Circle: Die Welt der Seelen - Elina Wörmann - E-Book

Circle: Die Welt der Seelen E-Book

Elina Wörmann

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Beschreibung

Band 2 der Circle-Reihe. Reinkarnation bedeutet Wiedergeburt. Seelenwanderung. Es beschreibt den Prozess, wenn eine Seele nach dem Tod in einen anderen Körper gelangt. In diesem ewigen Kreislauf ein neues Leben beginnt. Ohne Erinnerungen an das, was zuvor gewesen war. Doch man muss sich nicht erinnern, um einander wiederzufinden. Es reicht aus, geduldig zu sein. Zu warten. Sich an den jeweils anderen zu binden und darauf zu hoffen, dass das Schicksal gnädig ist. Auch wenn ein Dämon den Weg leiten muss – in der Welt der Seelen. Welt der Seelen oder Welt der Dämonen - welches Wiedersehen liest du zuerst?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Circle
Die Welt der Seelen
Elina Wörmann
Impressum © 2025 Elina Wörmann
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:Elina Wörmannc/o WirFinden.EsNaß und Hellie GbRKirchgasse 1965817 EppsteinLektorat:Lektorat Lynxwww.lektorat-lynx.deUmschlaggestaltung und Illustrationen:inspirited books Grafikdesignwww.inspiritedbooks.at
Glossar
Wir Dämonen existieren außerhalb der menschlichen Rollen. Was bedeutet, dass nicht nur unser Äußeres sich von dem euren unterscheidet, sondern auch unsere Sprache. Und da ich einen Teil dieser Geschichte erzählen durfte und mir wichtig ist, dass ihr meine Worte versteht, möchte ich euch eben diese näherbringen.
Personalpronomen
Possesivpronomen
Hinweis:
Die Menschen, die mir auf meinem Weg begegnet sind, kennen diese Pronomen. Auch wenn ich zugeben muss, dass sie in eurer Welt kaum eine Rolle spielen, weshalb sie leider keinen Gebrauch finden.
Wörterbuch
Centhar'var
der Ort der letzten Entscheidung
Alis Vecxa’ni elos? Xancaerde'ne, Hedecra!
Wörtl.: Willst du meine Essenz täuschen? Das ist nicht richtig, Hedecra!
Kapitel 1
Ich weiß, dass ich tot bin. Und ich komme damit zurecht. Mit der Verwirrung, der Einsamkeit …
---
Die meisten Seelen sahen aus wie Menschen. Zumindest kurz nach ihrem Tod. Denn danach wurden sie immer durchscheinender, bis sie sich vollständig auflösten und schlussendlich
verschwanden.
Für immer.
Seelen waren nicht dafür geschaffen, ohne Körper auf der Erde zu wandeln. Was in anderen Welten möglich war, widersprach hier den Gesetzen der Natur.
Es war normal.
Ein gewohnter Anblick.
Schmerzhaft, aber kein Grund für Sina, um anzuhalten, als sie an der Seele eines Mannes vorbeieilte. Fast durchsichtig und kurz davor zu vergehen.
Sie konnte ohnehin nichts tun. Es war die Aufgabe der Dämonen, sich um die Hinterbliebenen zu kümmern, und sie war keines dieser Wesen.
Sie war ein Mensch.
In ihrer Macht stand lediglich, ein Stoßgebet an den Tod zu schicken und ihn darum zu bitten, diese Seele zu retten. Auf diese Weise konnte sie sich wenigstens von den Schuldgefühlen befreien, die sie überkamen, als sie kurz darauf das Tor des Friedhofes passierte.
Schwer atmend hielt Sina inne. Sie hatte sich so sehr beeilt herzukommen, dass sie Seitenstiche hatte. Trotzdem durfte sie nicht schlappmachen. Noch hatte sie ihr Ziel nicht erreicht und es stand auch nicht fest, ob sie es schaffen würde. An Orten wie diesen – mochte es noch so seltsam klingen – verirrten sich selten Seelen. Die meisten Hinterbliebenen erwachten dort, wo sie gestorben waren, und hielten sich ungern zwischen Grabsteinen auf.
Wieso auch?
Auf Friedhöfen gab es nichts zu sehen und noch weniger zu tun. Nicht, dass Seelen etwas tun konnten, aber sie spürten den Drang, einer Aufgabe nachzugehen; eine Prüfung zu bestehen, die sie hier gefangen hielt. Wie anders diese Welt wäre, wenn Seelen wüssten, dass eine solche Aufgabe nicht existierte …
Sie waren hier, weil sie nicht loslassen konnten. Weil sie an dem Leben hingen, aus dem sie gerissen worden waren. An Freunden, an Familie. Vielleicht an Erinnerungen längst vergangener Zeiten oder an Gefühlen, die keinen Sinn mehr haben, dachte Sina und verdrängte die Worte umgehend aus ihrem Kopf. Jedes Gefühl hatte seinen Sinn, daran glaubte sie ganz fest. Daran musste sie glauben. Andernfalls hätte sie gar nicht erst hierherkommen müssen.
Hierher, wo ihre Seele wartete.
Warum hatte sie sich von allen Orten dieser Welt dazu entschieden, ihre begrenzte Zeit ausgerechnet auf einem Friedhof zu verbringen? An einem Ort, an dem kein weltlicher Dämon sie jemals finden würde?
Sina hatte keine Antwort auf diese Fragen, aber immerhin konnte sie sich sicher sein, dass es dadurch leichter werden würde, sie zu finden.
Zumindest hoffte sie das.
Dieser Friedhof war der größte der Stadt. Hinter der Kirche befand sich ein Park aus Grabsteinen jeglicher Formen und jeden Alters. Kieswege und Beete dekorierten die Flächen dazwischen und führten einen zu dem Waldgebiet, das gleich dahinter angrenzte. Dieses wies eine ähnlich große Fläche auf und war möglichst natürlich gehalten. Der ideale Ort, um die Urnen zu behüten, die zwischen den kräftigen Wurzeln der Bäume beigesetzt wurden.
Sina ließ ihren Blick über die Gräber schweifen, während sie schnellen Schrittes dem Hauptweg folgte. Immer wieder verdeckten hochgewachsene Büsche und Sträucher ihre Sicht und ließen sie hoffen, dass ihre Seele nicht dahinter verborgen war. Falls doch, falls sie nirgendwo sonst aufzufinden war, würde sie nachher zurückkehren und sich gründlicher umsehen.
Noch hatte sie Zeit, wie sie wusste.
Die Frage war nur, wie viel.
Ihr Herz raste bei der Vorstellung, dass ihre Seele sich in Luft auflöste. Die Angst, zu spät zu sein, betäubte sie und ließ alle anderen Empfindungen in den Hintergrund rücken. Sina konnte sich nicht gänzlich sicher sein, ob sie wirklich rechtzeitig hergekommen war. Die Zeit war ein seltsames Konzept, das sich nicht kontrollieren ließ. Deswegen konzentrierte sie sich, ihr Ziel im Auge zu behalten und dieses eine Schicksal zu ändern.
War das egoistisch?
Man konnte nicht alle retten, aber gerade deswegen war es wichtig, sich auf diejenigen zu konzentrieren, die einem am meisten bedeuteten. Oder nicht?
Es wäre leichter, eine solche Entscheidung zu fällen, wenn die Umstände andere wären. Wenn einem mehr Zeit bliebe. Doch der Kreislauf des Lebens wartete nicht. Er schenkte keine Augenblicke, sondern raubte sie. Nahm einem, was man hätte haben können, wenn man schnell genug gewesen wäre.
Wie eine Sanduhr, die unaufhaltsam rieselte. Korn für Korn, bis sie erstickte, was man beschützen wollte.
Sina schüttelte das Bild aus ihren Gedanken.
Warum musste dieser Friedhof so riesig sein?
Warum der Wald so dicht?
Der Weg so uneben?
Den Blick stets zwischen die immer gleich aussehenden Bäume gerichtet, stolperte sie mehr als einmal über eine Wurzel oder eine andere Unebenheit im Boden. Es war schön, dass dieser Ort sich an die Natur anlehnte, doch für Sinas Absichten hinderlich. Dazu war es wenig hilfreich, dass sie nicht wusste, welche Nummer auf dem Schild stand, nach dem sie suchte.
Wobei, lesen konnte sie die meisten der Holztafeln ohnehin nicht. Zu klein war ihre Schrift, zu groß die Entfernung zu ihnen. Und zu viele Minuten lagen zwischen ihrem Wissen darüber, wo ihre Seele sich befand, und ihrer Ankunft an diesem Ort. Ihre Seele konnte längst woanders sein, ohne dass Sina es wusste.
Umso erleichterter war sie darüber, nicht jeden Baum genauer unter die Lupe nehmen zu müssen. Es reichte, die Gestalt einer jungen Frau zu entdecken, die einsam im Schatten einer hochgewachsenen Kiefer saß. Hellbraune Haarsträhnen fielen ihr über den Rücken, vollkommen unbewegt von dem leichten Wind, der durch die Baumkronen wehte.
Sina stieß die Luft aus.
Ihre Seele – mehr als halb aufgelöst, aber noch eine ganze Weile davon entfernt, vollends zu verschwinden.
Sie hatte es geschafft.
Sina hatte sich nicht sicher sein können. Jetzt aber, da sie mit eigenen Augen sehen konnte, dass ihnen eben diese Zeit tatsächlich blieb, verschwand der Fels von ihrem Brustkorb. Das Atmen fiel ihr leichter und in ihr erwachte die Entschlossenheit darüber, den nächsten Schritt ebenfalls zu schaffen: Ihre Seele dazu zu bringen, mit ihr zu kommen. Nach Hause.
Ein trauriges Lächeln huschte über Sinas Lippen, als sie sich wieder in Bewegung setzte. In Richtung der Kiefer. In Richtung Maya. Das Laub raschelte mit jedem Schritt unter ihren Sohlen, und Sina machte sich nicht die Mühe, leiser zu sein. Maya durfte hören, dass sie sich ihr näherte. Diese wandte jedoch nicht einmal den Kopf in ihre Richtung.
So lange, bis Sina das Wort ergriff: »Gefunden.«
Erschrocken fuhr die Seele herum. Eine Reaktion, die Sina zu mildern versuchte, indem sie beschwichtigend beide Hände hob. »Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken.«
Es vergingen ein, zwei Sekunden vergingen, in denen Maya mit großen Augen zu ihr aufsah. Dann erst schaffte sie es, ihren Finger zu heben und auf sich selbst zu deuten. »M-mich?«
Sina erschauderte unter dem Klang ihrer Stimme. Es war kein neues Geräusch, aber eines, das sie viel zu lange nicht gehört und umso länger vermisst hatte.
»Natürlich. Oder siehst du hier noch jemanden?« Sina überwand die letzten zwei Schritte, die zwischen ihnen lagen, und setzte sich neben Maya auf den laubbedeckten Waldboden. Diese sah sich um, als erwartete sie tatsächlich, dass sich in unmittelbarer Nähe zu ihnen noch jemand befand.
Was nicht der Fall war.
Sie waren allein. Die Wege waren menschenleer, die Gräber unbesucht. Als wollte das Schicksal, dass sie diesen Moment ihres langersehnten Wiedersehens ganz für sich hatten.
»A-aber keiner kann mich sehen«, stammelte Maya, als sie ihre Stimme wiedergefunden hatte.
»Ich schon.« Sina legte den Kopf in den Nacken und betrachtete die Kiefer – einen der wenigen Nadelbäume, die in diesem Wald standen. Ein kräftig aussehender, gesunder Baum, in dem sie eine viel zu große Bedeutung sah. Es war kein Zufall, dass Maya ausgerechnet unter diesem Baum auf sie gewartet hatte. Sie glaubte daran, obwohl es wahrscheinlich dumm war. Obwohl Maya nicht wirklich gewartet hatte, insbesondere nicht auf sie.
»Wie?« Sichtlich überwältigt von der wahrscheinlich angenehmsten Überraschung dieses Tages, wandte Maya sich ihr zu, und obwohl Sina wusste, dass sie das wahrscheinlich jede Person gefragt hätte, freute sie sich über dieses Interesse. Über das Gespräch, das sie gerade führen konnten – zum ersten Mal seit Ewigkeiten.
Vielleicht sollte sie deswegen vorsichtiger mit ihren Worten sein, aber sie war es leid, sich zurückzuhalten. Ihr Wiedersehen würde nur von kurzer Dauer sein, und Sina hatte gelernt, dass man Augenblicke nutzen musste, ehe sie einem entgleiten konnten. Also wandte sie sich wieder Maya zu und hob entschuldigend die Schultern. »Vielleicht … weil ich dich liebe?«
Kapitel 2
Das waren die Worte, die ich mir eingeredet habe, bis du mich fandest. Denn in Wahrheit …
---
Liebe? Mit halb geöffnetem Mund betrachtete Maya die junge Frau mit den rotgefärbten Haaren, von der sie sich sicher war, sie noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben.
Nun, so sicher, wie man sich sein konnte, wenn man kein Gedächtnis besaß. Aber dermaßen hellblaue Augen hätte sie nicht vergessen. Irgendetwas musste sich noch in ihrem Bewusstsein befinden. Sie brauchte nur den richtigen Auslöser, der den Stein ihrer Erinnerungen ins Rollen brachte. Anders konnte Maya sich nicht erklären, wie sie sich von ihrem Zustand lösen sollte. Seit Tagen irrte sie durch die Straßen dieser Stadt, mit nicht mehr als ihrem Namen und der Kleidung, die sie trug. Wie könnte sie ihrem Schicksal entfliehen, wenn nicht durch die Erfahrung darüber, was ihr widerfahren war?
Was sie getötet hatte.
Maya war sich im Klaren darüber, dass sie tot war. Es war eine schreckliche Erkenntnis gewesen und leider auch die einzige, die sie seither gewonnen hatte. Dabei hatte sie nichts unversucht gelassen. Sie war an unzähligen Orten gewesen, ohne zu wissen, was sie dort eigentlich zu finden hoffte.
Aber jetzt ahnte sie es: Diese Frau war der Schlüssel zu ihrer Erlösung. Es musste so sein, warum sonst sollte ausgerechnet sie Maya sehen können?
Liebe, hatte die Frau gesagt, und Maya interessierte es nicht im Geringsten, ob diese Aussage der Wahrheit entsprach. Wichtig war nur, dass diese Frau da war. Es mochte dumm sein, aber allein deswegen zog Maya in Erwägung, ihr jedes Wort zu glauben.
Was mitunter an dem lag, was sie als allererstes gesagt hatte. Gefunden. Ein einfaches Wort ohne tiefere Bedeutung, das Spuren in Mayas Inneren hinterließ. Es war wie eine Erinnerung, die zaghaft an die Tür ihres Bewusstseins klopfte. Sie wollte hereingelassen werden, und Maya würde nichts lieber tun, als ihr Zutritt zu gewähren. Aber war das richtig? Sie musterte die Frau; sah die Hoffnung in ihren Augen.
Was, wenn sie nicht der Schlüssel war? Wenn sie sie tatsächlich liebte und nicht mehr wollte, als Zeit mit ihr zu verbringen? Wenn sie nicht helfen konnte?
Es gab nur einen Weg, das herauszufinden, doch es wäre nicht fair, mit ihren Gefühlen zu spielen. So verzweifelt war Maya nicht. Sie senkte den Blick. »Tut mir leid. Ich … erinnere mich nicht an dich.«
Nicht an dich, sondern an dein Wort. Nicht an deine Stimme, sondern an eine Situation. Welche Situation? Was ist es? Wieso kann ich es nicht greifen?
Sie schüttelte die Gedanken ab und stand auf. Nein, sie konnte ihre Verzweiflung nicht auf jemand anderen abwälzen. Es wäre schön, nicht mehr alleine zu sein, doch das Chaos in ihrem Kopf jemand anderem zuzumuten, es wäre–
»Ich weiß.«
Maya hielt inne. Irritiert sah sie die Frau an, die sich keinen Zentimeter gerührt hatte. »Du … weißt?«
»Ja. Es würde mich wundern, wenn es anders wäre.« Belustigung schwang in der Stimme der Fremden mit. Kein Frust. Kein Vorwurf. Sie war vollkommen ruhig, als wüsste sie genau, worauf sie sich hier einließ.
»W-warum bist du dann hier?«
Maya sollte gehen. Sollte sich keine Hoffnungen machen, die am Ende doch zerstört werden würden. Sollte sich nicht auf eine Fremde einlassen, die verrückt genug war, nach einer Verstorbenen zu suchen.
Aber was, wenn …?
Es war die einzige Frage, die sie bei Verstand hielt: Was, wenn sie ihr helfen konnte? Wenn sie eine Lösung fand? Wenn sie sich auskannte? Irgendjemand musste sich mit Geistern auskennen, und auch wenn es unwahrscheinlich war, dass eine solche Person sie fand, standen die Chancen nicht bei null.
»Weil ich dich gesucht habe.«
Eine simple Antwort, die Mayas Gefühle aufmischte. Jemand, der Ahnung von Geistern hatte, suchte nicht nach ihnen. Das taten nur Angehörige, Liebende …
»Wieso?« Mayas Stimme zitterte. Sie konnte es nicht verhindern. Sie war zu aufgewühlt und fürchtete sich zu sehr vor der alles entscheidenden Antwort.
Die Fremde musterte sie einen Moment lang, ehe sie lächelte. »Weil ich dir helfen kann, wenn du möchtest.«
Maya fiel die Kinnlade herunter. Sie musste träumen, anders konnte sie sich ihr Glück nicht erklären.
Oder war sie verrückt geworden? Stand es so schlimm um ihr Gemüt, dass sie halluzinierte? Bildete sie sich ein, dass diese Frau ihr gegenüberstand und mit ihr sprach?
Um sich zu überzeugen, streckte Maya die Hand nach ihr aus und berührte ihren Arm; traf auf Widerstand.
Die Frau schmunzelte. »Ich bin echt. Und ich kann dir wirklich helfen, aber dafür musst du mit mir kommen.«
»Wohin?« Aufgeregt trat Maya näher an sie heran. Am liebsten wäre sie ihr vor Euphorie und Dankbarkeit um den Hals gefallen, aber das ginge womöglich zu weit.
Vor allem, weil Berührungen nicht wirklich funktionierten. Sie waren eine seltsame Einbahnstraße. Maya konnte zwar Menschen anfassen, doch diese spürten es nicht. Genauso wie Gegenstände sich nicht bewegen ließen, egal wie sehr sie sich anstrengte. Nicht einmal Grashalme gaben unter ihrem Gewicht nach, was gleichermaßen ungewohnt wie frustrierend war. Sie hatte nicht die Möglichkeit, ihre Freiheit zu genießen, denn im Grunde genommen glich alles Beton.
Das einzig Gute war, dass die Welt umgekehrt genauso wenig Einfluss auf sie nehmen konnte. Von Regentropfen bis hin zu Autos – solange es in Bewegung war, glitt es durch sie hindurch. In keiner Situation musste sie sich Sorgen um ihr Leben machen, wenn man ihren Zustand als solches bezeichnen konnte.
»Erstmal nach Hause«, beantwortete die Fremde ihre Frage. »Dort ist es wärmer als hier draußen.«
Wärmer?
Diese Begegnung wurde immer besser.
Es stimmte, dass ihr kalt war. Immer, seit sie auf der Straße erwacht war. Aber das konnte die Frau unmöglich wissen, außer sie kannte sich wirklich mit Geistern aus. Was bedeutete, dass sie die Wahrheit sprach und das war ein guter Grund, keine Zeit mehr zu vergeuden.
Insbesondere weil nichts dagegensprach, mit ihr mitzugehen. Zwar flüsterte eine leise Stimme Maya zu, dass man sich nicht auf Fremde einließ, aber was konnte ihr passieren?
Die Frau wusste, dass Maya sich nicht erinnerte, also brauchte sie kein schlechtes Gewissen zu haben. Und da sie unantastbar war, galt sie als unverwundbar. Was ihr anfangs seltsam erschienen war, schenkte ihr inzwischen Sicherheit und deswegen zögerte sie nicht länger, der Frau zu folgen.
Nach Hause, wo auch immer das sein mochte.
Der Weg war überraschend weit, aber Maya dachte nicht darüber nach. Sie war zu sehr damit beschäftigt, ihre Neugier zu unterdrücken, denn miteinander sprechen konnten sie unterwegs nicht. Die meisten Straßen waren belebt und dementsprechend wäre es auffällig, wenn sie miteinander redeten. Oder wenn Sina, wie die Frau sich ihr in einem ruhigeren Moment vorstellte, mit der Luft sprach, denn genau so dürfte es für Außenstehende aussehen. An Mayas Unsichtbarkeit hatte sich nichts geändert, obgleich sie es kurz gehofft hatte. Es zeigte sich darin, dass ab und an Menschen durch sie hindurchgingen, denen sie nicht schnell genug ausweichen konnte.
Jedes Mal schenkte Sina ihr dafür ein mitfühlendes Lächeln, doch Maya hatte sich längst daran gewöhnt. Manchmal fehlten ihr die Lebenszeichen ihres Körpers – ein Herzschlag, die Notwendigkeit zu atmen –, aber letzten Endes war es so vielleicht besser. Hätte sie all diese Empfindungen noch, wäre es ihr bedeutend schwerer gefallen, sich in ihrem neuen Dasein zurechtzufinden.
»Wir sind gleich da«, sagte Sina, als sie nach geraumer Zeit eine weniger belebte Straße entlanggingen.
Maya ertappte sich dabei, zum wiederholten Male in ihren Erinnerungen zu wühlen, aber sie fand nichts. Weder die Umgebung noch Sina erweckten irgendetwas in ihrem Hirn zum Leben. Stattdessen platzte sie mittlerweile förmlich vor Fragen.
Hatte Sina sie wirklich geliebt? Falls ja, wieso gab es dann keinerlei Hinweis darauf? Kein Gefühl? Keinen Gedanken? Irgendetwas, das dafürsprach, dass sie miteinander verbunden gewesen waren?
Und konnte Sina ihr wirklich helfen? Wie? Und woher hatte sie ihr Wissen darüber? Gab es mehr Leute wie sie? Hatte Maya gewusst, dass Sina Geister sehen konnte?
Hatte sie selbst diese Gabe besessen?
Gott, war das alles aufregend.
Dementsprechend war Maya froh, als Sina endlich vor einem Gebäude stehenblieb und einen Schlüssel aus ihrer Tasche kramte.
Maya sah ihr zu. Ganz kurz, ehe sie ihren Blick über den Innenhof des U-förmigen Wohnkomplexes schweifen ließ, von einem Fuß auf den anderen trat und voller Ungeduld darauf wartete, dass Sina die Tür aufschloss. Als es so weit war, folgte sie ihr ins Innere des Hauses, die Treppe hinauf ins dritte Obergeschoss und von dort einen langen Flur entlang, bis sie sich vor einer Wohnungstür wiederfanden.
Zwei Namen standen auf dem Klingelschild, beide sagten ihr nichts. Das ganze Haus war ihr vollkommen fremd und Maya musste sich zwingen, nicht länger darüber nachzudenken.
Gleich würde sie Antworten erhalten. Gleich, sobald sie in der Wohnung waren, deren warme Luft sie bereits einhüllte, als sie den ersten Schritt über die Schwelle trat.
Maya atmete einmal tief durch, inhalierte den Geruch von Waschmittel und entdeckte sogleich dessen Ursache: ein Wäscheständer, der aufgeklappt im Wohnzimmer stand und die Luft befeuchtete.
Sina ging zur Balkontür und öffnete diese.
Maya überlegte einen Augenblick, ob sie hinausgehen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. Zu sehr interessierte sie sich für die Fotos, die über der Couch an der Wand hingen. Eine ganze Galerie aus weißen Bilderrahmen, die in einem ordentlichen Muster an der beige gestrichenen Tapete hingen.
»Das bist du«, stellte sie mit einem kurzen Blick auf ein Bild fest, das wohl im Urlaub geschossen worden war. Darauf stand Sina mit dem Rücken zum Meer an einem Strand aus grauem Kies und lächelte fröhlich in die Kamera. Wobei ihr Gesicht halb von ihren Haaren verdeckt wurde, die der Wind ihr hineinwehte.
»Ja.« Die Frau gesellte sich an Mayas Seite und betrachtete die vielen Momentaufnahmen mit Freunden, Familie oder alleine. An Stränden, in Wäldern und auf Bergen – wohin auch immer ihre Reise sie geführt hatte. »Und das bist du.«
---ENDE DER LESEPROBE---