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Die umfangreiche Biografie des Sohns über seinen Vater, den Komponisten Carl Maria von Weber.
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Seitenzahl: 2469
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Carl Maria von Weber
Ein Lebensbild
Max Maria von Weber
Inhalt:
Max Maria von Weber – Lexikalische Biografie
Carl Maria von Weber
Erster Band
Vorrede.
Erste Abtheilung - Jugend-, Lehr- und Wanderjahre (1786–1812 )
Erster Abschnitt. Vorfahren und Aeltern.
Zweiter Abschnitt. Carl Maria von Weber's Jugend.
Dritter Abschnitt. Uebersiedelung nach Freiberg 1800.
Vierter Abschnitt. Eutin. Augsburg. Wien. Abt Vogler.
Fünfter Abschnitt. Erste Leitungen.
Sechster Abschnitt. Stuttgart. Politischer Zustand Würtembergs 1807.
Siebenter Abschnitt. Theaterleben. Schlimme Tage in Stuttgart.
Achter Abschnitt. Baden.
Neunter Abschnitt. Darmstadt.
Zehnter Abschnitt. Erste Kunstreise vom Jahre 1811.
Elfter Abschnitt. Zweite Kunstreise vom Jahre 1811.
Zwölfter Abschnitt. Berlin.
Zweite Abtheilung - Joch-Jahre (1813–1817 )
Dreizehnter Abschnitt. Prag.
Vierzehnter Abschnitt. Leyer und Schwert.
Fünfzehnter Abschnitt. Kampf und Sieg.
Chronologisch geordnete Notizen über sämmtliche gedruckte und ungedruckte musikalische und Literarische Arbeiten Carl Maria von Weber's
Zweiter Band
Dritte Abtheilung - Meister- und Dulderjahre (1817–1826 )
Sechszehnter Abschnitt. Dresden.
Siebzehnter Abschnitt. Das neue Amt.
Achtzehnter Abschnitt. Kampf der deutschen und italienischen Oper.
Neunzehnter Abschnitt. Die Orchester-Ordnung.
Zwanzigster Abschnitt. Die Fest- und Jubel-Compositionen.
Einundzwanzigster Abschnitt. Vollendung des "Freischütz", der "Preciosa". Kunstreise vom Jahre 1820.
Zweiundzwanzigster Abschnitt. Berlin. Aufführung von "Preciosa" und "Freischütz."
Dreiundzwanzigster Abschnitt. Text der "Euryanthe". "Freischütz" in Dresden.
Vierundzwanzigster Abschnitt. "Euryanthe".
Fünfundzwanzigster Abschnitt. Pause im Schaffen.
Sechsundzwanzigster Abschnitt. "Oberon".
Siebenundzwanzigster Abschnitt. London.
Achtundzwanzigster Abschnitt. Das Ende.
Anhang.
Chronologisch geordnete Notizen über sämmtliche gedruckte und ungedruckte musikalische und Literarische Arbeiten Carl Maria von Weber's
Dritter Band
Vierte Abtheilung - C.M. v. Weber's Literarische Arbeiten (1809–1824)
Erste Abtheilung.
Zweite Abtheilung.
Carl Maria von Weber, Max Maria von Weber
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
www.jazzybee-verlag.de
Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com
Gelernter Eisenbahntechniker, Sohn von Karl Maria von Weber, geb. 25. April 1822 in Dresden, gest. 18. April 1881 in Berlin. Besuchte die Polytechnische Schule in Dresden, war dann praktisch tätig, wurde 1850 Direktor der sächsischen Staatstelegraphen, 1852 Mitglied der Staatseisenbahnverwaltung und später Finanzrat bei der Generaldirektion der Staatseisenbahnen. 1870 trat er als vortragender Rat in das Handelsministerium in Wien und übte bis 1875 bedeutenden Einfluss auf die Neugestaltung des österreichischen Eisenbahnwesens. 1878 wurde er Hilfsarbeiter im preußischen Handelsministerium. Er schrieb: »Schule des Eisenbahnwesens« (Leipz. 1857; 4. Aufl. von R. Koch, 1885); »Das Telegraphen- und Signalwesen der Eisenbahnen« (Weim. 1867); »Die Praxis des Baues und Betriebs der Sekundärbahnen« (u. Aufl., Weim. 1873); »Der staatliche Einfluss auf die Entwickelung der Eisenbahnen minderer Ordnung« (das. 1878); »Die Wasserstraßen Nordeuropas« (Leipz. 1881); »Werke und Tage« (Weim. 1869); »Schauen und Schaffen«, Skizzen (2. Aufl., Stuttg. 1879); den Romanzenzyklus: »Rolands Gralfahrt« (Leipz. 1852), und eine Biographie seines Vaters (s. oben). Nach seinem Tode gab M. Jähns heraus »Vom rollenden Flügelrad«. Skizzen und Bilder (mit Biographie, Berl. 1882) und seine Tochter Maria v. Wildenbruch gesammelte Schriften u. d. T. »Aus der Welt der Arbeit« (das. 1907). Vgl. A. Berghaus, Max Maria v. W. (Berl. 1881).
Als, vor jetzt mehr als 12 Jahren, meine, nun in Gott ruhende, geliebte Mutter mich aufforderte und wiederholt in mich drang, die Biographie meines Vaters zu schreiben, traten mir die Schwierigkeiten, welche dieses Unternehmen für mich als Sohn, Beamten des Staats, in dem er zuletzt gewirkt hatte, und im Bereiche der Musik Ungelehrten haben mußte, so überwältigend entgegen, daß ich der theuren Frau die Freude versagen mußte, den Gatten vom Sohne geschildert zu sehen.
Welche Kämpfe mußte dem Sohne beim Darstellen des Lebens seines Vaters, das Ringen nach der nöthigen Thatsächlichkeit bereiten, und welche Gefahren lief er, selbst wenn er sie gewann, daß die Welt doch immer seine Feder von der Liebe, oder, was fast nachtheiliger noch, von dem Bestreben, sie um dieser historischen Objektivität willen zu verläugnen, geführt finden werde. Wie konnte es ausbleiben, daß hier Einer Gebotenes indiskret zu tief aus dem, man verzeihe den Ausdruck, privatesten Seelen- und Familienleben geschöpft, dort ein Anderer Verhältnisse und Thaten von der kindlichen Rücksicht mit zu weichen Falten drappirt nennen würde! Der Blick auf staatliche und gesellschaftliche Verhältnisse, die aus der Zeit, wo Carl Maria von Weber in meinem Vaterlande wirkte, in die unsere herüberragen, schien mir den freien Athem zum Schildern der bedeutungsvollsten Periode seines Wirkens zu verkümmern, ganz abgesehen von der Schonung, welche die Empfindungen noch lebender Zeitgenossen verdiente. Endlich war ich, wie gesagt, einer musikwissenschaftlichen Darstellung seines Schaffens in keiner Weise gewachsen.
Aber Marius gewöhnte seine Hastaten und Peltasten durch häufige kleine Scharmützel selbst an den, ihnen anfänglich unerträglichen, Anblick der Cimbern, – so gewöhnten sich meine intellectuellen Kräfte nach und nach, beim Sammeln des Materials zu einer Biographie C. M. von Weber's, an das Anschauen jener Schwierigkeiten und die anfangs Unbesieglichen schwanden in Dimension und Bedeutung zusammen, bis ich den Muth gewann, sie, mit Pietät und Treue, in Gottes Namen anzugreifen.
Ich erwog, daß der lange, seit dem Scheiden des Meisters verstrichene Zeitraum, mir das Gewinnen der nöthigen Objectivität erleichtere, daß es immer besser sei, wenn treue Liebe mit allen Gefahren, die sie im Gefolge hat, sich an die Darstellung des theuren Meisters mache, als wenn etwa einmal kühle, zersetzende Kritik, oder blinder Enthusiasmus das Werk unternähmen, oder gar ein Künstler von Fach die Feder dazu ergriffe. Denn je bedeutender dieser wäre, um so gefährlicher würde es für die Treue der Darstellung sein, weil, je ausgeprägter, tiefer und originaler ein Künstler in seiner Richtung ist, es ihm um so schwerer werden muß, den Fachgenossen mit wahrem Gewichte zu wägen, mit redlichem Maße zu messen. Ist doch eigentlich jedes Anerkennen, das der wahrhaft für sein Streben begeisterte Künstler seiner Intelligenz für abweichende Richtungen abgewinnt, eine Art von Verläugnung des Evangeliums, welches ihm der Gott geoffenbart hat, den er als einzigen erkennen soll.
Ich panzerte mich ferner gegen den peinlichen Gedanken, von der Welt hier zu vieler, dort zu geringer Liebe geziehen zu werden, mit dem Bewußtsein, das rechte Maß davon gewiß im Herzen getragen zu haben, wenn ich es auch hie und da in meiner Darstellung verfehlt haben sollte und endlich beruhigte mich auch über meine Unzulänglichkeit in musikwissenschaftlicher Beziehung die immer klarer werdende Anschauung von der eigentlichen Natur des Stoffs einer Künstler-, und besonders Musiker-Biographie. Mendelssohn sagt irgendwo in seinen Briefen, daß, wenn man Musik mit Worten schildern könnte, er keine Note mehr schreiben würde, und Weber schrieb an Lichtenstein: "Von meinen Werken schreibe ich Euch Nichts, hört sie!" und später: "In dem Klange meiner Lieder findet ihr mich wieder". Hierin liegt eigentlich das Gesetz für die Abfassung einer Künstlerbiographie. Sie soll ihrem Leser den Mann als Menschen kennen lehren, den er schon in seinen Werken als Künstler liebt und ehrt.
Wen könnte die Lebensbeschreibung eines Künstlers interessiren, von dessen Werken er gar Nichts kennt?
Deshalb ist es auch mit Zergliederung, Kritik und sogenannter Erläuterung der Werke eines Künstlers und besonders wieder eines Musikers, in dessen Lebensbeschreibung eine eigene, zweifelhafte Sache. Dem, der die Werke nie gesehen oder gehört hat, geben alle Schilderungen und Zergliederungen gar kein oder ein total falsches Bild; dem aber, der sie kennt, gewährt die Erwähnung ihres bloßen Namens eine so klare Anschauung, als sie ihm seine Erinnerung überhaupt zu bilden gestattet.
Nichts wäre leichter gewesen, als viele Seiten dieses Buches mit den üblichen Musikkritik-Tiraden über Weber's Werke zu füllen, die allenthalben ihr unbestreitbares Recht gehabt hätten, da in der Musik eben jeder seine Wahrheit für sich hat und daher die Darlegung des Empfindens eines Subjects fast absolut werthlos für das andere ist.
Eine eben so seltene als treffliche Gelegenheit, den Nachweis, in welchem Umfange dieß Axiom Gültigkeit hat, durch Thatsachen zu führen, bot sich bei dem Sammeln des Materials zu diesem Werke dar. Die Musik einer ältern, unbekannten Gelegenheitsarie Weber's, in die aber kein Text eingeschrieben war, wurde entdeckt, sehr schön und besonders so unbestreitbar nur eine bestimmte Gefühlsrichtung ausdrückend gefunden, daß es ein Leichtes schien, einen vollkommen anpassenden Text dazu zu schreiben. Einer der besten Kenner von Weber's musikalischem Denken und Arbeiten dichtete auch einen solchen, der allgemein trefflich, besonders als der Musik genau im Denken und Empfinden nachgehend gefunden wurde. Er behandelte im großen Style, der Treue Versicherung einer Dame an den Geliebten. Einige Wochen darauf fand sich ein zweites Exemplar der Arie, in der der richtige, von Weber componirte Text stand, und siehe da, die Arie wurde von einem Blumenmädchen an ihre Blumen gesungen! – Für beide so ganz heterogene Texte galt die Musik gleich charakteristisch! – –
Neben dem Festhalten dieser Gesichtspunkte ertheilte sich mir die Aufgabe meiner Arbeit nun mit der Klarheit eines präcisen Pensums und war keine andere, als die Erzählung der positiv darstellbaren, inneren und äußeren Ereignisse im Leben Carl Maria von Weber's in steter Beziehung zu der Schöpfung seiner Werke, und wiederum von deren Wirkung auf die Außenwelt (denn im Schaffen weniger Künstler macht sich die Wechselwirkung zwischen ihrem Genius und der hörenden Welt so prägnant geltend, als bei Weber), aber ohne Versuche zu kritischer Beleuchtung oder Darstellung derselben1.
Man kann aber eine Biographie mit zweierlei Tendenz schreiben. Einmal um zum Studium einer Persönlichkeit, ihrer Thaten und Werke und ihrer Zeit anzuleiten, und dann wird man der fortlaufenden, strengen Darstellung der Ereignisse, gleichsam wie eine große Topographie des durchforschten Terrains, Notizen über alles benutzte Material, alle Quellen, aus denen man schöpfte, alle Wege, die man zur Ermittelung der Thatsachen einschlug, alle Maschinen, die man zum Bewältigen des Stoffs anwandte, in Form von Noten und Beilagen etc. beizugeben haben, damit das Weiterergründen jeder Specialität, das Verfolgen jedes in den großen Strom mündenden Gewässers, bis in die letzte Verästelung, allenthalben angebahnt sei.
Diese Form der Biographie ist in Deutschland, als deutscher Gründlichkeit vorzüglich anmuthend, mit Vorliebe gepflegt worden und hat, besonders in Darlebungen wie die Arbeiten von Pertz, Jahn etc, ihre vollste und höchste Berechtigung.
Aber die andere Form biographischer Darstellung besitzt diese in nicht minderem Maße. Diese hat das Gerüst, welches zum Errichten ihres Baues diente, entfernt, ein Weiterführen desselben verneint und giebt das Werk, als ein enger umrahmtes, aber fest abgeschlossenes, gerundetes Bild. Sie gewährt nicht die Mittel, das geschilderte Dasein noch weiter zu studiren, sondern verlangt vom Leser, daß er das ihm vor Augen gestellte Portrait eines Lebens, auf Treu und Glauben für treu und redlich gemalt und ähnlich nehme. Ihre Darstellung soll gleichmäßig vorüberfließen, wie ein Strom, dessen mehr oder weniger aufleuchtende Wellen die Ereignissebilden und aus dessen Fluth, durch ihr Entstehen schon erklärt, die Werke des großen Menschen, welchen das Werk schildert, hervorblühen, wie beseelte Emanationen der Zeugungskraft des Lebensstroms, wie Lotosblumen aus der Fluth des allerzeugenden Ganges.
Diese Form der biographischen Darstellung schien mir die Passendste für Weber's Leben, dessen Werke specifischer durch ihr Erscheinen als durch ihr Studium wirken, dessen Existenz so unendlich viel von menschlichem und künstlerischen Schicksal, Lust, Lieb' und Leid enthält, daß es so recht zum Ausmalen des Lebensbildes eines edeln, vielverkannten und gekränkten Mannes, der ein großer Künstler war, sich eignete.
Und mich drängte es von Herzen, dieß einmal nicht mit prätentiösem, historischem Pinselschwunge, sondern mit der liebevollen Sorgsamkeit Gerhardt Dows und Terbourgs, nicht im Style der Werke des Mannes, sondern im Style von dessen Leben zu thun, den Leser mit ihm wandeln, reisen, lachen und weinen, triumphiren und fluchen, ihn an Weber's Tisch, im Kreise seiner Lieben sitzen zu lassen, ihm zu gestatten, dem Meister in den Mühen und Seligkeiten des Schaffens an seinem Schreibtische über die Schulter zu sehen, seinen Herzschlag zu hören, wenn er den Dirigentenstab hob, ihn zu belauschen, wenn er, mit seinen Kindern spielend, im Grase kroch, sein Aeffchen tanzen und seinen Jagdhund apportiren lehrte!
Mich drängte es, den Meister der "Euryanthe", des "Freischütz" und "Oberon" nicht blos mit Lyra und Lorbeerkranz, sondern auch im Hoffrack mit Schuh und Escarpin, und in seinem grauen Hausrocke, und als armen Reisenden, und als frohen oder verdrossenen Hausherrn, kurz in all dem Großen und Kleinen zu malen, das die Welt ausmachte, in dem seine Werke als goldne Früchte wuchsen; mit einem Worte: den Leser mit ihm leben zu lassen.
Ich habe dabei nicht ängstliche Sorge getragen, ob sich nicht hier oder da eine Nase über dieß oder jenes Gegebene rümpfen sollte. War doch Alles, was ich von ihm und den Seinen zu schreiben hatte, gut und recht. – Zu solcher realistischen Detailmalerei leitete auch unwillkürlich die Masse des historischen Materials hin, das mir zu meiner Arbeit gewährt war.
Abgesehn von dem gewaltigen, gedruckten Stoffe, den die Journale, Brochüren und Werke der damaligen schreibseligen Zeit lieferten, bot sich mir der reiche Inhalt der, mir meist mit großer Liberalität geöffneten, Theater-, Kirchen- und politischen Archive dar, bei deren Benutzung ich, von vielen Seiten her, mit großer Liebenswürdigkeit unterstützt worden bin. Den weitaus kostbarsten Theil dieses Materials aber bildeten fast tausend Briefe von und an Weber und Weber's Familie, Aufsätze und Mittheilungen aus dessen eigner Feder und von Freunden und Zeitgenossen herrührend, die mir zum Theil zur Benutzung gelassen, theils besonders für meine Zwecke niedergeschrieben wurden, und endlich Weber's eigne, vom 26. Februar 1810 an, bis 3 Tage vor seinem Tode consequent fortgeführten Tage- und Notizbücher. Man darf sich indeß unter diesen nicht Tagebücher denken, die ausführliche Niederschriften im Memoirenstyle, etwa nach Art der Varnhagen'schen oder dergl. enthielten. Sie setzen sich zusammen aus losen Blättern in Kapseln und enthalten, neben, mit der Genauigkeit eines Staatskassirers geführten Verrechnungen seiner Einnahmen und Ausgaben und Extrakten hieraus, welche die Aufwände für die verschiedenen Branchen des Hausstandes, Kleidung, Wäsche, Bücher etc. nachweisen, nur sehr kurze Notizen über die Ereignisse des Lebens. Sehr selten findet sich darin nur eine flüchtige Reflexion. Als Beispiel für die Kürze dieser Notizen gebe ich hier diejenige über einen der wichtigsten Tage seines Lebens, den der 1. Aufführung des "Freischütz" in Berlin. Er schreibt:
"Den 18. Juni 1821.
Abends als erste Oper im neuen Schauspielhause: ›der Freischütz‹ wurde mit dem unglaublichsten Enthusiasmus aufgenommen. Ouvertüre und Volkslied da capo, überhaupt von 17 Musikstücken 14 lärmend applaudirt, alles ging aber auch vortrefflich und sang mit Liebe. Ich wurde herausgerufen und nahm Mad. Seidler und Mad. Eunicke mit heraus, da ich der andern nicht habhaft werden konnte. Gedichte und Kränze flogen. Soli deo Gloria! Dann noch bei Jagor in froher Gesellschaft bis 12 Uhr."
Der Bedeutung gemäß, sind die andern Notizen abgerissener, so daß sich auch nicht eine Seite des Tagebuches zum Abdrucke geeignet hätte. Aber als Unterlagen für Darstellung von Weber's sehr genau darin verzeichneter Thätigkeit, das Studium seiner Verbindungen, seiner Correspondenz, und zur Feststellung der Daten, waren sie von ganz unschätzbarem Werthe. Trotz der Fülle dieses Stoffs habe ich doch, bei Niederschrift fast jeder Zeile, tief zu beklagen gehabt, daß der bei weitem größte Theil von Weber's Correspondenz, (besonders die an ihn gerichteten Schreiben), unter der sich z.B. der Briefwechsel mit Beethoven über Aufführung des "Fidelio" und der "Euryanthe" befand, kurz nach seinem Tode, der trauernden Gattin und den unmündigen Kindern, in unbegreiflicher Weise, abhanden gekommen ist.
Dieß große Material ist von mir mit viel Vorsicht benutzt worden. Als gedruckte Quellen habe ich nur die bestredigirten Zeitschriften und anerkannt gute Bücher zugezogen, von Briefen fast nur solche benutzt, deren Autograph ich, oder eine vertrauenswürdige Autorität, gesehen hatte. Die Daten habe ich fast immer nur da gegeben, wo ganz verläßliche, oder zwei übereinstimmende Nachrichten, mich von der Richtigkeit versicherten.
Am vorsichtigsten habe ich mündliche oder schriftliche Reminiscenzen, in so weit erstere nicht auf frühere Niederschriften gegründet waren, von Zeitgenossen, ja selbst die Familientraditionen und die Erzählungen meiner Mutter benutzt. Es ist in der That unglaublich, wie der Strom des Lebens in der Erinnerung die Ereignisse nach der Richtung von Zeit und Dimension, durcheinander wirrt. Es sind mir ausführliche Mittheilungen höchst ehrenwerther Zeitgenossen, von Beamten an Theatern und von Freunden meines Vaters über Thatsachen, Ereignißreihen und Vorkommnisse zugegangen, deren Korrektheit dieselben versicherten und in denen oft, wie die Vergleichung mit zuverlässigen Zeitquellen lehrte, alle Data unrichtig und, durch lange Zeiträume getrennte Ereignisse, in eins zusammengezogen waren. Ja, ich habe meine Vorsicht der Benutzung, besonders in Betreff der Schilderungen subjectiver Zustände, auch auf die Correspondenzen ausgedehnt, da ich sehr gut weiß, daß der Mensch am Schreibpulte von dem im Kampfe des Lebens sehr verschieden ist, und sogar Weber's eigene Briefe, besonders die an seine Gattin, davon nicht ausgenommen. Dieser theuren Frau, der Weber's Leben und Ruhm werther war als ihm selbst und die mit der nervösesten Spannung guten Nachrichten von ihm entgegen sah, hat er die Ereignisse, ohne jemals non der Wahrheit der Thatsache abzuweichen, liebevoll oft in anmuthigerm Lichte als das war, welches sie hie und da wirklich ausströmten, erscheinen lassen. Solche, von der zartesten Sorge umgefaltete Schleier waren immer leicht zu heben. Bei Mittheilung von Weber's Briefen ist meist seine eigenthümliche, zuweilen fehlerhafte Orthographie und Interpunktion beibehalten worden. Nur in sehr wenigen Stellen habe ich mir gestattet, allzustörende Nachlässigkeiten zu beseitigen.
Meine Schilderungen des Aeußern der Persönlichkeiten habe ich immer auf die besten, oft mit vieler Mühe aufgesuchten und in der Ferne aufgefundenen Portraits gegründet, so daß es mir nöthig wurde, zu deren Anschauung manche Reise zu unternehmen. Reisen wurden aber hauptsächlich, zum Zweck des Sammelns von Material nach mehr als 10 verschiedenen Städten Deutschlands, dann aber auch zur Kenntnißnahme von Localitäten, in denen sich Weber's Leben bewegt hatte, von Nöthen, von denen ich denn auch alle Hauptsächlichsten in Augenschein genommen habe.
Trotz alledem weiß ich sehr wohl, daß meine Arbeit nicht frei von thatsächlichen Irrthümern (der subjectiven natürlich zu geschweigen) sein wird, aber ich hege das Bewußtsein, 61/2 Jahr lang, Fleiß und Mühe nicht gescheut zu haben, das Wahre zu ermitteln und niederzuschreiben.
Was nun die äußere Form der Darstellung des, aus dieser Masse von Material heraus zu formenden, Lebensbildes betrifft, so schien es mir, daß ein Künstlerleben in anderem Tone erzählt, in anderem Style geschildert werden müsse, als das eines Helden oder Gelehrten. Ich bin bemüht gewesen, meiner Erzählung den Localton der geschilderten Lebensperioden zu geben, das Ganze aber in dem Tempo strömen zu lassen, in dem Weber's kurzes Leben sich emsig, hastig und ruhelos verathmete. Durch dieß Bemühen, verbunden mit der Benutzung der außerordentlichen Masse der mir zur Hand befindlichen Einzelheiten, hat die Darstellung hie und da, wie ich mir nicht verberge, einen Charakter bekommen, als seien die Lücken des Verlaufs der historisch begründeten Thatsachen durch hinzugedichtetes Detail ausgefüllt und so, dieser oder jener Abschnitt, zur romanhaften Erzählung abgerundet worden,
Dem ist aber Nirgends so! Selbst im Detail bin ich nie bewußter Maßen vom Gegebenen abgewichen und obwohl ich keine Quellen angegeben habe, doch gern erbötig, auf an mich ergehende, begründete Anfragen, diejenigen nachzuweisen, aus denen ich jede Thatsache geschöpft oder in erlaubtester Weise vorsichtig Muthmaßungen hergeleitet habe.
Das consequente Durchführen des Princips meiner Darstellung bedingte es, daß ich, und dieß wird mir vielleicht von prüden Diskretionsfanatikern verdacht werden, auf diejenige Sphäre von Weber's Seelenleben, welche als primum mobile seine Welt umschloß, das Wirken seines Herzens und die Gegenstände desselben, mehr und helleres Licht fallen ließ, als dieß bisher – Mode war, Aber mir schien es, obgleich die meisten Biographen, in mißverstandenem Zartgefühle, von diesem Sonnenscheine in der Welt einer Künstlerseele, nur andeutungsweise, schüchterne und blasse Reflexe zu geben gewagt haben, als hieße das ein Panorama ohne Himmel malen.
Ich hab's daher gewagt und durfte es, wie ich glaube; denn wie große Menschen nach ihrem Tode immer wachsen, während kleine wie Irrlichter verschwinden, so wird auch das Fühlen, das bei menschlichen Nullen Schwärmerei und Jugendthorheit heißt, bei bedeutenden Männern zu gewaltiger zeugender und gestaltender Kraft. Auch lag es nirgend in meiner Absicht einen Panegyrikus auf meinen Vater zu schreiben.
Die Schatten seiner Schwächen aus dem Bilde seines Lebens weglassen, hieße aber feige bekennen, daß es nicht Licht genug enthalte, um jene als Nüancen erscheinen zu lassen, die uns den herrlichen Menschen nur plastischer zeigen, eher nähern als entfremden.
In gleicher Weise bin ich bei Darstellung von Weber's dienstlichen Verhältnissen vielleicht über die "Mode" hinaus und mit etwas, das wie Wagniß aussieht, vorgegangen.
Seine Stellung beim Dresdener Hoftheater war eine Peinliche. Es war ihm nicht möglich, sich das Vertrauen der ihm vorgesetzten Männer, den Grafen Vitzthum ausgenommen, weder in künstlerischer noch in politischer Beziehung, zu erringen. Eben so wenig würdigte man seine Bedeutung im Allgemeinen, so daß einst sein letzter Chef, auf einer Reise mit ihm die Kundgebungen hoher Verehrung wahrnehmend, die ihm von allen Seiten dargebracht wurden, ganz erstaunt ausrief: Weber, sind Sie denn wirklich ein berühmter Mann?!
Mit dem Vertrauen, das er so reich verdiente, und oft so schmerzlich entbehrte, beschenkte man dagegen blindlings einen verschlagenen, die Mittel zum Erreichen seiner Zwecke nicht streng abwägenden Ausländer, gegen den der gerade, ehrliche Weber keine andern Waffen in Händen hatte, als Klagen, die oben meist nur halb gehört wurden. Es war nicht mein Amt, in diesem Buche Kränze zu flechten und Namen an den Pranger zu nageln, aber diese Verhältnisse, die im Begriff standen, Weber von Dresden zu verdrängen, als er starb, ernst und ungehässig, jedoch furchtlos, ohne Rückhalt und Menschenfurcht, historisch treu darzustellen, habe ich für heilige Pietätspflicht gegen das Andenken des geliebten Todten gehalten, damit ihm und den speichelleckenden, schleichenden Liebedienern, an denen damals die schöne Residenz, die es werth wäre, der Fokus aller Thätigkeit im Bereiche des Schönen und Wahren zu sein, so reich war, ihr Recht werde.
Ein Gleiches gilt von schamlosen Gerüchten, mit denen die öffentliche Lästerzunge sein so glückliches Familienleben zu beflecken suchte, die damals, wie heut, im scheelsüchtigen Bemäkeln sich hervorthuender Männer so rüstig thätig war. – –
Das Buch zerfällt in vier große Hauptabtheilungen, von denen die drei ersten das "Lebensbild" des Meisters selbst enthalten und die ersten beiden Bände füllen. Die vierte besteht aus Weber's eigenen, hinterlassenen Schriften, von denen schon 1828 Theodor Hell eine bei Arnold erschienene Ausgabe veranstaltet hat. Diese, nach den Manuscripten berichtigt, anders geordnet, hier vermehrt, dort vermindert, bilden den dritten Band. Die beiden ersten Hauptabtheilungen haben den Namen erhalten, mit denen Weber selbst die entsprechenden Abschnitte seines Lebens zu bezeichnen pflegte.
Wenn ich nun auf die letzte und süßeste Pflicht blicke, welche mir die Niederschrift dieser Vorrede auferlegt, nämlich denen, die mir halfen, zu danken, so stehe ich fast rathlos vor meiner Aufgabe: Wem soll ich meinen Dank bringen, da ich so unendlich vielen, die mich mit Rath und That und Mittheilungen unterstützten, mir die werthvollsten Beiträge zu meiner mühevollen Arbeit lieferten, zu danken habe?
Wollen die trefflichen Männer und Frauen und zuvorkommenden Behörden alle meinen Dank für empfangen nehmen, wenn ich ihn in die Hände nur einiger edeln Repräsentanten niederlege, und so, an ihrer aller Statt, in wärmster Erkenntlichkeit den Herrn: Generaldirektor Giacomo Meyerbeer zu Berlin, Professor Moscheles in Leipzig, Capellmeister Julius Benedikt in London, Professor Kahlert in Breslau, Dr. Krönlein in Carlsruhe, Minister von Dusch in Heidelberg, Assessor Weber in Darmstadt, Gesandten von Dusch in Stuttgart, Weitzmann zu Freiburg, Amtmann Lebting zu Schönau (in Baden), Bürgermeister v. Fordrann in Augsburg, Regierungsrath Hellwag in Eutin, Bürgermeister Müller in Chemnitz, Professor Lobe in Leipzig, Hofrath Pabst, Redacteur Drobisch, Kammermusikus Schlick zu Dresden, Generaldirektor von Hülffen zu Berlin, Direktor Stöger zu Prag, Sir George Smart zu London, Carl von Holtei zu Gratz, von Sonnleithner in Wien, und der Frau Dora Walther in Dresden und Frau von Dreßler in Salzburg, die Hand drücke?
Nicht ohne ein wundersames Gefühl, das ich nicht Bangen nennen möchte, lasse ich das Buch, das mich eine Reihe von Jahren in allen Mußestunden, auf allen meinen Reisen beschäftigte, in die Welt hinauswandern. Ist mir's doch, indem ich ihr das treue Spiegelbild vom Leben meines Vaters hinhalte, als hätte ich ihr mein Bestes und Heiligstes hingegeben! –
Wohl weiß ich, daß ich tief unter meinem Stoffe geblieben bin und daß er allein meine Arbeit anmuthend machen kann, wenn sie nicht auch die Liebe vielleicht ein wenig schmückt, die dem Leser auf jeder Zeile entgegen blühen muß, dafern nicht meine Feder ganz anders schrieb als mein Herz empfand.
An ihr und treuem Wollen allein hat es bei Niederschrift des Werkes niemals gefehlt, und so möge denn auch die Liebe, die das deutsche Volk für seinen volksthümlichen Sänger hegt, als bester Segen mit dem schwachen Werke des Sohnes sein und es milde richten lassen!
Dresden, 15. Oktober 1863.
Der Verfasser.
Fußnoten
1 Mein Buch in künstlerischer Beziehung ergänzend, aber als vollkommen selbständigen Werk, erscheint demnächst ein musikwissenschaftlich organisirtes Verzeichniß sämmtlicher musikalischer Arbeiten C. M. von Weber's aus der Feder des rühmlich bekannten Tonkünstlers Musikdirektor F. W. Jähn's zu Berlin, der wahrscheinlich der gründlichste lebende Kenner der Musikwerke Weber's ist. Ich verweise hiermit auf dieses Buch, das, im Ganzen, nach dem Muster der Meisterarbeit Köchel's über Mozart behandelt werden wird.
D. Verf.
Einleitung.
Auch die heißeste Liebe zur Kunst, der unablässigste Drang das Schöne zu zeugen, kann sich, im geschaffenen Individuum, nicht in die Kraft dazu wandeln, wenn der Meister alles Schaffens, der sich die Vertheilung dieser Gottähnlichkeit vorbehielt, sie ihm nicht nach seinem Rathschlusse verliehen hat.
Wohl aber scheint es, als ob die Liebe, die als Messias in tausendfältiger Gestalt, unablässig unter uns wandelt und nicht müde wird, zu unserm Heile Wunder zu thun, auch im Leben der Kunst mit holdem Mirakel in das geheimnißvolle Wirken des Weltgeistes eingriffe und das edle Streben der Ahnen an Kind und Kindeskind lohnend, oft die Liebe zur Kunst im Herzen des Vaters, zum Schöpferdrange in der Seele des Sohnes, und endlich zur Schöpferkraft im Geiste des Enkels werden ließe, welchem Glücklichen sie sich dann, in Gestalt des Genius, als gottgesandter, unsterblicher Gefährte zugesellt.
In der That sehen wir, beim Blicken auf die Kunstgeschichte, daß die künstlerische Schöpferkraft, zur Entwickelung ihrer potenzirtesten Erscheinungen, fast immer der Cultur in mehreren aufeinanderfolgenden Generationen derselben Familie bedurfte, denen sämmtlich das Schöne heilig war.
Sie gleicht darin jenen Sonnenpflanzen, die zur Erhebung ihrer gewaltigen Blattkrone, ihrer duftreichen Blüthendolden, einer zu weitverzweigten Wurzel, eines zu saftstrotzenden Schaftes bedürfen, als daß der Lauf eines Jahres Sonnenglanz und Regen genug für den unendlichen Hergang ihres reichen Lebens, der zwischen Keimen und Blühen liegt, liefern könnte.
Ein Sommer, ein Menschenleben, muß sich damit begnügen, das Samenkorn, die Liebe zur Kunst, zu empfangen und wurzeln zu lassen, im nächsten Jahreslaufe, im Dasein des Sohnes, treibt der zur Kraft gewordene Liebessame Blätterkronen und Schaft empor, welche das dritte Jahr, das Enkelleben, mit der Blüthe der That des Genius krönt.
Damit stirbt die Pflanze, wie das Talent in der Familie, oder wenn beide auch noch hie und da einen Schoß treiben sollten, so trägt er doch unverkennbar den Stempel verkümmerter Epigonennatur.
Zwar ist der göttliche Prozeß der Menschwerdung des Genius nirgends an bestimmte Formen geknüpft, und der Funken, welcher die Heroen der intellektuellen Welt beseelte, ist häufig in das Haus des zahlenerfüllten Kaufmanns und in die Hütte des beschränkten Hirten gefallen, aber es ist über jedem Zweifel erhaben, daß der psychische Rapport zwischen Zeuger und Erzeugtem Schlummerndes weckt, Vorhandenes steigert, Irrendes leitet, matt Leuchtendes anfacht und die Kräfte durch unermüdliche Einwirkung läutert und selbstbewußt macht, durch Vererbung bereichert und durch Lehre pflegt, bis endlich auch die Erfahrung des Vaters dem Weltgange des Sohnes die Pfade ebnet, Zeitverlusten durch Warnung vor Abwegen vorbeugt, und, durch die Unablässigkeit der Einwirkung der vereinten Liebe zu Kunst und Kind, jeden Einfluß in Schatten stellt, den auch die erleuchtetsten Lehrer auf den Fremden üben könnten und zuletzt, demüthig, das zum verehrten Meister gewordene Kind, auf den eigenen Schultern erhöht.
Es ist daher nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß nur die Talente zu vollständiger Blüthe gelangt sind, die in zweiter und dritter Generation von Vätern stammen, die in ähnlicher Richtung strebten, oder doch die Liebe im Herzen trugen, welche die Kunst zeugt, denn Väter und Ahnen der Sterne der Kunstwelt, waren bei weitem zu oft selbst Künstler, oder doch der Kunst mit Neigung und Fleiß ergeben, als daß sich hier, an Stelle tiefinnerer und äußerer Wechselwirkung, ein blindes Ungefähr annehmen ließe. Man darf hiergegen nicht die Erscheinungen des Kunstlebens anführen, die ohne diesen Prozeß in den Seelen ihrer Ahnen, bedeutsam wurden, denn Nichts spricht dafür, daß ihr Talent nicht mit jenem noch einer weit mächtigeren Entfaltung fähig gewesen wäre.
Ein Beispiel von seltener Vollkommenheit der Entwickelung des Prozesses, den wir meinten, wenn wir oben die Kunstliebe der Väter als die Wurzel der Kunsttalente der Kinder darstellten, liefert die Geschichte der Familie des Künstlers, von dessen frucht-und dornenreichen Laufbahn die nachfolgenden Blätter erzählen sollen. Das Beispiel ist doppelt schlagend für unsere Behauptung, da wir hier zwei, sonst meist unabhängig von einander bestehende, selten parallel laufende Neigungen der Väter, zu zwei fast gleich prägnant ausgesprochenen Talenten einer und derselben Person werden sehen. Die an Manie gränzende Leidenschaft der Vorfahren C. M. von Weber's für die Bühne und das Theaterwesen in seiner Gesammtheit, die sie zu den wunderlichsten Handlungen verleitete, der sie Stellung und Vermögen opferten, einerseits, und ihre kaum geringere, auf eben so eigenthümliche Bahnen wandelnde Neigung zur Musik andererseits, läuterten sich bei Weber selbst zu seiner hohen Begabung für musikalische Composition und theatralische Direction und Regie, welche letztere seine sachverständigen Zeitgenossen, als, in ihrer Art, gleichwerthig mit dem Talente schildern, das "Freischütz" und "Euryanthe" schuf. In der That sind seine dramatischen Compositionen, so völlig von Reflexen jenes andern Talentes durchleuchtet, daß sie diesem Umstande gerade einen nicht unwesentlichen Theil ihres Werthes, ihrer tiefen Ursprünglichkeit, Bühnengemäßheit und gewaltigen dramatischen Wirksamkeit verdanken.
Die Familie C. M. von Weber's leitet ihren Ursprung von einem alten, den Special-Historikern von Ober-Oesterreich wohlbekannten Doktor beider Rechte und getreuen Diener mehrerer deutschen Kaiser, Johann Baptista Weber her, der um das Jahr 1550 geboren, von Aeltern, deren Name unbekannt ist, ein ansehnliches Erbe, zu dem die Herrschaften Pisamberg im Unter-Mannhardtsbergkreise und Krumbach im Unter-Wienerwaldkreise gehörten, überkam. Jüngere Brüder, deren er mindestens zwei gehabt zu haben scheint, wurden allem Vermuthen nach mit außerösterreichischen Liegenheiten dotirt. Vom Lebenslaufe dieser Brüder, deren einer der Urahne Carl Maria's ist, verlautet so gut wie Nichts. Johann Baptist wurde auf Grund seines ansehnlichen Besitzstandes, noch sehr jung, 1568 in den Ritterstand von Nieder-Oesterreich aufgenommen. 1591 finden wir ihn als Präsidenten einer der Commissionen unterzeichnet, die Maximilian II. s. Z. zur Prüfung der Rechte protestantischer Grundbesitzer niedergesetzt hatte, und 1609 finden wir ihn als Verordneten des Ritterstandes von Nieder-Oesterreich und als Reichs-, Hof- und Kammerrath in den Dienst des Kaisers Rudolph getreten, wieder. Er scheint ein eifriges Rüstzeug der Ketzerbekämpfung gewesen zu sein und sich im 30jährigen Kriege viele Verdienste um die kaiserliche Sache erworben zu haben, denn es befinden sich in den Händen der Familie nicht allein Documente, die darauf hindeuten, daß er mit der Heeresbewaffnung zu thun gehabt habe, sondern sein Besitzthum zeigt sich auch während des Krieges reich vermehrt, indem die Gnade des Kaisers ihre Strahlen in Gestalt der Belehnung mit den Gütern und Dörfern, Wildungsmauer, Petronell, Vogelsbrun und Hürbe auf ihn warf, die er, als zum Theil herrenlos geworden, zu nicht hohem Preise erworben hatte. Einen ferneren Beweis seiner Huld gab ihm Ferdinand II., indem er ihn, im September 1622, in den Freiherrnstand erhob.
Das dabei mit der siebenperligen Krone geschmückte Wappen, war das bereits von ihm als Ritter geführte, das in der Familie erblich geblieben ist und, zur Gattung der Räthselwappen gehörig, einen silbernen Mond im goldenen Felde links und einen goldenen Stern im blauen Felde rechts, zeigt.
1642 starb Johann Baptist von Weber, über 90 Jahr alt, als Nieder-Oesterreichischer Regierungs-Kanzler, unter Hinterlassung einer einzigen Tochter Ursula, die einen Grafen Traun heirathete und diesem die Herrschaft Petronell u.s.w. zubrachte.
Dem Vermuthen nach hat somit Joh. Baptist Freiherr v. Weber keine directen Descendenten hinterlassen. Es scheint daher auf einen seiner Brüder, Joseph Franz Xaver, der allem Anscheine nach in Ober-Schwaben angesessen war, der Theil seiner Güter übergegangen zu sein, den Ursula von Weber nicht dem Grafen Traun zubrachte.
Eine Familien-Tradition sagt, daß dieser Franz Xaver schon ein großer Theater- und Musikfreund gewesen sei und auf seinen Gütern eine kleine Bühne und Capelle unterhalten habe.
In den Wirren des dreißigjährigen, des spanischen und österreichischen Erbfolgekrieges, verlieren wir die Familie Weber bis zum Jahre 1738 aus den Augen, wo wir Kunde von der Existenz der Nachkommen des Joseph Franz Weber durch das Diplom Kaiser Karl VI. erhalten, vermöge dessen er den Adel Johann Baptist's von Weber, auf Ansuchen der Brüder Fridolin und Xaver Weber, deren ersterer in diesem Documente Amtmann, bez. kaiserl. Rath, genannt wird, diesen verleiht.
Gewiß ist, daß im spanischen Erbfolgekriege, durch nicht mehr zu erforschende Ereignisse, die Güter der Familie Weber, nebst dem größten Theile der Anspruchsdocumente, verloren gingen, und die Mitglieder der Familie sich gezwungen sahen, in die Dienste größerer oder kleinerer Herren, deren es damals in Deutschland eine noch üppigere Fülle als jetzt gab, zu treten.
So finden wir während des österreichischen Erbfolgekrieges im Jahre 1735 einen kaiserlichen Rath, Joseph von Weber, von den Franzosen als Geisel nach der Festung Hüningen geschleppt, während zu gleicher Zeit Documente von mancherlei Art nachweisen, daß Fridolin Weber Amtmann und oberster Verwalter der weitläufigen Besitzungen des Freiherrn von Schönau-Zella in Zell bei Freiburg im Breisgau war. Der Zweig der Familie, der sich im Dienste dieser Herren befand, scheint indeß, vielleicht in Rücksicht auf ihr Dienstverhältniß, den Adel nicht geführt zu haben, so lange dies dauerte, obgleich er ihr so gut zukam, wie dem Zweige, der sich in kaiserlichen Diensten befand.
Dieser Zweig, der mit dem Amtmann Fridolin v. Weber zu Zell entspringt, hat uns fortan allein zu beschäftigen. "Fridolinus Weber, consultissimus ac strennus dominus, praefectus illustrissimi et generosissmi domini L. B. de Schönau et Weisenthal," in Kirchenbüchern und Akten genannt, aus dessen Leben nichts weiter bekannt ist, als daß er Achtung als Rechtsgelehrter genoß und seinem Herrn treulich diente, aber noch eifriger der Musik oblag, den Geigenbogen führte, sang und die Orgel spielte, war mit Eva Maria Schlar vermählt und starb am 25. Februar 1754. Er hinterließ außer mehren Töchtern zwei Söhne, von denen der ältere Fridolin II. v. Weber, geb. im Jahre 1733, am 7. Sept. 1756 sich mit Maria Cäcilia Stamm aus Mannheim vermählte und der Vater von Mozart's Gattin, Constanze Weber, (oder v. Weber, wie Mozart auf den Adressen der Briefe an seine Braut zu schreiben pflegte) und ihrer, sämmtlich als Sängerinnen mehr oder weniger ausgezeichneten drei Schwestern, Josepha, Aloysia und Sophie wurde.
Dieser Fridolin II. von Weber folgte seinem Vater in seinem Amte als Amtmann (Präfectus) der Schönau'schen Herrschaften, nachdem er zu Freiburg studirt hatte und Doctor der Theologie geworden war. Der zweite Sohn Fridolin's I. von Weber hieß Franz Anton und war nur ein Jahr später als Fridolin II., nämlich 1734, geboren. Dieser wurde der Vater Carl Maria von Weber's. Es ist somit W. A. Mozart der Gatte von Carl Maria von Weber's Base und durch Heirath sein Vetter geworden.
Ein dritter Sohn Fridolin's I. Johann Nepomuk Fidel Felizian, starb, kaum 18 Jahr alt.
Der Geist der Musik, dessen unablässiges, oft fast dämonisches Wirken sich fast ein Jahrhundert lang in der Familie Weber's verfolgen läßt, und ihre Mitglieder bald hier, als schwankendes Irrlicht, in die Wirrsale der thörichtsten Handlungen leitet, dort in Genieblitzen ohne Segen aufzuckt, den leitenden Compaß der Lebenswege aller wie ein Nordlicht irre macht, allen den Wanderstab armer Kunstapostel in die Hand drückt, bis er endlich sich zum Genius läuternd zum dauernden Ruhme des Namens aufleuchtet, beseelte auch die Brüder Fridolin und Franz Anton. Fridolin besaß eine vortreffliche Sing-Stimme, spielte überdies fertig Violine, worin ihn indeß sein Bruder Franz Anton noch übertraf, der nebenbei eine wunderliche Neigung für das Streichen des Contrabasses hegte, in dem er bald eine virtuose Fertigkeit erlangte. Beide hatten den Musikunterricht ihres für die Tonkunst leidenschaftlich glühenden Vaters genossen.
Der Kurfürst von der Pfalz, Karl Theodor, der von den Talenten der Brüder vernommen hatte, ließ sie vor sich spielen und singen und zog beide, hoch erfreut von dem Gehörten, nach Mannheim, wo er damals die berühmte Capelle cultivirte, die damals vielleicht ohne ihres Gleichen in der Welt war.
Es ist indeß unrichtig, wenn Fridolin v. Weber in einigen Musikwerken als "Sänger in Mannheim" bezeichnet wird, denn er blieb mit Verwaltung der Schönau'schen Herrschaften betraut und seine Mitwirkung bei den Leistungen der Capelle stets durchaus dilettantisch, obwohl er ganze Rollen in Opern übernommen haben soll. In späteren Documenten ist er Consiliarius intimus et supremus satrapa (Geheimer Rath und Ober-Amtmann) des Kurfürsten von der Pfalz genannt,. und scheint daher den Dienst der Barone von Schönau mit dem des Kurfürsten vertauscht zu haben. Da Franz Anton von Weber, der keinem Fachstudium obgelegen hatte, aber bei sehr angenehmen Aeußeren, lebhaften Augen und straffer Gestalt, sehr flotte, gewandte, pagenhafte Manieren zeigte, auch Neigung zum Militärleben, das damals am Orte nichts als Annehmlichkeiten bot, zu erkennen gab, so reihte ihn der Kurfürst als Portepeejunker in seine reitende Garde mit dem Beding ein, daß er in der Mannheimer Capelle, beziehentlich auf dem dortigen Theater, seine glänzenden musikalischen Talente nutzbar machen sollte. Sei es nun, daß der, durch diese Bedingung ihm aufgelegte Zwang, seinem unruhigen Geiste die Kunst, welche er sonst als Dilettant so heiß geliebt hatte, entfremdete, sei es, daß seinem, sehr specifisch auf Glanz und äußere Erscheinung gerichteten Sinne augenblicklich Pferd, Säbel, Federbusch und Reitbahn mehr zusagten, als Violine, Contrabaß und Capelle, kurz er gewann sich bald, durch echt cavalieres Benehmen, straffen Sitz der Uniform und seine pagenhaften Streiche, das Wohlwollen seines militärischen Chefs des Kommandanten der kurfürstlichen Garde, Generalmajor Ignaz Franz Freiherrn von Weichs in eben dem Maße, als der Kurfürst seine nachlässigen Dienste in der Capelle überdrüssig wurde, so daß man ihn, als das Contingent des Kurfürsten im Jahre 1756 zur Reichsarmee stieß, diesem als Lieutenant zutheilte. Während des Feldzuges wurde er als unermüdlich Gutgelaunter, als unerschöpflicher Schwänkeschmieder und Erzähler der ganzen Schwadron lieb und werth, und festigte sich so in der Gunst des Generals von Weichs, daß dieser eine wahrhaft väterliche Zuneigung für ihn faßte. In sonderbarem Widerspruche des Geistes führte Franz Anton v. Weber auf dem Feldzuge, oft mit großer Beschwerde, die Geige mit sich, die er im Frieden der kurfürstlichen Capelle vernachlässigt hatte, und fand sich stets bereit aufzuspielen, wo es zu tanzen galt.
In der Schlacht bei Roßbach leicht verwundet, zugleich aber durch die wüste Wirthschaft und den unmilitärischen Geist bei der Reichsarmee am Militärleben degoutirt, zog er sich, auf Anrathen seines Chefs, mit diesem, der gleich darauf als Geheimer Rath und Droste zu Steuerwald in die Dienste des Kurfürsten Clemens August von Cöln und Bischofs von Hildesheim trat, von der Armee zurück. Der Freiherr von Weichs, ein liebenswürdiger und jovialer Mann, der Franz Anton von Weber die Stunden nicht vergessen konnte, die er ihm durch humoristische Vorträge, zu denen er sich mit der Geige begleitete, und für die er ein hervorragendes, sogar original schöpferisches Talent besessen zu haben scheint, erheitert hatte, placirte ihn als Supernumerar-Arbeiter im Amte zu Steuerwald im Hildesheim'schen, nicht ohne dem jungen Günstlinge, der über diese magere Stellung die Nase rümpfen mochte, ins Ohr zu flüstern, daß der Hofkammerrath Johann Ferd. von Fumetti, der damals dem Amte vorstand, ein hochbetagter Mann sei.
Dadurch etwas mehr für die Stellung eingenommen, kam Franz Anton, gestiefelt und gespornt, sehr cavaliermäßig im Jahre 1757 in Hildesheim an. Die ersten Aufwartungen, die der junge Officier-Actuar seinem Chef von Fumetti machte, entschieden über sein Schicksal. Als Protegé des Freiherrn von Weichs und dem Fürstbischof wohlempfohlener junger Herr in der Familie sehr gut aufgenommen, sah er seines Chefs Tochter Maria Anna, ein reizendes Mädchen von königlicher Haltung, deren cendréblondes, leicht gepudertes Haar einen leuchtenden Teint noch glänzender machte, während ein tiefblaues Auge von seltener Schönheit unter rein gezeichneten, dunkelen Augenbrauen hervor, den hübschen Actuar-Lieutenant wohl sehr wohlgefällig angesehen haben mag, denn schon zu Ende des Jahres verlobte er sich mit ihr, die ihm nicht allein die Anwartschaft auf ihres Vaters Stelle, sondern auch ein nicht unansehnliches Vermögen zubrachte. Kurz nach der Verlobung gab der alte Hofkammerrath von Fumetti Raum für die erwünschte Placirung seines Schwiegersohnes, indem er am 2. Oct. 1757 starb.
Mit Uebergehung aller älteren Beamten wurde Franz Anton von Weber in einer, mehr für ihn angenehmen, als in gerechter Weise, kraft seiner Eigenschaft als liebenswürdiger Cavalier, Günstling des Baron Weichs und Inhaber der schönen Tochter seines Vorgängers, in dessen sämmtliche Aemter und Würden am 12. Juli 1758 eingesetzt, nachdem der feurige Bräutigam schon am 13. Februar, also kaum nach Ablauf der kürzestmöglichen Trauerfrist, seine 22jährige, schöne Gattin heimgeführt hatte, so daß das Ende des Jahres 1758 den armen kurfürstlichen Gardefähndrich vom Jahre 1757, kaum 24 Jahr alt, als wohlbestallten fürstbischöflichen Amtmann zu Steuerwald, Hofkammerrath zu Hildesheim, wohlhabenden Mann und als Sohn und Gatte im Kreise einer angesehenen Familie fand.
Mochte nun diese überschnelle Entwickelung seiner Glücksverhältnisse dem jungen Cavalier eine zu hohe Meinung von seinen Talenten und Eigenschaften gegeben, oder ihn zu dem Glauben verleitet haben, daß mit allen seinen ferneren Schritten gleich glänzende Resultate verknüpft sein würden, kurz die in ihm schlummernden Tendenzen auf Glanz, Vornehmheit und Wichtigkeit, die sich, bis dahin, als frisches Streben, cavaliermäßige Keckheit, Lebendigkeit der Darstellung und Aeußerung kund gegeben und dem jungen Officier wohl angestanden hatten, erhielten nach und nach andern Ausdruck, dem ein Anklang von Großlebigkeit und Prahlerei beiwohnte, welcher sein ganzes Leben hindurch und zwar durchaus nicht decrescendo, forttönte.
Durch Gunst und Heirath in ein Amt gekommen, dessen sachliches Wissen ihm bis dahin fern gelegen hatte, und zu dem ihn keine Neigung trieb, bedurfte es in der That seiner bedeutenden geistigen Gaben, um ihm die Bewältigung der immerhin complicirten Geschäfte des Justiz- und Oekonomie-Amtes Steuerwald möglich zu machen, was ihm indeß, mit mehr oder weniger Unterstützung seiner Unterbeamten, 9 Jahre hindurch in unerwarteter Weise gelang, wenn auch hie und da der Baron Weichs, der ihm unwandelbar gewogen blieb, ein ausgleichendes Wort einlegen mußte. Nichts konnte indeß verhindern, daß das monotone Knarren des alternden Geschäftsmechanismus, dem er vorstand, und an dessen staubigen Papiergetrieben er sich täglich seine seelischen Gliedmaßen zu besudeln meinte, dem euphonischen Sinne des unruhigen und genialen Mannes immer unerträglicher werden mußte, so daß er mehr und mehr zu Versuchen kam, den inneren Mißton durch äußeren Wohllaut auszugleichen, Geige und Contrabaß wieder hervorsuchte und, als ob die Fluth der alten Leidenschaft für die Tonkunst jetzt alle Dämme durchbräche, mit solchem Fanatismus wieder zu musiciren anfing, daß die Amtsgeschäfte ernstlich zu leiden begannen.
Das konnte dem Fürstbischof Friedrich Wilhelm, dem Nachfolger seines Gönners Clemens August, der diesem nicht allein im Amte, sondern auch im Wohlwollen für Franz Anton von Weber succedirte, nicht verborgen bleiben, und es wollte dieser gütige und kunstliebende Fürst, um Franz Anton's Talente wenigstens nutzbar zu machen, ihm den Musikunterricht seiner Enkel übertragen. Franz Anton, die huldvollen Absichten ganz verkennend, die sein Fürst für ihn hegte, lehnte in der Meinung, daß man seine Stellung herabzuziehen beabsichtige, das Anerbieten auf das Schroffste ab. Zu gleicher Zeit steigerte sich sein musikalischer Eifer bis zu den wunderlichsten Ausschreitungen. Er verbrachte nicht allein den größten Theil seiner Zeit mit musiciren, sondern seine Geige begleitete ihn sogar auf seinen Spaziergängen, wo er dann oft, geigend vor seiner ziemlich zahlreichen Familie herschreitend, oder einsam im Felde wandelnd, der Gegenstand der Belustigung und des Spottes der Landbewohner wurde.
Bis zum Jahre 1767 gelang es ihm indeß, seine Function als Amtmann zu Steuerwald inne zu behalten, obwohl er, in Folge der Ablehnung des obenerwähnten Unterrichts, an Gunst des Fürstbischofs eingebüßt hatte und sich auch sonst in unbehaglicher Lage befand. In diesem Jahre wurde er plötzlich dieser Stelle enthoben, behielt aber Gehalt und Titel als Hof-Kammerrath. In künstlerischem Eifer mischte er sich jedoch so leidenschaftlich in die Musikangelegenheiten der uralten Domkirche zu Hildesheim, daß es darüber mit dem Domkapitel zu maßlos geführten Differenzen kam, in deren Folge er auch dieses Amt niederlegte und 1768 ganz in das Privatleben zurücktrat.
Sehr zurückgezogen, nur der Musik und dem Unterrichte seiner ältesten Kinder lebend, hielt sich Franz Anton von Weber bis zum Jahre 1773 in Hildesheim auf.
Seine Gattin Maria Anna von Fumetti, für die er eine, mit hoher Achtung gemischte Liebe hegte, die ihm aber an Stolz und Leidenschaftlichkeit ähnlich war und daher nicht gerade als versöhnender und ausgleichender Genius in jener Lebensperiode Franz Anton's steht, beschenkte ihn in Hildesheim mit acht Kindern, fünf Mädchen und drei Knaben, deren Namen wir nach den Geburtsjahren hier folgen lassen:
Maria Eva Lucie Anna geb. 1760
Fridolin Stephan Johannes Maria geb.1761
Maria Adelheid Josepha geb.1763
Ferdinande Leopoldine geb.1765
Franz Edmund Caspar Joseph Maria geb.1766
Maria Anna Theresia Magdalena geb.1768
Maria Clara Victoria geb. 1769
Franz Joseph Liborius Maria geb. 1772
Von diesen starben drei Mädchen in Hildesheim, der Lebensweg der andern Kinder blieb noch lange an Franz Anton's Irrpfade geknüpft. Franz Anton sah die Vermehrung der Zahl seiner Kinder mit einem ganz besonderen Vergnügen, einer ganz speciellen Hoffnung. Es gehörte zu seinen, in der Leidenschaft für Musik wurzelnden Eigenheiten, daß er den Besitz eines musikalischen Wunderkindes, nach dem Muster des jungen Mozart, für das summum bonum des Menschenlebens ansah. Mit jedem neugeborenen Kinde wuchs die Möglichkeit, daß solch ein holdes Mirakel sich darunter befinden könnte und Franz Anton unterließ nicht, zur Zeit des ersten Erwachens selbständiger Gedanken, mit einem jeden, oft grausame, Versuche anzustellen, die ihn über das Vorhandensein hervorragender Talente belehren sollten.
Der 16jährige Aufenthalt zu Hildesheim in Verhältnissen, die eines genügenden Maßes bürgerlicher Regelung nicht entbehrten, der monotone Fluß von beziehungsweise ruhigen Zeiten, die nur die Pflege ohne wahres Interesse geführter Amtsgeschäfte und die Erfüllung der Pflichten gegen eine rasch entstandene, große Familie belebte, scheinen das ganze Maß der Kraft erschöpft zu haben, welche Franz Anton seinem rastlosen Drange nach Veränderung und Umgestaltung des Lebens entgegen zu setzen hatte. Durch keine sorgsame Erziehung geschult, durch kein straffgegliedertes Familienleben disciplinirt, im Gegentheile durch unzeitige Gunst des Schicksals und der Menschen verhätschelt und an den Wechselwirkungen seiner Fähigkeiten mit den Resultaten des Lebens irre gemacht, suchte er mit leidenschaftlicher Hast nach einer Wirkungssphäre, in der sich die Unruhe seines begabten Geistes allenfalls, ohne zu großen Nachtheil, geltend machen dürfte, seine Talente aber, im Dienste seiner Neigungen, in ganzer Fülle bethätigt werden könnten. Seine stets wachsende Liebe für Musik, verbunden mit einem in der Familie traditionellen, regen Interesse an dramatischer Darstellung, für die sämmtliche Mitglieder derselben auch eine mehr oder mindere Begabung zeigten, deutete klar auf den einzuschlagenden Weg hin, der allerdings, besonders nach damaligem Begriffe, nach unten, nämlich auf und vor die Bretter der Bühne, auf das Theater und in das Orchester führte.
Gewisse Umstände machen es glaubhaft, daß Franz Anton von Weber, schon kurz nach seinem Weggange von Hildesheim, im Jahre 1773, gewiß nicht ohne schwere Kämpfe mit seiner stolzen Gattin, und nicht minder mit seinen eignen Gefühlen, die ihm sein bisheriger, in ganz andern Bereichen der bürgerlichen Gesellschaft hinlaufender Lebensgang anerzogen hatte, aber überwältigt vom Drange seiner Talente und Wünsche, sich einer Bühne mit seiner ganzen Familie angeschlossen, oder aus den ihm zu Gebote stehenden, nicht gewöhnlichen Mitteln, selbst eine Gesellschaft gegründet habe. Das tiefe Dunkel, in das sich fast 6 Jahre lang die Existenz der Weber'schen Familie, vom Jahre 1773 ab, hüllt, und in welches, auch durch die sorgsamsten Nachforschungen, kein Lichtstrahl zu bringen war, deutet vielleicht darauf hin, daß Franz Anton seinen Namen für die Dauer dieser Unternehmungen, vielleicht auf Andringen der stolzen Anna von Fumetti, geändert habe, der überdies doch der Kummer über den neu eingeschlagenen Lebensweg das Herz gebrochen zu haben scheint, denn sie starb, nach langem Kränkeln, im Jahre 1783, kaum 47 Jahre alt.
Jedenfalls hat das Wanderleben dieser 6 dunkeln Jahre dem Charakter Franz Anton's keine Glanzpunkte eingewebt, denn wenn wir ihn, als 40jährigen Mann, zu Hildesheim als gutmüthig und edelherzig, freigeboren und liebenswerth für Haus und Freunde, dabei aber aufbrausend, heftig, oft unbesonnen in seinen Entschließungen, sanguinisch in seinen Hoffnungen, cavaliermäßig eitel, verließen, so finden wir ihn 1779 ohne Milderung jener Mängel wieder, zu denen sich, wahrscheinlich durch die Gewohnheit des Verkehrs mit der Unbildung und durch den Zwang, die Zerfahrenheit, Rohheit, Eitelkeit und Undisciplin des Schauspielertreibens zu beherrschen und Schein für Sein gelten zu lassen, ein gutes Theil Ueberderbheit des Ausdrucks und Verdrossenheit gesellt hatte, während die, ehemals wenigstens in gefälligen Formen erscheinende Cavaliers-Eitelkeit, einen herbern Charakter annahm, der selbst die Thatsächlichkeit der Rede etwas sehr nach dem augenblicklichen Bedürfnisse färbte.
Die erste authentische Nachricht vom Leben Franz Anton von Weber's erhielten wir zuerst im Jahre 1778 wieder, wo er mit seinem vollen, vielleicht erst wieder angenommenem Namen bei der Reichsstädtischen Schaubühne zu Lübeck als Musikdirektor angestellt ist, auf der, wie es scheint, damals die Jünglingsche Truppe spielte. Das schöne, von Anna Fumetti ihm zugebrachte Vermögen ist, allem Vermuthen nach, bei verunglückten Theaterunternehmungen aufgegangen. In beschränkten Verhältnissen, von seinem Gehalte und Musikunterricht zu Lübeck lebend, kann er, so schreibt er selbst, "als Mitglied eines Theaters, ohne den Anstand zu beleidigen, sparsam sein."
Der Wunsch, seine Lage zu sichern, und vielleicht auch augenblicklicher Ueberdruß am Theatertreiben, veranlaßte ihn, zu Anfang des Jahres 1779, sich an den kunstliebenden Fürstbischof von Lübeck und Eutin, Friedrich August, der eine gute Capelle in letzterer Stadt hielt, und dessen Capellmeister eben gestorben war, mit der Bitte um Verleihung von dessen Stelle zu wenden, welche zum Theater in keiner direkten Beziehung stand und die schöne Eigenschaft der Lebenslänglichkeit der Anstellung hatte. Franz Anton's Talente waren dem Fürst-Bischofe vortheilhaft bekannt geworden, und so kam es, daß ein Decret desselben vom 9. April 1779 an die Kammer- und Fideicommiß-Administration dieser bekannt gab, daß der Fürstbischof Friedrich August den Franz Anton von Weber in der "Qualité" als Capellmeister und mit 400 Thlr. jährl. Gehalt, in seine Dienste genommen habe. Eine 1780 angebrachte Supplik des Capellmeister Weber: "einen Singechor auf eigene Hand errichten zu dürfen", die sich in den Hochfürstl. Lübeck'schen "Kammer-Staaten" findet und genehmigende Resolution mit dem Bemerken erhielt, daß diese Einrichtung, als eine "Private" niemals mit Kosten für die Fürstbischöfliche Kasse verknüpft sein dürfe, deutet darauf hin, daß er sich seines Amts mit Eifer annahm und der von ihm so geliebten Kunst zu Ehren, Opfer an Zeit und Mühen nicht scheute. Hauptrüstzeuge seiner Zwecke mögen in diesem Singechor wie in seiner Capelle seine heranwachsenden Söhne und Töchter gewesen sein, deren er fünf mit nach Eutin gebracht hatte und die später sämmtlich dramatisches und musikalisches Talent zeigten. Reductionen und Veränderungen in der Organisation des Musikwesens am Hofe zu Eutin, die einer Auflösung der Capelle fast glichen, veranlaßten den Fürstbischof, den Gehalt Franz Anton's vom Jahre 1782 an auf die Hälfte herabzusetzen, oder richtiger gesagt, ihn zu pensioniren.
In einer vom 19. Februar 1782 datirten Supplik, die in der Ueberschwänglichkeit ihres Ausdrucks höchst charakteristisch für Franz Anton's auf die Spitze gestelltes Wesen ist, schildert derselbe dem Fürstbischofe eindringlichst seine gedrückte Lage, seine Verschuldung, die Lasten, die ihm die Erziehung seiner Kinder verursachten, die Unmöglichkeit von der Pension von 200 Thalern bestehen zu können, seinen Abscheu davor, jetzt, nachdem er im fürstlichen Dienste gestanden, wieder "unter die Comödianten zu gehen", ohne indeß weiteres als einen Vorschuß von einem Jahresgehalt zur Befriedigung seiner Gläubiger und die Erlaubniß erhalten zu können, unter Fortbezug seiner Pension eine Anstellung im Auslande zu suchen.
Diese Erlaubniß scheint er auch, nachdem seine Gattin Anna von Fumetti im Jahre 1783 gestorben war, benutzt und einen kleinen Rest ihres bis dahin von ihr zurückbehaltenen Vermögens dazu verwendet zu haben, eine passende Anstellung suchend, Deutschland zu durchreisen.
Sein Wunsch, unter seinen Kindern ein großes musikalisches Talent sich entwickeln zu sehen, hatte indeß Nichts an Lebendigkeit verloren, und da seine beiden Söhne, Fritz und Edmund, die er seit seiner Pensionirung einem tüchtigen Musikmeister zu Ludwigslust in die Lehre gegeben hatte, durch bedeutende Begabung wenigstens die theilweise Verwirklichung seiner Wünsche versprachen, so stand er nicht an, für die jungen Männer zur Vollendung ihrer Ausbildung nach einem Lehrer ersten Ranges auszuschauen, den er denn auch in keiner geringeren Person, als der von Joseph Haydn ersah, zu dem er sich mit seinen Söhnen im Jahre 1784 nach Wien begab. Den greisen Meister bewog er, durch Zusicherung des für damalige Zeiten hohen Honorars von 150 Dukaten per Zögling, die Söhne zu unterrichten. Der große Mann hat das nicht bereut, denn Edmund wurde einer seiner Lieblingsschüler und war in der That ein für die Reception der Musik außerordentlich empfänglicher Kopf, guter Dirigent und befähigter Componist. Er fand für die Söhne eine angenehme Heimath in der Fremde bei einer Familie von Brenner aus Oberdorff bei Kaufbeuern in Bayern, die sich auch, um ihre siebzehnjährige Tochter, Genofeva, in der Musik unterrichten zu lassen, in Wien aufhielt. Der funfzigjährige Franz Anton scheint eine rasch auflodernde Leidenschaft für die schöne, sanfte, blonde, blauäugige Dame gefaßt zu haben, und die Bewerbungen des alternden Herrn wurden von ihr, sowie von den Aeltern, merkwürdig schnell gekrönt, denn schon am 20. Aug. 1785 wurde er Abends 7 Uhr in der Capelle auf der Freiung in Wien bei den Patres Schotten mit der achtzehnjährigen Braut vermält, bei welcher Handlung der Hofschauspieler Lange, Aloysia Weber's Gatte und somit Mozart's Schwager, und der Capellmeister Righini Zeugen waren. Sie folgte ihm einige Wochen darauf nach Eutin.
In Eutin bestand im Jahre 1785 ein Privilegium: "Stadt- und Landmusik zu machen", dessen Inhaberschaft als eine ziemlich gute Pfründe betrachtet wurde, da der Bereich, auf den sich das Recht des Besitzers erstreckte, ziemlich groß, das Volk lebenslustig, ohne Musik und Tanz kein Fest denkbar, und der Privilegirte allein berechtigt war, alle Musik in der Stadt und auf dem Lande, mochte sie Namen haben, welche sie wollte, gegen eine ziemlich hohe Taxe zu executiren. Dieß Privilegium hatte bis dahin sich fast immer in Händen von Nichtmusikern befunden, denen es als ein Emolument zu andern Einkünften ertheilt worden war. Das Ganze lief daher auf bloßen Gelderwerb hinaus und die Musik, mit denen Brautpaare in die Harmonie der Ehe, Todte in die Regionen der himmlischen Klänge geführt wurden, war daher nicht viel mehr als ein halbwegs rhythmisches Getöse. 1785 befand sich das Privilegium in den Händen des Hoforganisten Bülau, der dasselbe, Alters halber, zu verwerthen wünschte. Der nach Eutin heimkehrende Franz Anton, der hier das Mittel sah, seine Einkünfte wesentlich zu verbessern, bewarb sich um diese Stelle und erhielt sie vom Fürstbischofe, der auf diese Weise zugleich eine Verbesserung der Stadt- und Landmusik zu erzielen hoffte, gegen eine, jährlich an den Organisten Bülau zu zahlende Summe, von 50 Thalern. Franz Anton wurden die sämmtlichen Einkünfte der Stelle zugewiesen und 100 Thaler zur Beschaffung neuer Instrumente schenkte ihm der Fürstbischof. Dieß geschah mittels Decrets vom 24. Mai 1785, durch welches ihm auch die Taxe, für die er zu "arbeiten" habe, zugefertigt wurde. Dieselbe enthielt in vier Columnen die Gebühren, welche der Stadtmusikus, der Geselle und der Bursche und die fremden Musiker bei jeder Leistung zu erhalten hatten, nebst Specification der Leistungen, zu denen der Meister mit seinen Leuten verpflichtet war.
Unter diesen findet sich, neben Hofconcert, Ball-, Tafel- und Schlittenfuhr- und Wasser-Musik das Aufspielen bei Hochzeiten, Nachtmusiken vor dem Hause Neuvermählter, "Anblasen der Gäste", das "Blasen des Brautpaares in und aus der Kirche", das "Aufspiel" bei den Vogelschießen der Bürger und der Lehrburschen, wobei allenthalben die Zahl und Art der dabei zu verwendenden Instrumente und der dafür zu zahlende Preis aufgeführt ist.
So heißt es z.B. darin unter Anderem: "für die üblichen Bauerntänze wird bezahlt:
Mit Violine und dem Baß 2 Mark.
Mit Clarinette oder Horn 3 Mark.
Mit Clarinette und Horn zugleich 4 Mark.
Für das Blasen bei Ankunft und Rückkehr der Hochzeit-Gäste, sowie für ›Aufwartung mit Musik beim Essen‹, wird außer dem, so auf dem umgehenden Teller gesammelt wird, nichts bezahlt."
Der stolze Franz Anton von Weber mag diese etwas ländlich geformte Stellung zwar wahrscheinlich mit etwas verzogenem Munde angetreten haben, er kannte aber wohl den materiellen Vortheil, den sie ihm brachte, bat auch, da am 30. Mai eine große Hochzeit einfalle, das Privilegium schon an diesem Tage antreten zu dürfen, und versprach zwei ständige Gesellen halten, auch für Herbeischaffung der Burschen und "Fremden" besorgt sein zu wollen, stellt aber die dem Fürsten mißfällige Bedingung, daß er, als nicht mehr im Amte bei dem Fürsten, auch für die Dienstleistungen am Hofe Gebühren berechnen dürfe. Zu der hierdurch hervorgerufenen Verstimmung bei Hofe gegen Franz Anton gesellten sich auch bald noch andere Mißhelligkeiten mit der Bürgerschaft von Eutin.
Durch den Tod seiner ersten Frau und die Verausgabung von deren ihm zugebrachten Vermögen bei seinen Unternehmungen, sodann aber auch durch den Mangel an Sinn für häusliche Oekonomie, waren, wie oben erwähnt, die Verhältnisse Franz Anton's, dessen zu junge und schöne Frau überdies an einem rastlosen Heimweh kränkelte, das sie an geregelter Führung des Hauswesens hinderte, in immer tieferen Verfall gerathen. Mit einer starken Familie auf seine Pension und den Ertrag des Stadtmusikanten-Privilegiums zum Lebensunterhalte angewiesen, scheint jetzt zuweilen selbst die Noth an Franz Anton's Thür geklopft zu haben, denn es kamen Fälle vor, wo ein Tischler Grünwald, in dessen Hause die Familie eine Zeit lang wohnte, das Porto der Briefe vorschießen mußte, die an Frau Genofeva aus der Heimath kamen und die sie immer mit heißen Sehnsuchtsthränen empfing. Durch diese Verhältnisse und das stille Weh seiner Gattin verstimmt, scheint Franz Anton nicht allein versucht zu haben, das Erträgniß des Privilegiums durch peinliche Ausübung desselben zu steigern, sondern auch, durch Unverträglichkeit, mit dem Magistrat und den Bürgern der Stadt, in Differenzen gekommen zu sein. Letztere führten zu Beschwerden, als er, im Interesse seiner Rechte, die Marktfreiheit Eutins zu beschränken versuchte und, ganz besonders lustig zum Tanz aufspielende Zigeuner, die ganz Eutin bezaubert zu haben scheinen, zur Stadt hinaus trieb, bei festlicher Einholung der Wittwe des am 6. Juli 1785 verstorbenen Herzog-Fürstbischofs Friedrich August unerhörte Anforderungen für Musikleistungen stellte und oft störend in die Belustigungen der Bürger eingriff.
Die Stellung Franz Anton von Weber's, dessem Sinne die Ausübung der Stadtmusikantenfunktion in der bestehenden Form ohnehin durchaus antipathisch war, wurde dadurch in Eutin eine mehr und mehr unbehagliche. Der neue Fürstbischof Peter Friedrich Ludwig, der Anfang 1786 zur Regierung gekommen und von ihm mit allerlei Bitten behelligt worden war, zeigte sich ihm weit weniger freundlich gesinnt, als sein Vorgänger, auch scheint Franz Anton die Hoffnungen, die dieser in Bezug auf Verbesserung der Musikzustände Eutin's von ihm gehegt hatte, nicht ganz erfüllt zu haben. so daß die Lauheit der Gesinnung für ihn am Hofe sehr fühlbar wurde. – Das Jahr 1786 war ein trauriges für die Familie Weber, die damals im Specht'schen Hause zu Eutin wohnte. Die seelenkranke junge Frau, deren tiefe Melancholie sich noch mit dem Eintritt ihrer Schwangerschaft steigerte, vermochte nicht den häuslichen Himmel aufzuheitern, unter dem Franz Anton verdrossen, oft rauh und schroff, seine Kinder in der Musik unterrichtete und mit steigendem Mißmuthe bei jedem, das heranwuchs, wahrnahm, daß es seine Lieblingsidee, ein musikalisches Wunderkind zu besitzen, nicht in seinem Sinne realisiren werde.
Unter diesen Umständen wurde das Leben in Eutin dem unruhigen Manne zur Last und es war bereits beschlossen, die gesammte Stellung daselbst aufzugeben, ehe weitere Aussichten für die ferneren Lebenswege eröffnet waren. Ein harter Winter vermehrte die Last jener Tage, in deren trüber Mitte, am 18. December 1786, Frau Genofeva von Weber eines Knäbleins genas, das in der heiligen Taufe den Namen Carl Maria Friedrich Ernst erhielt. Taufzeugen waren die verwittwete Gemahlin des verstorbenen, Franz Anton so gewogenen Herzogs Friedrich August, vertreten durch die Hofdame Fräulein du Hamel, und der Statthalter von Schleswig und Holstein Prinz Carl von Hessen (der sich für die Familie Weber auf Empfehlung des Baron Weichs hin interessirte), vertreten durch den Bürgermeister von Witzleben.
Ein wunderliches Dunkel schwebt bei alledem über den eigentlichen Geburtstag Carl Maria von Weber's.
Das Kirchenbuch zu Eutin registrirt seine Taufe am 20. November 1786, wonach, da bei Katholiken die Taufe am ersten oder zweiten Tage nach der Geburt zu erfolgen pflegt, Carl Maria am 18. oder 19. November geboren sein müßte. Gewisse Zeichen und die Stellung der Niederschrift im Buche selbst, lassen aber der Möglichkeit Raum, daß der Monatsname verschrieben sein könne. Eine Notiz von Franz Anton von Weber's eigner Hand, die indeß weder mehr Glaubhaftigkeit verdient, als andre Niederschriften des oft sehr flüchtigen Mannes, die offenbar Unrichtigkeiten enthalten, noch auch den mit römischen Ziffern geschriebenen Monatsnamen sehr deutlich giebt, bezeichnet 1/211 Uhr Abends am 18. December 86 als Geburtsstunde des Kindes. Der Umstand, daß letzteres Datum in der Familie stets als Geburtstag Carl Maria's gefeiert worden ist, giebt der Annahme, daß der 18. December der wahre Geburtstag und der Eintrag im Kirchenbuche ein irriger sei, eine Berechtigung, obwohl auch manche Gründe für den 18. oder 19. November sprechen. In späteren Jahren liebte es Weber, das letztere Datum als echt anzunehmen, da auf diese Weise sein Geburtstag mit dem seiner Gattin Caroline zusammengefallen sein würde. Das Schicksal des Neugeborenen sollte Wandern sein sein Leben lang, das in Unruhe und Noth begann.
