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Ein Buch für Interessenten der Geschichte christlicher Missionen in Afrika und ihrer Auswirkung auf die Missionarsfamilien im zeitgeschichtlichen Kontext von Kolonialismus und Rassismus. Diese Biographie erzählt vom Schreinergesellen, der sich entschließt, Missionar in Afrika zu werden und von militärischer Disziplin in der pietistischen Ausbildung bei der Basler Mission. Aus seinem reichhaltigen Nachlass und wird lebendig, wie er mit hohen Idealen von 1889-1914 auf der Goldküste in der Heidenmission wirkte, wie er mit europäischen Vorurteilen die traditionelle Kultur und Religion entwertete und als Leiter einer Missionsschule eine strenge Hand in der Erziehung führte. Krankheit und Tod im mörderischen Tropenklima, die Rolle der Missionarsfrau als ''Hüterin der Seele'' und die Folgen der Trennung für die in Europa erzogenen Kindern prägen die private Lebenssituation. Die Welt der Basler Mission wird lebendig mit ihren heute undenkbaren Regeln des evangelischen Zölibats und der Heiratsvermittlung durch den Missionsvorstand. Aus Zeitdokumenten werden im zweiten Teil die historischen Rahmenbedingungen sichtbar: Der weitverbreitete Rassismus, die Gewalttätigkeit in den deutschen Kolonien und die zwiespältige Rolle der Missionen. Die Ausplünderung Afrikas setzt sich heute mit neuen Methoden im neokolonialen System fort. Die Perspektive von Betroffenen kommt in Beiträgen von Protagonisten des antikolonialen Widerstandes zu Wort ebenso wie die Zukunftsvisionen afrikanischer Autoren. ''Die vorliegende Arbeit zeigt auf dramatische Weise, wie der Einsatz für die Mission in Übersee sich auf eine Familie auswirkte und noch über Generationen nachwirkt. Wie sollte der Autor mit der Stimme des Missionars und Patriarchen umgehen, die uns immer wieder die Haare zu Berge stehen lässt? Den Entscheid, Christian Kölle möglichst selber sprechen zu lassen, nicht zu kaschieren, sondern seine Stimme den nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen, erachte ich als richtig''. Dr. Veit Arlt, Afrika-Historiker
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ein Enkel auf der Suche nach eigenen Wurzeln zeichnet den Lebensgang seines Großvaters Christian Kölle nach: Vom Schreinergesellen, der sich entschloss, Missionar in Afrika zu werden, von militärischer Disziplin bei der Ausbildung im Basler Missionshaus, von der Braut, die dem Missionar in Übersee unbekannterweise zugeführt wird und vom Verlust des ersten Kindes und seiner ersten Frau im mörderischen Tropenklima. Welche Erfahrungen der junge Missionar mit den einheimischen Initiationsritualen machte, wie er mit europäischen Augen auf die traditionelle Kultur und Religion schaute, und wie er als Leiter einer Missionsschule eine strenge Hand in der Erziehung führte, das alles lässt sich aus seinem reichhaltigen Nachlass nachvollziehen.
Um seine Persönlichkeit im historischen Kontext zu verstehen, wird im zweiten Teil die rassistische Ideologie zu Zeiten des Kaiserreichs mit drastischen Zitaten belegt, Willkürherrschaft und Verbrechen in deutschen Kolonien Afrikas nachgezeichnet und die Rolle der Mission in den Kolonien hinterfragt. Zum Abschluss kommen Protagonisten des antikolonialen Widerstandes und Zukunftsvisionen afrikanischer Autoren zu Wort.
Hannes Kölle – Enkel des Missionars Christian Kölle, geboren 1951 in Bad Hersfeld, war politisch aktiv in der 68er Bewegung. Er studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie in Frankfurt und Humanmedizin in Mainz. Motiviert durch eigene Erkrankung setzte er sich mit seiner religiösen Traumatisierung in der Kindheit auseinander. Bis 2016 Arbeit als Allgemeinarzt und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie im ganzheitsmedizinischen Krankenhaus Lahnhöhe und in eigener Praxis. Der systemische Blick auf die eigene Familiengeschichte führte ihn zu den Erziehungsmethoden und pietistischen Überzeugungen seines Großvaters. Freude am Schreiben darüber und die nötige Zeit dafür fand er im Ruhestand in einem Schreibseminar.
Teil I
Geleitwort
Vorbemerkung
Christians Kinderjahre und Schulzeit
Basler Missionshaus und Aussendung zur Goldküste
Kolonie Goldküste
Evangelischer Zölibat, die Basler Heiratsordnung und die Missionsbräute
Christians erste Ehe
Elisabeth Kölle, geb. Schmidt
Kinder der zweiten Ehe
Missionskinderhaus
Religion und Rituale im Krobo-Land
Die „Heidenpredigt“
Im Urwald verirrt
Christian und die Afrikaner
Der Schulleiter in Bana Hill: „Die schönste Zeit meines Lebens“ – und die Missionarsfrau als „Hüterin der Seele“
Schwarze Pädagogik
Zurück in der Heimat
Politische Irrungen
Im Ruhestand
Lebensbilder der Kinder
Nachwirkungen der Missionsarbeit auf der Goldküste
Teil II
Einführung
1. Das weiße Bild vom Afrikaner
2. Am deutschen Wesen soll Afrika genesen?
2.1 Kamerun
2.2 Deutsch-Ostafrika
2.3 Deutsch-Südwestafrika
3. Zur Rolle der Mission im Kolonialsystem, im Erziehungswesen und in der Wirtschaft
4. Die neokoloniale Plünderung
5. Afrikanische Perspektiven und Visionen
Epilog
Danksagung
Quellennachweise der Zitate
Abbildungsnachweise
Stammbäume
Ich erinnere mich noch gut, welche Überwindung es uns Studierende am Historischen Seminar der Universität Basel in den frühen 1990er Jahren kostete, den Schritt ins Archiv der Basler Mission zu wagen und uns auf die Berichte einzulassen, die Missionare ab den 1820er Jahren von der Westküste Afrikas nach Basel schickten. Über Jahrzehnte hatte die Wissenschaft die Auseinandersetzung mit diesen Quellen abgelehnt und sich auf eine pauschale Verurteilung von Mission als Akteur von Kolonialismus und Imperialismus beschränkt. Doch griff dies offensichtlich zu kurz und verdeckte zudem die Handlungsmacht der afrikanischen Gesellschaften, in denen die Mission tätig war, reduzierte sie zu Opfern.
Wir hatten damals das Glück, vom Archivar der Basler Mission, Paul Jenkins, zur Arbeit an den originalen Berichten eingeladen zu werden, die Missionare Mitte des 19. Jahrhunderts von der Goldküste nach Basel schickten, und vielen von uns Studierenden hat es den Ärmel reingenommen, wie wir hier in der Schweiz zu sagen pflegen (es hat uns so fasziniert, dass wir uns voll reingekniet haben). In einwöchigen Blockseminaren arbeiteten wir bis zur Erschöpfung – ich erinnere mich, dass eine Mitstudentin bei der Abschlusspräsentation tatsächlich vom Stuhl fiel. Eine Erkenntnis, die uns damals richtiggehend erschreckte war, dass praktisch jede und jeder von uns bei genauem Hinschauen einen Bezug zur Mission in der eigenen Familiengeschichte entdecken konnte. Missionswerke wie die Basler Mission haben europäische und transkontinentale Netze gesponnen, und mit den „Brüderverzeichnissen“ lassen diese sich auf faszinierende Weise nachzeichnen. Die Familie Kölle ist ein typisches Beispiel dafür.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit diesem Erbe auseinander und zeigt auf dramatische Weise, wie der Einsatz für die Mission in Übersee sich auf eine Familie auswirkte und noch über Generationen nachwirkt. Die Familie Kölle hat sich schon seit langem mit dieser Geschichte auseinandergesetzt, hat Dokumente in Basel eingesehen und auch die ehemaligen Wirkstätten von Christian Kölle in Ghana besucht. Es ist der Verdienst von Hannes Kölle, den Versuch einer Konsolidierung der Versatzstücke zu versuchen und dies alles zwischen zwei Buchdeckeln zu vereinen. Es ist ein gewagtes Unterfangen und alles andere als einfach. Wie sollte der Autor mit der Stimme des Missionars und Patriarchen umgehen, die uns immer wieder die Haare zu Berge stehen lässt? Den Entscheid, Christian Kölle möglichst selber sprechen zu lassen, nicht zu kaschieren, sondern seine Stimme den nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen, erachte ich als richtig. Auch ich suche als Nachkomme die ungefilterten und ungeschönten Stimmen meiner Vorfahren, um mich an ihnen zu reiben und mich so meinen Vorfahren zu nähern.
Bei meiner Forschung zur Geschichte von Krobo, wo Christian Kölle gewirkt hat, bin ich dem Missionar oft begegnet, habe seine Berichte entziffert und transkribiert und bin auf seinen Spuren gewandelt. Ich danke dem Autoren Hannes Kölle für die Gelegenheit, mir über die mir bekannten Jahre auf der Goldküste hinaus, Einblick in das Leben und Nachwirken von Christian Kölle zu gewähren.
Basel, 10. Februar 2022, Veit Arlt
Dr. Veit Arlt ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel und Geschäftsführer des Zentrums für Afrikastudien Basel. Er schrieb seine Dissertation über die Geschichte von Krobo unter dem Titel: „Christianity, Imperialism and Culture. The Expansion of the two Krobo States, c.1830-1930“ (2005)
In diesem Lebensbild über meinen Großvater Christian Kölle, Missionar der Basler Mission, halte ich mich eng an überlieferte Quellentexte, aus denen ich ausgiebig zitieren werde, um ein möglichst authentisches Bild der damaligen Zeit und ihrer Sicht- und Denkweisen entstehen zu lassen. Die mündliche Familientradition über Christian Kölle ist für mich nur eine sekundäre Quelle, da sie zum einen auf dem Hörensagen beruht und zum anderen mehr als 80 Jahre nach seinem Tod und 16 Jahre nach dem Tod aller seiner Kinder nur noch aus dritter oder vierter Hand in selektiven und subjektiv gefärbten Erinnerungen gegenwärtig ist. In den zitierten Texten werden immer wieder Begriffe verwendet, die heute eindeutig als rassistisch klassifiziert werden müssen oder einen überheblichen oder abwertenden Beigeschmack haben, sie erscheinen daher in Anführungszeichen. Ansonsten habe ich mich bemüht, sie im Text durch wertschätzende Begriffe zu ersetzen. Unrichtigkeiten und Fehler bei der Verwendung der Quellen gehen ausschließlich auf mein Konto.
Ich verwende im Text vorwiegend die grammatisch männliche Form, also Schreiner, Missionare, … statt SchreinerInnen, MissionarInnen, … was den Lesefluss erschwert. In den stark patriarchalen Zeiten, von denen der Text handelt, geht es tatsächlich meist um männliche Akteure, über die Aktivitäten der Frauen berichten die Quellen viel zu wenig. Je nach Kontext sind jedoch alle Formen weiblich/männlich/divers mit gemeint, oder ich setze die weibliche Form ein. Ich folge überwiegend Christians Sprachgebrauch, der die Formulierung „auf“ der Goldküste verwendete, und schreibe „an“ der Goldküste nur, wenn es sich um die unmittelbare Küstenregion handelt.
„Kinder, die Steine schluckt man mit, sonst sieht das stolz und schleckig aus!“ Das sagte der Vater zu seiner Kinderschar, als er mit ihr einmal dem Pfarrhaus in Ispringen einen Besuch abstattete, erzählte Christian in seinen Erinnerungen, die er vermutlich 1919 aufgezeichnet hatte (1). Die Haushälterin des Pfarrers hatte den Besuchern Kirschen frisch vom Baum serviert, einen besonderen Leckerbissen, und so, wie sie es zuhause gewohnt waren, hatten sie die Steine fein säuberlich auf den Tellern aufgehäuft. Nach Vaters ungewohnter Ansage schluckten sie schnell eine Hand voll Steine nach der anderen herunter, bevor der Pfarrer zurückkam. Vater Gottfried, ein frommer Goldschmied mit pietistischem Hintergrund, war an einem Sonntag mit den Kindern eine Stunde zu Fuß vom Wohnort Pforzheim ins kleine Nachbardorf gewandert, um eine gute Predigt zu hören. Als sie durch Wald und Flur gingen, sangen die Vögel, und der Vater erklärte ihnen, wie sie hießen. Manchmal führte die Sonntagswanderung auch zur Kirche nach Weißenstein und anschließend zu einem kurzen Besuch beim Großvater Adam oder einer Tante. Schon mit 3 Jahren war der kleine Christian auf diesen Ausflügen dabei, und nach der Kirche gab es eine Brezel, wie er später notierte (1).
Eine weitere Kindheitserinnunrung von Christian gilt dem Obst vom eigenen „Äckerle“: „Die Obsternte war immer ein Fest, wenn einem auch beim Schütteln die Birnen auf den Kopf fielen und das schwere Säckchen bis nach Pforzheim ordentlich drückte. War man allein, so galt es manchmal auch einen Strauß mit den Weißensteiner Buben auszufechten.“ (1)
Geboren wurde Christian Adam Friedrich am 8. Februar 1864 in Pforzheim und er starb am 28. Februar 1936 in Calw. Er war das siebte Kind von Gottfried und Katharina Kölle, geborene Stanger. Seit Christians ersten Lebensjahren war der Tod ein häufiger Gast in der Familie. Seine Mutter brachte zwischen 1855 und 1868 insgesamt elf Kinder zur Welt (siehe Stammbaum 1). Von den sechs älteren Geschwistern überlebten nur drei: Johannes Gottfried (1855–1933), Gotthilf (1858–1918) und Anna Maria (1861–1946). Drei waren schon im ersten Lebensjahr gestorben: Gottlieb (1856–57), Luisa Marie (1860–61) und Gottfried (1862–63). Auch die nach ihm geborenen Brüder Paul Gottfried (1866–67) und Heinrich (Februar bis Juni 1870) starben früh, während zwei weitere Geschwister das Erwachsenenalter erreichten: Katharina Magdalena (1867– 1910) und Immanuel Gottfried (1868–1952). Auch wenn der Tod von Kindern in dieser Zeit nicht ungewöhnlich war, so war der Verlust doch für Eltern und Geschwister immer mit großem Schmerz verbunden, Christians Familie bildete hier keine Ausnahme.
Seine Kindheit fiel in die Zeit des deutsch-französischen Kriegs 1870/71. Dieser Krieg war der Vater des deutschen Kaiserreichs, das dann im Krieg 1914/1918 in Schutt und Asche fiel; und die Demütigung der französischen Nation bei der Kaiserproklamation im Versailler Spiegelsaal war die Mutter der vereinten deutschen Nation.
Das Ehepaar Gottfried und Katharina Kölle (geb. Stanger) mit Kindern. Christian steht rechts hinter dem Vater. Hintere Reihe: Johannes und Gotthilf (von links). Vorne: Marie, Immanuel und Käthe; Familienarchiv
Zur Erinnerung an den Sieg über Frankreich in der Schlacht von Sedan wurde der 2. September zum Nationalfeiertag erhoben – eine aggressive Siegermentalität prägte die Erinnerungskultur. Auch die Kinder versuchte man für Krieg, Reich und Kaiser zu begeistern: Schon mit den Vorschulkindern wurde der Sechsjährige eingesetzt zum „Charpie zupfen“. Charpie war ein Verbandsmaterial für die Verwundeten des 70er-Krieges, das aus zerzupften Leinen- oder Baumwollstoffen gewonnen wurde. Als siebenjähriger Erstklässler sang er mit seinen Schulkameraden nach jeder gewonnenen Schlacht gegen Frankreich den Choral „Nun danket alle Gott“. Nach dem Krieg wurde jährlich mit festlicher Beleuchtung über der Pforzheimer Ross-Brücke der Sedantag gefeiert; der Ortsteil, in der sie sich befand, hieß von da an „Vorstadt Sedan“. Die Treue zu Gott und Vaterland stand hoch im Kurs.
„In der Schule ging es mir gut, ich nahm immer einen der ersten Plätze ein“, erinnerte sich Christian. Im Religionsunterricht musste Christian den Mitschülern oft eine von den vielen biblischen Geschichten erzählen, die er von klein auf von seiner Mutter gehört hatte: „Der Lehrer nannte mich nur den ,Geschichtenprofessor‘.“ Auch im Kopfrechnen und anderen Fächern kam er gut zurecht. Er entwickelte ein besonderes Interesse für Anatomie, konnte 130 Knochen des Menschen benennen und wäre gern Arzt geworden.
Aber die Eltern sahen das anders. Sie meinten, es wäre besser, Christian bliebe im „einfachen Stande“. Ihrer Ansicht nach war nämlich das Gymnasium daran schuld, dass seine zwei älteren Brüder nicht fromm werden wollten, und das sollte im Fall von Christian unbedingt verhindert werden. Dazu wurde sein Bruder Johannes damit beauftragt zu prüfen, ob er für Sprachen begabt sei. Täglich gab Johannes ihm einige Vokabeln aus seinem Lateinbuch zur Aufgabe. Wenn jener nachts um 11 Uhr vom Turnverein heimkam, wurde der kleine Bruder geweckt und abgefragt. „Dass das nicht glänzend ging, lässt sich denken, und nach acht Tagen war der Beweis erbracht, dass ich mich nicht fürs Gymnasium eigne.“ (1)
Sodann reifte ein neuer Gedanke in Christian heran. Spannende Geschichten vom verwandtschaftlich verbundenen Afrikamissionar Johannes Olpp und von Onkel Johannes Stanger, dem Bruder der Mutter, der als Missionar auf der Goldküste wirkte, faszinierten ihn – Missionar in Afrika könnte er werden! Nach der Volksschule entschied er sich, eine Lehre als Schreiner zu beginnen, hatte er doch schon bei einem anderen Bruder der Mutter gern in der Schreinerwerkstatt hantiert. Und er hatte gehört, dass dieser Beruf auch für einen Missionar von großem Wert sei. Er wurde ein lernbegieriger Schüler bei einem Meister, der auf Pünktlichkeit und Sauberkeit der Werkstatt großen Wert legte. Sein Gesellenstück, eine kunstvoll gefertigte Kommode, wird bis heute nach 140 Jahren als Erbstück von seinem Enkel Volker geschätzt.
Als Christian beim Sortieren der Späne eine Seite des Jahresberichts der Basler Mission fand, galt ihm das als ein Wink Gottes. Der Tod eines Kameraden aus dem christlichen Jünglingsverein hatte ihm zusätzlich Anlass zum Innehalten und Nachdenken gegeben. Wenig später fühlte er sich „am Herzen getroffen“, als bei der Neujahrsfeier 1882/83 im Jünglingsverein vom Altpietisten Mürrle der Bibelvers Jesaja 66, 19 verlesen wurde: Gott sendet seine Boten zu den Völkern, die noch nichts von seiner Herrlichkeit wissen. „Aber erst als ich mich zu klarer Erkenntnis durchgerungen hatte, dass [das] kein eigener Weg, sondern Gottes Wille sei, offenbarte ich mich den Eltern. Merkwürdigerweise hatten sie in jenen Tagen selbst schon davon gesprochen, welche Freude es für sie wäre, wenn eines ihrer Kinder in die Mission ginge.“ (1) Mit 19 Jahren begann er die sechsjährige Ausbildung im Basler Missionshaus und erhielt dadurch die Möglichkeit, seine wahren Begabungen zu entfalten. Zusammen mit rund 120 jungen Männern fing er ein neues Leben an.
„Mir ist alle Macht gegeben, im Himmel und auf Erden. Darum geht hin und macht alle Völker zu Jüngern: tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch befohlen habe.“ (Matthäus 28, 19–20, zitiert nach der Luther-Bibel, revidierter Text 1975)
Um das Milieu zu verstehen, in dem Christian beruflich sozialisiert wurde, muss man sich etwas mit der Geschichte des Basler Missionshauses beschäftigen. Es wurde 1860 vor den Toren von Basel gebaut und im Volksmund „die Schwabenkaserne“ genannt, kamen doch die meisten Ausbildungsbewerber aus dem pietistischen Schwabenland.
Der Innenhof hieß „Exerzierplatz“, weil es dort auch militärisch zuging. Vom Aufstehen bis zum Schlafengehen war der Schulalltag bis ins kleinste Detail reguliert:
„Im Sommer, das heißt vom 1. April bis 30. September, wird um 5:00 Uhr früh mit der Glocke das Zeichen zum Aufstehen gegeben. Im Winter, das heißt vom 1. Oktober bis 31. März, um 5:30 Uhr. Die Zöglinge waschen sich im Waschsaal. Von 6:00 bis 7:00 Uhr ist Bet- und Arbeitszeit. 7:00 Uhr Morgenandacht. 7:30 Uhr Frühstück. 7:45 Uhr Runde der Wöchner bei den Lehrern. 8:15 Uhr Lektionen bis 12:15 Uhr und Arbeitszeit. 12:15 Uhr Mittagessen. Nach dem Essen bis 2:15 Uhr Freizeit, beziehungsweise arbeiten die Beorderten in den Werkstätten, im Holzschopf, im Garten oder auf dem Acker. 2:15 Uhr bis zum Nachtessen Studierzeit oder Lektionen. 7:00 Uhr im Sommer, 8:00 Uhr im Winter Nachtessen. Nachher bis 9:00 Uhr Freizeit oder körperliche Arbeit. 9:00 Uhr gemeinschaftliche Abendandacht, welche der Inspektor und die Hausväter in derselben Weise wie die Morgenandacht abwechselnd halten. Nach der Abendandacht Studier- und Betzeit. 10:00 Uhr, spätestens 10:30 Uhr Schlafengehen.“ (2, S. 35 )
Missionshaus in Basel; Stich J. J. Stehlin 1860/61; Quelle: Basler Missionsarchiv (BMA), Signatur QS-30.018.0030
Missionar Heinrich Stahl schrieb 1894 über seinen Alltag in der Basler Ausbildung: „Von Zeit zu Zeit ist ein ‚Arbeitstag‘. Mehrere Klassen werden im Garten oder auf dem Acker beschäftigt, soweit sie sonst keinen Beruf haben. Ich zum Beispiel befinde mich meist in unserer Buchbinderwerkstatt (Schlosser-, Tischler-, Schneider-, Schuhmacherwerkstätten sind auch da). Normalerweise hat jeder wöchentlich 3 Stunden in seinem Handwerk zu arbeiten. Ich habe letzte Woche mehr Arbeitsstunden gehabt, da es für unsere Klasse vieles einzubinden gab. Wir sind gut eingerichtet in unserer Buchbinderei, wir haben sogar zwei schöne Maschinen.“ (3, S. 37)
Seit 1816 bildete die im Vorjahr begründete Basler Mission ihre Missionare aus. Ihre ersten Einsatzgebiete lagen in Armenien, Liberia, Sierra Leone und auf der Goldküste. 1834 kamen Südindien und 1847 China dazu. In der Ausbildung wurden bevorzugt junge Handwerker und Bauern aufgenommen. Das bedeutete für sie auch einen sozialen Aufstieg, konnte man doch danach ohne Studium zum Pfarrer ordiniert werden. Zugelassen wurden nur unverheiratete Männer, die während der sechs Jahre im Missionshaus keine Kontakte zu Frauen zwecks Heirat aufnehmen durften. „Ein Missionar muss seine Neigungen dem Werke Christi unterordnen und nöthigen Falls opfern.“ (2, S. 27)
Auf dem anspruchsvollen Lehrplan des Missionsseminars standen „nebst Bibelkunde, Predigten und Rhetorik auch Englisch, Französisch und Niederländisch, allgemeine Sprachanalyse, Handelskorrespondenz, Arithmetik, Geschichte der Kulturen, Geographie und Kartographie, Grund kenntnisse in Medizin und einfachster Chirurgie, Botanik und elementare Landwirtschaft; später kam auch die Vermittlung von Kenntnissen im Bauhandwerk dazu. Nach ein paar Jahren beschloss die Missionsleitung auf Drängen der Londoner Church Missionary Society, in einem zusätzlichen vierten Ausbildungsjahr noch Latein, Griechisch und Hebräisch zu vermitteln, um so ein volles Studium der Theologie zu ermöglichen.“ (4, S. 37) Auch Klavierspielen konnte man lernen.
Das Leben im Haus war von der Außenwelt abgeschirmt, die Pädagogik folgte pietistischen Grundsätzen, in denen Disziplin und puritanische Genügsamkeit eine große Rolle spielten. Freiwilliger Gehorsam gegenüber Gott, dem Komitee (Vorstand der Basler Mission) und jeglicher geistigen und weltlichen Autorität wurde den angehenden Missionaren vermittelt und von diesen eingeübt.
Alle Lebensbereiche waren in der Hausordnung genau geregelt, und ihre Befolgung wurde streng kontrolliert. In §6 wurde das Verhalten der Missionszöglinge untereinander festgelegt. Der sogenannte Wöchner und der Senior jeder Klasse waren zuständig für die Überwachung der Mitschüler. Jeden Sonntag legte der „Wöchner“ seinen „Wochenzettel“ den Lehrern und dem Inspektor zum Abzeichnen und zur Weitergabe an das Komitee vor. Er enthielt alle Vorkommnisse einschließlich Regelverletzungen oder Streitigkeiten. Der Senior war auch Streitschlichter, der „beide Theile mit Ernst und Liebe brüderlich ermahnen [sollte], sich miteinander als Erlöste Christi ohne Aufschub auszusöhnen.“ (2, S. 37) Verstöße gegen §6 waren immer wieder der Grund für Austritte oder Entlassungen aus der Missionarsausbildung, vor allem dann, wenn sich der „Schuldige“ nicht einsichtig zeigte und die Konfrontation suchte. Zum „freiwilligen Gehorsam“ gehörten eben auch das freiwillige Geständnis und die aufrichtige Reue. Erst dann konnte man auf ein mildes Urteil durch das Komitee hoffen.
„Die Comitee“, so lautete die damalige Bezeichnung, bestand ausschließlich aus Männern. Es waren überwiegend Angehörige der Basler Oberschicht, die aus Kaufmanns-, Bankiers- und Unternehmerfamilien stammten. Der Inspektor war der Vorsitzende des Komitees und hatte somit die höchste Position in der Hierarchie. Missionsinspektor Joseph Friedrich Josenhans prägte den Satz: „Du erkennst den Willen Gottes am Willen des Komitees.“ (2, S. 32) Damit wurde das patriarchale Komitee zur unanfechtbaren und unfehlbaren Instanz erhoben.
Ausbildungsteilnehmer des Basler Missionsseminars demonstrieren ihre erlernten Handwerksberufe, 1890/91; BMA QS-30.013.0013
Christian fügte sich mit Eifer in die straff geregelte Männergemeinschaft. Aufgaben, bei denen der Verstand gefordert war, fielen ihm leicht; jetzt konnte er seine verkannten Begabungen entfalten und endlich beweisen, was in ihm steckte. Er zeigte viel Talent für lebende Sprachen und für das Unterrichten, während ihm alte Sprachen und das Predigen schwerer fielen. Nach drei Jahren wurde ihm attestiert: „Bruder Kölle verdient sowohl was Fleiß, als auch was Charakter betrifft, das Lob eines fleißigen, gewissenhaften und im Betragen untadelichen Zöglings.“ (5)
Am Ende seiner Ausbildung erfolgte 1889 die Einsegnung im Basler Münster und die Ordination zum Pfarrer in der Pforzheimer Schlosskirche. Beim Abschied vom Missionshaus sangen die Missionare wie üblich gemeinsam dieses Lied (2, S. 35):
„Zieht fröhlich hinaus
zum heiligen Krieg! [sic!]
Durch Nacht und durch Graus
erglänzet der Sieg.
Ob Wetter auch toben,
erschrecket nur nicht;
blickt immer nach oben:
bei Jesu ist Licht [...]“
Es war für Christian eine große Freude, dass er zur Ausreise in die damalige englische Kronkolonie Goldküste bestimmt wurde, die sich weitgehend mit dem südlichen Teil des heutigen Ghana deckt, weil dort schon seine beiden Onkel mütterlicherseits, Johannes und Andreas Stanger, gewirkt hatten. Der Ausreise ging ein dreimonatiger Sprachaufenthalt in England voran. In seinem Lebensbericht vermerkte er, wie er einmal nachts in London auf dem Heimweg in einer Kutsche saß, die ihn in immer einsamere, düstere Stadtteile brachte. Da fiel ihm auf, dass irgendetwas nicht stimmte, und geistesgegenwärtig machte er sich lauthals bemerkbar, als er am Straßenrand einen Schutzmann sah, der ihn aus der drohenden Gefahr rettete. Hinterher erfuhr er, dass in London ausländische Reisende oft von Kriminellen in dieser Weise entführt, ausgeraubt und zum Verschwinden gebracht wurden.
Die sechswöchige Schiffsreise auf der alten „Congo“ führte von Liverpool zunächst nach Teneriffa, wo Christian furchtbar seekrank an Land ging. Am 12. Dezember 1889 betrat er erstmals in Accra afrikanischen Boden. Er begann zunächst mit dem Studium der dort gesprochenen Sprache Ga. Schon ein halbes Jahr nach seiner Ankunft wurde er als Leiter der Knabenschule in Christiansborg mit 200 Schülern eingesetzt, nachdem sein Vorgänger plötzlich an Schwarzwasserfieber verstorben war.
Auch er selbst erkrankte an Malaria, die sich infolge der Chinin-Behandlung zu einem Schwarzwasserfieber auswuchs, bei dem Hämoglobin im Urin ausgeschieden wird, der sich dann dunkel bis schwarz färbt. Er litt unter schweren Fieberschüben, die über lange Zeit mindestens einmal pro Woche auftraten, verbunden mit schmerzhaften Gallen- und Nierenkoliken. Erst die von Missionar Gottlob Josenhans beantragte Versetzung weiter landeinwärts nach Odumase am Fuße der Akuapem-Togo-Bergkette mit ihrem kühleren Klima brachte eine gesundheitliche Wende. In Odumase arbeitete er von 1891–1900, unterbrochen von einem kurzen Einsatz in Abokobi 1895/96, wo dann auch der weitere Wirkungsort von 1901-1908 war.
In Odumase siedelten die Krobo, eine ethnische Gruppe, die in die beiden Sektionen Manya und Yilo eingeteilt ist und zur Sprachgruppe Ga-Adangme im Südosten der Goldküste gehört. Dort betrieb die Basler Mission eine Mädchenschule, jedoch war Christians Auftrag zunächst die Evangelisation. In seinen ersten Arbeitsjahren zog er in die umliegenden Dörfer und widmete sich der Verbreitung des Christentums. Außerdem leitete er den Bau des Daches der Kapelle in Sra, wo er seine Kenntnisse des Schreinerhandwerks nutzen konnte. Nene Akrobetto I, der König der Yilo Krobo, hatte für den Bau Land, Geld und Arbeitskräfte zur Verfügung gestellt.
Missionshaus in Odumase, Missionarsehepaar Mohr auf Fahrrädern, um 1900; BMA D-30.06.009
Krankheiten und früher Tod war ein häufiges Schicksal der Missionare und ihrer Frauen im tropischen Afrika. Von den ersten vier Missionaren der Basler Mission, die 1828 an die Goldküste geschickt wurden, waren drei innerhalb der ersten acht Monate den tropischen Krankheiten erlegen. Eine lange Liste von Namen verstorbener Missionare ist in der Kirche von Akropong verewigt, darunter findet sich auch Christians Onkel Andreas Stanger. Westafrika wurde damals aufgrund der geographischen und klimatischen Bedingungen „das Grab des weißen Mannes“ genannt.
Das Calwer Missionsblatt hatte 1881 im Gedenken an die „heimgegangenen Missionare“ gereimt:
„Es fallen viele Kämpfer im heiligen Streit
uns scheinet es eitel Verderben,
wenn also verkürzt wird der Säemänner Zeit,
doch selig, wem Christus die Krone verleiht:
die Seele, die Ihm sich dienstwillig geweiht,
die geht ja zum Leben durch Sterben [....]
Es fallen viele Kämpfer im heiligen Streit,
ist das nicht ein herrliches Sterben,
im Dienste der Liebe, dem Höchsten geweiht?
Wer ist nun die Lücken zu füllen bereit?
Ihr Jünglinge, kommt, verliert nicht die Zeit,
dem Bräutigam Seelen zu werben.“
Es ist die Frau, die den Mann gebiertGhanaisches Sprichwort
Goldküste nannten die europäischen Händler einen Bereich der westafrikanischen Küste, die heute ungefähr dem Gebiet der Küste Ghanas entspricht. 1471 landeten die Portugiesen an der Goldküste und trieben einen ertragreichen Handel mit Gold, Pfeffer und Elfenbein. Papst Nikolaus V. (1447–55) erlaubte in zwei päpstlichen Bullen dem portugiesischen König Alfons V. (1438–81) die Eroberung und Versklavung heidnischer Gebiete. Die Portugiesen versuchten ihr Monopol später mithilfe von Papst Sixtus IV. (1471– 84) zu verteidigen, der „alle ‚Unbefugten‘, die Handel trieben oder Heiden und islamische ‚Irrgläubige‘ bekehren wollten, mit der Exkommunikation“ bedrohte (6, S. 54).
Schon kurz nach der Landung von Columbus auf den Bahamas 1492, der sogenannten „Entdeckung Amerikas“, begann der transatlantische Handel mit afrikanischen Sklaven. 1517 hob Karl V. als König von Spanien das von ihm 1503 erlassene Verbot der Einfuhr afrikanischer Sklaven in die spanischen Kolonien in Amerika wieder auf (63, S. 80). Die portugiesische Festung Fort Elmina an der Goldküste wurde zu einem wichtigen Umschlagplatz des transatlantischen Sklavenhandels. Trotz päpstlicher Androhungen kam dort rasch Konkurrenz im lukrativen Handel auf: Holländer, Engländer, Franzosen, Dänen, Schweden und Preußen kämpften um ihren Anteil.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts waren nur noch die Dänen, Holländer und Engländer im Handel aktiv. 1821 stellten die Engländer Gebiete der Goldküste unter ihre Kontrolle und kauften 1850 die Besitzungen der Dänen und 1872 die der Niederländer auf. 1874 gründete die englische Krone die „Gold Coast Colony“, die das gesamte Territorium des heutigen Südghana umfasste.
Das Königreich Asante im Landesinneren mit der Hauptstadt Kumasi leistete jedoch erbitterten Widerstand gegen die britische Herrschaft und brachte der britischen Armee empfindliche Niederlagen bei. Erst nach mehreren Kriegen in den Jahren 1824, 1826, 1873, 1898 und 1901 und nach vielen Intrigen gelang es den britischen Soldaten, Kumasi einzunehmen. Der König (Asantehene) Otumfuo Agyemang Prempeh I. wurde 1896 gefangen genommen und in die Verbannung geschickt. Die Briten forderten im Jahr 1900 nach der Einnahme von Kumasi die Herausgabe des Goldenen Stuhls, der ein wichtiges Staatssymbol des Königreichs ist und die Einigkeit, Macht und Stärke der Asante verkörpert. Gleichzeitig gilt er als Schrein der Ahnen in ihrer Gesamtheit und damit als Sitz der „Seele der Nation“. Da rief die Königinmutter Yaa Asantewa von Edweso die Asante zum letzten Widerstand gegen die Eindringlinge auf. Unter ihrer Führung konnten sie acht Wochen lang die Engländer in ihrer Festung einschließen (4, S. 86). Den Goldenen Stuhl konnten sie in einem Dschungelversteck in Sicherheit bringen.
Queen Mother Yaa Asantewa, eine heute noch verehrte Heldin im Kampf gegen die Engländer, um 1900; Foto aus P. A. Schweizer: Mission an der Goldküste (4)
Die Asante gehören zu den Akan-Völkern, bei denen die Frau traditionell eine starke Rolle einnimmt. Abstammungsrecht, Erbrecht und die Nachfolge des Königs sowie von Klan- und Lineage-Chiefs laufen bei ihnen über die mütterliche Linie, während die Ga-Adangme-Völker patrilinear organisiert sind. „Die besondere Bedeutung der Frau drückt sich auch in der politischen Rolle aus, die die Königinmutter bei den Akan- und Ga-Völkern spielt. Das ist nicht notwendigerweise die leibliche Mutter des Königs oder Häuptlings, sondern ,die alte Frau‘ (Aberewatia) der Linie, die in der traditionellen Gesellschaft bei allen schwierigen Entscheidungen das letzte Wort sprach. Auf ihren Rat hin wird auch heute noch ein Häuptling eingesetzt und wurden früher Kriege geführt.“ (7, S. 31)
Eine ghanaische Redensart lautet: Ein Haus ohne Frau ist kein volles Haus, und das Feuer in dem Haus ist erloschen. Die Kolonisierung unterminierte die sozio-politische Position der Frauen und versuchte europäisch-patriarchale Strukturen einzuführen.
Die britische Herrschaft über die Goldküste war stets von Gegenwehr und Aufstandsbewegungen begleitet. Bereits 1868 gründeten die Oberhäupter der Fanti, die zur Volksgruppe der Akan gehören, die Fanti Confederation, die als antikoloniale Bewegung auch andere Gruppen zum Widerstand inspirierte. Im 20. Jahrhundert folgten zahlreiche andere Organisationen und schließlich auch politische Parteien, die im Namen der Selbstbestimmung gegen den britischen Kolonialismus kämpften. Am 6. März 1957 wurde Ghana als erste afrikanische Kolonie unter der Führung des Präsidenten Kwame Nkrumah unabhängig mit Accra als Hauptstadt.
Während der Basler Missionarsausbildung in reiner Männergemeinschaft war eine Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht zwecks Heirat untersagt (2, S. 24) – was man heute als eine Form emotionaler Deprivation bezeichnen könnte. Auch gegenüber der Verheiratung der ausgebildeten Missionare hatte das Komitee ursprünglich eine komplett ablehnende Haltung. Nachdem 1822 mehrere Missionare vor ihrer Ausreise beschlossen hatten, sich zu verloben und zu heiraten, kam es zu Diskussionen im Komitee, das feststellte, „dass wir durch unsere sichtbare Abneigung gegen die Verheiratung unserer Brüder zu ihrer Verschlossenheit gegen uns in dieser Sache Anlass gegeben hätten“, berichtet Dagmar Konrad in ihrer Untersuchung über die Pietistinnen in der Basler Mission mit dem Titel „Missionsbräute“ (2, S. 22). Infolge dieser Überlegungen wurden 1837 die zwölf Heiratsregeln des ersten Direktors der Basler Mission, Inspektor Christian Gottlieb Blumhardt, beschlossen.
Im sogenannten „Verlobungsparagrafen“ wurde festgelegt, dass der Missionar erst nach zwei Jahren Bewährung auf dem Missionsfeld das Komitee um Erlaubnis zur Heirat ersuchen durfte. „Die Einwilligung des Comitees kann nur in dem Fall ertheilt werden, wenn es eine genaue Kenntnis von dem christlichen Charakter und der Tauglichkeit einer vorgeschlagenen Missionarin erlangt hat […]
Wer ohne Genehmigung heirathet, ist als entlassen anzusehen […]. Diese Grundsätze sind von jedem Missionszögling zu unterschreiben“, heißt es in den 12 Regeln (2, S. 27).
Somit waren die Missionare, bezieht man die Ausbildungszeit mit ein, insgesamt acht Jahre zur sexuellen Enthaltsamkeit verpflichtet – eine Verpflichtung, die in der evangelischen Kirche sonst nicht üblich ist. Dem Komitee ging es darum, die Disziplin der Missionare durch langjährige Enthaltsamkeit zu stärken und den Vorrang der missionarischen Pflichten gegenüber persönlichen einschließlich sexuellen Bedürfnissen in Fleisch und Blut einzuschreiben. Die Unterdrückung persönlicher Bedürfnisse sowie der damit verbundenen Emotionen und Lebensfreude war der hohe Preis, den man entrichten musste, wollte man seiner Berufung zum Missionar folgen.
Vor dem Hintergrund unseres heutigen Wissens über den strukturell angelegten sexuellen Missbrauch in der katholischen wie auch in der evangelischen Kirche, der unsägliches Leid über Gemeindemitglieder und Schutzbefohlene beiderlei Geschlechts gebracht hat, kann man sich fragen, wie weit auch Missionare an Übergriffen beteiligt waren. In dem Buch „Missionsbräute“ wird über einen Missbrauchsfall an Missionsschülerinnen durch den ersten in Basel ausgebildeten afrikanischen Missionsgehilfen George Thompson berichtet. Das passte natürlich in das europäische Stereotyp vom lasterhaften Afrikaner. In einem Brief aus Akropong von vom 21. Juni 1849, der von sechs Missionaren unterschrieben war, wurde über ihn berichtet: „Vor acht Tagen nun kamen wir ihm auf die Spur, dass er wieder aufs Neue Ehebruch mit einer erwachsenen Person getrieben hat, und es ist schröcklich – sogar einige von unseren älteren Schulmädchen hat er verführt.“ (2, S. 241) Seine Frau Catherine Mulgrave, von der später noch die Rede sein wird, ließ sich daraufhin von ihm scheiden, er selbst verließ den Missionsdienst. Mir ist nicht bekannt, inwieweit die Basler Mission das Thema sexueller Übergriffe durch ihre Mitarbeiter im Lauf der Geschichte jemals aufgegriffen und untersucht hat.
Nach den Basler Regeln war auch eine Korrespondenz zwischen Missionar und künftiger Braut so lange verboten, bis das Komitee dazu seine Einwilligung gab. „Gewöhnlich kannten die Frauen“, so berichtet Dagmar Konrad „den Mann, den sie heiraten sollten, nicht persönlich, hatten außer einer Fotografie nebst einigen wenigen Briefen keine genauere Vorstellung von ihrem ,Zukünftigen‘.“ (2, S. 19)
Die Frauen waren in der Basler Mission keineswegs gleichberechtigt. Inspektor Josenhans, der die Basler Mission von 1850 bis 1879 leitete, äußerte einmal, dass „Frauen ein Hemmschuh für die Mission“ seien (4, S. 41). Missionarsgattinnen wurden nicht als gleichrangige Fachkräfte, sondern „als ein mehr oder weniger notwendiges Übel angesehen, das nun einmal – um der menschlichen Schwäche willen – hingenommen werden musste.“ (Waltraut Haas-Lill, zitiert nach 4, S.42)
Dementsprechend legte das patriarchale Männerkomitee in seinen Leitsätzen zur Wahl der Missionarsfrau fest:
„Die Frau muss a) gesund sein, b) begabt, c) gebildet, d) hauswirtschaftlich […]
Die Frau muss demütig, sanftmütig, geduldig, nicht ehrsüchtig sein […]
Der Missionsdienst erfordert nicht nur volle körperliche und seelische Gesundheit der Frau, sondern auch lebendigen und bewährten Glauben und die rechte Dienstbereitschaft zur Missionsarbeit.“ (2, S. 41)
Die Frau sollte „Gehilfin“ des Mannes sein, sie war nach Dagmar Konrad „seine Haushälterin, seine geistige und moralische Stütze, war in gewissem Sinn sein Mutterersatz und zugleich die Mutter seiner Kinder […] Die Lorbeeren sollten dem Mann vorbehalten bleiben.“ (2, S. 53 f.)
Wie man sich die Auswahl einer künftigen Frau für einen Missionar in Übersee vorstellen kann, beschreibt Dagmar Konrad folgendermaßen: „Bei der Entscheidung für eine bestimmte Frau konnten Gefühle nur eine untergeordnete Rolle spielen, sie waren nicht das bestimmende Moment, denn die Missionare kannten ihre zukünftigen Frauen zum Zeitpunkt ihrer Werbung meist nur über Informationen Dritter, vom Hörensagen.“ (2, S. 42) Nicht das persönliche Glück des Missionars, sondern das Gelingen des Missionsauftrags hatte absoluten Vorrang. Und die Frauen waren dabei nachgeordnet:
„Bis die Frauen zu Wort kommen, ist der größte Teil bereits ohne sie ‚über die Bühne gegangen‘. Bis dahin handelt es sich um reine Männersache.
Die ersten Akteure sind Männer, die Missionare stellen eine prinzipielle Anfrage um Heiratserlaubnis an das Komitee. Nach Erhalt der Erlaubnis besprechen sich die Missionare brieflich mit den eigenen Eltern oder mit befreundeten Missionaren, um zu entscheiden, bei wem geworben werden könnte. Sie teilen ihre Entscheidung dem Komitee mit. Nachdem sie den ‚Stein ins Rollen gebracht haben‘, treten sie von der Bildfläche ab und verharren in ‚Warteposition‘. Nun tritt das Komitee in Erscheinung. Wurde eine bestimmte Frau genannt, oder auch mehrere – was häufig der Fall ist – werden Erkundigungen eingezogen. Informanten, Personen die die Frauen und deren Verhältnisse näher kennen, treten auf. Im anderen Fall, wenn der Missionar keine bestimmte Frau vorgeschlagen hat, fungiert das Komitee als Heiratsvermittlung – eine Rolle, die es nicht gern einnimmt – und sucht mit ‚väterlichem Wohlwollen‘ eine passende Frau aus. Wenn zum Schluss eine positive Beurteilung über die Frau vorliegt, tritt die Hauptperson ins Rampenlicht.“ (2, S. 56)
Solche Informanten des Komitees, die die vorgeschlagenen künftigen Missionarsfrauen kannten, waren zum Beispiel Pfarrer, Missionarsfrauen oder Missionarswitwen aus dem pietistischen Netzwerk. Mit den Informationen wurde eine Akte über die Frau angelegt, dann entschied das Komitee, ob sie für würdig befunden wurde, und schließlich wurde sie persönlich nach ihrer Einwilligung gefragt. Gelegentlich lehnte das Komitee eine vorgeschlagene Frau ab, weil sie den Kriterien nicht entsprach. Waren alle Prozeduren durchlaufen und die Frau nach mehrwöchiger Schiffsreise auf dem Missionsfeld angekommen, kam es „äußerst selten vor, dass eine Braut wieder zurückgeschickt wurde oder dass sie von sich aus in die Heimat zurückkehrte.“ (2, S. 44) Da sich beide Partner dem Gesetz Gottes unterstellt hatten, war Gott das Bindeglied zwischen beiden und damit der Dritte im Bund der Ehe. Das dahinter stehende Ehemodell finden wir bereits bei Graf von Zinzendorf (1700–1760), dem
Begründer der pietistischen Herrnhuter Brüdergemeinde: „Von seiner Ehe sprach er als ‚Streiter-Ehe‘, Streiter für das Reich Gottes auf Erden: Eine Auffassung der Ehe als Gemeinschaft zweier Menschen, die für das Werk, für ein höhergerichtetes Ziel kämpfen, wie sie uns auch in der Basler Mission begegnet.“ (2, S. 461)
Während die meisten Missionare sich diesen Regeln konform verhielten, gab es andere, die sich gegen die Bevormundung wehrten. Einer, der den Basler „Verlobungsparagrafen“ unterschrieben und sich auch daran gehalten hatte, war China-Missionar Wilhelm Maisch. Kurz vor seinem Tode jedoch schrieb er 1922, nachdem er als Distriktpräses (Vorsitzender der Missionare eines Distrikts) eine höherrangige Stellung eingenommen hatte: „Die Basler Verlobungsordnung schließt für Europäer eine starke Unnatur in sich, indem Mann und Frau sich heiraten sollen, ohne sich persönlich zu kennen. Man verlangt dabei von beiden einen Glauben, wie er sonst auch von den frömmsten Christen nicht verlangt wird.“ (2, S. 39)
Schon 1890 bekannte der Goldküsten-Missionar Balthasar Groh: „Ferner erschien es mir immer als etwas zu Großes, an eine Jungfrau das Ansinnen zu stellen, einem ihr unbekannten Mann die Hand zu reichen zum unauflöslichen Bunde. Verlangt Gott solche Opfer von mir? [...] Nun muss ich gestehen, dass ich wenig Freudigkeit verspüren würde, einer Person die Hand zu reichen, welche die Überzeugung hätte: Ja, ich gehe nicht um des Bruder Groh’s willen nach Afrika, sondern um des Herrn willen. Da müsste ich doch sagen: dem Herrn kannst du auch in Europa dienen.“
(2, S. 39)
