Carl Benz  -  Lebensfahrt eines deutschen Erfinders - Carl Benz - E-Book

Carl Benz - Lebensfahrt eines deutschen Erfinders E-Book

Carl Benz

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Beschreibung

Der Ingenieur, Erfinder und Unternehmer Carl Benz war einer der wichtigsten Wegbereiter für den weltweiten Erfolg des Automobils. Er lebte von 1844 bis 1929. Sein Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 von 1895 gilt als erstes praxistaugliches Automobil. Durch die Fusion seines Unternehmens Benz & Cie. mit der Daimler-Motoren-Gesellschaft entstand 1926 die Daimler-Benz AG. In seiner Autobiographie schildert Carl Benz sowohl seine berufliche Entwicklung zum erfolgreichen Erfinder und Industriepionier, als auch zahlreiche persönliche Erlebnisse. Auf verständliche Weise erläutert Carl Benz die Grundprobleme bei der Entwicklung des Autos und blickt auf die turbulenten Anfangsjahre der Automobilindustrie zurück.

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Seitenzahl: 139

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Carl Benz - Lebensfahrt eines deutschen Erfinders

Carl Benz - Lebensfahrt eines deutschen Erfinders Lebensfahrt eines deutschen erfinders Im Feuerschein der DorfschmiedeVater und MutterDer kleine CarlFerienfreudenAuf dem GymnasiumWanderjahreAuf dem KnochenschüttlerEigene Heim- und WerkstätteDer schönste SilvesterabendWiderständeDer neue ZweitaktmotorVon der Reißbrettskizze zum lebendigen Motorwagen Die Notwendigkeit eines leichten, schnellaufenden Motors Wie konnte der elektrische Zündfunke erzeugt werden? Die „Gasfabrik“ des Fahrzeugmotors Die Kühlung des heißen Motors Pferdekräfte wandern vom Motor zu den Antriebsrädern Das Kurvenfahren mit einem Motorwagen Die ersten Fahrten  Im Fabrikhofe Auf der Straße Die ersten ZeitungsberichteDas Ringen um des Wagens ZukunftDer neue Wagen vor der PolizeischrankeWir fahren in die Welt!Der neue Wagen holt sich auf der Münchener Ausstellung 1888 die Große Goldene MedailleDie ersten Käufer aus Frankreich, England und Amerika stellen sich einDer Einbau der dreiteiligen AchseWie es am Anfang auf den Landstraßen spukteDie ersten Käufer aus Deutschland, Ungarn und BöhmenGedenke, daß du ein Deutscher bistDas Emporblühen der deutschen KraftwagenindustrieDer Kraftwagen als KulturgutDie Automobil-„Erfinder“Der 80. Geburtstag (26. November 1924)SportsfreudenMünchener JubeltageRückblick und AufblickBildanhangImpressum

Carl Benz

Lebensfahrt eines deutschen erfinders

Eine Auto-Biographie

Erstveröffentlichung 1925

Im Feuerschein der Dorfschmiede

Wenn ich als achtzigjähriger Mann von den weißen Firnhöhen des Lebens hinunterschaue ins Land der Kindheit, dann ist es mir, als müßte ich wieder heim – ins Jugendland. Blaue Berge tauchen auf in verschwimmender Ferne, ein Tal, durch das ich in herzhafter Ferienfreude weiß Gott wie oft gewandert, wird im Vordergrund ganz deutlich sichtbar. Ein trauliches Tal, mit Wiesen im Grunde und dem schäumenden Bache.

Tannen klettern an den Hängen empor, und oben träumt zwischen Sonnenglanz und Waldesschatten ein Dörflein so einsam, wie eben nur Schwarzwalddörfer einsam träumen können.

Pfaffenroth heißt das liebe Nest. Es ist die Heimat meiner Väter. Hier oben in diesem grünen Erdenwinkel regierten meine Groß- und Urgroßväter.

Fürsten waren meine Vorfahren allerdings keine – nichts als schlichte Bauernsöhne ihrer wälderischen Heimaterde. Aber sie regierten doch – als Bürgermeister ganze Generationen hindurch.

Von meinem Großvater weiß ich zum Beispiel, daß er als Schulze des Dörfleins Schicksale 27 Jahre lang in guten und bösen Tagen in Händen hielt. Wer ihn amtlich aufsuchen mußte, kam immer vor die rechte Schmiede. Denn er war der Mann, der das Lied der Technik vom Amboß seiner Werkstätte aus hell und laut hinausklingen ließ in die Stille des Dorffriedens. Wenn er den großen Hammer schwang, daß die Funken sprühten, dann mußte das glühende Eisen sich formen und biegen nach seinem Willen.

Heute noch steht die Dorfschmiede, in der mein Großvater Michael Benz (geb. 1778, gest. 1843) schon im Zeitalter Napoleons sich die Sorgen vom Herzen herunterhämmerte.

Diese Dorfschmiede bestand aber auch schon jahrhundertelang vor Napoleons Zeiten, in ihr hatte mein Stammbaum seinen Wurzelboden.

Wer einen Blick auf seine Ahnenreihe wirft, wird in der Regel überrascht sein, wie die Vorfahren in buntem Wechsel gekommen und gegangen sind. Bauern und Handwerker, Lehrer und Kaufleute, Apotheker und Doktoren lösen im Laufe vieler Generationen einander ab. Das ist bei mir ganz anders.

Ich sehe meine Vorfahren in einer langen Linie hintereinander gereiht; alle haben das Schurzfell vorgebunden und den Hammer in der Hand – alle sind Schmiede bis herab zum Großvater und Vater. Wenn ich mir das heute alles überlege, dann wird es mir klar, warum ich vor Freude in meinem Leben immer in die Hände klatschen mußte beim Singen des Liedes: „Wenn ich an meinem Amboß stehe.“ Meine Vorfahren, die alle in irgendeiner Gehirnzelle, in irgendeinem Blutstropfen oder in irgendeiner Herzfaser in mir weiterleben, wollen eben offenbar bei dem Liede alle mitsingen und aus mir herausjauchzen. Und daher mußten die freudeklatschenden Hände noch die Rolle von schwingenden Stimmbändern übernehmen. –

Mein Großvater hatte zwei Söhne und eine Tochter. Der ältere, 1809 geborene Sohn hieß Hans Georg, der jüngere Anton. Beide sind des Hauses Tradition treu geblieben und wurden Schmiede. Während aber der „Schulze-Toni“ im Ort blieb und auf dem Amboß der Urahnen seines Glückes Schmied zu werden versuchte, nahm Hansjörg das Felleisen und zog in die Welt. –

Vater und Mutter

Im April 1843 wurde die Eisenbahnstrecke Karlsruhe-Heidelberg eröffnet. In eine neue Welt der Wunder führte die eiserne Schienenspur. Die von allen Seiten herbeigeströmten Neugierigen wunderten sich über die unerhörte Geschwindigkeit, mit der die Dampfmaschine samt den angekuppelten Wagen über die Schienen rollte.

Auf der Maschine aber steht einer, den die treibend süße Wandersehnsucht im Herzen einst von den Tannenhängen seines stillen Waldtales hinausgeführt hatte in das laute Wirtschafts- und Verkehrsleben der Stadt. Es ist unser Hansjörg. Glückstrahlend steht er da oben. Seine Jugendträume sind erfüllt. Stolz ist er darauf, daß man die Führung des neuen, eisernen Verkehrsriesen seinen Händen anvertraut hat. Aber auch ich bin stolz auf diesen Mann, der auf einer der ersten Lokomotiven Badens einer neuen Zeit entgegenfuhr, jener Zeit, die ein eisernes Schienennetz um den Erdball spannte.

Ich bin stolz auf ihn, wenn ich ihn auch nie gekannt habe; denn er ist mein Vater.

Leider habe ich ihn nie gekannt. Am 26. November 1844 bin ich in Karlsruhe zur Welt gekommen. Und schon 1846 kamen eines Tages schwarze Männer und trugen meinen Vater fort, dorthin, woher keiner mehr zurückkehrt, auf den Friedhof. Sie trugen ihn fort und mit ihm unser Glück. Den glückstrahlenden Führer hatte der Tod auf der Maschine an die Hand genommen und ließ ihn nicht mehr los. Als Opfer seines Berufes ist er gleichsam in den Sielen gestorben.

Wer von Karlsruhe nach Heidelberg fährt, der kommt vorbei an der Station St. Ilgen. Hier war es, wo ein Weichenwärter zu meines Vaters Zeiten eine Weiche falsch gestellt hatte. Infolgedessen entgleiste eine Maschine, nicht die des Vaters, sondern die eines Kollegen. Aber der Vater wurde von dem Führer der entgleisten Lokomotive und dem Weichenwärter zu Hilfe gerufen. Diese fürchteten nämlich eine empfindliche dienstliche Strafe zu bekommen. Mein Vater konnte ihnen die Bitte nicht abschlagen, obwohl bei den wenigen ins Vertrauen gezogenen Männern die Hebearbeiten sich recht anstrengend und schwierig gestalten mußten. Unter Aufbietung aller Kräfte half der Vater die Lokomotive wieder auf die Schienen stellen. Schweißtropfen rinnen dem hilfsbereiten Mann über die Stirne. Man sieht ihm an, daß er das Letzte hergegeben hat. Aber er darf nicht säumen. Seine Aufenthaltszeit ist abgelaufen. Stark erhitzt stellt er sich auf seine eigene Maschine. Der verantwortungsbewußte Führer kennt keine Rücksicht auf sich und seinen erhitzten Zustand. Er kennt auf der eisernen Schiene nur die eiserne Pflicht. Das aber wird ihm zum Verhängnis. Denn sein Führerstand ist noch – zum Unterschied von heute – ungeschützt.

Einige Tage später. Mein Vater hat den Führerstand vertauscht mit dem Krankenbette. Eine heftige Lungenentzündung warf ihn infolge der zugezogenen Erkältung nieder. Aber seiner Lokomotive ist er treu geblieben. Sie steht neben ihm am Krankenlager. Sie schwebt ihm vor in Schmerzensträumen. Und in den höchsten Fiebern spricht er immer wieder von seiner Lokomotive.

Auf einmal wird es still in ihm, ganz still. Die Lokomotive ist verschwunden und mit ihr alles Fiebern und Denken und Träumen. Die schlimme Krankheit hat den willensstarken Sechsunddreißigjährigen rasch hinweggerafft.

Was mir der tote Vater als Erbe zurückließ, war fast nichts als das leuchtende Beispiel der ethischen Forderung: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“

So war ich denn mit zwei Jahren vaterlos geworden. Aber ich hatte ja noch eine Mutter. Sie war die beste Mutter von der Welt.

Ich schließe die rechte Schublade meines Schreibtisches auf. Drin liegt etwas. Das habe ich gehütet wie ein Kleinod mein Leben lang. Eine Linse – einst geschenkt von meiner armen Mutter. Wenn ich durch diese Linse schaue- und ich habe es in den 80 Jahren meines Lebens mehr als tausendmal getan –, da sehe ich sie wieder vor mir, ganz wie sie war, groß wie ein Held. Nur ein Held konnte das traurige Schicksal, in das wir nach des Vaters frühem Tode geraten waren, so meistern, wie diese tapfere Frau es meisterte. Nichts ist im Kampfe gegen die Not so stark wie Mutterliebe. Wie eine Mutter schon bei der Geburt ihr Leben einsetzt für das Kind, so kann sie hungern und frieren, kann leiden, entbehren, sorgen, sparen und lachen unter Tränen, wenn nur das Kind lacht und fröhlich ist.

Als der Vater die Augen geschlossen hatte, da wollte mir meine treffliche Mutter beides zugleich sein: Vater und Mutter.

„Kommt, laßt uns unseren Kindern leben“, dies schöne Wort beseelte sie nun ganz und gar. Sie war groß, schlank, schlicht. Aus ihren Augen leuchtete die Herzensgüte. Aber auf ihrer Stirn lag ein Ausdruck von Kraft, von Willenskraft und Tatkraft.

Sie hatte selbst eine harte Jugend hinter sich. Ihr Vater war der Eroberungssucht jenes Mannes zum Opfer gefallen, unter dessen klirrendem Schritt die halbe Welt erdröhnte. Bekanntlich lastete das korsische Joch der Fremdherrschaft so schwer auf uns, daß unsere Großväter gezwungen werden konnten, mit Napoleons „Großer Armee“ nach Rußland zu ziehen. Dort, wo unter dem Eishauche des Todes die Leichen der Erschlagenen, Erfrorenen und Verhungerten den Weg säumten, blieb auch der badische „Feldgendarm“, der Vater meiner Mutter. Nur einmal hat man noch über sein Schicksal von einem anderen Kriegsteilnehmer etwas gehört. Demnach soll mein Großvater mütterlicherseits mit anderen Reitern in einem Schuppen über Nacht geblieben sein. Die Pferde standen unten, und darüber auf einem Heuboden schliefen die Reiter. In der Nacht zeigten sich die Pferde unruhig. Der Großvater ging hinunter, um nach der Ursache zu sehen, und war von da an – seine Kameraden kümmerten sich nicht weiter um sein Schicksal – verschwunden. Es ist anzunehmen, daß er bei einem feindlichen Überfall niedergemacht wurde.

Das war die korsische Faust; sie preßte Blut aus und Tränen. Und von diesen Tränen der Sorge und der Not wußte meine Mutter aus ihren Kindheitstagen gar viel zu erzählen.

Jetzt wollte sich die leidgebeugte, aber von ihrer Jugend her auch leidgestählte Frau auf meinem Lebenswege neben mich stellen, zunächst als Vorkämpferin, später als Mitkämpferin. Denn bei der kleinen Pension, die sie vom Staate bekam, hatte das Wort vom „Kampf ums Dasein“ einen sorgenvollen Klang. Alles opferte sie, selbst ihr bescheidenes Vermögen, um ihrem Sohne eine gute Erziehung und Bildung zu geben. Mit weichen Händen – Mutterhände sind immer weich – hob sie das kleine Stück Leben hinauf ins Licht, damit es wachse und gedeihe. Nicht wild sollte es der Sonne entgegenwachsen. Frühzeitig gab sie ihm eine feste Stütze zum Empor- und Weiterranken. Und diese wegweisende Stütze hieß: Gymnasium. Doch ich eile voraus. Verweilen wir zunächst noch beim kleinen Carl.

Der kleine Carl

Schon als kleiner Kerl, lange bevor ich die Volksschule besuchen mußte, zeigte ich nach Aussage meiner Mutter im Spiel ausgesprochene Eigenarten und Sonderheiten. Was ich auch zeichnete und malte – zuletzt gab's immer eine Lokomotive, wo der Rauch herauskam. Stühle wurden hintereinander gestellt. Das waren Eisenbahnwagen. Und irgendein Spazierstock mußte die Rolle der Pleuelstange übernehmen. Fauchend wie eine Maschine sprang ich des Abends zu meinem Bettchen. Fauchend erhob ich mich des Morgens wieder. Die Lokomotive, ein Wagen ohne Pferde! Sie machte mich in meinen Bubenjahren namenlos glücklich – so wie sie meine Mutter namenlos unglücklich gemacht hatte. Sie war mein Höchstes und Größtes, mein alles!

Freilich sah die lebensernste Mutter diesen unternehmungsfrohen Spielereien und Träumereien nur mit gemischten Gefühlen zu. Sie achtete die Tradition, die möglicherweise im Blute steckte. Aber sie wollte nach der technischen Seite hin in ihrem Leben keine trüben Erfahrungen mehr machen. Sie ahnte nicht, daß aus diesem jungen Lokomotivenschwärmer die Freude des Erfinders herausjauchzte. Ein Beamter sollte aus ihrem Buben werden. Drum kam er mit neun Jahren aufs Gymnasium.

Ferienfreuden

Als Volksschüler wie als Gymnasiast betrachtete ich es immer als ein besonderes Glück, daß ich die Ferien droben im Albtal, in der Heimat meiner Väter, verleben durfte.

Weltabgeschieden war von jeher dieser waldumrahmte Wiesengrund. Bis zum Jahre 1790 gab es hier keine Waldwege, nur Schleifen. Noch am Anfang des 18. Jahrhunderts hausten Wölfe in den Tannenhängen. So nah der öffentlichen großen Verkehrsstraße und doch so weltverloren und weltentrückt lag zum Beispiel das Frauenkloster an der Alb („Frowenalb“), daß zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1622) die Kroaten auf ihren Raub- und Plünderungszügen es nicht aufzuspüren vermochten. „Ligt in einem Thal, da man nichts als den Himmel und Gewäldt sehen mag, welches auch die Kroaten nit fundten, aber in der Nähent allenthalben gewesen, hat etlich Gärten vnd Wißwachs, auch ein Fischwässerlein dabey“ ... heißt es.

Dort in den lichtgrünen Wiesen an der schäumenden Alb gab es in meiner Kindheit die schönsten Dotter- und Schlüsselblumen. Dort an den Hängen des stillen Waldtales pflückte ich die besten Heidelbeeren und Himbeeren. Alles, was es dort gab, war am schönsten und besten; denn es blühte und reiste unter dem Sonnenkuß meines Kinderhimmels. Mag sein, daß heute die Heidelbeeren dort nicht mehr die besten sind. In meinen Bubenjahren waren sie es aber bestimmt; denn sie wuchsen in einer vom Schimmer der Kindheit übergoldeten Welt.

Was war das für eine liebe kleine Welt da oben in dem einsamen, abgelegenen Pfaffenrot! Wie gerne schaute ich dem Dorfschmied zu, wenn er an der Zange das Eisen ins Kohlenfeuer steckte und dabei den Blasebalg trat. Und wenn dann der Onkel mit dem umgehängten Schurzfell und mit den zurückgestülpten Hemdärmeln den Hammer niedersausen ließ auf Hufeisen und Amboß, dann kam er mir vor wie ein vom Funkenregen umsprühter Siegfried. Ganz heiß regte sich in mir das Blut meiner Vorfahren, und ich dachte: „Das ist doch das schönste, wuchtigste und deutscheste Handwerk.“ Am liebsten war es mir aber, wenn ich selber – mit dem Meister zusammen – hämmern durfte, daß der Amboß dröhnte und die Erde zitterte. Das war Musik, die damals auf mich einen mächtigeren Eindruck machte als später das stärkste Theaterorchester der Welt.

Wie fein geisterte es in diesem jahrhundertealten Klosterdorf! Richtiggehende Geister und Gespenster mit feurigen Augen erschienen im Dunkel der Nacht vor den Fenstern und erinnerten an jene abergläubischen Zeiten, wo jeder ausgehöhlte Kürbiskopf mit hineingestelltem Lichtlein schreckenerregend wirkte. Sobald es dämmerte und dunkelte, dann erwachten die tollsten Spuk- und Gespenstergeschichten, und wie Nachtschmetterlinge um die Ampel, so umschwärmten sie kreisend etwas, das gar nicht mehr da war – die untergegangene Lebenssonne der Jahrhunderte, das Kloster.

Zu lange hat das Benediktinernonnenkloster Frauenalb seinen etwa zehn Untertanendörfern den Stempel aufgedrückt, als daß es – obwohl nach dem Reichsdeputationshauptschluß 1803 aufgehoben – heute in der Tradition des Volkes nicht noch fortleben würde. Das gilt insbesondere auch von meinem Feriendorf „Pfaffinrode“ (von „Ausroden“, nämlich den Wald). Da die Äbtissin allein „Eisenschmitten“ errichten und Schultheißen einsetzen durfte, mußten meine Urgroßväter ihr mit „3 ufgehebten Fingern Gelübdung“ leisten. Überhaupt übte in dieser weiblichen Adelsrepublik, wo nach der Klosterordnung (von 1396) der oberste Grundsatz hieß: „Aller Dinge Grund ist Gehorsam“, die Äbtissin „alle Zwang und Bänn, Gebott und Verbott, Buße auf Frevel“, ja der Dorfschultheiß mußte auf ihr Geheiß einsperren, ins „Bloch“ (Fußblock) schließen oder ins „Halseisen“ stellen.

Die Untertanen waren bedbar, steuerbar und dienstbar, das heißt sie mußten Bodenzins und Abgaben in vielerlei Naturalien und Geld bezahlen und Frondienste leisten. Da mag die Vogts- oder Schultheißwürde nicht ohne Bürde gewesen sein.

Schwere Schicksale sind im Laufe der Jahrhunderte hingerauscht über das weltabgeschiedene Kloster drunten im Waldgrund. Gebaut um die Mitte des 12. Jahrhunderts im romanischen Stil, wurde es 1403 in der Fehde des badischen Markgrafen Bernhard mit König Ruprecht „von der Pfalz“ „ohnschuldigen verbrannt, und waren viel wunderlicher Läufe und Vheyndschasten in diesen Landen um und um, davon unser Herr Gott zuvorderist und auch Clowster und geistliche Lüthe geohnehret und fürsichtiglichen beschädigt worden“. In gotischem Stil wieder aufgebaut, ist im Jahre 1508 „verbrunnen: die abtey, schlafsaal, speissaal, alles miteinander bis uff die kirch und siechhus aus unvorsicht einer Laienschwester“.

So wie das Kloster heute vor uns liegt, ist es das Werk zweier hervorragender Meister der Vorarlberger Barockschule: Der eine war Franz Beer, der 1697 das abgebrannte Zisterzienserkloster Salem erbaute, der andere war sein Schwiegersohn Peter Thumb, der die lichtdurchflutete Wallfahrtskirche zu Birnau am Bodensee schuf. Beer vollendete 1704 das zweiflügelige Konventgebäude des Frauenalber Klosters, Thumb 1733 die Kirche und den dritten Konventflügel.

1803 wurde das Klostergebiet säkularisiert, d.h. dem weltlichen Staate einverleibt. Seither sind die Barockschöpfungen den Mächten der Verwitterung und des Zerfalls preisgegeben.

Fort sind die Glocken, die einst den Morgen- und Abendsegen hinausläuteten in die stille Waldeinsamkeit, fort ist die Helmzier der Türme, fort das Dach mit allem, was geschützt darunter lag.

Da, wo einst adelige Stiftsfrauen im schwarzen Benediktinergewand auf und nieder gingen und in feierlicher Andacht die Hora und Vesper sangen, ragen Ruinenmauern ohne Dach ins Himmelblau. Dichter Efeu rankt um Ruinengemäuer- und Busch- und Strauchwerk blüht in den früher gottgeweihten Hallen. Selbst droben auf den Türmen stehen einzelne Tannen und Birken – als letzte Hüter einer hinabgesunkenen Herrlichkeit.

Wie oft bin ich als Bube um diesen ehemaligen Machtmittelpunkt einer geistlichen Miniaturrepublik herumgestreift und habe trauliche Zwiesprache gehalten mit den roten Sandsteinen der zerstörten Klostermauern. Diese Klosterruinen müssen einen starken Eindruck auf mein Bubengemüt gemacht haben. Sonst hätte ich mich später nicht eine Zeitlang mit dem Gedanken getragen, mir das Lusthaus der Äbtissin zum Sommeraufenthalt zu kaufen. Als aber bei der Besichtigung der Hauch der Geschichte gar zu moderig mir entgegenschlug, habe ich den Versuch aufgegeben, auf den Spuren von Äbtissinnen zu wandeln. –

Auf dem Gymnasium

Richtiger müßte es heißen: „Auf dem Lyzeum“. Denn das Gymnasium hieß damals noch Lyzeum. Es war in Karlsruhe hüben und drüben angebaut an die evangelische Stadtkirche. Wer kennt nicht Johann Peter Hebel? Er war nicht nur der große alemannische Mundartdichter, sondern – am Anfang des 19. Jahrhunderts – auch der Direktor des Karlsruher Lyzeums. In denselben Räumen, in denen seine Gedanken vor einem halben Jahrhundert flogen wie die Sturmvögel im Winde, sangen wir in allen Tonarten und Tonstärken: amo, amas, amat! Mit Freuden denke ich an meine Schulzeit zurück. Ich war kein schlechter Schüler. Nie ging ich der ernsten Arbeit aus dem Weg. Ich kannte mein ganzes Leben lang nur einen Kompaß, den der Pflicht. Das „Certieren“ machte mir besonderen Spaß. Das gab bei 80 Schülern Leben in die Bude. Denn in jeder Stunde waren die Schüler bei diesem „Streiten“ um die Plätze auf der Wanderschaft. Und die Wanderkommandos und ihre Ausführungen nahmen oft mehr Zeit in Anspruch als die eigentliche ernste Arbeit.