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Jan lebt gerne in seiner Männer WG in Hamburg, der für ihn schönsten Stadt der Welt. Dann lernt er die Spanierin Maite kennen, die in seiner Firma ein Praktikum macht. Sein bisheriges Leben wird vollständig auf den Kopf gestellt, als Maite nach Spanien zurück muss und die Suche nach dem richtigen Ort fürs Leben beginnt. Während sich Jan und Maite in Hamburg, Madrid, Barcelona und Bonn wiederfinden, lernt Jan viel über Spanien und vor allem über sich selbst. Eine mit einem guten Schuss Selbstironie erzählte Geschichte über Liebe, kulturelle Unterschiede und die Suche nach dem, was es eigentlich nicht gibt.
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Seitenzahl: 166
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Vieles, was auf den folgenden Seiten erzählt wird, ist auf die eine oder andere Art wirklich so ähnlich passiert.
Trotzdem sind natürlich alle Namen, Personen und Handlungen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Besonders bedanken möchte ich mich bei meiner Frau Meike, die mich nach einer kurzen Leseprobe zur Fertigstellung dieses Buches motiviert und die Churros für das Titelbild gemacht hat.
Und bei meinen Eltern Ramona und Erich, die mir durch ihre Unterstützung überhaupt erst so ein spannendes Leben ermöglicht haben.
HAMBURG
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
MADRID
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
BARCELONA
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
BONN
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
BARCELONA (ZWEITER VERSUCH)
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Kapitel 72
NEUBEGINN
Kapitel 73
Kapitel 74
Da stand sie also vor mir. Mit ihren langen blonden Zöpfen unter dem Wikinger-Helm aus silbernem Plastik. Motto Partys waren in Mode und ich war hier auf einer Wikinger Party.
Ich war hier nicht ganz freiwillig, aber was tut man nicht alles, um ein guter Mitarbeiter zu sein. Da gehörte die Anwesenheit bei der jährlichen Betriebsfeier im Sommer einfach dazu. Und ein guter Mitarbeiter wollte ich schließlich immer sein, wenn schon beim Chef und den Kollegen auffallen, dann positiv.
Ich, dass war in diesem Fall Jan Stocker. Anfang dreißig, groß, blond und sportlich.
Diejenigen, die mich kannten, würden diese Beschreibung wahrscheinlich wie folgt ergänzen: Eher schmächtig, kleiner Bauchansatz, emotional ein hoffnungsloser Fall. Aber ich fand, man sollte bei bestimmten Sachen nicht zu sehr auf andere hören. Besonders wenn es sich um Ex-Freundinnen oder Kumpels in Bierlaune handelte.
Die Frau vor mir hieß Maite. Maite ist die Kurzform für Maria Theresia. Wie sie mir erklärte war das mit den zweiteiligen Namen eine typische Sache für Spanien. Der erste Teil war in der Regel Maria und der Zweite dann etwas anderes. Sonst würden ja auch alle gleich heißen. Weil das ständige Benutzen dieser Doppel-Vornamen im echten Leben kompliziert war, gab es zu fast jeder dieser Kombinationen eine Kurzform. Maria del Mar wurde zu Marimar, Maria de la Luz zu Mariluz und so weiter.
Nun, ich hatte es hier mit der entzückenden Maite zu tun. Irgendwie sah sie noch niedlicher als sonst aus, wie sie da so auf unserer Betriebsfeier etwas verlegen rumstand. Und das lag wahrscheinlich an den offensichtlichen Kontrasten. Zu ihrem südländischen Äußeren mit der braunen Haut, den dunklen Augen und besonders den darüber stehenden dunklen Augenbrauen passten die künstlichen blonden Zöpfe eigentlich so gar nicht. Aber wie sie so da stand und lächelte, konnte sie einen nur verzaubern.
Wir hatten uns schon vorher das eine oder andere Mal auf dem Flur gesehen, aber über ein verschmitztes Lächeln gingen unsere Zusammentreffen bisher nicht hinaus. Das mag auch an den Sprachproblemen gelegen haben.
Spanisch konnte ich gar nicht und Englisch nur sehr gebrochen. Und Maite war erst seit einigen Wochen im Rahmen eines Auslandspraktikums bei uns in der Firma. Somit war ihr Deutsch noch nicht wirklich vorhanden und ihr Englisch leider auch nicht viel besser als meins.
Aber wofür braucht man viele Worte, wenn die Anziehungskraft stimmt. So standen wir da, lächelten uns an und stammelten ab und an einige Wortfetzen. Dieser Moment konnte nicht schöner sein.
Zugegeben, bisher waren meine Beziehungen eher von kurzer Dauer. Aber in diesem Moment wusste ich, dass sich das jetzt ändern würde. Genau jetzt. Ich war mir sicher.
Was ich nicht ahnen konnte war, wie dieser Abend mein Leben insgesamt verändern sollte.
Wie hatte ich das vermisst. Endlich wieder alles zu zweit machen. Und das nicht mit irgendeinem Kumpel, sondern mit der potenziellen Frau fürs Leben. Dass sie das sein würde, konnte ich nach unseren ersten zwei Tagen als Paar schon mit ziemlicher Sicherheit sagen.
Als erstes gemeinsames Erlebnis außer Haus hatte ich vorgeschlagen, mit einem Kajak die Alsterkanäle entlang zu paddeln.
„Ich wusste gar nicht, dass es in Hamburg so viele Kanäle gibt, Jan“, sagte sie, als ich ihr voller Stolz die geplante Strecke auf dem zerknitterten Faltplan zeigte. Mein geliebtes Hamburg konnte halt was.
„Super, oder? Wir können sogar von der Binnenalster bis in den Stadtpark paddeln“, schwärmte ich ihr vor.
Wie ein echter Kavalier hielt ich für sie das schwankende Kajak fest, damit sie sicher einsteigen konnte. Ich übernahm natürlich die hintere Position mit der ganzen Verantwortung das Boot zu lenken.
Durch das schöne Sommerwetter bedingt waren wir nicht alleine unterwegs. Ab und an mussten wir einem schnellen, schnurgerade durchs Wasser ziehenden Ruderboot Platz machen. Ansonsten war so ziemlich alles an Booten und Menschen hier unterwegs, was man sich vorstellen konnte. Von Tretbooten über Kajaks jeder Größe bis zum Drachenboot.
Einige Ausflügler besaßen offenbar eigene Boote und hatten diese teilweise individualisiert. Das fing bei der Farbwahl und der Dekoration mit bunten Fähnchen an und hörte bei kleinen Außenbordmotoren auf.
Maite zeigte sich beeindruckt von diesem regen Treiben auf dem Wasser mitten in der Stadt. Und das sollte sich noch steigern.
„Hier kann man wirklich an den Cafés anhalten? Das ist ja toll!“, strahlte Maite mich an.
Elegant lenkte ich das Boot zu der Stelle, wo man gleich unsere Bestellung annehmen würde.
Oder genauer: Ich versuchte es elegant aussehen zu lassen. In Wahrheit konnte ich uns gerade noch vor einem heftigen Aufprall bewahren, indem ich ein Paddel mit aller Kraft gegen die schnell näher kommende Wand drückte.
„Du machst das auch nicht so oft, oder?“, fragte Maite. Und ich merkte, dass ein bisschen von meinem souveränen Eindruck bei ihr verspielt war.
Nach dem erfolgreichen Ablegen vom Café ging es weiter in Richtung Alster. Durch die dicht bewachsenen grünen Seiten konnte man vollständig vergessen, dass man mitten in einer Großstadt war.
Als wir gerade an einer wirklich engen Stelle des Kanals waren, hörte ich das Grauen schon von weitem kommen. Ich hatte so eine Begegnung schon einmal und bereits damals zeigte sich, dass ich nicht der beste Bootslenker bin. Nun röhrte wieder das Signalhorn eines Ausflugschiffes. Gleich würde es um die Kurve kommen und erwarten, dass wir Platz machen.
„Kein Problem, das kenne ich“, vermittelte ich Maite selbstsicher. „Ich fahre uns kurz an die Seite.“
Meine nun folgenden hektischen Bewegungen konnte man entweder als sehr schnelles und geschicktes Handeln erkennen. Oder ein böser Mensch könnte einen Anflug von Panik und Unbeholfenheit hinein interpretieren. Aber Maite wäre sicherlich kein böser Mensch.
„Vorsicht mit dem Ast!“, hörte ich von vorne.
Ich konnte ihre Sorge verstehen, schließlich lenkte ich uns gerade schnurstracks mitten in die Büsche und sie saß vorne und würde es als Erste abkriegen.
„Alles in Ordnung, ich habe das im Griff“, rief ich leicht überfordert. Dabei versuchte ich mich ein wenig aufzurichten und nach einem Busch zu greifen, um zu bremsen.
Das konnte natürlich nicht klappen. Halb stehend hatte ich zwar jetzt einen Ast in der Hand, aber das Boot glitt trotzdem weiter. Platsch, da hing ich im Wasser.
Zum Glück sind die Alsterkanäle nun wirklich nicht tief, aber dafür leider sehr schlammig. So stand ich jetzt tropfend und halb im Schlamm versunken da und versuchte, meine ebenfalls nassen Wertsachen aus meinen Taschen zu retten.
Maite hatte das Manöver irgendwie unbeschadet überstanden und steuerte das Boot nun souverän neben mich.
„Das ist ja gar nicht so schwer zu lenken“, freute sie sich und winkte dabei den Touristen im vorbeifahrenden Ausflugsschiff zu.
Nach diesem Tag empfand sie mich wahrscheinlich nicht mehr ganz so als einen Mann, der alles jederzeit unter Kontrolle hat, wie ich es mir gewünscht hätte.
Dafür hatte ich in den Kategorien Humor und Unterhaltungswert bestimmt eine Menge Punkte dazu gewonnen. So gesehen war das also mit Blick auf unsere Beziehung ein absolut erfolgreicher Tag. Schließlich wollte ich immer eine Frau mit Humor und nicht eine, die auf harte Männer steht.
Mit unseren Wohnungen hatten wir Glück.
Wir wohnten beide in verschiedenen Wohngemeinschaften mit jeweils zwei anderen Mitbewohnern, aber beide WGs waren im selben Stadtteil. Das machte das tägliche Treffen natürlich viel einfacher, als wenn wir durch die ganze Stadt fahren müssten, wie es bei meiner letzten Beziehung der Fall war.
Vielleicht hatte die letzte Beziehung deshalb auch nicht so lange gehalten.
Dass wir beide in Winterhude wohnten hatte zudem den Vorteil, sowohl den Stadtpark als auch die Alster direkt vor der Haustür zu haben. Damit waren wir mitten im Großstadtleben, hatten aber gleichzeitig auch den vollen Erholungswert von Wasser und Natur direkt vor der Nase.
Unsere Mitbewohner mussten sich daran gewöhnen, dass jetzt immer eine Person mehr den engen Raum der WGs in Anspruch nahm. Das wurde aber toleriert, weil Maite und ich von den jeweiligen Mitbewohnern des Anderen als nett und unkompliziert empfunden wurden. Zudem bemühten wir uns, unsere Anwesenheit in den beiden Wohnungen ungefähr gleich zu verteilen.
Meine WG bestand aus dem ziemlich aufgeweckten Fred und dem eher gemütlichen Ulf. Heute war gemeinsames Kochen bei uns angesagt. Das war in der Regel nicht so anspruchsvoll wie in Maites WG, was wahrscheinlich an den fehlenden weiblichen Einflüssen lag.
„Ist das wirklich immer noch alles, was ihr an Küchenausstattung habt?“, fragte Maite mit einem kritischen Blick auf unseren einzigen Topf und die danebenstehende Pfanne.
„Wofür braucht man denn noch mehr? Wir haben doch auch nur zwei Kochplatten“, entgegnete ihr Fred.
„Da hat er recht“, stimmte ich ein. „Magst du schon mal das Spiegelei machen?“
Maite merkte, dass es heute mal wieder kein Festessen in dieser Wohnung geben würde.
Den Versuch, uns zu kulinarischen Höchstleistungen zu treiben, hatte sie schon vor einiger Zeit aufgegeben. Vielleicht wegen unseres deutlich geäußerten Unverständnisses beim ersten gemeinsamen Kochen, warum denn jetzt dieses ganze Gemüse besser schmecken sollte als eine gute Pizza. Und mehr Arbeit war das ja schließlich auch noch, bis dieses ganze Grünzeug geschnippelt und gegart ist. Vom Abwasch mal ganz zu schweigen.
Ein Strammer Max schien mir als Gericht ein guter Kompromiss, um ihren Kochdrang zu befriedigen. Das war eine gute Ergänzung zu der schon im Ofen befindlichen Pizza.
Enttäuscht bemerkte ich, dass ein Strammer Max in Maites Augen offenbar auch nicht zur höheren Kochkunst gehörte. Sie wirkte unzufrieden.
Ich hingegen war mir sicher, dass sie ein wirklich gutes Spiegelei zaubern würde und freute mich schon darauf, damit ein wenig vor meinen Mitbewohnern angeben zu können.
Fasziniert standen Fred, Ulf und ich um Maite herum und starrten auf die Pfanne vor ihr. Fasziniert deshalb, weil sie eben eine wirklich große Menge Öl in diese Pfanne gegossen hatte. Das Teil war bestimmt halb voll damit.
Jetzt waren wir drei mit Sicherheit nicht die Besten, um zu beurteilen, wie man ein Spiegelei oder sonstige kulinarische Höhepunkte herstellt. Aber das, was hier gerade passierte, kam uns komisch vor. So etwas hatten wir auch bei unseren Müttern früher noch nie gesehen.
Maite fing derweil an, über das im Öl schwimmende Ei permanent Öl aus der Pfanne zu schütten.
„Was guckt ihr denn so, ist etwas falsch?“
„Bisschen viel Öl, oder?“, fragte ich nachdenklich.
„Das machen doch alle so, wie soll das denn sonst gehen?“
Ah ja, es gab also doch mehr versteckte Unterschiede zwischen der spanischen und der deutschen Küche, als ich vermutet hatte. Ich dachte immer, ein Spiegelei ist ein Spiegelei und das war’s.
Auf jeden Fall schmeckte es lecker und war als Strammer Max eine echte Bereicherung zu der ebenfalls auf dem Tisch stehenden Pizza.
Wir hatten zwar noch keine Ahnung, wer von uns drei Männern die Fettspritzer im Umkreis von einem Meter um die Kochplatte wegmachen müsste, aber die Entscheidung konnte warten – ich vermutete, dass es mich treffen würde.
Maite wohnte mit Mari und Elena zusammen.
Die Mädels waren eine international zusammengewürfelte Truppe. Mari war eine eher schüchterne Niederländerin, Elena eine kecke und trinkfeste Polin.
In dieser Wohnung konnte man im Vergleich zu meiner gleich sehen, dass hier nur Frauen lebten. Überall standen Sachen, die aus Männersicht keinerlei Funktion hatten, aber für Frauen wahrscheinlich einfach hübsch waren.
Maite hatte mich und meine Jungs eingeladen, heute Abend mit ihnen los zu ziehen. Ulf und Fred als Singles mit recht wenig Frauenkontakt waren natürlich sofort dabei.
Wir hatten unsere typische Ausgehmontur an. Eben dasselbe, was wir sonst auch immer tragen. Turnschuhe, etwas abgetragene Jeans und einen soliden Pullover über dem T-Shirt. Als wir in die Wohnung traten, um die Mädels abzuholen, wurden wir mit leichtem Entsetzten gemustert.
„Was ist denn los?“, fragte ich. Und warum seid ihr so aufgebrezelt? Ist doch hoffentlich kein Ball, wo wir hinwollen, oder?“
Ein Ball nicht, aber offenbar hatten die drei besprochen, dass es mal wieder Zeit für einen richtigen Tanzabend war. Maite hatte dafür eine Salsa-Bar vorgeschlagen. Ich fühlte mich unwohl, meine Tanzkünste waren mehr als bescheiden, zumindest nüchtern.
Ein kurzer Blick zu Ulf und Fred zeigte, dass es ihnen ähnlich ging. Hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns wohl einen netten Abend vor der Glotze mit Pizza und Pils gemacht.
Es half nichts, ein Rückzug wäre jetzt nicht mehr gut zu erklären gewesen. Wir trotteten also hinter den aufgekratzten Mädels her.
„Hier ist es“, sagte Maite. „Da ist alles echt. Der Besitzer, die Kellner und die Band, alle sind Spanier.“
Sie sprang aus Vorfreude fast durch die Tür, wir anderen folgten etwas zaghafter hinterher.
Wie sich zeigte, waren nicht nur die Betreiber, sondern auch die Gäste vorwiegend Südländer. Zu feurigen Rhythmen bewegten sie sich mit einer Geschmeidigkeit, die weit von meinen norddeutschen Möglichkeiten entfernt war.
„Sollen wir nicht erstmal etwas trinken?“, schlug ich vor.
Ich konnte Ulf und Fred die Zustimmung von ihren Gesichtern ablesen. Klar doch. Schließlich geht man in eine Bar zum Trinken und überlässt das Tanzen den Frauen.
„Das geht nicht“, sagte Maite, „wir haben euch doch extra mitgenommen, damit wir Tanzpartner haben.“
Mari schaute ein wenig unsicher, aber zustimmend. Elena schien mir, als wäre ihr die Wahl zwischen Tanzfläche und Bar egal.
Aber ich wollte meine geliebte Maite natürlich nicht enttäuschen: „Natürlich, auf geht’s!“
Ich gab alles. Der Versuch, meine Steifheit durch extravagante Bewegungen auszugleichen, schien leider nicht zu funktionieren. Zumindest hatte ich das Gefühl, von allen anderen Tanzpaaren mitleidig beobachtet zu werden.
Das konnte aber auch am Schweiß liegen. Der Pullover war offensichtlich das falscheste Bekleidungsstück hier, aber das T-Shirt darunter konnte ich nun wirklich niemandem zumuten. Ich hatte ja nicht ahnen können, dass ich heute noch Sport machen würde.
Nach einer halben Stunde merkte ich, dass ich und Maite die einzigen aus unserer Sechserbande auf der Tanzfläche waren. Meine Blicke wanderten im Raum umher. Zum Glück waren die meisten dieser Tanzprofis recht klein, so dass ich über sie hinweg sehen konnte.
Schließlich fand ich die anderen vier. Sie standen an der Bar, hatten halbvolle Biergläser in der Hand und offensichtlich eine Menge Spaß. Ab und zu schauten sie zu uns rüber und lächelten. Wie es mir vorkam, war das so ein typisches Mitleidslächeln.
Als wir uns morgens gegen drei Uhr von Fred und Ulf verabschiedeten, war ich immer noch klitschnass unter meinem Pullover. Ich war offenbar der Einzige, der geschwitzt hatte. Aber was soll´s, wir hatten auf jeden Fall alle Spaß. Jeder auf seine Art und der eine vielleicht ein bisschen mehr als der andere. Immerhin hatte auch ich gefühlt alle zwei Stunden in den Tanzpausen ein Bier bekommen.
Und das Wichtigste: Maite wusste jetzt, dass sie in mir einen echten spanischen Tanz-Gott zum Freund hatte. Das hatte ich an ihren vor Erstaunen weit aufgerissenen Augen ablesen können, mit denen sie mich während besonders ausdrucksstarker Tanzbewegungen immer bewundernd angesehen hatte.
Nach zwei Monaten war es dann soweit. Ich lernte Maites Familie kennen.
„Ich gehe noch kurz unter die Dusche!“, sagte Maite, nachdem wir vom gemeinsamen Joggen an der Alster wieder zurück in ihrer Wohnung waren.
Ich setzte mich derweil mit einem großen Glas Apfelsaftschorle in die Küche und versuchte mit dem Nachschwitzen fertig zu werden. Gerade wurde der Duschstrahl nebenan richtig aufgedreht, als auch schon das Telefon klingelte.
„Jan Stocker am Apparat von Maite Fernandez-Perez, guten Tag!“, sagte ich in einem vom Joggen tiefenentspannten Zustand, der sich schnell ändern sollte.
„Hola, está Maite?“, hörte ich da schon am anderen Ende der Leitung und vermutete mal, dass das so etwas wie „Ist Maite da?“ heißen sollte.
Das Kritische an dieser Situation war, dass die Stimme vom Alter ungefähr zu Maites Vater passen konnte. Und beim ersten Kontakt mit meinem möglichen Schwiegervater war ich doch ein wenig nervös.
„Ja,...ich meine sí... Do you speak English?“
Kurze Stille.
„Yes!“
Wieder Stille.
Also fing ich mit meinem gebrochenen Englisch an zu erklären, dass ich der noch unbekannte aber total liebenswürdige Schwiegersohn sei, Maite gerade am Duschen wäre, aber bestimmt gleich zurückrufen würde.
Als Antwort kam eine ganze Menge Spanisch. Zumindest soweit ich das beurteilen konnte, ohne etwas davon zu verstehen. Zwischendrin fiel immer mal wieder ein herzhaftes „Yes!“ in den schnellen Schwall spanischer Wörter.
Wir einigten uns am Ende auf ein versöhnliches „Bye!“ und beendeten das Gespräch.
„Was ist denn mit dir los?“, fragte Maite, als sie mich wie ein Häufchen Elend im grünen Plüschsessel vor dem Telefon sitzen sah. „Etwas Schlimmes?“
In diesem Moment beschloss ich, dass ich als weitere Fremdsprache unbedingt Spanisch lernen sollte.
Eine Sprache lernen ist gar nicht so schwer, wenn nur der richtige Antrieb dafür da ist.
In meinem Fall hieß dieser Antrieb Carlos und war der Vater von Maite. Und wahrscheinlich gehörten auch Maites Mutter Maribel, Maites drei Brüder und Maites Opa mit zu diesem Antrieb. Oder genau genommen, die Angst bei meinem ersten Besuch in Spanien vor ihrer ganzen Familie zu stehen und mit keinem auch nur ein Wort reden zu können.
Um das Lernen neben der Arbeit und meiner viel zu knappen Freizeit mit Maite im Tagesablauf unter zu bringen, hatte ich meine eigene Methode entwickelt.
Als Grundlage hatte ich mir ein Sprachlehrbuch mit dreißig Einheiten gekauft. Eine Einheit, das war immer ein Text-Teil, die dazu gehörenden Vokabeln und die passende Grammatik. Und dann ein kurzer Test zum Abschluss, damit ich eine Bestätigung für meinen Lernerfolg hatte. So konnte ich mir jede Woche eine Einheit vornehmen und wusste, nach dreißig Wochen spreche ich fließend Spanisch. Zumindest theoretisch.
Für das praktische Üben hatte ich Maite. Sie besorgte mir meinem Lernfortschritt entsprechende Bücher, angefangen bei Märchenbüchern für die ganz Kleinen. Sie ermunterte mich, ihr mindestens einen Liebesbrief pro Woche auf Spanisch zu schreiben, den sie dann liebevoll korrigierte. Und sie brachte wirklich viel Geduld auf, mit mir Spanisch zu reden. Dabei verzweifelten wir beide vor allem an der Unbeweglichkeit meiner Zunge, gerade wenn es um das berühmte, rollende spanische „R“ ging.
So leicht dieses „R“ für Süddeutsche sein mochte, so unmöglich war es für mich als Nordlicht.
Wir einigten uns schließlich darauf, dass mein „D“ sich noch am ehesten nach dem rollenden „R“ anhörte.
