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Eine der ausführlichsten Biografien über Christoph Willibald von Gluck ist diese von Anton Schmid aus dem Jahre 1854.
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Seitenzahl: 784
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Christoph Willibald Ritter von Gluck
Dessen Leben und tonkünstlerisches Wirken
Anton Schmid
Inhalt:
Christoph Wilibald Gluck – Lexikalische Biografie
Christoph Willibald Ritter von Gluck
Vorwort
Erster Abschnitt.
Zweiter Abschnitt. Gluck's Jugendzeit und erste Bildung.
Dritter Abschnitt. Gluck's erste Kunstperiode. (1741–1747.) Gluck in Italien und England.
Vierter Abschnitt. Gluck's zweite Kunstperiode. (1748–1754.) Gluck's Wirken in Wien.
Fünfter Abschnitt. Ein Fest zu Schlosshof. (1754.)
Sechster Abschnitt. Fortsetzung der zweiten Kunstperiode Gluck's. (1754–1762.) Verschiedene dramatische Werke.
Siebenter Abschnitt. Gluck's dritte (klassische) Kunstperiode. (1762–1765.) Die Oper: "Orfeo ed Euridice," und andere dramatische Schöpfungen.
Achter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. (1766–1767.) Die Oper: "Alceste."
Neunter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. (1768–1770.) Die Oper "Paride ed Elena." Aufenthalt in Parma. Gluck und Salieri. Gluck und der Bailly Du Rollet.
Zehnter Abschnitt. Dr. Burney in Wien. (1772.)
Elfter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. Gluck in Paris (1775). Die Oper "Iphigénie en Aulide."
Zwölfter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. (1774–1775.) Die Opern: "Orfeo;" "L'Arbre Enchanté;" und "La Cythère Assiégée."
Dreizehnter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. (1776.) Die Oper "Alceste" in französischer Bearbeitung. Der Musikstreit.
Vierzehnter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. (1777–1778.) Gluck's Oper "Armida" und Piccini's Oper "Roland." Fortdauer des Musikstreites.
Fünfzehnter Abschnitt. Fortsetzung der dritten Kunstperiode Gluck's. (1779–1781.) Gluck's Opern "Iphigénie en Tauride" und "Echo et Narcisse;" dann Piccini's "Iphigénie en Tauride."
Sechszehnter Abschnitt. Friedrich Nicolai und Joh. Friedrich Reichardt in Wien. – Salieri's Arbeiten für Paris. (1781–1786.)
Siebenzehnter Abschnitt. Gluck's letzte Plane und Arbeiten. Dessen Tod. Denkmale und Dichtungen zu dessen Ehre.
Achtzehnter Abschnitt. Gluck's Wohnorte in Wien. Dessen Vermögen und Persönlichkeit. Anekdoten über ihn.
Schlusswort.
Beilagen.
C. W. Gluck, Anton Schmid
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
www.jazzybee-verlag.de
Frontcover: © Freesurf - Fotolia.com
Opernkomponist, geb. 2. Juli 1714 auf der fürstlich Lobkowitzschen Herrschaft Weidenwang bei Berching (Oberpfalz), wo sein Vater Alexander G. Förster war, gest. 15. Nov. 1787 in Wien, kam frühzeitig nach Böhmen, lernte in Prag Musik und erwarb sich besonders auf dem Violoncello Fertigkeit. 1736 wandte er sich nach Wien, wo ein Fürst Melzi auf sein Talent aufmerksam wurde und ihn nach Mailand schickte als Schüler Sammartinis (bis 1740). G. blieb nun zunächst in Italien und machte sich von 1742 an (»Artaserse«, in Mailand) als Opernkomponist in der üblichen Schablonenmanier der Italiener einen Namen, so dass er 1745 nach London berufen wurde, um die nach Händels definitiven Übertritt zur Oratorienkomposition ins Stocken geratene italienische Oper wieder zu heben. Der geringe Erfolg seiner für London geschriebenen, bez. aufgefrischten Opern brachte G. zum Nachdenken; zunächst mag das Bekanntwerden mit der Musik Rameaus und Händels den Läuterungsprozess angeregt haben, der schließlich G. zu einem epochemachenden Reformator machte. Von London wandte er sich 1746 nach Hamburg und war 1747–48 Kapellmeister der Mingottischen Operntruppe (in Dresden, Prag, Hamburg, Kopenhagen). 1748 wurde Wien sein dauernder Wohnsitz. Nachdem er sich 1748 mit seiner »Semiramide« eingeführt, fungierte er 1754–64 daselbst als Kapellmeister der Hofoper und hatte als solcher Gelegenheit, die Anfänge des französischen Singspiels nach Wien zu verpflanzen. Er selbst schrieb zu einer ganzen Reihe solcher Stücke (Dichtungen von Favart, Anseaume, Sedaine, Lemonnier u.a.) neue Musik (»Les amours champêtres«, 1755; »Le Chinois polien France«, »Le déguisant pastoral«, »La fausse esclave«, »L'ivrogne corrigé«, »Le Cadi dupé« u.a.), und es ist nicht zu bezweifeln, daß die durch das Singspiel angebahnte Rückkehr zur Natur erfolgreich mitgewirkt hat, seinen Stil von der italienischen Schablonenweise zu befreien. Doch schrieb er zunächst noch für Wien selbst, schon 1749 auch für Kopenhagen, 1750 für Prag und 1752 für Neapel und noch 1756 für Rom italienische Opern alter Manier, und erst mit dem Moment, wo der Dichter Raniero da Calsabigi (1715–95) seinen Lebensweg kreuzt, tritt G. als Reformator auf, freilich zunächst auch nur in den von Calsabigi gedichteten Opern »Orfeo ed Euridice« (Wien 1762). »Alceste« (das. 1767) und »Paris ed Elena« (das. 1770), während die in dieser Periode komponierten sonstigen Opern und Introduktionen im alten Gleise weiterziehen, so daß, wie neue Untersuchungen bestätigen (vgl. Welti, »G. und Calsabigi«, in der »Vierteljahrschrift für Musikwissenschaft«, 1891), Calsabigi ein starker Anteil an Glucks Reform des musikalisch-dramatischen Stils gebührt (vgl. die Vorrede der Partituren von »Alceste« und »Paris und Helena«). Das Wesen der Reformen Glucks ist eine starke Reaktion zugunsten des poetischen Gehalts der Dichtungen, ein Zurückdrängen der Überflutung der Oper durch die rein musikalische Entwickelung des Virtuosengesanges. G. und Calsabigi griffen damit auf die Bestrebungen der Begründer der Oper (Peri, Monteverdi) zurück, wie auch die Stoffwahl der Texte (»Orpheus«, »Alceste«) die Tendenz verriet, das starke Pathos der antiken Tragödie wieder lebendig zu machen. Dass die bereits in Gang befindliche Bekämpfung der stereotypen Mache der italienischen Oper durch Zurückgehen auf das Volksmäßige und schlicht Natürliche in der Opera buffa und den nationalen Singspielen Calsabigi und G. den direkten Anstoß zur Reform der seriösen Oper gegeben, ist wohl nicht zu bezweifeln. Doch fanden ihre Bestrebungen in Wien, überhaupt in Deutschland, geschweige in Italien, nur geringes Verständnis, von Seiten der angesehensten Kritiker, namentlich Forkels in Göttingen und Agricolas in Berlin, sogar heftige Opposition, obgleich einzelne erleuchtete Geister, wie Klopstock, Herder und Wieland, den Gluckschen Ansichten mit Begeisterung zustimmten. Da erstand, nachdem Calsabigi wegen eines Theaterskandals aus Wien verschwunden, G. ein neuer literarischer Beistand in dem französischen Gesandtschaftsattaché Le Blanc du Roullet, der begriff, dass G. der rechte Mann sei, die französische Oper, die dem Zauber des italienischen bel canto niemals ganz verfallen war, sondern in Lullys und Rameaus Werken immer einem kräftigen Pathos gehuldigt hatte, zu neuem Aufschwung zu bringen. Auch du Roullet wählte ein antikes Sujet: »Iphigenie in Aulis«, das er nach Racines Tragödie für G. zuschnitt, und setzte die Annahme an der Pariser Großen Oper durch. 1773 eilte G. selbst zum Einstudieren des Werkes nach Paris, und 19. April 1774 fand die erste Ausführung statt, die ungeheures Aufsehen erregte. Alsbald teilte sich das Publikum der Großen Oper in zwei Parteien, die Gluckisten und die Anhänger der italienischen Oper, die sich, nachdem man den Neapolitaner Piccini als Rival des deutschen Meisters nach Paris berufen, Piccinisten nannten, jene mit Suard, Abbé Arnaud, J. J. Rousseau, diese mit Marmontel, La Harpe, d'Alembert als Wortführern. Nachdem er auch den »Orpheus« und die »Alceste« in französischer Bearbeitung sowie (in Versailles 1775) die beiden unbedeutenden kleinen Opern: »L'arbre enchanté« und »Cythère assiégée« zur Aufführung gebracht, kehrte G. zunächst nach Wien zurück, um in Ruhe das alte Quinaultsche Textbuch der »Armide« (1686 für Lully) neu zu komponieren. Die Komposition des Quinaultschen »Roland« brach er ab und verbrannte seine Skizzen, als er erfuhr, daß man gleichzeitig Piccini mit der Komposition beauftragt hatte. 1777 war er wieder in Paris und brachte die »Armide« 25. Sept. zur ersten Aufführung. Der Erfolg war nicht so bestimmt, und 1778 feierte Piccini mit seinem »Roland« einen Triumph. Erst 1779, wo 18. Mai G. mit seiner »Iphigénieen Tauride« (Text von Guillard) einen vollständigen Sieg über Piccinis gleichnamige Oper errang, war der Streit zu seinen Gunsten endgültig entschieden. Glucks letzte Oper war die in demselben Jahr in Paris mit geringerem Erfolg aufgeführte »Echo et Narcisse« (Text von Tschudi); im folgenden Jahre kehrte er nach Wien zurück und legte nun die Feder aus der Hand. Außer im ganzen 46 Opern schrieb G. ein Ballett »Don Juan« (1761), ein »De profundis« für Chor und Orchester, den 8. Psalm a cappella, 7 Lieder von Klopstock mit Klavier, ein Oratorium »Das Jüngste Gericht« (von Salieri beendet) sowie 6 Symphonien. Eine kritische Prachtausgabe der Opern »Orpheus«, »Alceste«, der beiden »Iphigenien« und »Armide« erschien 1873–96 bei Breitkopf u. Härtel in Leipzig. Sein Bildnis s. Tafel »Deutsche Tondichter I« beim Artikel »Musik«. Eine Sammlung der durch das Auftreten Glucks in Paris hervorgerufenen Broschüren, Zeitungsartikel etc. veranstaltete Abbé Gaspard Michel (Leblond) u. d. T.: »Mémoires pour servir à l'histoire de la révolution opérée dans la musique par M. le chevalier de G.« (Neapel 1781; deutsch von Siegmeyer: »Über den Ritter von G. und seine Werke«, Berl. 1823). Val. A. Schmid, Chr. W. Ritter von G., sein Leben und sein tonkünstlerisches Wirken (Leipz. 1854); Marx, G. und die Oper (Berl. 1862, 2 Bde.); Desnoiresterres, G. et Piccini (Par. 1872); Nohl, G. und Wagner (Münch. 1870); Reißmann, Ch. W. v. G. (Berl. 1882); E. Newman, G. and the opera (Lond. 1895); Wotquenne, Thematisches Verzeichnis der Werke von Chr. W. v. G. (Leipz. 1904).
Vorwort
Schon längst hat die Alles ausgleichende Zeit die Schlacken des Vorurtheiles, der persönlichen. Anfeindung und partheiischen Kritik von einem Manne ausgeschieden, der die dramatische Musik auf die höchste Stufe damals möglicher Vollkommenheit gehoben hat. Der Ruhm des grossen Meisters der Töne strahlt demnach so krystallrein aus der Vergangenheit in die Gegenwart herüber, dass dem, sein Bild umfliessenden hehren Glanze kein Strahl mehr entzogen werden kann. Noch lebt sein Andenken nicht nur in Frankreich, das ihn einst vergötterte, sondern auch in Oesterreich, das auf seinen Gluck, wie auf seinen Haydn, Mozart und Beethoven mit gleichem Rechte stolz seyn kann, in ungeheuchelter Verehrung fort; auch das übrige Deutschland, zumal das nördliche, hat – letzteres freilich etwas spät – ihn würdigen gelernt, und aus den ewigen Quellen Gluck'scher Harmonien seitdem manchen berauschenden Trunk gethan; ja, es hat durch die herrlichsten und zahlreichsten Aufführungen der unsterblichen Werke dieses grossen Meisters den Manen desselben in erfreulichster Weise Rechnung getragen, und so das ihm einst angethane schreiende Unrecht redlich gesühnt.
Dessen ungeachtet bleibt es noch jetzt eine heilige Pflicht, sorgfältig zu verhüten, dass Gluck's Ruhm in keinerlei Weise bemackelt, sondern wie ein Heiligthum bewahret, ja, dass selbst jene Irrthümer und Vorurtheile, welche über sein Herkommen und seine Geburt noch heut zu Tage in gewissen Schriften fortbestehen, zur Ehre der Wahrheit mit möglichster Genauigkeit berichtiget, durch unumstössliche Beweise gehoben, und, so viel von seinem Leben und Wirken noch bekannt ist, der Nachwelt aufbewahret werde.
Um des schönen Zweckes willen, das edle Streben des grossen deutschen Tonmeisters, der auf die dramatische Musik einen so wohlthätigen Einfluss ausgeübt hat, nach Kräften zu verherrlichen, habe ich das Wagniss unternommen, die über dessen Leben und Wirken von mir seit mehr als zwanzig Jahren gesammelten Notizen, nach sorgfältiger Sichtung des Stoffes und genauer Prüfung der Quellen, zu verarbeiten, in den vorliegenden Blättern öffentlich mitzutheilen, und den Werth seiner Schöpfungen, gestützt auf das Ansehen gewiegter und urteilsfähiger Kunstgenossen, nach meinem besten Wissen und Können zu beleuchten.
Einst hatte sich dieses edle Geschäft der, den fruchtbringenden Bestrebungen Gluck's näher stehende, talentvolle und kenntnissreiche preussische Tonsetzer Joh. Friedr. Reichardt vorbehalten, der sich demselben gewiss mit mehr Geschick und Umsicht, als ich unterzogen haben würde; auch fühlte Reichardt sich zu dieser Arbeit mächtig hingezogen, und liess es in keiner Zeit an Fleiss und Mühe fehlen, dazu die nöthigen Materialien einzusammeln: allein auch er klagt, dass ihm Gluck's Freunde und Verwandte die Nachrichten von des grossen Mannes früherem Leben und erster Kunstperiode stets versagt, oder ihn mit Versprechungen, welche niemals erfüllt wurden, hingehalten hätten. Einige kleine französische und deutsche Aufsätze, die er von einigen Verehrern der Kunst in Paris und Wien, die sich für Gluck persönlich interessirten, erhalten hatte, konnten ihm den Mangel ausreichender Belege nicht ersetzen, eben so wenig die geringe Zahl von Anekdoten, die er noch bei seinem letzten Aufenthalte in Wien (1809) zu erbeuten Gelegenheit fand. Alles dieses war kaum für eine leidliche Skizze, viel weniger für eine vollständige Lebensbeschreibung maassgebend.
Gluck's höheres künstlerisches Wirken tritt freilich erst mächtig und klar in der Hauptstadt Frankreichs hervor, wo seine glanzreiche Periode beginnt, als er bereits sechzig Lebensjahre zählte. Diese Periode, oder vielmehr Epoche haben die Schriften eines Abbé Arnaud, Suard, Grimm, Morellet und Anderer, dann die Gegenschriften eines Laharpe, Marmontel, Ginguéné u.s.w. zwar nicht hinlänglich, doch den meisten Musikern zur genügenden Kenntniss gebracht. Aber auch mit diesen Schriften, die Reichardt in Paris gesammelt hatte, ist ihm die Unannehmlichkeit begegnet, dass sie durch einen andern enthusiastischen Verehrer des grossen Tonmeisters, den Professor C. Fr. Cramer in Kiel, der auch Gluck's Leben schreiben wollte, in Verlust gerathen sind.1
So habe ich, von vielen Kunstfreunden zu wiederholten Malen aufgefordert, endlich den Entschluss gefasst, die vorliegende, auf meine Materialien gebaute, wenn auch noch immer skizzenhafte Biographie zu entwerfen, und der freundlichen Lesewelt als eine wohlgemeinte Gabe zu überreichen.
Ueberhaupt kann man zweifeln, ob über Gluck's Leben und Arbeiten jetzt mehr werde entdeckt werden können, als in diesen Blättern geboten wird, und was ich theils aus amtlichen Akten, theils aus den Mittheilungen einiger Verwandten und Freunde des grossen Kunstheroen, und aus den Berichten verschiedener deutscher und französischer Schriftsteller erfahren habe. Das Ergebniss meiner vieljährigen, oft sehr mühsamen Forschungen wolle der geistvolle Leser von mir nun freundlichst hinnehmen, die Schwierigkeit der Aufgabe nicht übersehen, und der löblichen Absicht, dem grossen deutschen Tonsetzer ein bescheidenes Denkmal setzen zu wollen, einigen Beifall schenken.
Stet pro ratione voluntas!–
Wien, am 1. März 1854.
Fußnoten
1 S. Reichardt's vertraute Briefe, geschrieben auf einer Reise nach Wien. Amsterdam, 1810. II. Bd. S. 214.
Der wahre Geburtsort, die wahre Geburtszeit und die wahren Aeltern des Tonsetzers Christoph, Ritters von Gluck.
"Der Wahrheit ihr Recht – Dem Verdienste seine Krone!" –
Altes Sprüchwort.
Die, in der neuesten Zeit aufgetauchten Irrthümer hinsichtlich des Ortes und der Zeit der Geburt des grossen deutschen dramatischen Tonmeisters Gluck verdanken ihren unwillkommenen Ursprung der voreiligen, ohne weitere Prüfung veranlassten Veröffentlichung eines Taufscheines, dem zwar ein Gluck, aber nicht unser Held zum Gegenstande dient.
Dieser irrthümliche Taufschein, dessen Entdeckung zu Neustadt an der Waldnab ohne Zweifel eine maasslose Freude hervorgerufen hat, erschien, meines Erinnerns, zuerst in der "allgemeinen Bürger- und Bauernzeitung" vom Jahre 1831, wanderte aus dieser von Blatt zu Blatt, von Buch zu Buch, und wusste sich, durch sein urkundliches Ansehen, allenthalben einen so sichern Eingang zu verschaffen, dass er, trotz der überzeugendsten Gründe und unumstösslichen Beweise, die man gegen die Wahrheit jenes Taufscheines aufzubringen bemüht war, nun fast unausrottbar ist, und selbst die ehrenwerthesten Männer gefangen hält. Nur hie und da wagte es eine Stimme, gegen die falsche Angabe ihre Zweifel zu erheben; allein diese Stimme verhallte in den Lüften, sei es, dass es ihr an den zum Kampfe und zum Siege nöthigen Waffen fehlte, sei es, dass es ihr an der diktatorischen Würde eines einflussreichen Wortführers gebrach.
Indessen – warum will man doch, auf die Gefahr eines blossen Taufscheines hin, (deren ich – man höre! – bereits fünf an der Zahl mit dem Namen Christoph aus dem Gluck'schen Stamme zur beliebigen Auswahl hätte beibringen können,) die alten, richtigeren Angaben so vorschnell bei Seite schieben, und dafür – zwar neue – jedoch ganz unrichtige – in das Gebiet der geschichtlichen Tonkunst mit Gewalt einschwärzen? – Warum will man die Wahrheit von dem Throne stossen, und dafür den Irrthum an deren Stelle setzen? – Doch:
"Das eben ist des Irrthums Fluch, dass er,
Fortzeugend, neuen Irrthum muss gebären!"
Aus der obengenannten Bürger- und Bauernzeitung gerieth der falsche Taufschein zuerst in die königlich bayerische Hofzeitung des Jahres 1832, und von da in die bayerischen Blätter für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst, wo man in Nr. 21 desselben Jahres, wenigstens mit Beifügung einiger skeptischer Bemerkungen, die den dortigen Angaben keinen unbedingten Glauben zu schenken geneigt sind, auf der letzten Seite Folgendes liest:
"Gluck's, des grossen Tonsetzers Geburtsort und Geburtsjahr sind bisher verschieden angegeben worden. Nach Forkel, dem Leipziger Conversations-Lexikon, der Biographie universelle u.A. ist Gluck im Jahre 1714 in der obern Pfalz an der böhmischen Gränze; nach F.J. Lipowsky's bayerischem Musik-Lexikon den 14. Febr. 1712 in der obern Pfalz in einem nicht genannten, jedoch an Böhmens Gränze gelegenen Orte geboren. – Gerber's neues Lexikon der Tonkünstler, Leipzig, 1812. 2. Bd. S. 344 meldet: Gluck sei nach einem authentischen Taufscheine im Jahre 1714 zu Weidenwang in der obern Pfalz geboren, wo sein Vater, wie Herr Dlabacz in der Statistik von Böhmen berichtet, Jägermeister beim Fürsten Lobkowitz gewesen."
Dagegen wird neuerlich in der allgemeinen deutschen Bürger- und Bauernzeitung 1831, Nr. 47 folgender Auszug aus der Taufmatrikel von Neustadt an der Waldnab in der obern Pfalz mitgetheilt: "25. Martii anno 1700 baptizatus est à me M. Andrea Dozler, Cooperatore, Joannes Christophorus Joannis Adami Gluck, venatoris aulici et Annae Catharinae filius legitimus, tenente praenobili Domino Joanne Christophoro Pfreimbder de Bruckenthurn et Altensteinreith."
Hierüber wird folgende nähere Erläuterung beigefügt: "S. Durchlaucht, der Fürst Ferdinand von Lobkowitz, kaiserl. Prinzipal-Kommissär bei dem Reichstage zu Regensburg, hielt jährlich im Frühling, Sommer und Herbst zahlreichen Hof zu Neustadt an der Waldnab, dem damaligen Hauptorte der im Jahre 1806 von dem Fürsten zu Lobkowitz an das Haus Bayern käuflich übergegangenen vormaligen gefürsteten Reichsgrafschaft Sternstein, wo der berühmte Tonsetzer Joh. Christoph Gluck am 25. März (oder doch kaum mehr als einen Tag früher) 1700 geboren wurde." (sic!)
"Sein Vater kommt in den Pfarrbüchern wohl noch öfter als Pathe und Trauungszeuge unter der Standesbenennung venator aulicus (Hofjäger), aber nie mehr als Vater vor. Sein Bruder Alexander Gluck starb als fürstlich Lobkowitz'scher Forstmeister zu Eisenberg in Böhmen." (!) –
"Da Gluck's Hintritt am 15. November des Jahres 1787 erfolgte, so müsste dieser musikalische Reformator, der noch im Jahre 1786 bis zum Weinen in Leidenschaft und Feuer gerieth, wenn die Rede auf eine seiner Opern kam, volle 87 Jahre alt geworden sein!"
"Es wäre nun die Frage, welche von den beiden, so sehr von einander abweichenden Taufzeugenschaften die eigentlich authentische seyn mag. Die Kirchenbücher von Weidenwang und von Neustadt an der Waldnab werden leicht entscheiden lassen, ob wirklich Einem der beiden Ortschaften, und welchem – die Ehre gebühre, der Geburtsort eines so ausgezeichneten Mannes gewesen zu seyn." –
Dieser Aufsatz ging mit allen seinen Richtigkeiten und Unrichtigkeiten in die 56te Nummer der "Wiener Zeitung" vom Jahre 1832 über, und tauchte im Jahre 1836 in Lewald's "Europa" von Neuem auf, aus welchem Blatte der falsche Taufschein, nun zu wiederholten Malen entlehnt, von Nr. 16 des "Wiener musikalischen Anzeigers" aus demselben Jahre als allerneueste Neuigkeit der Wiener Lesewelt zum Besten gegeben wurde. –
In dem ganzen, oben mitgetheilten Aufsatze sind folgende Hauptangaben durchaus falsch:
1. der aus den Neustädter Kirchenbüchern gezogene Taufschein, insofern er unsern Gluck betrifft;
2. die Angabe, dass Alexander Gluck (der Forstmeister) des Tonsetzers Bruder war, und
3. dass dieser Forstmeister zu Eisenberg gestorben sei.
Der, als kunstsinniger Autographen-Sammler und emsiger Forscher im Gebiete der Tonkunst rühmlich bekannte, nun bereits dahin geschiedene k.k. Hofkapellsänger und Kanzellist im Ministerium des Krieges, Herr Alois Fuchs, dem die liebe gute Sache der Wahrheit so warm, wie manchem andern echten Musikfreunde, am Herzen lag, war der Erste, der in Nr. 45 der "Leipziger allgemeinen musikalischen Zeitung" vom J. 1832 und in Nr. 16 des "Wiener musikalischen Anzeigers" 1836, und endlich wieder in Nr. 164 der "allgemeinen Wiener Musikzeitung" vom J. 1841 dem falschen Taufscheine den Krieg erklärte, und mit Beweisgründen auftrat, denen die gebührende Achtung schon damals nicht hätte versagt werden sollen. Allein umsonst! –
Kein Zeitblatt und kein Werk, ausser den zuvor genannten, hat es der Mühe werth erachtet, von diesen Berichtigungen Kennlniss zu nehmen. Das Ergebniss davon war, dass selbst der Supplementband zu Schilling's "Universal-Lexikon der Tonkunst," der diese Beweise schon als ein "audiatur et altera pars" in seine Spalten hätte aufnehmen sollen, den alten Irrthum von Neuem aufnahm und sich dabei mit einer Zuversicht gebärdete, als wolle man die nun einmal gefasste Meinung sich durchaus nicht mehr entreissen lassen; ja, man spricht in jenem Artikel über den betreffenden Gegenstand mit solcher Gewissheit, als könne der dort aufgestellte Salz in keinerlei Weise bestritten, umgestossen oder auch nur angefochten werden.
Obschon der Entdecker und unzeitige Mittheiler dieses unechten Taufscheines der guten Sache einen namhaften Dienst zu leisten vermeinte, so hätte er diese Urkunde doch vor ihrer Veröffentlichung einer aufmerksameren Prüfung unterziehen sollen, da man an Jedermänniglich die Forderung zu stellen berechtiget ist, dass solche Schriften, obschon sie auch zur Klasse der Urkunden gehören, mit äusserster Vorsicht zu benutzen sind, weil sie nur eine halbe Beweisfähigkeit haben, indem in grossen Familien desselben Namens (wie es Gluck's Geschlechtstafel weiter unten lehren wird, wo fünf Individuen Namens Christoph erscheinen), die Taufnamen oft wiederkehren, und daher nicht selten zu grossen Irrungen Anlass geben. –
Der Herausgeber dieser Blätter, der seit mehr als achtzehn Jahren so Manches, was Gluck's Lebensumstände betrifft, zu sammeln bemüht war, um einst eine Lebensbeschreibung des grossen Mannes zu versuchen, sieht sich daher in die Nothwendigkeit versetzt, an diesem Orte den kritischen Faden noch einmal aufzunehmen, und jenen Quellen, denen der, unsern Gluck betreffende Irrthum entsprungen ist, die Behauptung entgegen zu setzen, dass es sich mit der ganzen Sache in folgender Weise verhalte:
Der Tonsetzer Gluck ist wohl in der obern Pfalz, jedoch nicht zu Neustadt an der Waldnab; auch nicht am 25. März 1700, sondern zu Weidenwang bei Neumarkt am 2. Juli 1714 geboren, und zwei Tage darauf getauft worden. Seine Aeltern hiessen nicht Johann Adam und Anna Katharina, sondern Alexander und Walburga.
Ich will nun, mit gebührender Würdigung auch der älteren, noch unverfälschten Quellen, die Beweise der so eben angeführten Sätze genau zu entwickeln suchen.
1. Gibt schon Gerber in seinem alten Tonkünstler-Lexikon das Jahr 1714 als Gluck's wahres Geburtsjahr an, während Laborde und Fetis gänzlich irre gehen.
Entscheidend ist der Ausspruch des Prämonstratensers Adalbert Dlabacz;1 dieser unermüdete, für Böhmen und Mähren höchst verdiente Forscher erhielt durch die Verwendung des gelehrten Fortunat Durich, nebst andern, Gluck's Leben betreffenden Notizen, von der verwittweten Marianna von Gluck eine Abschrift des Taufscheines ihres Gatten, der genau dieselben Angaben enthält, die der Herausgeber dieser Blätter im J. 1835 von einigen Verwandten des grossen Tonsetzers empfangen, aufgezeichnet und durch den später erworbenen Taufschein bestätigt gefunden hat.
Allen diesen Daten schenkte ich jedoch erst dann meinen vollkommenen Glauben, als ich mich auch im Besitze des Trauungsscheines sah, den ich nach mehrjährigem Aufsuchen in den Kirchenbüchern der zahlreichen Pfarreien Wiens endlich in der Vorstadt St. Ulrich aufzufinden das Glück hatte: denn nun war ich in der Lage, die Dokumente vergleichen, die Echtheit des einen durch das andere bestimmen und die Beweise für meine Behauptungen weiter verfolgen zu können. In beiden Aktenstücken, die in den Beilagen geboten werden, sind die Namen der wahren Aeltern Gluck's übereinstimmend aufgezeichnet, mithin die Daten richtig. Diesen zufolge waren nicht Johann Adam und Anna Katharina des Tonsetzers Aeltern, sondern die, in dem Weidenwanger Taufscheine genannten Alexander und Walburga.
2. Zwar fand ich in dem, von dem Pfarrbuche der Wiener Vorstadt St. Ulrich gezogenen Trauungsscheine Gluck's den, von dem Bräutigam Christoph Gluck selbst angegebenen Geburtsort Neumarkt in der obern Pfalz: allein, wenn man, von der Erfahrung geleitet, annimmt, dass Männer, weichein einem unbekannten Dorfe das Licht der Welt erblickt haben, und nach ihrem Geburtsort befragt werden, gewöhnlich die nächstgelegene Stadt als solchen bezeichnen: so darf es uns eben nicht befremden, wenn Gluck, in einer Zeit, wo das Gesetz bei Trauungen noch keinen Taufschein forderte, lieber die bekannte Stadt Neumarkt, als das, nur zwei bayerische Chaussée-Meilen davon entlegene, und wenig gekannte Pfarrdorf Weidenwang als seinen Geburtsort angegeben hat. Wenigstens beweist diese Urkunde, dass Gluck nicht zu Neustadt an der Waldnab geboren worden sei, und dass dessen Aeltern nicht Johann Adam und Anna Katharina, sondern Alexander und Walburga geheissen haben.
3. Einen giltigen Beweis für die Richtigkeit des Gluck'schen Geburtsjahres 1714 liefert auch die Todtenmatrikel der Pfarrkirche zu den Paulanern in der Wiener Vorstadt "die Wieden", und die genau damit übereinstimmende Todtenliste der Wiener Zeitung vom J. 1787, wo es an beiden Orten klar ausgesprochen ist, dass unser Gluck am 15. November 1787 im 73. Jahre seines Alters (nicht aber im 87.) gestorben ist.
4. Erhielt ich durch die Verwendung Sr. Excellenz des Hrn. Grafen Moriz von Dietrichstein, meines ehemaligen hohen Chefs, auf ämtliches Einschreiten Einer hohen königl. bayerischen Gesandtschaft am k.k. österreichischen Hofe, von dem königl. bayerischen Landrichter zu Neustadt an der Waldnab, Hrn. Freiherrn von Lichtenstern, welchem ich, nächst der genannten hohen Gesandtschaft, zum innigsten Danke verpflichtet bin, ausser dem erbetenen legalisirten Taufscheine, noch andere, die Familie Gluck's betreffende, aktenmässige, aus Ehe- und Kaufverträgen und aus Brief-Protokollen bestehende Mittheilungen, welche, verbunden mit den bereits erwähnten Urkunden und den, in meinem Besitze befindlichen Vormerkungen aus Familien-Papieren und des Tonsetzers Verlassenschafts-Abhandlung, mich in den Stand setzten, die Beweisesbeilagen, für den wahren Geburtsort, die wahre Geburtszeit, und die wahren Aeltern des Letzteren hier auf einander folgen zu lassen. Sie sind:
A. Der echte, nun in meinen Händen befindliche Taufschein, nebst dem eines jüngeren Bruders. (Siehe die Beilage A.)
Aus diesem Taufscheine, dem zum Ueberflusse noch jener eines andern, um zwei Jahre später gebornen Bruders beigefügt wurde, ersieht man, dass der Tonsetzer Gluck am 4. Juli des Jahres 1714 zu Weidenwang getauft worden ist, und dass die in demselben angeführten Aeltern genau dieselben sind, welche der Pater Dlabacz angegeben hat.
B. Der Trauungsschein unseres Tonsetzers. (Siehe die Beilage B.)
Dieses Dokument führt den schlagenden Beweis, dass der Tonsetzer Gluck nicht zu Neustadt an der Waldnab geboren worden sei, und dass dessen Aeltern nicht die in dem Neustädter Taufscheine genannten, sondern die vom Pater Dlabacz, in Uebereinstimmung mit dem Weidenwanger Taufscheine angeführten Alexander und Walburga seien. Rücksichtlich der, in dem so eben angeführten Trauungsscheine als Gluck's Heimatsort vorkommenden Stadt Neumarkt habe ich oben meine Ansicht ausgesprochen.
C. Ein für unsern Tonsetzer ausgestelltes Lebenszeugniss. (Siehe die Beilage C.)
In der neuesten Zeit brachte der bereits erwähnte Herr Alois Fuchs noch ein höchst interessantes, unserem Zwecke dienendes Original-Dokument bei, welches derselbe vor beiläufig acht Jahren sammt andern Autographen aus Paris empfangen hat. Es ist dies ein sogenanntes, von dem damals am Wiener Kaiserhofe befindlichen königl. französischen Botschafter Marquis de Noailles, auf Ansuchen Gluck's ausgestelltes Lebenszeugniss, womit der Tonsetzer die, für die wiederholten Aufführungen seiner Opern in der Hauptstadt Frankreichs fällig gewordenen Tantièmes zu beheben gesonnen war, oder wirklich behoben hat.
Dieses Dokument, zu dessen Erwerbung Hrn. Alois Fuchs ein überaus glücklicher Zufall verhalf, wurde der musikalischen Welt in der Wiener Musikzeitung des Jahres 1844, Nr. 42 ohne Verzug mitgetheilt, und dürfte vollkommen hinreichen, den Schlussstein der Beweise für den wahren Geburtstag unseres Gluck zu bilden, jeden ferneren Zweifel in dieser Sache niederzuschlagen, und durch des Tonsetzers eigenes Geständniss mit authentischer Bestimmtheit darzuthun, dass dieser berühmte Meister der Töne zwei Tage vor dem Empfange der heiligen Taufe, und zwar am 2. Juli 1714 geboren worden sei.
D. Gluck's Todtenschein.
Derselbe liegt hier vor, und wird in der Beilage D. wörtlich mitgetheilt.
Auch in der Todtenliste der Wiener Zeitung des Jahres 1787 liest man: "Den 15. November starb (vor der Stadt) Herr Christoph Ritter von Gluck, kais. Hofmusik-Compositor, alt 73 Jahre in seinem Hause auf der Wieden, Nr. 74." –
Diese Todtenscheine liefern in Uebereinstimmung mit dem Weidenwanger Taufscheine und der Angabe des Pater Dlabacz den Beweis für die Richtigkeit des von uns bereits angegebenen Geburtsjahres des Ritters von Gluck.
E. Als eine zwar überzählige, jedoch höchst merkwürdige und Gluck's Verehrern gewiss nicht unwillkommene Beweises-Zugabe für meine Behauptungen mag noch folgende Geschlechtstafel der Familie dieses Namens liefern, und zugleich die Pentas meiner Beweise schliessen.
Diese Geschlechtstafel ist um so authentischer, als dieselbe theils nach den, mir durch Eine hohe königl. bayerische Gesandtschaft von dem Herrn Landrichter zu Neustadt an der Waldnab zugekommenen Kauf- und Eheverträgen und Briefprotokollen, theils nach den von mir gesammelten Vormerkungen aus Familien-Papieren, Kirchenbüchern und Verlassenschafts-Akten mit gewissenhafter Genauigkeit und sorgfältiger Prüfung zusammengestellt worden ist, und daher nur dasjenige bietet, worüber ich die sichersten Erhebungen zu machen im Stande gewesen bin.
Die erste Spur des Gluck'schen Stammes findet sich, laut Bericht des Herrn Landrichters zu Neustadt an der Waldnab, Freiherrn von Lichtenstern2 bereits im Jahre 1649.
Der, auf diesen Umstand bezügliche Artikel dieses Berichtes lautet so:
"Es wurde am 29. Jänner des Jahres 1649 ein Melchior Gluck, welcher Musquetier in einem churbayerischen Regimente gewesen war, mit Katharina, Tochter des Peter Kreuzer aus Frauenberg, zu Neustadt getraut. Diesem Ehebündnisse entspross am 14. November desselben Jahres ein Sohn, Namens Johann Nicklas."
Der, wahrscheinlich im darauf folgenden Jahre3 geborne Johann Adam Gluck, zweiter Sohn aus der Ehe dieses Kriegers, ist unsers Tonsetzers Grossvater, nicht aber, wie die Neustädter meinen, dessen Vater. –
Dieser Johann Adam Gluck, fürstlich Sagan'scher Hofjäger und Bürger zu Neusadt an der Waldnab, gestorben den 9. Jänner 1722 im 73. Jahre seines Alters, erzeugte folgende Kinder:
In erster Ehe mit Anna Maria N ... vom Jahre 1678 bis 1687.
1. Maria Ottilia.
2. Alexander.
3. Katharina.
4. Georg Christoph.
Von diesen vier Kindern blieb nur Alexander am Leben, und dieser war des Tonsetzers Vater.
In zweiter Ehe mit Anna Katharina, geb. Blödt (gestorben den 26. Jänner 1701), vom Jahre 1688 bis 1701.
1. Leopold, Förster in Ungarn.
2. Eine Tochter, verehlicht an Gottfried Werner, Schneidermeister und Jäger zu Raudnitz in Böhmen.
3. Georg Christoph, Hofjäger zu Raudnitz.
4. Ein ungenanntes Kind.
5. Johann Christoph, geb. im Jahre 17004 (der, irrthümlich für den Tonsetzer gehaltene Gluck).
Alexander Gluck (in Johann Adams erster Ehe erzeugter Sohn) war in seinen Jünglingsjahren Büchsenspanner oder Leibjäger des berühmten Prinzen Eugen von Savoyen, wurde dann Förster zu Weidenwang in der Oberpfalz, kam im Jahre 1717 als Waldbereiter in die Dienste des Grafen von Kaunitz nach Neuschloss bei Böhmisch-Leippa im nördlichen Böhmen, wurde am 1. Mai 1722 Forstmeister des Grafen von Kinsky zu Böhmisch-Kamnitz, gelangte in derselben Eigenschaft schon im Anfange des Jahres 1724 zum Fürsten von Lobkowitz nach Eisenberg, und starb als solcher im Dienste der Grossherzogin von Toscana zu Reichstadt.5 Als der Tonsetzer Gluck im Jahre 1750 sich verehlichte, waren, wie aus dessen Trauungsschein ersichtlich ist, seine Aeltern bereits mit Tode abgegangen. Dieser Alexander Gluck war demnach nicht des Tonsetzers Bruder; er starb weder zu Eisenberg, noch im Jahre 1770, wie es in dem Eingangs erwähnten Aufsatze lautet, sondern zu Reichstadt und noch vor dem Jahre 1750 (nach Dlabacz im Jahre 1747).
Alexander Gluck
erzeugte mit Anna Walburga folgende Kinder:
1. Christoph Willibald, geboren zu Weidenwang in der oberen Pfalz am 2., getauft am 4. Juli 1714, kam im dritten Jahre seines Alters nach Böhmen, erhielt dort Unterricht und Bildung, blieb in diesem Lande bis zum Jahre 1736, begab sich dann nach Wien, und reiste nach einem kurzen Aufenthalte daselbst nach Italien, um dort die ersten Lorbeerreiser seines Ruhmes zu brechen. Im Jahre 1748 kam er wieder nach Wien, wo er sich sesshaft machte, verehlichte, und nur von Zeit zu Zeit Kunstreisen nach Italien, und später auch nach Frankreich unternahm. Die grosse Kaiserin Maria Theresia ernannte ihn, nachdem er eine lange Reihe von Jahren Theater-Kapellmeister gewesen war, zum k.k. Compositeur mittelst Dekret vom 18. Oktober 1774 mit einem Gehalte von 2,000 Flr. Seine Ehe mit Marianna, geb. Pergin (gest. 1800) blieb kinderlos. Gluck starb als k.k. Hofcompositeur am 15. November 1787 im 73. Altersjahre.
2. Christoph Anton, getauft zu Weidenwang den 11. April 1716, starb vermuthlich sehr früh.
3. Franz, gewesener herrschaftlicher Forstmeister in Böhmen, lebte mehrere Jahre in Wien, später auch in Prag, wo der Tonsetzer Tomaschek seine Bekanntschaft machte, von welchem ich auch Manches erfahren habe.
4. Karl, Oberjäger zu Baumgarten in Niederösterreich, hinterliess bei des Tonsetzers Tode fünf Kinder; von zweien derselben, nämlich von einem Sohne und einer Tochter hat der Herausgeber dieser Blätter noch Söhne und Enkel gekannt. Durch die Güte Beider, welche bereits verstorben sind, erhielt er die wichtigsten Familien-Nachrichten.
5. Alexander, Beamter im k.k. Mehl- und Aufschlagamte, starb den 7. Juni 1795 in Wien auf der Landstrasse im Alter von 60 Jahren.
6. Eine Tochter, verehlichte Kramer, hinterliess bei Gluck's Tode drei Kinder.
7. Eine Tochter, verheirathet an einen Husaren-Rittmeister, Namens Klaudius Hedler. Die einst berühmte Sängerin Fräulein Marianna von Gluck, welche in Dr. Burney's Reise-Tagebuch verewigt und von ihrem Oheime Christoph, Ritter von Gluck, an Kindes Statt angenommen wurde, und deshalb nie den Namen ihres leiblichen Vaters geführt hat, war ein Sprössling dieser Ehe. Sie starb im Jahre 1776 in dem zarten Alter von 16 Jahren an den Blattern.
Aus dieser Tabelle lässt sich leicht ersehen, wie sehr man irre ging, als man Gluck's Vater in dessen Bruder und Gluck's Grossältern in dessen Aeltern umwandelte, und dem grossen Künstler den wohlerrungenen Lorbeer entreissen wollte, um damit die Stirn eines unberühmten Oheims zu schmücken.
Dieser Umstand mag allen denen zur Warnung dienen, welche den ersten besten Taufschein, ohne weitere Kriterien, zur Führung eines Hauptbeweises benützen, und damit den Keim zu einer geschichtlichen Fälschung legen, welcher, wenn er einmal Wurzel gefasst hat, schnell emporwächst, und seine Aeste immer weiter und weiter verbreitet, bis er die Wahrheit unter seiner Umrankung erstickt.
Mir thut es unendlich leid, dass der edle Herr Landrichter zu Neustadt an der Waldnab, dem das Verdienst gebührt, Einer meiner Hauptführer zur Erforschung der Wahrheit gewesen zu seyn, indem er mir die schlagendsten Beweise dazu selbst in die Hände gelegt hat, sich selbst von dem falschen Taufscheine und einigen andern Scheingründen täuschen liess. Er halt nämlich (in seinem Berichte an die königl. Regierung der Oberpfalz und von Regensburg in causa unsers Gluck) die aus Wien (das ist von dem Herausgeber dieser Blätter) verlautenden Vermuthungen, Gluck sei im J. 1714 zu Weidenwang geboren worden, nur deshalb für durchaus ungegründet, weil es nur Ein Weidenwang in Bayern, nämlich jenes im königl. Landgerichte Beilagries gebe, wo sich wohl eine Jägerfamilie Glück (sic) um das genannte Jahr aufhielt, und dass dieser Ort von der böhmischen Gränze weit entfernt liege.
Darauf vermag ich nur Folgendes zu erwidern:
1. Die über Gluck's Geburtsort und Geburtszeit aus Wien verlauteten, Einer hohen königl. bayerischen Gesandtschaft am Wiener Hofe von mir unterbreiteten Punkte waren keine Vermuthungen, sondern Beweise, die zum Theil aus den, auf Gluck's Taufschein und auf Familiennachrichten gebauten Angaben des Pater Dlabacz, zum Theil aus dem Trauungsscheine Gluck's, ferner aus dessen Todtenscheine, und endlich aus eben desselben Geschlechtstafel bestanden, welche letztere ich nach den mir früher vorgelegten Aktenstücken genau entworfen habe. Diese Beweise sind authentisch und um so rechtskräftiger, als sie in den wesentlichsten Theilen miteinander vollkommen übereinstimmen. Die einzige darin enthaltene, von Gluck selbst veranlasste Abweichung, dass dieser bei der Trauung die Stadt Neumarkt als seinen Geburtsort bezeichnet hat, glaube ich weiter oben hinlänglich erläutert zu haben.
2. Bedarf es meines Erachtens nur Eines Ortes Namens Weidenwang, und zwar desjenigen, in welchem Gluck wirklich das Licht der Welt erblickt hat, und dieses ist das, in dem Landgerichte Beilagries, zwei bayerische Chaussèe-Meilen von Neumarkt entfernte Pfarrdorf, woher wir auch den echten Taufschein empfangen haben, obschon man zu Neustadt an der Waldnab denselben als echt anzuerkennen nicht geneigt ist.
3. Auch die in den Weidenwanger Kirchenbüchern vorkommende Namensbezeichnung " Glück" statt Gluck kann hier gegen die Echtheit des dortigen Taufscheines nichts beweisen. Denn in dem, durch die Gnade der hohen königl. bayerischen Gesandtschaft empfangenen Taufscheine finde ich auf dem Buchstaben "u" des Namens Gluck weder zwei Strichlein, womit der Deutsche in seiner Cursivschrift das "ü", noch ein Schlinglein, womit er das "u" gestaltet, sondern ein Zeichen, das einem senkrechten, in der Mitte wagrecht gebogenen Häkchen ähnlich ist. Diese, an sich geringfügige Bezeichnungsart, worin der oben genannte Herr Landrichter einen ganz anderen Namen erkennen will, deutet, meiner Meinung nach, eher auf einen Schreibfehler, oder auf eine alte Schreibmanier hin. In jener Zeit war die deutsche Rechtschreibung noch keineswegs so folgerichtig wie heut' zu Tage ausgeprägt, und die Fehlerhaftigkeit der damaligen Schreibart erstreckte sich sogar auch auf die Eigennamen, wie dieses zahllose Urkunden beweisen. So liest man in den, die Gluck'sche Familie betreffenden Dokumenten die Namens-Varianten: Kluckh, Kluk, Gluckh, und endlich Gluck. Soll man deshalb zu dem Glauben gezwungen seyn, dass alle diese Schreibarten eben so viele verschiedene Geschlechter bedeuten? –
4. Es ist wahr, dass Neustadt an der Waldnab der böhmischen Gränze viel näher, als Weidenwang, liegt; allein ich zweifle sehr, dass irgend Einer der früheren Biographen Gluck's sich die Mühe gegeben habe, auf der Karte zu erforschen, wie weit denn eigentlich Gluck's Geburtsort von der genannten Gränze entfernt sei. Einem von diesen Herren ist es einmal eingefallen, eben weil die obere Pfalz an Böhmen gränzt, sich des Ausdruckes: "unweit der böhmischen Gränze" zu bedienen, und die Andern sagten und schrieben es getreulich nach, und so mag – vielleicht durch eine hingeworfene Aeusserung des Tonsetzers zuerst selbst, indem er von dem Ursprunge seiner Familie und deren erstem Wohnsitze sprach, diese nichts beweisende Angabe entstanden seyn.
5. Spricht selbst der Umstand, dass der Weidenwanger Gluck auch ein Jäger war, für unsere Sache, indem die ganze Gluck'sche – mit nur wenigen Ausnahmen – eine grosse Jägerfamilie gewesen ist, deren Glieder fast ein Jahrhundert hindurch sich dem edlen Waid- und Waldgeschäfte gewidmet hatten.
Es verlautet zugleich aus Neustadt an der Waldnab, dass der im J. 1700 geborne Johann Christoph Gluck (des Tonsetzers Oheim) sich nach Regensburg begeben habe; ob aber derselbe dort geblieben und erzogen worden sei, und welche bürgerliche Stellung er in jener Stadt erlangt habe, ist bis jetzt unbekannt geblieben. Wahrscheinlich hat er sich dem geistlichen Stande gewidmet, weil, wie der Nachtrag zum Sup-plementbande des Schilling'schen Universal-Lexikons der Tonkunst uns meldet, das dortige Klerikal-Seminar einst sein Bildniss bewahrt habe, das jedoch, neueren Nachrichten zufolge, dort nicht mehr zu finden ist. Wo der Tonsetzer selbst seine Erziehung und Bildung erhalten, und später seine Kunst ausgeübt habe, ist bereits oben in der Geschlechtstafel ausgesprochen worden.
Aber auch das Lebensalter, welches aus dem falschen Taufscheine hervorgeht, liefert einen Beweis gegen die Echtheit desselben. Hätte Gluck schon im Jahre 1700 das Licht der Welt erblickt, so würde er freilich das hohe Alter von 87 Jahren erreicht haben, Obschon dieses, bei normalen Körperzuständen, eben nichts Seltenes ist, so müsste man es doch für ein ausserordentliches, unwahrscheinliches, ja unglaubliches Ereigniss halten, dass Gluck in dem Greisenalter zwischen 70 und 80 Jahren, wo nicht allein die Kräfte der Fantasie, sondern auch jeder physischen und geistigen Thätigkeit erlahmen, gerade seine grössten Meisterwerke, und das allergrösste (die "Ifigenia in Tauride") zuletzt geschrieben haben sollte! –
Wenn nun durch alle die vorangeschickten, unumstösslichen Beweise die Wahrheit meiner Behauptungen als hergestellt zu betrachten ist, so feiere man von nun an nicht mehr den 25. März als den Geburtstag eines Mannes, der wider Willen zu einer Ehre gelangte, die nicht ihm, sondern einem Andern gebührt, und deren unwürdig zu seyn, er gewiss öffentlich bekennen würde, wenn er noch am Leben wäre; man feiere den 2. Juli als den Aufgangstag jenes hervorragenden Gestirnes, dem wir so viele der herrlichsten lyrisch-dramatischen Schöpfungen verdanken!
Wohl mag es die gute Stadt Neustadt an der Waldnab tief schmerzen, wenn sie den Ruhm, die Wiege des grossen Tonsetzers gewesen zu seyn, sich entziehen, und ihn auf einen andern, unbedeutenderen Ort der obern Pfalz übertragen sieht; allein der Wahrheit gebührt – auch unter Freunden – ihr Recht, majorem habere veritatis quam amicitiae rationem necesse est, – und die aufgestellten Beweise dienen nur dazu, dieses, ihr durch die erste Veröffentlichung des falschen Taufscheines entzogene Recht wieder herzustellen.
Mag auch Böhmen darauf stolz seyn diesen Heroen der dramatischen Tonkunst erzogen und gebildet zu haben; mag auch Oesterreichs Residenzstadt sich hoch erfreu'n, in ihm Einen der ausgezeichnetsten Bürger durch fast 40 Jahre besessen und verehrt zu haben; so wird Gluck, – hört es, edle bayerische Nachbarn! – stets ein geborner Oberpfälzer seyn, und somit die Zierde Eures echtdeutschen Königreiches bleiben, wo ein kunstsinniger Monarch nicht nur der Wissenschaft und Kunst Tempel erbaute, sondern auch unserm Gluck auf dem Odeons-Platze seiner Residenz neben Orlando di Lasso ein herrliches und sinniges Denkmal errichtet hat.
Semper honos nomenque tuum laudesque manebunt! –
Fußnoten
1 Siehe dessen "Künstler-Lexikon für Böhmen." Prag 1815. 4. Bd. I. S. 469. – P. Gottfried Dlabacz, Bibliothekar des Prämonstratenser-Stiftes am Strahow zu Prag, starb am 4. Februar 1820 im 62. Jahre seines Alters.
2 Siehe die Beilage E.
3 Man überzeuge sich aus der Beilage E, dass dieser Johann Adam Gluck, da derselbe nach der dortigen Angabe am 9. Jänner 1722 im 73. Jahre verstarb, im Jahre 1650 geboren worden seyn muss.
4 So weit aus den Neustädter Mittheilungen.
5 Seine Unterschrift war stets: Alexander Johannes Klukh.
Die meisten Biographen unsers Tonsetzers sprechen, sonderbar genug, von einer höchst vernachlässigten Erziehung deselben.Fétis sagt sogar: "Son père dont on ignore la profession (?) étant allé se fixer en Bohême, y mourut bientôt après, lâissant son fils, encore en bas âge, dans un état voisin de la misère."(!)1
Da jedoch Herr Fétis diese Stelle aus dem Artikel: "Allemagne" des zur "Encyclopédie Méthodique" gehörigen Werkes: "Musique. Publ. par M.M. Framery et Ginguené" gezogen hat, so trifft ihn lediglich der Vorwurf, dabei die historische Kritik vernachlässigt zu haben.
Kann auch Gluck's Erziehung nicht die glänzendste genannt werden, so war sie doch für die ersten Jahre seiner Jugend eben so zureichend, als sie es für Viele seyn muss, deren Verhältnisse keine bessere gestatten. Nicht alle ausgezeichneten Männer wurden in grossen Städten geboren; auch sie mussten in ihrem Knabenalter mit dem Unterrichte eines Landschullehrers, der jedoch nicht selten einem städtischen vorzuziehen ist, sich begnügen, und ihre fernere Bildung einer Zukunft überlassen, welche, das Bildneramt übernehmend, nun erst bestimmt, ob aus dem Marmorblocke ein Apoll oder ein Satyr gemeisselt werden könne.
Da es im Königreiche Böhmen von jeher gute Stadt- und Landschulen gegeben hat, in denen man, wie noch heut' zu Tage, die Grundlage künftiger Bildung erhielt, und auch der kleine Christoph zur Erlernung aller ihm nothwendigen Gegenstände streng angehalten wurde; so konnte er in seinem zarten Alter sich auch nur jenen Grad der Bildung aneignen, den mancher hochverdiente Staatsmann und Künstler, der seinen Ursprung einem Dorfe oder Flecken verdankte, als Knabe sich anzueignen Gelegenheit fand.
Rücksichtlich der Musik ist es längst anerkannt, dass Böhmens Bewohner einen, ihrer Seele von der Natur eingepflanzten mächtigen Trieb zur Erlernung der göttlichen Kunst besitzen, der von einem guten, mehr praktischen als theoretischen, sowohl in den Stadt- als Landschulen ertheilten Unterrichte mehr und mehr entwickelt, und von mancherlei Umständen mächtig gefördert wird. Ueber diese Vorzüge haben Burney, Schubert, Reichardt, Junker, Böcklin, und andere Schriftsteller, besonders aber die "Leipziger allgemeine musikalische Zeitung"2 sich ausführlich und deutlich ausgesprochen.
Darum wird, meldet die letztere, Böhmen mit Recht das Vaterland deutscher Tonkunst genannt. Die grosse Menge vorzüglicher, von diesem Lande hervorgebrachter Künstler, so wie der ehemalige blühende Zustand der Musik daselbst, vermag diese Benennung vollkommen zu rechtfertigen. Sind es nicht böhmische Tonkünstler, die man in allen berühmten Orchestern Europas zerstreut findet? Und haben sich nicht viele derselben, theils als Instrumentalisten, theils als Tonsetzer den grössten Ruhm erworben? – In Böhmen selbst gab es, und gibt es noch zum Theil so viele geschickte und vortreffliche Musiker aller Art, dass man selbst in kleineren Städten ein beträchtliches Orchester zusammenbringen kann, und reich instrumentirte Tonschöpfungen aufzuführen im Stande ist.3 In Prag zumal leben so viele gründliche Kenner und vorzügliche Tonmeister, dass es wohl schwerlich eine Stadt geben wird, wo sie verhältnissmässig zahlreicher anzutreffen wären. Ich nehme selbst Wien nicht aus, das überdiess seine Musiker zunächst aus Böhmen anwirbt, welches nicht nur die kaiserl. Hofkapelle und das Hofoperntheater sondern auch die zahlreichen Militärbanden des lnund Auslandes beweisen.
Ueberdiess waren im ganzen achtzehnten Jahrhunderte die grössten Schätzer und Unterstützer der Musik grösstentheils böhmische und einige ungarische Kavaliere, welche Kapellen unterhielten und ihre Künstler reichlich belohnten.
Zu den nächsten Ursachen des Blühenden Zustandes der Tonkunst und der Bildung so vieler Künstler in Böhmen gehört nebst der natürlichen Anlage wohl die Pracht des katholischen Gottesdienstes, welchem die Tonkunst alle ihre Reize leihen muss; ferner die, zu diesem schönen Zwecke von unsern musikliebenden Vorfahren an allen Kirchen gemachten Chorstiftungen. Schon während des 15. und 16. Jahrhunderts entstanden in den meisten Städten dieses Landes die bekannten Litteraten-Brüderschaften. Die edle Absicht dieser Verbindungen und das Wesen ihrer Verfassung war eben wieder die Verherrlichung des Gottesdienstes durch Gesang, dann Verbreitung der Andacht und Weckung der christlichen Liebe.4
Schon Kaiser Rudolph der II., dessen Regierung in der Litteratur- und Kunstgeschichte Böhmens den schönsten Zeitabschnitt bildet, hielt eine wohlbesetzte, aus Italienern und Böhmen bestehende Kapelle. Die bei weitem bessere Periode für die Musik beginnt jedoch erst unter Ferdinand dem II. und dem III., in den reicheren Städten, Klöstern und Jesuiten-Collegien: denn in jedem Kloster, in jeder grösseren Pfarrkirche befanden sich entweder gestiftete Fonds zur Unterhaltung der Chormusik, oder reiche Abteien unterhielten sie selbst, mit freigebiger Hand und lobenswerthem Wetteifer aus reiner Liebe zur Sache.
So wurde eine grosse Menge von Jünglingen, und darunter manches vorzügliche Talent in unserer Kunst ausgebildet. Viele wählten die Musik zu ihrem Berufsgeschäfte und blieben Tonkünstler, die übrigen setzten ihre wissenschaftlichen Bestrebungen fort und wurden Staatsdiener, Geistliche, Wirthschaftsbeamte, Handwerker u.s.w. und bewahrten dabei Liebe, Sinn und Geschmack an der Musik durch ihr ganzes Leben. Diess war besonders bei den Klostergeistlichen der Fall, unter denen die Geschichte der Tonkunst in Böhmen allerdings grosse Männer zu nennen weiss.
Nebst diesen, für die Tonkunst in Böhmen günstigen Umständen, gibt es noch manche andere, die man in dem bereits eben angeführten Aufsatze der Leipziger musikalischen Zeitung nachlesen wolle.
Einen solchen Unterricht nun empfing auch der junge Gluck zu Böhmisch-Kamnitz und Eisenberg, und gewiss einen weit gründlicheren, als andere Bürger- und Bauernknaben der genannten Orte, indem es überall die Sitte will, dass die Landschullehrer den Kindern der Ortsbeamten ausser der gewöhnlichen Schulzeit für einen billigen Ehrensold noch Wiederholungsstunden ertheilen.
Obschon nun Gluck's Vater, nach rauher Jägerweise, sein überaus lebhaftes, feuriges Söhnlein oft sehr hart, selbst tyrannisch behandelte, wenn dieser den ungeduldigen, an ihn gestellten Forderungen nicht schnell genug entsprechen konnte; so verlor der Knabe dennoch nicht die Liebe zu dem, was ihm einmal zu erlernen auferlegt worden war. Gluck erzählte dieses in vertraulichen Stunden seinen Freunden und Verwandten oft selbst, und gerieth dabei stets in die munterste Laune. Ja, er berichtete noch, dass er und sein Bruder Anton den in den Forst reitenden Vater im strengsten Winter, um der Abhärtung willen, nicht selten barfüssig begleiten, und verschiedene Jagd-und Messgeräthe nachtragen mussten.
Da die Natur den jungen Christoph mit einem kräftigen Geist und vorherrschenden Triebe zur Musik begabt hatte, so ward es ihm leicht, die Schwierigkeiten der Kunst zu überwinden, und in derselben nicht allein die erfreulichsten Fortschritte zu machen, sondern, auch den höchsten Genuss zu finden. So kam es denn auch, dass er bald ziemlich gut vom Blatte singen lernte, ja, dass er später auch die Violine und das Violoncell besonders fertig und geschmackvoll zu spielen verstand.
Als Gluck für die Gymnasialstudien herangereift war, schickte der Vater, damals Forstmeister auf der fürstl. Lobkowitz'schen Herrschaft Eisenberg, ihn nach dem unfern gelegenen Städtchen Kommotau, wo der junge Christoph zwischen den Jahren 1726 und 1732 jenen Studien oblag. Hatte der Knabe bei der grossen Neigung zur Musik den Grund zum Gesang und Violinspiele schon früher gelegt, so bot sich nun in dem dortigen Jesuiten-Seminar noch mehr Gelegenheit, in beiden Kunstfertigkeiten vorwärts zu schreiten, und dieselben auf dem Musikchor der Kirche zum heiligen Ignaz thätig auszuüben. Hier war es auch, wo er einigen Unterricht im Clavier- und Orgelspiel empfing.
Von Kommotau begab sich Gluck nach der Hauptstadt Böhmens, um dort sowohl der Tonkunst noch ferner zu huldigen, als auch die höheren philosophischen Lehrgegenstände zu hören, und seine wissenschaftlichen Kenntnisse nach Möglichkeit zu erweitern.
Da jedoch die Unterstützungsbeiträge seines Vaters, der jetzt eine zahlreiche Familie5 zu versorgen hatte, immer spärlicher wurden, sah sich Gluck bald in der trüben Lage, seinen Unterhalt in der Tonkunst allein zu suchen, und sich ausschliesslich auf dieselbe zu verlegen. Er ertheilte Unterricht im Gesang und auf dem Violoncell, und sang und spielte in verschiedenen Kirchen der Hauptstadt, besonders in der Teinkirche unter der Leitung des berühmten Czernohorsky;6 ferner in den Klosterkirchen zur heiligen Agnes und der sogenannten Wasser-Polaken7 auf der Altstadt, wofür er, wie es noch heut' zu Tage geschieht, eine monatliche Bestallung erhielt. In der Ferienzeit zog er Anfangs von Dorf zu Dorf, und von einem Flecken zum andern, unterhielt die Bewohner mit Spiel und Gesang, und erntete für seine Leistungen in den Dörfern oft nichts als Eier, die er an anderen Orten gegen Brod vertauschte.
Später besuchte er die grösseren Städte des Landes, gab Conzerte auf dem Violoncell und vermehrte dadurch sein Einkommen um ein Namhaftes, ohne dass bei dieser Lebensweise in ihm auch nur die leiseste Ahnung einer ruhmvollen Zukunft emporgedämmert wäre.
Aber auch unter dem höheren und niederen, der Tonkunst von jeher hold gewesenen Adel Böhmens erwarb sich Gluck viele Gönner, welche ihn, wie er nicht oft genug betheuern konnte, grossmüthig unterstützten, namentlich die hochherzige Fürstenfamilie von Lobkowitz, welcher viele seiner Ahnen im edlen Waid- und Forstwerke bereits ihre Dienste gewidmet hatten. Daher kam es auch, dass er überall und immer, so lange er lebte, Böhmen sein eigentliches Vaterland, und die Böhmen seine Landsleute und Wohlthäter nannte.
Im Jahre 1736 führte die Liebe zur Kunst ihn nach der Haupt- und Residenzstadt Oesterreichs, wo er in dem bereits genannten fürstlichen Hause freundliche Aufnahme, Unterhalt und selbst die Gelegenheit fand, die ersten Grundsätze des Tonsatzes gründlicher kennen zu lernen.
Hier erwarteten ihn Kunstgenüsse jeder Gattung; die Schöpfungen eines Antonio Caldara, Joh. Jos. Fux, der Gebrüder Francesco und Ignazio Conti, Giuseppe Porsile8 und Anderer erfüllten sein Herz mit Bewunderung und Entzücken, und zugleich mit heisser Begierde, einst eben so Grosses zu leisten, wie diese Sonnen am Himmel des kunstliebenden Kaisers Karl des Sechsten.
Der lombardische Fürst von Melzi, der Gluck im fürstl. Lobkowitz'schen Palaste singen und spielen gehört, und hohes Wohlgefallen an ihm gefunden hatte, ernannte ihn zu seinem Kammer-Musikus, nahm ihn mit nach Mailand, wo derselbe seinen Schützling dem damals sehr beliebten und berühmten Kapellmeister, Organisten und Tonsetzer Giovan Battista Sammartini, von dessen Lebensumständen uns nur wenig bekannt ist, zur weiteren musikalischen Ausbildung übergab.
Fußnoten
1 Siehe dessen: "Biographie universelle des Musiciens." Artikel Gluck.
2 Siehe Jahrgang 1800, Sp. 488–494.
3 Der Herausgeber dieser Blätter war im Jahre 1801 zu Böhmisch-Leippa der mitwirkende Zeuge einer vortrefflichen Aufführung von Haydn's Schöpfung, woran sich gegen 200 Musiker betheiligt hatten.
4 Nähere Auskunft über den Ursprung und die Verfassung dieser Gesellschaften findet man in dem 10. Hefte der schätzbaren "Materialien zur Statistik Böhmens," herausgegeben von G.R. Riegger, wo man auch die Mitglieder der Kapelle Kaiser Rudolph's II. verzeichnet findet.
5 Die Geschlechtstafel weist sieben Glieder aus.
6 Czernohorsky, Bohuslaus, Minorit und berühmter Tonsetzer und Orgelspieler, von Nimburg in Böhmen gebürtig, war mehrere Jahre hindurch Regens Chori bei S t. Anna in Padua, dann in der Teinkirchè und bei St. Jakob in Prag. Sein Geburtsjahr ist unbekannt. Er starb um das Jahr 1740 auf einer zweiten Reise nach Italien. Seine vorzüglichsten Schüler waren: Joseph Seger, Czéslaus Klackel, Franz Tuma, Johann Zach, und der berühmte Violinspieler Joseph Tartini.
7 Der Kreuzherren mit dem rothen Herzen.
8 Antonio Caldara, k.k. Hof-Vice-Kapellmeister, Einer der genialsten Tonsetzer für Kirche und Theater in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, starb in Wien am 28. Dezember 1736 im 66. Jahre seines Alters.
Auch die Florentiner Francesco und Ignazio Conti sind als ausgezeichnete Tonsetzer bekannt. Der Erstere war der berühmteste Theorbist seiner Zeit, und zugleich kaiserl. Kammer-Compositor. Er starb zu Wien am 20. Juli 1732 erst 51 Jahre alt. Der Zweite, k.k. Hofcompositor, ging ebendaselbst am 22. März 1759 im 60. Lebensjahre mit Tode ab. – Johann Joseph Fux, seit dem J. 1715 k.k. Hofkapellmeister, wurde im Jahre 1660 in Ober-Steiermark geboren. Dieser berühmte Tonsetzer für Kirche, Kammer und dramatische Musik, und Verfasser des noch heut' zu Tage geschätzten "Gradus ad Parnassum," schied zu Wien am 14. Februar 1741 aus dem Leben, und erreichte das hohe Alter von 81 Jahren. – Giuseppe Porsile, k.k. Hof-Musicus, und vorzüglicher Opernkomponist verstarb ebenfalls in Wien am 29. Mai 1750 im 78. Lebensjahre.
Die zahlreichen Werke der hier genannten Tonsetzer werden in der k.k. Hofbibliothek, und zum Theile auch in der Bibliothek des Wiener-Musikvereins aufbewahrt.
Nach einem vierjährigen eifrigen Studium fühlte Gluck sich im Stande, für das Theater zu schreiben und mit den damals ausgezeichnetsten italienischen Maestri den scenischen Wettkampf zu wagen.
Bald bot sich dazu Gelegenheit dar.
Da Gluck in dem Hause des Fürsten, wo er als Tonkünstler besoldet war, schon verschiedene Beweise seiner höheren musikalischen Gaben abgelegt hatte, wurde er eines Tages aufgefordert, für das Hoftheater in Mailand eine grosse Oper zu setzen. Gluck nahm, seiner Fähigkeiten sich bewusst, die Aufforderung an, und, indem er sich den Eingebungen der Muse ganz überliess, wagte er es, von der gewohnten, breit- getretenen Bahn der italienischen Tonsetzer seiner Zeit so viel als möglich abzuweichen, und eine dem musikalischen Ausdruck sich annähernde Musik zu schreiben, eine Gattung, der er später seinen unsterblichen Ruhm verdankte, und die er, so zu sagen, selbst geschaffen hat.1
Diese erste Oper war "Artaserse" von Metastasio; sie gelangte im J. 1741 zur Aufführung.
Bei dieser Gelegenheit ereignete sich Folgendes: Gluck war aus Sammartini's Schüler bald dessen vertrautester Freund geworden. Gluck unternahm seine neue Arbeit, ohne Jemand dabei zu Rathe zu ziehen, und beendete die, bei ihm bestellte Oper bis auf eine Arie, die einer andern Wortunterlage bedurfte, und desshalb noch ungesetzt geblieben war.
Die erste Probe wurde im Theater vor einer grossen Zuhörermenge abgehalten, die von der Neugierde dahin gezogen wurde, und vor Ungeduld brannte, den ersten Versuch eines jungen Tonsetzers zu vernehmen und zu beurtheilen.
Die Gehörswerkzeuge dieser Menschen waren jedoch an diese neue Gattung nicht gewöhnt; Alle lachten mit hämischer Schadenfreude und spotteten des deutschen Künstlers. Gluck, der es merkte, verlor kein Wort und blieb seinem Streben getreu. Die noch ungesetzte Arie schrieb er in der gewöhnlichen italischen nur dem Ohre schmeichelnden Weise, ohne dabei auf den Zusammenhang mit den übrigen Theilen des Werkes Rücksicht zu nehmen. Sie war ganz nach dem Wunsche jener Italiener, die nur ein oberflächliches Vergnügen in den Räumen des Theaters suchen, ohne den Werth einer Arbeit zu ergründen und den Gesammteindruck zu beachten.
Die Hauptprobe zog noch eine weit grössere Menschenzahl herbei, und als die Zuhörer das neue, liebliche Gesangstück vernahmen, brachen sie in den lautesten Beifall aus, und flüsterten sich ins Ohr, dass diese Arie von Sammartini sei. – Gluck sah und hörte Alles und schwieg. Jedermann drängte sich zur ersten Vorstellung, und siehe da – der Erfolg der Musik war ein vollkommener. Die von den übrigen Tonstücken so verschiedene Arie ward als flach und zu dem Ganzen so unpassend befunden, dass man allgemein ausrief, sie entstelle die ganze Oper. In dieser unschuldigen Weise rächte sich Gluck an dem voreilig richtenden Volke.
Da Gluck's erste Oper den allgemeinen Beifall errungen hatte, so war auch der grosse Wurf gelungen, wornach der junge Tonsetzer viele Jahre hindurch sehnsuchtsvoll gestrebt hiatte; denn Gluck war jetzt auch ein Maestro geworden, und zwar nicht Einer vom gewöhnlichen Schlage. Er ward nun von einer Stadt Italiens zur andern gerufen, um alle mit seinen Opern zu versehen und überall Gold und Ruhm zu ernten.
So schrieb er vier Jahre nach einander für Mailand, und zwar im J. 1741 die bereits genannte Oper; im J. 1742: "Demofoonte" von demselben Dichter; im J. 1743: "Siface" und im J. 1744 "Fedra."
Venedig empfing von Gluck zwei Opern, die den Ruhm des jungen Künstlers alle stelle hoben. Die erste war "Demetriou" ebenfalls von Metastasio; sie wurde (nach Allacci2) mit dem Titel: "Cleonice" im J. 1742 auf dem Theater San Samuele zur Aufführung gebracht. Der berühmte Musico Felice Salimbeni, Porpora's Schüler, sang darin die Rolle der "Alceste" mit stürmischem Beifalle.3
Die zweite: "Ipermnestra" von demselben Dichter gelangte in dem Theater S. Giovanni Crisostomo zur Darstellung.
Seine Oper: "Artamene" erschien im Jahre 1743 zu Cremona auf der Bühne und sein "Alessandro nell' Indie" mit dem Titel: "Porro" ergötzte im J. 1745 die Bewohner Turins.
Der "Almanacco de' Teatri di Torino per l'anno 1819" liefert uns eine Uebersicht aller seit dem Anfange des verflossenen Jahrhunderts in den Theatern jener Hauptstadt aufgeführten dramatischen Stücke, und enthält Seite 20 folgende kunstgeschichtliche Notiz:
Im J. 1745 wurde aufgeführt: "Porro.Poesia di P. Metastasio. Musica di Gluck.Primi Attori: Nicolini e Paghetti. Tenore: Bonifacci. Primi Ballerini: M. le Febure et Mlle. le Febure. Balli: di Barcajuoli Indiani, di varie nazioni; festa di Bacco ed Arianna, con baccanti e satiri."
Von dieser Oper besitzt das Musikarchiv der k.k. Hofbibliothek nur zwei Arien aus dem Nachlasse des verstorbenen Herrn Hofrathes Raphael Georg Kiesewetter Edlen von Wiesenbrunn, und zwar:
1. Arie des Porro in der 4. Scene des II. Aktes in E. maj. "Senza procella ancora" – und
2. Arie des Feldherrn Gandarte in G. maj. "Se viver non poss' io" – beide vom Streichquartett begleitet. Sie enthalten einen schönen Gesang, sind übrigens aber in dem damals üblichen italischen Style gehalten. In der ersteren findet man eine Gadenz für den Sänger.
So schrieb Gluck in dem kurzen Zeitraume von fünf Jahren acht Opern, die sämmtlich von den Italienern mit Beifall aufgenommen wurden, und unserem Tondichter Ehre und Geld eintrugen. Da jedoch die Partituren derselben uns nicht vorliegen, und jene der zu Mailand aufgeführten Opern sogar von den Flammen verzehrt wurden, so sind wir ausser Stande, über ihren dramatisch-musikalischen Werth einige Worte zu sagen.
Nun reihte man, Gluck den besten Tonsetzern seiner Zeit an, und nannte seinen Namen allenthalben mit hoher Bewunderung. Der Künstlerruf des giovine Tedesco verbreitete sich demnach nicht allein in ganz Italien, sondern auch in den übrigen Theilen Europas.
Dieser Ruf war hinreichend, ihn dem Lord Middlessex, der damals der einzige befugte Direktor der Oper in London war, als Tonsetzer für das Haymarket-Theater zu empfehlen.
Gluck begab sich noch im J. 1745 in Gesellschaft seines hohen Gönners, des kunstsinnigen Ferdinand Philipp Fürsten von Lobkowitz, der gerade zu jener Zeit eine Reise durch Italien, Frankreich und England unternahm, von Turin aus über Paris nach London.
Unglücklicherweise blieb in der Hauptstadt Albions bei seiner Ankunft, das obgenannte Schauspielhaus verschlossen, an welchem Umstände das durch einen Aufruhr erregte Volksvorurtheil gegen die, hauptsächlich aus Katholiken bestehenden Sänger, Schuld war.
Die Vorstellungen nahmen erst am 7. Jänner des J. 1746 wieder ihren Anfang und zwar mit Gluck's ganz neu gesetzter Oper: "La Caduta de' Giganti," welche in Gegenwart des Herzogs von Cumberland, zu dessen Ehre sie war geschrieben worden, zur Aufführung gelangte.4
Dr. Burney liefert uns von dieser Vorstellung folgende Skizze. Die Sänger dieser Oper waren: Angelo Maria Monticelli,5 Giuseppe Jozzi,6 und Ciacchi; die Sängerinnen: Imer, Frasi und die, später unter dem Namen Made Cornelie besser bekannte Pompeati. Die Imer war eine ebenso mittelmässige Sängerin als Schauspielerin, und die Pompeati hatte solch' eine männliche und heftige Weise zu singen, dass ihr ganzes Wesen nur wenig an Weiblichkeit streifte. Den neuen Tänzen von Auretti, und der bezaubernden Violetta, nachmaligen Mrs. Garrick wurde jedoch weit mehr Beifall zugeklatscht, als Gluck's Gesängen, die zu ihrer Zeit gewiss viel Verdienstliches hatten, und nur des mangelhaften Vortrages wegen einen geringen Eingang fanden. Die erste Arie in G. min., war zwar eine ganz eigenthümliche Schöpfung, allein viel zu eintönig, die zweite jedoch mit Geist erfunden und gut gezeichnet. Dieser folgte ein Duett, worin Gluck zu viele Gesangsverschönerungen und Effekte kühn aufeinander gehäuft hatte. Die nun kommende, von Monticelli gesungene Arie war sehr originell in der Instrumentalbegleitung, nur musste man sie des Fehlers zeihen, dass letztere bei der Aufführung die Singstimme zu stark deckte. Monticelli nannte sie eine "Aria tedesca." Der nächste Gesang zeichnete sich durch ein ganz besonderes Zeitmass aus, und hielt dadurch, wie Dr. Burney sich noch zu erinnern wusste, mit keiner andern einer Gattung irgend einen Vergleich aus. Er hatte, nebst dem Verdienst überraschender Neuheit, noch jenes einer herrlichen Begleitung: nur hätte der Tonsetzer der Singstimme etwas mehr Grazie verleihen und mehr künstlerische Ruhe aufprägen sollen. Der folgende Gesang für den Jozzi gesetzt, der zwar eine bedeutende musikalische Bildung, aber wenig Stimmmittel besass, war voll neuer Verzierungssätze und wirksamer Stellen. Den Kunstkennern Londons blieb bei diesem geistvollen Tonstücke nichts anderes zu wünschen übrig, als die, vom Anfang bis zum Ende Feuer und Leben athmende Arie mit einem ausgezeichneteren Vortrage zu hören.
Diese Oper erlebte, wie wir bereits meldeten, wegen ihrer mangelhaften, und desshalb unbefriedigenden Darstellung nur fünf Vorstellungen.
Dr. Burney fügt seiner kurzen Beschreibung der Gluck'schen Oper: "La Caduta de' Giganti" noch folgende Bemerkung an "Man konnte von einem jungen Manne, dem die Fähigkeit verliehen war, eine solche Oper in das Leben zu rufen, die trotz ihrer Unvollkommenheiten dennoch fünf Vorstellungen erlebte, schon Etwas erwarten. Das Urtheil des, gegen fremdes Verdienst nicht selten unduldsamen Händel war nach Anhörung dieser Oper allzustreng und unfein, als dass wir dasselbe hier zu wiederholen geneigt seyn sollten, indem es sowohl Händel'n als dem noch im Gährungsprozesse begriffenen Gluck nicht zur Ehre gereicht."
Es kann eben dieser, in Gerber's Tonkünstler-Lexikon angeführten Anekdote hier eine andere entgegengesetzt werden, welche Reichardt in London selbst gehört hat, und die jene etwas unwahrscheinlich macht. Gluck, mit dem spärlichen Beifalle, den seine "Caduta de' Giganti
