, 9.42 Uhr. Ich geisterte in meiner Wohnung umher, planlos, die Nerven lagen blank. Ein Geräusch schreckte mich auf: Schritte im Treppenhaus. Fehlalarm. «Krieg dich wieder ein», sagte Cem und folgte mir wie ein Schatten. «Sei für einmal still», erwiderte ich und versuchte, ihn zu ignorieren, etwas, das ich in den letzten Jahren nicht hingekriegt hatte, und er schwieg auch an jenem Tag nicht. Selber schuld. Ich hatte ihn mir angeschleppt. «Du bist nur Fiktion», sagte ich und wusste doch, dass er es längst nicht mehr war. Cem war ein Teil von mir geworden. Das ist Berufsrisiko.

Endlich klingelte der Postbote. Ich nahm ihm das Paket mit meinen Belegexemplaren ab und stürmte damit ins Wohnzimmer. Meine Hand zitterte, als ich das Klebeband aufriss und die Box öffnete. Da lag er. Mein Cem. Mein erster Kriminalroman als Taschenbuch: Liebe, Sünde, Tod.

Dieser Tag ist nun schon eine Weile her, doch oft denke ich an ihn zurück. Wir alle kennen solche Augenblicke vom Fernsehen: Der Coiffeur von nebenan wird zum Supertalent, ein unbekannter Fußballclub holt den Pokal, eine junge Schauspielerin nimmt den Oscar unter Tränen entgegen. Wir alle leiden mit und freuen uns in solchen unglaublichen Glücksmomenten, applaudieren den Gewinnern zu, die es nach jahrelanger harter Arbeit – oder nach zehn Folgen Castingshow – endlich geschafft haben.

Ich habe diesen Moment auch erlebt, an jenem Morgen des 7. Oktobers. Aber mir hat keine Menge zugejubelt. Den wohl wichtigsten Moment meiner Autorenkarriere habe ich alleine erlebt. Mein Sohn war in der Schule, mein Mann bei der Arbeit. Mir war es egal. Ich war der glücklichste Mensch im Universum. Und ganz alleine war ich ja nicht. Cem war da.

«Moment mal», höre ich schon die Einwände in meinem Kopf. «Als Autor kann man auch Preise gewinnen und diese vor applaudierendem Publikum entgegennehmen.» Ja klar, kann man, aber der wichtigste Augenblick im Leben eines Autor ist doch der, da er sein Erstlingswerk in Händen hält. Es ist der Moment, da man vom Leser zum Schriftsteller wird, und nichts ist mehr wie zuvor. Mein Businessplan: Mord hat sich ausgezahlt, auch wenn er, zugegeben, eher chaotisch, impulsiv und von Rückschlägen gezeichnet verlief.

Schon als Kind habe ich Bücher verschlungen, die Bibliotheken geplündert und bin in Fantasiewelten übergetreten. Ich war immer gut darin, mich auszuklinken und in ein Paralleluniversum einzutauchen. In meinem Kopf habe ich mein eigenes Sternentor, ich muss es nur durchschreiten und schon tauche ich ein in die absolute Freiheit.

Oft werde ich gefragt, woher ich denn meine Ideen nehme, ob mir diese nie ausgehen? Nein! Wie auch, wenn in meinem Kopf ganze Ideen-Galaxien umherschwirren. Man muss nur den Mut haben, seinen Mutterplaneten zu verlassen, muss sein Mini-Raumschiff besteigen und auf Unbekanntes zusteuern. «Hey, was schreibst du jetzt von Galaxien und Raumschiffen?», fragt Cem. «Wechselst du vom Krimi zum Science-Fiction-Roman? Wird ein grüner schleimiger Alien dein neuer bester Freund?» Ich muss Cem erst beruhigen, er will ja nicht arbeitslos werden. Also antworte ich: «Das ist doch eine schöne Metapher, die mit den Galaxien im Kopf. Autoren leben von Metaphern. Und Mord gibt es wohl kaum nur auf Mutterplanet Erde. Mein Horizont ist einfach offen für alles. Ich lese gerne Fantasy und Science-Fiction. Liebe, Drama, Abenteuer und Nervenkitzel sind die Fixsterne meiner Galaxie, und der Krimi ist meine Sonne.

Ich führe eine Einzelfirma und keinesfalls möchte ich mich dabei nur auf ein Nischenprodukt konzentrieren. Mit Mord habe ich die Firma gegründet (wie das wieder klingt!), vielleicht schließe ich eines Tages die Geschäftsbücher mit einem romantischen Kuss.»

Cem schiebt sich seine Mütze aus der Stirn. «Da soll einer die Frauen verstehen.» Ich muss sofort gegenhalten: «Na, na, ich bin ein sehr normaler Mensch», behaupte ich. Cem gibt nicht so schnell auf: «Du bist Krimiautorin. Da ist nichts normal.»

Normal? Was für ein Mensch ist denn eine Krimiautorin? Ist sie exzentrisch – das sind doch Autoren generell –, durchtrieben, geheimnistuerisch, verschlossen, mit Neigung zu Suchtverhalten, leicht narzisstisch mit einer sadistischen Ader und einer gewalttätigen Vergangenheit? So ein Quatsch! Ich bin ganz normal, das denke ich jedenfalls, etwas schüchtern vielleicht, eher introvertiert, sehr ruhig und extrem ausgeglichen, optimistisch, sanftmütig, mit großem Gerechtigkeitssinn, etwas chaotisch im Alltag, nicht sehr durchstrukturiert, Unangenehmes schiebe ich immer auf den letzten Drücker raus. Ich bin trotzdem diszipliniert, ein guter Autodidakt, normal intelligent, aber sehr wissbegierig. Ich bin aber auch voller Gegensätze. Vor Publikum zu stehen, macht mir Spaß, privat bin ich aber eher der verschlossene Typ, die Einzelgängerin und nicht gerne in Gruppen unterwegs. Small Talk langweilt mich rasch.

Ich bin ein wenig scheu, das stimmt schon, und ich gehe belanglosen Konflikten gerne aus dem Weg. Wenn es aber wirklich um etwas Wichtiges geht, kann ich durchaus brüllen wie eine Löwin.

Nach diesem Seelenstriptease weiß also jeder, Monika Mansour ist ein ganz normaler Mensch. Zudem kein sehr mutiger. Ich gehe immer vorsichtig mit Gefahren um, trotzdem liebe ich das Abenteuer und lasse mich auf Unbekanntes ein. Vielleicht ist das der Unterschied zu vielen, die auch Schreiben möchten, aber es nicht bis zum ersten Printexem­plar bringen: Man darf sich nicht vor dem Schatten in der fremden Gasse fürchten, oder vor Rückschlägen, Kritik und roten Zahlen, denen man mit Sicherheit begegnen wird. Wenn man mit Leidenschaft schreibt, sind das alles nur belanglose Konflikte – für mich jedenfalls.

Gehen wir nochmals zurück zur Charakteranalyse der Krimiautorin. Weshalb? Weil das auch mein Weg ist, wie ich einen Charakter entwerfe, ich führe genau diese Art von Interview mit ihm, na ja, eigentlich ist es ein Monolog, ich höre zu, der andere spricht: «Ich fürchte mich nicht vor dem Schatten in der fremden Gasse – weil ich der Schatten bin. Ja, ich denke, so ist mein Charakter ganz gut beschrieben. Ich bin der stille Beobachter, der ständig versucht, andere zu analysieren. Und ich bleibe gerne unentdeckt. Vielleicht wäre ich eine gute Geheimagentin geworden? Ich war schon immer so. Schon in der Schule. Ich war nie Mitglied der coolen Clique, stand immer etwas abseits, hatte aber zwei beste Freundinnen, das reichte mir. Im Unterricht habe ich mich kaum zu Wort gemeldet. Ich wurde aber nie gemobbt und immer in Ruhe gelassen. Ich hatte meinen Frieden und konnte beobachten. Alles war gut. Bis mich eines Tages ein Schüler aus meiner Klasse nach meinem Namen fragte. Ich sei so unscheinbar, er wisse nicht mal, wie ich heiße, dabei gingen wir schon zwei Jahre in die gleiche Klasse. Damals fragte ich mich als Kind dann schon, ob ich normal bin. Und noch heute frage ich mich, wie aus einem so unscheinbaren Kind eine Krimiautorin wurde.

Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof, umgeben von Wald und Wiese. Mit anderen Kindern konnte ich nur spielen, wenn meine Eltern mich ins Dorf fuhren. Schnell habe ich gelernt, mit mir selber klarzukommen. Und das ist heute noch so. Ich kann mich eine Woche mit mir alleine beschäftigen, kein Problem.»

Zum Krimi kam ich nach einer fünfjährigen Odyssee durch eine Galaxie namens Drachenkinder. 800 Seiten war sie dick. Ein Thriller, der in London spielte. Ich habe mein Herzblut in dieses Projekt gesteckt, wie eine Besessene geschrieben, umgeschrieben, habe geweint, gelacht, gelitten. Meine Helden hießen Long und Skye. Ich habe sie allen möglichen Gefahren und Hindernissen ausgesetzt – und der Liebe. Sie haben sich durchgekämpft, nie aufgegeben – und dennoch, sie haben es nie bis zum Postboten gebracht, der sie über meine Türschwelle trug. Drachenkinder war eine fehlgeschlagene Mission, auf der ich fünf Jahre meines Lebens verloren habe. Oder nicht? Um Long besser zu verstehen, habe ich Mandarin gelernt, zwei Wochen in Peking die Sprache und die Chinesen studiert und heute habe ich dank meiner unveröffentlichten Romanfigur ein HSK-Level-3-Diplom für Mandarin in der Tasche. Zudem hat mir dieser unveröffentlichte Thriller die Kunst des Schreibens nähergebracht und mich viel gelehrt. Man könnte auch sagen, ich war sein Lehrling. Schließlich hat mich das Gravitationsfeld von Drachenkinder in den Orbit von Cem geschleudert. Auch wenn es scheint, dass ein Schwarzes Loch Drachenkinder danach verschlungen hat – wer weiß, vielleicht wird es an einem anderen Ende des Universums eines Tages wieder ausgespuckt? Ich gebe die Hoffnung nie auf, denn ein Schriftsteller muss an seine Texte glauben können.

Der Weg zum Erfolg ist lang, darauf sollte man sich einstellen. Liebe, Sünde, Tod begann ich also im Herbst 2011 zu schreiben, gleich nachdem Drachenkinder vom Schwarzen Loch geschluckt wurde. Vielleicht habe ich mit einem Kriminalroman mehr Glück, dachte ich, nicht bereit, meine schriftstellerischen Ambitionen schon wieder aufzugeben. Im Sommer 2012 reichte ich Liebe, Sünde, Tod bei einem Schreibwettbewerb ein – und bekam eine Absage. Im November ging das Manuskript an Agenturen. Am 24. April 2013 dann endlich – nach mehreren Absagen – ein erster Erfolg. Ich unterzeichnete einen Agentur-Vertrag. Mit meiner Agentin zusammen arbeitete ich intensiv am Manuskript, bevor sie es an Verlage schickte. Alle haben abgesagt – mit der Begründung, meine Schweiz sei zu wenig Heidi-Schweiz. So ein Quatsch! Ich lebe seit über vierzig Jahren in der Schweiz und bin noch nie einer echten Heidi begegnet – Türken, Marokkanern, Prostituierten und Lastwagenfahrern aber schon. Deshalb, habe ich mir gesagt, bleibe ich bei meinem Businessplan und versuche es weiter. Mit Erfolg. Dem Emons Verlag hat Liebe, Sünde, Tod auf Anhieb gefallen und er gab mir und Cem eine Chance – auch ohne Heidi! Am 16. September 2013 unterzeichnete ich den Verlagsvertrag. Ein Lektorat, zwei Korrektorate und eine Druckfahne später erschien am 7. Oktober 2014 mein Krimi. Ich habe also rund 3 Jahre an dem Buch mit knapp 300 Normseiten gearbeitet. Zwei Jahre davon saß ich an der Überarbeitung. Und was habe ich mit meinem ersten Krimi verdient? Ein Taschengeld.

Okay, das wäre jetzt der Grund für mich gewesen, meinen Businessplan zu begraben. Es lohnt sich nicht, ich schreibe keine schwarzen Zahlen. Besser wieder einem lukrativen Beruf nachgehen und das Bankkonto füllen? Denkste! So ticke ich nicht. Risikoanalyse und Bilanzauswertung habe ich zerknüllt in den Papiereimer geschmissen und mich sofort an den Computer gesetzt. Ich habe mir, ganz optimistisch, Folgendes gesagt (es könnte auch Cem gewesen sein, der mir das zugeflüstert hat): «Hey, Erfolg muss man sich erarbeiten. Deine Leserkritiken sind doch super, die Leute mögen uns. Und mit jedem Buch, das du schreibst, erreichst du eine größere Lesergemeinde. Das nennt sich Erfolgsrechnung. Irgendwann lohnt sich der Zeitaufwand.»

Ich denke, dies ist ein guter Ansatz. Direkt auf den Autorenolymp zuzusteuern kann sehr gefährlich sein. Schreibt man gleich einen Bestseller, muss man nachliefern, der Druck und die Erwartung sind enorm und nicht selten ist der Frust hoch und der Absturz tief. Lieber schön sachte, aber stetig sein Business aufbauen, denn es gibt nicht nur die Heldenreise, sondern auch die Autorenreise, die kaum je in einem Schreib­ratgeber erläutert wird. Deshalb wird in diesem Buch auf sie eingegangen.

Zwei wesentliche Gründe haben mich dazu getrieben, mein Jungunternehmen weiter aufzubauen: Erstens, ich glaube an Märchen. Früher sah mein Märchen so aus: «Bitte, bitte», flehte ich die Gute Fee an, «ich will einmal in meinem Leben eine Buchhandlung betreten und im Regal meinen eigenen Krimi stehen sehen.» Die Fee hat mir den Wunsch erfüllt.Wow! Also habe ich gleich im Märchenbuch weitergeblättert und mir die nächste Geschichte herausgesucht. Ich gehe zum Zauberer: «Bitte, bitte, ich möchte einmal meinen Namen auf einer Bestsellerliste finden.» Mein dritter Krimi hat es geschafft. Luzerner Todesmelodie stand neun Wochen auf der Schweizer Taschenbuch-Bestsellerliste. Also weiter zum nächsten Märchen. Hier wartet der Zauberkristall auf mich: «Bitte, bitte, ich will auch so ein schmuckes kleines Strandhaus mit einem Arbeitsplatz auf der Terrasse, wo ich bei einem kühlen Eistee meinen nächsten Bestseller schreiben kann.» Aber der Kristall regt sich nicht. Kein Leuchten und Strahlen und kein Strandhaus. Auf meiner Autorenreise bin ich hier noch nicht ans Ziel gekommen.

Wer nicht an sein eigenes Märchen glaubt, der soll es lassen. Aber die Wünsche immer schön sachte, einen nach dem anderen aussprechen. Nicht gleich mit einem Dutzend Ferraris, dem Privatjet, einer prunkvollen Villa und einer Nominierung zum Literaturnobelpreis aufwarten.

Was trieb mich noch an, weiterzuschreiben? Die Befriedigung. Endlich habe ich gefunden, was mich innerlich erfüllt und befriedigt. Etwas, das mich glücklich macht. Sollte das Strandhaus auch nur in meinen Märchen existieren, ich sitze ja noch immer in meinem bescheidenen Arbeitszimmer mit Blick auf die Dorfstraße, so habe ich doch das Privileg, etwas zu arbeiten, das mich erfüllt, mich glücklich macht. Und Glück ist nicht mit Geld aufzuwiegen (na ja, das Strandhaus wäre schon cool …).

Schreiben ist für mich wie eine Droge. Lässt mir mein Alltag keine Zeit zum Schreiben, zeigen sich Entzugserscheinungen. Ich werde unruhig, unzufrieden und gereizt. Das Verlangen zu schreiben beherrscht mich, und ich gebe mich ihm hin, ganz einfach. Wenn ich Lust habe, auf Papier zu morden, tue ich das.

#2WIE ICH ZUR SCHREIBTISCHMÖRDERIN WURDE

Bevor mein erstes Buch in die Läden kam, waren Schriftsteller für mich Halbgötter, denn sie durften ihren Traum leben – ein Traum, der für mich unerreichbar schien. Ich war ja nur Monika Mansour, die Bauerntochter, gelernte Augenoptikerin, Mutter, Hausfrau und Teilzeitangestellte.

Was heißt da nur? Heute bin ich Autorin und arbeite an meinem siebten Buch. Doch etwas ist mir schon sehr früh klar geworden: Auf dem Olymp sitze ich deswegen nicht! Immerhin gab es letztes Jahr einen neuen Bürostuhl.

Man hört immer wieder, Autoren schöpfen aus ihrer eigenen Lebenserfahrung. Zum Teil mag das stimmen. Aber mein Leben war nie spektakulär, es gab keine extremen Höhen und Tiefen, keine dramatischen Schicksalsschläge und keinen Lottogewinn. Dennoch habe ich vieles erlebt, mir meinen Lebensweg abwechslungsreich gestaltet, um möglichst viele Facetten des Lebens kennenzulernen.

Aufgewachsen bin ich mit meiner jüngeren Schwester auf einem idyllischen Bauernhof in Embrach, im Zürcher Unterland. Als Kind auf einem Bauernhof herumzutoben war super. Es war eine glückliche Zeit, die ich sicher auch meinen tollen Eltern zu verdanken habe. Dieses Landleben brachte außerdem seine spannenden, ja fast makabren Seiten mit sich. Unser Hof im Grünen war wie eine Insel im Sumpf der Ausgestoßenen. Nur ein paar hundert Meter die Straße hoch durch den Hardwald gab es eine psychiatrische Klinik, eine Drogenentzugsanstalt für Jugendliche und ein Bundesasylzentrum. Alles, was sich dort abspielte, war für mich normal. Betten brannten fast wöchentlich in der Klinik – ich weiß dies so genau, weil mein Vater bei der Feuerwehr war. Auf dem Schulweg begegnete ich allerlei psychisch kranken Menschen, die in einer anderen Welt lebten. Dann saßen da die Asylsuchenden auf den Wegen, verlorene Seelen, traumatisierte Seelen, entwurzelte Seelen. Die Kommunikation war nicht immer einfach, wenn sie auf unseren Hof kamen und nach frischer Kuhmilch, Kartoffeln oder Saisonfrüchten fragten. Meine Familie und ich wurden aus diesem Umfeld heraus nie in irgendeiner Weise bedroht, im Gegenteil, die Geschichten der Flüchtlinge waren oft bewegend und traurig.

Action rund um den Hof gab es aber schon. Der Hardwald war aus mir unerklärlichen Gründen jener Ort, wo man hinging, wenn man sich das Leben nehmen wollte. Erhängt, erschossen, den Kopf auf die Bahngleise gelegt – ich habe in meiner Kindheit alles davon mitbekommen, wenn auch nie direkt gesehen. Da kreiste nachts schon mal der Polizeihubschrauber über unserem Hof, am Boden begleitet von Wagen mit Blaulichtern. Meist suchten sie nach einem ausgebrochenen Insassen der geschlossenen psychiatrischen Klinik. Auf unserer Kuhweide lieferten sich zwei Männer eine Messerstecherei. Es gab ein Autorennen an unserem Hof vorbei. Im Wald fiel dann ein Schuss, bevor beide Wagen wieder die Straße hoch zurückrasten. Ich habe keine Ahnung, was damals genau vorgefallen war. Der Fall hat sich nie aufgeklärt. Vielleicht haben all diese Erinnerungen meine Fantasie beflügelt, um Krimiautorin zu werden?

Fast immer jedoch war es friedlich auf unserem Hof. Statt mit Barbies spielte ich mit unseren Hunden, Katzen und Kälbern oder streifte durch den Wald auf der Suche nach geheimnisvollen Kristallen in hohlen Baumstämmen (so einen habe ich tatsächlich gefunden!). Meine große Liebe gehörte unseren beiden Pferden Osiris und Gino. Meine pinkfarbenen Gummistiefel waren voll cool und dass die Jeans Löcher an den Knien hatten, war damals keine Modeerscheinung, sondern Bauernhof-Kollateralschaden. Mein Talent fürs Makabre zeigte sich früh. Ich habe in meinem Kinderspielzimmer in steriler Atmosphäre, dank Küchenpapier, eine tote Maus aufgeschlitzt, die Innereien untersucht, das arme Tier danach mit Watte ausgestopft und wieder zugenäht. Sie landete in einer Schublade und begann nach einer Woche fürchterlich zu stinken. Mein erstes Opfer hat meiner Mutter einen ganz schönen Schrecken eingejagt, als sie es entdeckt hat. Na ja, heute spielen die Kinder mit Handys, Computern und Spielkonsolen, ich experimentierte mit Schweineherzen und jagte Kühen Spritzen in den Hintern.

Ich besuchte neun Jahre die Schule und schloss danach eine vierjährige Lehre als Augenoptikerin erfolgreich ab. Mit zwanzig ging ich für sieben Monate nach Neuseeland und Australien. Ich besuchte eine Sprachschule, machte meinen «PADI Open Water Advanced»-Tauchkurs und arbeitete auf einem Viehtrieb. Zurück in der Schweiz suchte ich eine Stelle als Augenoptikerin. Ich durfte zwischen einem Geschäft in St. Moritz und einem in Luzern wählen. St. Moritz war mir dann doch etwas zu kalt, also zog ich nach Luzern und arbeitete in der Stadt. In dieser Zeit schrieb ich auf der Schreibmaschine mein Drehbuch. Nach zwei Jahren packte mich wieder das Fernweh und ich reiste sechs Monate durch die USA. Zurück in Luzern wechselte ich ins Gastgewerbe, einfach so. Ich tranchierte Château Briand in einem Hotel in Meggen. Damals kaufte ich mir meinen ersten Computer. Voller En­-thusiasmus schrieb ich in den Zimmerstunden an einem Thriller, der sich dann aber ab Seite 300 nicht mehr entwirren ließ, weshalb ich das Projekt aufgab. Beruflich wechselte ich als Barchefin in eine Whiskybar in Willisau. Zwischendurch hatte ich im Selbststudium die Wirteprüfung abgelegt und noch eine Handelsschule besucht.

Dann kam die große Liebe und ich heiratete meinen Ägypter. Aus Monika Aeschbacher wurde Monika Mansour. Auch beruflich orientierte ich mich neu, arbeitete Teilzeit am Flughafen Zürich im Check-in und lernte gleichzeitig piercen und tätowieren in einem Studio in Sursee. Drei Jahre später kam unser Sohn zur Welt. Während des Mutterschaftsurlaubes begann ich wieder zu schreiben. In diesen Monaten entstanden die ersten Kapitel zu Drachenkinder. Ein halbes Jahr später arbeitete ich wieder am Flughafen, tätowierte und nahm noch eine Teilzeitstelle in einem Büro an. Und irgendwie versuchte ich den Tag auf fünfundzwanzig Stunden zu dehnen, um mindestens eine Stunde Schreiben hineinzupacken. So zogen die Jahre ins Land.

Am Flughafen arbeite ich mittlerweile schon lange nicht mehr und auch das Tätowieren habe ich letztes Jahr aufgegeben. Denn endlich kann ich es mir leisten, mich fast ganz auf das Schreiben und die Familie zu konzentrieren. Na ja, etwas Buchhaltung im Home Office mache ich weiterhin. Es ist eine willkommene Abwechslung und meinem Mann will ich ja auch nicht ständig auf der Tasche liegen.

Das also ist mein bisheriges Leben im Schnelldurchlauf. Weshalb sollte ich Lesern, die etwas übers Schreiben erfahren wollen, auch meine Biografie aufzwingen? Man braucht zum Schreiben neben dem Talent und der Technik auch Lebenserfahrung, könnte ein stolzer Autor jetzt einwenden und dies als Grund vorschieben, selbstverherrlichend die eigene Lebensgeschichte bis ins letzte Detail zu erzählen. Blödsinn. Mein Leben war nie spektakulär genug, als dass ich das Wissen mitbringen würde, einen Thriller oder Krimi aus meinen persönlichen Erfahrungen heraus zu schreiben. Wenn dies eine Grundvoraussetzung fürs Schreiben wäre, würde ja niemand Science-Fiction oder historische Romane herausgeben können.

Weshalb sind dann gewisse Autoren so gut darin, den Leser in eine andere Welt zu entführen und diese Welt realistisch erscheinen zu lassen, auch wenn sie nie dort waren? Weil sie das Talent besitzen, die Menschen zu verstehen, ihre Bedürfnisse, ihre Ängste, ihre Gefühle. Und sie können es deshalb, weil sie ihren persönlichen Schatz an Gefühlen teilen! Diesen Schatz nenne ich Lebenserfahrung, und um den zu finden, muss man nicht fünfzig werden. Den trägt jeder mit sich. Wer war schon einmal wütend? Traurig? Verliebt? Hatte Schmerzen? Wir kennen das alle. Und aus diesem Schatz an Gefühlen können wir schöpfen. Also tun wir es. Wie? Das werde ich anhand von meinem Leben zeigen. Na ja, anhand von Fragmenten aus meinem Leben.

Hier kommt auch schon die erste Aufgabe für jeden angehenden Autor: Ich empfehle, einen Ordner mit einem Register A–Z anzulegen und einen Stapel leerer Blätter bereitzuhalten. Beginnen wir bei A wie Angst. Ich suche nach einer Situation in meinem Leben, in der ich große Angst empfunden habe. Diese kurze Szene schreibe ich nieder. Vielleicht finde ich in einer alten Schuhschachtel auch noch ein Foto dieser Situation, das frischt die Erinnerung auf. Bitte nicht versuchen, in Worte zu fassen, wie man sich fühlte, sondern einfach das Erlebnis so niederschreiben, wie es war oder als Erinnerung im Kopf hängen geblieben ist. Keimt da nicht gleich wieder das Gefühl der Angst in einem auf?

Diesen Ordner, meinen Schatz der Gefühle, halte ich immer griffbereit. Will ich eine Szene schreiben, in der mein Held Angst verspürt, lese ich mir meine eigene kurze Geschichte vor und schon ist es da, das echte Gefühl der Angst, und überträgt sich automatisch auf meine Figur. Es funktioniert. Denn wer ehrlich schreibt, schreibt besser.

Hier kommt also eine kleine Auswahl aus meiner eigenen kleinen Gefühls-Biografie.

ANGST

Unser abgelegener Bauernhof stand auf einer Lichtung, eingekesselt vom Wald. Mächtige, dunkle Bäume hielten uns nachts gefangen. Monster und Bestien kamen im Schutz der Dunkelheit aus ihren Verstecken und umkreisten den Hof. Deren nächtliches Gekeuche war schrecklich: das heisere Bellen der Füchse, das Fiepen der Rehe, das Grunzen der Wildschweine. Ich hatte damals panische Angst vor Füchsen. In meinen Albträumen kletterten sie die Fassade hoch, sprangen auf den Balkon und schlugen die Scheibe zu meinem Schlafzimmer ein.