Christine - Stephen King - E-Book
Beschreibung

Ein Meisterwerk der modernen Horrorliteratur



Eine verhängnisvolle Dreiecksbeziehung: Arnie liebt seine Freundin Leigh und "Christine", seinen 1958er Plymouth Fury. Aber das Auto lebt. Und es ist tödlich eifersüchtig.



Verfilmt von Starregisseur John Carpenter.



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EPUB
MOBI

Seitenzahl:1013

Sammlungen



Inhaltsverzeichnis
HEYNE <
DAS BUCH
DER AUTOR
Widmung
Prolog
TEIL EINS – Dennis – Lieder zum Autofahren
Kapitel 1 – Liebe auf den ersten Blick
Kapitel 2 – Der erste Streit
Kapitel 3 – Der Morgen danach
Kapitel 4 – Arnie heiratet
Kapitel 5 – Wie wir zu Darnells Werkstatt kamen
Kapitel 6 – Draußen
Kapitel 7 – Schlechte Träume
Kapitel 8 – Erste Veränderungen
Kapitel 9 – Buddy Repperton
Kapitel 10 – LeBay scheidet hin
Kapitel 11 – Das Begräbnis
Kapitel 12 – Etwas aus der Familiengeschichte
Kapitel 13 – Später an diesem Abend
Kapitel 14 – Christine und Darnell
Kapitel 15 – Football-Leiden
Kapitel 16 – Auftritt Leigh, Abgang Buddy
Kapitel 17 – Christine wieder auf der Straße
Kapitel 18 – Auf den Tribünen
Kapitel 19 – Der Unfall
TEIL ZWEI – Arnie – Lieder zum Lieben
Kapitel 20 – Der zweite Streit
Kapitel 21 – Arnie und Michael
Kapitel 22 – Sandy
Kapitel 23 – Arnie und Leigh
Kapitel 24 – In der Nacht
Kapitel 25 – Buddy besucht den Flughafen
Kapitel 26 – Christine ist lahmgelegt
Kapitel 27 – Arnie und Regina
Kapitel 28 – Leigh macht einen Besuch
Kapitel 29 – Thanksgiving
Kapitel 30 – Moochie Welch
Kapitel 31 – Am Tag danach
Kapitel 32 – Regina und Michael
Kapitel 33 – Junkins
Kapitel 34 – Leigh und Christine
Kapitel 35 – Und jetzt dieses kurze Zwischenspiel
Kapitel 36 – Buddy und Christine
Kapitel 37 – Darnell denkt nach
Kapitel 38 – Verbindungen zerbrechen
Kapitel 39 – Junkins meldet sich wieder
Kapitel 40 – Arnie in Schwierigkeiten
Kapitel 41 – Der Sturm zieht auf
Kapitel 42 – Der Sturm bricht los
TEIL DREI – Christine – Lieder zum Sterben
Kapitel 43 – Leigh kommt zu Besuch
Kapitel 44 – Detektivarbeit
Kapitel 45 – Silvester
Kapitel 46 – Noch einmal George LeBay
Kapitel 47 – Der Betrug
Kapitel 48 – Vorbereitungen
Kapitel 49 – Arnie
Kapitel 50 – Petunia
Kapitel 51 – Christine
Epilog
Danksagung
Copyright
HEYNE <
DAS BUCH
Arnie Cunningham ist der geborene Verlierer: Er ist intelligent, aber schüchtern und hat ein Gesicht, das mit Pickeln übersät ist. Sein einziges Talent besteht in seinen außerordentlichen Fähigkeiten als Automechaniker. Seine Eltern bestehen jedoch darauf, dass er aufs College geht. Arnie hat dort nur einen einzigen Freund – Dennis, den strahlenden Helden der College-Footballmannschaft, der ihn auch vor den Nachstellungen verschiedener Schlägertypen beschützt. Eines Tages sieht Arnie im Vorgarten eines Hauses einen alten, heruntergekommenen 58er Plymouth Fury stehen, in den er sich auf Anhieb verliebt. Er kauft das Auto und bringt es mühselig wieder zurück in den Ursprungszustand. Dabei verändert sich Arnies Persönlichkeit immer mehr – er wird härter und kann sich plötzlich zur Wehr setzen. Auch seine Haut wird besser, und er findet eine Freundin, das bestaussehende Mädchen weit und breit. Dennis sieht Arnies Veränderung mit Entsetzen; er erkennt seinen Freund, der immer vulgärer und brutaler wird, kaum wieder. Besonders wenn es gegen sein Auto Christine geht, versteht Arnie keinen Spaß, und sein Fanatismus scheint das Böse schlechthin zu verkörpern. Christine und Arnie werden zu einem Team der Rache, und Christine scheint darüber hinaus ein gefährliches Eigenleben zu entwickeln.
DER AUTOR
Stephen King, 1947 in Portland, Maine, geboren, veröffentlichte schon als Student Kurzgeschichten. Sein erster Romanerfolg, Carrie, erlaubte ihm, sich nur noch dem Schreiben zu widmen. Seitdem hat er weltweit über 400 Millionen Bücher in mehr als 40 Sprachen verkauft. Im November 2003 erhielt er den Sonderpreis der National Book Foundation für sein Lebenswerk. Die großen Werke des Autors erscheinen im Heyne Verlag.
Die Originalausgabe CHRISTINE erschien bei Viking, New York
Für George Romero und Chris Forrest Romero.
Und für Pittsburgh.
Prolog
Dies ist die Geschichte einer Dreiecksbeziehung, könnte man sagen – Arnie Cunningham, Leigh Cabot und, natürlich, Christine. Aber Sie sollten wissen, dass Christine zuerst kam. Sie war Arnies erste Liebe, und obwohl ich nicht meine Hand dafür ins Feuer legen möchte (denn mit zweiundzwanzig kann der Mensch sich ja noch irren), möchte ich doch sagen, dass Christine seine einzige wahre Liebe gewesen ist. Deshalb ist diese Liebesgeschichte für mich eine Tragödie.
Arnie und ich wuchsen im gleichen Viertel auf, besuchten gemeinsam die Owen Andrews Grammar School, dann die Darby Junior High und schließlich die Libertyville High. Vermutlich war es hauptsächlich mir zu verdanken, dass Arnie auf der Highschool nicht unter die Räder kam. Ich war nämlich ein ziemlich harter Brocken auf der Schule – ja, ich weiß, dafür kann man sich nichts kaufen. Als Kapitän der Football- und Baseballmannschaft und Ass der Schulschwimmstaffel bekommt man fünf Jahre nach dem Schulabgang nicht mal mehr ein Bier spendiert – aber damals konnte Arnie dank meines breiten Kreuzes überleben. Er musste eine Menge einstecken; aber umgebracht wurde er nicht.
Wissen Sie, er war der geborene Verlierer. Jede Highschool hat davon mindestens zwei. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz hierzulande. Einen männlichen Verlierer, einen weiblichen. Jedermanns Prügelknabe oder Fußabstreifer. Du hast einen schlechten Tag, eine Fünf in Mathe, einen Streit mit deinem alten Herrn und Hausarrest übers Wochenende? Überhaupt kein Problem. Such dir einen von diesen traurigen Säcken, die durch die Korridore schleichen wie arme Sünder, und lass sie dafür büßen. Manchmal geht so ein armer Sack sogar dabei drauf, wenn auch nicht physisch, so doch in jeder anderen Hinsicht. Hin und wieder finden sie was, woran sie sich festhalten können, und sie überleben. Arnie hatte mich. Und dann hatte er Christine. Leigh kam später.
Das wollte ich zum besseren Verständnis vorausschicken.
Arnie war der geborene Außenseiter. Bei den Sportlern war er schon wegen seiner Statur abgemeldet – eins achtundsiebzig groß und so dürr, dass er nur mit nassen Klamotten und schweren Armeestiefeln knapp über sechzig Kilo auf die Waage brachte. Auch bei den Highschool-Strebern (die in einem Kaff wie Libertyville sowieso schon als Außenseiter gemieden wurden) kam er nicht an, weil er auf keinem Gebiet wirklich Bescheid wusste. Arnie war intelligent, doch sein Gehirn hatte keine ausgeprägte Begabung für irgendwas – wenn es sich nicht gerade um Autos und Motoren handelte. Da war er groß drin. Als Mechaniker war der Junge unschlagbar, gewissermaßen der geborene Autonarr. Doch seine Eltern, die beide an der Universität in Horlicks unterrichteten, konnten sich ihren Sohn, der bei seinem Stanford-Binet-Intelligenztest hervorragend abgeschnitten hatte und zur höchsten IQ-Gruppe gehörte, nicht in Monteurkluft vorstellen. Er durfte froh sein, dass sie ihm wenigstens erlaubten, als Wahlfach den Kurs in Automechanik Nr. I, II und III zu belegen. Und selbst um diese Erlaubnis hatte er hart kämpfen müssen. Bei den Kiffern war er abgemeldet, weil er nicht kiffte. Und bei den Halbstarken, die auf hautenge Jeans und Lucky Strikes standen, war er abgemeldet, weil er keinen Alkohol vertrug. Und weil er gleich flennte, wenn man ihm eine scheuerte.
O ja, und bei den Mädchen war er ebenfalls abgemeldet. In seinem Drüsenhaushalt herrschte die reine Anarchie. Ich meine, bei Arnie konnte man vor lauter Pickeln das Gesicht kaum noch sehen. Er versuchte zwar, mindestens fünfmal am Tag die Dinger mit dem Waschlappen wegzuscheuern, ging wenigstens zwei Dutzend Mal pro Woche unter die Dusche und kaufte sich jedes Mittelchen, das vom Fernsehen oder der Wissenschaft gegen Akne angepriesen wurde, aber nichts half. Arnies Gesicht sah aus wie eine doppelt belegte Pizza, und er musste sich schon früh darauf gefasst machen, dass er sein ganzes Leben lang mit Kratern und Narben im Gesicht herumlaufen würde.
Ich mochte ihn trotzdem. Der Junge hatte Humor, witzige Einfälle und einen wachen Verstand, der immer an etwas herumknobelte, etwas austüftelte oder kleine Spielchen erfand, die das reinste Gehirnjogging waren. Es war Arnie, der mir, als ich sieben war, zeigte, wie man eine Ameisenfarm anlegen musste, und wir verbrachten fast den ganzen Sommer damit, diese kleinen Biester zu beobachten, fasziniert von ihrem Fleiß und ihrer todernsten Verbissenheit. Es war Arnies Idee, dass wir uns eines Nachts, als wir zehn Jahre alt waren, in die Reitställe an der Route 17 schlichen, dort einen Eimer voller Pferdeäpfel klauten und ihn dann auf dem Rasen vor dem Libertyville-Motel unter dem Hintern der riesigen Pferdeplastik wieder auskippten. Er weihte mich in das Schach- und später in das Pokerspiel ein. Er zeigte mir, wie ich beim Scrabble die höchste Punktzahl herausholen konnte. Sobald es draußen regnete, dachte ich immer sofort an Arnie, jedenfalls bis zu dem Tag, als ich mich zum ersten Mal verliebte (na ja, eher verguckte – sie war Cheerleaderin und hatte einen fantastischen Körper, in den ich ganz bestimmt verliebt war, obwohl ich Arnie nicht hundertprozentig widersprechen konnte, als er mich darauf hinwies, dass sie einen Verstand von der Tiefe und Resonanz einer Shaun-Cassidy-Single besitze) -, weil Arnie wusste, wie man aus verregneten Tagen genauso wie beim Scrabble das Bestmögliche herausholen konnte. Vielleicht ist das eine Methode, wie man wirklich einsame Menschen erkennen kann … Sie wissen, wie man sich an verregneten Tagen auf vernünftige Weise die Zeit vertreibt. Man kann sie immer telefonisch erreichen. Sie sind immer zu Hause. Absolut immer.
Was mich betrifft, so brachte ich ihm das Schwimmen bei, nahm ihn mit zum Krafttraining und überredete ihn, Grünzeug zu essen, damit er ein bisschen Muskelfleisch ansetzte. Im Jahr vor der Senior Highschool beschaffte ich ihm in Libertyville einen Job beim Straßenbau – wir mussten beide hart kämpfen, bis seine Eltern damit einverstanden waren. Sie betrachteten sich zwar als große Freunde der Farmarbeiter in Kalifornien und der Stahlarbeiter hier in dem Kaff, doch sie waren entsetzt bei dem Gedanken, dass ihr hochbegabter Sohn (ich erinnere noch mal an den Stanford-Binet-Intelligenztest) sich die Hände schmutzig machen und den Buckel in der Sonne verbrennen könnte.
Und dann, am Ende der Sommerferien, sah Arnie Christine zum ersten Mal und verliebte sich in sie. Ich war an dem Tag bei ihm – wir waren gerade auf dem Heimweg von der Arbeitsstelle -, und ich bin jederzeit bereit, falls nötig, vor dem Thron des allmächtigen Gottes zu schwören, dass die Sache sich so, wie ich sie berichte, zugetragen hat. Himmel, es war Liebe auf den ersten Blick. Es hätte ein Spaß werden können, wenn es nicht so traurig und später geradezu unheimlich gewesen wäre. Ja, und man hätte darüber lachen können, wenn es nicht so schlimm gewesen wäre.
Wie schlimm?
Es fing schlimm an und wurde schnell schlimmer.
TEIL EINS
Dennis – Lieder zum Autofahren
1
Liebe auf den ersten Blick
Hey, looky there!Across the street!There’s a car made just for me,To own that car would be a luxury …That car’s fine-lookin, man,That’s somethin else.
- EDDIE COCHRAN
»O mein Gott!«, rief mein Freund Arnie Cunningham plötzlich ganz laut.
»Was ist los?«, fragte ich. Seine Augen waren hinter den stahlgefassten Brillengläsern weit aufgerissen, die gewölbte Hand verdeckte teilweise seinen Mund, und beim Umschauen verrenkte er den Kopf, als hätte er keine Wirbel, sondern einen Satz Kugellager im Genick.
»Halt den Wagen an, Dennis! Fahr zurück!«
»Was ist denn …«
»Fahr zurück, ich möchte sie noch einmal anschauen.«
Plötzlich begriff ich. »O Mann, vergiss es«, sagte ich. »Wenn du diese … diese Rostlaube meinst, an der wir gerade vorbeikamen …«
»Fahr zurück!«, schrie er mich förmlich an.
Okay, ich tat ihm den Gefallen, da ich glaubte, Arnie wollte sich nur einen Jux machen. Aber davon konnte keine Rede sein. Es hatte ihn erwischt. Liebe auf den ersten Blick.
Sie war ein schlechter Witz, und was Arnie an jenem Tag in ihr sah, werde ich wohl nie erfahren. Die linke Hälfte der Windschutzscheibe war gesprungen und hatte ein staubverklebtes Spinnwebenmuster. Die rechte hintere Ecke des Dachs war eingedrückt, und hässliche Roststellen nisteten im Lack. Die hintere Stoßstange war amputiert, der Kofferdeckel klaffte, und die Polsterwatte blutete vorn und hinten aus mehreren Schlitzen in der Sitzverkleidung, als hätte jemand mit einem Messer darin herumgesäbelt. Ein Reifen war platt, die anderen so blank, dass schon das Nylongewebe durch das Gummi hindurchschimmerte. Am schlimmsten war die dunkle Öllache unter dem Motorblock.
Arnie hatte sich in einen 1958er Plymouth Fury verliebt, in einen von diesen langen Schlitten mit Haifischflossen an den Kotflügeln. Hinter der rechten Hälfte der Windschutzscheibe, die nur verstaubt und nicht geborsten war, lag ein altes, von der Sonne vergilbtes Pappschild mit der kaum noch leserlichen Aufschrift: ZU VERKAUFEN!
»Schau dir ihre Linien und Kurven an, Dennis!«, flüsterte Arnie. Er lief um den Schlitten herum wie ein Besessener. Sein verschwitztes Haar wippte strähnig auf und ab. Er rüttelte an der rechten hinteren Tür, und sie gab ächzend nach.
»Arnie, du willst mich auf den Arm nehmen, nicht wahr?«, sagte ich. »Oder du hast einen Sonnenstich. Bitte sag, dass du einen Sonnenstich hast. Ich bring dich sofort nach Hause, dann packst du dich unter die Klimaanlage und wir vergessen das Ganze, okay?« Aber ich wusste, dass ich mir nur den Mund fusselig reden würde. Ich sah ihm an, dass er diesmal nicht den Clown spielte. Er war so vernarrt in diese Kiste, dass es mir fast unheimlich wurde.
Er machte sich nicht einmal die Mühe, mir zu antworten. Ein heißer muffiger Luftschwall, der nach Öl, Schimmel und fortgeschrittener Materialzersetzung roch, schlug uns aus der offenen Wagentür entgegen. Arnie schien auch das nicht zu bemerken. Er kroch in den Schlitten hinein und setzte sich auf die verschlissene und aufgeschlitzte Rückbank. Vor zwanzig Jahren musste das Polster rot gewesen sein. Nun war es ein verwaschenes Rosa.
Ich langte mit der Hand hinein, griff mir ein paar Bäusche von der herausquellenden Polsterwatte und blies sie dann vom Handrücken. »Der Schlitten muss zufällig im Weg gestanden haben, als die russische Armee mit ihren Panzern auf Berlin zurollte«, sagte ich.
Nun stellte er endlich fest, dass ich auch noch da war. »Ja … ja. Aber man könnte sie wieder flottmachen. Sie könnte … sie könnte in alter Pracht erstrahlen. Ein heißer Ofen, Dennis. Ein Prachtstück. Ein echter …«
»He, he! Was treibt ihr beide denn da?«
Es war ein alter Knabe, der aussah, als erlebte er seinen na, sagen wir mal – siebzigsten Sommer. Vielleicht war es auch erst sein achtundsechzigster. Jedenfalls wirkte dieser Typ auf mich wie ein Mann, der wenig Spaß verstand. Über einem Kranz aus langen, schmuddeligen Haaren breitete sich Schuppenflechte auf seinem ansonsten kahlen Schädel aus.
Er trug billige Leinenschuhe und eine grüne Altmännerhose, darüber kein Hemd, sondern etwas mit Haken und Ösen, das wie ein Frauenmieder aussah. Als er näher herankam, identifizierte ich das Mieder als Stützkorsett. Dem Aussehen nach musste er es, grob über den Daumen gepeilt, das letzte Mal am Todestag von Lyndon B. Johnson gewechselt haben.
»Was treibt ihr Bengels dort?«, erkundigte der Alte sich noch einmal mit schriller, scharfer Stimme.
»Sir, ist das Ihr Wagen?«, fragte Arnie ihn. Wobei mir die Frage ziemlich überflüssig vorkam. Der Plymouth stand auf dem Rasen vor einem Nachkriegs-Einfamilienhaus, aus dem der alte Mann gekommen war. Der Rasen war in einem grauenhaften Zustand, aber in Relation zum Plymouth im Vordergrund schnitt er noch ganz gut ab.
»Und wenn es so wäre?«, erkundigte sich der Greis.
»Ich« – Arnie musste schlucken – »ich möchte ihn kaufen.«
Die Augen des Alten begannen zu funkeln. Das cholerische Rot auf seinem Gesicht wich einem diabolisch-hinterhältigen Schimmer in seinen Augen und einem hungrigen Grinsen in den Mundwinkeln, das sich zu einem strahlenden hinterhältigen Lächeln entwickelte. Das war der Moment, glaube ich – der entscheidende Augenblick, wo ich ein kaltes Kribbeln im Magen spürte. Das war der Moment – just der Augenblick, wo ich Arnie am liebsten eins über den Schädel gezogen und ihn zu meinem Wagen zurückgeschleppt hätte. Es war nicht nur dieser tückische Silberblick des Alten, der mich warnte, sondern das, was sich dahinter versteckte.
»Warum hast du das nicht gleich gesagt?«, meinte der Alte grinsend und hielt Arnie die Hand hin, die dieser sofort ergriff. »LeBay ist mein Name. Roland D. LeBay, ehemaliger Soldat der U.S. Army.«
»Arnie Cunningham.«
Das Händeschütteln wollte kein Ende nehmen, und der Typ gönnte mir dabei auch ein Kopfnicken. Ich war nur Statist. Er hatte seinen Fisch schon an der Angel. Er brauchte ihn nur noch auszunehmen.
»Wie viel?«, fragte Arnie. Und dann setzte er atemlos hinzu: »Was Sie auch dafür verlangen – Sie verkaufen sie immer noch unter ihrem Preis.«
Ich stöhnte innerlich. Arnie bot ihm nicht nur sein Portemonnaie an, sondern auch noch sein Scheckheft.
Einen Augenblick lang kam LeBays siegesgewisses Grinsen ins Wanken, und seine Augen verengten sich misstrauisch. Ich glaube, er vermutete, dass wir ihn nur verscheißern wollten. Er suchte auf Arnies arglosem sehnsüchtigen Gesicht nach Anzeichen von Hinterhältigkeit. Und dann stellte er Arnie die geradezu mörderisch entwaffnende Frage:
»Hast du schon mal einen eigenen Wagen gehabt, Junge?«
»Er hat einen Mustang Mach II«, sagte ich rasch. »Den haben ihm seine Eltern gekauft. Mit Hurst-Getriebe und Turbolader als Sonderausstattung. Der Schlitten bringt schon im ersten Gang den Asphalt zum Kochen und …«
»Nein«, sagte Arnie leise, »ich habe erst im Frühjahr meinen Führerschein gemacht.«
LeBay warf mir einen kurzen, aber vernichtenden Blick zu und konzentrierte sich dann wieder auf seinen Fisch. Er stemmte beide Hände gegen sein Stützkorsett und streckte sich, eine Duftwolke aus saurem Schweiß um sich verbreitend.
»Das Kreuz, das hab ich mir bei der Army verrenkt«, sagte er. »Musste wegen Invalidität den Abschied nehmen. Die Ärzte konnten es nicht mehr geradebiegen. Wenn euch jemand fragen sollte, wer am Elend dieser Welt schuld ist, dann könnt ihr drei Gruppen aufzählen: die Ärzte, die Kommunisten und die radikalen Nigger. Von den dreien sind die Kommunisten am schlimmsten, und dichtauf folgen die Ärzte. Und wenn man euch fragt, wer euch das gesteckt hat, dann sagt ihnen: Roland D. LeBay. Yessir.«
Er tätschelte gedankenverloren die alte, ramponierte Motorhaube des Plymouth.
»Das hier ist der beste Schlitten, den ich je besaß. Hab ihn im September 1957 gekauft. Damals kamen schon im September die Modelle vom nächsten Jahr raus. Den ganzen Sommer über sah man im Fernsehen und in Illustrierten Autos, die mit Zeltbahnen und Plastikhüllen dick vermummt waren, sodass man ganz verrückt wurde vor Neugierde, was sich darunter versteckte. Heut isses nicht mehr so.« Seine Stimme troff nur so vor Verachtung, als er die degenerierte Gegenwart mit der guten alten Zeit verglich. »Fabrikneu war sie damals. Sie roch auch danach. Und das ist so ziemlich der schönste Geruch der Welt.«
Er dachte kurz nach.
»Mösen vielleicht ausgenommen.«
Ich sah Arnie an, das Innenfutter meiner beiden Wangen fest zwischen die Zähne gepresst, damit mir kein Lacher rausrutschte. Arnie erwiderte erstaunt meinen Blick. Der Alte schien unseren Blickwechsel nicht zu bemerken. Er war mit seinen Gedanken weit weg auf einem anderen Planeten.
»Ich hatte mich für vierunddreißig Jahre dienstverpflichtet«, fuhr LeBay dann fort, mit den Fingerspitzen immer noch die Motorhaube liebkosend. »Meldete mich 1923, mit sechzehn, freiwillig. Ich schluckte pfundweise Staub in Texas, und in den Hurenhäusern von Nogales habe ich Filzläuse gesehen, die waren so groß wie bei uns die Hummer. Ich habe den Zweiten Weltkrieg erlebt, wo den Kameraden die Gedärme aus den Ohren herausquollen. Besonders in Frankreich bei der Invasion. Da kamen ihnen die Gedärme wirklich aus den Ohren heraus. Du glaubst mir doch, oder, Junge?«
»Jawohl, Sir«, erwiderte Arnie artig. Ich glaube nicht, dass er auch nur ein Wort von dem mitbekommen hatte, was LeBay uns da erzählte. Er trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, als müsste er dringend auf die Toilette. »Was den Wagen betrifft …«
»Geht ihr auf die Universität?«, unterbrach LeBay ihn. »Etwa gar auf die Uni in Horlicks?«
»Nein, Sir. Ich besuche die Libertyville-Highschool.«
»Gut«, entgegnete LeBay grimmig. »Halte dich lieber von den Unis fern. Die quellen über von solchen Typen, die den Niggern den Panamakanal schenken wollen. »Denkfabriken« nennen sich die Typen. »Scheißfabriken« nenne ich sie.«
Er betrachtete liebevoll den Wagen, seine platten Reifen und den blinden Lack, der in der späten Nachmittagssonne rostbraun schimmerte.
»Im Frühjahr 57 hab ich mir dann den Rücken ausgerenkt«, fuhr er fort. »Da ging es mit der Army auch schon bergab. Ich bin gerade noch rechtzeitig ausgestiegen und kam nach Libertyville zurück. Und dann nahm ich das rollende Blech unter die Lupe. Ließ mir viel Zeit dafür. Und eines Tages ging ich dann zu Norman Cobbs Plymouth-Vertretung – in der äußeren Main Street, wo heute der Schuppen mit der Bowlingbahn steht – und bestellte mir diesen Wagen. Ich sagte ihm, es käme nur das Modell vom nächsten Jahr infrage, und zwar mit Zweifachlackierung – weiß und rot. Innen rot wie die Feuerwehr. Und sie lieferten genau das, was ich bestellt hatte. Und die Lady hatte nicht mehr als sechs Meilen auf dem Tacho. Yessir.«
Er spuckte neben den platten Reifen.
Ich blickte über Arnies Schulter auf den Meilenzähler. Das Glas war innen beschlagen, aber ich konnte trotzdem den genauen Stand ablesen: 97432 und sechs Zehntel. So viel dazu.
»Wenn Sie den Schlitten so lieben – warum verkaufen Sie ihn dann?«, fragte ich.
Er musterte mich mit trübem, fast schon unheimlichem Blick. »Willst du hier den Klugscheißer spielen, Söhnchen?«
Ich gab keine Antwort, wich aber auch seinem Blick nicht aus.
Nach einem sekundenlangen Blickduell (das Arnie entging, weil er die Haifischflossen am Heck streichelte) sagte er: »Ich kann nicht mehr Auto fahren. Mein Rücken verträgt das nicht mehr. Und die Augen machen auch nicht mehr mit.«
Plötzlich hatte ich begriffen, warum er verkaufte – oder bildete mir das wenigstens ein. Wenn er uns korrekte Daten genannt hatte, war er einundsiebzig Jahre alt. Und mit siebzig verlangt dieser Staat, dass man sich jedes Jahr einem Sehtest unterzieht, ehe man seine Fahrerlaubnis erneuert bekommt. LeBay war entweder bei dem Sehtest durchgefallen oder hatte Angst, dass er durchfallen würde. Was beides auf das Gleiche hinauslief. Statt sich also dieser Demütigung auszusetzen, hatte er lieber den Plymouth zum Verkauf in den Vorgarten gestellt. Und von diesem Moment an ging es natürlich ziemlich bergab mit dem Schlitten.
»Wie viel verlangen Sie für den Wagen?«, fragte Arnie abermals. Oh, er konnte es gar nicht erwarten, ausgenommen zu werden.
LeBay blickte zum Himmel, als wollte er feststellen, ob es bald regnete. Dann sah er wieder auf Arnie herunter und schenkte ihm ein Lächeln, das so falsch war wie seine Zähne.
»Ich hatte mir eigentlich dreihundert Piepen vorgestellt«, sagte er. »Aber du machst einen gut erzogenen, sympathischen Eindruck auf mich. Deshalb werde ich dir zuliebe fünfzig Mäuse nachlassen.«
»Oh, du heiliger Bimbam«, murmelte ich.
Aber er wusste, dass Arnie wie Wachs in seinen Händen war und wie man einen Keil zwischen uns treiben konnte. Um ein Sprichwort meines Grandpas zu zitieren: Er war nicht erst gestern von einem Heuwagen gefallen.
»Okay«, sagte er energisch, »wenn euch das nicht passt, muss ich jetzt wieder ins Haus zurück. Um vier Uhr dreißig kommt meine Serie Am Rande der Nacht. Wenn’s eben geht, verpasse ich keine Folge. Es war nett, mit euch zu plaudern, Jungs. Bis dann.«
Arnie warf mir einen derart schmerzgepeinigten und zugleich wütenden Blick zu, dass ich einen Schritt zurückwich, während er dem alten Mann nachlief und sich an seinen Ellenbogen klammerte. Sie redeten leise miteinander. Ich konnte kaum ein Wort verstehen, aber was ich sah, reichte mir vollkommen. Der Stolz des Alten war verletzt. Arnie redete mit zerknirscht-schuldbewusstem Gesicht. Der alte Mann meinte, er hoffe nur, Arnie verstünde, dass er seinen Wagen nicht beleidigen ließ, der ihn sicher über die Runden bis in die goldenen Jahre gebracht habe. Arnie nickte verständnisvoll. Und dann ließ der Alte sich auch von Arnie wieder zentimeterweise zu seinem Prachtstück auf dem Rasen zurückzerren. Wieder fühlte ich ganz deutlich eine drohende Gefahr, die von ihm ausging … Ungefähr wie ein kalter Novemberwind voll böser Gedanken. Besser kann ich es nicht ausdrücken.
»Wenn der noch mal ein Wort sagt«, beklagte sich LeBay bei Arnie und deutete mit einem schwieligen, gelbstichigen Daumen auf mich, »breche ich den Handel endgültig ab.«
»Das wird er nicht, ganz bestimmt nicht«, erwiderte Arnie hastig. »Dreihundert haben Sie gesagt, ja?«
»Ja, ich glaube, diese Zahl habe ich genannt …«
»Sie sagten zweihundertfünfzig«, unterbrach ich ihn mit lauter Stimme.
Arnie machte ein entsetztes Gesicht, da er fürchtete, der Alte würde seine Drohung wahr machen und sich endgültig entfernen. LeBay wollte nun aber kein Risiko mehr eingehen. Er hatte den Fisch ja schon fast im Kescher.
»Zweihundertfünfzig wäre die absolut unterste Grenze«, sagte LeBay und warf mir einen Blick zu, der vollständige Übereinstimmung in einem Punkt bestätigte – wir mochten uns beide nicht.
Und zu meinem wachsenden Entsetzen zog Arnie nun sein Portemonnaie aus der Jacke und begann sie gründlich zu durchsuchen. Ein paar Sekunden lang verband uns alle ein andächtiges Schweigen. LeBay beobachtete Arnies Anstrengungen, Geld in seiner Brieftasche zu finden, und ich beobachtete ein kleines Kind, das sich anstrengte, sich auf einem kotzgrünen Skateboard den Hals zu brechen. Irgendwo bellte ein Hund. Zwei Mädchen, dem Aussehen nach achte oder neunte Klasse, kamen kichernd am Vorgarten vorbei und drückten dicke Bücherstapel aus der Schulbibliothek gegen ihre knospenden Brüste. Mir blieb nur noch eine Hoffnung, dass ich Arnie vor diesem verhängnisvollen Kauf bewahren konnte. Morgen war Zahltag. Vielleicht reichten vierundzwanzig Stunden aus, ihn von diesem Wahn zu befreien. Langsam erinnerte er mich an den technikversessenen Kröterich aus dem Kinderbuch Der Wind in den Weiden.
Als mein Blick wieder zu Arnie und LeBay zurückkehrte, besichtigten die beiden gerade die Ausbeute aus Arnies Portemonnaie: zwei Fünfdollarscheine und sechs Eindollarscheine.
»Wie wäre es mit einem Scheck?«, fragte Arnie.
Dafür hatte LeBay nur ein spöttisches Lächeln übrig.
»Er ist ganz sicher auch gedeckt«, protestierte Arnie. Tatsächlich wäre er das gewesen. Wir hatten den ganzen Sommer für Carson Brothers an dem Zubringer für die I-376 gearbeitet, eine Schnellstraße, die nach der festen Überzeugung vieler Pittsburgher Bürger niemals fertiggestellt würde. Arnie hatte mir erzählt, dass die Ausschreibungen für den Bau dieser Straße bereits kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg stattgefunden hätten. Nicht dass wir beide Grund zur Beschwerde gehabt hätten. In jenem Sommer fanden viele Schüler entweder gar keine Arbeit oder nur Jobs, für die Hungerlöhne bezahlt wurden. Wir dagegen verdienten gutes Geld und konnten sogar Überstunden machen.
Brad Jeffries, der Bauführer, hatte zunächst gezögert, so eine halbe Portion wie Arnie anzuheuern, sich letztendlich aber doch entschlossen, ihn als Fähnchenschwinger oder Signalgeber einzustellen. Das Mädchen, das er dafür vorgesehen hatte, war nämlich schwanger geworden und mit ihrem Verführer von zu Hause ausgerissen. Also fing Arnie im Juni auf der Baustelle als wimpelschwenkender Hilfsarbeiter an und diente sich dann zäh und entschlossen bis in die Elite der Schwerarbeiter hoch. Es war der erste Job in seinem Leben, der ihm was einbrachte, und deshalb wollte er ihn unter keinen Umständen verlieren, und schließlich war auch Brad von Arnies Willenskraft überzeugt. Zudem hatte die Sommersonne auch eine heilsame Wirkung auf Arnies Pickelflut. Vielleicht war das Ultraviolett daran schuld.
»Ich bin mir sicher, dass der Scheck gedeckt ist, mein Junge«, sagte LeBay. »Aber ich verkaufe nur gegen bar. Aus Prinzip. Das verstehst du doch sicher.«
Ich wusste nicht, ob Arnie dieses Prinzip verstand, aber ich verstand es schon. Es wäre ein Leichtes gewesen, einen Scheck zu sperren, falls diese Plymouth-Rostlaube auf der ersten Fahrt einen Kolbenfresser hatte.
»Sie können ja meine Bank anrufen«, sagte Arnie mit leicht hysterischer Stimme.
»Nein«, sagte LeBay und kratzte sich in der Achselhöhle über dem geschmacklosen Stützkorsett. »Es geht auf halb sechs zu. Die Banken haben schon längst geschlossen.«
»Dann mache ich eine Anzahlung«, sagte Arnie und hielt ihm die sechzehn Dollar hin. Er machte ein Gesicht, als ginge es um sein Leben. Vielleicht halten Sie es für ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Junge, der in ein paar Monaten schon zur Wahl gehen durfte, binnen einer Viertelstunde dem Zauber einer anonymen alten Rostlaube rettungslos verfallen konnte. Ich selbst hatte einige Mühe, es zu glauben. Nur Roland D. LeBay schien das für eine Selbstverständlichkeit zu halten, und ich vermutete, das lag an seinem Alter. Mit siebzig weiß man wohl, dass es nichts gibt, was unmöglich wäre auf dieser Welt. Erst später kam mir der Gedanke, dass seine Überzeugung, er habe einen todsicheren Käufer für seinen Schlitten gefunden, auch andere Ursachen haben konnte. Egal, welche Gründe mitspielten, eines stand fest: Falls jemals ein Tropfen menschlicher Nächstenliebe durch seine Adern geflossen sein sollte, so war er schon vor vielen Jahren vertrocknet.
»Ich muss mindestens zehn Prozent als Anzahlung haben«, sagte LeBay. Der Fisch lag auf dem Trockenen und kam nun in den Kescher. »Wenn ich zehn Prozent bekomme, reservier’ ich dir den Wagen vierundzwanzig Stunden.«
»Dennis«, sagte Arnie, »kannst du mir bis morgen neun Piepen leihen?«
Ich hatte zwölf Dollar in meinem Portemonnaie und nichts Besonderes vor. Wenn man jeden Tag Sand auf Schottersteine schaufeln und Gräben für Kanalisationsröhren ausheben muss, dann ist das eine fantastische Vorbereitung für die Footballsaison, aber ein Fiasko für das Privatleben. Selbst die sonst so schwungvollen Attacken gegen die wohlgeformten Cheerleader-Rundungen meiner Freundin waren in letzter Zeit ziemlich lahm gewesen, was sie gar nicht von mir kannte. Ich war reich, aber einsam.
»Komm mal zu mir rüber«, sagte ich. »Wir wollen sehen, was sich machen lässt.«
LeBay runzelte die Stirn; aber er konnte mein Mitspracherecht nicht mehr verhindern. Der Handel drohte zu platzen, wenn ich Arnie keine Finanzspritze aus meinem Portemonnaie gab. Seine strähnigen, weißen Haare wehten in der lauen Brise hin und her, während seine rechte Hand besitzergreifend auf der Motorhaube des Plymouth ruhte.
Arnie und ich gingen wieder zu meinem Wagen zurück, einem 75er Duster, der am Bordsteinrand parkte. Ich legte Arnie den Arm um die Schultern. Dabei fielen mir wieder, weiß der Kuckuck warum, die verregneten Herbsttage ein, die wir als vielleicht Sechsjährige gemeinsam in seinem Zimmer verbracht hatten – vor einem uralten Schwarz-Weiß-Gerät, über dessen Mattscheibe Cartoons flimmerten, während wir mit alten Filzstiften, die Arnie in einer verbeulten Kaffeepulverdose aufbewahrte, malten. Erinnerungen, die mich jetzt traurig stimmten und mir sogar ein wenig Angst machten. Es gibt Tage, wo es mir so vorkommt, als wäre man mit sechs im optimalen Alter, und deshalb dauerte dieser Zeitabschnitt in Wirklichkeit auch nur 7,2 Sekunden.
»Hast du so viel Geld dabei, Dennis? Kannst du es mir vorstrecken? Du bekommst es morgen wieder.«
»Ja, ich könnte es dir vorschießen«, sagte ich. »Aber denk doch erst mal nach, ehe du diese Rostlaube kaufst! Der alte Furz ist hundertprozentig erwerbsunfähig, kapiert? Er bekommt’ne dicke, und du bist keine Wohlfahrtseinrichtung.«
»Ich versteh dich nicht. Wovon redest du überhaupt?«
»Er haut dich übers Ohr, Arnie. Er beschwindelt dich aus purem sadistischen Vergnügen. Wenn er die Karre an Darnell verscheuern würde, bekäme er höchstens fünfzig Dollar für Ersatzteile. Die Mühle ist ein Haufen Scheiße.«
»Nein, nein, das stimmt nicht.« Ohne diese Pickel im Gesicht hätte mein Freund Arnie wie ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsmensch ausgesehen. Aber Gott gibt jedem von uns wenigstens eine gute Eigenschaft mit auf den Lebensweg, denke ich, und bei Arnie waren es die Augen. Hinter den Brillengläsern, von denen sie in der Regel verdeckt wurden, zeigten sie ein feines und intelligentes Grau, das Grau des Himmels an einem bewölkten Herbsttag. Und sie konnten fast unangenehm scharf und bohrend werden, wenn sie etwas beobachteten, was sie interessierte. Aber jetzt wirkten sie entrückt und traumverloren.
»Der Wagen ist kein Haufen Scheiße, Dennis. Ganz und gar nicht.«
Das war der Moment, wo es mir dämmerte, dass dies mehr war als nur ein spontaner Entschluss, sich einen fahrbaren Untersatz zuzulegen. Bisher hatte er nicht einmal Interesse dafür gezeigt, Besitzer eines eigenen Wagens zu werden. Er war zufrieden gewesen, wenn er Beifahrer sein durfte, sich am Benzin beteiligte, oder mit seinem Dreigang-Drahtesel herumkutschierte. Und zum Knutschen brauchte er den Schlitten auch nicht. Soweit ich sein Intimleben überblicken konnte, hatte er noch kein einziges Date gehabt. Daher schieden rationale Gründe für den Autokauf aus. Und so war es etwas Irrationales, Liebe oder so etwas Ähnliches.
»Arnie«, sagte ich, »das Mindeste, was du von dem Typen verlangen kannst, ist ein Probelauf. Du musst doch wissen, ob die Kiste überhaupt anspringt. Wirf einen Blick unter die Motorhaube. Vielleicht ist der Zylinderblock im Eimer. Die dicke Öllache auf dem Rasen kommt ja nicht von ungefähr. Ich glaube …«
»Leihst du mir nun die neun Kröten oder nicht?«, fragte er und fixierte mich mit seinen grauen Augen.
Ich gab es auf. Ich holte mein Portemonnaie heraus und zählte ihm neun kleine Scheine in die Hand.
»Vielen Dank, Dennis«, sagte er.
»Viel Glück zu deiner Beerdigung, Mann.«
Er hörte gar nicht zu, steckte mein Geld ein und eilte zurück auf den Rasen, wo LeBay neben seinem Schlitten stand. Arnie händigte dem Alten das Geld aus, und LeBay feuchtete seinen Daumen an, um es nachzuzählen.
»Länger als vierundzwanzig Stunden halte ich den Wagen aber nicht zurück. Kapiert?«, sagte er.
»Jawohl, Sir, das ist ganz in Ordnung«, erwiderte Arnie.
»Ich geh nur schnell ins Haus und stell dir eine Quittung aus«, sagte LeBay. »Wie war dein Name doch gleich, Soldat?«
Arnie lächelte kurz. »Cunningham. Arnold Cunningham.«
Den Namen vor sich hinbrummelnd, entfernte sich LeBay über den welken Rasen zum Hintereingang seines Hauses, in dessen Türverkleidung aus Aluminiumblech mit Kupferpatina ein verschnörkeltes L eingestanzt war.
Er warf die Tür hinter sich zu.
»Der Typ ist mir unheimlich, Arnie. Der Typ ist mir so unheimlich, dass mir eine Gänsehaut …«
Aber Arnie stand gar nicht mehr neben mir, sondern saß jetzt hinter dem Lenkrad des Wagens, ein verklärtes Lächeln auf dem Gesicht.
Ich ging zum Kühler und fand nach längerem Suchen den Hebel, der die Motorhaube entriegelte. Ich stemmte sie hoch, und die Scharniere begleiteten meine Anstrengung mit einer Serie von Quietschlauten, die mich an Laute auf Märchenschallplatten erinnerten, wenn von Hexenhäuschen oder Schlossgeistern die Rede war. Rost regnete herunter. Die Batterie war eine uralte Allstate. Grünspan belegte die Kabelanschlüsse; ich hätte eine Feile gebraucht, um feststellen zu können, welcher Pol mit Minus oder Plus gekennzeichnet war. Ich schraubte den Luftfilter ab und betrachtete düster den Vierfachvergaser, dessen Wände so verrußt waren wie der Schacht eines Kohlebergwerkes.
Ich ließ die Motorhaube wieder einrasten und stellte mich neben Arnie, der liebevoll mit der Hand über das Armaturenbrett strich, über den Tachometer, dessen Skala bis zu einer absurden Höchstgeschwindigkeit von hundertzwanzig Meilen pro Stunde reichte. Gab es wirklich Autos, die so schnell fahren konnten?
»Arnie, ich glaube, der Motorblock hat einen Riss. Ernsthaft. Dieser Schlitten ist ein Wrack. Ein totales Wrack. Wenn du was Fahrtüchtiges auf vier Rädern suchst, bekommen wir woanders etwas weitaus Besseres für zweihundertfünfzig Mäuse. Etwas viel Besseres. Darauf kannst du Gift nehmen.«
»Der Wagen ist zwanzig Jahre alt«, erwiderte er. »Weißt du eigentlich, dass ein Wagen offiziell bereits als Oldtimer gilt, wenn er zwanzig Jahre alt ist?«
»Ja«, murmelte ich, »der Schrottplatz hinter Darnells Werkstatt ist voll von offiziellen Oldtimern. Du verstehst, was ich andeuten will?«
»Dennis …«
Eine Tür fiel krachend ins Schloss. LeBay kam zurück. Auch gut, denn eine längere Diskussion hätte doch nichts gebracht. Ich gehöre vermutlich nicht zu den ausgeprägt sensiblen Typen; doch wenn die Signale stark genug sind, empfange ich sie natürlich. Wenn Arnie das Gefühl hatte, dass er diesen Schlitten unbedingt haben musste, würde ich ihn nicht davon abbringen können. Ich nicht, und ein anderer erst recht nicht.
LeBay überreichte ihm schwungvoll die Quittung. Mit zittriger Handschrift hatte er auf gewöhnlichem Notizpapier geschrieben: Ich erhielt heute von Arnold Cunningham 25 Dollar als Vierundzwanzig-Stunden-Anzahlung für einen Plymouth, Modell 1958, Christine. Darunter standen das Datum und sein Name.
»Was soll das heißen – Christine?«, fragte ich in der Annahme, dass er sich beim letzten Wort verschrieben hatte oder ich es nicht richtig entziffern konnte.
Er presste die Lippen zusammen und hob die Schultern ein wenig an, als hätte er Angst ausgelacht zu werden … oder als warnte er mich, ihn nicht auszulachen. »Christine«, sagte er, »so habe ich den Wagen immer genannt.«
»Christine«, erwiderte Arnie. »Der Name gefällt mir. Dir nicht, Dennis?«
Jetzt redete er schon davon, wie er diese verdammte Rostlaube taufen sollte. Das war ein bisschen zu viel für mich.
»Was meinst du, Dennis? Gefällt dir der Name?«
»Nein«, erwiderte ich. »Wenn der Schlitten schon unbedingt einen Namen haben muss, würde ich ihn schlichtweg nach diesem Brettspiel »Trouble« benennen, denn ärgern wirst du dich zur Genüge über ihn, und Probleme wird er dir darüber hinaus auch noch machen.«
Er blickte mich an wie eine beleidigte Leberwurst. Mich interessierte das nicht mehr. Ich wollte nichts mehr damit zu tun haben. Ich ging zurück zu meinem Wagen und wartete dort. Ich ärgerte mich nur, dass ich für unseren Heimweg keine andere Route gewählt hatte.
2
Der erste Streit
Just tell your hoodlum friends outside,You ain’t got time to take a ride!(Yakety-Yak!)Don’t talk back!
- THE COASTERS
Ich brachte Arnie nach Hause und ging mit zu ihm, weil er mich noch zu einem Glas Milch und einem Stück Kuchen eingeladen hatte. Es war ein Entschluss, den ich rasch bereuen sollte.
Arnies Eltern besaßen ein Haus in der Laurel Street, in einem ruhigen Wohnviertel im Westteil von Libertyville. Was die Wohnqualität betrifft, kann man fast alle Viertel von Libertyville als ruhig bezeichnen. Luxusherbergen, wie sie massenweise im Nachbarort Fox Chapel vorkommen (und wie man sie jede Woche in der Fernsehserie Columbo auf der Mattscheibe zu sehen bekommt), sucht man hier vergeblich, aber vornehmer als Monroeville mit seinen kilometerlangen Einkaufsstraßen, Supermärkten und schmutzigen Filialen von Buchhandelsketten ist Libertyville allemal. Da gibt es keine Schwerindustrie. Der Ort dient hauptsächlich als Schlafstadt für die in der Nähe gelegene Universität. Kein Stuck aus Gips, dafür Leute mit Grips.
Arnie war ein sehr stiller und nachdenklicher Beifahrer gewesen, und als ich ihn in eine Unterhaltung verwickeln wollte, gelang mir das nicht. Ich fragte ihn, was er mit dem Wagen anstellen wolle. »Ihn reparieren«, sagte er geistesabwesend und schwieg dann wieder.
Nun, die handwerklichen Fähigkeiten dazu hatte er; daran zweifelte ich keine Sekunde. Er war ein geschickter Mechaniker. Bei Maschinen hatte er eine ruhige, sichere Hand und erfasste sofort die Zusammenhänge. Nur wenn er sich in Gesellschaft fremder Menschen befand – besonders dann, wenn sie dem weiblichen Geschlecht angehörten -, wurde er ungeschickt, ruhelos. Dann vergrub er die Hände in den Hosentaschen, falls er nicht gerade die Gelenke knacken ließ, an den Fingernägeln herumkaute oder, noch schlimmer, an seinen Pickeln herumkratzte, die sein Gesicht in eine Kraterlandschaft verwandelten, was natürlich erst recht die Aufmerksamkeit auf seine Akne zog.
Er konnte den Schlitten reparieren; aber das Geld, das er sich in den Sommerferien verdient hatte, war eigentlich für das Studium reserviert. Er hatte noch nie einen Wagen besessen, und ich bezweifelte, dass er die Konsequenzen seiner Neuerwerbung wirklich überschaute. Solche Oldtimer konnten, was die Reparaturkosten betraf, richtig heimtückisch sein, sie saugten einem das Geld aus dem Portemonnaie wie Vampire das Blut aus der Halsschlagader. Zwar konnte er den Arbeitslohn in den meisten Fällen einsparen, aber schon die Materialkosten für die Ersatzteile würden dafür sorgen, dass er auf dem Zahnfleisch ging, ehe der Schlitten halbwegs instand gesetzt war.
Ich zitierte zu seiner Aufklärung ein paar abschreckende Beispiele, aber sie perlten von ihm ab. Seine Gedanken waren ganz woanders, sein Blick war verträumt in die Ferne gerichtet. Ich hatte keine Ahnung, was in seinem Kopf vorging.
Beide Eltern waren zu Hause – Michael und Regina Cunningham, er hörte im Wohnzimmer Platten an, sie war in eines dieser riesengroßen Puzzles vertieft (soweit ich erkennen konnte, musste es mindestens sechstausend verschieden gezackte und gezahnte Teile haben, was mich spätestens nach einer Viertelstunde dazu veranlasst hätte, das ganze Ding in die Mülltonne zu werfen).
Es dauerte nicht lange, bis ich mir wünschte, ich hätte auf Kuchen und Milch verzichtet. Arnie beichtete seinen Eltern, was er getan hatte, zeigte ihnen die Quittung, und beide explodierten.
Nun müssen Sie wissen, dass beide Eltern so richtige Paukertypen waren. Ihr Lebensinhalt bestand darin, Gutes zu tun – zu protestieren. Sie hatten in den frühen Sechzigerjahren für die Integration protestiert, anschließend gegen den Vietnamkrieg und dann, als dieser zu Ende war, gegen Nixon, dann für das Rassengleichgewicht in den Schulen (sie konnten das Protokoll des Allan-Bakke-Prozesses gegen Diskriminierung an Universitäten auswendig herbeten, bis man darüber einschlief), dann gegen die Brutalität der Polizei und schließlich gegen elterliche Gewalt. Sie waren beide ganz leidenschaftliche Redner – redeten alles in Grund und Boden oder an die Wand. Reden machte ihnen fast so viel Spaß wie Protestieren. Ein Stichwort genügte, und sie redeten die ganze Nacht über das Raumfahrtprogramm, gestalteten ein Hearing über die politische Gruppierungen oder ein Seminar über Alternativen für fossile Brennstoffe. Sie waren bei Gott weiß wie vielen telefonischen Notrufstellen aktiv gewesen: Notrufstellen für Vergewaltigungsopfer, für Drogenabhängige, für Ausreißer, die sich einfach nur mal ausheulen wollen, und natürlich für die gute alte Telefonseelsorge, bei der Selbstmordkandidaten anrufen und einer sympathischen Stimme lauschen können, die ihnen sagt, nein, so was soll man nicht tun, denn schließlich hat man ja eine soziale Verpflichtung auf dem Raumschiff Erde zu erfüllen. Nach zwanzig oder dreißig Jahren Vorlesungen an der Universität genügt wohl schon ein Klingelzeichen, dass sich die Stimmbänder ganz automatisch in Bewegung setzen wie beim pawlowschen Hund die Speicheldrüsen.
Regina (sie hatten beide darauf bestanden, dass ich sie nur mit ihren Vornamen anreden sollte) war fünfundvierzig und auf kühle, aristokratische Weise hübsch – sie brachte es fertig, sogar in ihrer Jeans, die sie die meiste Zeit trug, aristokratisch auszusehen. Ihr Fachgebiet war Englisch, aber wenn man an einer Universität unterrichtet, reicht das niemals aus. Es wäre genau so, als würde man »Amerika« sagen, wenn man danach gefragt wird, wo man herstammt. Deshalb hatte sie sich auf ihrem Fachgebiet so sehr spezialisiert und kondensiert wie ein Leuchtpunkt auf einem Radarschirm. Sie hielt Vorlesungen über altenglische Dichter und hatte ihre Diplomarbeit über Robert Herrick geschrieben.
Michael war im historischen Fach tätig. Er sah genauso melancholisch und trübsinnig aus, wie die Musik klang, die er auf seinem Plattenspieler laufen ließ, obwohl Trübsinn und Melancholie eigentlich nicht zu seinen Charakterzügen zählten. Manchmal erinnerte er mich an Ringo Starr, der beim ersten USA-Besuch der Beatles auf die Reporterfrage, ob er wirklich so traurig wäre, wie er aussehe, gesagt haben soll: »Nein, das ist nur mein Gesicht.« Michael war wie Ringo Starr. Sein schmales Gesicht und die dicken Brillengläser, die er trug, fügten sich zu einem Erscheinungsbild, das an die Karikatur eines Professors in einem boshaft satirischen Blatt erinnerte. Sein Haar wies starke Geheimratsecken auf, und er trug einen kurzen, etwas struppigen Kinnbart.
»Hallo, Arnie«, sagte Regina, als wir hereinkamen. »Hallo, Dennis.« Das war so ungefähr das einzige freundliche Wort, das wir beide an diesem Nachmittag von ihr zu hören bekamen.
Wir sagten ebenfalls Hallo und holten uns den Kuchen und die Milch. Dann saßen wir am Esstisch. Das Abendessen schmorte bereits im Ofen, und ich bedauere, die Wahrheit sagen zu müssen, aber der Geruch aus der Bratröhre war widerlich. Regina und Michael hatten eine Zeit lang mit dem Vegetarismus geliebäugelt, und nun roch es so, als hätte Regina eine gute, abgehangene Seetang-Pizza zum Brutzeln in die Röhre gestellt. Ich hoffte nur, sie würden mich nicht zum Abendessen einladen.
Die Schallplattenmusik verstummte, und Michael tauchte in der Küche auf. Er trug eine abgeschnittene Jeans und sah aus, als wäre sein bester Freund gerade gestorben.
»Ihr kommt heut spät, Jungs«, sagte er. »War etwas Besonderes los?« Er öffnete den Kühlschrank und begann, darin herumzusuchen. Vielleicht war Seetang-Pizza auch nicht so ganz nach seinem Geschmack.
»Ich hab mir ein Auto gekauft«, sagte Arnie und schnitt sich noch ein Stück Kuchen ab.
»Du hast was gekauft?«, rief seine Mutter aus dem Nebenraum. Sie schoss so rasch von ihrer Sitzfläche hoch, dass sie mit der Hüfte gegen die Kante des Kartentischchens stieß, auf der die vielen Puzzleteile ausgebreitet lagen. Dem dumpfen Laut des Zusammenpralls folgte ein helles Prasseln, als zahlreiche Einzelteile des Puzzles auf den Fußboden regneten. In diesem Augenblick bereute ich endgültig, dass ich nicht umgehend nach Hause gefahren war.
Michael Cunningham hatte sich halb vom offenen Kühlschrank abgewendet, um seinen Sohn anzustarren, in der einen Hand einen Granny-Smith-Apfel, in der anderen eine Sechserpackung Joghurt.
»Das soll wohl ein Witz sein«, sagte er, und dabei fiel mir absurderweise auf, dass in seinem Kinnbart, den er seit 1970 oder so trug, graue Strähnen zu sehen waren. »Arnie, das war ein Witz, nicht wahr? Sag, dass es ein Witz ist.«
Jetzt kam auch Regina in die Küche, sehr groß, nahezu aristokratisch und fuchsteufelswild.
Ein Blick auf Arnies Gesicht genügte ihr, und sie wusste, dass es kein Scherz war. »Du kannst dir keinen Wagen kaufen«, sagte sie. »Wovon redest du überhaupt? Du weißt sehr genau, dass du erst siebzehn bist.«
Arnies Blick wanderte zwischen seinem Vater am Kühlschrank und seiner Mutter im Türrahmen zum Wohnzimmer hin und her. Sein Gesicht nahm einen harten, sturen Zug an, den ich bisher bei ihm noch nie entdeckt hatte. Schade, dachte ich, dass er diesen Gesichtsausdruck nicht auch in der Schule zeigte. Dann hätten die Jungs in der Schulwerkstatt vielleicht mehr Respekt vor ihm gehabt.
»Da irrt ihr euch aber gewaltig«, sagte er. »Natürlich kann ich mir einen Wagen kaufen. Ich könnte ihn nicht finanzieren, aber wenn ich ihn bar bezahle, ist alles okay. Selbstverständlich kann ich mit siebzehn nicht ohne Weiteres einen Wagen auf meinen Namen zulassen. Dazu brauche ich eure Erlaubnis.«
Beide Elternteile fixierten ihn nun mit erstaunten, zugleich ungläubigen und – was mir am meisten auf den Magen schlug – zunehmend zornigen Blicken. Trotz ihrer liberalen Einstellung und ihres wortgewaltigen Engagements für ausgebeutete Landarbeiter, misshandelte Ehefrauen, unverheiratete Mütter und so weiter, hatten sie die Erziehung ihres Sohnes immer autoritär gehandhabt. Und Arnie hatte sich immer bevormunden lassen.
»Es gibt keinen Grund, in einem solchen Ton mit deiner Mutter zu reden«, sagte Michael. Er stellte den Sechserpack Joghurt zurück und behielt nur den Granny Smith in der Hand, als er die Tür des Kühlschranks wieder schloss. »Du bist zu jung, einen Wagen zu besitzen.«
»Dennis hat auch einen«, erwiderte Arnie prompt.
»He! Himmel! Es ist schon spät!«, rief ich. »Ich müsste schon längst zu Hause sein. Ich müsste …«
»Wie sich Dennis’ Eltern in so einem Fall verhalten, hat mit der Entscheidung deiner Eltern nicht das Geringste zu tun«, sagte Regina Cunningham. Ich hatte sie noch nie mit einer so kalten Stimme reden gehört. Noch nie! »Und du hattest kein Recht, etwas Derartiges zu machen, ohne vorher deinen Vater und mich zu fragen …«
»Euch zu fragen?«, brüllte Arnie plötzlich los. Er kippte seine Milch um. Ich sah, wie die Adern an seinem Hals anschwollen, blaue, pulsierende Stricke unter der Haut.
Regina wich einen Schritt zurück. Ihre Kinnlade fiel herunter. Ich bin bereit, jede Wette einzugehen, dass sie von ihrem unscheinbaren Sprössling in ihrem ganzen Leben noch nie so laute Töne vernommen hatte. Michael stand da wie vom Donner gerührt. Sie bekamen nun eine Kostprobe dessen, was ich bereits seit Stunden geahnt oder gespürt hatte: Aus unerklärlichen Gründen war Arnie plötzlich auf etwas gestoßen, was er wirklich begehrte. Und gnade Gott allen, die ihm dabei im Weg standen.
»Euch erst fragen! Ich habe euch bisher bei jedem Scheiß gefragt, bei jeder noch so unbedeutenden Sache! Und jedes Mal wurde daraus eine Ausschusssitzung, und wenn es sich um etwas handelte, was ich nicht haben oder tun wollte, wurde ich immer mit zwei zu eins Stimmen abgeschmettert! Aber diesmal gibt’s keinen Familienrat! Ich habe den Wagen gekauft, und damit … basta!«
»Von basta kann überhaupt nicht die Rede sein«, entgegnete Regina. Ihre Lippen waren nur noch zwei dünne Striche, und seltsamerweise (oder ganz und gar nicht seltsamerweise) sah sie nun nicht mehr aristokratisch aus, sondern eher, trotz oder gerade wegen der Jeans, wie ein Double der Königin von England. Deswegen hatte auch Michael im Augenblick nichts zu sagen. Er sah genauso verwirrt und unglücklich aus, wie ich mich fühlte, und einen Moment lang empfand ich Mitleid für diesen Mann. Er konnte sich dieser Affäre nicht dadurch entziehen, dass er zum Abendessen nach Hause fuhr – schließlich war er zu Hause. Im Handumdrehen war der Autokauf zu einer rohen Machtprobe zwischen Alt und Jung geworden, und sie würde so entschieden werden, wie es in solchen Situationen meistens der Fall war, nämlich mit einem monströsen Overkill aus Bitterkeit und Psychoterror. Regina war offenbar bereit zu dieser Machtprobe, auch wenn ihr Mann es nicht war. Aber ich wollte nichts damit zu tun haben. Ich stand auf und ging zur Haustür.
»Und du hast es zugelassen?«, fragte Regina mich. Sie sah mich dabei sehr hochmütig an, als hätten wir nie zusammen gelacht, gemeinsam Kuchen gebacken oder gemeinsame Picknicks veranstaltet. »Dennis, ich muss mich sehr über dich wundern.«
Das konnte ich nun nicht auf mir sitzen lassen. Ich hatte Arnies Mutter immer recht gern gehabt, ihr aber auch nie ganz getraut; jedenfalls nicht mehr seit meinem achten Lebensjahr, als sich Folgendes ereignete.
Arnie und ich waren auf unseren Rädern in die Stadt gefahren, um die Kindervorstellung am Samstagnachmittag zu besuchen. Auf dem Rückweg vom Kino war Arnie vom Rad gestürzt, weil er einem Hund ausweichen wollte, und hatte sich dabei das Bein ziemlich böse aufgeschrammt. Ich setzte ihn auf meinen Gepäckträger und brachte ihn, mich für zwei abstrampelnd, nach Hause, und Regina fuhr anschließend mit ihrem Sohn sofort in die Notaufnahme des Krankenhauses, wo ein Arzt Arnie mit einem halben Dutzend Stichen nähte. Und dann, als schon alles vorbei war und auch feststand, dass Arnie nicht mal eine Narbe davontragen würde, fiel Regina plötzlich über mich her und hielt mir eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. Sie ließ mich strammstehen wie ein Stabsfeldwebel. Als sie damit fertig war, zitterte ich am ganzen Körper und hätte am liebsten losgeheult – zum Teufel, ich war erst acht, und an der Unfallstelle hatte es eine Menge Blut gegeben. Soweit ich die Details noch im Kopf habe, begann sie ihre Standpauke mit dem Vorwurf, dass ich nicht gut genug auf ihn aufgepasst hätte – als wäre Arnie ein Baby gewesen und nicht gleichaltrig, und die Predigt endete damit, dass sie sagte (oder jedenfalls durchblicken ließ), dass eigentlich ich es verdient hätte, auf die Schnauze zu fallen.
Und das schien sich nun zu wiederholen – Dennis, du hast nicht richtig auf ihn aufgepasst -, und deshalb wurde ich ebenfalls wütend. Daran war vermutlich mein nicht ganz ungetrübtes Verhältnis zu Regina nur teilweise schuld und, wenn ich ganz ehrlich bin, wahrscheinlich nur zum kleinsten Teil. Wenn man ein Kind ist (und kann man siebzehn nicht als die äußerste Grenze der Kindheit bezeichnen?), neigt man dazu, immer die Partei anderer Kinder zu ergreifen. Denn ein starker und unbeirrbarer Instinkt in diesem Alter sagt dir, dass du ein paar Zäune niederwalzen und ein paar Tore niederreißen musst, weil dich deine Eltern sonst – selbstverständlich aus den besten Motiven heraus – am liebsten bis in alle Ewigkeit in deinem Laufstall einsperren würden.
Ich wurde wütend, aber ich mäßigte meine Stimme so gut es ging.
»Ich habe gar nichts zugelassen«, sagte ich. »Er wollte den Wagen haben, und er kaufte ihn.« Vor ein paar Minuten hätte ich meiner Aussage noch hinzugefügt, dass ihr Sprössling die Kiste bisher nur angezahlt hatte, aber das verkniff ich mir nun. »Tatsächlich habe ich versucht, ihm den Wagen auszureden.«
»Ich bezweifle, dass du dich dabei sehr angestrengt hast«, entgegnete Regina schroff. Sie hätte ebenso gut sagen können: Halt mich doch nicht zum Narren, Dennis! Ich weiß ganz genau, dass ihr beide unter einer Decke steckt! Sie hatte rote Flecken im Gesicht, und ihre Augen sprühten Funken. Sie versuchte, mich wieder auf mein Alter von acht Jahren zurückzustutzen und stellte sich recht geschickt dabei an. Doch ich schlug zurück.
»Ihr habt gar keinen Grund, euch so aufzuregen, wenn ihr die Sache nüchtern betrachtet. Er hat sich einen Gebrauchtwagen für zweihundertfünfzig Dollar gekauft und …«
»Zweihundertfünfzig Dollar!«, fiel mir Michael ins Wort. »Was für einen Wagen bekommt man denn schon für zweihundertfünfzig Dollar?« Vermutlich hatte er sich als Vater bisher herausgehalten, weil ihm die Szene peinlich war – oder hatte ihm nur der Schock die Sprache verschlagen, weil er zum ersten Mal erleben musste, wie sein sonst so stiller Sohn seine Stimme zum Protest erhob? -, doch als ich den Preis des Gebrauchtwagens nannte, musste er unbedingt Stellung beziehen. Er betrachtete seinen Sohn mit so unverhohlener Verachtung, dass mir die Milch im Magen sauer wurde. Ich möchte eines Tages selbst Kinder haben, und falls sie mir vergönnt sind, hoffe ich sehr, dass solche Gesichtsausdrücke nicht zum pädagogischen Repertoire meiner Gebärdensprache gehören.
Ich ermahnte mich abermals, cool zu bleiben, weil ich nur indirekt betroffen war und es auch nicht um meinen Wagen ging, ich also keinen Grund hatte, gleich Gift und Galle zu spucken; doch der Kuchen, den ich eben verzehrt hatte, bildete jetzt im Zentrum meines Magens einen dicken klebrigen Klumpen, und meine Haut fühlte sich zu heiß an. Seit meinem Säuglingsalter waren die Cunninghams für mich so etwas wie ein zweites Elternhaus, und deshalb litt ich auch unter all diesen deprimierenden körperlichen Symptomen, die gemeinhin von einem Familienkrach ausgelöst werden.
»Man kann eine Menge über die Mechanik eines Autos lernen, wenn man einen alten Schlitten wieder in Schuss bringt«, sagte ich. Ohne es zu wollen, war ich plötzlich in den Jargon von LeBay verfallen. »Es wird eine Menge Arbeit kosten, bevor der Schlitten überhaupt verkehrstüchtig ist.« (Wenn er das jemals sein wird, setzte ich in Gedanken hinzu.) »Ihr könnt es also als ein … ein Hobby betrachten.«
»Ich betrachte es als Wahnsinn«, sagte Regina.
Jetzt reichte es mir plötzlich. Ich wollte nur noch nach Hause. Vielleicht hätte ich die Szene lächerlich gefunden, wenn sie nicht so emotional hochgeschaukelt worden wäre. Hatte ich nicht selbst den Kauf dieses Wagens für absoluten Schwachsinn gehalten? Und nun war ich irgendwie in eine Lage hineinmanövriert worden, die mich dazu zwang, Arnies Wagen zu verteidigen.
»Was du darüber denkst, ist Ansichtssache«, murmelte ich. »Nur mich halte da raus. Denn ich fahr’ jetzt nach Hause.«
»Gut«, gab Regina fauchend zurück.
»Mir reicht’s auch«, sagte Arnie tonlos. »Ich verpisse mich ebenfalls.«
Regina hielt erschrocken die Luft an, und Michael blinzelte, als wäre er geohrfeigt worden.
»Was hast du eben gesagt?«, fasste sich Regina wieder. »Was hast du eben …«
»Ich begreife nicht, weshalb ihr euch so aufregt«, sagte Arnie, sich eisern beherrschend, damit er nicht ausfallend wurde, »aber ich denke nicht daran, mich von euch herunterputzen zu lassen und mir den Unsinn anzuhören, den ihr von euch gebt.«
Er blickte seine Mutter an. »Du wolltest unbedingt, dass ich die Vorbereitungskurse für das Studium besuchen sollte. Okay, ich besuche sie. Ich wollte im Schulorchester mitwirken, aber nein, ich sollte lieber Schach spielen. Also spiele ich jetzt Schach. Ich habe es siebzehn Jahre lang fertiggebracht, euch weder vor euren Bridge-Freunden zu blamieren noch in den Knast zu wandern.«
Sie starrten ihn mit geweiteten Augen an, als hätten die Küchenwände plötzlich Lippen bekommen und zu reden angefangen.
Arnie hielt ihren Blicken stand. Er sah richtig gefährlich aus mit seinen flackernden Augen und seinem schneeweißen Gesicht. »Ich sage es zum letzten Mal. Diesmal setze ich meinen Willen durch. Diesen Wagen behalte ich.«
»Arnie, die Versicherung …«, begann Michael.
»Hör auf!«, rief Regina. Sie mochte gar nicht erst eine Debatte über die mit dem Wagen zusammenhängenden Probleme zulassen, weil dies der erste Schritt auf dem Weg zu einem Kompromiss oder zum Nachgeben gewesen wäre. Sie wollte einfach die Rebellion rasch und gründlich ersticken. Es gibt Zeiten, wo Erwachsene sich so grauenhaft aufführen, dass sie gar nicht begreifen, wie viel Kredit sie bei ihren Kindern verspielen. Ich empfand es wenigstens so in diesem Moment, und dadurch wurde meine Stimmung nicht besser. Als Regina ihren Mann anschrie, war sie für mich nur noch eine vulgäre Frau, die Angst hatte, die Macht über ihre Familie zu verlieren, und da ich sie sehr mochte, hätte ich mir gewünscht, sie nie in dieser Rolle zu erleben.
Trotzdem blieb ich in der Küchentür stehen, gebannt von einer morbiden Neugierde, wie es nun weitergehen würde bei dem ersten handfesten Familienkrach im Hause Cunningham, bei dem ich Zeuge wurde; vermutlich bei dem ersten Familienkrach der Cunninghams überhaupt. Fast schon ein Familienerdbeben, Stärke zehn auf der Richterskala.
»Dennis, es wäre besser, du würdest jetzt gehen, damit wir die Angelegenheit unter uns regeln können«, sagte Regina grimmig.
»Ja«, erwiderte ich, »ich wollte sowieso schon längst nach Hause. Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum ihr aus der Sache eine Staatsaffäre macht. Dieser Wagen – Regina … Michael -, wenn ihr den gesehen hättet … er braucht mindestens zwanzig Minuten, um von null auf dreißig Meilen zu beschleunigen, falls er sich überhaupt bewegt.«
»Dennis! Geh jetzt!«
Ich ging.
Als ich in meinen Duster stieg, sah ich Arnie sein Elternhaus durch die Hintertür verlassen, wahrscheinlich in der Absicht, seine Drohung wahr zu machen und von daheim wegzurennen. Seine Eltern liefen ihm nach, beide ebenso besorgt wie wütend. Ich konnte bis zu einem gewissen Grad nachempfinden, was in ihnen vorging. Das war alles so plötzlich über sie gekommen wie ein Taifun aus heiterem Himmel.
Ich gab Gas und fuhr im Rückwärtsgang aus der Einfahrt auf die stille Straße hinaus. Seit vier Uhr hatten wir Feierabend, und in den zwei Stunden, die inzwischen vergangen waren, hatte sich wahrhaftig eine Menge getan. Als ich die Stechuhr drückte, hatte ich einen solchen Kohldampf gehabt, dass ich alles verschlungen hätte, was man mir anbot (ausgenommen eine Seetang-Pizza), und jetzt durfte ich nicht mal ans Essen denken, weil sich mir sonst der Magen umgedreht hätte.
Als ich den Vorwärtsgang einlegte, blickte ich noch einmal zum Haus hinüber. Sie zankten sich jetzt alle drei in der Einfahrt vor der offenen Doppelgarage (dort standen Michaels Porsche und Reginas Volvo friedlich nebeneinander – die haben ihre Autos, dachte ich damals ein bisschen gehässig; denen tut’s ja nicht weh).
Du weißt ja, wie das enden wird, dachte ich ein wenig bedrückt, trotz meiner Wut im Bauch. Sie werden ihn weichklopfen, und LeBay wird seine fünfundzwanzig Dollar Anzahlung behalten und seinen 58er Plymouth, der vermutlich noch in tausend Jahren als Denkmal in seinem Vorgarten steht. Und es war ja nicht das erste Mal, dass Arnie solche Erfahrungen mit seinen Eltern machte. Denn er war der geborene Verlierer. Selbst seine Eltern wussten das. Er war intelligent, und im Grunde seines Wesens war dieser so schüchtern und ängstlich wirkende Arnie ein heiterer und anhänglicher Mensch … ein liebenswerter Kerl, glaube ich, war das passende Wort, nach dem ich suchte.
Liebenswert, aber ein Verlierer.
Seine Eltern wussten das genauso wie diese Arschlöcher aus der Schulwerkstatt, die ihm die Brille mit Fett vollschmierten und auf den Korridoren Spießrutenlaufen mit ihm veranstalteten.
Er war der geborene Verlierer, und deshalb machten sie ihn jetzt fertig.
Das glaubte ich jedenfalls. Doch diesmal sollte ich mich täuschen.
3
Der Morgen danach
My poppa said »Son,You’re gonna drive me to drinkIf you don’t quit drivin thatHot-rod Lincoln.«
- CHARLIE RYAN
Am nächsten Morgen um halb sieben kreuzte ich wieder vor Arnies Haus auf und parkte am Bordsteinrand. Ich wollte nicht ins Haus gehen, obwohl seine Eltern noch schlafen würden. Am Abend vorher war in der Küche zu viel Gift verspritzt worden, sodass ich lieber auf den Donut und den Kaffee verzichtete, den ich dort sonst vor der Fahrt zur Arbeit vorgesetzt bekam.
Arnie ließ mich fast fünf Minuten warten, und ich fragte mich schon, ob er seine Drohung nicht doch wahr gemacht und sein Elternhaus verlassen hatte, als er aus der Hintertür kam und die Auffahrt herunterlief, wobei ihm die Lunchdose gegen die Beine schlug.
Er stieg ein, warf die Beifahrertür zu und sagte: »Fahren Sie los, James.« Das war einer von Arnies Standardwitzen, wenn er gut aufgelegt war. Ich gab Gas und blickte ihn dann vorsichtig von der Seite an, fast entschlossen, etwas zu sagen. Doch dann entschied ich mich dafür, ihm lieber das erste Wort zu überlassen; wenn er überhaupt darüber reden wollte.
Lange Zeit schien das nicht der Fall zu sein. Er trommelte gedankenverloren mit den Fingern auf seine Kniescheibe, den wechselnden Rhythmus der Rock- und Soulmusik nachahmend, die uns vom örtlichen Sender WMDY serviert wurde, und wir hatten schon fast unsere Arbeitsstelle erreicht, ehe er zum zweiten Mal den Mund aufmachte:
»Es tut mir leid, dass du dir diesen Blödsinn gestern Abend mit anhören musstest, Mann.«
»Das ist okay, Arnie.«
»Ist dir eigentlich schon aufgefallen«, fragte er mich dann abrupt, »dass Eltern nichts anderes sind als altkluge Kinder? Dass sie erst von ihren Kindern dazu gezwungen werden müssen, erwachsen zu werden, und dass sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehren?«
Ich schüttelte den Kopf.