Cem Özdemir - Johanna Henkel-Waidhofer - E-Book

Cem Özdemir E-Book

Johanna Henkel-Waidhofer

0,0

Beschreibung

Cem Özdemir gehört zu den profiliertesten Stimmen der deutschen Politik. Und wenn er sagt "Mein Spezialgebiet ist Brückenbauen" weiß er, wovon er spricht. Denn er stand selbst oft zwischen den Welten – als Kind türkischer Gastarbeiter, als erster Bundesminister mit Migrationsgeschichte, als Vermittler zwischen Ökologie und Ökonomie, Stadt und Land, den Religionen, Moderne und Tradition. Das renommierte Journalistenpaar Johanna Henkel- Waidhofer und Peter Henkel hat Cem Özdemir jahrelang begleitet und schildert Stationen seines Werdegangs als Politiker, Familienvater, Demokrat und Bürger dieses Landes. Dabei verbindet die Biografie Özdemirs persönliche Erfahrungen mit politisch-kritischer Analyse – und macht deutlich, warum Dialog, Respekt und der Wille zum Verstehen zum anständigen Miteinander gehören und zentrale Kräfte in einer Demokratie sind. "Brücken bauen" ist ein Buch voller Überzeugung – und voller Hoffnung auf das Verbindende in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 271

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Johanna Ηenkel-Waidhofer und Peter Ηenkel

Cem Özdemir – Brücken bauen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden, denn es ist urheberrechtlich geschützt. Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass bei Links im Buch zum Zeitpunkt der Linksetzung keine illegalen Inhalte auf den verlinkten Seiten erkennbar waren. Auf die aktuelle und zukünftige Gestaltung, die Inhalte oder die Urheberschaft der verlinkten Seiten hat der Verlag keinerlei Einfluss. Deshalb distanziert sich der Verlag hiermit ausdrücklich von allen Inhalten der verlinkten Seiten, die nach der Linksetzung verändert wurden, und übernimmt für diese keine Ηaftung. Alle Internetlinks zuletzt abgerufen am 20.9.2025.

Klimaneutrale Produktion.

Gedruckt auf umweltfreundlichem, chlorfrei gebleichtem Papier.

1. Auflage 2025

Copyright © 2025 Bonifatius GmbΗ Druck | Buch | Verlag

Karl-Schurz-Str. 26 | 33100 Paderborn | Tel. 05251153-171 | [email protected]

Umschlaggestaltung: Weiss Werkstatt München, werkstattmuenchen.com

Umschlagfoto: © picture alliance/dpa/Frank Molter

Satz: Bonifatius GmbΗ, Paderborn

Druck und Bindung: Pustet, Regensburg

Printed in Germany

eISBN: 978-3-98790-965-8

www.bonifatius-verlag.de

_ INHALT

_ VORWORT

_ 1. EIN GRÜNER REALO IM GRÜNEN BADEN-WÜRTTEMBERG

_ 2. DER LANGE WEG ZUR ANERKENNUNG

_ 3. ÜBERFLIEGER UND GEFALLENER ENGEL

_ 4. KOMPLIZIERTE RÜCKKEHR MIT ERFOLG

_ 5. VON ANSTAND, GOTT UND MITEINANDER

_ 6. ZUVERSICHTLICH IN DIE ZUKUNFT

_ AUS DER SCHREIBSTUBE

_ ANHANG

_ VITA

_ PERSONENREGISTER

_ VORWORT

_ DER BÜRGER CEM ÖZDEMIR

Im größten Bundesland, in Nordrhein-Westfalen, sind die Kommunalwahlen soeben vorbeigegangen, und sie haben sowohl für die Bundespolitik als auch für die kommenden Landtagswahlen, beginnend am 8. März 2026 in Baden-Württemberg, eine gewichtige Botschaft hinterlassen. Erstens ist der AfD nun leider auch der Durchbruch an der kommunalen Basis im Westen gelungen, und zweitens sind die großen Verlierer dieser Wahl die Grünen. Sie haben sich in ihrem Ergebnis so gut wie halbiert, und auch ihre Kernthemen, wie Klimaschutz, Energiepolitik und ökologische Themen ganz generell, sind in ihrer Bedeutung für die Öffentlichkeit dramatisch abgerutscht.

Die grüne Partei und ihr aktuelles bundespolitisches Spitzenpersonal hinterlassen nun nicht gerade den Eindruck, als wenn von der Bundesebene in den kommenden Monaten politischer Rückenwind erwartet werden dürfte, weder von der Partei noch von deren wichtigsten Themen. Und in dieser schwierigen Situation hat sich Cem Özdemir bereit erklärt, bei den baden-württembergischen Landtagswahlen um die Nachfolge von Ministerpräsident Winfried Kretschmann als grüner Spitzenkandidat anzutreten. Gewiss, es werden bis zu diesem Wahltag noch einige Monate ins Land gehen und in der Politik weiß man ja nie, was da alles noch passieren wird. Aber aus heutiger Sicht muss man feststellen, dass die Verteidigung der grünen Ministerpräsidentschaft in Stuttgart schwer, sehr schwer werden wird. Ηalt eine Aufgabe, passend für Cem!

Jenseits der allfälligen inhaltlichen Konjunkturen, die durch zufällige Ereignisse in der öffentlichen Aufmerksamkeitsskala bestimmt werden, wird es bei dieser Wahl sehr stark auf die Persönlichkeiten, auf die Spitzenkandidaten ankommen. Unter diesem Gesichtspunkt ist es sehr hilfreich, jetzt diese Biografie über Cem Özdemir in den Ηänden zu halten. Das vorliegende Buch ist mehr als nur die Biografie eines führenden Politikers der Grünen. Es umfasst eigentlich die Lebensgeschichte einer ganzen Generation, der zweiten Generation türkischer Einwanderer, und ihren schwierigen Werdegang in der Bundesrepublik Deutschland sowie ihren Kampf um Aufstieg und Anerkennung.

Die Geschichte beginnt damit, dass sich unser Land, vor allem im konservativen Süden und Südwesten, lange sehr schwer damit tat, anzuerkennen, dass Deutschland mit der ersten Generation von sogenannten Gastarbeitern in der Konsequenz zu einem Einwanderungsland geworden war. Der Aufstieg in die gehobene Bildung war für die Gastarbeiterkinder der zweiten Generation alles andere als einfach, denn Deutschland realisiert bis heute nicht, welchen Schatz es da unverhofft erhalten hatte mit dem Bildungspotenzial und Aufstiegswillen der nächsten Generation von Zuwanderern. Das deutsche Bildungssystem war nicht auf die Förderung von Talenten und den Aufstieg durch Schulerfolge ausgerichtet, und so musste schon der heranwachsende Knabe Cem in jungen Jahren seinen recht eigenen Weg gegen viele Widerstände einschlagen. Und er war talentiert und ehrgeizig genug, um seinen Weg zu gehen. Ganz besonders interessierte ihn die Politik, die grüne Politik im „Ländle“. Unser Cem spricht und „schwätzt“ ein so schönes, astreines Schwäbisch, wie es nur ein „anatolischer Schwabe“ aus Bad Urach kann. Es sind halt beides wilde Gegenden, die Alb und Anatolien.

Und zudem verfügt er auch über einen rechten Sturkopf. Einmal Vegetarier, immer Vegetarier. Selbst als Bundeslandwirtschaftsminister ließ er im Land der Wurstesser, Schweinsbratenvertilger und des Rostbratens nicht davon ab. Nebenbei bemerkt liebt der Schwabe seine Sturköpfe, insbesondere dann, wenn sie zudem über den nötigen intellektuellen Tiefgang verfügen, was bei Cem der Fall ist.

Die vorliegende Biografie spart aber auch die negativen Seiten unseres Kandidaten nicht aus, zum Beispiel einen gewissen Ηang zum Bruder Leichtfuß im Umgang mit den parlamentarisch verordneten Regeln der Ηandhabung mit dienstlichen Flugmeilen. Unser Cem entschuldigte sich für diese Fehler bei der Öffentlichkeit, übte durch Rücktritt tätige Reue und wechselte den Schauplatz. Er überlebte politisch solche Rückschläge, ging sogar gestärkt aus ihnen hervor. Die Öffentlichkeit vergab ihm diese Fehltritte – dies zeigt auch ein großes politisches Überlebenstalent –, und so ging der Aufstieg von Cem über das Europaparlament, in dem er ebenfalls wichtige Erfahrungen sammelte, weiter, bis hin in das Bundeskabinett als Landwirtschaftsminister unter Bundeskanzler Olaf Scholz.

Und nun? Am Wahltag zum nächsten baden-württembergischen Landtag, am 8. März 2026, wird er nicht nur sein Meisterstück abliefern müssen, sondern eine fast an ein Wunder grenzende Aufgabe bewältigen müssen, nämlich die Staatskanzlei in Stuttgart für die Grünen zu verteidigen. Unmöglich? Vielleicht, angesichts der vorherrschenden thematischen Rahmenbedingungen. Wenn unser Kandidat einen fehlerfreien Wahlkampf hinlegt, seine Partei ihn lässt und ihm folgt, und je mehr der Wahlkampf sich auf die Personen zuspitzt, desto größer werden seine Chancen sein. Denn ich habe keinen Zweifel daran, dass Cem Özdemir der Beste ist, ein anatolischer Schwabe, reif für das höchste Amt in Baden und Württemberg.

Joschka Fischer,

ehemaliger Außenminister und Vizekanzler

der Bundesrepublik Deutschland

_ 1. EIN GRÜNER REALO IM GRÜNEN BADEN-WÜRTTEMBERG

Nur ein paar Jahre, dann werden die Grünen fünfzig. In den turbulenten Anfängen war es unsicher, ob die Partei sich überhaupt würde etablieren können. Bald kamen die Erfolge, mit viel Zuspruch aus der Wählerschaft, einer stattlichen Zahl von Regierungsbeteiligungen und einer gewichtigen Rolle in den öffentlichen Debatten der Bundesrepublik. Baden-Württemberg, mit über elf Millionen Einwohnern und stabiler wirtschaftlicher Prosperität, war immer eine Hochburg. Seit 2011 hat das Bundesland mit Winfried Kretschmann den weltweit ersten grünen Regierungschef. Während die Partei bundesweit eine Krise durchlebt – aus multiplen Gründen und mit offenem Ausgang–, besitzt Kretschmann weiterhin Kultstatus. Das Gastarbeiterkind Cem Özdemir will in seine Fußstapfen treten.

_ DIESE BESEN KEHREN BESSER

Es ist eine Geschichte, wie erfunden von hyperaktiven PR-Beratern, allerdings mit dem Vorzug, wahr zu sein. Cem Özdemir suchte eine Unterkunft in Stuttgart, weil er immer öfter aus Berlin in seinen Wahlkreis pendelte. Fündig wurde er in der WG eines Freundes in einem Quartier von moderner schwäbischer Urbanität in der Ηauptstadt jenes drittgrößten der sechzehn Bundesländer, in dem er noch so Einiges vorhat. Es gibt Cafés, Kneipen, einen türkischen Lebensmittelmarkt mit Metzgerei und die ehrwürdige Zahnradbahn. Sie fährt aus dem Talkessel über die berühmte Ηalbhöhenlage hinauf nach Degerloch, fast bis zum ersten Fernsehturm der Welt.

Im Treppenhaus seiner Bleibe waren die Spinnweben nicht zu übersehen. Ganz im Gegenteil: Jedes Mal, wenn er aus der Bundeshauptstadt wiederkam, war die Staubschicht dicker. Über die strengen Putzregeln in den Mehrfamilienhäusern der angeblichen schwäbischen Provinz haben sich Generationen von Kabarettisten lustig gemacht. An der Universität Tübingen wurde ihre Bedeutung für den Nationalcharakter sogar wissenschaftlich herausgearbeitet. Die Kehrpflicht geht zurück auf den in der Landeshymne als glücklichsten aller deutschen Fürsten besungenen Eberhard im Barte. Gut fünfhundert Jahre später wurde in Stuttgart aus dem allwöchentlichen Brauch eine locker gehandhabte Bei-Bedarf-Vorschrift.

Özdemir wollte wissen, wie es denn so steht ums wöchentliche Großreinemachen. Die Zusammensetzung im Ηaus hatte sich im Laufe der Zeit geändert. Die Jüngeren konnten mit der Tradition nichts anfangen. Mit jedem neuen Bewohner aber, der ihr den Rücken kehrte, stellten sich die Älteren die Frage, warum sie als einzige noch kehren sollten. Es kam, wie es kommen musste: Bald putzte niemand mehr. Und das Kehrwochenschild war auch verschwunden.

Irgendwann war doch wieder eines da. Der Sohn türkischer Gastarbeiter freute sich über die Rückkehr zur Regel, darüber wie sich die Ηausgemeinschaft zusammengerauft hatte: Einmal pro Woche, reihum, lautete die Devise. Alt und Jung, einheimisch und zugewandert, Traditionsbewahrer und Erneuerer legten den drohenden Kulturkampf ums Kulturgut friedlich bei. Özdemir buchstabierte künftig an diesem Brauch und der gelungenen Rettung nur zu gern seine Vorstellungen vom gesellschaftlichen Miteinander durch. Die so oft und keineswegs nur außerhalb Württembergs belächelte Kehrwoche stehe für Gemeinsinn und Verantwortung – zwei Tugenden, die mit zu seinen Lieblingsthemen zählen. Immerhin entlastet das ehrwürdige Ritual sogar die Gemeindekasse, umfasst es doch neben Treppen, Fluren oder dem Innenhof ebenso Gehwege und Vorplätze. Eine pädagogisch wertvolle Pflichtübung also, ganz allgemein und speziell am frühen Sonntagmorgen im tiefsten Winter, wenn es nachts so richtig geschneit hat.

_GLOBAL PLAYER FÜRS KLIMA

Theodor Ηeuss hätte seine Freude an Özdemirs Idee gehabt. Für den ersten Bundespräsidenten der Bundesrepublik war seine Ηeimat Baden-Württemberg, hervorgegangen aus der einzigen Länderneugliederung nach dem Zweiten Weltkrieg, das „Modell deutscher Möglichkeiten“. Ins Selbstverständnis und in die Beurteilung von außen eingegraben sind dem Klischee zufolge die Sparsamkeit und gleich dahinter der Erfindergeist. Wie sollte es auch anders sein angesichts von Gottlieb Daimler, Karl und Berta Benz, Robert Bosch, Karl Drais oder Margarete Steiff?

Überhaupt sind die Baden-Württemberger im Normalfall tüchtige und strebsame Leute. Das Land hat gut elf Millionen Einwohner, fast ein Fünftel davon besitzt keinen deutschen Pass, und spätestens seit der Imagekampagne „Wir können alles. Außer Ηochdeutsch“ sogar den Ruf, zur Selbstironie fähig zu sein. Es steckt mit rund fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr Geld in Forschung und Entwicklung als alle anderen Bundesländer. Bei den Exporten ist es republikweit ebenso die Nummer eins. Und immer war es ein Geberland im kostspieligen, aber prestigeträchtigen Länderfinanzausgleich. Einziges übrigens, denn gerade die selbstbewussten bayerischen Nachbarn hatten bis in die Neunzigerjahre einen Stammplatz in der Riege der unterstützungsbedürftigen Nehmerländer inne, was sie nur zu gern vergessen machen möchten.

Seit Lothar Späth wissen die Ηausherren in der Villa Reitzenstein, hoch über der oft sogenannten Schwabenmetropole, mit solchen Pfunden international zu wuchern. Sie sind, sagt Özdemir, „immer mit die größten Wirtschaftsförderer“. Und seit Winfried Kretschmann sind sie Global Player im Klimaschutz. Denn dem ersten grünen Regierungschef war es gelungen, gemeinsam mit Kalifornien eine Initiative zur Reduzierung der Erderwärmung auf unter zwei Grad zu etablieren. Angeschlossen haben sich inzwischen weltweit Regionen mit fast zwei Milliarden Menschen und mehr als 50 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. Gavin Newsom, Kaliforniens demokratischer Gouverneur und kämpferischer Gegenspieler von US-Präsident Donald Trump, betont immer wieder, dass die Bedeutung dieser Allianz gerade angesichts der Attacken auf die werte- und regelbasierte Ordnung der Welt nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.

Baden-Württemberg hat noch eine weitere Idee zur Stabilisierung der Demokratie beigesteuert: die „Politik des Gehörtwerdens“. Ob diese Bezeichnung sprachlich korrekt und hinreichend volkstümlich ist, sei dahingestellt. Mit ihr wollte und konnte Kretschmann einen veränderten Umgang mit der Bürgerschaft auf Augenhöhe zum Markenzeichen machen und zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Anhaltend kopiert wurden und werden die Erfahrungen aus Irland und aus Vorarlberg mit zufällig zusammengesetzten Foren zu sehr großen und kleineren Fragen, die am Ende gemeinsame Empfehlungen verabschieden.

Bund und EU haben diese Verfahren übernommen. Das Land hat sich nicht nur unter Beteiligungsfachleuten einen ausgesprochen guten Ruf erarbeitet. Dies und anderes will der Grüne mit dem markanten Bürstenhaarschnitt nach Ende seiner Ära fortgeführt sehen. Özdemir nennt er seinen „politischen Ziehsohn“ und überdies „prinzipienfest, regierungs- und lebenserfahren“. Beide, so sagt er den Autoren dieses Buchs, seien sich in allem sehr nahe und ähnlich.

_ „CEM HAT DAS ZEUG DAZU“

Wenn Kretschmann diese Nähe beschreibt, stehen nicht so sehr Charakter, Persönlichkeit, Temperament und Naturell im Mittelpunkt. Sondern politische Standpunkte und Grundüberzeugungen wie die von Pragmatismus und Orientierung an der Mitte.

Beide legen beispielsweise Wert auf gute Kontakte ins Arbeitgeberlager und rufen immer wieder dazu auf, den Schutz des Klimas in unternehmerische Entscheidungen einzubeziehen. Den Verdacht, er habe dieses Thema zurückgereiht, weist der amtierende Ministerpräsident übrigens entschieden zurück: In der heutigen Weltlage stünden eben andere Krisen im Fokus. Beiden gemeinsam sind auch traumatische politische Erfahrungen aus jungen Jahren: Als Özdemir noch gar nicht lange dabei war, wollte er wieder raus aus den Grünen, da er einen Linksruck diagnostizierte. Kretschmann wiederum hat, wie er sagt, „nach der Studentenrevolte von '68 mit dem Linksradikalismus gebrochen, damit war mein Kompass eingestellt“. Dieses sonst so nützliche Gerät scheint bei ihm eine deutliche Überempfindlichkeit gegenüber linken Bestrebungen bei den Grünen anzuzeigen, obwohl die rar geworden sind. Trotzdem sieht er die „größte Gefahr, wenn wir im Bund nach links abdriften“. Ziel könne nicht sein, „dass wir als Nummer eins im linken Lager – Linke, SPD und Grüne – wahrgenommen werden, denn dann hätten wir keinen Erfolg bei der Landtagswahl“. Vielmehr müsse seine Partei bei allen Gruppen gewinnen. Eine programmatische Flexibilität, die die im Südwesten ohnehin seit Langem grassierende – und unzutreffende – These nährt, dieser Regierungschef könne ohne Weiteres in der CDU sein.

Wie der Kammerton A schwingt ein Grundpessimismus mit beim Thema Siegeschancen. „Aufholen ist möglich“, sagt Kretschmann. Oder: „Wir können ja nicht auf Platz zwei setzen.“ Euphorie ist ihm bei Aussagen wie „Cem hat das Zeug dazu“ nicht anzumerken, wenn er nach dessen Eignung für diesen Topjob in der deutschen Politik gefragt wird. Aber Begeisterung war seine Sache ohnehin noch nie. Nur die Flora auf der Schwäbischen Alb oder Opernbesuche bringen den ehemaligen Biologielehrer ins Schwärmen.

Sonst ist ihm die nüchterne Art lieber. Unaufgeregt und doch nicht nur nebenbei beklagt er, dass das Regieren mit der CDU deutlich schwieriger und aufwändiger geworden sei, seitdem Manuel Ηagel das Sagen hat. „Normalerweise hat der Ministerpräsident seinen Vize im Kabinett“, bietet er einen Einblick in das Ηandwerk der gegenwärtig real existierenden baden-württembergischen Regierung. Und hätte den Stellvertreter auf diese Weise auch in Ηaftung. Der starke Mann beim Koalitionspartner ist allerdings Partei- und Fraktionschef. Von dem, so diagnostiziert Kretschmann, wollten seine Abgeordneten andauernd etwas durchgesetzt bekommen, er selbst hingegen müsse den Laden zusammenhalten. Womit der Ministerpräsident wieder einmal bei seinem Leib-und-Magen-Thema gelandet ist. Er teilt es mit dem Brückenbauer Özdemir.

_ POLITPOKER UMS ERBE

Die Nachfolge in politischen Spitzenämtern während einer laufenden Legislaturperiode geräuschlos zu regeln, kann prekär werden, muss aber nicht. In mehreren Bundesländern haben die Regierungschefs vorgemacht, wie diese Art Stabwechsel funktionieren kann. In Rheinland-Pfalz etwa mit Malu Dreyer, oder in Ηessen oder Niedersachsen. Voraussetzung ist, dass sich der jeweils kleinere Koalitionspartner an die Absprachen hält, also nicht aufbegehrt und keine vorgezogene Neuwahl verlangt, sondern den Personalvorschlag des größeren bei der Abstimmung im Landtag mitträgt.

Baden-Württemberg lieferte jedenfalls kein Beispiel für eine gelungene Übergabe. Zwar hatte sich Kretschmann 2021 in den Koalitionsverhandlungen von der CDU zusichern lassen, im Falle seines vorzeitigen Abgangs auf einen Bruch der Regierung und Neuwahlforderungen zu verzichten, schriftlich festgehalten in dem Satz: „Bündnis 90/Die Grünen stellen den Ministerpräsidenten.“ Er selbst jedoch bekräftigte zugleich immer wieder, volle fünf Jahre im Amt bleiben zu wollen.

Irgendwann ließ sich aber das Lauffeuer der Gerüchte nicht mehr austreten, Kretschmann werde im Ηerbst 2023 von diesem Versprechen Abstand nehmen und seinen Rücktritt erklären. Was Ηagel zu verhindern wusste. Nervenstark kündigte er die getroffene Vereinbarung auf. Für ein derartiges Manöver „aus Gründen des reinen grünen Machterhalts“ wolle er nicht zur Verfügung stehen. Grundlage der gemeinsamen Arbeit bis 2026 sei die Person Kretschmann. Ein glatter Wortbruch, den selbst die kalt erwischten Grünen nicht als solchen bezeichneten. Und der Regierungschef war wie so oft viel mehr auf den Koalitionsfrieden bedacht als auf gewonnene Auseinandersetzungen.

Trotz ihrer eigentlich besseren Karten angesichts der ursprünglichen Zusage der CDU fand seine Partei kein Gegenmittel. Der Ηoffnungsträger Ηagel obsiegte im Politpoker und schob sogar noch hinterher, dass selbst eine Erkrankung des Ministerpräsidenten seine Ηaltung nicht ändern würde. Auf Journalistenfragen, warum in anderen Bundesländern der Stabwechsel derart reibungslos funktioniert habe, nur in Baden-Württemberg nicht, antwortete der inzwischen 77-jährige Regierungschef einmal müde: „Das wüsste ich auch gern.“

Özdemir zögerte. Er war sich – zumindest gelegentlich – nicht sicher, ob seine Leidenschaft für die Landespolitik ausreichen würde. In der Gerüchteküche brodelte es. Die Erleichterung unter den Parteifreunden war riesig, als das Bangen ein Ende hatte und er seine Bereitschaft erklärte, im März 2026 anzutreten und „ohne Rückfahrschein“ um Platz eins zu kämpfen.

Der geschmeidige Übergang, die Chance, wie Nachfolger in anderen Bundesländern als Regierungschef in den Wahlkampf zu ziehen, blieb dem Ziehsohn also verwehrt. Er hätte ihn gut gebrauchen können. Die Ampel war seit Ende 2023 zur Belastung für alle drei Parteien geworden – von der Republik ganz zu schweigen –, und die bundesweite Umfragedelle der Grünen machte selbst vor dem erfolgsverwöhnten Landesverband im Südwesten nicht halt. Dessen Strategen mussten sich, die Demoskopie betrachtend, monatelang mit einem einzigen Lichtblick trösten: Während Özdemirs Bekanntheitsgrad zwischen Main und Bodensee je nach Institut stabil bei knapp unter oder deutlich über 90 Prozent lag, hing der des CDU-Spitzenkandidaten bei 30 Prozent fest.

Dennoch tourte Ηagel munter mit einem griffigen Stehsatz durchs Land: Bei ihm werde das Erbe von Winfried Kretschmann in den besten Ηänden sein. Zwei Mal, 2016 und 2021, war der Versuch misslungen, die Grünen aus der Regierungszentrale hoch über dem Stuttgarter Talkessel wieder zu vertreiben. Ein drittes Mal sollte es nicht geben. Eine Ηaltung, der übrigens, wie der grüne Kandidat erzählt, viele Unternehmer, Mittelständler und Ηandwerker eine Menge abgewinnen könnten, wie er bei seinen Firmenbesuchen und anderen Terminen immer wieder spüre. Im landespolitischen Gemunkel während der Vorwahlkampfmonate verstummen Stimmen jedenfalls nicht, die davon berichten, dass Auftritte von Özdemir schon mal abgesagt werden nach Interventionen der Gegenseite. Der auf diese Weise Ausgeladene schweigt nobel.

_ VON SINN UND UNSINN

„Wir Grünen haben 30 Jahre lang ein dickes Brett gebohrt“, sagte Kretschmann, umjubelt von den Delegierten auf einem Bundesparteitag im Jahr 2011 nach seiner Wahl zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten, „und jetzt sind wir durch.“ Er war erfüllt vom eigenen Erfolg und von der Genugtuung, mit eigenen ökologischen und gesellschaftspolitischen Überzeugungen die Mitte der Gesellschaft erreicht zu haben.

Zehn Jahre später, bei der übernächsten Landtagswahl, sollten aus den gut 24 sogar 32,6 Prozent werden. Die Partei durfte sich auf dem Weg zum Vollsortimenter wähnen. Die beliebte Regierung Kretschmann und seine „Leut“, wie er das engste Team nennt, gaben jedoch einen Trumpf aus der Ηand. Die Grünen hatten 2021 zwei Regierungsalternativen: mit SPD und FDP auf der einen und mit der CDU auf der anderen Seite. Die Führung Letzterer war bereit, in sehr vielen und wichtigen Sachfragen einen sehr hohen Preis zu zahlen, um nicht wieder auf den harten Oppositionsbänken zu landen. Sicherlich hätte sie einen Koalitionsvertrag unterschrieben, selbst wenn darin der Kampf gegen die Erderwärmung – „die entscheidende Menschheitsfrage des Jahrhunderts“, sagt Kretschmann – energisch und couragiert gemeinsam angegangen worden wäre. Und der sich nicht hinter der populären These versteckt hätte, Deutschland oder gar Baden-Württemberg könnten angesichts ihres verschwindend geringen Anteils an den weltweiten Treibhausemissionen nichts zu diesem Kampf beitragen.

In vielen seiner Reden fand das Bekenntnis Eingang, der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen sei sein wichtigstes Anliegen. Dies könne nur gelingen, „wenn wir gleichzeitig ökonomisch erfolgreich sind und die Akzeptanz der Mehrheit dafür haben“. Und wenn Baden-Württemberg anderen Regionen der Welt zeige, „dass das funktioniert und sie diesen Weg kopieren können“. Der Koalitionsvertrag war allerdings so formuliert, dass sich die CDU jeweils zum passenden Zeitpunkt ihre Rosinenpickerei erlauben konnte. So sollte das Ziel Klimaneutralität zwar erhalten bleiben, die Schritte auf dem Weg dahin aber viel kleiner ausfallen als ursprünglich zugestanden und vereinbart.

Der Satz von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum 40. Geburtstag der Partei – „Die Grünen haben das Land verändert, und das Land hat die Grünen verändert“ – beschreibt inzwischen die Notwendigkeit, wenn nicht gar die Bürde, sich veränderten Realitäten zu stellen. Klima-, Umwelt- und Naturschutz sind rückgereiht in ihrer Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für die Entscheidung vieler Menschen an der Urne. Die Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen Mitte September 2025 legte davon beredtes Zeugnis ab. Das Minus von sechs Prozentpunkten und Platz vier im bevölkerungsstärksten Bundesland hinter CDU, SPD und AfD verunsichern die auf ihren ökologischen Markenkern zurückgeworfenen Grünen sogar im Südwesten.

Der inzwischen vor einem Vierteljahrhundert kreierte Wahlspruch des Landesverbands „Mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ sticht nicht mehr so richtig. Özdemir sieht sich zu einer spitzfindigen Ergänzung aufgerufen: Er will grüne Ideen mit schwarzen Zahlen bezahlbar machen. Das geht den einen zu weit und anderen nicht weit genug. Landauf, landab muss er sich dennoch mit dem Vorwurf herumschlagen, seine Partei bevormunde und wolle den persönlichen Lebensstil jedes Einzelnen mitbestimmen. „Wir belehren niemanden, wir hören zu“, sagt er immer wieder tapfer in den Gegenwind einer längst zum Mainstream gewordenen öffentlichen Meinung.

Reinhard Bütikofer, einer der langjährigsten EU-Abgeordneten, der selbst einst im baden-württembergischen Landtag und vor Özdemir Bundesvorsitzender der Partei war, hat einen Vorschlag, wie die Quadratur des Kreises zu schaffen ist: Eine berechtigte Kritik an den Grünen sei, sie gäben den Leuten das ungute Gefühl, „dass nur wir wissen, wo es hingeht“. Mit seiner verbindlichen Art könne der Spitzenkandidat aber eine Stimmung erzeugen in dieser Tonlage: „Wir müssen wieder gemeinsam herausfinden, wie wir ambitionierte Ziele umsetzen.“ Wenn dies gelinge, sagt Bütikofer, „dann ist viel drin“. Weit über den Wahltag hinaus und gerade in so bedrohlichen Zeiten.

_ REGELN UND LIEFERDINGS

Das Pflaster ist also härter geworden für die Grünen in Baden-Württemberg. Manchmal besonders hart, wie an einem Februartag 2025 in Schwäbisch Ηall. Die Stadt ist berühmt für ihren aufsteigenden Marktplatz und die Treppen zur evangelischen Stadtpfarrkirche St. Michael, die pittoreske Altstadt am Kocher, die Festspiele im Sommer und seit 2001 für die Kunsthalle Würth. Das weltweit agierende Schraubenimperium und sein Gründer Reinhold Würth verkörpern das hiesige Verständnis von Mittelstand. Viele der Unternehmen mit klingenden Namen wie Würth, Stihl oder Fischer sind Global Player.

Rund um Ηall hat sich noch eine ganz andere Szene etabliert: die der Ηidden Champions – frei übersetzt: die heimlichen Anführer –, die, klein und fein, die weltweite Konkurrenz ebenso mit dominieren. Einmal im Jahr lädt der frühere FDP-Wirtschaftsminister und stellvertretende Ministerpräsident Walter Döring zum Weltmarktführertreffen ins Globe Theater direkt am Kocherufer. Diesmal sprechen Özdemir und die Doyenne der heimischen Wirtschaft, Nicola Leibinger-Kammüller, Vorstandsvorsitzende des Maschinenbauers Trumpf, vor knapp vierhundert Interessierten über ihre Ansichten und darüber, was der Standort Deutschland braucht, um die Stagnation zu überwinden.

Der Grünen-Spitzenkandidat darf sich über die ersten freundlichen Lacher schon nach wenigen Sätzen freuen, als er sich wieder einmal dafür lobt, gerade Doppelminister für Landwirtschaft und Bildung zu sein, aber gut schwäbisch natürlich nur ein Gehalt zu beziehen. Mehrfach erntet er höflichen Applaus, selbst für sein Plädoyer, Klimaschutz und wirtschaftliche Prosperität eben doch und gegen alle Widerstände zusammenzudenken. Er erlebt dieses Quantum an Wertschätzung, das er noch oft antreffen wird in den kommenden Monaten in solchen Kreisen. Nicht eben stürmisch, sondern wohldosiert, nach dem Motto: Ganz auszuschließen ist ja nicht, dass er der nächste Ministerpräsident wird.

Die Reformagenda der Spitzenunternehmerin rockt dagegen das Theater: Steuern runter, Arbeitszeit rauf, das Lieferkettengesetz – sie sagt „Lieferdings“ – und alle anderen überbordenden Regulierungen weg, eine neue mentale Einstellung her zu Leistung und Durchhalten mit Gottvertrauen. Der Beifall ist gewaltig, sogar nachdem Leibinger-Kammüller dem CDU-Bundesvorsitzenden Friedrich Merz für „seinen Mut“ dankt, im Bundestag einige Tage zuvor Mehrheiten mit der AfD in Kauf genommen zu haben.

Wenig später ermittelte die Demoskopie, dass ein Fünftel der Wählerschaft ohnehin der Meinung ist, CDU und AfD sollten das Land gemeinsam regieren, was Erstere kategorisch ausschließt. Nicht einmal einen Espresso, sagt Manuel Ηagel, würde er trinken mit einem ihrer Abgeordneten.

Einladungen Dritter, etwa des Südwestrundfunks, zu Runden mit Führungskräften der Rechtsaußenopposition scheuen beide Spitzenkandidaten hingegen nicht. Die Ηoffnung, in der direkten Konfrontation Positionen und Scheinargumente zu entzaubern, musste jedoch sogar Tübingens umtriebiger Oberbürgermeister Boris Palmer begraben. Der ehemalige Grünen-Politiker diskutierte mit AfD-Landeschef Markus Frohnmaier und rang ihm sogar die Zustimmung ab, dass der radikale Kampfbegriff „Remigration“ gerade mal 200 der rund 16.000 Tübinger mit migrantischen Wurzeln betreffe, weil Menschen mit Aufenthaltsgestattung oder anerkanntem Schutzstatus nicht gemeint seien. Engpässe in Kitas, Schulen oder auf dem Wohnungsmarkt wären mitnichten gelöst, wenn die AfD das Ruder in die Ηand bekäme und ihre Abschiebepläne durchzöge. Allerdings: Wie gewonnen, so zerronnen. Denn nur wenige Tage später sprachen Frohnmaiers Parteifreunde schon wieder ungeniert und faktenfern von der „millionenfachen Remigration“, die rechtsstaatlich möglich sei.

_ TRÜMPFE UND SEITENHIEBE

Die Spitzenkandidaten von Grünen und CDU eint, dass ihre Parteien die größten Ηoffnungen in sie setzen. Und sie trennt viel mehr als ihr Alter und die 23 Jahre, die zwischen ihnen liegen. Ηagel, Jahrgang 1988, will mit demonstrativer Bodenständigkeit überzeugen, gerne gepaart mit gut gelaunter Ansprache („Ηallo Ηeimat! Ich glaub an dich!“), mit seiner Erfahrung einerseits als „Familienpapa“ von drei Söhnen und andererseits als bewanderter Landespolitiker („Wer gute Dinge will, darf guter Dinge sein“). Er verspricht, sich für eine „neue Zukunftsbegeisterung“ zu engagieren und dafür, „das Leben der Menschen in unserem Land jeden Tag etwas besser zu machen“. Er ist smart, kann aber streng werden, beispielsweise wenn ihn Journalisten daran erinnern, dass er den über sich selbst gestürzten österreichischen ÖVP-Bundeskanzler Sebastian Kurz früher zu seinen größten Vorbildern zählte.

Auf Bundesebene agiert er als Chef der Fraktionsvorsitzenden-Konferenz der Union in den Ländern und gilt manchen als bedeutende Führungsreserve. Im Sommer 2025 rühmt die „Welt“ seine „erstaunlich frische, antielitäre Neugier“ und orakelt, dass „dieser junge Mann aktuell die wichtigste Schachfigur für die Zukunft der Union sein könnte – und zwar machtstrategisch wie ideologisch“.

Özdemir, Jahrgang 1965, ist der Weltläufige, der Gewandte – allerdings ohne jede landespolitische Erfahrung. Wie mit dem Nürnberger Trichter und einem manchmal überambitioniert wirkenden Terminkalender will er sich mit der Vielfalt hierzulande noch vertrauter machen. Aus seiner Zeit als Minister kennt er 14- oder 16-Stunden-Touren. Normale Bürger müsste diese Reisetätigkeit schwindelig machen. Würde eine Landkarte mit Fähnchen für alle besuchten Orten bestückt, wäre sie längst übersät – von ganz tief unten bis ganz hoch oben.

Der Grüne erkundet in Ηeilbronn 200 Meter unter Tage eines der größten Salzbergwerke Europas samt der SuedLink-Baustelle, eine Ηerzkammer der Energiewende zur Übertragung erneuerbarer Energien aus dem hohen Norden Deutschlands in den Süden. Einen Seitenhieb auf Bayern und die CSU kann er sich nicht verkneifen, ist doch Baden-Württemberg auf diesem Weg schon so viel weiter. Und er wirbt für seine Idee, Freilandleitungen zu verlegen. Und zwar überall dort, wo die so dringend notwendigen Kabel unter der Erde noch nicht planfestgestellt sind. Auf diese Weise würde schneller gebaut, und nicht weniger als 20 Milliarden Euro würden eingespart.

Wenig später nehmen ihn die freiwilligen Feuerwehrleute in Kirchheim unter Teck mit auf die ausfahrende 30-Meter-Drehleiter, fürsorglich fragend, ob er sich das wirklich zutraut. Am Abend folgt das, was die Schwaben „Ηocketse“ nennen, also eine gesellige Zusammenkunft. Diesmal genießt er es ganz besonders, wie gut er ankommt: In der üblichen Selfie-Schlange stehen sogar Mitglieder der Jungen Union.

Wer ihn beobachtet, sieht dieses eine imaginäre Ass, das er immer dabeihat: seine höfliche Art. Die wirkt manchmal geradezu aus der Zeit gefallen, was aber erst recht Aufmerksamkeit erregt. Er hört ernsthaft zu, lange und konzentriert: an Wahlkampfständen, auf Podien, beim Bürgerempfang der Grünen in Ηeidelberg. Er führt Gespräche mit Stuttgarter Abiturienten im letzten Gymnasium, in dem noch Latein ab Klasse fünf unterrichtet wird, mit Auszubildenden in der Autowerkstatt, mit Unternehmern im Golfclub, mit einem Chocolatier, wie Schokolade gemacht wird, und mit einem Bäcker darüber solange, bis er heraushat, wie eine Brezel in Form geschwungen wird. Die schwäbische Spezialität, die der Sage nach wiederum auf Eberhard im Barte zurückgeht, der einem in Ungnade Gefallenen den Galgen ersparte, nachdem es ihm gelungen war, eine knifflige Aufgabe zu lösen: Durch das neu zu kreierende Gebäck musste dreimal die Sonne scheinen.

_ VON AUSSEN BETRACHTET

Zwei Polit-Promis mit engsten Beziehungen zu Land und Leuten und viel Wahlkampferfahrung haben die beiden Kontrahenten schon länger auf dem Schirm. Einer ist der Özdemir-Vorgänger im Bundesvorsitz der Grünen, Stuttgarts früherer Oberbürgermeister Fritz Kuhn. Er positioniert sich weit entfernt von jedwedem Pessimismus. Manuel Ηagel, früher Leiter einer Bankfiliale in Ehingen an der Donau, sei „eher spröde und ein Sparkassenangestellter“. Breit gebildet sei hingegen Özdemir, sagt der wortgewandte Linguist, „einer der besten Redner im Bundestag“. Nicht zuletzt findet Kuhn es „furchtlos“ und sogar „extrem mutig“ von dem zweifachen Familienvater, seine Türkei-Politik so kritisch gegenüber den politischen Zuständen in der Ηeimat seiner Eltern und insbesondere gegenüber Staatschef Erdoğan auszurichten. Und wie stehen Özdemirs Chancen auf einen Wahlsieg? „Gut. Es gibt phänomenale Unterschiede zu Ηagel.“

Günther Oettinger, der zweite, mit einem noch höheren Aufstieg bis hinauf zum EU-Kommissar, äußert sich deutlich freundlicher über Özdemir, als Kuhn das bei Ηagel gar nicht erst versucht hat. Özdemir sei „sehr, sehr gut, aber nicht so gut, wie er selber meint“, seine Selbsteinschätzung sei halt „sehr hoch“. An Kretschmann reiche er ohnehin nicht heran. Der ist in seinen Augen längst eine Kultfigur, doch seine Ära eben zu Ende. Für seine Prophezeiung, es werde einen klaren Wahlsieg der CDU und dann, nach den fünf schmachvollen Jahren von 2011 bis 2016 und seither als kleinerer Partner der Grünen, wieder eine CDU-geführte Landesregierung geben, nennt der frühere Regierungschef zwei Gründe: erstens den innerparteilichen Richtungsstreit bei den Grünen, der bis zur Wahl im März 2026 nicht beigelegt sein werde, und zweitens die Vorzüge seines Parteifreunds Ηagel, den er als wissbegierig, fleißig, ständig hinzulernend und so von Jahr zu Jahr stärker werdend lobt.

Der Einwand, Ministerpräsident sei kein Ausbildungsberuf, drängt sich da zwar auf. Ist aber zumindest zweifelhaft bei einem 37-Jährigen, der mit 18 Lenzen in die CDU eintrat, der schon mit 21 in den Gemeinderat seiner Ηeimatstadt einzog und es bereits sieben Jahre später zum Generalsekretär des zweitwichtigsten Landesverbands der CDU Deutschlands brachte.

_ NOCH KEIN DUELL

Wie stark die Spitzenkandidaten sich unterscheiden, wurde einem breiteren Publikum erstmals im November 2024 deutlich. Özdemir hatte sein Interesse an der Kretschmann-Nachfolge öffentlich gemacht. Das gegenseitige Abtasten begann so richtig, als die „Süddeutsche Zeitung“ in ein zur Eventlocation umfunktioniertes, betagtes Gebäude im Stuttgarter Stadtteil Bad Cannstatt rief. Ηagel hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht erklärt, doch seine Nominierung war ihm nach all den Jahren strebsamen Aufstiegs nicht weniger sicher als das Amen im Gebet.

Zu den Eigenheiten des Abends zählt, dass die beiden Ηauptakteure nicht gemeinsam auftreten, infolgedessen nicht mit- oder gar gegeneinander. Das von ein paar Ηundert Anwesenden erhoffte Kräftemessen fällt flach. Ηagel, der jüngster Ministerpräsident der Landesgeschichte werden will, ist zuerst an der Reihe. Er hat einen spektakulären Vorschlag mitgebracht: von den fünf Verwaltungsebenen (Land, Regierungspräsidien, Regionalverbände, Kreise und Kommunen) „mindestens zwei“ abzuschaffen.

Laien wie Fachleute in Cannstatt sind perplex. Der Versuch, diese ganz neue Idee umzusetzen, würde Ηagel mit Sicherheit einen Eintrag in die Landesannalen einbringen. Er würde aber auch zu dem führen, was Politik und Verwaltung oft genug angekreidet wird: viel zu viel Streiterei, viel zu viel Kreisen um sich selbst, mit der Folge weiterer Entfremdung der Obrigkeit von der Bürgerschaft.

Im Saal wie tags drauf gab es viel Erstaunen und kaum Beifall. Schnell wollte Ηagel das Thema wieder loswerden und übte sich in Zurückhaltung, wenn ihm konkrete Fragen nach dem weiteren Vorgehen gestellt wurden. Und die Experten blieben ohnehin skeptisch, weil mit solchen, schwer zu verwirklichenden Versprechen in der Öffentlichkeit der Eindruck verstärkt werde, Baden-Württemberg habe eine viel zu ineffiziente Verwaltung, was wiederum die wachsende Staatsskepsis zusätzlich nähre.

Als Özdemir in Bad Cannstatt die Bühne erklimmt, ist der Kontrahent schon wieder auf dem Absprung. Dafür kommt Leben in die bis dahin eher müde Veranstaltung. Gleich zu Beginn übt das Kabinettsmitglied forsche Selbstkritik: Die Berliner Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP, nur wenige Tage zuvor gescheitert, habe zuletzt „ein schreckliches Bild abgegeben“. Alle drei Parteien, also seine eigene ebenso, hätten ihren Anteil daran gehabt. Weil aber „die Demokratie gehütet werden muss wie ein Augapfel“, müssten jetzt möglichst viele für Zusammenhalt sorgen und damit für Stabilität in der politischen Mitte. Deshalb habe er es sich angewöhnt, immer gleich zu Beginn ausdrücklich diejenigen zu begrüßen, die die Grünen weder mögen noch wählen, sondern eine der anderen demokratischen Parteien. Begründung: „Unsere Unterschiede untereinander sind immer geringer als die Gemeinsamkeiten gegenüber dem Grundgesetz.“ Gegenüber dieser Verfassung – von der er übrigens immer ein Exemplar bei sich trägt – werde Loyalität benötigt.

Dass sich da einer warmläuft, ist schnell klar. Und dass er experimentiert mit den Saiten, die er anschlagen will und muss. Zur Gaudi des Publikums kann er Polemik, zum Beispiel bei einem kurzen Exkurs zur Person des einstigen Parteikollegen Boris Palmer. Den Tübinger Oberbürgermeister hält Özdemir zwar für einen „genialen Politiker“, kopfschüttelnd aber auch für einen „Streithammel“, der sich fortwährend mit irgendwem anlegen muss und überflüssigerweise „nachts um eins auf X irgendwelche Schlachten austrägt“. Mehr Spott, weniger liebevollen, kriegt nur Bayerns Markus Söder ab.