Chagall - Victoria Charles - E-Book

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Victoria Charles

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Beschreibung

Chagall wurde in einer strenggläubigen jüdischen Familie geboren, in der das Verbot, den Menschen bildlich darzustellen, zum religiösen Dogma gehörte. Zwar lebte Chagalls Familie in ärmlichen Verhältnissen, litt jedoch keine Not. Nachdem er zunächst bei der Aufnahmeprüfung für die Kunstschule des Barons Stieglitz durchgefallen war, gelang es ihm, in die von Nikolai Roerich geleitete Schule der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der Künste aufgenommen zu werden. Chagall wählte später als Wohnsitz Paris. In dem Künstlerviertel La Ruche traf er viele Landsleute – u.a. Lipschitz, Zadkine, Soutine und Archipenko –, die, angezogen vom Ruhm der Weltstadt, ebenfalls nach Paris gekommen waren. Bereits in den ersten Schriften über Chagall, die in den 1920er Jahren erschienen, wurde mit Recht behauptet, dass Paris seiner Malkunst den nötigen Schliff gegeben habe, eine sensible Sprödigkeit und Bestimmtheit der Linien, die nun eine sichere und genaue Stimmigkeit mit dem Farbklang bekamen, so dass die Linie gegenüber der Farbe oft zum beherrschenden Element wurde. Chagall besaß von Natur aus eine “stilistische Immunität”, er ließ sich in seinem Schaffen anregen und bereichern, jedoch ohne seinem eigenen Stil untreu zu werden. Er begeisterte sich für das Werk anderer Künstler, lernte von ihnen und streifte seine jugendliche Unbeholfenheit ab, seinen “Archimedespunkt” aber verlor er nie. Bezeichnend ist, dass Kritiker und Forscher in ihren Abhandlungen über Chagalls Kunst häufig zur musikalischen Terminologie greifen. Chagalls Motive und Gestalten verfügen über eine klangliche Wirkung. So erscheint die Farbe als Rhythmus, die Linie als Melodie. Diese Metaphorik entspricht einer Malkunst, die gleich der Musik auf den Begriff der Zeit bezogen ist.

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Seitenzahl: 39

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Autor: Victoria Charles

Layout: Julien Depaulis

ISBN:978-1-78160-720-6

© Parkstone Press International, New York, USA

© Confidential Concepts, Worldwide, USA

Weltweit alle Rechte vorbehalten

Victoria Charles

INHALT

1. Kirchweih, (1908)

2. Selbstbildnis (1909)

3. Die Schwester des Künstlers (Manja) (1909)

Leben und Werke Marc Chagalls

BIOGRAPHIE

1. Kirchweih, (1908),

Öl auf Leinwand, 68 x 95 cm,

Sammlung Wright Judington,

Santa Barbara, Kalifornien, USA.

Leben und Werke Marc Chagalls

Chagall wurde in einer strenggläubigen jüdischen Familie geboren, in der das Verbot, den Menschen im Bilde darzustellen, als Dogma galt. Wer die traditionelle Erziehung in der jüdischen Familie nicht kennt, kann sich keine Vorstellung davon machen, welch einen unbändigen Lebenswillen Chagall bewies, welch eine Auflehnung gegen die herrschende Sitte es bedeutete, aus der ZeitschriftNiwadas Bildnis des Komponisten Rubinstein zu kopieren.

Die jüdische Erziehung ist vor allem religiös, sie gründet sich auf das Gesetz der göttlichen Auserwähltheit und beschränkt sich auf die gottesfürchtige Sphäre. Die religiöse Überlieferung wird dem Kind im Schoße der Familie in mündlicher Form beigebracht. Jedes jüdische Heim erhält seine Weihe von der Liturgie des Wortes.

Chagalls Familie gehörte zur chassidischen1Tradition. Dieses Bekenntnis gibt dem unmittelbaren Verhältnis zu Gott den Vorzug. Das Zwiegespräch zwischen dem Menschen und Jahwe erfolgt ohne Vermittlung durch den Rabbiner. Es vollzieht sich in der Ausübung der vorgeschriebenen rituellen Handlungen unter den Bedingungen persönlicher Freiheit. Der Chassidismus liegt außerhalb der gelehrten talmudistischen Kultur und ist der Synagoge nicht untergeordnet. Historisch gesehen war diese Bewegung in den Dorfgemeinden auf russischem und polnischem Gebiet verbreitet und stützte sich auf das grundlegende, ursprüngliche Element der jüdischen Gesellschaft, die Familie.

Chagalls Vater Sachar war Lagerarbeiter bei einem Heringshändler. Gutherzig, verschlossen und schweigsam, schien er in seiner Person das tragische Schicksal des jüdischen Volkes zu verkörpern. „Alles schien mir an dem Vater traurig und rätselhaft zu sein. Eine unbegreifliche Gestalt“, schreibt Chagall in seinem BuchMein Lebenüber ihn. Die Mutter Feiga-Ita, in Liosno als älteste Tochter eines Fleischers geboren, war das genaue Gegenteil ihres Mannes. Die psychologische Gegensätzlichkeit der beiden Elternpersönlichkeiten ist schon in den ersten Zeichnungen des Sohnes sichtbar ausgedrückt, man erkennt sie in einer Serie von Radierungen, die Chagall 1923 in Berlin im Auftrag Paul Cassirers als Illustrationen zu seinem BuchMein Lebenanfertigte.

In den Elternbildnissen sind nicht nur die persönliche Erfahrung und die Erinnerungen des Künstlers festgehalten; sie personifizieren die zwei gegensätzlichen Seiten des jüdischen Charakters und der jüdischen Geschichte, denen einerseits eine demütige Resignation und Gottergebenheit und andererseits ein zuversichtlicher, tatkräftiger Wille eigen ist, mit dem sich ein unerschütterlicher Glaube an die göttliche Auserwähltheit verbindet. Marc hatte einen Bruder und sieben Schwestern: David, dem ein früher Tod beschieden war und den er in rührenden Porträts abbildete; Anna, zu Hause Anjuta geheißen, Sina, die Zwillinge Lisa und Manja, Rosa, Marusja und die auch früh verstorbene Rahel. Sie hatten es schwer, aber nicht so sehr, dass sie Not leiden mussten. Die Familie war in dem Milieu des Städtl verwurzelt, einer Erscheinung der jüdischen Kultur, die ihrem Charakter nach dem Ghetto nahe steht. In Witebsk hatte sich das Städtl den ländlichen Verhältnissendes russischen Dorfs angepasst.

Am Ende des 19. Jahrhunderts war Witebsk eine kleine weißrussische Stadt an der Mündung der Witba, eines kleinen Nebenflusses der Dwina, gelegen. Die Stadt machte damals eine stürmische ökonomische Entwicklung durch. Aber obwohl es eine Eisenbahnlinie und einen Bahnhof bekommen hatte, kleine Industriebetriebe und einen Flusshafen besaß, konnte Witebsk nach wie vor seinen ländlichen Charakter nicht verleugnen. Obwohl die vielen Kirchen und die russisch-orthodoxe Kathedrale ihm ein städtisches Aussehen gaben, waren die meisten Häuser Holzbauten, und die im Winter mit Schnee bedeckten und im Frühling vom Tauwasser überschwemmten Straßen waren ungepflastert. Jedes Haus war ein Anwesen mit einem Garten und einem Hühnerhof und wurde nach althergebrachter Weise bewirtschaftet. Diese Witebsker Häuser mit den Lattenzäunen und den buntfarbigen Ornamenten sind auf Chagalls Bildern verewigt. Aus den Kindheitserfahrungen des Künstlers bildete sich später das Vokabular seiner Bildersprache heraus.

Das Wohnzimmer, die Uhr, die Lampe, der Samowar, der festlich gedeckte Tisch, die Straße mit den Holzhäusern, das Dach des väterlichen Hauses, das Haus selbst und die Stadt Witebsk mit den Kuppeln der Kathedrale — diese Fragmente des Erinnerungsbildes, die man schon auf seinen ersten Gemälden sehen kann und deren volle Bedeutung dem Künstler erst nach Jahren, aus einer zeitlichen Distanz heraus gesehen, aufgehen sollte, ergaben nun das Gerüst, auf dem sich bei ihm die Bildaussage aufbaut. Erst als Chagall seiner Berufung folgte („Mama, ich möchte Maler werden“[1]