Casablanca Noir Shukran - Nicolina Rizzi - E-Book

Casablanca Noir Shukran E-Book

Nicolina Rizzi

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Beschreibung

»Diese Fragen stellte ich mir vor der Prüfung zum Sekundarschulbeitritt. Wie eine farbenprächtige dicke Seifenblase, die gleich am Zerplatzen ist, war die vermeintliche Intelligenz-Entdeckung jedoch plötzlich futsch. Falsche Ängste und starke Unzufriedenheit waren die Folge. Trotz guter Schulnoten fühlte ich mich zunehmend zwar gescheiter, zugleich aber dümmer. Es folgten zehn Jahre Arbeit an mir selbst, bis ich mit meiner Persönlichkeit wieder zufrieden war. Stonehenge in Südengland? Nein, nicht, dass ich bei dem Anblick eine bemerkenswerte Veränderung meiner Gefühlswelt als Au-Pair gespürt hätte. Ich fand den Besuch dorthin einfach nur interessant. Nach dem Nachtessen auf dem von der Flut umspülten Mont St. Michel hingegen hatte ich bereits ein Jahr zuvor als Au-Pair in Paris einen Erfolg in meiner Angstbekämpfung verbuchen dürfen. Ebenso hatte mich der Aufenthalt in Italien in meiner Gefühlswelt positiv gestimmt. Stark geprägt hatte mich auch folgende Verkündung: Israelis gewinnen den 6-Tage-Krieg. Als ich die Bekanntschaft der Einwohner im Tessin machen durfte, hatte ich allmählich mein gesundes seelisches Gleichgewicht zurückgewonnen. Dass Liebe das Allerwichtigste in meinem Dasein bedeutet, war mir dann spätestens in Marokko bewusst geworden. Eine liebende Seele ist bereits an sich intelligent, gut oder weniger gut funktionierendes Gehirns hin oder her.«

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Die Autorin

Grazie di tutto cuore

Dio, ti ringrazio

Bella, bella, bella, Maria, danke schön

CHALANDAMARZ

Grazcha fich da tuot cour

Merci beaucoup!

Februar 1973

Vi ringrazio! Danke schön! Grazcha fich!

Tante grazie!

SHOKRAN

Schweizer Nationalfeiertag in Nordafrika

Blanca Noir, shokran!

Vielen Dank

Atlantik, shokran!

Schau mir in die Augen, Kleines And play it again, Sam

MAGHREB, SHOKRAN!

ZEIT ZUM NACHDENKEN

Grazcha fich da tuot cour!

Merci. Grazcha fich. Danke schön

Danke. Grazie mille!

Merci de tout notre coeur

Danke schön. Grazcha. Shokran

Shokran

Herzlichen Dank!

Danke schön. Grazcha fich. Merci. Grazie mille.

Die Autorin

Weltweit auf allen Radiokanälen wird die sehnsüchtig erwartete Botschaft verkündet und von überall zu hörenden Friedensglocken bestätigt: der schreckliche 2. Weltkrieg ist zu Ende. Auch bei Anna Braun und Karl Rizzi, beide wohnhaft im Unterengadin, werden Zukunftspläne wieder konkreter. Im Oktober soll eine kurze Hochzeitsreise an den Vierwaldstätter See, an den Lago Maggiore, auf die Brissago Insel und nach Locarno stattfinden. Mit Bummeln an den Seeufern, denn Anna blüht auf wie eine Blume, wenn sie nur schon von Weitem ein Seeufer erblickt.

Ihre Kindheit hat sie in Nairs verbracht, nahe der Trinkhalle mit den Quellen Luzius, Emerita und Bonifazius. Um überhaupt hin und wieder einen Strahl Wintersonne zu erhaschen, ging sie zu Fuß durch Schnee und Schatten bis zum Bahnhof Schuls Tarasp Vulpera hinauf. Nairs und monatelange Sonnenarmut waren das pure Gegenstück zu den herbstlichen Sonnentagen im Süden gewesen.

Und ich? War höchstwahrscheinlich auch mitten drin? Denn neun Monate nach jener Hochzeitsreise, mitten im Sommer und um die Mittagszeit, war ich dazugekommen. Meine Mutter hatte eine Hausgeburt sowohl bei meiner Geburt als auch bei jener meines Bruders. zwei jüngere Geschwister erlebten hingegen die Spitalmethode der 50er Jahre im Engadin: zwei Wochen liegen bleiben im Spitalbett für die Mamas und Abgeschiedenheit im Zimmer für die Säuglinge, außer während der Stillzeit oder beim Taufen am Spitalbett. SPIEL, VERSPIELT, SPIELEN pflegte ich buchstäblich in ganz dicken Buchstaben zu schreiben. Das weite Spielareal bloß als «Spielplatz» zu bezeichnen, nein, das wäre lächerlich. Auch Dank diesem hatte ich eine unbeschwerte Kindheit wie sie im Bilderbuch stehen könnte. Selbst die Schule war für mich eine Art Spiel. Eines um Wissen. Was das Einzige ist, das wir alle einmal mitnehmen dürfen. Müssen, schlimmstenfalls, dann, wenn eine Menge gewaltig dummes Zeug in diesem «Rucksack» liegt, der uns ins nächste Leben begleitet. Gesundes Wissen habe ich nur wenig auf der Schulbank erhalten, hingegen gar manches durch Er-fahren. Ohne Auto. Fahren mit dem Bus, der Tram, der Bahn und nicht zuletzt durch das Gehen. Zu Fuß. Zu Fuß war Großvater aus Deutschland emigriert, bis Genf und schließlich wieder etappenweise zu Fuß ins Unterengadin, wo er meine Großmama kennenlernte. Das Hotel Kurhaus in Nairs hatte damals eine Stelle als Gärtner ausgeschrieben. Das Gärtnern ist doch eine der schönsten und gesündesten Arbeiten, oder? Sie, meine Grossmutter, war Serviertochter gewesen in jenem Restaurant, das später unter einem anderen Besitzer zum bekannten Cafe, Kino, Tanzlokal, zur Konditorei- und Bäckerei Conrad wurde. Die Großeltern unserer Tochter waren ebenfalls zu Fuß gewandert. Von Zagora an der Saharagrenze bis hinauf nach Casablanca um Arbeit zu finden. In der «weißen Stadt» (Häuser in früheren Zeiten waren weiß) habe ich in den 70er Jahren zweieinhalb Jahre gelebt. Unsere binationale Tochter fährt ebenfalls mit dem Bus oder der Bahn oder läuft kilometerlange Wege zu Fuß. Ich, ich habe vor zwölfeinhalb Jahren das viele Zufußgehen mit dem Sitzen im Rollstuhl tauschen müssen. Meine innere Zufriedenheit hat dadurch nicht gelitten.

Grazie di tutto cuore

Entweder meine Kollegin oder ich, eine von uns beiden hängt schon den ganzen Nachmittag immer aufs Neue am Telefon. Schon wieder klingelt es zum x-ten Mal.

«No, Signora, mi spiace» (Nein, Signora, tut mir leid), beantworte ich die Frage der Anruferin. «Der Tenniskurs vom Samstagvormittag läuft bereits seit zwei Wochen, und die anderen sind bereits ausgebucht. Aber Sie können sich gerne für einen nächsten anmelden, falls Sie es wünschen. Wie? … Nein, morgen, Samstag bleibt das Büro geschlossen. Aber Montag ab 8.00 Uhr sind wir selbstverständlich wieder auch für Sie da. Wie bitte? Ach so! Heute Abend? Ja, falls Sie noch heute Abend vorbeikommen wollen: Unser Büro bleibt bis 22.00 Uhr geöffnet. … Besten Dank für Ihr Interesse und bis später, Signora.»

Meine Kollegin gibt mir mit einer Handgeste, einem Kinnerheben und einem Klopfen auf ihre Uhr zu verstehen, was auch mir selber längst klar ist: höchste Zeit, mich zur Post zu begeben, um das Geld nach Zürich zu überweisen. Was einem diese Südländer doch so alles zu verstehen geben ohne Worte, haha! Mit Händen und Füßen sozusagen habe auch ich mir diese Fremdsprache angeeignet, aber das «gute» Italienisch natürlich ebenfalls. Ich hänge mir die Handtasche um, in die ich bereits den Umschlag mit den Einnahmen gesteckt und die ich in der unteren Schublade unseres Bürotisches verwahrt hatte. Aber kaum verlasse ich den Korpus, geht die Tür der Aula für den Italienischkurs auf, und die Schüler treten lautstark ins Sekretariat hinaus. Einige rufen mir «gutes Wochenende» zu, indem sie Richtung Eingangstür gehen; zwei zünden sich eine Zigarette an und verweilen offensichtlich noch ein wenig hier. Nun gesellen sich auch noch die Teilnehmer des Russischkurses dazu, der ebenfalls fertig ist. Die beiden Lehrerinnen, bahnen sich – eine von links, die andere von rechts kommend – eine Öffnung durch die Warteschlange, die bedient werden soll. Bei diesem Stimmendurcheinander verstehe ich anfangs den Namen nicht richtig, als ich mit zwei, drei Schritten zurück doch nochmals zum Hörer greife. Ja, denn meine Kollegin tippt gerade an der Kasse ein; der neue Fahrschüler löst wahrscheinlich noch ein Abonnement, nachdem es nun mal eine Weile gedauert hat, bis die Termine für seine ersten Fahrstunden eingetragen waren. Unsere drei Fahrlehrer sind nämlich recht ausgebucht.

«Drei Eintrittskarten in derselben Reihe sind leider nicht mehr möglich, Signora. Und die vorderen Plätze sind bereits alle ausverkauft. Wie bitte? Die schöne, was?

Entschuldigung, bitte, hier im Sekretariat reden gerade mehrere zugleich. Die schöne Ba… Ba… sagen Sie? Ach so! Ob die schöne Barbara auch dabei sein wird? Kann ich nicht sagen, aber ich denke schon. Aber Signora, sagen Sie mir doch, wollen Sie jetzt drei Plätze für den Vortrag mit dem Herzchirurgen Christiaan Barnard? Ach so. Aber dann überlegen Sie es sich nicht allzu lange. Buona sera, Signora.»

Ein wenig Ellenbogen breitmachen, hier ein «Buona sera», da ein «Buon weekend», und schon bin ich diesmal definitiv draußen. Die Eingangstür zum Sekretariat geht zu, und es sind laute Kinderstimmen im Treppenhaus zu hören. Es sind die Mädchen vom Ballettkurs, der im zweiten Stock stattgefunden hat und eben endet. Drei Schülerinnen im hübschen Tutu, die Ballettschuhe um den Hals hängend, laufen den Müttern davon. Von dieser schlechten Luft auf dem Hin- und zum Rückweg Schulgebäude–Post habe ich buchstäblich die Nase voll. Es stinkt nach Abgasen, weil um diese Zeit die Autos nicht vom Fleck kommen. Zu Fuß bin ich schneller als diese. Ich gehe noch rasch in Pedrinis Bar ein paar Häuser weiter und auf der gegenüberliegenden Seite «unserer» Straße. Der Kellner von dort bringt uns jeweils unseren Kaffee herüber, auch wenn wir telefonisch vom Büro aus bestellen. Mehr als zehn Franken trage ich an Arbeitstagen selten im Geldbeutel, es sei denn Anfang des Monats, wenn ich den Lohn erhalte und mir eine spezielle Ausgabe leiste. Aber nicht an einem Nachmittag wie diesem, wo mir wieder ein Stück meiner Abendpause weggeschnappt wird und die Läden gleich schließen. Aber einen kleinen Bruchteil unserer Arbeitszeit geben wir nun mal her für die «sezione culturale» (kulturelle Abteilung), und dieser dritte Teil unseres Arbeitspensums hat uns bei so vielen Anrufen und Bestellungen für Eintrittskarten für den Vortragsabend mit Christiaan Barnard etliche Zeit gekostet. Die anderen Teile eins und zwei – die Fahrschule mit deren drei Lehrern und einer Vielzahl von Fahrschülern sowie die erfreuliche Anzahl interessanter Kurse – dürfen deswegen ja nicht zu kurz kommen! Heute heißt das für mich: lavoro, lavoro! Arbeit, Arbeit bis mindestens 23.00 Uhr.

Und gleich geht meine Kollegin in den Feierabend. Also einen Toast Hawaii und einen Cappuccino bestelle ich mir dennoch. Für den Bus genügt meine Tagesration an Taschengeld ja noch, und zu Hause kann ich ja morgen wieder zur Haushaltskasse greifen. Bald ist auch wieder Zahltag! Seit 11.00 Uhr ist mein Mittagessen längst verdaut, und mein Magen knurrt. Bis ich wieder im Schulgebäude ankomme, ist auch schon der Kellner von Pedrini da. Im Büro unseres Vorgesetzten, der sich bereits früh verabschiedet hat, genieße ich mein Abendessen und gehe anschließend nach vorne. Ein Weilchen ist vielleicht Ruhe dort, wer weiß? Meine Kollegin teilt mir noch rasch mit, was es mit den Notizen auf sich hat, die sie in der Zwischenzeit an den Rand unseres breiten Pultes geheftet hat. Die Leute dahinter können unsere Zettelwirtschaft im Fall nicht sehen, haha! Gut so! Dann ist es Zeit für sie, ins Wochenende zu gehen.

Der Abend verläuft nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Zwar durfte ich mir genügend Zeit lassen mit dem Erledigen der anstehenden Tätigkeiten. Unser Lieblingslehrer, der mich an Freitagen nach meinem Spätdienst, wenn er seinen Stundenplan für die Fahrstunden im Büro abholt, mich jeweils in seinem Auto nach Hause begleitet, hat sich heute ausnahmsweise nämlich schon um 21.00 Uhr verabschiedet. Also musste ich nicht pressieren, aber dafür heißt es heute Abend dann zu Fuß nach Hause gehen. Dass es jedoch bereits 23.00 Uhr wurde, als ich im oberen Stock die Lichter in den Klassenzimmern löschen ging, hat mich doch langsam ungeduldig gestimmt. Heute hat dort der Judokurs begonnen und in der Aula vis-à-vis der ABC-Kochkurs. Der Koch hat mir ein Dessert gereicht, als ich die Kontrolle der Absenzen bzw. der anwesenden Teilnehmer machte. Die Yogalehrerin besorgt jeweils selber die Kontrolle; das hat mir immerhin etwas Zeit eingebracht, denn sie hatte heute vier Kurse. Unten hatte ich noch, knapp bevor die Kurse endeten, alle Kontrollen hinter mich gebracht, später die vollen Aschenbecher «kontrolliert», Fenster in jeder Aula geschlossen – es waren deren vier besetzt – Rollläden runtergelassen. Eine weitere halbe Stunde ging noch drauf bei der Kontrolle der Einnahmen für den Vortragsabend mit dem Herzchirurgen sowie dem Nachzählen der verbleibenden freien Plätze und Tickets. Und last but not least dem Kassa-Abschluss. Nur gut, der hat auf Anhieb gestimmt!

Unten auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartet offensichtlich jemand umsonst auf jemanden, denn als er mich erblickt, muss er mich gleich erkannt und sich gedacht haben, dass weder vom Lehrpersonal noch von den Kursbesucherinnen jetzt noch jemand aus dem Schulgebäude treten wird. Das ist es ja auch, womit ich mit der Zeit meine liebe Mühe habe: Wohin ich auch gehe, immer wieder werde ich mittlerweile erkannt; man grüßt mich zwar freundlich, und dann möchte man von der «Signorina della scuola club» aber auch wissen, wann etwa der nächste Schwimm- oder Tenniskurs oder, oder und oder beginnt. Der Typ da vorne springt jetzt über die Straße, und ich habe einen Moment das Gefühl, dass der mir nachschleicht. Aber ich täusche mich, er bleibt stehen, während nun ich es bin, die sich auf jene Straßenseite begibt, wo er anfangs gestanden hatte; ich will nämlich dort doch noch rasch einen Blick bei Pedrini tun. Könnte sein, dass Del Don doch noch dort anzutreffen ist. Wir nennen ihn alle bei seinem Familiennamen, und wir alle siezen ihn. Atilio Del Don sagt zu uns beiden hingegen «du» und «tusa» (Mädels). Er ist sehr nett; alle mögen ihn, nicht nur seine Fahrschüler, und meine Kollegin und ich arbeiten bestens mit ihm. Er sei heute noch nicht vorbeigekommen, sagt man mir bei Pedrini; ich solle doch Platz nehmen und noch fünf Minuten warten, vielleicht schaue er doch noch schnell rein. «Aber wir schließen jetzt dann bald, Signorina», meinte die Signora und: Nein, wann der letzte Bus fahre, wisse sie leider auch nicht, aber sie rufe schnell ein Taxi, falls ich das möchte. Ja, möchte ich schon, denke ich, aber ich habe keine zehn Franken mehr im Geldbeutel. Sage ich natürlich nicht; ich würde mich sonst schämen. «Buona notte», wünsche ich und begebe mich zur Bushaltestelle, ein paar Schritte von der Bar entfernt.

Am liebsten möchte ich es nicht glauben, aber leider ist es so; der Mann eilt raschen Schrittes in dieselbe Richtung, geht dann aber auf die gegenüberliegende Straßenseite und macht genau vis-à-vis von mir Halt; Mensch, wie der mich anstarrt, ist nicht normal! Ich warte und warte. Den letzten Bus habe ich bestimmt verpasst. Ich warte ja auch nicht auf den Bus; ich warte nur, dass jener mich schräg anstarrende Kauz endlich abhaut und tue nur dergleichen. Nein, ich warte nicht auf den Bus.

Langsam bekomme ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn der mir auch weiter nachfolgt, wenn ich mich jetzt zu Fuß auf den Heimweg mache? Und das muss ich jetzt. Mein Gott, die vier Etappen, bis ich daheim bin, werden heute kein gemütlicher Spaziergang. Bei dunkler Nachtstunde erst recht nicht. In Gedanken gehe ich die erste Etappe, die gepflasterte breite Gehtreppe, die ich abends gewöhnlich hinaufspringe. Springe. Genau. Nicht «gehen». Mache ich seit zwei Jahren, täglich: einmal hin, einmal zurück. Der Bankangestellte, dem ich hin und wieder auf dem Heimweg begegne, ruft mir manchmal zu: «Eccola, la gazella» (hier kommt sie, die Gazelle!), haha. Nein, zum Lachen ist mir aber jetzt wirklich überhaupt nicht! In Gedanken sehe ich mich beim Überqueren der Hauptstraße: die zweite Etappe. Dann wieder Treppen. Diese Strecken heißen «Mönchstreppe», genauer gesagt «salita dei frati». Dann wieder Hauptstraße überqueren und zur dritten Etappe. Diese Gasse ist schön steil, aber nicht sehr lang. Die vierte Etappe ist kurz: die Fußgängerbrücke, nach der auch die Straße benannt ist, in der ich wohne, nämlich Via al ponte (Weg zur Brücke).

Mir graut bei dem Gedanken, den Weg in der Realität unter die Füße zu nehmen. Ich kehre zurück zur Bar. Ich werde bitten, mir den Rest des Taxitarifs zu leihen, da mir etwa sechs Franken dafür fehlen, aber als ich eintrete, wollen sie gerade schließen bei Pedrini. Del Don sei nicht mehr vorbeigekommen, heißt es. Ja, schade, denke ich und wage nicht mehr die Bitte, ob ich bis morgen sechs Franken ausleihen dürfte. Ein, zwei Schritte hinaus, und schon bemerke ich den Kerl nahe hinter mir. Der hat also wieder den Platz verlassen, wo er eben noch vis-à-vis von mir gestanden hatte. Ich gebe mir einen inneren Ruck und schreite auf die Treppe zu. Ich muss. Furcht hin oder her.

Mit raschen Schritten nehme ich das Treppensteigen auf der salita dei frati in Angriff. Auf der dritten Stufe merke ich, dass er mir buchstäblich auf den Fersen ist. Ich spüre nämlich eine leichte Berührung am rechten Bein. Der Kerl will mich doch hoffentlich nicht zum Stolpern bringen? Meine ängstlichen Gefühle bei Pedrini waren also nicht falsch: Dieser Mann ist gefährlich. Es ist mir klar, dass ich ihm nicht entwische auf dieser Strecke. Es gibt keine Häuser hier. Der erste Hauseingang, wo ich kräftig läuten könnte, ist der, wo ich selber wohne. Was steht mir bevor, bevor ich dort ankomme? Schaffe ich es überhaupt, in diesem Tempo zu gehen bis daheim? Was sage ich mir «gehen»? Springen tue ich doch! Ich bin auf der Höhe der gepflasterten Terrasse der Kapelle angelangt. Nun noch ein wenig Tempo, und ich bin bald an der Hauptstraße. Dieser Perverse ist jetzt nur zwei Schritte links neben mir und macht Pause. Ich warte. Ebenfalls. Ich hatte mir vorgenommen, mitten auf der Straße stehen zu bleiben und das erstbeste Auto anzuhalten. Wird das gefährlich in der Dunkelheit? Könnte man mich übersehen, weil ich weder groß bin noch helle Kleidungsstücke trage? Ob mich ein Autofahrer gar überfahren wird? Ich muss sofort die Richtung meiner bangen Gedanken ändern, weil nämlich weit und breit kein Auto in Sicht ist. Du meine Güte! Weder auf dieser Seite noch auf der Seite hinter der Verkehrsinsel. Es ist Mitternacht, nicht Mittagszeit! Wenn ich den frühen Arbeitsdienst habe und mittags jeweils diesen Weg gehe, muss ich nämlich lange warten, bis eine Autoschlange endlich wieder weiterfährt und ich die schlechte Luft voller Abgase hinter mir lassen kann.

Ein paar Schritte zur Verkehrsinsel. Ich warte doch auch hier noch ein wenig, obwohl ich befürchte, dass kein Fahrzeug kommt, da nichts zu sehen, ja nicht einmal zu hören ist. Der Perverse steht schon drüben! Ich muss! Ich muss! Ein paar wenige Schritte von der Verkehrsinsel zur zweiten Treppe. Und schon packt mich der Schurke und versucht, mich in die nicht sehr tiefe Grube zu schieben. Seit Tagen schon sind hier am Rande Leitungsarbeiten im Gange. Ich wehre mich und drücke ihm offensichtlich, nein, offen hörbar, meine kräftigen (nicht langen) Fingernägel in die Hände. Ich höre einen kurzen, leisen Schrei und einen langen Fluch. Mit süditalienischem Akzent. Falsch! Habe ihn wütend gemacht. So laut ich kann, bis meine Kehle streikt, rufe ich «aiuto!» (Hilfe). Aber wer sollte mich hören? Hier gibt es nur eine Villa hinter Mauern und Bäumen. Und auch die Häuser auf der rechten Seite sind ebenso gut versteckt. Es brennt zwar noch Licht hinter einem Fenster, aber die schauen sich vielleicht einen Krimi am TV an. Jedenfalls herrscht völlige Stille. «Falls du die Polizei rufst, bringe ich dich um!», warnt er mich. Falsch! Er ist nur noch wütender geworden. Und er schwitzt an der Stirn. Und atmet fest und laut, widerlich.

Er hebt mir das Kleid hoch und greift an mein Höschen. Ich schaffe es, mit beiden Beinen aus der Grube zu steigen und merke, dass mein Slip zu Boden rutschen will.

Ich weiß noch, dass ich den Namen «Gott» erwähnte; ich glaube, auch etwas von «meinen Engeln» gesagt zu haben, und dass ich dachte: Wie hieß jetzt doch gleich der Amerikaner, der am 4. April vor zwei Jahren ermordet wurde? Gewalt nicht durch Gewalt erwidern, predigte er. Richtig: Martin Luther King, ein Pastor. Sonst kann ich mich an nichts, aber auch gar nichts anderes erinnern.

Es ist alles so enorm seltsam. Sehr, sehr seltsam! Etwas nie Dagewesenes, das ich nicht nachvollziehen kann, dessen Realität ich gar nicht wahrzunehmen vermag.

Ich befinde mich nämlich bereits fast ganz oben an der salita dei frati. Wie ist das möglich? Ich bin doch nicht etwa tot, ohne dass mir dies bewusst ist? Der Möchtegernvergewaltiger schreitet ruhig neben mir die letzten drei Treppenstufen hoch.

Ruhig? Ja, richtig. Ruhig. Ich höre plötzlich auf zu reden. Reden? Ja, was denn habe ich bloß geredet? Seltsam! Ich bin mir 100 %ig sicher, dass ich viel geredet habe.

Und dass der böse Kerl mir zugehört hat. Aber mein Erinnerungsvermögen streikt. Mein Gott, ich habe doch nicht etwa mein Gedächtnis verloren?!?

Nein, nein. Habe ich Gottlob nicht verloren; wie nennt man das: Albtraum, glaube ich? Ich bin doch im Bett und wache eben auf, richtig? Uuuhhh, habe ich etwa verschlafen? Dio mio, ich muss zur Arbeit! Muss ich nicht, nein! Kein Albtraum, schlimmer noch: nackte Realität! Während ich dies realisiere, habe ich schon reagiert und renne fort. Ich renne, und wie! Der Saukerl bleibt ein oder höchstens zwei Sekunden still, dann rennt er mir nach. Vis-à-vis der autofreien Straße vor uns fängt mein letzter Aufstieg an. Diese steile, nicht lange Gasse liegt jedoch einige Meter weiter unten; ich muss also eine schräge Überquerung machen und daher ein Stücklein länger rennen, bis ich die Kurve nehmen kann, wo es dann bergauf geht. Ich wage nicht, den Kopf nach hinten zu drehen. Sehen tue ich ihn somit nicht, aber ich bin mir zu sicher, dass er dicht hinter mir läuft.

Nur dumm, dass ich diese Schuhe mit etwas Absatz anhabe. Barfuß rennen ginge vielleicht leichter? Diese ausziehen und liegen lassen? Kann ich vergessen! Jede halbe Sekunde wäre verschwenderisch. Mir geht fast die Puste aus, so gerannt bin ich noch nie in meinem Leben. Jetzt sehe ich schon die Brücke, aber es geht zuvor noch einige Meter geradeaus. Die schaffe ich jetzt, hoffentlich! Tue ich auch, ohne dass er mich packt. Mit Letzterem habe ich ja auf der ganzen Strecke rechnen müssen. Wenn er mich bloß nicht hier über den Brückenzaun runterschmeißt, überkommt mich eine Sekunde lang der schreckliche Gedanke, als ich in die Brücke einbiege.

Da, ein immenser Lärm drängt durch die dunkle Nacht! Das Getöse des anfahrenden Zuges unter der Brücke stiehlt mir die Chance, dass mich jemand gehört hätte, jetzt, wo nur noch wenige Meter bis zum Wohnblock fehlen, wo ich wohne. Mensch, wenn der Täter mich jetzt über die Brücke schmeißt?! Der Lärm wird kräftiger, der Schnellzug aus Zürich fährt in den Bahnhof ein, sein Pfeifen durchdringt nochmals die Stille. Ich greife nach meiner bereits auf dem Rennweg geöffneten Handtasche und ziehe den ledrigen Schlüsselbund heraus. Im Weiterrasen, geradeaus schauend, steuere ich dem Wohnblock entgegen. Mit Zeige-, Mittelfinger und Daumen öffne ich den Druckknopf, taste im Weiterrennen nach dem dritten Anhänger. Nein, das ist der zweite, falsch! Daran hängt doch der Schlüssel zur Eingangstür der Klubschule. Meine Finger suchen weiter und bringen den Hausschlüssel hervor, bevor ich noch die allerletzten Schritte bis zur Haustür rase. Lieber Gott, lass jetzt sofort das Öffnen des Eingangs gelingen! Keine falsche Bewegung beim Schlüsselhineinstecken! Nicht wie in Träumen, in denen der Schlüssel etwa nicht reinpassen will oder einfach nicht schließt! Drückt der Möchtegernvergewaltiger womöglich im allerletzten Moment noch die Glastür so weit in den Gang, dass er selber mit mir zugleich hineinpasst? Ich halte den geöffneten Türspalt daher ganz eng und schlüpfe hinein. Blitzschnell knalle ich die große Glastür zu und stecke den Schlüssel, den ich zwischen den Fingern halte, ins Schloss. In der nächsten Sekunde muss ich sein wütendes Gesicht draußen hinter der Glastür erblicken, geht es mir durch den Kopf. Dass ich drinnen bin, heil und ganz, ich kann es kaum fassen!

Aber nein, ich muss ihm gar nicht in sein Gesicht schauen, denn hinter der Glastür ist niemand zu sehen! Mein Blick wandert das Stücklein bis zur Brücke: Er ist nicht zu sehen. Mein Blick wandert weiter: Dort ist er! Er steht am Zugang zur Brücke.

Und ich, ich habe mit dem Schlimmsten gerechnet, als ich den Zug hörte. Ist er wieder retour gekrebst, oder ist er mir etwa gar nicht bis hierher gefolgt?

Er schaut in diese Richtung und kann mich jetzt sehen, da das Licht automatisch einen Moment den Hauseingang erhellt. Ich möchte am liebsten niederknien und dem lieben Gott danken. Ich kann es kaum glauben, dass ich mit dem Leben davongekommen bin und dass ich nicht vergewaltigt wurde! Danken kann ich schließlich ebenso gut auch, ohne niederzuknien; ich steige die paar Tritte hinauf und gehe am Lifteingang vorbei auf meine Wohnungstür zu, bevor das Licht wieder ausgeht. In meinem kleinen Korridor greife ich sofort nach dem Lichtschalter, und dann drehe ich zweimal den Schlüssel im Schloss meiner Wohnungstür. Dann lasse ich die Fensterstoren runter in Küche und Wohnzimmer. Ach, zu spät reagiere ich, was ich falsch gemacht habe: Das Licht im Wohnzimmer hätte ich besser nicht angemacht! Falls der Perverse noch dort steht, kann er sehen, hinter welchem Fenster dieses Licht jetzt eben anging. Steht? Nein, stand! Denn spätestens jetzt ist er doch abgehauen, oder?

Meine Kleidungsstücke habe ich ausgezogen, und statt sie auszulüften oder gefaltet über den Stuhl zu legen, lasse ich diese am Boden liegen. Morgen sollte ich sie wegwerfen, oder reut mich das marineblaue Trägerkleid etwa? Ach, nicht mehr lange überlegen! Ab und unter die Dusche! Dann einseifen, einseifen, einseifen! Und duschen, bis der üppige Schaum weg ist. Müde lasse ich mich ins Bett fallen.

Mehr als neun Stunden später erwache ich am selben Tag: Mein Wecker zeigt 10.00 Uhr. Samstags gehe ich meist einkaufen. Auch heute begebe ich mich in den Supermarkt. Seltsam, ich fühle mich bestens gelaunt wie an einem gewöhnlichen Wochenende! Es ist aber alles andere als ein gewöhnliches. Vergangene Nacht ist mir Schreckliches passiert. Wieso habe ich keinen Schock oder etwas Ähnliches? Ich habe gewiss einen; ich spüre ihn nur noch nicht. Ich sollte die Polizei anrufen, aber ich schiebe diesen Gedanken weit weg, sobald die Frage in mir auftaucht: Wie kann ich die Person beschreiben, die mich überfallen hat? Und dann derlei Fragen seitens der Polizei wie etwa, ob ich mich genügend zur Wehr gesetzt habe. Auf keinen Fall gehe ich auf einen Polizeiposten, um zu erklären, wie viele Zentimeter über dem Knie mein Trägerrock reicht! Oder an welchen Körperstellen ich Schürfungen oder blaue Flecken habe? In England war der Minijupe ja bereits voll in Mode, als ich 1966 in Südengland weilte. Ich war damals als Au-pair-Girl einen Sommer lang in einem Hotel am Ärmelkanal tätig gewesen. Heutzutage, 1970, tragen längst viele junge Frauen auch hier Minikleider. Also? Ich werde Carla anrufen, sobald sie Feierabend hat. Im Gegensatz zu mir hat meine Freundin an Samstagen ihren strengsten Arbeitstag. Sie schmeißt mit ihrer Kollegin den Laden von Coop auf dem Monte Bré, und sie wohnt auch dort, hoch oben über dem Lago di Lugano. Ich durfte bereits viele Sonntage in ihrem Haus verbringen. Oft in lustiger, gemütlicher Gesellschaft. Bei fröhlichem Gesang, Lachen, Erzählen, einem Glas Merlot (Wein) und bei Kaffee und Kuchen. Ja, mein Arbeitgeber ist die Konkurrenz von Coop, aber das ist uns beiden völlig egal.

Ein Sonntagmorgen voller Sonnenschein motiviert mich, bereits um 7.00 Uhr aus dem Bett zu hüpfen. Ich freue mich sehr auf den Besuch bei Carla und ihrer Mutter. Es ist das erste Mal, dass ich mich selber bei ihr einlade. Im Allgemeinen kommt schon von ihr der Vorschlag per Telefon. Bis Cassarate nehme ich den Bus. Dort steige ich mit drei weiteren Personen in die Standseilbahn. Diese Leute steigen bereits in Ruvigliana aus. Ich muss in Gedanken schmunzeln, als ich auf die Straße unter mir blicke und danach auf diese engen Gassen, wo ich im Winter mal mit den Skiern runtergefahren bin. Nein danke, das werde ich nie mehr wiederholen! Die Aussicht auf die Bucht von Lugano fasziniert mich jedes Mal wieder aufs Neue! Bei diesem wunderschönen Frühlingswetter kann man die Berner und Walliser Alpen sehen.

Der Monte Bré soll der sonnigste Berg der Schweiz sein. Also wenn es wieder wärmer wird oder besser gesagt heiß, dann werde ich Carla und die gemütliche Gesellschaft bei ihr im Hause ganz sicher nicht draußen antreffen! Die Räume ihres alten Hauses sind durch dicke, alte Mauern und kleine Fenster vor Sonneneinstrahlung sozusagen angenehm geschützt. Im Sommer. Aber anders ist es in der kühlen Jahreszeit. Wenn wir Marroni bräteln, zum Beispiel, setzen wir uns noch so gerne just vor die Feuerstelle.

Die Bahn fährt das letzte Stücklein. Das eben war Montagnola, wo Hermann Hesse wohnte. Also werde ich gleich in Aldesago ankommen. Und da ist sie schon, die Haltestelle. Bis zu Carlas Haus sind es wenige Meter, das letzte Stück Weg ist mit Steinen gepflastert.

Meine Freundin hat mich zuerst etwas erschrocken angeschaut, als ich ihr von dem Überfall berichtete. Sie hat mir dann gleich abgeraten, mit meinem Erlebten zur Polizei zu gehen. Letztere hätte nämlich eine vergewaltigte junge Frau bis zum Gehtnichtmehr mit Fragen und Kommentaren ausgepresst, als das Opfer sich auf dem Posten gemeldet habe. Ob ich davon nichts gelesen hätte, fragt sie mich dann. Jene Person sei nämlich psychisch krank geworden, weil ihr offenbar vorgeworfen wurde, sie sei in jener Nacht nicht seriös gekleidet unterwegs gewesen. Zu kurzes Kleid und so.

Nein, ich habe nichts dergleichen gelesen oder gehört. Ja, und der Täter? Der hätte wahrscheinlich zwei Jahre Knast gekriegt, meint Carla. Aber Genaues habe sie nie mehr gehört seit vorigem Jahr. Mein Gewissen sagt mir, ich sollte den Kerl anzeigen, denn wovon ich verschont blieb, nämlich Vergewaltigung und Mord, könnte ein nächstes Mal schlimm ausgehen für ein anderes Opfer. Oder für mich? Der Täter hatte mir ja gedroht: «Se chiami la polizia, ti ammazzo!» (Falls du die Polizei holst, bringe ich dich um!) Er sagte «rufst»?? Ich habe jedoch «nur» ein Wort, nämlich «Hilfe» geschrien, das heißt «aiuto». Aber «Polizei»? Wieso hat er das gesagt?

Nach dem feinen Mittagessen bleibt es heute Nachmittag ruhig; es spaziert niemand sporadisch herein. Carla und ich genießen den Kuchen somit ohne Gesang, ohne witzige Sprüche und ohne helles Lachen, aber selbstverständlich nicht ohne den Cappuccino. «Mama, es gibt Kaffee», ruft meine Freundin. Ihre Mutter beendet ihren Mittagsschlaf oben auf dem kleinen Balkon. Wir beide wechseln zu einem netteren Gesprächsthema. Das Stück Schokoladentorte mit der reichen Portion Schlagsahne auf dem Dessertteller passt ausgezeichnet dazu. Zum neuesten Stand in Sachen Männer. Den eigenen, versteht sich. Ihr Freund und meiner sind aus derselben Gegend am Comer See, und die beiden sind auch wiederum Freunde.

Die Nachmittagsstunden scheinen langsamer zu vergehen, jetzt, da die Dunkelheit mit Voranschreiten des Frühlings später einbricht. Ein Blick auf die alte Uhr an der Wand lässt mich jedoch wissen, dass ich mich auf den Heimweg machen muss, nur schon weil doch meine Gastgeberinnen ungestört gewiss bald ihr Abendessen zubereiten wollen. «Ich fahre dich heim», meint Carla. Und somit bin ich zur frühen Abendstunde bereits zu Hause.

Dass ich am Montagmorgen derart leichtfüßig und unbeschwert die breiten Treppenstufen der Mönchstreppe hinunterhüpfe, macht mir mehr zu schaffen, als wenn ich schwermütigen Gedanken nachhängen würde. Irgendwie bin ich nicht mehr dieselbe, die ich noch vor drei, vier Tagen war. Was da geschehen ist, sollte bei mir doch zumindest einen seelischen Knacks verursacht haben, oder? Ich mache mir aber jetzt nicht unnötige Sorgen, dass es nicht normal ist, wenn ich nicht normal bin, nicht normal reagiere nach dem, was passiert ist. Basta! Aber damit rechnen, dass sich in vielleicht nur wenigen Tagen mein Seelenzustand nicht mehr so vergnügt und aufgestellt zeigt, das muss ich schon. Oder?

In wenigen Tagen? In wenigen Wochen, vielmehr! Nur gut, hat man keine blasse Ahnung, was die Zukunft uns bringt!!! Die Astrologen, vielleicht, ja, aber auch nur falls der Zufall mitspielt mit ihren Aussagen. Also ich glaube nicht, dass diese voraussagen können, was morgen ist.

Heute Morgen rücken wieder diese doofen, eingebildeten Polizisten heran. Von 8.00 bis 10.00 Uhr haben sie Psychologieunterricht. Morgens gibt’s sonst höchst selten Kurse. Beide, meine Kollegin und ich, bezweifeln einen sichtbaren Erfolg bei dieser Gruppe. Einige scheinen zwar so weit normal zu sein, sobald sie ihre Uniform ablegen und diese an der Garderobe aufhängen. Aber wenn die Schar am Morgen frisch aufmarschiert, geben die meisten – gewollt oder ungewollt – ein arrogantes Erscheinungsbild von sich. Wir zwei Bürogummis – Pardon! Sekretärinnen – sind jedenfalls nicht begeistert von diesen Schülern.

Diese Woche ist meine Kollegin an der Reihe mit Spätdienst. Sie begrüßt mich mit: «Hatten Sie ein schönes Wochenende?» «Schön war nur das Wetter, der Rest ist am Anfang völlig schlecht gelaufen», gebe ich selbstironisch zurück. Später, während eines ruhigen Moments, erzähle ich ihr sehr kurz und sehr kompakt, was mir nach Arbeitsschluss widerfahren ist. Die Reaktion ist ähnlich wie jene von Carla. Meine Kollegin rät jedenfalls ab, diesen Vorfall der Polizei zu melden. «Da müssen noch etliche Psychologiekurse herhalten, bis diese Leute so weit sind, sich zu benehmen, wie es sich gehört», räumt sie ein. «Aber die Gruppe, die am Vormittag da war, besteht diese nicht ausschließlich aus Verkehrspolizisten?», frage ich sie. Sie zieht jedoch die Schultern hoch und weiß es anscheinend auch nicht. Interessiert mich ja eigentlich auch nicht so sehr.

In dieser laufenden Woche mit normalen Arbeitszeiten werde ich die lauen Frühlingsabende genießen können. Der Wetterbericht für morgen verspricht Sonne pur wie heute. Nach einem leichten Abendessen lege ich mich auf den Liegestuhl. Es ist immer noch angenehm warm hier auf dem Balkon. Es läutet. Ist das meine? Meine Wohnungstür? Oder die vom oberen Stock? Bei dieser Musik, die aus der Balkontür von oben an mein Ohr dringt, kapiere ich erst nach dem zweiten Klingeln und gehe an die Sprechanlage. Welche Überraschung! Sandros Stimme. Ich eile hinunter, um die Haustür zu öffnen und lass mich umarmen. Einen Kuss von mir, und wir begeben uns in die Wohnstube, wo ich ihm berichte. Er macht ein entsetztes Gesicht und unterbricht mich sogleich mit der bangen Frage, ob der Verfluchte mich … «Nein, nein», beschwichtige ich ihn. Er atmet erleichtert Luft aus. Ganz viel Luft. So viel wie ein kleiner frisch aufgeblasener Luftballon, der nicht rechtzeitig fest zugeschnürt wird.

Ich hätte dem Kerl doch fest in die Hoden boxen sollen, meint mein Freund. «Dann hättest du ihm bestimmt davonrennen können», sagt er voller Überzeugung.

«Daran habe ich überhaupt nicht gedacht. Aber hätte ich das, so wäre in mir doch wieder blitzschnell der Gedanke aufgetaucht, dass man auf Gewalt niemals mit Gewalt antworten soll. Der Täter wäre nur noch umso wütender geworden, und wer weiß, wie es schlussendlich noch ausgegangen wäre?», entgegne ich. Aber zumindest hätte ich diesem «porco maledetto» (verfluchter Schweinskerl) in seiner Brusttasche nach irgendeinem Schriftstück, etwa seiner Identitätskarte oder gar den Pass fischen sollen, fährt mein Freund fort. «Ja, glaubst du denn tatsächlich, jener porco hätte sich schön ruhig, brav verhalten, falls ich ihn gebeten hätte, seinen Griff von meinen Armen zu lassen, damit ich rasch die Identitätskarte aus seiner Brusttasche hervorholen könne?», gebe ich ihm mit einer blöden Frage Antwort auf seine ebenso blöden späten Ratschläge. «Dai, ora non fare la spiritosa» (Ach komm, spiel jetzt nicht auch noch die Geistreiche), «lasciamo perdere» (lassen wir es sein), erwidert er. Sich mit etwas tiefgründigeren Dingen auseinandersetzen als mit dem eigenen Alltag liegt ihm gar nicht.»

Ach, jetzt ist nicht der Moment, grüblerische Gedankenmuster zu weben. Mein Freund beginnt, mich zu küssen. Und legt mich aufs Bett. Bei Letzterem zeigt er keine Interessenlosigkeit mehr.

Wieso ich ausgerechnet in den vergangenen Wochen immer wieder über den Gedanken gestolpert bin, in welchem Sandros Interesse für das, was ich in meinem Leben tue und erlebe, mit einem dicken Fragezeichen erscheint, um dann unbeantwortet wieder rasch zu verschwinden, habe ich keine Ahnung.

Dio, ti ringrazio

An diesem heißen Sommerabend, einem Samstag, einmal mehr schon wieder, habe ich wahrscheinlich umsonst auf Sandro gewartet. Immer wieder samstags … Nein, nein, nicht dass er mir etwas versprochen und nicht eingehalten hätte. Etwas abmachen oder mich zuvor anzurufen, kommt für ihn ohnehin nicht in Frage. Er schneit einfach bei mir herein, wann es offensichtlich für ihn gerade passt. Ziiik. Ziiik! Ach, das ist mein Bügeleisen; es klingt immer so, wenn man den Stecker zieht. Dieser Tick hört erst auf, wenn das Bügeleisen wieder total kalt ist. Lange bleibe ich nicht mehr auf; die Dunkelheit bricht ein, und vor allem das Bügeln mag ich nicht beenden. Es ist einfach zu heiß und zu schwül dafür. Draußen auf meinem Balkon strecke ich den Zeigefinger in den Mund und halte ihn mit ausgestreckter Hand über das Gesims, um zu spüren, ob um die Ecke vielleicht langsam doch so was wie ein leichter Windstoß zu spüren wäre.

Aber es weht nicht einmal das allersanfteste Lüftchen! So macht es wohl keinen Unterschied mehr, ob ich bei geschlossenem statt bei offenem Fenster schlafe? Ziiik. Ziiik. Ich befolge Sandros Rat, die Storen stets runterzulassen, sobald ich das Licht anschalte. Und zwar ganz. Aber ein klein wenig Luft von draußen muss heute doch sein, oder? Klar, wieso auch nicht? Ich ziehe die Fensterstoren zur breiten Glastür wieder ein bisschen hoch.

Von dem bisschen Schwimmen – falls man dies wirklich als Schwimmen bezeichnen kann – bin ich logischerweise nicht müde. Vor lauter Liegestühlen und ausgebreiteten Decken und Tüchern im Lido sah man heute kaum den Rasen. Und vor lauter Wasserratten im Schwimmbad sah man kaum noch das Wasser. Ziiik. Ziiik. Einschlafen tue ich dennoch bald; damit habe ich selten Mühe.

Ziiik. Ziiik. Oh Gott! Brennt etwas? Alles geht jetzt blitzschnell, schneller als denken und überlegen! Ein erbarmungsloser Ruck aus dem Schlaf – ein unsanfter Schups aus dem Bett – zwei, drei (oder vier?) Temposchritte zum Bügelbrett. Das Herz steht mir jetzt, bitte, bitte nicht still! Mein Blick schafft es gar nicht bis zum Bügeleisen. Ein Geräusch an der Fensterstore hat ihn nämlich dorthin gelenkt. Jemand ist auf meinem Balkon und versucht jetzt, einzudringen. Wieso reagiere ich blitzartig, noch bevor ich denke? Ich greife nämlich nach der Schnur und lasse die Fensterstore mit einem heftigen Ruck runter. Aber er geht nicht ganz zu. Der Eindringling hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich aufwache, und somit nicht schnell genug reagiert, um sich total zurückzuziehen. Sein nackter Fuß (rechter oder linker) bleibt zwischen Boden und Fensterladen eingeklemmt.

Ich schreie jetzt. So laut ich kann. Denke ich. Will ich auch. Aber es kommt nicht der leiseste Ton aus meiner Kehle heraus. Ich probiere nochmals. Es geht nicht! Ich fühle mich, als wäre ich steif wie eine Steinsäule. Ja, ich stehe wie versteinert da. Ob es wenige Minuten sind, ob es mehrere sind? Ob ich eine ganze Stunde steif und starr dagestanden bin? Ich weiß es nicht. Nicht in diesem Moment.

Jetzt aber! Der in einer Sandale steckende männliche Barfuß wird ruckartig unter der einklemmenden Store weggezogen, und Letzterer senkt sich schlagartig. Und laut. Soll ich jetzt rufen, bevor der Eindringling das Weite sucht? Wäre es vielleicht jetzt wieder gegangen, »Hilfe» zu schreien? Aber ich muss gar nicht erst probieren. Ein heftiges, lautes Aufprallen unter meinem Balkon durchbricht die Stille der Nacht, fast im selben Augenblick, wo ein Knistern in Blättern und ein Knacken in den Baumästen zu hören war und jetzt einer Totenstille weicht. Wartet dieser kriminelle Typ ab, ob ihn allenfalls jemand gehört hat? Ich lausche. Oder bleibt er etwa liegen, weil er sich einen Knochenbruch zugezogen hat? Er muss das Weite gesucht haben. Der ist also über den Baum auf meinen Balkon im ersten Stock geklettert! Und über den Baum wieder geflohen. Ich atme tief durch und vergewissere mich, dass ich nicht träume, sondern im Dunkeln vor der Glastür stehe.

Ich muss unbedingt Licht haben. Ich merke, wie ich plötzlich beginne, am ganzen Körper zu zittern. Ja, aber Gott sei Dank kommt wieder Leben, nein, Bewegung zurück in meinen Körper. Das Licht lasse ich brennen und lege mich ins Bett.

Am anderen Morgen werfe ich einen Blick nach unten, kann jedoch nichts Außergewöhnliches in der Umgebung des Gartens unter den Balkonen feststellen. Was sollte ich auch? Ha, jetzt erblickt mich aber der Hauswart, da unten, der mir freundlich wie gewohnt zuruft: «Come sta, Signorina?» (Wie geht es?), und was schwingt der in der Hand? Ha! Einen dicken Ast! «Schauen Sie sich mal das an, Signorina! Welche verrückte Person war das bloß, die diesen dicken Ast heruntergerissen hat? Ist doch wirklich allerhand. Kaum zu glauben!»

Seither sind einige Wochen vergangen, und doch wird mir jeden Abend immer noch mulmig zumute, bevor ich zu Bett gehe und zuvor jedes Fenster schließe, jede Fensterstore total runterlasse. Wofür ich dankbar bin: Einschlafen ist für mich nach wie vor zumindest kein Problem. Ja, dankbar, hm … Dankbarkeit spüren, zeigen, das hat sich in mir drinnen während dieser vergangenen Wochen intensiver und öfter bemerkbar gemacht im Vergleich zu den früheren Zeitabschnitten meines Lebens. Hin und wieder trete ich in eine der Kirchen ein, die auf meinem jeweiligen Heimweg liegt, den ich gerade gewählt habe und knie eine Weile nieder, um zu danken. Aber mittlerweile fehlt mir dazu jegliche Motivation.

Heute trete ich deshalb nur in die kleine Kapelle ein, die auf halber Höhe der Mönchstreppe liegt. Aber nur rasch. Sehr sogar; ich bleibe nur kurz dort drinnen knien. Ein Kapuziner oder Mönch, oder was immer er auch ist, kommt nämlich hinter dem kleinen Altar hervor und setzt sich, nein, kniet neben mir. Also, das ist mir wirklich peinlich! Na ja. Beten werde ich in Zukunft vor allem daheim. Oder auch während des Spazierens in der freien Natur, wieso eigentlich nicht. Ich stehe auf und trete aus der kurzen Bankreihe an meiner Rechten. Klar, denn an meiner linken Seite kniet der Pater. Dieser steht jedoch ebenfalls auf und verlässt die Bankreihe.

Ich eile hinaus in den sonnigen Spätsommerabend.

Über die gepflasterte Kapellenterrasse bis zur Mündung in die Mönchstreppe sind es wenige Schritte, die ich hinter mir habe. Da höre ich, dass der Pater mir doch tatsächlich nacheilt. Womit klappert der denn so komisch? Er schreitet so auffallend laut und raschen Schrittes hinter mir her. Ich halte kurz an, drehe den Kopf. Aber nur ganz, ganz kurz! Oh Schreck, lass nach! Fliehen! Schnell! Mir wird fast übel! Dann renne ich blitzschnell die Mönchstreppe hinauf. Was ich erblickt habe, ist nicht zu fassen!!!

Das, was so seltsam geklappert hat, als er aus der Kapelle trat und als er mir dann schnellen Schrittes gefolgt ist, das sind seine Jesussandalen. Seine Sandalen, ja, seine! Und seine nackten Füße, seine! Er ist es! Du mein Gott! Er ist der heilige Vergewaltiger! Bzw. der Möchtegern so was. Und …? Ein sogar Möchtegernmörder, wer weiß? Hatte er mich doch gemahnt: «Falls du die Polizei rufst, bringe ich dich um.» Ich renne, was der Schnauf hergibt. Erst oben auf der Mönchstreppe halte ich einen Moment an und verschnaufe. Anschließend gehe ich zwar wieder gemütlicheren Schrittes weiter, aber das Adrenalin bringe ich nicht runter.

Vorhin hatte ich doch nur vor, mich beim lieben Gott und seinen Engeln zu bedanken, dass ich vor einer Vergewaltigung verschont blieb. Aber genau dort saß, nein, kniete doch tatsächlich dieses hurenverdammte Sauschwein direkt neben mir! Auf derselben Bank! Nicht auf einer Bank in einem dunklen Park, nein, auf einer Kirchenbank! Am helllichten Frühabend. Im Spätsommer.

Ich fluche und fluche. Leise und laut. Es muss raus, ob mich jemand auf der Straße hört oder nicht. Dieser Kotzscheißheilige wird nächstens wohl von den heiligen Geboten predigen in der Kirche? Und mit seinen dreckigen Pfoten den Kirchgängern die heilige Kommunion spenden? Nachdem diese bei ihm gebeichtet haben, oder wie? Ach, so ein Scheißhund! So einer soll Menschen von ihren schweren oder auch leichteren Sünden erlösen können? Pah! Und er, dieser Kotzscheiß, wird bei seinen Kollegen was wohl sagen, wenn er selber beichtet? Was auch immer, nach der Beichte ist ihm der Weg zum Himmelstor sicher. Hm … Glaubt doch nicht nur er, stimmt’s?

Ich muss fort, fort, klopft es in meinem Hirn. Fort von hier. Fort von Lugano? Diese Mönchstreppe, ich mag sie nicht mehr sehen, nicht mehr gehen! Ich muss morgen darüber nachdenken, ob ich nicht besser von hier wegziehe. Wegziehen von diesem Ort? Dies würde jedoch eine ganze Anzahl von Fragen aufwerfen, und ich muss erst mal darüber schlafen. Morgen um 8.00 Uhr muss mein Kopf wieder leicht sein für die Arbeit im Schulsekretariat.

Meine Kollegin hatte bereits vor zwei Wochen vorgeschlagen, gemeinsam beim Boss vorzusprechen. Sie meinte, wir leisten beide doch sehr gute Arbeit und sollten ihn ruhig bitten, uns eine Lohnerhöhung zu gewähren. Daraus wird aber nichts. Leider. Der Avvocato, so wie alle den Boss ansprechen, sagte kurz und entschieden Nein.

«Ich glaube, ich kündige», habe ich daraufhin zu meiner Kollegin gesagt. Mir macht die Arbeit zwar Spaß, aber finanziell gelange ich so nie auf einen grünen Zweig.

Meine Kollegin bezieht selbstverständlich etwas mehr im Monat als ich. Mein Italienisch ist zwar auch gut, aber längst noch nicht perfekt, dass ich anspruchsvollere Ausdrücke übersetzen könnte. Ja, falls ich morgen Vormittag nicht wieder zu einem anderen Entschluss gelange, werde ich kündigen.

Bella, bella, bella, Maria, danke schön

Maria und ich spazieren der Seepromenade entlang von Lugano Paradiso bis ins Zentrum. Der übermütige Novemberwind fegt Ast um Ast leer. Die fallenden braunen Blätter wirbeln anfangs unentschlossen in der Luft herum, um dann ihren Weg auf der großen Piazza weiterzugehen, wo sie einen weichen und dicken Laubteppich bilden. Dieser wird zum Zauberteppich, fliegt zwar nicht himmelwärts, aber fast meterhoch. Mit schwungvollen Tanzübungen landen Blätter bis unter unseren vom Sturmwind aufgeblasenen Rock. Außer den kahlgefegten Bäumen bemerkt aber wahrscheinlich kaum jemand meine dicke Fallmasche im Nylonstrumpf, die mein aufgeblähter Rock herzeigt. Die Piazza Riforma ist jetzt vollständig mit Laub belegt. Leute, die auf den Bus warten, nehmen den Regenschirm hervor. Glück hat, wer einen bei sich hat. Ich gehöre nicht dazu. Gut, dass Maria einen im Koffer hat. Ja, sie hatte heute ihren letzten Arbeitstag als Gouvernante in einem Hotel und fährt nächste Woche nach Hause. Drei Nächte verbringt sie zuvor noch bei mir. Wir nehmen den Bus, nur schon wegen des Koffers. Aber auch weil der aufkommende Sturm ihr den Regenschirm fast aus der Hand reißt. Hoffentlich wartet der Niederschlag, bis wir vor unserer Haustür ankommen!

Wir hatten Glück! Während Maria uns das Abendessen kocht – sie will immer selber an den Herd, wenn sie bei mir ist –, kracht es dann jedoch fürchterlich im Wolkenmeer. Ein Blitzschlag jagt den anderen. Und die wuchtigen Donnerschläge könnten mir vor Unbehagen fast den Appetit verderben. Nicht so Maria, die Gewitter sogar interessant findet. Aber schon nur dann, wenn sie unter sicherem Dach ist, gibt sie mir auf meine Grimasse hin zu verstehen.

«Hab nochmals vielen Dank für die 100 Franken, Maria! Ohne deine Hilfe wäre ich aufgeschmissen gewesen, glaube mir! 100 Franken hat mir dann noch der Fahrlehrer ausgeliehen. Darf ich ihn überhaupt um Geld bitten? Wird er mir diese große Summe pumpen, oder wird er meine Bitte in den Wind schicken, hatte ich mich bangen Herzens gefragt. Er war tatsächlich so großzügig und hat sie nicht ausgeschlagen. Du glaubst nicht, wie ich tief aufgeatmet habe vor Erleichterung. Es war nun mal unser Fehler gewesen. Meine Kollegin und ich hatten sonst nie Probleme gehabt mit der Kassa. Aus purer Hektik hatte weder sie noch ich den fehlerhaften Einzahlungsschein verrissen. Wir hätten anschließend sofort einen neuen schreiben sollen. Meine Kollegin hatte zwar erwähnt, dass sie eben einen höheren Betrag einkassiert habe, und da Freitag sei und etliche Einnahmen für zwei beginnende Kurse dazukämen, lege sie nachher noch 500 Franken für die Post bereit, damit über das Wochenende nur ein geringer Betrag in der Kasse bleiben würde. Das tat sie dann auch, aber ohne dass ich es bemerkt hatte.

Plötzlich hieß es dann beeilen, beeilen, sonst schließen die Postschalter! Hätte ich nochmals nachzählen sollen? Doch nur wenn das, was meine Kollegin vorhin erwähnt hatte, mir auch tatsächlich ganz frisch im Gedächtnis stecken geblieben wäre, oder? Dann hätte ich logischerweise auch einen neuen Schein ausgefüllt, wäre die Zeit dazu auch noch so knapp gewesen. Der Postangestellte witterte gleich seine faule Chance. Er hatte einen Augenblick gezögert. Ich hatte daraufhin sofort gefragt, ob alles okay wäre. Ja, ja, va bene, va bene cosi, meinte er nickend. Und stempelte den Quittungsabschnitt ab. Und am Abend spät fehlten mir 500.

Oh Gott! Schreck lass nach, ich verzähle mich doch schon zum dritten Mal, redete ich mir ein. Aber, nein. Gezählt hatte ich richtig. Der große Betrag fehlte. Und basta. Am Montagnachmittag dann, als meine Kollegin kam und sich die Schreckensnachricht anhörte, ging sie gleich zum Vorgesetzten, um sich die Quittung der Einzahlung anzusehen. Da war leider alles klar. Also ging ich sofort zur Post, aber dort bestätigte man mir, dass die entsprechende Kassa keinen überschüssigen Betrag aufgezeigt hatte. Der Postangestellte hatte sich dank unserem Fehler bereichern können, hatte die Differenz von 500 Franken gestohlen.

Maria ist der Meinung, dass die Migros doch bestimmt genügend Reserven habe, um derartige Pannen zu regeln. Dass meine Kollegin und ich für die fehlenden 500 Franken geradestehen müssen, erstaunte sie nicht wenig schon damals, als ich ihr von dem Malheur berichtete. Meine Kollegin hatte ebenfalls die Hälfte des vom Postangestellten gestohlenen Betrages aus ihrem Geldbeutel in unsere Kassa gelegt. Mir selber waren damals somit nur noch 50 Franken geblieben, um Esswaren für einen ganzen Monat einzukaufen. Unmöglich! So war ich gottesfroh und zutiefst dankbar, dass es nette, liebenswürdige Menschen um mich gibt, die ich um Hilfe bitten kann!

Maria findet es schade, dass ich deswegen jetzt meine Fahrstunden aufschieben musste. Ja, die müssen halt jedes Mal bezahlt werden, logisch! Auch ich darf nicht etwa gratis in Lugano oder auf der Autobahn herumfahren, nur weil ich als Sekretärin der Schule sozusagen an der Quelle wäre. Genieße ich doch bereits den Vorteil, dass ich hin und wieder meinen eigenen Namen auf dem Stundenplan von Del Don, unserem Lieblingsfahrlehrer, eintragen darf, wenn ich einen anderen Namen ausradieren muss, weil eine Fahrschülerin oder ein Fahrschüler die Stunde zum Beispiel wegen Krankheit absagen muss.

Während der vergangenen Wochen habe ich mein Abo zu fünf Fahrstunden aufgebraucht, und diesen Monat muss ich nun mal jede mögliche Auslage vergessen. Und sparen. Schade. Sonst hätte ich eventuell die Fahrprüfung noch dieses Jahr machen dürfen. Aber Del Don lässt keinen seiner Schüler sich zur Prüfung anmelden, bevor er nicht ganz fahrtüchtig ist. Nun wird es halt Anfang 1971. Mal sehen, was bis dahin geschieht! Bei den anderen beiden Fahrlehrern fliegt eher hin und wieder eine oder einer mehr durch die Prüfung als bei Del Don, aber generell gesehen fahren die Schüler gut mit unserer Fahrschule. Weißt du, Maria, eigentlich habe ich mich nur aus einem einzigen Grund überreden lassen, mit Fahrstunden anzufangen, nämlich weil diese an unserer Schule finanziell sehr günstig sind. Für ein Auto hingegen, uuii, da muss ich noch lange arbeiten und dazuverdienen!»

«Also ich, ich hätte keine gute Lenkerin abgegeben; mir sagt Auto lenken wirklich gar nichts. Und all diese vielen Verkehrszeichen. Wie war überhaupt die Theorieprüfung?», fragt mich meine Freundin. «Nicht ganz leicht, aber ich habe diese gut bestanden. Man durfte wählen zwischen deutscher oder italienischer Version. Ich habe die italienische genommen. Hatte im Frühling ein einziges Mal an unserer Schule den Theorieunterricht besucht, und das auch nur an einem Abend, wo nichts los war im Sekretariat. Wobei mich der Fahrlehrer mehr als einmal am Ärmel zupfte, den Daumen in Richtung Klassenzimmertür wies, um mich somit wissen zu lassen, es warte wieder jemand im Sekretariat auf Bedienung. So musste ich den Unterricht mehrmals unterbrechen und hinausgehen. Ach, zu Hause lerne ich doch viel effizienter und billiger, hatte ich mir eingestehen müssen.

Wir haben einen Schüler, der flog das dritte Mal durch die Theorieprüfung. Es gab dann so was wie einen psychologischen Test, und dann hat er es anscheinend geschafft. Soll ich dir etwas Komisches erzählen? Unten neben dem Schulgebäude liegt doch die feine, bekannte Konditorei, du weißt schon.»

«Saipa, klar. Kenne ich doch. Uuuuh, warte, warte! Ich hole schnell das Dessert. Jetzt, wo du von Konditorei redest», sagt sie und verschwindet im Korridor. «Ich darf keinen Kuchen essen; ich habe wieder zugenommen. Aber du, du magst doch Schwarzwälder Torte, nicht wahr?» Sie kommt mit einer Schachtel zurück. «Und ob ich das mag! Aber drei große Stücke?!», wundere ich mich. «Für morgen und übermorgen. Für dich. Du kannst es dir ja leisten», meint sie gutmütig und beginnt, das Geschirr abzuwaschen. Mir drückt sie ein Handtuch in die Hand. «Du kannst das Zeug abtrocknen», fordert sie mich auf. «Gut, dass du Saipa erwähnt hast, sonst wären die Tortenstücke in der Tasche liegen geblieben. Ja, was war denn mit Saipa? Was wolltest du mir erzählen?», fragt sie.

«Nun, an einem Nachmittag geht die Tür auf, und Del Don bricht stürmisch herein, redet lautstark, als wären wir beide schwerhörig: Wir sollen den Schülern absagen für die nächsten drei Fahrstunden. Subito, tuse (Mädels)!!! Dieser Capomosi mache ihn noch fix und fertig. Das ist der Mann, Maria, der zum dritten Mal durch die theoretische Fahrprüfung geflogen war. Porco, Madonna hatte es lautstark durchs ganze Sekretariat hindurchgetönt. Der sei so was von schwer von Begriff, dieser, dieser … der habe immer noch nicht kapiert, was parkieren heißt. Statt den Rückwärtsgang zum Parkieren habe der Typ mit voller Beinkraft aufs Gaspedal gedrückt. Der Toyota sei mit voller Wucht ins Schaufenster der Konditorei Saipa gerast. Ein heftiger Knall, das kräftige Klirren, dann das Entgegenregnen von Glasscherben. Und der Toyota stoppte im vorderen Teil des Schaufensters, quasi zwischen Cremeschnitten und Schwarzwälder Torte. Er müsse sogleich runter, melde sich jedoch später wieder, hatte er noch gerufen, bevor die Eingangstür mit einem Knall hinter Del Don zuging. Du kannst dir vorstellen, wie die paar Leute im Sekretariat leise geschmunzelt hatten. Ich selber hatte mir impulsiv auch dasselbe vorgenommen, aber es hat nicht geklappt. Statt mich zusammenzureißen, war ich in schallendes Lachen ausgebrochen. Meiner Kollegin erging es ebenso.»

Sie schüttelt lachend den Kopf, begibt sich von der Küche ins Wohnzimmer und lässt sich in den Schaukelstuhl fallen. «Du warst doch im Engadin; wie war die Fahrt?»

«An der Grenze war ich erst einmal schon fertig damit, selber am Steuer zu sitzen. Auf italienischem Gebiet mussten wir selbstverständlich ohne das L weiterfahren. Der Fahrlehrer hat also seinen Sitzplatz mit mir getauscht und blieb am Steuer bis Chiavenna und noch die wenigen Kilometer weiter bis zur Schweizer Grenze.

Danach durfte ich mich wieder ans Steuer setzen, und Del Don brachte das L wieder an. Die Kurven über den Malojapass machten mir Spaß. Endlich mal keine Verkehrszeichen, keine Ampeln, kein Stau wie in der Stadt. Im Oberengadin: no problem. Aber im Unterengadin wurde es mir mulmig in der Magengegend, wenn ich die steilen Abhänge rechts unter uns erblickte. Und der Inn, der fließt im Oberengadin doch recht schön brav und regelmäßig, während er kurz vor der Grenze zu Österreich und Italien bereits zum eher wilden Fluss wird. Auf der Fahrt zu dem Dörfchen Tschlin hätte ich mir dann aber definitiv gewünscht, diese letzten Strecken mit dem Verkehr in der Stadt austauschen zu dürfen, hahaha!»

«Wie habt ihr denn die alte Engadiner Truhe verstaut?», wundert sich Maria. «Nein, nein, du! Del Don wollte sich die Stücke nur anschauen; das mit dem Transport von seinen Antiquitätsstücken regelt er auf anderem Weg. Logisch! Er hat sich auch die alten Truhen, Spinnräder und anderes in meinem Vaterhaus in Scuol angeschaut, aber natürlich nicht um diese zu kaufen. Eine von unseren Truhen stammt übrigens aus deiner Gegend, Maria.»

«Und wo ist was, wie?»

«Ich weiß nicht, was du meinst, Maria.»

«Schkuull sagtest du doch eben. Liegt das in der Nähe von Schuls?»

«In der Nähe ist gut, du! Hahaha. Beides ist ein und dasselbe. Scuol ist der romanische Name. Del Don hat meine Heimatgegend gefallen. Und von unserem Engadinerhaus war er begeistert. Jene Hinfahrt ins Unterengadin und die Rückfahrt nach Lugano hat mir gutgetan. Der kurze Abstecher zu meinem Vaterhaus, das Wiedersehen mit meinen lieben Eltern hat sowohl ihnen als auch mir große Freude bereitet. Und meine Fahrtüchtigkeit hat sich seither um einiges gebessert.

Fahrschülerinnen, Fahrschüler, die nicht die Gelegenheit haben, außer mit dem Fahrlehrer auch mit dem Auto einer anderen Person zu üben – so wie ich auch –, brauchen natürlich viel mehr Fahrstunden. Und mehr Geld. Dadurch, dass mich Del Don gefragt hatte, ob ich Interesse hätte, ihn in meine frühere Heimat zu begleiten, wo er sich einige Truhen ansehen wollte, bin ich zu ein paar Gratisfahrstunden gekommen. Stell dir vor: Eine deutsche Fahrschülerin, die zwar prima durch die theoretische Prüfung kam, ist seit über einem Jahr dran mit Fahrstunden. Sie hat etwa deren 120 gehabt!»

«Wie lange hast du vor, in deiner früheren Heimat zu bleiben, Maria?» «Mitte Dezember muss ich meine Stelle in der deutschen Schweiz antreten. Zuvor möchte ich noch meine Schwester im Berner Oberland besuchen.» «Ahaaa. Bis du nächsten Frühling wieder im Tessin zurück sein wirst, werde ich vielleicht stimmen und wählen gehen dürfen, stell dir vor, Maria!» «Vielleicht? Vielleicht sagst du? Ich hoffe doch schwer, dass eure Machomänner euch endlich das Stimmrecht gönnen!», ist Maria überzeugt.

«Ich bin mir dessen nicht so sicher», widerspreche ich ihr. «Ich erinnere mich noch gut, als mein Vater vor gut zehn Jahren aus dem Haus ging, um zur Urne zu gehen. Er hatte etwa dasselbe gesagt wie du eben. Er fand, das wären doch dumme Männer, die immer noch nicht gemerkt hätten, dass Frauen intelligenter sind als jene Art von Männern, die den Frauen das Stimmrecht verbieten. Anderntags mussten auch meine Mama und ich, zusammen mit meinem Bap (Vater), jedoch die traurige Bestätigung erfahren, dass unser Vorzeigeland Schweiz immer noch fest im Griff der Machos ist. Diese hatten mit ihrem Nein zur Einführung des Frauenstimmrechts ein weiteres Mal über die intelligenten männlichen Bürger gesiegt.

Weißt du, ich glaube schon lange nicht mehr, dass jeder Mann, der im Bundeshaus in Bern redet und entscheidet und redet und redet, auch tatsächlich intelligent ist.

Seit ich mich nämlich in Italien im 1964 als Auslandschweizerin dermaßen schämen musste, weil dort bei den Einwohnern das Thema ‹Initiative Schwarzenbach in der Schweiz› in aller Munde war, hat sich mein Bild von der menschlichen Dummheit total verändert. Und demzufolge logischerweise auch das persönliche Bild, das ich mir seither vom positiven Gegenstück, dem Phänomen Intelligenz, mache. Wenn ich jeweils die Reportagen im italienischen Radio hörte, setzte ich mich immer wieder mit der Frage auseinander: Wieso konnte es so weit kommen in der Schweiz, dass wir im Vergleich zu vielen Ländern auf unserem Kontinent und auf anderen eine derart hohe Anzahl Machos haben, eine Anzahl, welche offensichtlich die Hälfte der männlichen Bürger betrifft.

Während meines Frankreichaufenthaltes musste ich mir das ‹Kompliment› von einem Bankier der Kreditanstalt in Paris gefallen lassen: ‹La Suisse ist ein schönes Land, aber leider habt ihr schlechte Ökonomen.›

Ein großes Glück für unser Land – äh, ich meine jetzt nicht auch deine Länder, sondern nur meines –, dass diese arge Blödheit von jenem Rassisten James Schwarzenbach an der Urne damals verworfen wurde.