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Yusra Mardini

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Beschreibung

Von Syrien nach Rio zu den Olympischen Spielen: die wahre Flucht-Geschichte der UN-Sonderbotschafterin und Schwimmerin Yusra Mardini. Yusra Mardini wächst in Damaskus in einer schwimmbegeisterten Familie auf. Von klein an trainiert sie in jeder freien Minute, denn sie hat einen großen Traum: bei den Olympischen Spielen als Schwimmerin anzutreten. Doch dann bricht in ihrer Heimat Syrien der Bürgerkrieg aus und macht alle Hoffnung zunichte. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Sara flieht Yusra 2015 nach Europa. Bei der Überfahrt über die Ägäis droht das mit 20 Flüchtlingen völlig überfüllte Schlauchboot einer Schlepperbande zu sinken. Ohne lange nachzudenken, springen die beiden Leistungs-Schwimmerinnen Yusra und Sara ins Wasser und ziehen, unterstützt von zwei weiteren Flüchtlingen, das Boot über Stunden hinweg an die griechische Küste. So retten sie allen Flüchtlingen das Leben. Ihre Flucht aus Syrien führt die Schwestern weiter nach Berlin. Dort nimmt Yusra nicht nur endlich wieder ihr Schwimmtraining auf, sondern steht 2016 vor der Erfüllung ihres Traums, als sie als Teilnehmerin des Flüchtlings-Teams nach Rio zu den Olympischen Spielen reisen darf. Über Nacht wird Yusra Mardini berühmt. Sie hält Vorträge auf der ganzen Welt, trifft Barack Obama, Papst Franziskus und wird von den Vereinten Nationen zur Sonderbotschafterin ernannt. In diesem Buch erzählt die Schwimmerin ihre wahre Geschichte und gibt vielen anderen Flüchtlingen eine Stimme.

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Seitenzahl: 530

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Yusra Mardini

mit Josie Le Blond

Butterfly

Das Mädchen, das ein Flüchtlingsboot rettete und Olympia-Schwimmerin wurde

Aus dem Englischen von Alexandra Baisch, Elisabeth Liebl und Uta Rupprecht

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Das Buch zur Netflix-Verfilmung The Swimmers: Die dramatische Geschichte der zweifachen Olympiateilnehmerin und UN-Sonderbotschafterin für UNHCR Yusra Mardini.

Yusra Mardini wächst in Damaskus in einer schwimmbegeisterten Familie auf. Von klein an trainiert sie in jeder freien Minute, denn sie hat einen großen Traum: bei den Olympischen Spielen als Schwimmerin anzutreten. Doch dann bricht in ihrer Heimat Syrien der Bürgerkrieg aus und macht alle Hoffnung zunichte. Gemeinsam mit ihrer älteren Schwester Sara flieht Yusra nach Europa. Bei der Überfahrt über die Ägäis droht das mit 20 Flüchtlingen völlig überfüllte Schlauchboot einer Schlepperbande zu sinken. Ohne lange nachzudenken, springen die beiden Leistungs-Schwimmerinnen Yusra und Sara ins Wasser und ziehen, unterstützt von zwei weiteren Flüchtlingen, das Boot über Stunden hinweg an die griechische Küste. So retten sie allen Flüchtlingen das Leben.

Ihre Flucht aus Syrien führt die Schwestern weiter nach Deutschland. Dort nimmt Yusra nicht nur endlich wieder ihr Schwimmtraining auf, sondern steht vor der Erfüllung ihres Traums, als sie als Teilnehmerin des Flüchtlings-Teams zu den Olympischen Spielen reisen darf.

Über Nacht wird Yusra Mardini berühmt. Sie hält Vorträge auf der ganzen Welt, trifft Barack Obama, Papst Franziskus und wird von den Vereinten Nationen zur Sonderbotschafterin des Flüchtlingshilfswerks UNHCR ernannt.

In diesem Buch erzählt die Schwimmerin ihre Geschichte und gibt vielen anderen Flüchtlingen eine Stimme.

Inhaltsübersicht

Das Boot

Teil I – Der Funke

1. Kapitel

2. Kapitel

Teil II – Der Frühling

3. Kapitel

4. Kapitel

Teil III – Die Bombe

5. Kapitel

6. Kapitel

Teil IV – Das Meer

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

Teil V – Die Falle

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Teil VI – Der Traum

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

Teil VII – Der Sturm

19. Kapitel

20. Kapitel

Teil VIII – Olympia

21. Kapitel

22. Kapitel

Die Stimme

Danksagung

Der Anfang

Bildteil

Das Boot

Ich springe in das glitzernde Wasser.

»Yusra! Verdammt, was hast du vor?«

Ich achte nicht auf meine Schwester und tauche unter den Wellen durch. Das brüllende Meer übertönt das laute Pochen meines Herzens. Als ich wieder an die Oberfläche komme, höre ich aus dem Boot über mir verzweifeltes Beten.

Ich greife nach der Leine und versuche, das Ufer zu erspähen. Europa ist bereits in Sicht. Langsam senkt sich die Sonne über der Insel. Es herrscht starker Wind, die Passagiere schreien und kreischen, als sich das Boot in der Brandung im Kreis dreht. Der Afghane zerrt mit aller Kraft am Starterseil; der Motor stottert, aber er springt nicht an. Er ist kaputt. Wir sind allein, der tobenden See ausgeliefert.

Zwischen den Passagieren, die sich auf dem Boot drängen, taucht das Gesicht des Jungen auf. Er grinst. Für ihn ist das ein Spiel. Er weiß nichts von den vielen verzweifelten Menschen, die hier schon gestorben sind. Mütter mit kleinen Kindern, alte Männer und Frauen, kräftige junge Männer. Tausende, die es nicht bis ans Ufer geschafft haben, die stundenlang vergeblich kämpften, ehe das Meer sie verschlang. Krampfhaft schließe ich die Augen und wehre mich gegen die aufsteigende Panik. Schwimmen. Ich kann schwimmen. Ich kann den Jungen retten.

Ich sehe meine Mutter, meinen Vater, meine kleine Schwester vor mir. Sehe eine Abfolge von halb vergessenen Siegen, Niederlagen und verdrängten unangenehmen Ereignissen. Papa wirft mich ins Wasser. Ein Mann hängt mir eine Medaille um den Hals. Ein Panzer peilt das Ziel an. Scheiben zerbrechen auf einem Bürgersteig. Eine Bombe bricht durch ein Dach.

Ich reiße die Augen auf. Neben mir im stürmischen Wasser hat meine Schwester den nächsten hohen Wellenkamm entschlossen im Blick. Die Leine schneidet mir in die Handflächen, das Meer zieht und zerrt an meinen Kleidern. Meine Glieder schmerzen von dem Gewicht. Halt dich bloß fest. Bleib am Leben.

Eine neue Welle erhebt sich drohend, dunkles Wasser hinter dem Boot. Ich wappne mich, als wir hochgehoben werden, nach unten stürzen, davontreiben und trudeln. Das Meer ist kein Schwimmbecken. Es gibt keinen Rand, keinen Grund. Dieses Gewässer hat keine Grenzen, es ist wild und unberechenbar. Die Wellen peitschen heran, eine nach der anderen, eine unbarmherzig voranschreitende Armee.

Immer schneller sinkt die Sonne jetzt auf die Gipfel der Insel zu. Das Ufer scheint weiter weg zu sein als zuvor. Auf dem Wasser glitzert ein dunkelroter Schimmer, die Wellenkämme leuchten hellgelb im Abendlicht. Wie war es dazu gekommen? Wann hat unser Leben seinen Wert verloren? Alles zu riskieren, ein Vermögen zu bezahlen, um in ein überfülltes Boot steigen zu dürfen und auf dem Meer unser Glück zu versuchen – war das wirklich der einzige Ausweg? Die einzige Chance, den Bomben zu Hause zu entfliehen?

Die Brandung rollt und hebt sich. Unberechenbare Wellen schleudern meinen Kopf gegen die Bootswand. Salzwasser brennt mir in den Augen, dringt in den Mund, die Nase. Der Wind weht mir das Haar um den Kopf. Kälte kriecht in meinem Körper nach unten, frisst sich durch bis in die Füße, die Waden, die angespannten Muskeln. Ich fühle, wie sich meine Beine verkrampfen.

»Yusra, komm zurück ins Boot!«

Ich packe die Leine noch fester. Auf keinen Fall lasse ich meine Schwester allein. Solange wir dabei sind, wird niemand sterben. Wir sind Mardinis. Und wir schwimmen.

Teil I

Der Funke

1

Ich schwimme, noch ehe ich laufen kann. Ezzat, mein Vater, ist Schwimmtrainer, er wirft mich einfach ins Wasser. Für Schwimmflügel bin ich noch zu klein, darum hebt er das Plastikgitter vom Überlauf am Ende des Schwimmbeckens hoch und lässt mich in das flache Wasser darunter plumpsen.

»Schau her, so musst du deine Beine bewegen«, sagt Papa und macht Paddelbewegungen mit den Händen. Ich schlage mit den Beinen, bis ich herausgefunden habe, wie es geht. Oft bin ich so erschöpft, dass ich im warmen, plätschernden Wasser einschlafe. Papa merkt es nie, er ist viel zu sehr damit beschäftigt, meiner älteren Schwester Sara Befehle zuzurufen. Keine von uns hat je den Wunsch geäußert, schwimmen zu lernen. Wir können uns beide nicht mehr erinnern, wann wir damit angefangen haben. Wir schwimmen einfach, das war schon immer so.

Ich bin ein niedliches kleines Mädchen mit heller Haut, großen braunen Augen, langen dunklen Haaren und einem kleinen, gut gebauten Körper. Da ich unter schrecklicher Schüchternheit leide, sage ich selten ein Wort. Glücklich bin ich nur, wenn ich bei meiner Mutter Mervat bin. Geht sie ins Bad, warte ich draußen, bis sie wieder herauskommt. Werde ich von anderen Erwachsenen angesprochen, sehe ich nur schweigend zu ihnen auf.

Fast jedes Wochenende besuchen wir meine Großeltern in der Stadt. Meine Großmutter Yusra, nach der ich benannt wurde, ist wie eine zweite Mutter für mich. Ich verstecke mich hinter den langen Falten ihrer abaya, eines bodenlangen, tailliert geschnittenen Mantels, wenn mein Großvater Abu-Bassam versucht, mir mit Süßigkeiten ein Lächeln zu entlocken. Aber ich lasse mich nicht austricksen, daher neckt er mich und nennt mich »Angsthase«.

Sara ist drei Jahre älter als ich und das absolute Gegenteil von mir. Niemandem gelingt es, sie zum Schweigen zu bringen. Ständig redet sie mit den Erwachsenen, selbst mit fremden Leuten beim Einkaufen, und plappert dabei in einer erfundenen Sprache. Hat Großmutter zum Tee eingeladen, steigt sie aufs Sofa und sagt Unsinniges, wedelt mit den Armen, als würde sie eine Rede halten. Auf Mamas Nachfrage behauptet sie, das sei Englisch.

Wir sind eine große Familie. Mama und Papa haben zusammen elf Geschwister. Ständig sind Cousinen und Cousins zu Besuch. Wir wohnen in Set Zaynab, einer Stadt südlich von Damaskus, der Hauptstadt von Syrien. Papas älterer Bruder Ghassan lebt im Haus gegenüber, seine Kinder kommen jeden Tag zum Spielen zu uns.

Die gesamte Familie schwimmt leidenschaftlich gern, und Papa erwartet das auch von uns. Alle seine Geschwister sind als Kinder zum Schwimmtraining gegangen. Als Teenager war Papa in der syrischen Schwimm-Nationalmannschaft, konnte aber nicht weitermachen, weil er zum Militärdienst musste. Nachdem Sara auf der Welt war, kehrte er als Trainer in die Schwimmhalle zurück. Von seinen eigenen Fähigkeiten war Papa vollkommen überzeugt. Eines Tages – ich war noch nicht auf der Welt – warf er die kleine Sara ins Schwimmbecken, um zu beweisen, was für ein guter Trainer er war. Entsetzt sah Mama zu, als er sie wieder herauszog.

In dem Winter, als ich vier Jahre alt bin, tritt Papa eine Stelle im Tishreen Sports Complex in Damaskus an, wo auch das Syrische Nationale Olympische Komitee ansässig ist. Mich und Sara meldet er dort zum Schwimmtraining an. Ein anderer Trainer kümmert sich um mich, während Papa sich ganz auf die siebenjährige Sara konzentriert. Dreimal die Woche trainiere ich in dem Furcht einflößenden olympischen Becken. Das Licht fällt vor allem durch lange, niedrige Fenster herein, die sich auf drei Seiten des Gebäudes befinden. Gegen das gleißende Sonnenlicht sind über den Scheiben feste Metalljalousien angebracht. An einer, gleich neben der Anzeigentafel, hängt ein großes Porträt des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad.

Das Wasser im Schwimmbecken ist immer eiskalt. Aber ich finde bald heraus, dass es seine Vorteile hat, klein, schüchtern und niedlich zu sein. Es dauert nicht lang, und mein neuer Trainer ist von mir bezaubert. Ich kann ihn um den kleinen Finger wickeln.

»Mir ist so kalt«, sage ich leise und sehe meinen Trainer mit großen, unschuldigen Augen an.

»Was ist, Kleines?«, fragt der Trainer. »Dir ist kalt? Dann nimm doch dein Handtuch und setze dich draußen ein bisschen in die Sonne. Wie bitte, habibti, meine Süße? Hunger hast du auch? Komm mit, wir besorgen dir ein Stück Kuchen.«

Die nächsten vier Monate sind herrlich, ich werde verwöhnt und muss nur selten ins Becken. Aber Papa entkomme ich nicht. Eines Tages laufe ich ihm nach dem Training über den Weg. Das Schwimmbecken ist leer, Papa bereitet sich auf die nächste Trainingsgruppe vor. Wie immer ist Mama erschienen, um uns abzuholen, schweigend wartet sie auf einem Stuhl am Beckenrand. Papa erspäht mich, ehe ich bei ihr bin.

»Yusra«, ruft er, »komm her.«

Ich ziehe mir das Handtuch fester um die Schultern und eile zu ihm. Sobald ich nahe genug bin, dass er mich packen kann, reißt er mir das Handtuch weg, hebt mich hoch und schleudert mich ins Wasser. Mühsam kämpfe ich mich zur Oberfläche hoch und schnappe nach Luft. Mit Armen und Beinen schlage ich panisch um mich. Vier Monate lang nur in der Sonne zu liegen und Kuchen zu essen haben Wirkung gezeigt; Papa sieht auf den ersten Blick, dass ich das Schwimmen verlernt habe. Seine lauten Flüche tönen durch die Schwimmhalle und dröhnen mir in den Ohren. Ich quäle mich an den Beckenrand und halte mich fest, wage nicht, aufzublicken.

»Was ist los mit dir?«, schreit er mich an. »Was, verdammt noch mal?«

Ich klettere aus dem Becken, stehe auf. Dann zwinge ich mich, ihn anzusehen. Das ist ein Fehler. Ein paar Schritte, und er steht mit rotem Gesicht vor mir. Ich starre auf den Kachelboden und erwarte meine Strafe.

Er beugt sich zu mir herab.

»Was hast du gemacht?«, schimpft er. »Was hat er mit dir gemacht?«

Papa versetzt mir so einen festen Stoß gegen die Schultern, dass ich rückwärts ins Becken stürze. Ich schlage mit dem Rücken auf dem Wasser auf; als ich wieder auftauche, ist meine Nase voller Chlorwasser, die Augen habe ich erschrocken aufgerissen. Ich spucke und zappele herum wie ein Fisch an der Angel. Platschend und rudernd schaffe ich es zurück an den Rand, halte mich fest und starre auf das tanzende Wasser.

»Raus!«, ruft er. »Komm sofort raus!«

Ich hieve mich aus dem Schwimmbecken und tippele ein kleines Stück fort von ihm. Dann sehe ich Papa misstrauisch an. Seine Miene lässt mich vermuten, dass er vorhat, den ganzen Tag so weiterzumachen. Ein drittes Mal, ein viertes Mal, zwanzigmal, so lange, bis ich wieder schwimmen kann. Er kommt wieder auf mich zu, und ich werfe meiner Mutter einen flehenden Blick zu. Regungslos sitzt sie am Beckenrand, sieht uns beiden zu. Sie verzieht keine Miene, sagt kein Wort. Die Schwimmhalle ist sein Reich.

»Ezzat! Bist du verrückt geworden?«

Ich wage einen Seitenblick. Es ist mein Onkel Hussam, der jüngste Bruder meines Vaters. Mein Retter.

»Was machst du denn da?«, ruft Hussam und geht mit schnellen Schritten um das Schwimmbecken zu uns.

Ich sehe Papa an. Sein Gesicht ist immer noch rot, aber er wirkt irritiert, aus der Bahn geworfen. Das ist meine Chance. Ich laufe hinüber zu Mama, schiebe mich unter ihren Stuhl. Dann ziehe ich ihren langen Rock um mich herum. Der Streit am Schwimmbeckenrand ist auf einmal angenehm weit weg. Mama setzt sich in ihrem Stuhl zurecht. Hier unten bin ich sicher, bis Papa sich beruhigt hat.

Nach diesem Vorfall lässt Papa mich nicht mehr aus den Augen. Er will nicht nochmals riskieren, dass ich verwöhnt werde. Ich bin seine Tochter, und ich werde schwimmen, ob ich will oder nicht. Er schiebt meine Arme in aufblasbare Schwimmflügel und schickt mich mit Saras Schwimmgruppe ins Wasser.

Während die anderen trainieren, paddele ich im unteren Teil des Beckens herum. Die älteren Schwimmer sind erbarmungslos, sie schieben sich an mir vorbei und tauchen mich unter. Bald lerne ich, sie wegzustoßen oder mich auf den Grund sinken zu lassen, während sie über mich hinwegpflügen. Nach und nach lässt Papa die Luft aus den Schwimmflügeln, bis ich wieder richtig schwimmen kann.

In diesem Sommer zieht mein Onkel Ghassan mit seiner Familie nach Daraya um, einem Vorort von Damaskus, acht Kilometer südwestlich der Stadtmitte. Mama und Papa beschließen, ebenfalls dorthin umzuziehen. Wir beziehen ein großes Haus an einer langen, geraden Straße, die die Grenze zwischen Daraya und dem östlichen Viertel Al Moadamyeh bildet.

Sara und ich bekommen den größten Raum auf der Vorderseite des Hauses. Er ist immer lichtdurchflutet, denn die Fassade besteht vollständig aus Glas. Das Zimmer von Papa und Mama ist kleiner, dort steht in der Mitte ein riesiges antikes Bett in Weiß, ein Geschenk der Großeltern. Sara und ich ruinieren es, indem wir es mit Mamas Make-up bemalen. Für ein anderes Lieblingsspiel häufen wir Mamas Kleider auf den Boden, setzen uns darauf und fühlen uns wie Königinnen im Schloss. Oft stehe ich auf dem Balkon und schaue hinunter auf die belebte Straße oder über die Dächer hinweg auf die Minarette der vielen Moscheen des Viertels.

Meine Eltern sind keine strengen Muslime, aber ich bin mit den religiösen Geboten aufgewachsen. Sie haben uns beigebracht, sie zu befolgen, und, was noch wichtiger ist, sie haben uns beigebracht, dass ein guter Muslim immer Respekt zeigt. Respektiere Ältere, respektiere Frauen, respektiere Menschen aus anderen Kulturen und mit anderer Religion. Respektiere deine Mutter. Respektiere deinen Vater. Ganz besonders dann, wenn er auch dein Schwimmtrainer ist.

Papa hält die beiden Rollen gerne getrennt. In der Schwimmhalle sagen wir Trainer zu ihm. Zu Hause nennen wir ihn Papa, aber eigentlich ist er auch dann noch unser Trainer. Das Training hört nie auf. Bald fürchte ich den Freitag, den ersten Tag unseres Wochenendes. Jede Woche wartet Papa, bis wir gemütlich auf dem Sofa liegen, dann marschiert er ins Wohnzimmer und klatscht in die Hände.

»Los, Mädchen!«, sagt er. »Holt eure Gymnastikbänder, wir arbeiten an euren Schultern.«

Wir trotten davon und suchen die langen, elastischen Bänder. Er befestigt sie am Wohnzimmerfenster, und wir beginnen mit den Übungen. Der beste Teil von Papas Trainingsplan sind die Stunden, in denen wir Sport im Fernsehen anschauen dürfen. Wir sehen die Weltmeisterschaften in sämtlichen Wassersportarten und in der Leichtathletik, die vier größten Tennisturniere und die UEFA Champions League. Ich werde ein leidenschaftlicher Fan des FC Barcelona. Natürlich verschwendet Papa auch beim Fernsehen keine einzige Sekunde. Eingehend erklärt er uns die Unterschiede in der Technik der verschiedenen Schwimmer. Bei Fußballern bewundert er den individuellen Stil. Er lobt Tennisspieler, die ihre Gegner in Grund und Boden spielen, und schimpft, wenn sie selbst den Druck nicht aushalten. Wir sitzen da und nicken schweigend.

Ich bin sechs, als wir im Sommer die Schwimmwettkämpfe der Olympischen Spiele 2004 in Athen verfolgen. Es ist das Finale der Männer über 100 Meter Schmetterling.

»Achtet auf Bahn vier«, sagt Papa. »Michael Phelps. Der Amerikaner.«

Gespannte Stille herrscht im Wohnzimmer. Das Startsignal ertönt, wie Pfeile springen acht Schwimmer ins Becken. Eine Unterwasserkamera zeigt Phelps’ rollende Hüften, seine langen Beine mit den schnell auf und ab schlagenden Knöcheln, die das Wasser hinter ihm aufwühlen. In einer Explosion weiß schäumenden Wassers schießen die Schwimmer an die Oberfläche. Phelps befindet sich fast einen Meter hinter seinem Rivalen Ian Crocker. Es scheint aussichtslos.

Phelps’ enorme Schultern ragen aus dem Wasser, sein mächtiger Brustkorb fällt nach unten. Tropfen fliegen, als er mit beiden Armen zur Rollwende aufschlägt. Er schießt wieder an die Oberfläche, aber er hängt immer noch hinterher. Er wird es nie schaffen! Vierzig Meter, dreißig Meter. Als es noch fünfundzwanzig Meter sind, schwimmt Phelps auf einmal doppelt so schnell. Er holt auf, kommt näher an Crocker heran.

Meine Augen werden immer größer. Arme hoch, nach unten fallen, hoch und nach unten. Noch einmal und noch einmal. Ich halte den Atem an. Er ist so nahe dran. Drei, zwei, eins. Phelps und Crocker schlagen an. Phelps ist Erster. Er hat Crocker die Goldmedaille weggeschnappt, hat mit einem Vorsprung von vier Hundertstelsekunden gewonnen.

Wie gebannt starre ich auf den Bildschirm. Papa springt auf und stößt die Faust in die Luft. Schnell dreht er sich zu uns um.

»Habt ihr das gesehen?«

Auf dem Bildschirm reißt sich Phelps die Schwimmbrille vom Gesicht und blickt mit großen Augen auf die Anzeigetafel. Dann reißt er in Siegerpose beide Arme hoch. Mit gerunzelter Stirn sehe ich ihn an. Ich betrachte sein Gesicht, frage mich, ob sich für dieses Gefühl alles gelohnt hat. All die Mühen, all die Opfer für diesen einen Moment des Ruhms.

Ich habe mich nie bewusst entschieden, Schwimmerin zu werden. Aber von diesem Augenblick an bin ich Feuer und Flamme. Ich bin von Ehrgeiz erfüllt, ich balle die Fäuste. Auf einmal ist es mir egal, was mich das kosten wird. Ich bin fest entschlossen, es wie Phelps bis ganz an die Spitze zu schaffen. Zu den Olympischen Spielen. Bis zur Goldmedaille. Auf Leben und Tod.

2

Papa will, dass wir im Schwimmen die Besten werden. Die Allerbesten. Auf Erden. Aller Zeiten. Er gibt alles, damit wir das schaffen. Seine Erwartungen sind astronomisch, und er geht davon aus, dass wir sie selbstverständlich erfüllen werden. Ein paar Wochen nach Phelps’ Wundersieg in Athen komme ich in die Schule. Die Grundschule liegt im Al-Mezzeh-Viertel, im Westen von Damaskus, an einem Platz, an dem sich auch die höhere Schule befindet. Ich muss mich von einem Gebäude zum nächsten hocharbeiten. Von der untersten Stufe aus kommt mir das vor, als stünde ich am Fuß einer langen Leiter. Eines Abends kurz nach Schulanfang nimmt mich Papa zu einem ernsten Gespräch beiseite.

»Yusra, ab morgen bist du eine professionelle Schwimmerin«, sagt er. »Von nun an wirst du jeden Tag zwei Stunden trainieren. Du schwimmst mit deiner Schwester in der Jugendmannschaft von Damaskus. Hast du verstanden?«

Ich nicke. Das war eine Anweisung, keine Frage. Mir ist ganz flau im Magen vor Aufregung und Furcht. Die Stufen der Schwimmleiter ragen vor mir auf wie die Schulgebäude. Der nächste Schritt ist die syrische Nationalmannschaft, wo ich in internationalen Wettbewerben für mein Land antreten werde. Und dann sind auch die Olympischen Spiele in Reichweite.

Ich unterwerfe mich dem gleichen strengen Tagesplan wie Sara. Papa hat unser Leben eingeteilt wie das von Soldaten. Die Schule beginnt früh und endet mit dem Mittagessen, aber für uns geht die Pflicht weiter. Jeden Tag wartet Papa vor dem Schultor, um uns in die Schwimmhalle zu fahren. Manchmal habe ich nach der Schule keine Lust zu schwimmen. Doch mit einem einzigen Blick unterbindet Papa jeden Protest. Im Auto sind Musik und Gespräche, die nichts mit Schwimmen zu tun haben, verboten. Er belehrt uns über Schwimmtechnik und Training, bis wir seine Lektionen auswendig können. Jeden Tag kommt Mama in die Schwimmhalle und beobachtet unser Training von der Zuschauertribüne aus.

Eines Tages dehnen Papa und ein anderer Trainer vor dem Training Saras Schultern. Während sie kniet, ziehen sie ihr die gebeugten Ellbogen hinter den Kopf. Wir hassen diese Dehnübungen beide. Sie helfen, unsere Schultern geschmeidig und beweglich zu machen, sind aber oft schmerzhaft. Papa hat uns immer wieder erklärt, dass wir uns dabei nicht rühren dürfen. Doch als Papa und der andere Trainer dieses Mal Saras Ellbogen nach hinten ziehen, zuckt sie zusammen, reißt sich los und schreit auf. Wegen ihrer starken Schmerzen bringen Mama und Papa sie zum Arzt. Auf dem Röntgenbild ist zu erkennen, dass ihr Schlüsselbein gebrochen ist. Sara muss mehrere Wochen mit dem Training aussetzen, aber Papa zuckt nicht einmal mit der Wimper. Ein kleiner Unfall wird die Schwimmkarriere seiner Mädchen nicht behindern. Sobald der Bruch geheilt ist, kehrt sie zurück ins Wasser. Und Papa schont sie nicht. Er erklärt ihr, sie müsse nun umso härter trainieren, um die verlorene Zeit aufzuholen.

In diesem Sommer nehme ich zum ersten Mal an einem Trainingslager teil. Sara und ich müssen dafür nicht weit reisen, denn die besten jungen Schwimmer von ganz Syrien kommen in den Schulferien nach Damaskus, um dort zu trainieren. Wir wohnen mit den anderen im Sportlerhotel neben dem Tishreen-Bad. Mit ihren zehn Jahren verbringt Sara die Freizeit bereits mit den älteren Jugendlichen aus der syrischen Nationalmannschaft. Ich bin schüchtern, daher bleibe ich ständig an ihrer Seite. Nach und nach locken mich die älteren Kinder aus meinem Schneckenhaus. Einer von ihnen, ein älterer Junge namens Ehab, neckt mich und nennt mich »kleine Maus«.

Im Trainingslager begegne ich auch Rami zum ersten Mal. Er stammt aus Aleppo, trainiert aber oft in Damaskus. Er ist sechzehn, neun Jahre älter als ich, aber wir zwei werden beste Freunde. Ich bin die Jüngste im Trainingslager, darum ist er immer nett zu mir. Er sieht gut aus, hat ein offenes, ebenmäßiges Gesicht und dunkle Haare und Augen. Alle anderen Mädchen sind eifersüchtig auf unsere Freundschaft.

Es gibt nicht viele ältere Schwimmerinnen, denn die meisten geben das Schwimmen auf, sobald sie in die Pubertät kommen. Andere machen nicht weiter, weil sie nicht an eine erfolgreiche Karriere als Leistungsschwimmerin glauben, oder beenden ihre Laufbahn, wenn sie ein Studium anfangen. Doch viele hören auf, wenn sie das Alter erreicht haben, in dem eine muslimische Frau sich entscheiden muss, ob sie ab nun dezente Kleidung und das Kopftuch tragen möchte oder nicht. Mit dem Wort hijab bezeichnen wir sowohl den Schleier selbst als auch die hochgeschlossene islamische Kleidung insgesamt. In Syrien wird keine Frau gezwungen, den hijab zu befolgen, und viele Musliminnen, besonders in Städten, entscheiden sich dagegen. Solange man keine allzu freizügige Kleidung trägt, kann man auch dann noch eine gute Muslimin sein. Doch das Schwimmen ist an dieser Stelle nicht mit der Tradition vereinbar. Einen hijab zu tragen ist schwierig, wenn man in einem Badeanzug trainiert. Daher ist es keine Frage, dass wir den hijab nicht befolgen, solange wir schwimmen.

Viele Leute verstehen nicht, warum wir überhaupt schwimmen. Sie wissen nicht, dass Entschlossenheit und harte Arbeit nötig sind, um Schwimmen als Leistungssport zu betreiben, sie sehen nur den Badeanzug. Nachbarn und Eltern unserer Schulkameraden erklären Mama, dass sie das nicht gut finden. Manche sagen, für Mädchen, die ein bestimmtes Alter erreicht haben, schicke es sich nicht, einen Badeanzug anzuziehen. Mama hört nicht auf sie. Als ich neun bin, beschließt sie, im Sommer selbst schwimmen zu lernen. Weil sie den hijab befolgt und ihr Haar bedeckt, kann sie dazu nicht ins Tishreen-Bad gehen, und so belegt sie in einem anderen Schwimmbad einen Kurs, der nur für Frauen ist. Papa unterstützt sie dabei und übt schließlich sogar mit ihr.

Papa scheint das Gerede der Leute gar nicht wahrzunehmen, nichts soll uns am Schwimmen hindern. Und sein Trainingsprogramm zeigt Erfolge. Papa möchte, dass wir uns sowohl auf den Kurzstrecken als auch bei den längeren Distanzen hervortun, und wir werden im Schmetterlingsschwimmen, auch Butterfly genannt, und beim Kraulen immer schneller. Für ein zwölfjähriges Mädchen hat Sara beeindruckende Muskeln. Sie schwimmt vielversprechend und wird von den Trainern der syrischen Nationalmannschaft ausgewählt. Papa ist überglücklich, aber das bedeutet, dass sie nun nicht mehr eine seiner Schwimmerinnen ist, nur noch seine Tochter. Ich bin noch immer beides.

Nicht lange nachdem Sara in der Nationalmannschaft angefangen hat, nimmt Papa unsere Trainingsgruppe zu einem Besuch in den Kraftraum der Nationalmannschaft mit. Wir selbst sind noch zu jung für Krafttraining, daher erklärt uns Papa die Übungen, während wir zusehen. Wir versammeln uns um eine Reihe von Pull-down-Geräten, da packt plötzlich eines der Mädchen die Stange an dem Gerät neben mir und zieht sie nach unten. Es geht schwerer, als sie erwartet hat, daher lässt sie sie wieder los. Die Stange saust nach oben und trifft mich unter einem Auge. Ich schreie laut auf.

»Was ist denn, Yusra?«, fragt Papa.

Ein dünner Blutfaden läuft mir über die Wange, Tränen treten mir in die Augen. Papa nimmt mein Kinn und hebt es hoch, um mein Gesicht genauer anzusehen.

»Das ist nicht schlimm«, sagt er. »Sei einfach ein bisschen vorsichtig.«

Papa scheucht unsere Trainingsgruppe zurück in die Schwimmhalle. Schluchzend stehe ich neben dem Startblock. Das Training beginnt wieder, ich habe keine andere Wahl, als ins Wasser zu springen. Das Chlorwasser brennt in der Wunde, und ich halte mich am Beckenrand fest. Schließlich werde ich von einem anderen Vater, dessen Kind mit mir trainiert, gerettet. Er erklärt Papa, dass er mit mir zum Arzt gehen muss. Ärgerlich verzieht Papa das Gesicht, aber er gibt mir einen Wink, und ich steige aus dem Becken. Nach dem Training fährt er mich in die Notaufnahme, wo die Ärzte meine Wange nähen.

Danach habe ich Angst, mich erneut zu verletzen, aber nicht wegen der Schmerzen, sondern weil ich das Training nicht unterbrechen darf. Dennoch kann ich mich gegen manches nicht schützen, zum Beispiel gegen Ohrinfektionen. Sie tun schrecklich weh, es fühlt sich an, als würde jemand in meinem Kopf einen Luftballon aufblasen. Dann muss ich nicht in die Schule gehen, aber zum Schwimmen schon. Papa glaubt den Ärzten nicht, insbesondere dann, wenn sie mich nicht ins Wasser lassen. Einmal sind die Schmerzen schlimmer als je zuvor. Ich weine, als meine Mutter die Ärztin anfleht, mich doch schwimmen zu lassen. Aber die Ärztin schüttelt den Kopf.

»Sie hat ein Loch im Trommelfell«, sagt sie. »Sie darf auf keinen Fall schwimmen, und zwar noch mindestens eine Woche lang.«

Ich sehe Mama an. Sie zieht die Augenbrauen hoch und seufzt.

»Sagst du es Papa?«, bitte ich sie. »Ich kann es nicht. Ich will es nicht.«

Auf der Fahrt zur Schwimmhalle weine ich die ganze Zeit. Ich habe solche Angst davor, was Papa sagen wird, wenn er das erfährt. Papa wartet schon.

»Nun, wie lautet der Befund?«, will er wissen.

Mama sagt es ihm. Er ist wütend.

»Was erzählt sie da? Eine ganze Woche? Ich will eine zweite Meinung hören.«

Wir steigen wieder ins Auto, und Mama fährt mich zu einem anderen Arzt. Er erklärt ihr, dass alles in Ordnung ist, kein Loch im Trommelfell, kein Schwimmverbot. Papa ist glücklich, und ich schwimme trotz der Schmerzen. Kurz darauf warte ich eines Morgens mit Sara auf den Schulbus und falle aus heiterem Himmel um, flach aufs Gesicht. Ich bin dreißig Sekunden lang bewusstlos. Vom Balkon aus hat Papa gesehen, wie ich ohnmächtig wurde, und kommt aus dem Haus gerannt. Er bringt mich in die Klinik. Die Ärzte sind verblüfft, es muss an meinen Ohren liegen, meinen sie. Oder vielleicht an den Augen? Sie schicken mich zu einem Optiker, der feststellt, dass ich kurzsichtig bin. Von da an muss ich eine Brille oder Kontaktlinsen tragen, aber sie verhindern nicht, dass ich immer noch gelegentlich in Ohnmacht falle. Etwa zur selben Zeit habe ich juckende rote Flecken am Hals. Die Ärzte sagen, es handelt sich um Schuppenflechte. Papa ist froh, dass nichts davon mein Schwimmen beeinträchtigt.

Auch wenn Papa nicht mehr Saras Trainer ist, hat er doch ein wachsames Auge auf sie. Die Panarabischen Spiele rücken näher, und er will unbedingt, dass sie mit dem syrischen Team nach Kairo fährt. Zum ersten Mal findet bei den Spielen auch ein moderner Fünfkampf statt, und Papa kommt zu Ohren, dass es für die Staffelmannschaft noch keine weibliche Sportlerin gibt. Die Trainer fragen Sara, ob sie versuchen möchte, sich auf die Wettbewerbe im Laufen, Schwimmen und Schießen vorzubereiten.

Den Sommer verbringt Sara im Tishreen-Leistungszentrum, sie läuft lange Strecken und lernt, mit einer Pistole auf eine Scheibe zu schießen. Ein paarmal begleite ich sie und sehe ihr zu. Einmal lässt sie mich die Waffe ausprobieren, sie ist schwer, kalt und unhandlich. Ich bin mir nicht sicher, ob mir das gefallen würde. Die Trainer sind mit Sara zufrieden, es wird November, und sie fährt mit der Nationalmannschaft nach Kairo. Sie läuft schnell, schießt gut und stürmt durchs Wasser. Sie und ihre Staffelmannschaft gewinnen eine Silbermedaille und tragen dazu bei, dass Syrien den fünften Platz im Medaillenspiegel belegt. Als das Team zurückkehrt, ist Papa vor Begeisterung außer sich.

»Vielleicht wirst du sogar vom Präsidenten empfangen«, sagt er zu Sara.

In der darauffolgenden Woche rufen die Trainer die Mannschaft zusammen. Sie bestätigen, dass Präsident Baschar al-Assad alle Medaillengewinner kennenlernen möchte. Sara ist die Jüngste von allen. An diesem Tag bekommt sie schulfrei und verpasst sogar eine Prüfung, aber sie erhält trotzdem die volle Punktzahl. Strahlend kehrt sie aus dem Palast zurück.

»Und, wie war es?«, fragt Mama.

»Wir mussten in einer langen Reihe anstehen, um ihn begrüßen zu dürfen«, erzählt Sara grinsend. »Ich konnte kaum glauben, dass er es wirklich war.«

»Hat er etwas zu dir gesagt?«

»Er hat gesagt, er ist stolz auf mich, weil ich die Jüngste bin«, sagt Sara. »Und dann hat er gesagt, ich soll so weitermachen. Wenn ich weiterhin gewinne, werde ich eines Tages wieder vor ihm stehen. Eigentlich war er ein ganz normaler, netter Mann.«

Mama und Papa strahlen vor Glück. Der Empfang ist eine große Ehre für unsere Familie. In der Schule wird ein Gruppenfoto von Sara mit dem Präsidenten aufgehängt. Papa lässt eine Kopie davon vergrößern und rahmen, zu Hause ziert es den besten Platz an der Wohnzimmerwand.

Ein paar Wochen später erzählt Mama Sara und mir, dass sie wieder schwanger ist. Das verunsichert mich, dann werde ich nicht mehr die Jüngste, Kleinste und Niedlichste sein. Doch ich lächle nur und schweige. Im März werde ich zehn Jahre alt, und Mama bringt ein kleines Mädchen zur Welt, einen winzigen Engel mit riesigen himmelblauen Augen. Sie nennt sie Shahed, Honig. Wir schmelzen alle dahin. Seit Shahed da ist, bin ich überglücklich, eine kleine Schwester zu haben.

Papa achtet wie besessen darauf, dass wir genug trainieren, Mama hingegen sorgt sich ausschließlich um unsere Schulnoten. Sara und ich sind beide gut in Englisch, daher engagiert Mama verschiedene Privatlehrer, damit wir noch besser werden. Papa spielt uns amerikanische Popmusik vor. Wir sind große Fans von Michael Jackson, seine Texte lernen wir so eifrig auswendig, als müssten wir darüber eine Prüfung schreiben. Ständig haben wir Kopfhörer auf, auf dem Weg in die Schule oder zur Schwimmhalle oder auf der Heimfahrt von Großmutters Haus in Damaskus nach Daraya. Manchmal frage ich Sara nach der Bedeutung eines englischen Wortes und wie man es buchstabiert. Sara hat ein Heft, in das sie auf Englisch all ihre persönlichen Geheimnisse schreibt, damit Mama und Papa es nicht lesen können.

Wenn wir nicht gerade trainieren, sitzen Sara und ich in diesem Sommer mit Papa vor dem Fernseher und schauen die Olympischen Spiele 2008 in Peking an. Immer wieder kommt Mama mit der kleinen Shahed auf dem Arm ins Zimmer. Diesmal dominieren die Schwimmwettbewerbe die Spiele, und zwar wegen Michael Phelps. Ehrfürchtig staunend sehe ich zu, wie er eine Goldmedaille nach der anderen holt. Er ist drauf und dran, sämtliche Medaillenrekorde zu brechen. Die ganze Welt ist begeistert von ihm. Die arabische Presse nennt ihn die neue olympische Legende. Den ultimativen Olympiasportler.

Wir alle warten auf das Finale der Männer über 100 Meter Butterfly. Die Spannung steigt, als der serbische Schwimmer Milorad Čavić erklärt, er werde verhindern, dass Phelps die siebte Goldmedaille holt. Die Schwimmer steigen auf die Startblöcke. Auch Crocker ist dabei. Die Kamera fährt an der Startreihe entlang. Ich betrachte die Nacken, die Arme. Wow, Phelps ist wirklich ein Riese. In unserem Wohnzimmer herrscht prickelnde Spannung. Papa besteht auf absoluter Stille.

Das Startsignal ertönt, sie fliegen ins Wasser. Als die Schwimmer auftauchen, sind Čavić und Crocker vorne. Ihre Arme wirbeln durchs Wasser, sie kämpfen um jeden Meter. Nach der ersten Bahn ist Phelps Siebter. Ich halte den Atem an, warte darauf, dass er seine enormen Kraftreserven mobilisiert. Noch dreißig Meter, noch zwanzig. Phelps hat Crocker eingeholt, aber Čavić ist weiterhin vor ihm. Eins und zwei, eins und zwei. Weiter, weiter.

Hat Phelps doch zu lange gewartet? Komm schon, leg den Schalter um! Sprinte! Die letzten fünfzehn Meter, und Phelps gibt alles. Er gewinnt. Er ist genau auf derselben Höhe wie Čavić, sie schlagen gleichzeitig an. Ich stoße einen Schrei aus. Es ist nicht zu glauben – er hat es geschafft. Gold, mit einer Hundertstelsekunde Vorsprung. Phelps jubelt und schlägt mit seinen riesigen Armen aufs Wasser.

Papa ist aufgesprungen.

»Habt ihr das gesehen?«, ruft er. »Das ist es! Das ist ein wahrer olympischer Sportler.«

»Aber wie kommen wir dorthin?«, will ich wissen. »Wie schaffen wir es zu den Olympischen Spielen?«

»Harte Arbeit«, sagt Papa. »Und wenn es Gottes Wille ist, dann tretet ihr eines Tages dort an. Wenn du nicht von den Olympischen Spielen träumst, dann bist du keine richtige Sportlerin.«

Eine Zeit lang ist Sara der junge Star der syrischen Nationalmannschaft. Sie schwimmt erfolgreich Schmetterling auf der Kurzstrecke und bei Kraulwettbewerben über längere Distanzen. Aber im Herbst nach den Olympischen Spielen in Peking lassen ihre Leistungen nach. Ihre Zeiten schwanken wie ein Jo-Jo, und die Nationaltrainer verlieren das Interesse an ihr. Zeitweise scheint es, als bekäme sie jede Woche einen neuen Trainer.

In Papas Trainingsgruppe sind ich und ein Mädchen namens Carol die Schnellsten, Papas eigene Stars. Konkurrentinnen sind alle Schwimmerinnen der Nationalmannschaft, auch Sara. Papa organisiert ein Rennen zwischen Sara und Carol über 100 Meter Butterfly und ruft alle zusammen, um sich das Rennen anzusehen, Trainer, Schwimmer und Saras Teamkolleginnen.

Als Sara und Carol auf die Startblöcke steigen, ist Sara nicht mehr seine Tochter, sondern die Gegnerin seiner Schwimmerin. Während ich zum Becken starre, kann ich keinen einzigen Gedanken fassen. Ich weiß einfach nicht, wem ich die Daumen drücken soll.

Das Startsignal ertönt, sie springen hinein. Carol taucht als Erste auf, dann folgt wirbelnd Sara. Bei der Fünfzig-Meter-Wende liegt Sara bereits eine ganze Körperlänge zurück. Sie kämpft mit aller Kraft, aber Carol sprintet die letzten fünfundzwanzig Meter und schlägt mit guten fünf Sekunden Vorsprung an. Papa reißt triumphierend die Arme hoch und grinst die Nationaltrainer an. Sein Star hat gewonnen.

In drückendem Schweigen fahren wir nach Hause. Sara hat Kopfhörer aufgesetzt und schaut unentwegt aus dem Fenster. Sobald wir im Haus sind, wird Papa wieder zu Papa, er stürzt sich auf Sara.

»Was ist eigentlich mit dir los?«, schreit er. »Du bist nachlässig geworden. Du hast jegliches Tempo verloren.«

Sie blickt ihn wütend an, ihre Augen blitzen.

»Das war’s, genug der Schlamperei«, sagt er. »Ab sofort ist Schluss mit den Besuchen bei Freundinnen nach dem Training, Schluss mit dem Basketballspielen. Ich muss dich wieder auf Linie bringen. Von jetzt an trainiere ich dich. Du kommst wieder zu mir.«

Sara bricht in Tränen aus. Mit einer abrupten Bewegung setzt sie den Kopfhörer auf, steht auf und verlässt das Zimmer. Ich bleibe sitzen und versuche, nicht an sie zu denken. Sie wird weinen, und dann wird sie sich wieder beruhigen.

Von da an trainiert Sara wieder bei Papa, zusammen mit mir und Carol. Ein paar Monate später steigt sie auf einmal aus dem Becken und hält sich die rechte Schulter.

»Ich kann nicht weitermachen«, sagt sie zu Papa. »Ich kann meine Schulter nicht mehr bewegen.«

Mama fährt mit ihr zum Arzt, der vier Wochen Pause und einige Muskelcremes verordnet. Papa ist sehr unglücklich. Einen Monat später schwimmt Sara wieder, aber nach der langen Pause sind alle bisherigen Trainingserfolge dahin. Es dauert zwei Monate, bis sie wieder so gut ist wie vor der Schulterverletzung.

Im darauffolgenden Frühjahr versagt ihre andere Schulter. Die Ärzte blicken sorgenvoll und verordnen ihr einen weiteren Monat Pause. Mama bemüht sich, ihr zu helfen. Seit sie schwimmen gelernt hat, unterrichtet sie Wasseraerobic in einem Thermalbad nahe Daraa, eine Autostunde südlich von Damaskus. Sie beschäftigt sich auch mit Massagetherapie und probiert ihre neuen Fähigkeiten an Saras Schultern aus.

Es dauert nicht lange, dann kann Sara wieder mit dem Training beginnen. Härter denn je kämpft sie darum, ihre alte Form zu erreichen. Auch wenn sie sich mir nicht anvertraut, weiß ich, dass sie die Lust am Schwimmen verloren hat. Sie ist mit den Gedanken woanders. Oft verschwindet sie nach dem Training, und im Frühsommer beginnt sie, sich zu schminken. Ich vermute, dass sie sich mit Jungen trifft. Papa tobt, aber Sara ist das egal. Das Leben zu Hause wird zu einer einzigen Serie von Auseinandersetzungen und Streitereien.

»Schau dir deine kleine Schwester an«, schreit Papa. »Warum kannst du nicht ein bisschen mehr so sein wie sie?«

Doch das funktioniert nie. Je öfter er sie anschreit, desto mehr setzt sie sich zur Wehr. Sie schreit ebenfalls, flucht in seiner Anwesenheit. Die Auseinandersetzungen haben auch Auswirkungen auf mich. Nachdem ich sehe, welche Wut Sara auslöst, bin ich fest entschlossen, keinen Schritt vom Weg abzuweichen. Ich will Papa keinerlei Grund geben, auf mich zornig zu sein, ich ducke mich, arbeite hart im Schwimmbecken und gebe alles für weitere Erfolge. In der Schule lerne ich eifrig, um beste Noten zu bekommen. Ich bin so ehrgeizig, dass meine Schuppenflechte immer dann, wenn ein anderes Kind in der Klasse bessere Noten hat als ich, knallrot wird und heftig zu jucken beginnt. Sara macht sich lustig über mich und nennt mich eine Streberin.

In diesem Sommer reisen Sara und ich zu einem Schwimmwettbewerb nach Latakia, einer Stadt an der Nordwestküste Syriens. Latakia ist Syriens beliebtester Ferienort. Dort fahren die Leute hin, um auf der langen Strandpromenade auf und ab zu spazieren, auf den Restaurantterrassen zu sitzen und im Vergnügungspark Achterbahn zu fahren. Sara und ich sind hergekommen, um im Meer zu schwimmen. Der Wettbewerb findet draußen im offenen Wasser statt, es gilt, fünf Kilometer von einer Insel bis an die Küste zurückzulegen.

Als wir am Strand stehen, ist die See ruhig und glitzert im Sonnenlicht. Wir schwimmen los, alle fünfzig Starterinnen gleichzeitig. Der Wettkampf ist hart, jede gibt sich alle Mühe, so geradlinig wie möglich zur Küste zurückzuschwimmen. Sobald wir draußen auf dem Meer sind, wird mir mulmig zumute. Das Schwimmen im Meer ist ganz anders als im Schwimmbecken. Das Wasser unter mir ist geheimnisvoll und tief. Es gibt keinen Beckenrand, keine Möglichkeit, sich auszuruhen. Ich habe Angst, den Weg nicht zu finden, darum schwimme ich mit erhobenem Kopf, um die Bojen und Boote zu sehen, die die Route markieren. Ich bin erleichtert, als wir nach über einer Stunde die Küste erreicht haben.

Nicht lange nach dem Wettschwimmen im Meer verkrampfen sich Saras Schultern gleichzeitig, sie kann keinen einzigen Armzug mehr machen. Die Ärzte überweisen sie zu einem Physiotherapeuten, bei dem sie intensive Massagen erhält. Erneut muss sie das Schwimmen für einen Monat unterbrechen, erst Anfang des folgenden Jahres schwimmt sie wieder, aber längst nicht mehr so gut wie zuvor. Sara redet kaum mehr mit mir, obwohl wir ein Zimmer teilen. Ich mache mir Sorgen um sie, aber zu Hause, zwischen den Streitereien, zieht sich jede in ihre eigene Welt zurück. Wenn es einer von uns nicht gut geht, erfährt die andere nichts davon. Wir führen völlig getrennte Leben, wir schwimmen getrennt, wir lernen getrennt, jede von uns hat ihren eigenen Freundeskreis.

Papas Versuche, Saras Verhalten zu beeinflussen, fruchten nicht. In der Schule macht sie Ärger, ihre Noten leiden darunter, die Lehrer haben sie auf dem Kieker. Nach dem Training läuft sie davon, um auszugehen, Basketball zu spielen oder Freunde zu besuchen und mit ihnen abzuhängen. Viele ihrer besten Freunde sind junge Männer.

Die Auseinandersetzungen zu Hause werden schlimmer. Auf die kleinste Ermahnung von Papa reagiert Sara mit Zorn. Wenn er beim Abendessen feststellt, sie habe zugenommen, wenn er ihre miserablen Noten erwähnt oder dass sie beim Training schlecht geschwommen ist, schiebt Sara oft den Stuhl zurück, steht auf und stürmt aus dem Zimmer.

»Ach, dann willst du wohl nichts mehr essen?«, ruft Papa ihr nach.

»Mir ist nicht mehr nach Essen!«, schreit sie zurück, und ich zucke zusammen, weil sie die Tür zuschlägt. Mit gesenktem Blick spiele ich mit der Gabel im Essen. Einfach gehorchen, dann geschieht dir nichts. Ich weiß, dass es Papa glücklich macht, wenn ich die beste Schwimmerin bin. Und ich werde immer besser. Im Schmetterlingsstil schwimme ich schnell und kraftvoll. In diesem Herbst, mit zwölf Jahren, schaffe ich den Sprung in die Nationalmannschaft. Die Trainer sagen, ich bin so weit, dass ich bei den ersten internationalen Wettbewerben in Jordanien und Ägypten antreten kann. Das ist ein großer Schritt. Ich bin jetzt Wettkampfschwimmerin, ich schwimme für Syrien, eine weitere Stufe auf der Leiter zu meinem Traum von den Olympischen Spielen. Während Sara rebelliert und immer schlechter wird, bin ich Papas neuer Schwimmstar.

Teil II

Der Frühling

3

Die Männer stoßen ihre Fäuste in die Luft und singen laut in die Kamera. Fahnen werden verbrannt, und Menschenmengen laufen auseinander, als über Gebäuden Rauchwolken aufsteigen. Es ist März 2011. Libyen steht in Flammen. Ich schaue Sara an. Sie zuckt nur mit den Schultern und wechselt den Kanal. Papa kommt ins Wohnzimmer.

»Schalte wieder zurück«, sagt er.

Sara gehorcht. Mein Vater setzt sich aufs Sofa. Schweigend verfolgen wir die dramatischen Szenen, die sich abspielen. Das ist jetzt Papas Zeit. Jeden Abend gehört der Fernseher für genau zwei Stunden ihm. Er sieht sich die Nachrichten an, danach kriegen wir die Fernbedienung zurück. In den vergangenen Wochen hatten wir die Revolutionen in Tunesien und Ägypten mit angucken müssen. Und jetzt Libyen. Ich weiß auch nicht, warum, aber mit Libyen fühlt es sich anders an. Irgendwie mehr vor der eigenen Haustür.

»Das ist schon cool«, sagt Sara ruhig. »Unheimlich, aber cool.«

Papa wirft ihr einen missbilligenden Blick zu.

»Spinnst du?«, empört er sich. »So etwas wird hier nie passieren, kapiert? In Syrien wird niemals etwas Derartiges geschehen.«

Weiter erklärt er, dass Syrien ein stabiles Land sei. »Hier herrscht Vernunft. Die Leute sind ruhig und friedlich. Sie werden keine Probleme machen. Jeder hat hier einen Job. Wir haben ein gutes Leben, haben Arbeit. Wir sind glücklich, wir bringen es zu etwas.« Papa deutet mit fuchtelnden Bewegungen auf die Demonstranten im Fernseher.

»Wir sind nicht wie die.«

Jetzt erscheint der libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi auf dem Bildschirm. Er trägt einen hellbraunen Umhang und einen dazu passenden Turban. Er hält eine Ansprache über das libysche Staatsfernsehen, fordert seine Anhänger mit flammenden Worten dazu auf, den Aufstand im Land niederzuschlagen.

»Ich rufe die Millionen Menschen auf, von einem Ende der Wüste zum anderen«, sagt Gaddafi und gestikuliert dabei wild mit den Armen. »Wir Millionen werden marschieren und Libyen säubern, Zoll für Zoll, Haus für Haus, Wohnung für Wohnung, Straße für Straße, Person für Person, bis das Land gereinigt ist von allem Schmutz, allem Unreinen.«

Sara muss kichern. Papa wirft ihr noch einen strafenden Blick zu.

»Was denn?«, empört sich Sara. »Ich lache doch nicht über das, was passiert. Es ist einfach nur, na ja, er wirkt eben selbst so komisch. Der libysche Dialekt ist komisch.«

Papa schüttelt den Kopf und wendet sich wieder dem Fernseher zu.

»Es ist Zeit, sich an die Arbeit zu machen!«, brüllt Gaddafi. »Es ist Zeit, loszumarschieren! Zeit zu siegen! Es gibt kein Zurück! An die Front! Revolution! Revolution!«

Gaddafi schlägt auf das Rednerpult ein, reckt die Faust empor und verschwindet aus dem Bild. Papa schaltet den Fernseher aus und verlässt ohne ein weiteres Wort den Raum. Ein paar Tage später stehen Sara und ich draußen auf der Straße und warten auf den Schulbus. Sara erzählt, sie habe geträumt, man habe Gaddafi umgebracht. Worauf ich sage, dass mich das nicht interessiert. Der Bus kommt, und wir steigen ein. Alle Kinder im Bus starren auf ihre Handys und kichern.

»Was ist denn hier los?«, fragt Sara, während wir uns setzen.

Der Junge auf dem Vordersitz dreht sich um.

»Zenga, zenga«, sagt er grinsend.

»Wie bitte?«, frage ich.

Der Junge gibt uns sein Handy. Ein YouTube-Video läuft. Jemand hat Gaddafis Rede im Staatsfernsehen zu einem Musikvideo parodiert. Unten im Bild lässt eine spärlich bekleidete Blondine die Hüften kreisen. Der Diktator sieht lächerlich aus. Beim Refrain kichert wieder der ganze Bus. Zenga, zenga – libysches Arabisch für zinga, »Straße«. In der Schule hört man den Song an allen Ecken. Doch der Gag hat sich bald abgenutzt. Eine Woche später ist es ganz still im Schulbus. Die anderen Kinder sitzen zu zweit nebeneinander und unterhalten sich nur leise flüsternd. Dann steigt meine Freundin Lyne ein und setzt sich neben mich. Ich lächle ihr zu. Sie guckt mich erstaunt an, dann neigt sie sich zu mir.

»Hast du noch nicht gehört, was in Daraa passiert ist?«, flüstert sie.

»Nein«, sage ich.

Ich bekomme plötzlich Angst und habe ein beklemmendes Gefühl. Mama arbeitet nur eine halbe Autostunde von Daraa entfernt. Die Stadt selbst liegt nicht weit von Damaskus entfernt. Gerade mal hundert Kilometer oder so.

»Da waren ein paar Kinder, Jungs«, erzählt Lyne. »Sie haben etwas an eine Mauer geschrieben, und man hat sie verhaftet.«

»Wieso?«, frage ich. »Was haben sie denn geschrieben?«

Sie sieht sich um, dann kommt sie mit den Lippen ganz nahe an mein Ohr.

»Ash-shab yurid isquat an-nizam«, flüstert sie.

Ich schaue sie ungläubig an. Ash-shab yurid isquat an-nizam. »Das Volk will das Regime stürzen.« Aber hat Papa nicht gesagt, dass es hier bei uns niemals zu Aufständen kommen würde? Ich sitze stumm da und lasse Lynes Worte auf mich wirken, kämpfe mit ihrer Bedeutung. Dann flüstere ich Lyne ins Ohr: »Das ist doch, was sie in Tunesien gerufen haben? Und in Ägypten?«

Lyne nickt.

»Und vor Kurzem auch in Libyen«, fügt sie hinzu.

Ich schaue durch das Fenster auf den Verkehr, die Pendler auf dem Weg zur Arbeit, die Läden, die geöffnet werden. Die Leute wollen also, dass sich auch hier etwas ändert? Tunesien, Ägypten, Libyen – und jetzt hier? Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. In der Schule erwähnen die Lehrer Daraa mit keinem Wort. Auch Mama und Papa nicht. Ebenso wenig wie die Nachrichtensprecher des staatlichen Fernsehsenders. Meine einzige Nachrichtenquelle ist der Schulbus. Ein paar Tage später erzählt mir Lyne, dass es bei Demonstrationen in Daraa zu Gewalt gekommen sei und dass die Proteste mittlerweile auf andere syrische Städte wie Aleppo, Homs und Baniyas übergegriffen hätten.

»Sogar hier in Damaskus marschieren sie«, sagt Lyne.

Meine Augen weiten sich. Zu Hause geht das schmallippige Schweigen weiter. Papa verfolgt immer noch jeden Abend die Nachrichten. Oft schaltet er auf ausländische arabischsprachige Nachrichtensender wie Al Jazeera und al-Arabiya um. Er schaut, sagt aber kein Wort. Falls er überhaupt über die sich ausbreitenden Proteste spricht, dann nicht mit uns. Ich verstehe das. Es ist zu unserem Besten, um uns zu schützen. Und was sollte er mit zwei Töchtern im Teenageralter auch groß reden? Sie fragen, ob sie die aktuelle Situation gut finden? Mama ist nicht ganz so wortkarg. Sie arbeitet im Thermalbad außerhalb von Daraa und bringt von dort weitere Neuigkeiten mit. Eines Tages Ende März kommt sie sichtlich erschüttert und blass nach Hause. Ich frage sie, was sie hat. Sie zögert. Sie will mir keine Angst machen.

»Heute im Bad«, überwindet sie sich schließlich, »konnte man aus der Stadt Detonationen und Schüsse hören. Wir haben die Fenster zugemacht, um das Geräusch draußen zu halten, aber ich konnte es immer noch hören.«

Ich betrachte meine Fingernägel. Mir dreht sich der Magen um. Hätte ich doch bloß nicht gefragt.

»In den letzten Monaten sind immer weniger Gäste gekommen«, erzählt Mum. »Keiner will mehr ins Bad. Den Leuten wird es langsam zu gefährlich.«

Ich möchte, dass sie aufhört zu sprechen. Als Papa ins Wohnzimmer tritt und sie mitten im Satz unterbricht, bin ich erleichtert. Er setzt sich und schaltet den Fernseher ein. Shahed tapst hinter ihm her. Mama schnappt sich meine kleine Schwester und geht mit ihr in die Küche. Wir hocken da, grimmig schweigend. In den Nachrichten im Staatsfernsehen wird Daraa immer noch mit keinem Wort erwähnt.

Am nächsten Tag erzählt mir Eman, eine meine Mitschülerinnen, dass sie und ihre Familie aus Damaskus weggehen würden. Ihre Eltern stammen aus Daraa und wollen dorthin zurück. Sie möchten wissen, was sich in der Stadt abspielt. Alles geht sehr schnell. Wir verabschieden uns, eine Woche später ziehen sie weg. Ich höre nie wieder von ihr. Ich bin mir immer noch nicht im Klaren, was mit ihr passiert ist. Das ist der erste von vielen ähnlichen Fällen: Die Menschen verschwinden einfach spurlos aus meinem Leben. Eines Tages, kurz nach Emans Wegzug, kommt Mama früher als gewöhnlich von ihrer Arbeit im Thermalbad zurück. Sara und ich machen uns gerade fürs Training fertig. Mama setzt sich. Sie zittert am ganzen Leib.

»Was ist denn los?«, fragt Papa.

»Der Lärm heute«, erzählt sie. »Tagsüber wurde nur geschossen. Die ganze Woche ist das schon so gegangen. Es gab gewaltige Explosionen, sodass die Fenster gewackelt haben. Und dann ist am Nachmittag plötzlich die Armee aufgetaucht und hat uns evakuiert.«

Papa runzelt die Stirn.

»Du kannst also nicht mehr hin?«, fragt er.

»Vermutlich nicht«, erwidert sie. »Ich denke, das Bad bleibt erst mal eine Weile zu.«

Mama mustert Sara und mich, dann wirft sie Dad einen verstohlenen Blick zu.

»Weißt du, meine Kolleginnen, sie … sie erzählen ganz schlimme Geschichten«, sagt sie zögernd.

Sara steht vom Sofa auf, packt mich am Arm und zieht mich mit in unser Zimmer.

Nachdem Mama aufgehört hat, in der Nähe von Daraa zu arbeiten, erfahre ich noch weniger. Sie hat jetzt einen neuen Job als Masseurin in einer erst kürzlich eröffneten Sportanlage in Kfar Souseh, dem Bezirk nördlich von Daraya. Die einzige Quelle für meine wenigen und vagen Informationen bleibt der Schulbus. Von Lyne erfahre ich, dass Daraa sich im Belagerungszustand befindet. Sie erzählt mir, dass die Proteste in Homs zunehmen, dass sie sich langsam auch auf das Zentrum von Damaskus ausdehnen und auf Latakia. Ende Mai, als die Opposition in Daraya stärker wird, erzählt Lyne, es ginge da um einen Jungen namens Hamza. Jeder, den ich kenne, hält sich von der einen wie von der anderen Seite fern. Wir sitzen da und hoffen, dass alles schnell vorübergeht.

In Daraya ist es nicht länger sicher. Jeden Freitag strömen die Gläubigen nach dem Nachmittagsgebet aus den Moscheen auf die Straßen. Manchmal hören wir das Rattern von Gewehren. Wir gehen jetzt am Freitagabend nicht mehr zum Essen aus dem Haus, sondern sitzen zusammen auf dem Sofa und verfolgen das Staatsfernsehen. Die Nachrichtensprecher sagen, die Gewalt ginge auf das Konto von Terroristen. Wir können nichts weiter tun als abwarten und beten, dass sich die Unruhen bald wieder legen.

Und während ich warte, schwimme ich. Schwimmen ist die beste Ablenkung überhaupt. Sobald ich im Becken bin, wird alles andere bedeutungslos. Zu jener Zeit erreiche ich meine persönlichen Bestzeiten, breche Rekorde und gewinne Medaillen für die Nationalmannschaft. Die Trainer sagen, dass ich in andere arabische Länder, nach Jordanien, Ägypten und in den Libanon, reisen und Syrien bei internationalen Wettkämpfen vertreten dürfe. Im Juli stehen Sara und ich um drei Uhr morgens auf, um uns die Übertragung der Schwimmweltmeisterschaften in Schanghai anzusehen. Wir verfolgen, wie die Schwedin Therese Alshammar die Goldmedaille über 50 Meter Freistil gewinnt. Das ist für mich genauso wie für einen Fußballfan, der sich ein Spiel seiner Mannschaft anschaut. Ich kreische und hopse durchs Wohnzimmer. Alshammar ist meine neue Heldin.

»Guck sie dir an«, meint Sara. »Du könntest werden wie sie.«

Mama tritt ins Wohnzimmer und reibt sich die Augen. Sie sagt, wir sollen leiser sein, damit wir Shahed nicht wecken. Ich deute auf den Fernseher. Alshammar strahlt übers ganze Gesicht und umarmt die anderen Schwimmerinnen.

»Mum, schau doch!«, rufe ich. »Das könnte ich auch.«

Mama gähnt, dann lächelt sie.

»Ich weiß, habibti«, sagt sie.

»Aber wie sollen wir zur Weltmeisterschaft kommen, wenn wir hier in Syrien sitzen?«, frage ich.

Mama seufzt.

»Seid einfach ein bisschen leiser, ja?«, ermahnt sie uns.

Alshammar zu beobachten macht mich ungeduldig. Mama kann das nicht verstehen. Ich muss einfach schwimmen. Ich muss eine Sportlerlaufbahn einschlagen. Aber mit dem, was hier in Syrien passiert, mit all der Gewalt und den Demonstrationen, werden die Aussichten dafür immer schlechter. Die Zukunft ist ungewiss. Die Leiter, die mich zur Olympiateilnahme führen könnte, verschwindet irgendwo im Nebel.

In diesem Sommer kommen wie jedes Jahr Schwimmer aus ganz Syrien zum Trainingslager nach Damaskus. Mit ein paar von ihnen ziehe ich in die Sportlerunterkunft in der Nähe der Schwimmhalle, die zum Tishreen-Leistungszentrum gehört. Viele der Kinder, die ich kenne, stammen wie Rami aus Aleppo. Ich frage ihn, was dort los ist. Rami macht ein besorgtes Gesicht, meint aber, dass die Lage genauso wäre wie hier in Damaskus. Es gebe zwar hin und wieder Proteste, aber sie seien nicht so heftig wie in Daraa. Als ich ein paar Tage nach diesem Gespräch vom Trainingslager nach Hause komme, sitzt Papa im Wohnzimmer und schaut Al Jazeera. Er blickt nicht auf, als ich eintrete. Ich setze mich neben ihn vor den Fernseher. Die Männer auf dem Bildschirm wedeln mit den Armen herum und feuern mit automatischen Waffen in die Luft.

»Was ist denn jetzt wieder passiert?«, frage ich.

»Tripolis ist gefallen«, erklärt er mir. »Gaddafi wurde gestürzt.«

Ich starre auf den Fernseher, während Papa reglos und schweigend die Berichte verfolgt.

Bald breiten sich die Unruhen aus bis vor unsere Haustür. In Muadamiyat, das westlich von uns liegt, brechen ausgedehnte Proteste aus. Die Straße, die wir in die Schule, zum Schwimmbad, zu meiner Oma nehmen, die Straße ins Stadtzentrum, fühlt sich allmählich unheimlich an. Wir bleiben viel zu Hause und sehen fern. An einem Oktobermorgen erzählt uns Lyne im Schulbus von Gaddafis grauenhaftem Ende. Ich starre aus dem Fenster und wünsche mir, ich könnte die Zeit anhalten und zurückspulen, um zur Normalität zurückzukehren.

Ich versuche, die aktuellen Ereignisse auszublenden, konzentriere mich ganz auf die Schule, aufs Schwimmen, auf den Alltag. Doch ein normales Leben wird allmählich unmöglich. Im Dezember werden vierzig Menschen in Kfar Souseh Opfer von Selbstmordattentätern. Die Opfer sind ganz normale Menschen, die nur das Pech hatten, in diesem Moment unterwegs auf der Straße gewesen zu sein. Wir sind entsetzt. Zum ersten Mal schleicht sich das Gefühl einer Bedrohung ein, die Angst, dass wir getötet werden könnten, nur weil auch wir zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Wie so viele andere Eltern lassen die unseren uns nach sieben Uhr abends nicht mehr aus dem Haus. Wir lassen die Jalousien runter und schalten den Fernseher ein.

Zu Anfang des neuen Jahres findet wieder ein Trainingslager statt. Diesmal kommen viel weniger Schwimmer. Gerade von den älteren Jungs sind viele nicht mehr dabei. Ich kann meinen Freund Rami nirgends entdecken und frage herum. Die anderen Schwimmer erzählen mir, er sei momentan bei seinem Bruder in der Türkei, wolle aber bald wieder zurückkehren. Wenig später lese ich auf seiner Facebook-Seite, dass er angefangen hat, bei den Schwimmern von Galatasaray Istanbul zu trainieren. Es sieht so aus, als würde er länger wegbleiben, länger jedenfalls, als wir gedacht haben.

Der Aufruhr verschärft sich mit jedem Tag. Im Januar sieht man überall in Damaskus aufgeschichtete Sandsäcke. Dahinter stehen bewaffnete Wachposten, die jedes vorbeifahrende Auto aufhalten. Sie kontrollieren die Papiere der Fahrzeuginsassen, wollen wissen, woher sie kommen und wohin sie fahren. Entlang der Hauptstraße von Daraya nach Damaskus wurden zahlreiche solcher Kontrollen eingerichtet. Deswegen fahren wir jetzt immer öfter einen Schleichweg durch die Olivenhaine im Süden und fahren von dort aus nach Westen aufs Land. Doch welche Route wir auch wählen, immer wieder stoßen wir auf »mobile« Kontrollpunkte. Eines Abends, es ist Frühlingsanfang, holt Mama uns vom Training ab. Sara und ich sitzen hinten auf der Rückbank, Shahed zwischen uns. Mum will es mal wieder über die Hauptstraße versuchen, doch eine riesige Autokolonne rollt uns entgegen. Sie seufzt.

»Sie haben die Straße dichtgemacht«, sagt sie.

Sie kehrt um und entscheidet sich für eine Nebenstraße, die uns auf anderem Weg zurück nach Daraya bringen soll. Die Straße ist ungewöhnlich dunkel und verlassen. Sämtliche Läden haben schon früh geschlossen. Weit und breit sind keine anderen Autos oder Passanten zu sehen. Mama fährt langsam die Straße entlang. Rechts vor uns ein Haufen Sandsäcke am Straßenrand. Ein Soldat kommt lässig dahinter hervor. Er trägt ein Sturmgewehr. Mama hält und kurbelt das Fenster herunter.

»Den Ausweis«, sagt der Soldat.

Mama fummelt in ihrer Brieftasche herum und zieht die Ausweiskarte aus weißem Plastik heraus. Der Soldat nimmt sie, dann wirft er einen prüfenden Blick auf uns Mädchen auf dem Rücksitz.

»Ihre Töchter?«, will er wissen.

Mama nickt nur. Sie hält den Blick nach vorne auf die Straße gerichtet.

»Wohin fahren Sie?«, fragt der Soldat.

»Nach Hause«, erwidert Mum. »Wir wohnen an der Straße zwischen Daraya und Muadamiyat.«

»Und wo sind Sie gewesen?«, fragt er weiter.

»Ich komme gerade von der Arbeit. Meine ältesten Töchter waren beim Schwimmen.«

Der Soldat wirft erneut einen prüfenden Blick auf uns. Er geht um das Auto herum und macht den Kofferraum auf. Als Nächstes öffnet er auf meiner Seite die Autotür und leuchtet mit einer starken Taschenlampe auf unsere Füße hinunter. Dann begibt er sich wieder zum Fenster auf der Fahrerseite und befiehlt meiner Mutter auszusteigen. Mir zieht sich der Magen zusammen, ich habe eine Riesenangst. Mama steigt aus. Sara und ich strecken den Kopf aus dem Fenster, um zu sehen, was passiert. Der Soldat durchsucht sie, dann dürfen wir weiterfahren. Unsere Mutter klettert ins Auto, sie atmet schwer. Auf dem restlichen Heimweg spricht keiner von uns ein Wort.

Am nächsten Morgen befinden wir uns im Schulbus. An der Hauptstraße nach Mezzeh passieren wir einmal mehr einen Stapel von Sandsäcken. Die Soldaten winken den Busfahrer heraus, wir halten am Straßenrand. Die Kinder, die vorn im Bus sitzen, schnappen hörbar nach Luft, als vier Soldaten im Mittelgang erscheinen. Der vorderste fuchtelt mit einem Sturmgewehr herum. Sie kontrollieren den Bus, durchsuchen unsere Schulranzen, die Gepäckablagen, sehen unter jedem Sitz nach. Als sie bei Sara und mir ankommen, starren wir geradeaus, um jeden Augenkontakt zu vermeiden. Sie gehen weiter. Ich höre, wie eines der jüngeren Mädchen hinter mir wimmert. Endlich verschwinden sie, und der Motor läuft wieder.

»Was glauben die, was wir in einem Bus mit fünfzig Kindern verstecken?«, murrt Sara, als wir losfahren.

Nach diesem Zwischenfall sollen wir Kleider zum Wechseln ins Haus von Oma bringen, falls irgendetwas passiert und wir nicht nach Hause kommen können. Auf dem Heimweg vom Training hören wir manchmal das Geräusch von Schüssen aus Richtung Daraya. In diesem Fall kehren wir um. Manchmal schicken uns auch die Soldaten an den Kontrollpunkten zurück in die Stadt.

Die Freitage sind jetzt schlimmer denn je. Jedes Mal, wenn in Daraya jemand getötet wird, wächst sich die Begräbnisfeier zu einer Protestkundgebung aus, und diese werden immer größer. Wir bleiben meist im Haus oder verbringen das Wochenende bei Oma. In manchen Nächten reißen mich Schusswechsel auf der Straße aus dem Schlaf. Papa schiebt einen großen Massivholzschrank vor das Fenster in unserem Zimmer aus Angst, Splitter von Explosionen oder Irrläufer könnten uns treffen. Im Frühsommer beginnt sich Daraya allmählich zu leeren. Immer weniger Menschen sind auf den Straßen unterwegs, auch im Schulbus wird es leerer und leerer. Es ist gespenstisch.

Ich verstehe nicht so recht, was abläuft. Aus dem Fernsehen erfahren wir nichts. Mama und Papa beziehen ihre Informationen von Freunden, Nachbarn und Verwandten. Doch uns Kindern erzählt man nichts. Auf meinem Facebook-Newsfeed gibt es nur haufenweise Witze, Klatsch, Geschichten über Liebeskummer und die üblichen Teenagerthemen.

Eines Nachts Ende Mai schlafen Sara, Shahed und ich fest in unserem Zimmer.

»Allahu Akbar«, schreit plötzlich eine Männerstimme unten auf der Straße.

Dann donnert Gewehrfeuer los. Viel zu nah. Ich bin mit einem Schlag wach.

»Allahu Akbar.« Ein lautstarker Sprechchor. »Allahu Akbar.«

Ich blicke hinüber zu Saras Bett. Sie liegt mit dem Gesicht zur Wand, den Rücken zu mir gedreht.

»Sara«, rufe ich leise.

»Bleib, wo du bist«, sagt sie, das Gesicht immer noch zur Wand gekehrt.